Nr. HZ Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gveryeffen) Hreltag, 19. Mai 1922
Deutscher Reichstag.
215. Sitzung, tiormittog* 11 Uhr.
Be'rlin, 18. Mai 1922.
Der Entwurf über den Schuh des Urheberrechts von Angehörigen der Bereinigte., Staaten auf der Grundlage der Gegenseitigkeit wird in allen drei Lesungen angenommen
Die Gtn-elberatung des
Haushalt« de- ReichSarbeitSministeriums wird sodann fortgesetzt. Zur Erledigung kommen zunächst die Enischllestungen. welche sich auf die Jugendfürsorge b^iehen.
Abg. Schreck (Soz.) fordert ein Gesetz, wonach Jugendliche und Lehrlinge unter 16 (Zähren täglich nicht über sechs Stunden. Jugendliche und Lehrlinge über 16 Jahren nicht über acht Stunden arbeiten dürfen. Pflichtschule und-Aufgabearbeiten sind in die Arbeitszeit einzurechnen. Der SamStagnachmittag muh frei bleiben. SoWner- urlaub muh gewährt werden. Alle gesetzlichen .Zugendfürsorgebestimmungen sind bis zum vollendeten 18. Lebensjahre auszudehnen. Kinder unter 14 Zähren dürfen in Gewerbe- und Handelsbetrieben überhaupt nicht beschäftigt werden. All« der Reichs Verfassung widersprechenden Beschränkungen der Vereins- und Dersammlungs- srelheit sowie die väterliche Zucht des Lehrherrn sind aufzuheben.
Abg Diener (D.-Rat.) will mit den An- toagstellern ein Stück Weges zusammengehen, soweit eS sich wirklich um Zugendschuy handle. Zugendfang mache er nicht mit. Er fordere deshalb ein Gesetz über die Ausbildung der Zugend- ltchen in allen Wirtschaftszweigen. Bei Abzug der Schul- und Freizeit blieben den Lehrlingen geoade 20 Stunden wöchentliche Arbeitszeit Damit sei eine Ausbildung zu tüchtigen Menschen unmöglich. Auch die 2ll>schwachung der verantwortlichen Stellung des Lehrherrn sei ein Krebsschaden. Die heutige Zugend sei sowieso schon zuchtloS genug.
Abg. Frau Wurm (II. 6.) will keinen Zugendschutz nach mittelalterlichem Rezept und protestiert gegen die übermäßige Arbeitszeit der Mädchen im Haushalt und gegen die Lehrlingsausbeutung, an der nur die Lehrmeister die Schuld trügen.
Abg. EsserS (Ztr): Die Folgerung des Sechsstundentages für Lehrlinge ist lächerlich, ebenso die Forderung, die Lehrlinge unter die Tarife und Arbeitsgerichte zu stellen. Wir lehnen jedes Rütteln an den Grundsätzen des Lehrver- hältnisseS ab.
Abg. Deythien (D.Dpt.) dankt den Sozialdemokraten dafür, dah sie endlich dem Handwerk die Augen darüber geöffnet haben, wie wesensfremd sie ihm gegenüberständen. Wir hätten alle Veranlassung, das Gute aus der alten Zeit in der neuen Zeit zu erhalten. Qualitätsarbeit lasse sich nur durch bessere Ausbildung der Lehrlinge erzielen. Handwerkerkunst sei persönliche Kunst, innerlich mit dem Handwerk verbundene Arbeit. Dazu wollen wir die Lehrlinge bringen. Alles, was hier vorgebracht wurde, sei agitatorisch. Seine Pariei lehne die Entschließung entschieden ab.
Minister Dr. Draun geht zunächst auf die bisherigen Reden ein und dankt für die Anerkennung, die dem Ministerium gezollt wurde. Dem Abg. Karsten gegenüber betonte er, daß man eine schematische Gleichstellung der Arbeitszeit in der Praxis nicht durchführen Birne. Beispielsweise sei eine andere Arbeitszeit der HauSgehilsen und der Krankenpfleger eine Selbstverständlichkeit. Wenn die Freunde Karstens internationale Streitigkeiten durch Schiedsgerichte beseitigen wollten, wäre doch auch im wirtschaftlichen Kampfe ein solches Verfahren durchaus vernünftig. Der Minister prv- i cftiert sodann gegen den Abg. Molden Hauer, der die volle Anerkennung des Ralionalverbandes deutscher Gewerkschaften verlangt habe. Der Verband fei doch nichts weiter als die Fortsetzung der alten gelben Bewegung, die trotz ihres Ramens gar nicht als Gewerkschaft anzusprechen sei. (Zuruf bei der Deutschen Volkspartei: -Unerhört!) Andere Gewerkschaftsvertreter würden mit dieser Organisation gar nicht gemeinsam verhandeln. Wenn die iXodlitiDngfreibeü etwas Gutes sei, was auch die Deutsche Dolkspartei anerkannt habe, könne auch der Zwang unter Umständen nicht verwerflich sein. (Großer Lärm rechts.) Die Entschließung übet das Lehrlingswesen sei zur Zeit bedenllich, da ein Gesetz über die berufliche Ausbildung der Lehrlinge in Aussicht genommen sei.
Die Resolution Schreck (Soz.) über das Lehr- ltngswesen wird nunmehr gegen die Stimmen der sozialistischen Parteien abgelehnt.
Daraus beginnt die Aussprache über das Sozia (Versicherungswesen.
Abg. Kaiser (Soz.) führt aus, daß wir unS, solange eine gründliche Reform zur Ver-
eftcheitlichung des Versicherungswesens noch nicht möglich sei, mit einzelnen Ro veilen begnügen müssen. Diele kleine Sonderkassen, besonders die Bergknappschaftskassen, müßten in den großen Kassenverbänden aufgehen. Die Landarbeiter- Versicherung müsse weiter ausgebaut werden, die obligatorische Zwangs Versicherung sei unerläßlich und die Unfallversicherung müsse xm Znteresse der Arbeiter weiter auögetxiut werten.
Abg. Lambach (Dtschntl.) tritt für die Erhaltung der 2bxgeftelItenDcrfitßcrung ein, weil "die Angestellten befürchten, daß durch ein Aus gehen in andere Kassen ihre berechtigten Ansprüche nicht befriedigt werden können.
Rochdern Abg. Karsten (USP.) noch für beschleunigte Ausbesserung dec Rentenempfänger eingetreten ist, wird dieses Kapitel genehmigt.
Beim Kapitel .Arbeiterschutz" fordert Abg. Girbig (Soz.) Durchführung des Achtstunden- tages für die Glasarbeiter und technische Maßnahmen, welche die Gefahren ihres Derufes vermindern können.
Abg. 51 ck (Dem.) sieht die Möglichkeit einer Reduzierung der Unfälle auf dem Wege der Selbstverwaltung, wobei Fabrikanten, Berufs- genossenschasten und Gewerkschaftsvertreter Hand in Hand arbeiten müßten.
Rachdem Minister Dr. Braun ein Eingreifen wegen der Richtbeachtung des Achtstundentages in der Glasindustrie zugesicheri hatte, wird eine Entschließung Molden Hauer (D. 2p.) über Herbeiführung einer gemeinsamen Beratung zwischcnGlasberufSgenossensäxtsten undDertrctern der beteiligten Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen jpir Verminderung der Unfallsgefahren in der TafclglaSindustrie angenommen.
Beim Kapitel „Tarifwesen und Arbeiter- recht" spricht sich Abg. Rosemann (USP.) gegen das Dergarbeitszeitgesetz aus, wenn es nicht die siebenstündige Arbeitszeit für die Bergarbeiter enthalte. Wenn tatsächlich die achte Arbeitsstunde, die bisher als Uebei-schicht doppelt bezahlt wurde, zur regulären Arbeitszeit gemacht werde, werde die Arbeiterschaft versagen. Rur durch Erweiterung der Rechte der Betriebsräte und die Gewährung des Mitbestinxmimgsrechtes könne die Kohlenförderung geftärft werden.
Abg. Dreh (Soz.) lehnt namens der Arbeiter- und Angestelltengewerkschaften den neuen Entwurf der Schlichtungsordnung ab und fordert, daß angesichts des Kampfes im Zementgewerbe; ein ernstes Wort mit den Arbeitgeberorganisationen gesprochen werde.
Abg. Schimmelpfennig (D.-Rat.) verweist darauf, daß die ponxmerscA ArbeitnÄhmer- gruppe des Landbundes zum Rationalverband deutscher Derufsvertretungen gehöre, gegen welchen der Minister vorhin feierlichst Stellung genommen habe. Durch diese Stellungnahme sei ungeheure Erregung entstanden. Wenn der Minister den Kamps haben wolle, so solle er ihn haben. Der Minister habe aus der Koalitionsfreiheit Koalitionsunfreiheit gemacht und aus der Freiheit den Zwang. (Lachen links.)
3m weiteren Verlaufe der Debatte gibt Abg. Dr. Moldenhauer (D. Dpt.) feinem Befremden über die Stellungnahme des Ministers zum Rationalverband deutscher Gewerkschaften Ausdruck. Die Bezeichnung „gelbe Organisation" sei für die Mitglieder dieses Hauses, welche Vertreter dieser Organisation seien, eine Beleidigung.
Minister Dr. Braun erwidert, e3 habe ihm fern gelegen, einem Organisationszwang mit den illegalen Mitgliedern das Wort zu reden über die betreffenden Artikel der Reichsverfassung. Es bestehe eben eine MeinungsVerschiedenheit.
3m weiteren Verlauf der Debatte wird von der Vertretern der äu*>erften Linken eine weitere Herabsetzung der Arbeitszeit für den Bergbau auf sechs Stunden gefordert.
Es sprechen noch die Abgg. Malt zahn (Komm.), Winnefeld (D. Dp), Z ans check (Soz.), Teferl (D. Bp.), Oettinghaus (llSP.). Adams (D. Bp.) und Schmidt- Köpenick (Soz.)
Gegen 9 -Ufyr wird dann das Kapitel Tarif- wesen angenommen und der Gesetzentwurf über die Arbeitszeit im Bergbau an den Ausschuß verwiesen.
Morgen vormittag 11 Uhr: Anfragen and Weiterberatung.
Aus Hessen.
Die dritte Zahrestagung der LandeSgruppe Westdeutschland der Liga zum Schutze der deutschenKul- t u r findet in Gießen am 7., 8. und 9. Zuni statt.
DieSakramentshex.
Roman von Marie Kerschen st einer.
23. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Dild Oki) Bild zog das Erlebte noch einmal an ihrem Geist vorbei and ließ Aengste und Lüste noch einmal über sie hrnschaaern. 11 nb schließlich verfiel sie ins Rachdenken. Wer war der Mann und was suchte er in dem verhaßten Dorf? Grübelnd rang sie, daS Rätselhafte za begreifen. Und da es nicht gelang, hielt sie ihm den Spiegel ihrer Seele hin. Und Heiners Dild leuchtete daraus hervor tm märchenhaften Schm ick ihrer Phantasie. Zetzt fragte sie nicht mehr, letzt wußte sie: Königssöhne schreiten wie er- Konigssöhne sehen in die Welt, so warm und hell, wie ein Sommertag!
3hr Herz schlag zum Zerspringen. Mit beiden Händen hielt sie die Augen zu, daß sie mge- ffört kommen konnten, all die Bllder prtnzlxcher Gestalten, die die geistigen Gespielen ihrer Kindheit waren. Faden am Jagen entzog sie dem Alterinnerten und spann ein neues Gewebe daraus, das alle Perlen ihres Herzens mitverwob. Königssöhne, das waren Freudenbringer! Lrid- crLöferi Zogen irrend durch die Lande, gehorchend einem Zwang, der ihnen selbst ein Rätsel wart . . Mägdelein waren es, die sie sachten, . . - arme, gehaßte, ins Erdreich verbannte! So. wie wie sie eines war! Sie kannten sich, eines das andre, nicht . . . spürten nur an dem geheimnisvollen Zug ihres Herzens, wenn es der Rechte war! ...
Und plötzlich ein Gedanke, der wxe ein Blitz durch ihr Hirn jagte, heißestes Erschrecken in ihr auslösend! Wenn sie die Rechte warel'e
3hre Hände umkrampften die ©Lifterrufen, es war ihr, als ob Lasten and aber Lasten von ihrer Seele' fielen. Als ob ihr Herz aufftxege in schwindelnde Hohen, wo es hell war and nichts als hell, hell, hell!
Aber gleich wieder sant ihr Mut aus der lichten Hohe, dahin, wo es ^tiefst in ihrem Herzen war: Wunderlieblich und schon maßten die verwunschenen Mägdelein sein! So wohl, wie das Erdbeerlein, das da unten den glutroten Kopf durch den Wald seiner Blätter schob, den Kutz der Sonne zu empfangen! . . . War sie schon? Woher sollte sie es wissen, niemand hatte es ihr je gesagt. Aber wäre sie schön, wer hätte sie dann gehaßt? . . . Das Schone mußte man lieben, man mochte wollen oder nicht! Deshalb war es nicht möglich, daß sie schön war! Deshalb konnte sie die Rechte niemals sein!--
Gedrückt, versonnen ging Lene in der nächsten Zeit umher, daß die Alle ob der Veränderung den Kopf schüttelte Oft nahm sie sich vor, das Stäle zu fragen, ob sie schon sei, aber die Scham schloß ihr den Mund. Und doch kamen dazwischen noch Augenblicke reinster Hoffnungsselxgkeif, dann, wenn sie in ihr Herz hineinhorchte, und bann wunderbare, neue Klänge vernahm Ob das der Zug des Herzens war, von dem es hieß, daß er die Rechten verband? — Wenn ja, bann, — bann mußte er toiebertommeni
lind Lene wartete Tag um Tag.
Es gab einen Fleck auf der Psanburg, den Heiner über alles lieble. Das war die Turm- stube, die er sich als Schlafrcwm eingerichtet hatte'. Diese Stube bildete ein Kreisrund and war so flein, daß mit Rot das Bett und exn l Tisch darin Platz fand. Aber sie hatte nach
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 19. Mai 1922.
C. 1L Von der LandeSuniversität. Die letzte feierliche 3mmotritdldtion für kas Sommersemester findet am Samstag, den 20. Mai, mittags 12 Uhr, pünktlich im Großen Horsaaale der Universität statt.
•• Personalien bei der Staatsanwaltschaft. Kanzleiassistent Ferdinand Stvy und Registrawr Otto "Heuer wurden zu Zustizsekrefären, Kanzleiasststent Albrecht Härtel zum Oberassistenten ernannt. — Kanzleiassistent Otto G u t j a h r hat die Prü- sung für die Sekretäre bei den Justizbehörden bestanden.
" Für das Gießener Stadt- t heater ist im neuen Staatsvoranschlag eine Zuschußsumme von 200 000 Mk. eingesetzt.
* Reuanstrich der Briefkasten. Zn den nächsten Tagen werden die Briefkasten in der Stadt neu gestrichen. Vorsicht bei ihrer Benutzung und beim Dvrubergeyen ist daher angebracht.
Kreis Schotten.
* Ruppertsburg, 18. Mai. Zn diesen Tagen fanden in Ruppertsburg, Lau- bach und Schotten Versammlungen von Parteimitgliedern und Sitzungen des Deutsch- nationalen KretS-Wahlausschus- s e 6 statt, bei denen sich der für Oberhessen neu angestellte Partei-Sekretär Liebscher vorstellte. Bei allen Sitzungen waren auch leitende Mitglieder des Bauernbundes anwesend.
Starkenburg und Rheinhessen.
rm. Darmstadt, 18. Mai. Die Stadtverordneten genehmigten heute für die vermehrte Tätigkeit des Amtes für Leibesübungen einen Kredit von 140 000 Mk. Der Verwaltungsbericht für die Rechnungsjahre 1916—1918 wurde nach einem Vortrage des Stadtv. Dr. R ö l l n e r genehmigt und dem Oberbürgermeister Entlastung erteilt. Für die Anlegung einer neuen automatischen Stadtfernsprechanlage mit einer Zentrale im Stadthaus und etwa 45 Rebenstellen in der Stadt und Umgebung werden 3 900 000 Mk. bewilligt. Für Den Ankauf von Kunstwerken auf der demnächst zu eröffnenden Deutschen Kunstausstellung auf der Machil- denhöhe wurden 25 000 Mk. genehmigt, doch soll die Ankaufskommission berechtigt sein, in geeigneten Fällen auch darüber hinaus zu gehen.
wd. Bensheim, 18. Mai. Die Leiche eines neugeborenen Kindes wurde in der Pfuhlgrube einer Hvfreite in der Friedhof straße am Dienstag gefunden. Rach den Feststellungen des GerichtsarzteS hat das Kind nach der Geburt gelebt und wurde gewaltsam getötet. Als K i n d S m ö r d e r i n kommt ein junges Mädchen in Betracht, das sich feit drei Tagen aus der elterlichen Wohnung entfernt hat. Zhr Aufenthaltsort konnte bisher noch nicht ermittelt werden.
fpd. Offenbach a. Q2L, 18. Mai. Rach reichlichem Alkvhvlgenuß bestiegen vier Personen aus Bürgel ein Doot und fuhren von Fechenheim „schwer beladen" der Heimat zu. Zufolge der starken Schwankungen kippte das Boot um und sämtliche 3n° fassen fielen ins Wasser. Das Bad brachte das Quartett sofort zur Besinnung, das nun aus Leibeskräften zu mitternächtlicher Stunde um Hllfe schrie. Rahezu 15 Minuten schwammen die Verunglückten im Strom, an dem gekenterten Boot sich anklammernd. Schließlich kam Hilfe ßerbei und brachte die bereits mtt dem Tode ringenden Leute aufs Trockene.
' Offenbach a. M., 15. Mai. Der Gedenktag an die vor 25 Zähren erfolgte G.ründung des Znf.-Regts. 16 8 war dazu ausersehen, ein frohes Wiedersehen der ehem. 168er zu fein. Aus allen Gebietsteilen strömten die Regimentskameraden, Mannschaften wie Offiziere, herbei, beim Fest- kvmmers erwies sich die mächtige prächtig geschmückte Turnhalle in der Goethestraße nebst angrenzendem Saal schier zu klein, alle Teilnehmer zu fassen. Die Begrüßungsansprache hielt Franz Plettner, der Vorsitzende der Offenbacher Vereinigung, und des
allen Seiten hin hohe, schmale Fenster, so baß Heiner von seinem Lager aus den Cinbruck hatte, als hinge er freischwebend im Raum und bxe weite Heide sex sein Schlafgemach. Eine nxedrige Tür führte in eine anstoßende, spukhaft aix- mu lende Rumpelkammer, auf der der Staab von Zahrhunderten ruhte. Die zerbröckelte schmale Mauettreppe, von der nur noch bte unterste Stufe vorhanden war, mochte vor langer Zeit aaf die Zinne des Turmes geführt haben. Das ließen die Spuren vermuten, die in aufsteigender Anordnung an der Mauer klebten, wie steingewordene Schwalbennester. Heiner hatte eine Vorliebe für dieses Türchen und was dahinter lag. Es gemahnte an alle ^Raubritter und er las ihm vor dem Einschlafen gern seine Geschichten ab.
Wenn der Sturm des nachts über die Heide fegte, bann pflegte er durch die offenen Lücken in das Turminnere zu stoßen, in heulendem Wirbel die tote Kammer zum Leben erweck rnd. Dann Hub ein Aechzen und Stöhnen an, ein Chor von schnaubenden, kreischenden S immen, ein Poltern und Krachen, wie das Hohelied böser, unerlöster Seelen. Dann lebte bas Türlein in seinen Angeln unb gab einen winrmernben Laut, schien mtt letzten Kräften gegen die unholde Liebermacht zu kämpfen, die den Eintritt ui die Burg erzwingen wollte. 3n den ganz stillen Rächten aber konnte Heiner dort ein heimlich vibrierendes Leben vernehmen, wenn er nur tool'*?. Rur stille mußte er liegen, die Augen geschlossen inb ganz dem Lauschen hingcgeben. Dann schien sich in dem Kämmerlein ein leises Sichbegeben zu vollziehen, dann hörte er's wie sanfte, haschende Tritte, treppcLrf, tteppab. Ein unfaßbares Hin und Her von flüsternden Stinrmen, ein heimliches Flüchten und Sichhafchen, wie der auferstandene Siebes tramu längst vermoderter Frauen, die einst
Verbandes, die Festrede Generalmajor von Pfeil. Die Orstgruppe Gießen ließ durch ihren Vorsitzenden Stang eine prächtige, vou einem krxegsbe schädigten FeldzugStellnehmer angefertigte, Urkunde überreichen. — Erbebend war die Gedächtnisfeier auf dem Friedhof. Die Geistlichen, Pfarrer Schneider, Kaplan Schäfer und Rabbiner Dr. Dienemann richteten ergreifende Worte an die Trauerversammlung über die Dankesschuld, die wir den Toten abzuttagen haben und über die Verpflichtungen für die Lebenden. Die tief empfundene Gedächtnisfeier machte aus die nach Tausenden zählende unübersehbare Menschenmenge einen nachhaltigen Eindruck — Rachmittags fand ein Festkonzert und am Abend folgte ein weiteres Konzert durch bk Stadtkapelle, bei dem noch durch Gesänge von Fräulein Wolf und durch hübsche Tänze der 7jährigen Lvlo Keppler und des ©ürtler Duos von Frankfurt der humoristtsche Teil bestritten wurde. Als Schluß des Programms richtete Herr Stang von Gießen noch einige Worte an die Festversammlung, in denen a besonders der heute noch in französischer Gefangenschaft schmachtenden deutschen Kriegsgefangenen gedachte. — Dm Montag schloß eine kleine Rachfeier mit Tanz die in allen Teilen wohl gelungene Tagung.
Hessen-Nassau.
Mill ioxx end etrugereiea.
fpd. Frankfurt a. M., 18. Wat. Der angebliche Fabrikant Richard Linden aus Solingen hat bei angeblichen Häuserkäufen in Düsseldorf Betrügereien in Höhe von nahezu 2 MUlionen Mark begangen. Linden ging flüchtig, konnte aber noch nicht ergriffen werden. Dagegen wurden in Köln ein Mann und eine Frau, die mit Linden zusammen arbeiteten, festgenommen. Bei dem Mann wurden noch rund 400 000 Mk. vvrgefunden. Die weiteren Ermittelungen nach Mittätern führten nach Frankfurt a. M^ wo ebenfalls einige Verhaftungen erfolgten. Auf die Ergreifung des Hauptschwindlers ist eine Belohnung von 150 000 Mk. ausgesetzt.
Reichsgerichtsbrief.
rz. Leipzig, 17. Mai. DaS Landgericht G i e ß e n hat am 21. Oktober 1921 den Studenten und Apotheker Ernst HarSleben von der Anklage der versuchten Erpressung und Beeidigung freigesprvcden Er hatte an seinen früheren Lehr Herrn, den Apothekenbesitzer Dr. 3C. eine Anzahl Briefe geschickt, in welchen er ihm in einex wenig zarten Weise vvrschlug, seine Apotheke an ihn zu verkaufen HarSleven hatte luiiäw/ erfahren, daß dem Dr. T. von der Gießener Medi- zinalbehorde wegen verschiedener Verflöße In seinem Betriebe angevaten worden war. sein Geschäft zu verkaufen und die Stadt zu verlassen. 3n seinen Briefen hob er hervor, daß er nur im Interesse der Gießener Bevölkerung handle, und daß er diese nur vor wetteren Schäden be- wahren wolle Auch versuchte er ihm klar zu machen, daß er jetzt noch bedeutend günstiger verkaufen könne, als später, wenn seine Apotheke erst in Mißkredit gekommen wäre. Da Dr. T genau wußte, daß Hersleben nicht in der Lage war, den Kaufpreis — es handelte sich um rund 800 000 Mk. — selbst aufoubrtngerx, schrieb er ihm, er solle ihm den Käufer selbst nennen. Harsleben antwortete darauf, In diesem Falle müßte er erst eine Provision von 5000 Mk. zugesichert bekommen. Die Anklage war der Ansicht, daß der Angellagte durch die versteckten Drohungen mtt einem Hebel den Dr. X zum Verkaufe seiner Apotheke an ihn, den Angeklagten, zu veranlasse» gesucht habe, wobei davon auszugehen sei, Dal» der erstrebte Vorteil, dec Besitz der Apotheke, ein rechtswidriger gewesen wäre. Außerdem wurde in dem 3nhalte der Briefe eine Beleioiguna erblickt. Das Landgericht sah jedoch einen strafbaren Tatbestand nicht für erwiesen an und sprach den Angellagten frei. Gegen dieses Urteil hattt die Ltaatsanwaltschaft Revision eingelegt. Sie behauptete, das Gericht habe den Begriff der Beleidigung verkannt. Das Reichsgericht verwarf jedoch die Revision als unbegrünbet, da dem Angellagten nicht nachgewiesen werden konnte, daß er als Strohpuppe im Auftrage von Drahtziehern gehandelt habe. Beleidigungen enthalten die gesamten (Briefe nicht, sondern nur fortgesetzte Warnungen. Auch die geforderte Provision entspreche der Verkehrs! ttte.
mit liebendem Auge dort droben auf der Burgzinne der Heimkehr des Liebsten entgegengeharrt.
An einem solchen stlllen Abend tag Hemer lange, zwischen Wachen und Traum, angelleid et aufs Bett gestreckt und lauschte. Die yerbgewürzte Rachtbuft flutete durch die weitgeofsneten Fenster aus und ein und lullte ihn schließlich in traumlosen Schlaf. Plötzlich war ihm, als ob eine Gestalt, schlank und wesenlos, einer Säule auS Flimmer und Dunst gleich, an fern Bett träte. Zhr Gewand war fließend und nebelgleich, thr Antlitz schimmernd und groß. Sxe neigte das Haupt über den Schlafenden, so daß ihr Gesicht wir ein Teller aus Milchglas über dem seinigen schwebte. Es war ihm als ob ihr zwingender Blick den Schlaf von feinen Lidern zöge, wie ein Tuch. 3n plötzlichem Wachsein schlug Heiner bte Augen auf. Die spukhafte Gestalt war verschwunden, aber der Vollmond schien ihm grell tnB Gesicht. Draußen lagen Dorf unb Heide fart^ los tm weißen Mondschein. Rur Licht und Schatten hoben die Dinge in scharfen Um- rissen voneinander ab. Verlockend wirkte das stimmungsvolle Bild, unb Heiner widerstand ihm nicht.
Er stand auf und ging ins Frere. Rahm den Weg, der dem Walde näher lag als der Heide. Von da grüßte der kleine Gottesacker herüber, der am Waldsaum lag. Schattend neigten sich die dunkeln Fichtenarme über das umfriedete Gelände. Zn der ganzen Weite war kein Laut, nur das Zirpen der Grillen, das Heiners Schritt übertönte.
(Fortsetzung folgt)


