Ausgabe 
18.5.1922
 
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Nr. 16 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Donnerstag, (8. Mai -922

Der neue

Staatsvoranschlag.

Dem hessischen Landtage ist vom Atnan-minister der neue Staatsvoran­schlag zugegangen. Lieber die Lage der StaalSfinanzen wird in dem Entwurf folgen­des bemerkt: Die Abfchluhsumme des Voran­schlags überschreitet erstmals die Milliarde, sie beträgt 1 156 140 815 Mk., während sie noch 1921 rund Vs Milliarde ausmachte. 3n der Hauptsache ist diese Steigerung auf das Sinken unserer Währung zurückzuführen, dem die Ansätze des Voranschlags, wenn auch zö­gernd, folgen müssen. 3m Vergleich zu dem letzten FriedenSvoranschlag (1914) mit einer Abschluhfumme von 75,8 Millionen Mark, be­rechnet sich die Steigerung auf das 15fache, gegenüber der allgemeinen Preissteigerung ein verhältnismäßig niedriger Satz. Bei Auf­stellung des Voranschlags wurde größte Spar­samkeit beobachtet; für neue Aufgaben find Äusgabeüeträge nur eingestellt worden, wenn Lebensnotwendigkeiten des Staates in Be­tracht kamen. Unter den Mehrausgaben stehen der Höhe nach voran die Mehrforderungen wegen der Dienstbezüge der Staats­beamten usw. Das starke Anschwellen der Ausgabeziffern aller Hauptabteilungen findet darin in der Hauptsache seine Erklärung. Dar­über hinaus war in einem Aachtragsetat noch eine Ergänzungsforderung für die ge­nannten Zwecke mit 132 350 000 Mk. zu decken. Insgesamt mögen sich nach Abzug eines Er­satzes aus der Reichskasse von 50 Millionen Mark die Gesamtaufwendungen für die Be­amtenschaft auf rund 540 'Millionen Mark stellen gegenüber einem Aufwand in 1914 von rund 30 Millionen Mark. Wie bekannt, steht eine weitere Erhöhung der Beamten- dlenstbezüge vom 1. Mai l. IS. ab bevor. Der Mehraufwand hierfür wird sich auf etwa 110 Millionen Mark belaufen (nachträglich erfah­ren wir. daß der Betrag sich auf etwa 160 Millionen Mark erhöhen wird), der allerdings im Voranschlag noch nicht vorgesehen wer­den konnte. Andererseits lassen die neuesten Verhandlungen der Länder mit der ReichS- regierung einen höheren Reichszuschuß er­warten. Aber auch im günstigsten Falle wird das nicht die Wirkung haben können, den voranschlagsmäßigen Fehl­betrag zu beseitigen. Der sogenannte Lastenausgleich bringt auf dem Gebiete der Ortspolizeikosten eine Mehraus­gabe von 16 580 000 Mk. (zuf. rund 37 Mil­lionen Mark), und auf dem Gebiet der S ch u l° lasten eine Vermehrung um etwa 24 700 000 Mark; der Ausbau der Fortbildungsschulen verursacht der Staatskasse einen Aufwand von zunächst 10,1 Millionen Mark. Der Voran­schlag für die S ch u y p o l i z e i steht noch nicht endgültig fest; vorsorglich war ein Landes­anteil von 10,2 Millionen Mark einzustellen, das sind 4,9 Millionen Mark mehr als bis­her. Auch die sachlichen Ausgaben muhten wesentlich erhöht werden; allein für Porto, Telegraphen- und Fernsprechgebühren mußten 5,5 Millionen Mark mehr als für 1921 ein­gestellt werden. Der besondere Zuschuß an die Äreife für eine planmäßige und sach­gemäße Unterhaltung der Kreis­straßen ist von 9 Millionen Mark auf 17 Millionen Mark, also um 8 Millionen Mark erhöht worden. Für die Unterhaltung der Gebäude sind rund 10 Millionen Mark vorgesehen oder 6,7 Millionen Mark mehr als 1921. Eine Reihe von namhaften Ausgabe- Posten, wie die Unterstützung not­leidender Kleinrentner, zur besseren Milchversvrgung von Städten und Ge­meinden usw^ sind vom Landtag bereits be- willigt worden. 2lls Antelle an den bis­herigen Reichssteuern find vorgesehen aus der ReichSeinkommensteuer (für das Land) 326 Millionen, wovon 166 Millionen Mark in den Ausgleichsstock fließen. Das bedeutet gegen den Voranschlag 1921 eine Verbesse­rung von 88 Million. Mk. Als Anteil an der Körperschafts st euer wurden 27 Mil­lionen Mark vorgesehen (1921 nur 666 000 Mark), wovon 17'/° Millionen in den AuS-

gleichsstvck abzuführen sind; als Anteil an der Erbschaftssteuer 2,3 Millionen (gegen V2 in 1921); als Anteil an der Um­satz st e u e r 48 Millionen (10,8 im Vorjahre) und als Anteil an der Grunderwerbs- fteuer 5,5 Millionen (5 Millionen im Vor­jahre). Als Anteil an den kürzlich neuge­schaffenen Reichs steuern sitrd vorgesehen bei den Kraftfahrzeug steuern 1,25 Millionen Mark und bei der R e n n w e 11 - steuer 2,1 Millionen Mark. 3nsgesamt sind hiernach die Anteile des Landes aus Reichs­steuern veranschlagt zu (412 700 000 Mk. ab­züglich 121 500 000 Mk. Abführung an den AuSgleichSstock) 291 200 000 Mk. oder 143 Millionen mehr als für 1921. Aus der Grund- und Gewerbesteuer erhofft man einen Betrag von 50 Millionen Mark (1921: 27,1 Mil­lionen). Die bisherigen Säye sollen verdoppelt werden. Diese Erhöhung läßt es angezeigt erscheinen, von der Möglichkeit des Steuer­erlasses aus BMgkeitSgründen mehr als bis- ber Gebrauch zu machen. Um die Zahl der Einzelgesuche nicht so sehr anwachsen zu lassen, fft beabsichtigt, für Fälle bestimmter Art (z. B. bis zu einem bestimmten Einkommen bei verminderter wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit infolge von Verschuldung, Krankheit. starker Kinderzahl usw.) allgemein Befreiungen vor­zusehen. Die Einnahme aus Stempel ist mit 25 Millionen eingestellt gegenüber 10 Mil­lionen von 1921, die aus dem Verkauf von Rutz- und Brennholz mit 140 Millionen (gegen 90 Millionen im Vorjahre), aus Pacht und Miete von Kameralgütern rund 8 Mil­lionen (1 460 000 Mk. im Vorjahre), aus den Gütern unter eigener Verwcllluna (Wiesen) 3,4 Millionen (1,4 im Vorjahre). Der Anteil an der ßotterierente konnte auf 2,5 Millionen Mark erhöht werden (im Vorjahre 784 200 Mark).

3n dem Voranschlag über die Staatsschuld sind jetzt die Einnahmen und Ausgaben für den Dienst der in Anrechnung auf den Uebernahmepreis der Staats­eisenbahnen auf das Reich übergegange­nen hessischen Staatsschulden außer Ansatz geblieben, da sie im Reichsetat aufzubringen sind. Der Stand der hessischen Schuld wird auf den Beginn des neuen Rechnungsjahres zu 140 Millionen Mark nachgewiesen, wor­unter 110 Millionen Mark 2lnleihe zu Zwecken des Wohnungsbaues.

Ein Vergleich der Einnahmen und Aus­gaben ergibt einen

Fehlbetrag von nmb 175 Millionen Mark.

Es bleibt Vorbehalten, falls der R e ft ft o d nach Abschluß von 1921 noch einen Bestand aufweist, diesen in erster Linie zur Deckung des .Fehlbetrages der 1922er Rechnung her­anzuziehen und erst zur Deckung des Restes den Staatskredit in Anspruch zu nehmen.

3m außerordentlichen Voranschlag wer­den rund 70,1 Millionen Mark zur Deckung außerordentlicher Ausgaben, itrsbesondere sol­cher baulicher Art eingestellt; ein Tell dieser Ausgaben ist bereits vom Landtag bewilligt. Der Gesamtvoranschlag schließt mit

1 408 505 949 Mark in Einnahmen und Ausgaben

ab.

Deutscher Reichstag.

212. Sitzung, vormittags 11 Llhr.

Berlin, 17. Mai 1922.

Fortsetzung der zweiten Beratung des Hais­halts des

Reichsarbeitsamts.

Reichsarbeitsminister Dr. Braun: Wenn man die Bielgeschäftigkeit des Reichsarbeits» ministeriurns kritisiert, darf man nicht vergessen, daß unsere Revolution nicht rrlr eine politisch: Umwälzung, sondern vor allem eine soziale Um­wälzung war. Die Gesetzgebung kann aber du: Entwickelung nur schrittweise folgen und so müs­sen wir unausgesetzt neue ge^geberischc Maß­nahmen für Alters-, Invaliden- und Unfall- Versicherung treffen, denen stets wieder neue For­derungen ber Arbeiter folgen. Keine einzige Par­tei bleibt mit ihren Forderungen hinter denen der anderen zurück. (Heiterkeit.) Man klagt viel­fach, daß in der Vielheit der Gesetze sich die ein­heitliche Linie vermissen lasse. Aber alle diese

Gesetze bessern die Rechtsstellung der Arbeiter zur Wirtschaft und bestreben sich, den arbeiten­den Menschen als solchen zu erfassen. Alle Pro­bleme kann man freilich nicht mit einem Schlag durch dicke Gesetzbücher lösen. Dazu kommt der heute etwas schwerfällig? Gang unterer Gesetz­gebung. Ausgearbeitel wird zur Zeit ein Ent­wurf der Wochenhilse und des Stillgeldes Ge­fordert wird eine Aenderung der ländlichen Un­fallversicherung. Bon besonderer Bedeutung sind aber die sozialen Gesetze im Interesse der Bolke- gesundheit, hauptsächlich der Entwurf aji Vc- rämp>,ung der G.schllchtskrankhri en und der Trunksucht. Die Regelung der Arbeitszeit tm Bergbau ist noch nicht als erledigt zu betrachten. Der Reform des Fürsorgegesetzes stimmt die Re­gierung zu. Die Kaiser-Wilhelm-Akademie und die militärärztliche Bildungsanstalt sind von der Regierung übernommen worden und die letztere wird als gewerbehhgienische Anstalt erhalten bleiben. Die soziale Gesetzgebung ist ebenso un­entbehrlich für den wirtschaftlichen Aufbau, tote für den inneren Frieden. Deshalb werden wrr unseren Weg weitergehen. (Beifall.)

Abg. Frau Schröder (6.) erblickt in dem Detriebsrätegesetz den Anfang für eine freiere Stellung des Arbeiters. Aber von Gesetzen allein dürfen die Arbeiter ihr Heil nicht erwarten. Erst durch die Beschränkung der Arbeitszeit ist dem Arbeiter das Familienleben gesichert worden und dadurch ist auch die Arbeitsfreudigkeit ge­stiegen. Deshalb müssen wir uns mit allen Kräf­ten gegen die Unterminierung des Achtstunden­tages wehren. Trotz aller Schwierigkeiten muß ein einheitliches Arbeitsrecht kommen: ebenso ist ein Arbeitsnachweis Borbedingung für die rationelle Gestaltung des Wirtschaftslebens. Die Rednerin protesttert dagegen, daß im Ausschuß des Reichs- wirtschaftsrates den Hausangestellten eine 13ftün- dige Arbeitszeit zu gemutet wurde und meint, daß sich auch für die 5)eimarbeit vieles bessern lasse. Zedcnsalls werde die Hinzuziehung von Frauen zur Gewerbeaufsicht manchen Alebelftanb be­seitigen. .

Aus Borschlag des Präsidenten L ö b e_ wird die erste Beratung des Gesetzes über die Arbeitszeit im Steinkohlen- und Bergwertsbetrieb mit dem Haushalt ver­bunden

Abg. Behrens (D.-R.): Allerorten zeigt sich Organisationsmüdigkeit. Es herrscht bei uns zu viel Klassen- und Kastengeist. Dies müssen wir überwinden und uns menschlich näher kommen. Wenn nicht ein Abbau der Pflichtleistungen bei den Krankenkassen erfolgt, muh es zu ihrem Zu­sammenbruch kommen. Der Redner fordert Erwei­terung des Heimarbeiterschuhes, Ausdehnung des Arbeitsgerichtswesens und seine eventuelle An­gliederung an die ordentlichen Gerichte. Der Acht­stundentag kann im Bergbau und in den anderen gesundheitlich gefährdenden Betrieben verkürzt werden: sonst aber muh die achtstündige tägliche Arbeit geleistet werden. Wenn man schon von der Landwirffchaft verlangt, dah sie länger arbeitet, dah das Volk nicht Hunger leidet, sollten auch andere Berufsstände diese Pflicht erfüllen Wir awllcn nicht am Acht­stundentag rütteln, aber höher als die Doktrin des Achtstundentages steht uns die Lebensnot- wendigkeit des deutschen Volkes. Der Redner schließt seine Ausführungen mit enter entschie­denen Absage an den Terrorismus jeder Art.

Abg. Karsten (llSP.) polemisiert gegen den Minister, dessen Mahnahmen der Einheit­lichkeit entbehrten und geeignet seien, die Ar­beiterschaft auseinanderzutreiben und verschiedene Arbeitszeiten einzuführen. Man habe den Ein­druck, als ob es sich nicht um ein Arbeitsmini­sterium, sondern um ein Arbeitgeberministerium handle. Auch bei den sozialen Versicherungen ständen Leistungen unb Beiträge nicht im richtigen Verhältnis. Die mehr als zweistündigen Aus­führungen des Redners gipfelten in der Forde­rung, das Tempo für die Ausgestaltung der So­zialpolitik nach der Richtung zu beschleunigen, dah der unendlichen Rot der Arbeiterschaft tatsäch­lich abgeholfen werde. Auf die grohe Reform der Reichsversicherungsvrdnung könnten die Ar­beiter nicht axlrten.

Abg. Andrö (3ft.) spricht im Gegensatz zu dem Vorredner dem Minister ferne volle An­erkennung aus and dankt namentlich dafür, dah seine Geschicklichkeit bei dem Kampfe zwischen Aerzten und Krankenkasien uns vor einem Aerzte- streik bewahrt haben. Auch hinsichtlich der Er­höhungen der Zulage für llnfallrentner habe der Minister die Initiative ergriffen. Der 2tebner for­dert Ausdehnung der llnsallversicherang auf die Berufskrankheiten und ersucht die Betriebsräte, weniger Politik zu treiben und "sich mehr der praktischen Erfüllung ihrer Aufgaben zu wid­men, namentlich, wenn es sich um Schutzmaßnah­men für die Arbeiter handle. Hinsichtlich der Arbeitszeit liegen bet den einzelnen Derufs-

grappen so verschiedene Arbeitsbedingungen vor. dah man nicht alles einheitlich in ein Acht- stundenschema bir.ei tzwingen könne. Denn fetzt aber die Metallarbeiter statt der gesetzlichen Acht­stundenwoche wöchentlich nur 46 Stunden arbeiten wollten, und auf der anderen Seite noch zwei freie Tage herauSdrucken wollten, so sei doS kein Kampf um die Erkaltung des "2(4)1 fhinben- tageä, wie die Linkspresse tehaupte, sondern le­diglich eine Machtprobe. Rur um den Massen vinen Gefallen zu erweisen, wolle tue Linke jetzt vom Arbeitsnachweis und der Arbeitslosen­versicherung nichts mehr willen. Man müsse den Mut haben, auch einmal gegen die grohe Masse zu gehen Rur der Geilt eines christlichen So­zialistnus, wie ihn das.entrum vertrete, nicht der internationale Sozialismus werden utrS wirt­schaftlich wieder gefunden lasten. (Beilall.,

Abg. Dr. Moldenhauer (D. Dp.) tritt für zielbewusste Sozialpolitik ein, meint aber, dah auch bk soziale Fürsorge lbrc Grenze an der finanziellen Lage des Reiches habe. 'Das Problem der Versicherung der Arbeitslosen, deren Mehrzahl sich rein zufällig in Berlin zusammen- zufinden scheine, sei schwieriger zu lösen, alS das der Invaliditätsversicherung, weil jeder An­halt für die Berechnung der Leistungen fehle Jedenfalls dürfe die bewahrte Einrichtung ber Betriebskosten bei ber erforderlich werdenden Re­form nicht verschwinden. Auch er lege grohen Wert au) den öffentlichen Arbeitsnachweis, wolle aber andererseits auch kein Monopol des öffent­lichen Arbeitsnachweises schaffen, weil daS zu einem politischen Kampfmittel ausarten könnte. Ebensowenig halte er den schematischen Acht­stundentag für einen Fortschritt. Der Redner wandte sich zum Schluh gegen den Terror unb forderte gesetzliche Kraft für die Sprüche des Schlichtungsamtes, namentlich bei den lebenswich­tigen Betrieben.

Abg. Erkelenz (Dem.) zollt dem Minister Dank für feine bisherige Arbeit, lehnt den Staat) tionszwang ab, da er dadurch auch für die Arbeit­geber gelten könne und gibt seiner Freude darüber Ausdruck, dah alle sozialpolitischen Mahnahmen im Gegensatz zu früher einmütige Annahme im Reichstag finden. Jedenfalls muh der Gedanke bei Entstaatlichung ber Sozialpolitik bei allen Refor­men erwogen werden, da Im Volksstaat mehr Selbstverwaltung Platz greifen muh. Auch er fei für die grundsätzliche Aufrechterhaltung des Acht slundentages. Die rein schematische Bestimmung aber, dah niemand länger arbeiten dürfe, halte er nicht für zweckmäßig.

Abg. Schwarzer (Bahr. Dp.) meint, bah. wenn die Sozialpolitik auch augenblicklich sowohl bei den Arbeitnehmern wie bei den Arbeitgebern in schlechtem Kurs stehe, so werde dies doch wieder einmal anders werden. Auch die Leistungsfähig­keit der Arbeitnehmer könne eines Tages am Ende fein.

Abg Bartz (Komm.) hält eine zweistündige Rebe, in ber er eine grohe Zahl bekannter unb neuer Forderungen aufstellt. Die soziale Rente müsse wenigstens das Existenzminimum umfassen. Die Arbeitslosenunterstützung bedürfe ber Er­höhung. Der Redner ergeht sich bann in scharfen Angriffen auf bie Schlichtungsordnung, wodurch den Arbeitern das Streikrecht genommen werden solle unb die ein Bruch der Verfassung und des Achtstundentages sei. Unsere sozialen Leistungen seien in ihrer jetzigen Form viel zu niedrig. Für die Arbeiterschaft gebe es demgegenüber nur eine Forderung: Erst die Erfüllung Der sozialen Pflich­ten, dann Erfüllung der Reparationen Wenn die Regierung sich dazu nicht aufraffen könne, mühten bie 2m)eiter auf ber Erfassung der Sach­werte bestehen.

Damit schließt die allgemeine Aussprache DaS Ministergehall wirb genehmigt.

Donnerstag mittag 11 ülhr: Kleine Vorlagen, ülrheberschutz gegenüber den Vereinigten Staaten unb Einzelberalung des Haushalts des Reichs­arbeitsministeriums.

Schluh 1 ilf/r.

Aus Hessen.

Die Kohlenproduttion in Hessen.

* Darmstadt, 16. Mai. Die monat­liche Statistik der Kohlenproduktion des Volksstaates Hessen wstst für den Monat April 1922 folgende Zahlen nach: An Roh- braunkvhlen wurden gefördert 43 383 Tonnen; verkauft wurden davon 16 430 Tonnen; der größte Teil der Rohkohle wurde weiter ver­arbeitet oder war zur weiteren Verarbeitung bestimmt. Aus den verarbeiteten Rohkohlen wurden neben Schwelereiprvdukten erzeugt: 1190 Tonnen Braunkohlenbriketts, 610 Tonnen Raßpreßsteine. Außerdem wurden in Hessen erzeugt 5732 Tonnen Steinpreßkohlen. An-

Die Sakramentshex.

Roman von Marie Kerschen st einer.

22. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

An einer Wand standen in Reih unb Glied sonderliche Retorten unb unzählige Fläschchen, zum Tell leer, zum andern mit verschieben gefärbten Flüssigkeiten gefüllt. 3n einem Rebenraum lagen bie getrockneten Heilkräuter in Schichten geordnet. Richt ohne Bekümmernis konnte Lene bie mumien- gleichen Kinder des Waldes unb der Heide sehen. Wie waren sie am Mutter herzen ber Ratur glück­lich unb schön gewesen! Wie hatten sie sich freude­trunken tm Fähwind gewiegt und geduftet, dah es zu Herzen ging! Run war das feine Gerüst ber Blumenblätter zerknickt, ihr buntschönes Kleid verblaht, ihr Duft so herbe und streng geworden: Warum sargte man sie nicht ein, wie man mit Menschen tat? Doch als sie erfahr, dah sie tm Tob noch Liebe verbreiteten, Leidende von Schmerzen befreiten unb Böse Zaubermacht in Dann legten, staunte sie in eine neue Welt. Es verlangte sie zu willen, wie das Blumenblut 31 heilsamem Trank 's ich wandle. Eifrig beobachtete sie die Arbeit ber Alten, lernte ihre Kunstgriffe und war stolz darauf, dah sie es ihr ball, nach- tun konnte. So gewann Lene wieder Boden unter den Füßen. Es wurde kein Wort darüber ver­loren, Lene blieb bei der Alten, die sich der anstelligen Hllfe freute

Aber Lenes Arbeit blieb nicht das trockene Schalten, wie es das Wurzelfräle betrieb. Sie [egte ihre Seele hinein, die gab'dem Rüchternen einen Schümng, der es zu einem Spiel voll Tiefe und Ernst umschuf. 3n den toten Psiänzlein.

so glaubte sie, lebte die Kraft ihrer Seelen weiter. Unb weil das Wunder schaffende ber Blumenseelen Wesen war, muhte ber gesunden, ber bas Blumen- Blut trank. Die Vorgänge in ber Kräuterküche gewannen so für sie die Bedeutung seelischen Ge­schehens, bei dem ihr eigenes Herz vollkrästtg mitschwang. Wenn die Kräuter im Kessel luftig brodelten, fühlte sie mit ihnen die Wonne der Kraftentbindung, sie litt beim Anblick'der Wurzel, bie unter Tränen ihr 3nneres gab, wenn das Messer ihr Fleisch zerschnitt. 3hr eigenes Ge­fühl lebte in den toten Dingen und schuf sich die Welt, darin es leben konnte.

Doch diese Welt war nicht nur von lichtem Schein, es gab auch Finstemisie barm, plötzlich enthüllt und schmerzlich wieder zugedeckt. Beim Brauen der bösen Mftftäutchen toirben sie wach. Denn es gab auch tückische Heidellnder, böfe! Die spendten verderbenbringend ihr Blut! Für wen wohl? fragt es in Lene, für wen? .Euch mag ich nicht!" wehrt sie ffch gegen das empordrängende Gefühl in ihrer Brust. .Rur di? guten Kräutlein leibe ich gern!' Aber sie blin­zeln sie verführerisch an unb besserwillend zu­gleich. .Sieh doch unser Blut, wie leuchtend schön und feurig gefärbt: 'Freude schallt es dem Menschenaug' und kein Arg weckfs in des Men­schen Brust. -ilnb doch! Rur ein Tropfen in den Decher der Schlupfline" »Zwei. zwei!" bricht's da aus Lene hervor,unb für den Daldsackerer und die Weberin? Weiht du nicht Rat. du? Besinne dich!"Richt ich, doch die Schwester nebenan. Sperr' ihre Seele in ein Flöschlein ein, wer es öffnet, den verdirbt Hr Hauch!" ilnb Lene arbeitet mit bebenden Händen und einem schmerzenden Druck auf ber

Brust.Ein Kräutlein gibt's die Alle hat es ihr vertraut wer das anrührt, dem scheint nie der Liebe Glück. .Herl Her!" übermannt es sie da .Für den Alois, so viel es nur gibt!" Die Arbeit fliegt von der Hand. Wild stürmt ihr das Herz, der Druck lastet darauf wie ein Berg: Bor ihren Augen schwimmt's und schließ- lich zergeht ihr wogend und sausend bie Welt. Rach bleischwerem Schlaf wacht Lene bann wieder aus. Schleier fiiti> wieder über den Abgrund ge­deckt. 3hr Herz strebt von neuem dem Licht zu, weil es muh. Das Finstere ist nur fein kurzer Gast.--

3n dieser Weise verging der Wmter, ohne dah sie seine Härten erheblich empfand. Sie fühlte sich nicht glücklich unb auch nicht das Gegenteil davon. Rur wenn sie den Faden suchte und nicht fand, ber bie Vergangenheit mit ber Gegenwart verband, bann wurde ihr schwer ums Herz. Wie abgetrennte Wellen lag das Andenken an die Pfarrburg unb die Erinnerung an das Dorfleben neben dem, was jetzt ihr Leben aus- machle. Dunkel empfand sie es nur, aber aus diesem dunkeln Gefühl wuchs die ilederzeag ing heraus und gewann Kraft, dah sie verwünschen fei: Verwunschen wie die Prinzessinnen im Märchenreich. Christines Aussaat trug so Fracht.

Im Sommer lebte Lene fast ausschließlich in der freien Rcttur, Wurzln, Krätter und Beeren sammelnd, die für die Winterarbeit und ihren Unterhalt unentbehrlich waren. 3hr Leben lief neben dem ber Alten her, ohne es im Guten oder im Dösen sonberlich zu berühren.

So waren einförmig bie Jahre vergangen bis zu dem Tag, an dem Lene in ber Heide von dem fremden Mann überrascht worden war.

Die Begegnung toar für das menschenentwöhnte Kind ein erschütterndes Ereignis. Rack)dem Heiner dem Versteck, das sie seinem Blick entzog, den Rücken gekehrt hatte, um die Wanderung ins Dorf aufzunehmen, trieb sie die Reugierde, ihm nachzustellen. Vorsichtig, sichere Deckung wah­rend, schlich sie in angemessener Entfernung hinter ihm drein. 3hre Verwunderung über bie an- gewohnte Erscheinung war grenzenlos. Mll offe­nem Mund sah sie den Unerklärlichen über die Gräben springen, sicher unb kühn, dah die Lust sie packte mitzutun. Sah wie ber Lfftz ig ihm die Locken zauste, dah sie hell unb flockig seinen Kopf umgaben, wie das Pelzchen des Löwen­zahns den Fruchtstempel. Mutwillig ahmte sie, um ihn zu necken, die Stimme eines Wildvogels nach unb wenn er sich umdrehte, dann schoß sie, tödlich erschreckt, ins Heidegras, das pochende Herz gegen bie Erde gedrückt.

ilnermübüd) trieb sie das lockende Sptei, zwischen Angst unb Lust hin mb her geworfen Schließlich gewahrte sie mit heißem Schrecken, dah sie dem Dorf, dem ängstlich gemiedenen, näher gekommen war, als es die Vorsicht er­laubte. Sie floh zurück, Immer wieder den Blick nach der rätselvollen Erscheinung wendend, so lange sie sichtbar war. Der Zufall führte sie an bie Ginsterhecke zurück, ui deren Schatten der Fremde Rast gehalten hatte. Richt ohne Scheu näherte sich Lene der Stelle, ringsum spähend, ob nicht ein Schimmer des Wunder­baren z'urückgebieben sei. Behutsam bog sie die blühenden Zweige auseinander, schmiegte sich in das Strauchherz und lief! die Blätterarme über sich zusammenschlagen, wie sie immer tat, wenn sie ihre heimlichen Feste feierte. (Forts, folgt.)