Nr. U6
Erscheint täglich, außer Sonn- vnd Feiertags, mit berSamstaqsbeilaqe: GießenerFarnilienblätter Mo»aNichev«jliorpreise: Mk. 18.- und Mk. 2.— Träger lohn,durch dirPost 7NK. 20.—, auch bei Nichterscheinen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt. -Fernsprech- Anschlüsse. iürdieSchrift- leilung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richten: Anzeiger Sietzeu.
poftscheälonto:
Frankfurt e. M. 11686.
Donnerstag, s8. Mal 1922
Erstes Blatt
172. Jahrgang
Annahme von Anzeigen für die lagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm HSde für Anzeigen v 34 mm Breite örtlich 120 Pf.auswärts 150 Pf.: für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite 450Pf. Bei Platz. Vorschrift20 „Ausschlag. Hauptschristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz, für den übrigen Teil: Karl Walther; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Dietzen.
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
Druck flttb Verlag: vriihl'sche Univ.-Vuch- und Steindnickerei H. Lange. Schristleitung, Seschäftsstelle und Druckerei: Zchulstrahe 7.
Das deutsch-polnische Abkommen über Oberschlesien.
Son Korvettenkapitän a. D. Metzenthin, M. d. L.
Montag nachmittag ist in Genf die Unterschrift unter das deutsch-polnische Abkommen über Oberschlesien gesetzt worden. Der Augenblick darf nicht vorübergehen, ohne daß noch einmal mit aller Entschiedenheit fest- gestellt würde, das) das Genfer Diktat mit seiner brutalen Nichtachtung der großen deutschen Abstimmungsmehrheit für Deutschland stets Unrecht uno Vergewaltigung bleiben wird, dessen Wiedergutmachung wir vom Gange der Weltgeschichte erwarten. Diese grundsätzliche Einstellung überhebt die deutsche Negierung aber nicht von der Pflicht, in vertraglicher Kleinarbeit nach bestem Können für die Interessen des Deutschtums in den verloren gehenden Gebieten zu sorgen. Denn dieses Deutschtum muß stark und lebenskräftig bleiben. Das zu erreichen, ist der Zweck des Abkommens.
Für den Minderheitsschutz ist auf kulturellem Gebiet festgesetzt, daß überall dott, wo 30 deutsche Schüler vorhanden sind, eine deutsche Schule errichtet werden muß, eine höhere Lehranstalt, wo 300 Schüler dafür vorhanden sind. Gibt es in der oberen Klasse einer polnischen höheren Lehranstalt 20, in einer unteren Klasse 30 Deutsche, so müssen für sie Parallel-Klassen eingerichtet werden.
Die Staatszugehörigkeit regelt sich in folgender Weise: Persönlichkeiten, die vor dem 1. Juni 1908 in Oberschlesien ansässig waren, erhalten ohne weiteres die polnische Staatszugehörigkeit; sie können aber innerhalb zwei Jahren für Deutschland vp- tteren. Leute, die erst später nach Oberschlesien gekommen und setzt noch ansässig sind, können sich innerhalb zwei Jahren darüber entscheiden, welchem der beiden Staaten sie angehören wollen.
Lieber die Liquidation deutschen Eigentums ist festgesetzt: Unternehmungen der Großindustrie, also in erster Linie Bergwerke. Hütten, Lagerungen sowie die zu ihrer Versorgung dienenden Güter können innerhalb 15 Jahren, d. h. bis zum 1. Juni 1937, nur unter der einen Bedingung enteignet werden, „wenn eS für die Aufrechterhaltung des Betriebes unerläßlich" ist. Diese Besttmmung klingt etwas nebelhaft und hat auch vielfach eine wenig freundliche Beurteilung in den betroffenen Kreisen gefunden. Nach einer Auslegung. die ich wegen der Stelle, von der sie kommt, für authentisch hallen muß. soll sie nur dann in Anwendung gebracht werden dürfen, wenn es sich um eine absichtliche Stilllegung des betreffenden Werkes durch den Besitzer handelt. Forstbesitz kann nicht enteignet werden, landwirtschaftlich benutzte Güter nur dann, wenn sie eine Größe von mehr als 100 Hektar haben. Ausgenommen sind solche, die jetzt von ihren Besitzern bewohnt sind. Von dem Rest darf höchstens ein Drittel zur Enteignung kommen. Nach Berechnungen, die angestellt worden sind, kann cS sich um höchstens 2000 Hektar handeln.
Eine Garantie für die Durchführung des VerttageS hat man dadurch zu schaffen gesucht, daß eine ..gemischte Kommission". die aus zwei Deutschen, zwei Polen und einem neutralen Vorsitzenden besteht, eingerichtet wird. Außerdem ist ein paritätisch zusammengesetztes Schiedsgericht für die Schlichtung aller privatwirtschoftlichen Sttei- ttgkeiten, die sich aus der Durchführung des Vertrages ergeben, vorgesehen. Auch dieses Schiedsgericht hot einen neutralen Vorsitzenden. Ein gedeihliches Arbeiten beider Sicherungsmaßnahmen wird tn der Hauptsache von der Persönlichkeit des Vorsitzenden abhängen. Dem Vernehmen nach ist für beide Posten der schweizerische Bundesrat Calvnder vorgesehen. dessen unpattellicheS Verhalten bei den Verhandlungen über das deutsch-polnische Abkommen allgemein anerkannt worden ist.
Man wird zugeben müsten, daß der Vertrag an sich nicht ungünstig ist. Frellich hat die Erfahrung gelehrt, daß die polnische Vertragstreue ost außerordentlich zu wünschen übrig läßt. Gegenüber Verwaltungsschikanen ist auch ein Schiedsgericht machtlos. Immerhin erscheint es nicht ganz ausgeschlossen, daß die polnische Regierung doch allmählich zu der Erkenntnis kommt, daß ein loyales Zusammenarbeiten mit Deutschland ein Lebensbedürfnis für das eigene Land ist. Die Tatsache, daß es gelungen ist. in allen Punkten des Vertrages zu einem Lleberein- fömmen zu gelangen, so daß sich ein Schiedsspruch durch den Vorsitzenden Ealonder erübrigte. deutet immerhin in diese Richtung, namentlich da das Liebereinkommen keines
wegs durch einseittgeS Zurückweichen der Deutschen zustande gekommen ist.
Die Ereignisse in der großen Politik. Isolierung Frankreichs in Genua, und starkes Hervvrtteten Rußlands, scheinen in der Tat geeignet, in Warschau zu der Lieberlegung anzuregen, ob eS weiterhin angezeigt erscheint. >em östlichen und westlichen Nachbarn dauernd auf die Hühneraugen zu treten. In der Tat ist fo ganz unzweifelhaft, daß eine gewisse Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiete im Interesse von Deutschland und Polen liegt und daß in diesem Verhältnis Polen noch mehr auf Deutschland angewiesen ist, als wir auf Polen.
Schlechter Gang der Verhandlungen in Paris? Paris, 18. Mai. (WTD.) Ministerprafi- bcnt Poincar 6 hat gestern den französischen Delegierten bei der Reparationslornrnission Dubois und den Vorsitzenden des Garant ieaus- sck-usses Mauclöre im Beisein des Finanzministers empfangen. Die Unterredung galt den Verhandlungen, die feit Montag Finanzminister Dr. Hermes mit den Mitgliedern der Reparationskommission führt.
Ein Berichterstatter des „Echo de Paris" coill aus guter Quelle erfahren haben, daß die Dokumentierung, die Minister Dr. Hermes vorgebracht habe, um die Reparationskommission von dem guten Willen Deutschlands, sein inneres Budget auszugleichen, zu überzeugen, die Mitglieder der Reparationskommission schlecht beeinflußt hätten. Rach dem „Petit Journal" soll Hermes aufgefvrdert worden fein, nähere Angaben über die schwebenden Fragen der Reparationskommission zu überbringen. Der „Malin" glaubt mitteilen zu können, die Mitglieder seien gezwungen, stch davon zu überzeugen, daß das von Dr. Hermes übermittelte Dokument in feiner Gesamtheit die Forderungen der Reparationskommission nicht befriedigt. (Von einer derartigen Stellungnahme der MitgliÄ>er des Reparationsausschusses ist der deutschen zuständigen Stelle bis heute Donnerstag früh, nichts bekannt geworden. Die Red.) Der „Matin" berichtet übrigens noch die Reparationskommission habe sich tatsächlich entschlossen, sich sehr fest zu zeigen. Es könnten keinerlei Konzessionen gemacht werden.
Paris, 17. Mai. Havas meldet: Die Vorschläge von Dr. Hermes betreffen besonders, wie es scheint, die zwei wichtigen PunkL der Kontrolle der deutschen Finanzen und das Programm der neuen Steuern. In offiziellen Kreisen wird jedoch über den genauen Inhalt des deutschen Entwurfs, der nur offiziös vorge'egt wurde, das strengste Stillschweigen gewahrt. Sie offizielle Antwort des Reiches wird erst in einigen Tagen bekannt sein. Die Bemerkungen. welche die Delegierten in der Kommission Dr. Hermes gegenüber machten, werden von diesem der Berliner Regierung übermittelt, und wahrscheinlich wird der deutsche Minister, dessen Vollmachten durch die Weisungen, die er erhalten hat, beschränkt find, fich bemühen, einige Abänderungen, die von ihm verlangt wurden, zu erreichen suchen. Es ist zu hosien, baß die verlangten Verbesserungen des deutschen Entwurfes erzielt werden und baß man bann zu einer zufriedenstellenden Lösung kommt.
Aus dem Reicke.
Deseittgung der Ausnahmebestimmimgen gegen weibliche Beamte.
Nach einer Bekanntmachung des ReichS- verkehrsministerS werden alle Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Beamte beseitigt. Auch alle bei Inkrafttreten der Reichsverfassung bereits bestandenen gesetzlichen Ausnahmebestimmungen oder VerwaltungS- anvrdnungen. die mit dem Artikel 128 Abs. 2 der Reichsverfassung in Widerspruch stehen, gelten als aufgehoben.
Das Hilfswerk der deutschen Landwirtschaft.
Der Vorsitzende des Reichsausschusses der deutschen Landwirtschaft. Edler v. B raun, erflärte Pressevertretern über das Hilfswerk der deutschen Landwirtschaft, daß die Verhandlungen über die Aktion innerhalb der landwirtschaftlichen Kreise so gut wie abgeschlossen seien. Die endgültigen Beschlüsse lägen nunmehr in den Händen der Landwirtschaftskammern. die auf dem Landwirt- schaftskammettag am 30. und 31. Mai in München zu den formulierten Plänen Stellung nehmen werden. Bei der Aktion handele es sich vor allem um eine rationell durchgeführte allgemeine Intensivie- Vierung und damit Produkt ivns st ei- gerung der Landwirtschaft, um die kostspielige Lebensmitteleinfuhr aus dem ÄuSlande einzuschränken und so zur Aktivierung unserer Handels lanz beizutragen. Lim den Landwirten das nötige Geld zur Beschaffung von Maschinen, künstlichem Dünger usw. zur Verfügung zu stellen, sei eine finanzielle Llnterstützung des Reiches, der Länder oder ihrer Provinzialverbände nötig. Lim die Landwirtschaft in weitgehendem lMaße mit Maschinen zu versehen, sei eine Arbeitsgemeinschaft der Landwirtschaft mit Iber Maschinenindustrie geschlossen worden.
Eine grohe Sitzung im Unterausschuß der Konferenz.
Auseinandersetzung mit den Russen.
Genua, 17. Mai. (Spezialbericht des Vertreters des WTB) Die Sitzung der Unter- koin inission der er ft e n Kommission wurde heute vormittag 10’ Uhr vom Präsidenten S ch a n z e r eröffnet Zunächst ergriff
Tschitscherin
das Wort und machte Mitteilung von der Antwort der russischen Delegation auf die Vorschläge der Unterkvmm ssion. Er erhob zunächst Beschwerde dagegen, daß die russische Delegation von den Beratungen der Unterkommisston ausgeschlossen gewesen sei und dagegen, baß der russische Vorschlag betr. die Einberufung der Sachverständigenkommission nicht in der vor» geschlagenen Form angenommen wurde. Tschitscherin fuhr fort: QEan will also eine Konferenz einberufen auf Grundlagen, die von denen von Genua verschieden find. In Genua waren alle Staaten Europas, einschließlich Rußlands und Deutschlands unter gleichen Bedingungen vertreten. Auf der geplanten Konferenz werden sich die Vertreter der anderen Staaten ohne Rußland versammeln. Dann soll eine andere Kommission aus Sowjetvertretern gebildet werden. Dieser Plan entspricht in keiner Weise u n * seremVorschlag. Die russische Delegation erklärt, daß sie die Verantwortung für die',en neuen Plan nicht übernehmen kann. Sie will indessen nicht wegen einer Prozedurfrage einen Weg, der zur Einigung führen kann, unbenüßt lassen und gibt bekannt, baß sich Rußland an der vorgeschlagenen Kon'e enz beteiligen wirb. Die russische Delegation erhebt Einspruch gegen ben Ausschluß Deutschlands aus der Zahl der Staaten, die an ben Kommissionen teilnehmen sollen. Die der russischen Delegation in der Llnterkommissivn über diesen Punkt gegebene Erklärungen b. wiesen lebi stich, baß be r Ausschluß Deatschlanbs, ba boch Staaten eingeladen find, die mit Rußland viel weitergehenbe und viel vollständigere Verträge haben, burch leinen ernstlichen Grund gerechtfertigt i t, umson ehr, als die Teilnahme Deutschlands sehr großeprak- tische Bedeutung besitzt in der Fratze bei Kreditgewährung an Rußland, die im Vertrag von Rapallo nicht berührt wirb. — Bezüglich des Planes Haag als Sitz ber Sach- vecständigenkommif.ion fu wählen, sagte Tschitscherin, bie russische Delegation halte es für er- forderlich, baß diese Kommissionen in einem Land zusammentreten, bas durch Verträge mit Rußland verbunden sei und russische Vertretung besitzt Als passender Ort würbe Stockholm ober Riga in Frage kommen; indessen sei man auch mit London oder Rom einverstanden. Tschitscherin fuhr fort: Die russische Delegation geht von der Annahme aus, baß alle Mächte bei Regulierungen ihrer Beziehungen zu Rußlanb dieselbe Freiheit genießen werben, wie vor ber Genueser Konferenz. Wenn es sich zeigen würbe, daß andere Mächte in praxi versuchen, diese Freiheit zu beschränken, so würbe sich Rußland genötigt sehen, die Frage feiner Haltung bezüglich feiner Teilnahme an ber geplanten Kommission erneut aufzuwerfen. Der Bu rgfne- be ns Pakt werbe nur wirkliche Bedeutung für ben Frieden Europas haben, wenn er auf alle Sowjetrepubliken und i ie Repub.it ded fernen Ostens sich erstrecke. Jeder 21 -.griff gegen eine mit Rußland verbündete Republik komme einem Angriff auf Rußland gleich. Deshalb soll ber Artikel 6 des Paktes auf alle mit Rußland alli» eierten Republiken ausgedehnt werden. Während des letzten Jahres wurden Angriffe auf Sowjetrußland nicht nur von regulären Armeen, sondern auch von Banden begangen. Deshalb bestehe bie Delegation barauf, baß Paragraph 6 den Zusatz erhalte, worin auch die von Banden begangenen Angriffe erwähnt sind. Man habe Beweise dafür, baß bie vormaligen Truppen von W r a n g e I Vorbereitungen zum Angriff auf bie Sowjetrepubliken treffen. In Finnlanb unb Polen müßten Grenzwachen. Arbciterbataillone usw., die aus ehemaligen Soldaten der weißen Armeen bestehen, aufgelöst und von ber Grenze entfernt werden: auch aus Rumänien und Bessarabien müßten alle Truppen Wrangels und Petljuras entfernt werden. Am besten wäre es, auf beiden Seiten der Grenze Kontrollzonen zu bilden, wo gemischte Kommissionen darüber wachen würden, baß keine Banden auftreten und daß bie regulären Truppen, bie sich dort befinden, bie festgesetzte beschränkte Effektivstärke nicht überschreiten.
Hieraus ergriff
Lloyd George
bas Wort und sagte unter anderem: Ich will nichts weiter über den Ausschluß ber Deutschen sagen. Wir haben diese Frage gestern diskutiert und die Gründe angegeben, bie meiner Ansicht nach gerecht und solide find. Es ist absolut richtig, baß die Deutschen von der Diskussion der Kredite ausgeschlossen sein werden. Bevor man zu Krediten kommt, müssen zweifellos erst die schwierigen Fragen ber Privatgüter unb Schulden erledigt werden. Selbst toenn man zu Krediten gelangt, muß außerdem noch berücksichtigt werden, daß Deutschland fein Land ist. bas geeignet wäre, in biefem Augenblick trgenb jemandem Kredite zu geben. Sein 1 Beitrag kann auf alle Fälle nicht sehr bedeutend fein. Auf ber anderen Seite würde Deutschland, toenn es anwesend wäre, an der Diskussion über
Fragen teilnehmen, bezüglich beren es schon zu Abkommen mit ber russischen Regierung gelangt ist. Ich glaube nicht, baß bies gerechtfertigt fein würbe. Wenn bas Liebereinkommen verwirklicht ist unb toenn ben Regierungen Anempfehlungen gemacht würben, wirb man zweifellos Deulsch- lanb nicht hinbern können, beim Wieberaufbau Rußlands mitzuarbeiten. Es würde eine Torheit sein, ihm bies zu versagen. Cs ist wünschenswert, die Mitarbeit von allen denen zu erhallen, bie solche leisten können. Das ist alles, waS ich zu biefem Punkt zu sagen habe. 'Bezüglich der Einwendungen Tschitscherins gegen Haag sagte Lloyb George, dort herrsche die große internationale Atmosphäre, in ber die großen internationalen Fragen geprüft werben könnten. Es handle sich hier nicht um eine prinzipielle Frage, sondern um eine praktische. Wenn 9/10 ber aus der Konferenz vertretenen Länder für Haag seien, bann jnüßte diese Ansicht Llebergewicht haben. Lloyd George fuhr fort: Tschitscherin beschwerte sich darüber, baß man Angelegenheiten ohne die Russen diskutiere. Tatsächlich lägen die Dinge so, daß sie große Meinungsverschiedenheiten über grundlegende Fragen gegeben habe, daß man sich nicht verständigen könnte. Deshalb hab^ man die 2t itn Sachverständigen i b ttag n um erst bas Terrain zu fonbieren unb fc,i5uitellen, ob in prari unüberwinbliche Schwierigkeiten vorhanden wären. Das russische System unb das tn den anderen Ländern ber Welt herrschende, ließen sich nicht vereinigen, aber sie näherten sich einander. Es gebe eine große Menge Privatbesitz in Rußland. Nominell sei das Land nationalisiert, aber tatsächlich sei es Eigentum ber Landleute. Kein Dekret aus Moskau könne di; Landleute von ihrem Grund und Boben verjagen. Man werbe schließlich in Rußland zu einem ähnlichen System kommen, wie nach ber französischen Revolution.
Es sei sehr zu bedauern, baß man am 1. Mai habe zusammentreten müssen, denn es feien in Rußland Ereignisse geschehen, bie gewissen Prinzipien übergroßes Gewicht gegeben hätten. Diese Ereignisse hätten ihre Rückwirkung bis nach Rapallo erstreckt. Durch die Haltung der russischen Delegation sei e3 schwer, zu einem ilcberelnfommen zu gelangen. Selbst wenn wir uns mit einer gemeinsamen Kommission etn- verstanben erklärten, bie vom frühen Morgen bis Mitternacht tagte, würben sich bie Russen ja boch nach Mitternacht miteinander versammeln unb dis zum frühen Morgen diskutieren. Ich glaube also, boß kein Einwand gegen die getrennten Kommissionen erhoben werden kann. Demi tatsächlich würden sich ja die Rassen mit ih.en acht unabhängigen Republiken boch gefonbert miteinander versammeln: das würbe auf alle Fälle geschehen. Bezüglich ber Beschwerde Ttzchitsch rins über Wrangels ang b iche Ang if sabsich'.en sagte Lloyb George: Als wir bie Intervention tn Rußland ermutigten, taten wir es offen unb verlangten vom Llnterhaus die nötigen Kohlte. Wir sagten, später würben wir bies nicht mehr tun unb hielten unser Wort. Mit den letzten Expeditionen Wrangels haben wir nichts zu tun. Die gegenwärtig n Sllei trifte Wrangels stlllln eine größere Gefahr für bas Lanb bar, in bem fie sich befinden, als für Rußland selbst. Es sei eine gebräuchliche Sache, fuhr ber Premierminister fort, baß jedes Land seine Friedensliebe betone unb bie anderen mit Mißtrauen betrachte. Wenn der Durgf iedenspakt angenommen werde, werde jedes Land, bas einen Angriff unternehme, diesen Vertrag. an den es durch seine Ehre gebunden fei, brechen. Lloyd George schloß: Ich hoffe, daß nach Abschluß des Burgfriedenspaktes wir uns mit den Angelegenheiten unserer eigenen Länder beschäftigen können. Nachdem ich 16 Jahre lang Minister gewesen bin, gelangte ich zu dem Schluß, daß es unmöglich fei, sich nur mit den Angelegenheiten seines eigenen Landes zu befassen: aber schon sich mit den Angelegenheiten des eigenen Landes beschäftigen, ist viel mehr, als ein Minister, ja ein ganzer Ministerrat fertigbringen kann. Infolgedessen führt es nur zu großen Schwierigkeiten, toenn man ein anderes Land angreift oder versucht, es zu reformieren oder Cr- pebilionen von Missionaren zu organisieren, wie dies Wrangel und andere tun, um russische Heiden zu befeßren, ober wie dies Tschitscherin unb Litwinow tun, um Kannibalen in unseren Säubern zu bekehren. Wenn wir uns bemühen, ben anderen zu helfen, wenn dies möglich ist, werden sich daraus große gegenseitige Vorteile ergeben. Deshalb bin ich für den Durg- friebenspakt. Ich hoffe, baß, toenn er erst unterzeichnet ist, auch loyal beobachtet wird.
Schanz er
bat hieraus die russische Delegation, nochmals zu prüfen, ob es mögllch fei, aufAbänderungsanträge zu verzichten, da man ja doch im Prinzip zu- stimmte. Man möchte boch nicht riskieren, mög« licherweife durch ausgedehnte Diskussionen daS erreichte lieberein£ommen zu gefährden.
Tschitscherin
blieb aber trotzdem dabei, daß er einige leichte Abänderungen wünschte, besonders bezüglich des Burgfriedenspaktes unb der irregulären Banden. Auch in ber Frage des Sitzes ber Sachverständigenkommission beharrte Tschitscherin auf seinem Standpunkte.
Skirmnnt
erklärte, Polen fei bereit, ben Burgfriebenspakt zu unterzeichnen, indessen würde durch die Unter-


