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Nr. 66

Der Gießener »nzefaer erschein, täglich, außer Sonn, und Feierlays. monailid)tBejng$prei(e: Mk 1150 etn|d)l. Träger, lohn, durch die Post Mk 14.-emlchl. Bestell- gelb, auch bei Nichterschei­nen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt. Fern,prech. Anschlüsse: fürdieSchnstleituny 112; für Druckerei, Verlag und Geichastssrelle 51. Anschrisi für Drohtnach. lichten AnzeigerEiehen. poftschealonlo:

LrankiuN a. M. 11686.

Erstes Blatt

172. Jahrgang

Samstag, 18. März 1922

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberhesten

vruck und Verlag: vrühl'sche Univ.-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange. Zchriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jede BerdindlichKeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v 34 mm Breite örtlich 90 DL, auswärts 120 Df-, für Reklame. Anzeigen van 70 mm Breite 350 Ps. Bei Platz- oorfd)r:ft2Ö' «Aus chlag. fiaupt|d)tiftleiter" Auy. Goetz Verantwortlich für Dolittk Aug. Goetz; für den übngen Teil. Karl Walther; für den Anzeigenteil. Hans Beck, sämtlich in Dietzen.

Wochenrückblick.

Wir haben uns allmählich daran ge­wöhnt. daß die verhängnisvollen Abschlüsse deutscher Geschichte, Kriegsende und Revo­lution, fortdauernd Böses müssen gebären.! Fast alle neuen Geschicke und Fehler der deut- j schen Politik sind wie Glieder in einer großen Kette des Irrtums und Wahns, und sie lassen sich schwer voneinander trennen, weil eines das andere bedingt. So löst auch der Inhalt der neuen Steuerkompromisse an kei­ner Stelle irgendwelche Befriedigung oder gar stolze Gefühle über ein gelungenes Werk aus; man zuckt die Achseln über etwas in der Aus­breitung neuer, furchtbarer Lasten Anvermeid- licheS und deutet anklagend auf die alte Quelle alles AnheilS: Die Versailler Politik und die Anmoral der Feinde. Daß auch Amerika nicht daran denkt, den gordischen Knoten des Wiederherstellungsproblems mit schnellem Hieb zu lösen, wird uns jetzt allmählich klar. Selbst über seine mit der Rückforderung der Besatzungskosten anscheinend von ihm beab­sichtigte Demonstration oderOffensive" auf seineAlliierten" darf man sich nicht großen Illusionen hingeben. Gewiß, Amerika wünscht Rückkehr zur Wirtschaftsvernunft in Europa, ist höchstwahrscheinlich enttäuscht über das so stark eingeschränkte Programm von Genua aber auch es leidet, so überraschend dies klingt, an Geldmangel und denkt vorläufig nicht an irgendeine Zusage, Den Gläubigern etwas zu schenken. Wie uns s. Zt. der amerikanische Finanzmann Vanderliv in seinen neuen Europastudien über entscheidende Wirtschafts- faktoren, besonders die Lage Englands, auf­klärte, so gewinnen wir aus dem Buche eines schwedischen Journalisten Helmer Key (in deutscher Aebersetzung des Drei-MaSken-Ver- lagS München), der die Verhältnisse der Ver­einigten Staaten in der Nachkriegszeit an Ort und Stelle eingehend kennen lernte, heute erst einen ausreichenden Aeberblick über die finan­zielle und wirtschaftliche Lage der Reuen Welt. Durch ihre einseitige Kriegswirtschaft, die Aeberanstrengung gewisser Industrie­zweige und die Vernachlässigung anderer Kul­turen besonders des Landwirtschaftsbetrie­bes, deren Pflege Ratur und Entwicklung des Landes Dringend erforderten, haben sich die Vereinigten Staaten Teuerungsverhält­nisse zugezogen, die den Geldmarkt umso stär­ker belasteten, als diesem die den Kriegführen­den vvrgestreckten Riesensummen und die zu Spekulationszwecken in Deutscher Mark ange­legten Kapitalien entzogen wurden. Am Die Möglichkeiten eines neuen wirtschaftlichen Aufschwunges steht es in Amerika indessen besser als in irgend einem anderen Lande, wie in unserem Blatte auS der Feder sachkundi­ger Amerikaner wiederholt dargelegt wurde, und so wollen wir hoffen, daß Bruder Jona­than zur Hilfe für Europa bald auS eigenem Antrieb einen Teil seiner reichen Mittel an­wenden wird, die bloße Aeberredungskünste RathenauS ihm nicht aus der Tasche zu holen vermögen.

Einstweilen zappeln wir noch im Retz der militaristischen Politik Frankreichs, das bei der augenblicklichen Lähmung der eng­lischen Initiative uns jeden Tag mit neuen Vorhaltungen und Zumutungen überrascht. Die auswärtige Politik des Reichskabinetts reagiert darauf mit neuen Wölkchen aus dem bekannten Erfüllungskamin. Wir haben uns daran gewöhnt, sehen keinen Anfang und kein Ende. Wohl aber wird es mit jedem Tage deutlicher empfunden, daß diese Regierung auch in den dringendsten Fragen unserer inneren Politik keine rechte Initiative auf­bringt. Der Weimarer Aufschrei der Deutschen Zeitungsverleger, deren Kundgebung wir gestern an dieser Stelle ver­öffentlichten, hat dem deutschen Volke einen Einblick eröffnet in die Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit, womit unsere Regierenden eines der allerwichtigsten Hilfsmittel zum Wiederaufstieg verkümmern lassen: Die deut­sche Presse. Man hätte annehmen sollen, das reue System demokratischer StaatSeinrichtun- gen würde der Priesterin der öffentlichen Mei­nung und Volksaufklärung alle Freiheit und Großzügigkeit zuwenden, die früher als Traumbilder einer besseren Zukunft hochgehal­ten wurden aber nein, auch in dieser durch­aus nicht komplizierten Einzelausgabe ver­sagte die Weisheit der Republik auf der ganzen Linie! Seit dem Zusammenbruch hat die deutsche Presse als Organ der Volksstim­mung die fremde Gewaltpolittk entschiedener bekämpft als die meisten anderen Instrumente der Reichspolitik. In ihr spiegelten sich der feste Einheitsgedanke aller deutschen Stämme, die unabhängigen Kräfte, die unter Bürgern, Dauern und Arbeitern noch wirksam waren, ihr war vornehmlich die W i l l e n s b i l d u n g Der Ration anvertraut. Ohne die deutschen! Zeitungen wäre das politische Leben des Rei­ches versandet, überhaupt undenkbar. And nun ist ihnen dieE? istenz bedroht, wie der Wei­

marer Aufruf deutlich genug nachgewiesen hat. Man kann sagen: kein anderes Gewerbe ist durch die Amwertungen in eine so beängsti­gende Lage geraten wie die Tageszeitung. In der Hauptsache liegt es daran, daß die Preise für das Druckpapier ins Angeheucrliche, bisher schon auf das Fünfunddreißigfache des Friedenspreises, gestiegen sind, und im näch­sten Monat wollen die Fabrikanten gar das Fünfzig- bis Sechzigfache fordernI Auch die übrigen Rohstoffpreise für die Her­stellung haben eine solche Höhe erreicht (Wal­zenmasse daS 177fache, Blei das über IVQfache des Friedenspreises), daß sie in keinem Ver­hältnis mehr stehen zu den mäßig erhöhten Zeitungsbezugpreisen und Inseratenberech- nungen. Die Rotlage der Presse besteht nicht erst feit gestern. Seit Jahr und Tag sind Regierung und Parlamente darauf hingewie­sen worden und eS blieb immer bei pla­tonischen Verttöstungen. And doch wäre ver­hältnismäßig leicht zu helfen gewesen. Wa­rum sperrte man nicht die Ausfuhr von Zellstoff und gewisser Papierarten, warum duldete man die Preistreiberei und Mono- polwirtschaft auf dem Gebiete des Holzes? Mit welchem Grad des Interesses man sich um den wirtschaftlichen Riedergang des Zei- tungsgewerbeS bekümmerte, das geht daraus hervor, daß man noch Sonderbesteuerungen (Inseratensteuer) erfand, um ihnen das Ver­dienst zu kürzen. Als ob ein Inserat mit Luxus etwas zu tun hätte. Auch was der Staatssekre- tär Dr. Hirsch vor einigen Tagen im Haupt- auSschuh des Reichstags zur Rotlage der Presse noch vorbrachte, war dürftig und un­vollständig. Er sagte u. a., an die Gewährung von Staatszuschüssen sei nicht zu denken, und darin kann man ihm ja beipflichten. Die En­tente würde sie unterbinden, wie sie die staat­lichen Ernährungsbeihilfen bereits verboten hat. Aber kann man in der Bemessung der Frachttarife für das Druckpapier die Lasten nicht erleichtern? Ist im Grunde die Versorgung unseres lesekundigen deutschen Volkes mit dem schon im vaterländischen In­teresse nötigen, täglichen Wissensstoff nicht ebenfo wichtig wie das liebe Brot? Rach der amtlichen Zeitungsliste haben im letzten Mo­nat 157 Zeitungen und Zeitschriften ihr Er­scheinen eingestellt. Schreckt dies die ver­antwortlichen Männer in den Reichsämtern nicht? Wir erhielten heute die erste Nummer einer französischen Zeitungskorrespondenz­macheAgence Rhin", die inStrasbourg" erscheinend, preiswert eine Fülle von Rach- rid)tenmaterial anbietet, in dem auf die Dauer zweifellos nicht gerade auf das deutsche In­teresse hingearbeitet wird. Dieses Einschleichen ausländischer Gefahren würde durch den Rie­dergang der deutschen Presse ganz außer­ordentlich gefördert werden. In noch bitte­rerem Sinne würde sich erfüllen, was Jem Paul einst den deutschen Fürsten als ge­fahrvolle Zukunft ausmalte für den Fall, daß sie nichtdie große Freilassung der freigebore­nen Gedanken" gestatteten.Ein Volk liegt als S ch e i n l e i ch e da, und muß hören, wie ihm die Gewalt den geistigen engen Sarg anmiht, und kann kein Glied dawider regen, nicht ein­mal die Zunge, indes andere Völker vor ihm frisch ihr Leben entwickeln und in einem Ver­mögen nach dem andern seine Sieger werden."

Aber auch die deutschen Leser selbst müssen in ihrem Gewissen und in ihrem In- terejfe angerufen werden, ihrer Presse nicht untreu zu werden, wenn diese, durch den Kon­kurrenzkampf in bescheidenen Grenzen ge­halten, dazu übergehen muß, eine Bezugs- erhöhung eintreten zu lassen, die nicht einmal die Mehrkosten des Druckpapiers deckt. Manch einen hat in fchlimmster Zeit die Anlust ge­packt, das Tagesblatt in die Hand zu nehmen, in dem so viel Anerquickliches erörtert wurde. Aber^glaubt er, er dürfte und könnte heute die tägliche Lektüre einer Zeitung entbehren? Kämpft diese nicht auch für sein Wohl und Gedeihen? Es mag sein und es ist unvermeid­lich, daß er öfter etwas darin findet, was ihm nicht gefällt, was seinen Reigungen und Meinungen nicht entspricht. Manche Voraus­sage geht nicht in Erfüllung und die Dinge laufen mitunter anders als Menschengedanke ersinnt. Wenn aber Wahrheitsliebe, recht­liche Gesinnung, deutsches Gefühl jene An­summe von Rachrichten und Geschichten beglei­ten und in einer Zeitung lebendig und vorherr­schend sind, so ist es diese schon wert, sorgsam gelesen und beachtet zu werden. Wer nichts erfährt und sich darauf verläßt, daß ihm an­dere etwas mitteilen werden, der kann sich keine eigene Meinung bilden, auch Den Weg nicht finden, der durch Die Anbeständigkeit un­serer ZustänDe zu seinem eigenen Interesse führt. Behalte unD bewahre jeder insbeson­dere sein Heimatblatt! Was an uns liegt, so wollen wir den Gießener Anzeiger trotz der schwierigen Lage allezeit u nab = hängig, lückenlos und reichhaltig er­halten, bestrebt, die obechef fischen und Die all­

gemein deutschen Interessen nach allen unseren Kräften wahrzunehmen, Diefreigeborenen Gedanken" aller redlichen Stände unD Schich­ten unter Bewahrung und Betonung unserer eigenen Meinung zu achten und gelten zu lassen. Darum hoffen wir auf Die Treue un­serer Leser und Die Anterstüyung aller unserer Mitarbeiter!

Die Vorbereitungen für Genua.

London, 17. März. (Wolff.) Reuter er­fährt von amtlicher italienischer Seite, daß trotz einer Tendenz von gewisser Seite, kaltes Wasser über die Genueser Konferenz zu gießen, die ita­lienische Regierung die Vorbereitun­gen für Li Je internationale Zusammenkunft eifrig betreibt. AI es wird für die Eröffnung der Kon­ferenz am 10. April bereit sein. Es ist endgültig festgesetzt worden, daß der neue italienische Mi­nisterpräsident Facto den Vorsitz sühnen wird. Rach der formellen ©.fnung am 10. April wird eine Anzahl Ausschüsse gebildet werden. Der Ausschuß zur Behandlung der politischen Fragen wird, wie erwartet, aus den alli­ierten Premiermini st ern bestehen. Der Zeitpunkt (20. Marz) für den Beginn der Vor­konferenz tee Sachve ständigen in London, bleibt, wie Reuter weiter erklärt, ebenfalls be­stehen. In dieser Konferenz werden die Haupt- dclegierten Bericht über die Ergebnisse ihrer früheren Zusammenlünste vo: legen und die F ü­gen zur Kenntnis bringen, die sie in Genua zur Erörterung Vorschlägen werden. Auf bri­tischer Seite sind ebenfalls alle Vorberei­tungen getroffen worden, damit die britische Mis­sion in der ersten Aprilwvche abreifen kann, um vor dem Eröffnungstage in Genua einzutrefsen.

Paris, 16. März. (Wolff.) Wle derPetit Parisien" mitteilt, soll der Völkerbundsrat demnächst in Paris zusammentreten, um die Be­dingungen ins Auge zu fassen, unter denen der Völkerbund der Konferenz von Genua feinen Beistand leisten könnte.

Französisch-japanischcs Abkommen über Sibirien.

Paris, 16. Mär^. (Wolff.) Rach einer Meldung DerChicago Tribure" aus Washington hat S l e v i n s k h, der W-vrtsührer der Republik des Femen Ostens, mitgeteilt, daß Frank­reich und Iapan eine Entente beschlossen hätten zur Ausbeutung von Sibirien unter Ausschluß aller anderen Völker. Slevinsky habe gesagt:CBir sind davon unterrichtet, daß der Besuch des Marschalls Zoffte in Oapan tat­sächlich zum Ziel hat, die Einzelheiten dieser En­tente zwischen Iapan und Frankreich festzulegen."

Offene Tür in Persien.

Teheran, 18. März. (WTD.) Der Ver­treter der Vereinigten Staaten hat bei der persischen Regierung einen Schritt unter­nommen, um die Einrichtung des Regimes der offenen Tür in Persien zu erlangen. Die Veränderungen im ägyptischen

Regime.

Kairo, 18. März. (WTD.) Marschall A l l e n b y hat den Qkrtrctern der Mächte die Aufhebung des englischen Protekto­rates und die Bildung eines ägypti­schen Ministeriums für auswärtige An­gelegenheiten mitgeteilt. Die Aenderung des Re­gimes ist in Aegypten mit Ruhe ausgenommen worden.

Tschitscherin an Poincar^.

Paris, 17. März. (WT^B.) Havas ver­öffentlicht den Wortlaut eines langen Funk­spruchs des russischen Kommissars des Aus­wärtigen Tschitscherin an den Ministerprä­sidenten Poincar 6 , in dem u. a. ausgesührt wird, auf der Genueser Konferenz müßten Sieger und Besiegte, große und kleine Staaten, Sowjet- und Dourgoisie-Regierungen g l e ich - berechtigt nebeneinander gehen. Leider laße das Verhalten der Großmächte den Schluß zu, daß ein Teil der eingeladenen Staaten sich der festgesetzten Lmtscheidung eines Blocks von Großmächten gegenüberfeßen würden. Wenn die Pressemeldungen, wonach dieser Block von Re­gierungen Vorschläge machen wolle, die mit den Souveränitätsrechten und der An­abhängigkeit Rußlands unverein­bar seien, zuträfen, so werde das unvermeidlich Ergebnis der Konferenz ein Fehlschlag sein. Weiter wird in der Rote gegen die Verleum­dungskampagne gegen Rußland und gegen die Behauptungen protestiert, die Sowjetregierung wolle die Konferenz nur zur kommunistischen Propaganda benutzen, ebenso dagegen, daß sich in den Rußland benachbarten Gebieten sowjet­feindlich: Banden bildeten. In dem zweiten Teil der Rote wird ausgeführt, daß mehrere Dekrete und gesetzliche Bestimmungen der Sowjetregie­rung das Geheimnis der privaten Korrespondenz garantierten Alle Verbrechen, auch die poli­tischen, würden von gewöhnlichen Gerichten abge­urteilt. Die Interessen und Desihrechte der Aus­länder in Rußlaick) feien durch die gegenwärtige Gesetzgebung der Sowjetregierung ausreichend garantiert, ebenso sei die Freiheit des privaten Handels im Innern Rußlands gewährleistet, wenn auch der Staat sich das Monopol des aus­wärtigen Verkehrs Vorbehalte. In letzterer Be­ziehung seien jedoch die Teilnahme von pri­vatem Kapital sowie besondere Abmachungen er­möglicht. Ferner sei die Bildung von Aktien­gesellschaften und Kreditbanken entsprechend der Gesetzgebung aller änderen Länder geregelt Die Rote schließt mit der Bemerkung, Die Sowjet-

regicrung werde sich nach Genua begeben mit de' festen Absicht, in enge wirtschaftlich Zusammen

1 arbeit mit allen Staaten zu treten, die sich i gegenseitig die Anverlehlichkeit ihrer politischen und wirtschaftlichen Organiia.iDn entsprechend Ar­tikel 1 der Bedingungen von Cannes garantieren würden.

Französisches Rüstungsfieber Phantastereien Lef^vres.

Paris, 17. März. (Wolff) Kammer. In der heutigen Sitzung wurde die Diskussion über die Heeresreform fortgesetzt. A n d r 6 Le­se v r e sagte, die ernsteste Angelegenheit sei für ihn nicht die Herabsetzung der Dienstzeit, sondern die Herabsetzung der Kredite für die nationale i Verteidigung gewesen. Seine Erklärungen über 'die versteckten Waffen in Deutsch­land habe seinerzeit Ministerpräsident Lcygues nicht gelten lassen wollen. Inzwischen habe sie aber Darlhou bestätigt und nachdem Briand sie erst abgeleugnet habe, habe er sie in Washington zur Grundlage seiner Rede gemacht. Rach dem Waffenstillstand habe er den Friedensveriraa von Versailles bekämpft. Habe er Anrecht gehabt? Frankerich habe ein Drittel von dem, was es besessen habe, verloren und keine soziale Reform könne es dazu fuhren, daß dieser verlorene Reich­tum in wenigen Zähren wiedergewonnen werde. Frankreich allein könne die Reparationslasten nicht tragen, während Deutschland, das reparieren müsse, die einzige große Ration in Europa sei, die der Krieg unversehrt gelassen und das die Fähigkeit habe, zu bezahlen. Aber Deutschland wolle nicht bezahlen, und die Frage stelle sich für Frankreich so, daß man wissen müsse, ob Frankreich in den Stand gesetzt werden soll, Deutschland au zwingen, daß es bezahle.

Lcfövre spricht alsdann davon, daß in den deutschen Fabriken Waffen versteckt.den. Die militärischen Dokumente des Arsenals von Span­dau habe man unter Siegel gelegt; am andern Sage feiert sie verschwunden gewesen. Rach dem Grade, nach dem die Deutschen ihre militärische Stärke wieder erlangten, seien die Antworten, die sie erteilten. Deutschland könne offen Line schwere Artillerie he.steilen, aber das forme im Auslande geschehen. Die Gewehrschlößer könnten ae fabri­ziert werden, ohne daß jemand das bemerke. Der Redner weist auf ein Maschinengewehr © a st" hin, das dreitausend Kugeln in der Mi­nute abschießen könne. Deutschland habe Auto- mobiltransportgesellschaften gegründet, die nur ehemalige Offiziere engagieren, um sich einen Fuhrpark zu schaffen. Die Modilifie ungsbuieaus rechneten mit sieben Millionen Kämpfern. D ,s alte Regiment habe die Mobilisierungsstecken beibebal­ten, das seien die Kasernen. Drei oder viermal im Zähre vereinige man sich zu einem kleinen Fest, und wer nicht teilnehme, werde dann gefragt, wa­rum er nicht erschienen sei. Zede Kompagnie der Reichswehr stelle ein Regiment dar, das die alte Tradition aufrecht erhalte. In Oberschlesien habe der deutsche General in einem Augenblick mehr als 100 000 Mann Freiwillige zur Ver­fügung gehabt. Die Reichswehr fei nur ein Vefehlsheer, dessen Mannschaften ehemalige Un­teroffiziere seien. General v. Seeckt habe es klar ausgesprochen, alle Mannschaften der Reichswehr müßten sich als Instrukteure betrachten. Alle diese Tatsachen bewiesen die Rotwendigkeit für Frank­reich, seine militärischen Rüstungen aufrecht zu er­halten.

Die amerikanische» Besatzunaskosten.

Washington, 17. März. (WTD.) Im Senat belangten die Senatoren Gobge, An­der wo v d und Dorah, die Regierung solle auf der Bezahlung der Kosten für Die amerikanischen Befahungstruppen im Rheinlande bestehen. Anderwood schlug vor, daß ein Vertreter der Vereinigten Staaten in der Reparationskommission ernannt werde.

Eine neue Beschwerdenoie NoveLs.

Berlin, 17.März. (Wolff.) Der Vorsitzende der interalliierten Militärkontrollkommission, Ge­neral Rollet, ließ dem Auswärtigen Amte nachsteherckie Rote zugehen:

Vor und während des Krieges haben Pie Zivilbehörden eine gewisse Zahl Arkunden geführt, die die Ausführung von Rekrutie- rungs- und Mobi l m achungsHand­lungen betrafen, die jetzt durch die mili'.ärischc-n Bestimmungen des Friedensvertrages verboten sind. Cs wurde nun der Kontrollkommission an­gezeigt, daß nicht alle diese Arkunden vernichtet wurden. Ein Teil davon soll sich noch in den Händen der Bürgermeister und anderer örtlicher Behörden befinden. Die Kommission beehrt sich, um die Vernichtung der noch übrig gebliebenen Archive zu ersuchen. Diese Vernichtung hat in Gegenwart von Kontrolloffizieren zu geschehen, die von den beteiligten Verbindungsstellen über die in dieser Hinsicht geltoffenen Maßnahmen zu unterrichten sind. Die Kommission bittet außer­dem, ihr in möglichst kurzer Frist die Schritte mitzuteilen, die die deutsche Regierung in Aus führung des Artikels 211 des Friedensvertrages ergriff, oder zu ergreifen gedenkt, um den vor­erwähnten Zivilldehörden Diejenigen Dienst- geschäfte zu entziehen, die der Friedensvertrag verbietet. r .

Es ist möglich, daß Rollet vielleicht die bei den Landratsämtern wohl noch befindlichen M o - bilmachungsanweisungen f :r bre Zinl- behörden bzw. die Mobilmachungsanwetuiugeii für die Gemeindevorsteher, sowie die auf Grund derselben seinerzeit entstandenen Akten un Aug»