Nr. 165
Erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GießenerFamilienblätter Monatliche Bezugspreise: Mk. 22.50 und Mk. 2.50 Trägerlohn,durch dicPost MK.25.—, auch bei Nichterscheinen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt.- Fernsprech- Anschlüsse: fürdieSchrist. leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richten. Anzeiger Siehen.
poftscheÄLonto:
Frankfurt a. M. 11686.
172. Jahrgang
Montag, 17. Juli 1922
GichenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
t>md und Verlag: vrühl'sche Univ.-Buch- und Steindruckerei K Lange. Schristleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstrahe 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeige» o. 34 mm Breit« örtlich 15V Pf., auswärts 180 Pf.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite 500Pf. Bei Platz, Vorschrift 20 °/e Ausschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.
Die Pflichten der Beamten zum Schutze der Republik. I
Reichsminister a. D. Dr. Scholz, M. d. R.» schreibt in der R. K.:
In der allgemeinen Besprechung des Entwurfs eines Gesetzes über die Pflichten der Beamten zum Schutze der Republik im Rechtsausschuh des Reichstags habe ich mir gestattet, auszuführen, daß ich jeden Sozialisten lebhaft bedaure, der genötigt ist, zu diesem Gegenstand zu sprechen: er könne es nur tun, indem er alles kreuzige, was er seit Jahrzehnten angebetet hat. Es ist ein fast grotesker Zustand, dah die Sozialdemokratie Sturm läuft gegen Grundrechte der Einzelpersonen, die sie selbst in der Weimarer Verfassung „v e r - ankert" hat, daß sie gewissen Kategorien von Beamten das Recht der freien Meinung (Art. 130 der Verfassung!) auch außerhalb ihres Amtes nehmen will, dah sie politische Sondergerichte begründet entgegen dem Verfassungsgrundsatz: „Niemand darf seinem ordentlichen Richter entzogen werden."
Nur auf die wichtigsten Bestimmungen oeS Entwurfs, der ein Glied in "der Kette der Schutzgesetze bildet, kann hier hingewiesen werden. Als § 10b soll das Reichsbeamtengesetz eine Vorschrift erhalten, deren entscheidender Teü lautet:
„Reichsbeanrte, die in leitender, berichtender oder ausführender Stellung mit dem Schutze der Republik gegen Bestrebungen zur Aenderung der verfassungsmäßigen republikanischen Staatsfvrm besonders betraut sind, haben sich auch außerhalb ihres Amtes jeder tätigen Teilnahme an Bestrebungen zur Aenderung der verfassungsmäßigen republikanischen Staatsform zu enchalten, auch wenn diese Bestrebungen sich im Rahmen der Reichsverfassung und der Gesetze halten. Die Reichsregierung hat diese Beanrtenstellungen durch Bekanntmachung im Reichsanzeiger zu bezeichnen."
Es bedarf keiner Ausführung, dah diese Vorschrift eine Verfassungsänderung bedeutet — die Reichsregierung sagt es im Text des Entwurfes selbst. Darüber hinaus aber verletzt sie die elementarsten Grundrechte jedes Staatsbürgers, die ihm freie Aeußerung seiner Meinung in Wort, Schrift, Druck, Bild oder auf jede sonstige Weise gewährleistet. Weiter ist der Regierung für den Kreis der betrof- nen Beamten freiester Spielraum gegeben — also der Willkür nach dieser Richtung Tür und Tor geöffnet.
Eine zweite grundlegende Aenderung des Beamtenrechts findet sich in den Bestimmungen über das Disziplinarverfahren. Hier ist die Errichtung eines besonderen Disziplrnarsenats für Verletzungen der Pflichten zum Schutze der Republik beabsichtigt, der sich zunächst als Ausnahmegericht darstellt - die betroffenen Beamten werden ihrem gesetzlichen Richter entzogen — und der zum Andem nach seiner Zusammensetzung eine Politisierung des Disziplinarverfahrens bedeutet. Denn er soll bestehen aus sieben Mitgliedern (als Großer Senat), die sämtlich vom Reichspräsidenten zu ernennen sind und von denen drei Mitglieder des Reichsgerichts sein müssen. Die gleiche Zusammensetzung also, die der StaatSgerichtshvf in der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze der Republik aufweift.
Endlich enthalten die Artikel 3 und 4 des Entwurfs die Möglichkeit für die Reichsregierung, in erheblich erweitertem Umfange Beamt e nrrt Gewährung des gesetzlichen Warte- geldes „im Interesse der Festigung der verfassungsmäßigen republikanischen Staatsfvrm" in den einstweiligen Ruhe st and zu versetzen. Diese Möglichkeit soll insbesondere auf alle Beamtengruppen von A. 12 an aufwärts erstreckt werden, toerm sie mit Aufgaben zum Schutze der Republck besonders betraut sind.
Sämtliche angezogenen Vorschriften bedeuten Aenderungen der Verfassung und Eingriffe in die wohlerworbenen Rechte der Beamten. Sie schießen zum Seil weit über das gesteckte Ziel hinaus und schaffen selbst da, wo es zur Erreichung des Erfolges nicht nötig wäre, lebhafte Beunruhigung in der Beamtenschaft. Die beiden einzigen reinen Beamten- vrganisation en, der Reichsbimd der höheren 'Beamten und der Deutsche Beamtenbund, haben sich mit größter Entschiedenheit gegen die geplante Entrechtung der Beamten ausausgesprochen.
Für die Deutsche Volksvartei kann die Stellung nicht zweifelhaft sein. Sie darf eine Gesetzgebung nicht mitmachen, die für die Beamtenschaft wichtigste Grundrechte der Verfassung mit einem Federstrich aufhebt, die den mehrfachen Eingriff in wohlerworbene Rechte nicht scheut, die endlich eine Gesin-
(Eine bürgerliche Arbeitsgemeinschaft der Mittelparteien.
nungsschnüffelei und ein Denunziantentum großziehen muß, die letzten Endes nur zur Zerstörung und zum Zerfall des Beamtentums führen können.
Das Reichskrimmalgesetz.
Berlin, 16. Juli. (WTB.) Der Rechtsau sschuh des Reichstags hat in 2. Lesung das Reichskriminalgesetz im wesentlichen in der Fassung der Regierungsvorlage angenommen. Danach wird zur Bekämpfung des Verbrechertums, das sein Tätigkeitsfeld nicht auf bestimmte Orte oder Landesgebiete beschränkt, in Berlin ein dem Reichsminister des Innern zu unterstellendes Reichskriminal - pvlizeigeseh errichtet. Gestrichen wurde in der Regierungsvorlage die Bestimmung, nach welcher mit Zustimmung des Reichsrats die Befugnisse des Reichskriminalpvlizeiamts erweitert werden können. Die Kosten der Kriminalpolizei sollen zu einem Drittel vom Reich, zu zwei Dritteln von den Ländern getragen werden.
'— * ■ --
Die Kriegsschuldsrage.
Berlin, 14. Juli. (WTB.) Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" veröffentlicht die Antwort des früheren Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes von Iagow auf die Versuche V i v i a n i s, teils unter Berufung auf die Ausführungen Jagows, das zaristische Rußland und Frankreich in der Kriegsschuldfrage zu entlasten. Er stellt darin u. a. folgendes fest: Die allgemeine russische Mobilmachung fand, wie nachträglich von kompetenter französischer Seite selbst bestätigt wurde, am 30. Juli statt. Sie war durch nichts begründet. Die am 25. Juli erfolgte Mobilmachung der Hälfte von sechzehn österreichrsch- ungarischen Korps gegen Serbien veranlaßte, führt Iagow, sich direkt an Biviani wendend, aus, wie Sie sagen, die Teilmobilmachung von dreizehn russischen Korps. Als Antwort hierauf ist am 31. Juli mittags die Mobilmachung der übrigen acht österreichisch-ungarischen Korps angeordnet worden. Sie sprechen jetzt von der zweiten österreichisch-ungarischen Teilmobilmachung von 11 Korps gegen Rußland am 29. Juli. Dies ist nichts als freie Erfindung und eine nachweislich unrichtige Behauptung. Oesterreich erweiterte zwischen hem 25. und 31. Juli die Mobilmachung nicht. Wie sollte auch die Armee von weiteren elf Korps aus dem Boden gestampft werden? Oesterreich-Ungarn verfügte damals über 16 Korps. Auch die sonstigen Behauptungen, die Biviani zur Rechtfertigung des zaristischen Rußlands anführte, werden als unwahr bezeichnet.
Am 29. Juli wurde, sagt Iagow weiter, in Berlin weder Krieg noch Mobilmachung, noch nur die Verkündung eines Zustandes drohender Kriegsgefahr beschlossen, obwohl der russische Generalstab, wie der französische Botschafter P a - leologue seiner Regierung meldete, bestimmt darauf gerechnet hat, daß Deutschland am 30. Juli als Antwort auf die russische Teilnwbilmachung seinerseits mobilisieren werde. Die Legenden, die man aus ein Extrablatt des „Lokal-Anzeigers" ausgebaut hat, sind vom Grafen Montgelas unlängst durch eine eingehende Untersuchung und Zeitvergleichung widerlegt worden.
Iagow sagt zum Schlüsse zusammenfassend: Die Tatsache könne niemals widerlegt werden, daß die allgemeine Mobilmachung in Rußland, die den Krieg herbeigeführt hat und den Krieg zum Ziele hatte, durch nichts gerechtfertigt war und lediglich vom Willen zum Kriege dittiert wurde.
Die Haager Verhandlungen.
Paris, 15. Juli. (WB.) Der Sonderberichterstatter des „Temps" im Haag gibt folgend; Darstellung dec a igenbliilicken Lage: Mit Zustimmung, mitunter sogar durch Vevmittl rngs- vorschläge verschiedener Regierungen, bereite sich eine ganz nafye bevor st ehe n de Konferenz von Privatinteressenten v )r, die ohne Zweifel Sensation machen werde und deren Ergebnis, wenn sie Erfolg habe, wichtiger sein würde als die Haager Konferenz. Infilge der heiklen Natur des Derhandlungsgegenstandes könne man noch keine bestimmten Angaben machen. Wenn aber die hierüber im Gange befindlichen Besprechungen zum Ziele führten, werde man einen jener von Litwin )w angekündigeten Theatercoups erleben und zugleich seine Haltmg gegenüber der Konferenz und feine letzten Erklärungen der Presse gegenüber, sowie gewisse AeußerIngen Pateijns über die etwaige Wiederaufnahme von Verhandlungen mit den R issen besser begreifen.
Haag, 15. Juli. (WTB.) Heute nachmittag hat der Präsident der nichtrussischen Kommission einen Brief an Litwinow gesandt, welchem die Abschrift eines Briefes des Präsidenten dec zweiten Unterkommission vom 14. Juli beigeschlossen ist und in welchem die Resolutton dieser Unterkommission mitgeteilt wird. Diese Resolution besagt, daß bä der gegenwärtigen Lage der Konferenz es keinen Zweck mehr habe, die Verhandlungen mit der russischen Delegation fortzusetzen. Die gleiche Konklusion der dritten Unter- kommrssion ist mit den Motiven, welche die Russen herbeigeführt haben, in ihrer Zusammenkunft mit der russischen Delegation am 14. Juli dieser mitgeteilt worden. Am Ulcatag sollen drei Ätzungen der Unterkommissionen stattfinden.
Berlin, 17. Juli. Die parlamentarische Arbeitsgemeinschaft zwischen Mehrheitssozialisten und Unabhängigen führte im bürgerlichen Lager zu einer Gegenwirkung. Zwischen dem Zentrumlund der Deutschen Volkspartei fanden den Blättery zufolge, mit der Absicht, alsbald die Demokraten und die Bayerische Volkxspartei hinzuzuziehen, Besprechungen statt, die die Schaffung einer bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft der Mittelparteien zum Ziele haben. Für den Fall einer Reichstagsauflösung will man wissen, dah diese vier Parteien eine politische Ejnheits-« front im Wahlkampfe bilden.
Dem „Berliner Tageblatt" zufolge stellte ein Parlamentarier, der an den gestrigen Verhandlungen mit dem Reichskanzler beteiligt mar fest, dah die Gesamtlage e'her eine Verschärfung in der Richtung einer Reichstagsauflösung als eine Klärung oder Entspannung erfahren habe. Sozialdemokraten, Zentrum und Demokraten beantragten im Reichstag einen Gesetzentwurf, wodurch der Reichsminister der Finanzen ermächtigt wird, der Reichsregierung für Maßnahmen zum Schuhe der Republik einen Kredit von vorläufig 75 Millionen zur Verfügung zu stellen. Nach der „Voss. Ztg." soll dieser Fonds dem Reichskommissar für öffentliche Ordnung zur Verfügung gestellt werden zur Ueberwachung der Geheimorganisationen. Der Gesetzentwurf soll noch vor den Ferien beraten und verabschiedet werden.
Wie die „Montagspost" berichtet, war die Anregung des Zentrums, nach dein Vorbilde der Arbeitsgemeinschaft der beiden sozialistischen Parteien eine Arbeitsgemeinschaft der bürgerlichen Mitte von der Deutschen Volkspartei bis zu den Demokraten zu bll- öen, am Sonntag Gegenstand einer Besprechung zwischen dem Zentrumsführer Marx, dem Vorsitzenden der Deutschen Volkspartei S t r e s e - mann und den beiden demokratischen Führern Petersen und K o ch. Das Ergebnis dieser Verhandlungen war positiv. Die Frage der Arbeitsgemeinschaft wird nunmehr in den Fraktions- sihungen dieser Parteien selbst zur Beratung gebracht werden.
Zu der geplanten bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft bemerkt die „Germania" u. a.: Die Entwicklung kann dazu führen, dah der Plan greifbarere Gestalt annimmt. Es wäre falsch, nun gleich von einem Dürgerblock zu sprechen, der in unversöhnlichem Gegensatz zu dem sozialistischen Block geraten müßte; aber die Stund» scheint günstig, jetzt endlich eine breit > Basis zu schaffen, worauf eine gemeinsame Arbeit aller wahren Verfassungs- und Staats fremde möglich wäre.
Die innerpolitische Lage.
Berlin, 15. Juli. (WTB.) Der Reichspräsident hat im Laufe des heutigen Tages die Führer der M e h r h e i t s s o z i a l i st e n, des Zentrums, der Demokraten und der Unabhängigen empfangen. Am Abend sand eine gemeinsame Besprechung der Führer der Koalitionsparteien mit dem Reichspräsidenten statt. Ueber die Bildung der Arbeitsgemeinschaft der Mehrheitssozialisten und der Unabhängigen verlautet in parlamentarischen Kreisen, daß die Arbeitsgemeinschaft zunächst nicht einen vollkommenen Zusammenschluß beider Fraktionen an- strebt, sondern nur eine Verständigung Über ein gemeinsames Vorgehen im Einzelfall. Eine Vereinbarung über bestimmte Programmpunkte erfolgte noch nicht. Beide Fraktionen werden in den Debatten des Reichstages durch ihre eigenen Redner vertreten. Als Hauptzweck der Arbeitsgemeinschaft wird die Aufnahme von Vertretern der Unabhängigen in das Kabine11 bezeichnet. Das Zentrum und die Demokraten halten demgegenüber an der Auffassung fest, dah die Aufnahme der Unabhängigen in das Kabinett für sie nur dann möglich wäre, wenn zugleich die Deutsche Volkspartei in die Regierung einträte.
Zur Vorgeschichte der Ermordung Rathenaus.
Berlin, 17. Juli. Die Margenblätter veröffenllichen Einzelheiten über die Vvrbe- rettungen zur Ermordung Rathenaus. Der Schüler Hans Stubenrauch sprach zuerst von dem Plan, Rathenau im Reichstag zu erschießen, von dem er aber auf Einwendungen Günthers wieder abkam. Am 16. Juni sand in der Wohnung des Techvw zwischen Günther, Hans Techvw, Fischer und Kern eine Unterredung über den Mordplan statt, die am 22. Juni im Steglitzer Ratskeller fortgesetzt wurde. Am Tage darauf fuhren die Genannten im Kraftwagen Küchenmeisters nach Nikolassee und veranstalteten auf der Rückfahrt im Grünewald eine Schießübung mit einer Pistole. Es gelang ihnen, Werner Techvw für die Führung des Automobils zu gewinnen.
Das europäische WirLschsstsproblem.
Berlin, 15. Juli. (Wolff.) In Besprechung der gestrigen Rede des britisch enSchatz- kanzlers schreibt die.,D a i l y Chrv n i c l e"' Unser nationaler Kredit ist ge'und, aber wir bezahlen Amerika und erhalten nichts von Frankreich, Italien oder Belgien. Darunter leidet der
britische Steuerzahler, aber er leidet noch mehr darunter, dah infolge der Depression Mttteleurv- pas der Handel darniederliegt. Unsere Alliierten haben es bisher abgelehnt, uns in Lieser Beziehung durch Herabsetzung der Reparationen beizustehen. Die Notwerchigkeit dieser Herabsetzung ist angesichts der Gefahr eines deutschen Banke- rotts nun endlich von unseren Alliierten erkannt worden. Die Dankierkonferenz stellt eine internationale Anleihe an Deutschland in Aussicht, falls die Reparationen 'herabgesetzt werden. Diese Anleihe muh in irgendeiner Weise ermöglicht werden und zwar entsprechend den Bedingungen der Bankiers.
Sir John B r a d b u r h ist nach England gekommen, um diese Punkte zu erörtern. Einer der dringlichsten davon ist der Vorschlag, dah die Schulden der Alliierten an England ausgeglichen werden sollen gegen Deutschlands Schulden an unsere Alliierten. Frankreich wird also Konzessionen an Deutschland machen müssen, Deutschland wird Garantien bezüglich der Ausgleichung seines Budgets zu geben haben. Wir werden ersucht werden, unseren Alliierten die Schulden zu erlassen. Unsere Alliierten werden ein ähnliches Effuchen an die Vereinigten Staaten richten. In dieser Beziehung haben die beiden Gläubigerländer ähnliche Interessen. Man darf hoffen, dah sie eine ähnliche Politik nach Maßgabe ihrer Interessen befolgen werden. Auf jeden Fall sollte das Problem endgültig gelöst werden.
Eine neue deutsche Note-
Paris, 15. Juli. (Wolff.) Der „Petit Parr* fien" meldet, dah der deutsche Botschafter in Paris gestern der französischen Regierung eine neue Note überreichte, in der Deutschland mit» teilt, dah es sich genötigt sehe, die Zahlungen fürdasPrivateigentumeinzu stellen Auch befindet sich darin das Stundungsgesuch Deutschlands weiter ausgeführt. Was es fordert, ist die vorübergehende völlige Aufhebung der Barzahlungen auf Konto des Privateigentums und der Wiedergutmachung. Ihrerseits überreichte die Regierung die Note an das französische Kabinett weiter. Sie scheint entschlossen, das Moratorium so lange nicht mehr zu bewilligen, bis der Reparationsausschuh zuvor das Verschulden Deutschlands festgestellt hat. Wahrscheinlich wird Po.incare daraus bestehen, dah diese Erklärung vor seiner Zusammenkunft mit Lloyd George am Ende des Monats ergeben wird, daß nämlich das Moratorium erst später ins Auge gefaßt wird.
Das „Echo d e P a r i s" sagt gleichfalls, dah die Abkommen von Wiesbaden am 20. ds. Mts. in Kraft treten sollen. Das Reich hat aber noch keine Antwort erteilt. Im gleichen Blatt sagt Per- tinax, dah im Laufe der langen Unterredung, die er mit Louis Dubois und Poincare gehabt hatte, dieser betonte, dah, wenn Deutschland durch Art 234 des Friedensvertrages begünstigt werde, die Kommission die Macht habe, den Paragraph 12 des Anhangs 11 anzuwenden, der besagt, daß die Kommission periodisch die Fähigkeit zu Zahlungen Deutschlands schätzt und das Finanzsystem zu prüfen hat, damit alle Einkünfte Deutschlands, soweit es menschenmöglich ist, dazu verwendet werden, um die Verpflichtungen zu erfüllen. Wenn das nicht der Fall ist und die KonMiission ein Verschuwen des Schuldners fest stellt, so ist der Aufschub nicht zu gewähren, sondern den Regierungen Maßnahmen vorzuschlagen, die auf Grund dieser Unausführbarkeit zu nehmen sind.
Die Verhandlungen mit dem Garantickomitee,
Berlin, 17. Juli. Das Reichs- fab ine 11 hielt am Sonntag nachmittag, wie der „Lvkalanzeiger" meldet, eine Sitzung ab, in der Reichsfinanzminister Dr. Hermes und Staatssekretär Schröder über die laufenden Verhandlungen mit dem Garantiekomitee, das inzwischen Berlin verlassen hat, referierten.
Die sozialistische Internationale zur Unterstützung der deutschen Demokratie
Paris, 15. Juli. (WTB.) Der fron» zösische Svzialistenführer Jouhaux schreibt zu der Zusammenschlußbewegung der internationalen sozialdemokratischen Parteien zur Unterstützung der deutschen Demokratie: Der finanzielle Zusammenbruch stellt ein neues Problem dar das eng mit demjenigen der Aufrechterhaltung der Demokratie verknüpft ist. Der Sturz der Mark und die Teuerung, die notwendigerweise daraus hervorgehen wird, können für die Arbeiter Hungersnot und mit ihr Verzweiflung im Gefolge haben. Jouhaux Der langt deshalb ehren einmütigen Druck der Arbeiterschaft, der die Regierung nötigen soll, bei der Sanierung der deutschen Finanzen mitzuwirken. Das deutsche Proletariat unterstützen, heißt aber nicht, zugeben, daß die Regierungen durch gefährliche politische Maßnahmen, die übrigens auch unwirksam sein würden, die Propaganda der Platzhalter des alten Regimes verstärken.
Paris, 17. Juli. (WTB.) Gestern abenb veranstalteten die Sozialisten eine K u n d - gebung für den Frieden. Es beteiligten sich hieran auch die Vertreter der englischen und


