Nr. HO Awetter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Samstag, (7. Juni 1922
Die Not der deutschen Presse.
Hamburg. 16. Juni. ;jn der in Hamburg tagenden Hauptversammlung des Vereins deutscher Zcitungsverleger bringen die Hamburger Blätter teilweise beachtenswerie Degrühungsaus- lätze. Das »Hamburger Fremden blatt" schreibt u. a.;
Dicht um Feste zu feiern, sind m dieser teuern Zeit Hunderte von deutschen Zeitungsverlegern, zum großen Teil aus wei'.er Ferne, an die Wasserkante gekommen. Sorge und Rot sind es, von denen sie zur Beratung ihrer Lage getrieben werden. Äomttcn in alten Zeiten die Wege zum glanzvollen Ausbau, in den letzten Hähren die Mittel zum Wiederaufbau erörtert werden, so bar beit es sich jetzt um die brenende Frage, wie überhaupt eineleistungs- fähige deutsche Presse zu erhalten imb eine große Zahl gefährdeter Blätter vor dem Untergang zu bewah.en ist. Der Hamburger hat einen zu Daren QMid für das, was notlut, um nicht zu erkennen, daß es sich bei dieser Frage um (inen Teil von Deutschlands Existenz handelt. Er weiß, baße ein Zusammenbruch ber deutschen Presse und weiteres Eindringen fremden Kapitals zur Versumpfung roa Wirtschaft, Politik und Kultur führen würden.
Die »Hamburger Aach richte n“ führen in einem längeren Aussatz diesen ®eixmfen näher aus und schreiben am Schluß.
Politik und Wirtschaft sind in gleicher Weise .ruf die Presse angewiesen, die, indem sie ihnen dient, dem Vaterlande dient und damit Wiederaufbauarbeit im besten Sinne des Wortes leistet. Aber noch eines andern Moments fei gedacht. Die allgemeine Säuerung hat auch eine horrende Steigerung der Tücherpreife mit sich gebracht, was zur Folge hat, daß d i e Zeitung mehr denn früher weiten Kreisen unseres verarmten Volkes dieeinzigeQuelledergeistigenAah- r u n g ist, daß sie also auch in kultureller Dezie- > ung einen viel größeren Wirkungskreis und Einfluß hat, als sie vor dem Kriege je gehabt hat. Die Bedeutung gerade dieses Umstandes haben unsere früheren Feinde wieder viel früher erkannt als Michel. Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgen sie das Sterben der deutschen Zeitungen und das "Ringen des Restes um feine Existenz. Unwidersprochen verlautete schon vor längerer Zeit, daß die englischen Konsuln in Deutschland eingehend nach London berichten müssen, wie sich diese Entwicklung weiter vollziehe. Grundbesitz, Käufer, industrielle Unternehmen gehen maffenteilt in ausländischen Besitz über: wenn sich unsere Feinde erst daramnacheii. deutsche Blätter unter ihren Einfluß zu bringen oder sie im geheimen nach ihren Wünschen zu leiten, dann werden wir die sogenannte moralische und geistige Entwaffnung erleben, die noch schauriger fein wird als die Zertrüimnerung von Wehr und Waffen. Haben die Feinde das erreidü, bann ist auch die wirtschaftliche Knechtschaft nicht mehr -,u vernreiden, beim ohne ein eigenes Sprachrohr ist cd vorbei mit wirtschaftlicher Selbstbehauptung und Selbständigkeit. Wir begnügen uns mit diesen turaen Qütbeutungen, denn sie zeigen jedem Har, daß die Aot ber Zeitungen eine viel größere, allgemeine Bedeutung hat. als es auf den ersten Blick scheinen mag, und darum haben die deutschen Zeitungsverleger diesem Thema mit Recht in ihren Beratungen einen großen Raum angewiesen.
- Das Blatt schließt mit dem Wunsch daß auch die maßgebenden Stellen in Berlin daraus hören mögen.
Ham bu rg, 16. Omi (Wolff.) Die Ha i p t- acrfammlung des Vereins Z> e u t f <b c r Zeitungsverleger fand beite im hiesigen Gr wer behause statt. Ser erste Vorstände des Vereins. Kommerzienrat Krumbhaar, begrüßte die aus allen Te len des Reiches erschienenen Verleger und hieß auch die Vertreter der Behörden herzlich willkommen. In einer längeren Ansprache ging er vor allem auf die Rot» läge ber deutschen Presse ein und betonte, daß die Regierung großes Verständnis für diese Rotloge bekundete. Aber dieses "Verständnis habe sich bisher nicht in die Sfct umgesetzt. Die RtafP nahmen der Reichsregierung, so dankenswert sie auch seien, feien bisher unzureichend gewesen. D«mn ber Presse im gegenwärtigen Stadium
noch geholfen werden könne, fo müße dies lofort geschehen. Der Vorwu.s. daß die <eitang&- verlege um staatliche . il. bettelt n, m ffc er mit cl'.rr Sckä s. zur ckw isen. Der 2£eg der Selbsthilfe sei so w.it wie möglich be chriüen worden. Die eitungen dienten nicht allein vrt- votwir.schasrllckeu Zwecken, sie haben auch hohe öffentlich- Aufgaben z, erfüllen. Daraus nehmen sie das "echt, die Hill- der CeffentLid)leit in Ansp nch za reßin.-n Di: Z itungiverleger halten auch in d^i <Jei en schwerster wi t ch.ist- liche. Bedrückung ihre ZL.a'.e hoch M.t i'jccn Mitarleitern welle die Berlegerschasi in gutem Einvernehmen l den, nohlr ein Bew is ber Qlb- sckluß der Arb.i ügemei isch st mii dem R ichs- terbanb; der b-:utfd*. _n Press? s i Der Rebnet schloß mit der Versich?i ung. daß, w - sich auch die Deriältnrsse gestalten mögen, doch lie b?'u- sck en Zcitungsvei leger oushaltcn Werder, um eine kräftige und unot'hängige deutsche Press? zu erhalten.
flamens d.s Hamburger Scrats übe'b.achte Senator Dr. S t u b m a n n die herzlichsten Dünsche für einen guten Ter la N der Tagung. Die jetzige Rotlage des deutschen Zeitungs- gewerles, so führte er aus, wäre vielleicht längst beheben, wenn man sich zur Politik der geraden Linie und eines . eitweiligLN Ausfuhrverbots für Druckpapier entschlossen hätte
Für die Presseabteilung der Reichsregierung sprach Geheimrat Haas vom Auswärtigen Amt die besten Wünsche für einen erfolgreichen Verlauf aus. Weitere Begrüßungsansprachen hielten der Direktor des hamburgischen Weltwirtschafts- archivs, Geheimrat Professor Dr. S t u h l m a n n, sowie der stellvertretende Vorsitzende ber Gewerbekammer Knost. Professor Julius F. Wolfs, Verleger der „Dresdner Reuesten Rach- richten", hielt einen sehr interessanten Vortrag über die Presse, die Rachrichten und die Wirtschaft, worin er mancherlei Beschwerden des Tages gegen die Presse und das Nachrichtenwesen besprach und insbesondere darauf hinwies, daß nicht die Organisation allein, sondern die in der Prelle tätigen Männer, die nicht sorglich genug ausgewählt werden könnten, die erforderlichen Fortschritte verbürgten. Reimer schloß mit' einem eindrucksvollen Appell an die Verleger, die besten Kräfte für die Presse auszuwählen imb keine Kosten dabei zu scheuen. (Rcifoll.i Inzwischen erschien Staatssekretär Hirsch als Vertreter des Reichswirtschaftsministers und machte die Mitteilung von der Einbringung eines Gesetzentwurfs gegen die Rot der Presse im Reichstag und Reichs rat. Gr knüpfte daran die Hoffnung daß damit ein aussichtsvoller Weg beschritten sei. Seine Ausführungen wurden mit Beifall ausgenommen. An den Ehrenpräsidenten des Vereins. Dr. Robert Faber wurde ein Begrü ßungstelegramm gesandt, sodann begannen die geschäftllchen Verhandlungen.
Deutscher Reichstag.
227. Sitzung, nachmittags 2 IGyr.
Berlin. 16. Juni 1922
Zunächst werden einige Anfragen ohne allgemeines Intei-esse erledigt.
Sodamr wird ein Antrag deS Abg. D i 11 - mann (ÜISP.). mit Rücksicht auf die immer mehr an wachsenden monarchistischen Treibereien, die Interpellation über die Königsberger und bayerischen mil.taristischen Demonstrationen schon heute zu beraten, abgelehnt. Dafür stimmen nur die Unabhängigen und Kommunisten.
Gegen die gleiche Rltnber'ßeit wird sodann beschlossen, die Zwangsanleihe und Einkommensteuer heute von der Tagesordnung abzusehen.
Angenommen wird in allen drei Lesungen der Entwurf, durch den die Bezüge aus der Xlnfanoerforgung für Gefangene verzehnfacht werden. ebenso der Entwurf über die Erhöhung der Vergütungen für Quartierleistungen an die Reichswehr.
Es folgt die erste Beratung der Schlichtungs- ordnungsdebatte.
Abg. Giebel (Soz.) protestiert dagegen, daß die freien Gewerkschaften noch keine Gelegenheit gehabt hätten, zu der Vorlage Stellung zu nehmen und bringt Bedenken vor gegen die scharfen Zwangsbestimmungen des Entwurfes. Grundsätzlich flimmen die Sozialdemokraten aber dem Gedanken einer Schlichtungsordnung zu. auch wenn
Landwirtschaft.
Geh. Oekonomierat Walther t.
rm. Darmstadt, 16. Juni. Rach mehi> monatlichem Leiden verschieden ist, 67 Jahre alt. der Geh. Oetonomierat Walther - Lengfeld, seit 1916 Präsident der Landwrrtschasts- kammer, mehrere Jahre Vorsitzender des Ver-
uns deswegen vo nrabtfalcr Seite Verrat am 1 Klasftnlampf torgemorfen wird.
Reich -a. beitsminister Brauns schilderte • den Wert-egang des Gesetzes, welches das Ziel ( ixt c igt, den WiAschastssrieden zu fördern und zu fidxin Angesichts ber jetzt völlig veränderten wlltschaftllcht-n und rechtlichen Lage richten sich bu Streiks jetzt nicht mehr so gegen die Arbeiter- fd ak als gegen das Privat! rpital. Daher müssen Äi-,: cka'slämpse jetzt auf ein Mindestmaß bc- sch. linkt und an ihre Stelle friedliche Derständi- ' gung gefetzt werden. Am Streikrecht rüttelt die < Schlichiungsordnung llineswegs, fie will nur die auch von b.m Gewerkschaften bekämpften wilden Streiis veilint>em. An den Grundsätzen der Vorlage muß di Regierung festhalten. Heber Einzelheiten läßt sich reden.
Abg. Er Hardt (Ztr.) bezeichne! die Sicherung des gewerblichen Friedens als eine Lebensnotwendigleit unseres Volkes. Das Streikrecht soll nicht beschnitten werden, der Kampf darf aber nicht Selbstzweck fein, wenn er nicht zum Verbrechen werden foU._ Voraussetzung für das gute Funktionieren der Schlichtungsämier ist, daß die Vorsitzenden derselben für ihr Amt befähigt find
Abg. G r äf-Thüringen (Sntl.) stimmt dem Grundgedanken der Vorlage zu und beantragt Uebertoeifung an den sozialpolitischen Ausschuß. Die zwei Bestimmungen über die zivilrechtliche Haftung der Gewerkschaften müßten aber viel bestimmter gefaßt werden, wenn die Streilfrage tatsächlich beseitigt werden sollte.
Abg. Ruf baut er (il.) bezeichnet die Vorlage als ein Gesetz zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Gewerkschaften. Die Schlich- ti'.ngsordnung sei ein vergeblicher Versuch, den Ausstieg der Gewerkschaften auszuhalten. Wir lassen ben Arbeitern und Angestellten das Selbstbestimmungsrecht nicht mehr nehmen. Seine Partei wolle an der Verbesserung des Schlichtungswesens Mitarbeiten, lehne es aber ab, aus dem freiwilligen Schlichtungswesen ein Zwangsverfahren zu machen.
Abg. Moldenhauer (D.Vp.) steht der Vorlage .welche der Zurückdrängung des Klassen- kampses diene, sympathisch gegenüber. Wenn das Ziel, irgendwelche Streiks zu vermeiden, zu einem gewissen Teile erreicht werde, wäre das ein Segen für unsere Wirtschaft.
Abg. Dr. Fick (Dem.) macht zwar manche Bedenken gegen den bureautratischen Ausbau der Vorlage, welche der Zurückdrängung des Klassen- Ausbau mitarbeiten.
Abg. Weixner (Bahr.Vp.) bringt ebenfalls Bedenken gegen Einzelheiten der Vorlage vor, hofft aber, daß die Ausschußberatungen etwas zustande bringen, was der Arbeiterschaft und dem Dolksganzen zum Segen gereicht.
Samstag mittag 12 ilßr Weiterberatung, außerdem Zwangsanleihe, Erbschaftssteuer usw. Schluß 6'/z ülhr.
Aus Hessen.
Hessische Handwerkskammer.
Dor kurzem sand eine vorbereitende Besprechung der hessischen Staatsbauverwaltung, der hessischen Handwerkskammer und baugewerblicher Organisationen über die Neuregelung des Dergebungswesens statt. 3n eingehender Aussprache wurde das Für und Wider der seither maßgebenden 'Bestimmungen, insbesondere die Wirkung des Erlasses der hessischen Staatsbauverwaltung vom 21. Februar 1919, der u. a. auch die Anwendung eines Richtpreisverfahrens vorsieht, behandelt. Die Staatsbauverwaltung gab die Zusicherung, daß sie bestrebt sei, mit dem Gewerbe eine Regelung zu suchen, die beide Teile befriedige, und machte hieraus verschiedene Vorschläge, die als Grundlage zu weiteren Verhandlungen dienen. Ebenso wurde die Stellung von Kautionen bei Staatsarbeiten, die dem Handwerk bei den heutigen Verhältnissen große Summen Betriebskapital entziehen, besprochen und we- senllicbe Erleichterungen in Aussicht gestellt. Die Frage der Nachzahlung bei unverschuldeten Mehraufwendungen für benötigte Ma
terialien wird, abgesehen von den bestehenden Verträgen, ebenfalls entsprechend den derzeitigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, zu regeln versucht werden.
Vermischtes.
Folgenschwerer Wolkenbruch.
Oberst ein (Rahe), 16. Juni. (WTD.) Sm schwerer Wolkenbruch ist heute mittag bei heftigem Gewitter über der Stadt Oberstein niedergegangen. Die lehmigen Wasserrnassen stürzten in reißenden Strömen von den höher gelegenen Straßen herab und richteten unermeß.leben Schaden an. Vor dem Postamt liegt der Schutt und das Geröll meterhoch. Am schlimmsten wütete das llntoelter in der ‘Burg- und Kreuhstraße. Die Wasfcrmassen drangen von dort tn die unteren Stockwerke der Häuser der niedriger gelegenen Hauptstraße ein und richteten in den Wohnungen furchtbaren Schaden an. In mehreren Gäben stand das Wasser fußhoch und zerstörte wertvolle Güter. Der Schaden beträgt 15 bis 20 Millionen Mark. Die Feuerwehr und hllfsbereite Bürger brachten, soweit es ging, Hilfe. Der Straßenbahnbetrieb mußte infolge des auf den Straßen liegenden Gerölls eingestellt werden. Das llntoettcr tobte über ein* volle Stunde. Die Pahe ist zu einem reißenden Strom geworden. Von der Stadt wird eine Hilfs- Petition an das Reich gerichtet werden.
Schweres Dampferunglück in Hamburg.
Hamburg, 16. Juni. (WTB.) Der dem Brasilianischen Lloyd gehörige Doppelschrauben- Pasfagier- und Frachtdampfer „Avara", der seit etwa acht Tagen im Dock III der Vullan- toerft lag, sollte heute vormittag im Tau von vier Schleppdampfern aus dem Dock auf Strom gelegt werden. Als die Schlepper den etwas nach Backbord überliegenden Dampfer anfaßten und das Deck bereits soweit gesunken war. daß der Dampfer ins Schwimmen geriet, legte das Schiff plötzlich nach Backbord über, bekam dann Reigung nach der entgegengesetzten Selle und schlug nach Steuerbord um. Die an Bord befindliche' brasilianische Mannschaft, sowie die Leute der Werft und verschiedene andere beruflich an Bord tätige Personen versuchten, herauszukom- men und sprangen ins Wasser, wo die Besatzung von Motorbanasseir versuchte, die.Leute soweit als möglich zu bergen. Ein Teil bei- Werftarbeiter wurde durch herabfallende Inventarstücke vom Schiff getroffen und verletzt Die durch das Kentern des Dampfers auf der Steuerbord- feite eingeschlossenen Leute befinden sich in größter Gefahr. Cs ist anzunehmen, daß ein großer Teil von ihnen ertrunken ist. Sofort nach Bekanntwerden des Unglücks trat die Werftfeuerwehr mit Rettungsapparaten in Tätigkeit. Es gelang ihr, eine große Anzahl von Leuten zu bergen. Bald daraus traf die Hamburger Feuerwehr ein, die an der 'Backbordselle des Schiffes mit autogenen Schneideapparaten Löcher in die Schiffswandung schnitt, um den Leuten, soweit sie noch lebten, zunächst einmal Lust zuzuführen. Von dem vchifs ist nur ungefähr ein Drittel sichtbar. Die Masten liegen zerbrochen unter bem Wasser. Von den Schornsteinen ist ebenfalls nichts sichtbar. Wieviel Leute an Bord gewesen sind und wieviel .gerettet wurden, läßt sich noch nickt feststellen, lieber die Ursache des Kenterns ist noch nichts bekannt. Es steht zweifellos fest, daß die Dustanwerst kein Verschulden grifft.
Rur noch 571 Meter bis zum Gipfel deS Mount Grverest.
London, 16. Juni. (Wolff.) Die Mvunt- Eve re st- Expedition hat einen Punkt erreicht, der 8268 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Die Expedition ist nunmehr nur noch 571 Meter von dem Gipfel des Mount-Everest entfernt.
Mein Vetter Mus.
Roman vvn Richard Skvwronnek.
13. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Josua schwieg mb trocknete sich mit feinem Tuche die Slim. Trotz ber abendlichen Kühle waren ihm die hellen Schweißperlen darauf als» getreten, fo hatte ihn die Erinnerung an die idyncre Stunde mitgenommen. Ich fdjentte unsre Gläser voll und fließ schweigend mit ihm an, denn es dünkte mir wenig passend, jetzt irgendein banales Trofleswvrt zu sprechen. Er leerte lein auf einen Zug inb hielt es mir wieder hin, baß ich es ihm von neuem fülle, Und bann, nach einer ganzen Welle grübelnden Sinnens, fuhr er wieder fort:
p£og> folgende Kapitel könnte ich eigentlich aan/überschlagen, es nxxßm alles den in solcken Fällen üblichen Verlauf. Ich wurde in den Karzer gesperrt, obwohl ich gewiß nicht and Aus- teißen dachte, und ein paarmal inq-uiriert inö verhört trotzdem ich bem Universitäts rich ter ja gleich beim ersten Male meine ganze Geschichte erzählt hatte. Es schien mir überhaupt, als wenn mein Fall aus irgendwelchen Ursachen eine schärfere Behandlung erführe, auch das Urteil war ein ungewöhnlich hartes, dreiviertel Jahre Festung wegen Zweikampfes mit tödlichem Ausgange. Mir tag aber nichts daran, und es wäre wohl auch gleichgültig gewesen, wenn sie mich auf ndch längere Zeit eingesperrt hätten, mir war damals überhaupt so zumute, als tonnte ich garnichts mehr ernvsinden, weder Freude noch Schmerz. Was dazu an Fähigkeit vorhanden war. schien in den Tagen seit unsrer Fahrt von Königsberg völlig ausgebrarcht zu sein.
„Rur eine schwere ©rmbe hatte ich damals. Das war, als mein alter Vater mich aus die Rachricht von meiner Verhaltung hin besuchen kam. Mein Bemühen, ihm den ganzen Fall klar zu machen, war vergeblich. Er kam in feinen einfachen Anschauungen nicht darüber hi'aus, daß fein Lieblingssohn „sitzen" mußte wstl er ein Menschenleben auf dem Gewißen hatte . . .
„Von Helene hatte ich seit bem Tage, da ich von ihr Abschied nahm, nichts gehört. Frellich hatte ich auch teilten Versuch gemacht, etwas über sie und ihr Ergehen in erfaß rang zu bringen. Ich weiß auch nicht, ob ich ihr nicht ausgewichen träte, hätte ich sie in diesen Tagen einmal zufällig getroffen. Ich hatte das Gefühl, als tonnten und dürften wir nicht utehr z jjammentommen. so sehr sich auch alles in mir gegen diesen De- banten an eine Trennung für immer auf bäumte.
„In den ersten Wochen meiner Festungshaft trat ich einfach ttank vor Sehnsucht mb Bangen. Dann fetzte ich mich hin und fchrieb lange Briefe, an sie und ihren Vater. Und wenn ich damit fertig war. dann zerriß ich alles wieder in tau» scrtd Feyen. ilni> wohl hundertmal stand ich oben auf der Festungsmauer und überlegte, ob es nicht das beste wäre, die Augen zuzumachen unb herumerzuspringen. Jedesmal aber, wenn ich mich schon zurückwatrdte. um den Anlauf zu nehmen, regte sich wieder der brutale Hang zum Geben und zugleich im untersten Herzen ein kleiner Schimmer von Hoffnung. Dann faselte ich mir etwas vor von dem lindernden Einfluß der Zeit, diese alberne Phrase, von Leuten erdacht, die nie in ihrem Leben einen richtigen Schmerz empfunden haben, ging in mein Kasemattengelaß zurück und fing nach einer Stunde das alte Spiel von neuem an.
„ilnb fo ging es denn weiter, die ganz: Zeit'und eines Morgens war ich recht üb:r- rafcht, als mh angeiündigt wurde, ich hätte mich auf der Kommandantur ei.tzustnden, um meine Papiere in Empfang zu uehmm, da ich am Mittag frei sei und mein Bündel schnüren müßte Ich hatte es längst vergessen, nach dem Kalender zu sehen unb die Tage meiner Gefangenschaft zu zählen. Unb als ich mit meinen Siebensachen unten im Städtchen auf dem Bahn- Hofe sas, mein Sergeant mih verlas en hatte, betont ich ordentlich ein Heimweh nach meiner Stube mit den eisernen Gardinen. Am liebsten träte ich umgekehrt unb hätte gebeten, mich wieder einzusperren.
Da oben war es so bequem gewesen. Man brauchte feine andern Entschlüsse zu fallen als.
ob es geraten sei, schlafen zu gehen oder auf- zu stehen — int übrigen regelte sich das Leben ganz von selbst, und cs war, als wenn die dicken Mauern nichts Unangenehmes herein ließen. Und jetzt mit einemmal war ich frei und sollte selbst, aus eigener Entschließung, beftinunen, was mit mir zu geschehen hätte. Daß ich ein neues Leben zu beginnen hatte, war mir ja klar. Es galt mir einen bestimmten Entschluß zu fassen und ihn in Handlung umzufetzen. Das war aber leichter gesagt als getan, es schien, als hätte ich "ht dem neun monatlichen Leben da oben auf der Festung mein bißchen Energie vollständig cingcbüßt.
..Endlick, nachdem ich ein paar Stunden lang hinter einem fchal gewordenen Glase Bier brütend gesessen hotte, vasfte ich mich Io wett auf, noch dem Billetschalter zu gehen, v.ellercht daß mir da die richtige Eingebung käme. Vor mir trat'ein Mann an das Schubfenster und verlangte ctnS dritter nach Halle.
„Das war ein sogenannter Wink des Schicksals." Der Gedanke, zunächst einmal nach Halle zn fahren, ehe ich etwas andres unternahm, hatte mich schon die ganze Zett über beschäftigt, ich hatte mich nur an seine Aassührang nicht heran- getraut. Jetzt aber trat ich kurz entschlossen vor. kaufte mir ebenfalls ein Bill et nach Halle und fragte, wann der Zug abginge.
„In zehn Minuten!' Ich hatte also gerate noch Zett, mein Gepäck zu besorgen und einzusteigen.
„Als ich an Zuge saß, erschien es nur unbegreiflich. daß ick mit der Ausführung biefes Entschlußes überhaupt hatte zögern können. Es war dock einfach felbstverftändlich. faß ich nach Halle fahren und enttoeber mit Helene selbst oder ihrem Vater sprechen mußte, ehe ich irgendeinen für meine Zuttrnft bestimmenden. Schritt unternahm. Was ich den beiden sagen wollte, war mir frellich nicht Har, aber ich verließ mich darauf, daß ich im gegebenen Augenblick schon bas Richtige finden würde, und je mehr der 3ug sich Saite näherte, desto zufriedener wurde ich mit dem gefaßten Entschlüße. Mir war, als könnte sich alles noch zum guten wenden.
Am andern Morgen formte ich kaum die Zeit "erwarten, bis ich schicklicherweise mich auf
den Weg machen durfte. Endlich schlug es eit Uhr unb zehn Minuten später stand ich vor der Wohnung des Pastors Dähne, r.ach der ich mich schon damals, im Februar, crtuibigt hatte.
„Pochenden Herzens zog ich die Glocke, eine alte, freundlich blickende Frau öffnete die Tür und' fragte nach meinem Begehren.
„Ich mochte gern den Herrn Pastor Dähn« sprechen."
„Die alte Frau sah mich erstaunt an, alS fet eS mit mir nicht ganz richtig.
„.Den Pastor Dähne? Ei Henrjehmersch, bert gibt es ja gar nicht mehr, ber ist ja schon vor mehr als sechs Monaten gestorben.'
„Und seine Tochter, Fräulein Helene?'
,Ach Gott, das arme Kind! Erst den Bräutigam verloren — wissen Sie, ein andrer Student hot'n umgebracht, aber sie haben den schlechten Kerl erwischt und eingesperrt — unb nachher, tau in drei Monate draus, den Rater I*
.„Und wo ist sie jetzt?' fragte ich ungebatbig weiter.
„Ha, das kann ich nun nicht sagen, aber ich glaube. Verwandte tn Berlin haben sie zu sich genommen?
„.Können Sie mir aber vielleicht sagen, wo ich den Aufenthaftsort von Fräulein Dähne erfragen formte ?‘
„.Das weiß ich mm auch nicht und ich glaube kaum, daß Sie es hier erfahren werden. Das Fräulein ist gleich noch dem Begräbnis mit einer fremden Dame, die von Berlin gekommen fern soll, abgereist. Mehr wißen wir alle nicht!'
..Ich bat wegen der verursachten Störung um Entschuldigung und wandte mich zum Gehen. Aber ich hatte Mühe, die Treppe herunterzu- tommen, denn um mich herum drehte sich alles im Kreise unb meine Knie wankten.
Aus diese Auskunft wir ich nicht gefaßt getr-tfen. Sie zertrümmerte a les, was ih mtc auf gebaut unb ausgemalt. hatte, und mir wurde so grenzenlos eleird zumute, wie nie zuvor: selbst nicht tn der trübsten Stunden meiner ersten Festungszcit hatte mich solch ein Jammer übet mein verpfuschtes Geben gepackt
(Fortsetzung folgt.)


