Ausgabe 
16.1.1922
 
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trag enthält alle gesetzlichen Bestimmungen und berücksichtigt alle Punkte, die für eine fruchtbare kaufmännische Lehre von Bedeu­tung sind.

f 3 n der Oberh. Gesellschaft für Natur- und Heilkunde (Naturwissenschaft­liche Abteilung) sprach am Donnerstag im Hör­saal des Physiologischen Instituts Professor Dr. Küster über Mihformen im Pflanzen­reiche: Probleme der modernen Teratologie. Linier Teratologie versteht man die Lehre von den Mißbildungen. 3m Tier- und Pflanzenreich sind solche weit verbreitet: an Pflanzen fallen auch dem ungelehrten Beobachter mit den Viertelligen Klee­blättern, den gefüllten Blüten, den fleischigen Massen der Blumenkohlblüten allgemein bekannte Pflanzenmihformen auf. Der Dortragknde machte cs sich zur Aufgabe, den Wandel, den die Stellung der Mißforrncn des Pflanzenreiches in der Wissenschaft durchgemacht hat. in Kürze darzulegen und die mannigfaltigen Pro­bleme zu cr[ä item, zu Deren Bearbeitung das Stu­dium der Pflanzenmihformen angeregt hat. Ihr» sprünglich war das 3nteresse an diesen lediglich das des Kuriositätensammlers, der sich damit be­gnügte, wunderliche Formen zu registrieren. Siner der ersten, der sich in wissenschaftlichem Sinne mit den teratologischen Bildungen beschäftigt hat. war Goethe, dessen Metamorphosenlehre auf den an gefüllten Blüten beobachteten Erscheinungen be­gründet ist. G o e t h e s Betrachtungsweise war die vergleichende, die auch spätere Autoren zu vielen fruchtbaren Gedanken geführt hat. Besonders nach­drücklich ist von vielen Gelehrten die Frage dis­kutiert worden, ob die bei den Pflanzen gefundenen Mitzformen Aufschluß über das Aussehen der Ahnen heutiger Pflanzenarten geben. Der Dedner hält bei solchen Folgerungen größte Zurückhaltung für geboten, gibt aber zu, Daß eine Reihe von Mißbildungen bekannt sind, die wie ein Rückschlag zu Ahnenformen aussehen. Hiernach wandte sich der Redner zu einer Schilderung dessen, was die experimentelle Behandlung der Teratologie ge­leistet hat. Ein Blick auf die mannigfaltige Formenwelt der Gallen lehrt, was für verschieden­artige abnorme Formen ein Pflanzenlöcvec unter der Einwirkung bestimmter Agentien zu produ­zieren vermag. P e y r i t s ch hat sehr erfolgreich gearbeitet, indem er parasitisch lebende Insekten und Milben auf geeignete Pflanzen übertrug: diese lieferten hiernach die verschiedenartigsten Blüten­anomalien: Blaringhem zeigte, was für Mih­bildungen viele Pflanzen nach Verwundung pro­duzieren : V ö ch t i n g hat uns über den Einfluh der Belichtung auf die Vorgänge der Blütengestal­tung belehrt. Die vielseitigsten und aufschluhreich- ften Ergebnisse verdanken wir den großen Ver­suchsreihen von G. K l e b S. der fast alle bekann­ten Kategorien von Dlütenanomallen künsllich her­vorzurufen verstand. Zum Schluh wies der Redner aus die grohe Bedeutung derinneren Fak­toren" hin. die bisher beim Studium der Terato- genese noch nicht genügend berücksichtigt worden wären. S p e r l i ch s neue Beobachtungen über die phyletische Potenz" eröffnen nach Ansicht des Vortragenden hier neue und verheihungsvolle Perspektiven. S p e r l i ch hat an Alectorolophus festgestellt, dah Die Nachkommenschaft einer famen-- tragenden Pflanze um so geringer an Wert ist. je später der Sarnen entsteht. Die aus spät reifenden Samen sich entwickelnden Pflanzen unterscheiden sich von den frühangelegten durch ihre Neigung zur Bildung allerhand Mihforrnen. Der Redner erörtert die Theorien, die diese neuen Befunde zu erklären geeignet scheinen.

Kreis Schotten.

e. Schotten, 12. Ian. Der Voran­schlag von 1920 schloß für unsere Stadt mit einem Fehlbetrag von 100 000 Mark ab: hiervon sollen 2/3 etwa 60 000 Mk. durch Gemeindeumlagen aufgebracht werden. Hm die Rechnung der Stadt für das Rechnungsjahr 1920 abschliehen und den Haushall ordnen zu können, wird die Erhebung eines weiteren Steuerzieles nötig sein, dessen genaue Höhe erst nach erfolgtem Heberschlag festgestellt werden kann. 3m Vor­anschlag für das Rechnungsjahr 1921 beliefen sich die Einnahmen und Ausgaben auf 710 262 Mk. gegen 100 000 Mk. in den Friedens­jahren. Ser ungedeckte Fehlbetrag von 220 000 Mk. soll durch Gemeindeumlagen in vier Zielen beschafft werden. Der Holzerlos blieb in 1921 gegen das Vorjahr um etwa 50 000 Mk. zurück, wahrend die von der Stadt zu leistenden Kreisumlagen von 75 000 auf 130 000 Mk. stiegen gegen 12 00015 000 Mk. in Vorkriegszeit. Der für 1921 festgesetzte Zuschuß f ü r die Schu­len betrug 115 245 Mk., wovon 66 589 Mk. auf die Realschule entfallen. Hierbei ist jedoch die neueste Besoldungsordnung für Staatsbeamten nicht berücksichtigt. Die Kosten für die Sicherhell belaufen sich auf 27 450 Mk.. während die Hnter- Haltung und Verzinsung der städtischen Gebäude

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Nr. (3 Zweites Blatt

Keynes' neues Buch über die Revision des Vertrages.

Der englische Volkstoirtschaftler I. M. Keynes, der durch sein Werk überDie wirtschaftlichen Folgen des Friedens" einen Weltruf erlangt bat. veröffentlicht, wie wir bereits mitgeteilt haben, ein neues Buch unter dein TitelEine Revision des Ver­trages". Er betont darin, dah die in seinem ersten Werk ausgesprochenen Anschauungen von der Sinnlosigkeit und Hnmöglichkeit der Versalller Bedingungen, die damals so heftig bekämpft wurden, nunmehr so allgemein an= erkannt worden sind, dah seine neuen Vor­schläge zur Lösung des Wiedergutmachungs- Problems englischen Ohren weder ungewöhn­lich noch beleidigend, ja nicht einmal pro- jeutfd) klingen werden.In England, agt er, hat die öffentliche Meinung einen .vollständigen Hmschwung er­fahren atnd der Premierminister bereitet sich vor. die n ä ch st e Wahl z u gewinnen unter dem Schlagwort des an Deutschland erlassenen Verbots zu zahlen, der Beschäfti­gung für alle und eines glücklichen Europas". Keynes glaubt feftstellen zu können, dah die Gefahren, die er vor zwei Jahren drohen iah, zum größten Teil glücklich vorüberge­gangen sind.Die Geduld der Völker Euro­pas und die Standhaftigkeit chrer Institutionen staben die schlimmsten Erschütterungen über­standen". die ausgingen voneinemFrie- den.der Gerechtigkeit, Güte und Weisheit beleidigte. Das war nach der Ansicht von Keynes nur möglich, weil die Taten klüger waren als die Worte.Es ist nur eine leichte Hebertreibung", meint er, .jnenn man sagt, dah kein Teil des Friedens­vertrages ausgeführt worden ist mit alleiniger Ausnahme derer, die sich auf die Grenz- festsetzung und auf die Entwaffnung beziehen. Viele der unheilvollen Ereignisse, die ich bei der Ausführung der Wiedergutmachungs- varagraphen voraussagte, sind nicht einge- troffen, weil kein ernsthafter Versuch gemacht wurde, ihre Ausführung zu erzwingen. Trotz der HandelSswckungen und der Arbeitslosig- ieii, unter der besonders Großbritannien und die Vereinigten Staaten leiden, ist nach Keynesdas Schlimmste überwunden", und Europa ist unter der Oberfläche gefestigter und gesünder, als es vor zwei Jahren war. Zwei Hindernisse bleiben", sagt der Ver­fasser.Der Vertrag, obwohl nicht ausge­führt, ist nicht geändert. Hnd derjenige Teil der Gesamtvrganisation, der im Geldumlauf, in den öffentlichen Finanzen und im Waren­austausch besteht, bleibt fast ebenso schlecht wie er war. In den meisten europäischen - Ländern ist noch kein Ausgleich geschaffen 'wischen den Staats ausgaben und dem Em- ' kommen, so daß die Inflation fortdauert und ? 'er internationale Wert der Währungen un­sicher und schwankend ist."

Die Vorschläge, die Keynes im einzelnen für die Revision des Vertrages macht, sind nicht neu und verhältnismäßig einfach. Er verlangt, dah die Alliierten ihre Ansprüche für Pensionen und Entschädigungen streichen, die Zweidrittel der ganzen Summe ausmachen, -Die Deutschland bei strenger Ausführung des Vertrages schuldet, und er nennt diese An­sprüche einen Akt internationaler Hnsittlich- feit. Sodann sollten Großbritannien und, wenn möglich, auch Amerika, dem er eindringlich ms Gewissen redet, alle Schulden streichen, die ihnen von den europäischen Regierungen geschuldet werden; Deutschland soll 12 60 Millionen Gvldmark jährlich 3 0 Jahre langzahlen. Auch einen Ver­teilungsschlüssel dieser Summen gibt er an. Er meint, man solle Deutschland nur so viel zahlen lassen, als es wirklich aufbringen könne und als es selbst nicht für ungerecht halte. Dadurch würde eine ständige und regelmäßige Zahlung gewährleistet sein. Wenn Frankreich auf diese Vorschläge eingehe. Dann werde es feine nationale Stellung in eine der festesten, sichersten, glücklichsten Der ErDoberfläche um- wanDeln.Wenn es aber, wie Shhlock, sein PfunD Fleisch verlangt, Dann lasse man Das Gesetz walten. Möge es sich von

Deutschland nehmen, was es kann, und zahlen, was es Den Vereinigten Staaten unD England schuldet." Wie I. A. Cummings in einer Besprechung des neuen Buches hervorhebt, spricht Keynes in England zu schon zu seiner Anschauung Bekehrten, aberdas Buch hätte in Französisch geschrieben werden müssen".

Die Kohlennot.

Auf die Hrsachen der Kohlennot sind wir bereits mehrfach eingegangen. In Den nachstehenden, uns von fachmännischer Seite zugesandten Ausführungen werden die Gründe für die mangelhafte Belieferung mit Heizstvffen zusammenfassend folgendermaßen erläutert:

Die diesjährigen Wintermonate finD mit Ausnahme weniger milder Tage Mo­nate des Frierens im wahrsten Sinne des Wortes geworden. Man friert in den Straßen­bahnen (die Zeiten, wo sie noch geheizt wur­den, sind lange vorüber), man f-r-i-e-r-t in den Eisenbahnwagen man friert im Bureau und man friert zu Hause in seinen vier Wän­den munter weiter! Die Zentralheizung ist lau­warm der Ofen ist lauwarm Kvch- und Heizgas gibt es in minderwertiger Be­schaffenheit und stellenweise in Sperrstunden und ähnliche Annehmlichkeiten stehen wie dräuende Gespenster am Horizont, im Keller sucht man vergeblich nach Den Wintervor­räten an Koks unD Kohlen! Man schreit nach ihnen, man schreibt lange Artikel in Den Zei­tungen Doch man schreit unD schreibt ver­gebens!

Wer ist schuld wo ist Die Hrsache Dieses Kvhlenmangels zu suchen? Der gut unterrich­tete Leser sagt:Die Entente!"Der Weg­fall der oberschlesischen Kohle!" Recht hat er!

Das sind zwei Faktoren, die schwer auf Dem deutschen Volk lasten -- doch getragen werden müssen. HnD doch geht unsere heu­tige Kohlennot, der Mangel an Industrie- kvhle und vor allem an HauSbrandkohle und Kohle zur Gaserzeugung nicht allein zu ihren Lasten. Zwei andere Hrsachen sind es. Die die Kvhlennot wesentlich verschärfen, und Die geänDert werden können und müssen; sie stellen einen zu behebenden Hebelstand Dar, unter dem unsere gesamte Volkswirtschaft zu leiden hat.

Zurückgegangene Förderung und schlechte TranSpvrtverhält- nisse haben die Lage in unverantwortlicher Weise verschärft. Es ist unzutreffend, wenn sich die Eisenbahn auf Wagenmangel beruft!

Vor Dem Kriege war Die Durchschnittliche werktägliche Wagengestellung im Ruhrgebiet 32 000 Wagen, in Oberschlesien 11500 Wa­gen. In Der zweiten Oktvberhälfte dieses Jahres, in welcher Zeit keinerlei Störungen Vorlagen, waren Die entsprechenDen Zahlen für das Ruhrrevier rund 20 000, für Ober­schlesien 8000, währenD in Der zweiten De- zemberwvche im Durchschnitt arbeitstäglich im Ruhrrevier 15 500, in Oberschlesien vielleicht 7000 Wagen gestellt würben. Wenn man hört, daß in Der zweiten Oktvberhälfte Dieses Jahres gegenüber Der verlangten Wagenzahl im Ruhrgebiet 127 000 Wagen fehlten, wäh­renD im Jahre 1920 nur 41 000 Wagen zu wenig gestellt toerDen konnten, so wirft Dies ein bezeichnendes Licht auf Den StanD Der Dinge. Hm so auffälliger ist Dieser Rückgang m Der Wagengestellung als Der Lokomotiv- unD WagenbestanD der Eisenbahnen ftänDig zugenvmmen hat unD sich heute höher stellt als in Der Vorkriegszeit; unD Das noch bei verminderter Gleislänge vermindert durch die Bahnen in den abgetrennten Gebieten. Auch Der PersonalstanD Der Eisenbahnen hat sich gegenüber Der Vorkriegszeit erhöht. Ent­gegen allen Mitteilungen, Die in letzter Zeit vielfach Durch Die Presse gingen und wahr­scheinlich von Dem Daran interessierten Ver- kehrsministerium veranlaßt tourDen, genügt heute Die Bahn Durchaus nicht den AnfvrDe- rungen, Die an sie gestellt toerDen, hauptsäch­lich aber nicht den Anforderungen, die die Kohlenbeförderung an sie stellt. Hm so schär­fer muß dies gerügt werden, als wie ge­sagt es nicht etwa an genügendem Trans­

portmaterial fehlt, sondern nur der Wagen­umlauf ein viel schleppenderer geworden ist. Die Gleise sind verstopft! Die Derschiebe- bahnhöfe sind entweder verstopft oder sie stehen vor der Verstopfung durch massenhaften Wagenandrang. Wo kommen diese Wagen aber her, wenn doch Waaenmangel herrscht? Die Wagen werden nicht bewegt das Ganze arbeitet nicht! Im Ruhrgebiet müssen die geförderten Kohlen auf Halde gestürzt werden, well die Möglichkeit fehlt, sie abzu- transportieren.

Hnd hier setzt eine böse Folge des Ver­schuldens der Eisenbahn ein! Die Bergarbeiter haben keine Lust mehr zu fördern, wenn sie sehen, daß die geförderte Kohle nicht ab­transportiert wird. Sie lehnen den Achtstun­dentag für die Bergarbeiter ab und weigern sich vor allem, Heberschichten zu verfahren, was um so schwerer ins Gewicht fällt, als die Förderleistung in Den Dergrevieren ohnehin schon weit hinter Der FrieDenSleistung zu­rückbleibt, ja sogar- gegen Das Vorjahr und gegen Anfang 1921 sich verschlechterte. Die Bergarbeiter sind Der Meinung, well Der Ab­transport Der Kohle nicht funktioniert, habe ihre Mehrarbeit keinen Wert.

Vor Dem Kriege waren in Den Kohlen­gruben Des Ruhrreviers 391000 Bergleute beschäftigt; sie förderten zusammen im Durch­schnitt arbeitstäglich 380 000 Tonnen Kohle, also Der Einzelne je 972 Kilogramm. Jetzt (Ende Oktober 1921) beträgt Die Belegschaft 552 000 Mann, also über 41 v. H. mehr, die mittlere tägliche Förderung aber im ganzen nur noch knapp 300 000 Tonnen, das sind über 21 v. H. weniger, und, auf den Kopf der Belegschaft bezogen, nur noch 542 Kilogramm täglich, also 44 v. H. weniger? Dabei stellte sich Der Durchschnittliche Schicht- lvhn eines Häuers im Jahre 1914 auf 6,47 Mark, im Oktober 1921 Dagegen auf 123,83 Mark, also reichlich das 19fache und, bezogen auf die mittlere Leistung auf reichlich das 34fache.

Zur Besserung unserer Kohlenlage kann also nur ein Appell dienlich sein an alle Die, welche in den Kreisen Der Bergarbeiter unD Eisenbahner Einfluß haben. Diese Kreise müs­sen sich mit aller Energie Dafür einsehen, aufklärend zu wirken unD WanDel zu schaffen. Pflicht jeDeS Deutschen ist eS, an seinem Platze alles zu tun, was in seinen Kräften steht, um Der Allgemeinheit zu Dienen!

.. .. . ................. <&an> w ii

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 16. Ian. 1922.

* Amtliche Person alnach richten. Am 11. Januar wurde Der Förster der Forstwartei Feldkrücken Julius G e b h a r 0 zu Felokrücken in gleicher Diensteigenschaft in die Forstwartei Ru­dingshain, Oberförsterei Feldkrücken, verseht.

** Beleuchtung Der Eisenbahn­wagen. Die bisher geltenden Bestimmungen über die Einschränkung des Gasverbrauchs sind nunmehr aufgehoben worden; es sollen wieder sämtliche Lampen in den Wagenabtei­lungen während Der Besetzung Durch Reisende brennen. Die erforderlichen Maßnahmen für Die Inbetriebnahme Der ausgeschalteten Lam­pen sinD von Der Eisenbahnverwaltung so­fort eingeleitet worden. Naturgemäß wird Die Anstellung aller Lampen nicht bei allen Wa­gen gleichzeitig vorgenvmmen werden können; es ist jedoch Sorge getragen worden. Daß Die sämtlichen Wagen so rasch wie möglich D-Zugwagen unD In Nachtzügen laufenDe Wagen zuerst wieder voll beleuchtet wer­den, und daß auch Die kleinen Glühkörper im früheren Hmfange wieDer Durch größere ersetzt toerDen.

" Kaufmannslehre Lehrver­trag. Man schreibt unS: Bei Dem Antritt einer kaufmännischen Lehre ist Der Abschluß eines schriftlichen Lehrvertrages unbeDingt er­forderlich. Zu Diesem Zweck gibt der Deutsch- nationale HanDlungsgehilfen-DerbanD Ham­burg einen Musterlehrvertrag kostenlos an Die Eltern unD Vormünder ab. Der aus lang­jähriger praktischer Erfahrung auf Dem Ge­biete Der Berufsberatung und gewerkschaft­lichen Rechtsschutzes herausgewachsene Ver­

Montag. (6. Januar 1922

Die Blüchermchten.

Roman von Hanns von Zobeltitz.

4. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Es ging dem Greise doch über die Hutschnur. Er fließ mit dem Säbel auf den Fußboden, daß es dröhnte.Nehmen Sie 's mich nicht übel, das ist ja Der reine Hnfinn.

Nehmen Sie 's mir nicht übel, Durchlaucht, beleidigen lass' ich mich von niemand. Auch nicht von solchi großem Mann wie Der Herr Feld- marschall sind. Wenn ich auch nur eine arme Witfrau bin, meine Ehre hab' ich im Leibe!"

Er hat sich auf Die Lippen gebissen, hat ein paar Momente mit Der Antwort gezögert Hat Dann gesagt:Wir wollen doch ruhig bleiben, Frau von Giese, wollen verständig miteinander reden"

3d; red' ganz verständig, glaub' ich."

Allo, Frau Muhme: fünfe sind's. Hnd der Kadett. Die Zeiten sind schiwer. Sie könnten doch, weiß Gott, froh sein, so eines von den füni Mädchen aus Dem Hause käme, in eine gute Assiette und kriegte einen honetten Mann, and Sie wären ein Stück Sorge los. D'.e Männer wachsen heut nicht wie Die Acppel auf Den Bäume- ken. die, Die wirklich heiraten wollen. Cb Da die Aelteste oder Die Jüngste oder eine aus Der Mitte zuerst 'rauskommen, ist Doch ganz egal. So sie nur glücklich wird. Also, liebe Frau Muhme, überlegen Sie's"

Ich brauch' nichts zu überlegen."

Es wird Sie gereuen."

DaL wird's nicht."

Der Herr von Nedlitz wird selber kommen, sich präsentieren."

Ist gar nicht vonnöten. Ich laß nicht man­schen unter meine Töchtings. Kommt einer, Der mir paßt, und er will Die Luise, meine Aelteste, so werd' ich nicht Nein sagen."

Also, Frau Muhme, die Kinder selber wol­len Sie gar nicht befragen."

Gibt's bei mir nicht. Mein Herr Vater sellg hat mich auch nicht gefragt."

Aber wenn solch Mädelchen nun verliebt ist? Bis über Die Ohren verliebt, sozusagen?"

Ach wasi Die Liebe ... die kommt schon in Der Ehe. Hnd so sie nicht so kommt, wie solche Dummen Dinger sie träumen, geht es auch. Es muß gehen."

Hat Der Alte Den Kopf geschüttelt. Was für eine rabiate Seoul Tie als Schwiegermutter: das muh auch schön sein. Hnd war doch eine tüchtige brave Frau, hatte sich immer durch­geschlagen. hatte überall Respekt gewonnen. Da mein Himmel: aber ein Starrkopf, ein Starr­kopf! Könnt' mit Dem Eisenfresser, Dem einen Strang ziehen.

Also, gnädigste Frau Muhme, ich soll geben, so ich recht verstanden, und dem Herrn von Nedlitz tagen, Dah er vergeblich gehosll hat?" sagt er end­lich, nun ganz förmlich, hat Den Sibel an Die Hüfte gezogen und hebt Den Hui auf.

Ist nicht anders. Hnd bleibt mir nur, Eurer Durchlaucht zu danken für Die Ehre -"

Nicht vonnöten," sagt er. Küßt Der Frau von Giese, wieder ganz förmlich, Die Hand.' Fugt Dann noch, recht von Herzen, hinzu:Tut mir bitter leih . . am des lieben Fiekchens willen ..." Hnd gebt. Geschlagen, her Sieger von der Katz-

bach, von Möckem und Paris. Der Marschall Vorwärts, der Fürst von Wahlstatt.

Sie, die Frau von Giese, aber steht unD horcht, bis Die Flurtür zugeschlagen. Hnd Dann ruft sie:Sophie! Sophie!"

Lang ist Die Rede mit dem Kinde nicht ge­wesen, ganz kurz vielmehr. Hat dem Fiekchea nur eine knappe Strafpredigt gehalten, daß sie sich jegliche Techtelmechtelei verbäte, und was sie Dem Herrn Feldmarfchall. Durchlaucht, Der um sie als Fürsprecher Des Herrn Hauptmann von Neblih gekommen, erklärt. Hat das Fi kchen geschluchzt, hat große dicke Tränen in Den Kornblumenaugen gehabt. Aber als Die Frau Mutter am End streng gefragt:Hast gut verstanden." hat sie Den asch­blonden Kopf tief gesenkt und Die Hand geküßt.

Sind halt gut erzogene Kinder gewesen, die Giesemädels . . ., haben aufs Wort parieren ge­lernt . . .

Drinnen aber, In hem langen kahlen Hof- zimmer, wo die fünf schmalen Mädchenbellen nebeneinander standen wie in einer Kaserne, immer nur mit einem engen Gang zwischen zweien, hat sich Das Fiekchen auf ihr Bett geworfen, hat in Das Kopfkissen gebissen und bitterlich ge­weint. Die vier Schwestern haben um sie gestan­den und trösten wollen. Doch das machte die Tränen nicht versiegen. Bis die Julie sich beugte, ihre beiden Hände nahm und leise und schmerzlich flüsterte:Armes Fiekchen ... ich weiß, wie es tut . . Da hatte sie sich aufgerichtet und ist her Schwester um den Hals gefallen, hat sie zärt­lich an sich gerissen, sie geküßt, wieder und wieder.

Das ist für die Giese ein ereignisreicher Tag gewe'en, Sonntag, Der 29. Januar Anno 1815.

Am Mittags tisch haben zwar Mutter und

Töchter recht wenig oder gar keinen Apveiit ge­habt. Nur Kurt. Der Kadett, her auf Urlaub ge­kommen war, hatte feste -ugehaaen, trvhbem die Rüden etwas ungebrannt schmeckten; aber ha die andern wenig aßen, konnte er sich nachher an Dem Speckeierkuchen für seinen Kadettenmagen etwas übriges an tun. Die Frau Majorin prä- fihierte mit säuerlichem Gesicht. So recht wohl war ihr doch nicht im Sinn. Dachte: hast am End' Den Feldmarschall, Durchlaucht, erzürnt; warst wieder einmal zu heftig und zu hastig, wie es Dir Der gute Giese oft genug unD immer vergebens vor­gehalten. Doch man kann eben nichts gejen sein Temperament, so das Durchgehen und Purzel­bäume schlagen will Gott sei mein Zeuge: erzür­nen wollt' ich den Alten nicht, her so viel für uns getan.

Das war das eine Aber zum andern haben auch die Mädels sie (Dotiert. Saßen da wie Die Oelgötzen, konnten Die Mäuler nicht auftun, nicht zum Schwatzen, nicht zum E.sen. Hnd plapperten doch sonsten wie Die Spatzen und hatten alle mit­einander gesunden Hunger. MU Ausnahme etwa von der Julie, die immer nur naschte, als ob sie ein Kanarienmatz wäre. Das Dumme Ding wollte und konnte nicht begreifen, daß verloren ver­loren ist, und Der Mensch sich wieder zurecht fin­den muß. Muß! Zurechtsinden muß sich das Fiekchen auch und wird's. Tut Weh, natürlich. Kann einem auch leid jem. Armes Mädel ich muß aber eben Verstand für alle haben. Hnd laut sagt sie: Fiekchen, mein Siebl^g, nimm Doch noch ein Stückchen Eierkuchen. Kurt, schieb Sophie mal Die Schüssel hin!"

(Fortsetzung folgt)