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Metzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Zamrrag, |5. Juli 1922

Ar. M Swettes Blatt

Deutscher Reichstag.

251. Sitzung vom 14. Juli, nachmittags 3 Uhr.

Der Gesetzentwurf über die Schaffung eines Freihafens in Kiel wird nach längerer Aus­sprache, in der auch die gleichberechtigten Wünsche von Flensburg und Wilhelmshaven zur Bespre­chung gelangten, in allen drei Lesungen ange­nommen.

, Der Einspruch des Reichsrates gegen die vom Reichstag getroffene Erhöhung der Einkommen­steuer. bei der die Regierungszuschläge für Mlli- tärrentcnempfänger Wegfällen sollen, wird da­durch erledigt, daß eine neue Abstimmung vor­genommen werden soll mit der Feststellung, ob die verfassungsmäßige Mehrheit vorhanden ist.

Der Gesetzentwurf, tyelcher den 11. August als zweiten Rationalfeiertag einsetzt und entsprechende Beflaggung der öffentlichen Gebäude sowie Schul­feiern vorsieht, wird dem Rechtsausschuh über­wiesen.^

Das Gesetz gegen die wirtschaftliche Rotlage der Presse geht an den volkswirtschaftlichen Aus- fchuh, das Disziplinargeseh für die Wehrmacht wird dem Ausschuß für die Militärgerichtsbar­keit überwiesen. >,

Im Laufe der kurzen Debatte bringen Ver­treter der Sozialisten und Kommunisten Be- 'denken gegen Einzelheiten- der Vorlage vor und sehen in dieser einen Versuch zur Wiederherstel­lung der Militärjustiz.

Die vorher zurückgestellte Abstimmung über Len vom Reichsrat angefochtenen Gesetzentwurf über Teuerungsmahnahmen für Militärrentner ergibt die einstimmige Annahme der abgeänderten Vorlage. \

Es folgt die zweite Beratung der Entwürfe

gegen Preiswucher und Schleichhandel.

Reichsjustizminister Dr. R a d b r u ch wendet .lich gegen die Anträge der bürgerlichen Parteien, welche weitere Milderungen mit der Begründung verlangen, daß der reelle Kaufmann gegen un- gerechte Verfolgung geschützt werden müsse. Die Marktlage werde jetzt schon bei der Rechtsprechung berücksichtigt, ebenso die Wiederanschaffungskosten und die Geldentwertung. Es sei weder empfeh­lenswert noch möglich, den Begriff des über­mäßigen Gewinns gesetzmäßig zu fassen und in eine juristische Form zu bringen. Dagegen stimme er der Entschließung zu, welche eine Erleichte­rung des Wiederaufnahmeverfahrens, eine ver­stärkte Heranziehung von Sachverständigen und Maßnahmen gegen die Preistreiberei der Kar­telle und Syndikate fordert.

Abg. Hammer (Dntl.) fordert eine Ver­schärfung der Wucherbestimmungen, verlangt aber andererseits für den Kaufmann einen angemesse­nen Zuschlag als Ausgleich für höhere Kosten bei der Wiederauffüllung des Lagers.

Abg. Sivkovick (Dem.) empfiehlt den ge­meinsamen Antrag der bürgerlichen Parteien zur Annahme, der die Feststellung verlangt, daß der Preis keinen übermäßigen Gewinn darstellt, wenn er der Marktlage entspricht. Der Wiederbeschaf- fungspreis nebst den nachweisbaren Geschäfts­kosten soll als Grundlage für die zulässige Preis­steigerung dienen.

Abg. Krätzig (Soz.) lehnt diesen Antrag entschieden ab, da er geeignet sei, jeden Schutz der Konsumenten unmöglich zu machen.

Abg. Cuno (D. Dpt.) fordert schärfstes Ein­schreiten gegen den Wucher, andererseits aber »Schutzmaßnahmen für den reellen Kaufmann, der »durch die veraltete Wuchecverordnung unberech­tigten Schikanen ausgesetzt sei.

Abg. Korthaus (Ztr.) unterstützt ebenfalls 4>en bürgerlichen Antrag, ungerechte Schikanen für den wirklich reellen KaiHmann zu vermeiden. »Es bestehe kein Zweifel, daß die bisherige Wuchergesetzgebung durchaus versagt habe.

Abg. Korthaus schließt mit einer Hnter- fftützung der Forderung für strenge Kontrolle der Kartelle und Syndikate, gegen die bisher noch nicht stark eingeschritten worden sei.

Nachdem sich noch die Abg. Hnterlettner W-) und Dr. Hirschfeld (Korn.) gegen den Versuch ausgesprochen haben, in dieser Zeit unver­schämtesten Wuchers das Wuchergesetz abzubauen «rllärt Reichswirtschaftsminister Schmidt, er »bedauere es tiest daß in der gegenwärtigen Zeit ern Abbau der Wuchergesetzgebung versucht werde. ^Die bürgerlichen Partäen brachten hier die Kla­gen von Handel und Industrie vor, fänden aber reine IDorte für die berechtigten Klagen der schwer leidenden Derbraucherschaft. Ihn würden sie zu einem Abbau des Wuchergesetzes nicht bereit fin-

Sie MMen W Slllvos.

Roman von Ernst Schertet.

13. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Sillh wird sehr bekümmert sein", sagte be­dauernd der Baron,denn sie bringt allem, was Sie unternehmen, ein überraschendes Interesse und Verständnis entgegen, älnd ich muß mich dann natürlich auch von Ihnen trennen."

Run hilft eben nichts weiter", schloß der Doktor trocken,als daß wir es den Damen scho­nend beibringen. Besser jetzt die Enttäuschung, als später ein älnglück."

Damit stastd Doktor Perzelius auf und trat mit dem Baron vor das Haustvr, wo ein reges Treiben herrschte. Eine große Karawane war aus dem Westen eingetroffen und suchte eine kurze Rast, bevor sie weiterzog. Dicker Staub hing in dem Pelz der Kamele, die herumstanden oder kauend am Boden knieten. Die Wärter und Kaufleute liefen hin und her, um Futter zu holen oder die Lasten anders zu verteilen. Braune, bronzen glänzende Gestalten in weihen Gewän­dern oder mit grellen kurzen Tüchern um die Lenden drängten sich an den Schänken, wo eine mißfarbene Flüssigkeit, die nach nassen, welken Blumen roch, als Rosenwasser feilgeboten wurde.

Bald hatte Doktor Perzelius Eduard ent­deckt, der auf einer Dank saß und sich das bunte Durcheinander anfah. Perzelius klopfte ihm auf die Schulter und fragte tfjnw wo er seine schone Begleiterin gelassen habe.

Die Baronesse wird bei Miß Mason sein, die hinter dem Haufe einen Brunnen entdeckt hat und sich dort das Gesicht waschen wollte."

Bei diesen Worten tauchte auch die Erziehe­rin hinter den Treibern und Lasttieren hervor, glühend vor Hitze, aber mit dem Vollgefühl eines PNenschen, dem es durch seine Klugheit gelungen

den. Er werde alles tun, dem Wucher Einhalt zu gebieten. Wenn aber über den Mangel an Kapital für den Wiedereinkauf geklagt werde, so gebe es doch einfache Mittel, nicht Gewinne von 200 und 300 Prozent an die Aktionäre auszu­schütten, sondern Reserven anzulegen. In erster Linie mühten die Klagen der Verbraucher be­rücksichtigt werden, die furchtbar zu leiden hätten. (Stürmischer Beifall links.)

Damit schließt die zweite Lesung.

Rächst e Sitzung: Mvrnen nachmittag 2 Ü6r MiHskr minalgcseh, B.'amten-Diszip.inarge-

setz, Zwangsanleihe, Steuervorlagen, Schluh gegen 8 älhr.

Aus Hessen«

Landtagsvorlagen.

rm. Darmstadt, 13. Juli. Eine ganze Reihe (neun) Anträge, vom 10. Juli datiert, sind soeben dem Landtag von Seiten der Abg. Kaul u. Gen. zugegangen. Sie betreffen u. a. die Erklärung des 11. August Zum gesetzlichen Feiertag, die Reichs- zentrale für Heimatdienst bzw. deren älmwandlung in eine Propagandazentrale für die Republik, die Besetzung von leitenden Stellen in Verwaltung und Justiz mit zuverlässigen Republikanern, die Bestellung eines Staatskommissars zur Kontrolle: ein Gesetz: Entlassung von Richtern usw., die Disziplinarverhältnisse der nicht richterlichen Be­amten, die disziplinarische Verfolgung solcher Be­amten, die Hoheitszeichen usw. nicht rechtzeitig aus den Amtsräumen entfernt haben, Erlah über das Flaggen staatlicher Gebäude. Ein anderer Antrag betrifft eine Verordnung für die Lehrkräfte der Schulen und die Hochschüler. Mehrere Regie­rungsvorlagen betreffen den Staatsvoran­schlag, den freien Ankauf von Gebäuden zu Staats­zwecken, die Erhöhung der Kosten für die Beklei­dung der Polizei von 1 Million Mark auf 3 500 000 Mark.

Um darzutun, in welchem Geiste die neuen sozialdemokratischen Anträge gehal­ten sind, geben wir die folgende vorgeschlagene Fassung einer Verordnung über das Verhältnis der hessischen Hochschulen zum repu­blikanischen Staate wieder:

Im Anschlüsse an die Reichsverordnung zum Schuhe der Republik vom 26. Juni 1922, die wie für alle Staatsbürger auch für die An­gehörigen der Hochschulen gilt, verordnet das Landesamt r das Bildungswesen noch fol­gendes:

1. Es ist den Studierenden der Hochschulen seines Geschäftsbereiches verboten, an Vereinen und Vereinigungen, Versammlungen, Aufzügen und Kundgebungen teilzunehmen, in denen Er­örterungen stättfinden, die zur Beseitigung der republikanischen Staatsform oder zu Gewalt­taten gegen Mitglieder der jetzigen oder einer früheren republikanischen Regierung des Reiches oder eines Landes aufreizen, solche Handlungen billigen oder verherrlichen, oder die republika­nischen Einrichtungen des Staates verächtlich machen, apch wenn ein Verbot dieser Veranstal­tungen gHnäß § 1 der erwähnten Reichsverord­nung nicht erfolgt ist.

Gegen Zuwiderhandelnde form die sofortige Wegweisung von der Hochschule durch das Ministerium verfügt werden.

2. Allen Dozenten, Assistenten, Beamten, Studierenden, Angestellten und Arbeitern der Hochschulen ist es untersagt, während des Dien­stes oder Unterrichts politische Abzeichen zu tragen. /

3. Zuwiderhandelnde haben, wenn sie Pro­fessoren oder tarnte sind, die Einleitung eines Disziplinarverfahrens unter sofortiger Suspen­sion vom Amte, im übrigen sofortige Ent­lassung oder Wegweisung von der Hochschule zu gewärtigen.

4. Die Rektoren und Direktoren der Institute haben für die Durchführung dieser Verordnung zu sorgen und Zuwiderhandlungen dem Ministerium unverzüglich anzuzeigen.

Für die Bekanntgabe dieser Verordnung ist ausreichend Sorge zu tragen, insbesondere ist sie in allen Lehrstätten am schwarzen Brett anzu­schlagen/

Zinn Aufruhr in Darmstadt

erfährt dasD. Tgbl." Das staatsanwallliche Er­mittlungsverfahren, worüber kürzlich bereits einiges gemeldet werden konnte, ist hinsichtlich einer größeren Anzahl von Personen nunmehr dahin abgeschlossen, daß gegen fünfzig Be­teiligte die förmliche Voruntersuchung beantragt

ist, sich einen Vorteil vor den andern zu ver­schaffen.

Ist die Baronesse bei Ihnen?" fragte Doktor Perzelius rasch.

S . . . Sillh... ist doch bei dem Herrn Baron", entgegnete Miß Mason gedehnt.

Der Herr Baron ist ja hier", sagte Perzelius und deutete auf Hallam, der gerade über den Platz schritt.

Die Erzieherin entfärbte sich und Üeh beide Arme steif herabhängen.

Mer die Baronesse ist doch soeben noch mit dem Herrn Baron in das Haus eingetreteo" beteuerte sie aufs neue.

Ist meine Tochter nicht hier?" fragte nun der Baron selbst, mit einer vor Mgst fast barsch klingenden Stimme.

Rein, sie ist nicht hier", nahm nun Doktor Perzelius das Wort,und das Gewühle wird immer stärker."

Die fremde Karawane rüstete zum Aufbruch. Die Wärter drängten von den Schänken her zu den Tieren, die Bewohner des Dorfes schoben sich gaffend und in große Rudel geballt zwischen den Kaufleuten durch, bettelten, halfen oder ver­suchten zu stehlen, wo es ging, und vermehrten das chaotische Treiben.

Der Baron erblaßte sichtlich, trotzdem be­herrschte er seine Erregung und sprach tonlos, aber bestimmt:Wo sind meine Diener? Sie sollen sich sofort sammeln und das Dorf absuchen. Vielleicht ist Sillh vor den vielen Menschen in irgendeine Hütte geflüchtet und kann mm nicht zu uns."

Es dauerte eine geraume Zeit, bis die ein­geborenen Diener, die es sich inzwischen bequem gemacht hatten, aus ihren verschiedenen Schlupf­winkeln hervorkamen und sich um ihren weihen Herrn scharten. Inzwischen verlief sich die Men­schenmenge etwas und der Baron schöpfte neue Hoffnung, daß nach eingetretener Ruhe auch seine Tochter wieder zum Vorschein kommen würde.

wurde. Die Anschuldigung lautet auf Vergehen bzw. Verbrechen nach §§ 124, 125 StGB, (auf schweren Hausfriedensbruch und einfachen, sowie schweren Landfriedensbruch). Von den dafür in Betracht Kommenden sind dreißig noch verhaftet, während sich die übrigen wieder auf freiem Fuß befinden. Der ersterwähnte Tatbestand liegt bann vor, wenn sich eine Menschenmenge öffent­lich mit gewalttätiger Absicht zusammenrottet und in Häuser usw. cindringt, was jeden Teilnehmer an sich strafbar macht. Landfriedensbruch erscheint dann gegeben, sobald die zusammengerottete Men­schenmenge mit vereinten Kräften Gewalttätig­keiten gegen Personen oder Sachen begeht oder Plünderung, Beschädigung oder Zerstörung ver­übt. Qualifiziert ist der Landfriedensbruch nach § 125 Aös. 2 StGB, für dis Rädelsführer und jeden gewalttätig Gewordenen, und es greift in diesem Falle die schwurgerichtliche Zuständigkeit Platz. Don letzterer abgesehen, ist Verhandlung vor Strafkammer oder Schöffengericht möglich, so daß voraussichtlich nicht die Gesamtheit der fraglichen Vorgänge das Schwurgericht beschäf­tigen, sondern Trennung und Verhandlung an verschiedener Gerichtsstelle stattfinden dürfte. Dis dahin wird noch geraume Zeit vergehen, denn die jetzt staatsanwaltlicherseits beantragte Vor­untersuchung verspricht schon umfangreich zu wer­den, und erfährt jedenfalls noch weiteren Zu­wachs. Bezüglich neu erwachsenden Materials werden nämlich auch die Ermittelungen der Staatsanwaltschaft noch wie bisher fortgesetzt und erforderlichenfalls Anträge auf Voruntersuchung gestellt.

62. Konferenz der hessischen Bergwerks- betriebsleiter.

Am 12. d. M. waren in Butzbach die Be­triebsleiter der hessischen Bergwerke zur 62. Kon­ferenz zusammengetreten. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete Decgrat K 5 b r i ch dem verstorbenen Leiter der Hessischen Dergwerks- direktion Friedberg, Dergrat Mbert Fölling, warme Worte des Rachrufes. Ms erster Punkt der Derhandlungen wurde dann durch Direktor Sch esfzick die zeitgemäße Reuregelung der Marksch^idergebühren erörtert. DieDer- sammlung war einig in der Ansicht, daß man auch auf diesem Gebiete der Geldentwertung Rechnung tragen müsse und ermächtigte die früher bestellte Kommission, die jeweils notwendigen Ge- bührener Höhungen mit dem Markschei-er za ver­einbaren. Sodann erfolgte nach eingehendem Referat be§ Bergrats Hundt eine Ausfprache über die Lagerung und Verwendung von Ritrozellulose zu Sprengarbeiten. Beson­ders wurde eingegangen auf diejenigen Spreng­stoffe, die z. Z. aus früheren Heeresbeständen an die Industrie zum Derbrauch abgegeben Der­ben. Dergrat Köbrich erörterte sodann die Wahrung der Interessen des Bergbaus bei der Feldbereinigung. Der vorliegende Ent­wurf einer Rovelle zum Feldbereinigungsgesetz gibt Anlaß zu der Forderung, daß der Derg- werkseigentümer von der Einleitung eines Feld­bereinigungsverfahrens Rachricht erhallen muh, da er sonst nicht in der Lage ist, seine mannig­fachen Interessen bei den Veränderungen des Oberflächeneigentums, den Wegeverlegungen, der Grundstücksumlegung usw. wahrzunehmen. Ekst- gehender wurden besprochen die Fragen des standesherrlichen Grundeigentums im verliehenen Dergwerksfelde und der Mbau rechte Im sog. Grundeigentümerbergbau (Schwerspat, Bauxit u.ä.). Degierungsrat Dr. Andres als Der- treter des Feldbereinigungskommissärs beteiligte sich an der Aussprache und gab dankenswerte Erläuterungen. Endlich wurde noch besprochen die Rovelle zum Berggesetz, betr. den Vorbehalt des Bitumens für den. Staat und im Zusammenhang damit die Frage weiterer etwa wünschenswerter Aenderungen des derzeitigen Berggesetzes. Zum Schluh gab Direktor M ö h - ring einen Ueberblick über Entwicklung und Ar­beitsgebiet der M e g u i n - A k t. - G e f.. die sich an der Saar aus lleinsten Anfängen heraus zu einem bedeutenden Werk mit 1100 Arbeitern ent­wickelt hatte und infolge der Französierung der Saarindvstrie nunmehr nach Butzbach übergesie­delt ist. Der freundlichen Einladung der Verwal­tung folgend, besichtigten die Konferenzteilnehmer sodann das neue, großzügig angelegte Weck dieser Gesellschaft, die durch ihre Mfbereitungs-, Hart- zerlleinerungs-.Dkikettier- und Transportanlagen sowie durch ihre sonstigen industriellen Erzeug­nisse den Dergbautreibenben vielerlei Dedarfs- material zu liefern in der Lage ist. Der Besuch des Werkes unter kundigster Führung bot beim

Einige der Diener wurden abgeschickt, die andern lieh der Baron noch warten, bis sich auch der Fellache eingefunden haben würde, denn dieser war der einzige, der noch fehlte. Doch es verrann Minute um Minute, ohne daß er kam. Schließlich suchte man nach ihm ebenso angestrengt wie nach Sillh, aber ohne Erfolg.

Der Spätnachmittag begann bereits feine Kühle zu verbreiten und noch immer war keine Spur der Dermihten zu entdecken.

Dvttor Perzelius hatte sich die ganze Zell über ruhig verhalten und keinerlei Mordnungen gegeben. Eduard aber war gleich mit dem ersten Trupp der Diener ausgezogen, um sie zu beauf­sichtigen und ihnen suchen zu helfen. Er war fahl *vor Mgst und konnte kein Wort hervor­bringen. Wie geistesabwesend und von einer nervösen Hast getrieben rannte er durch die engen Gassen und drang in die Häuser ein, deren Be­wohner ihn erstaunt und oft unwirsch empfingen. In immer weiterer Ferne erscholl sein Ruf nach dem Mädchen, das er vor kurzem erst lieben gelernt hatte und nun schon wieder verlieren sollte. Mer eine grausame Stille war jedesmal die Antwort auf seinen geprehten Schrei.

Der Baron hatte sich dafür entschieden, mit Doktor Perzelius die äußeren Teile des Dorfes abzusuchen und in die nächste Umgebung zu reiten ohne jedoch zu einem Ergebnis zu ge­langen. Die beiden Männer ttabten schwÄgend nebeneinander her. Der Baron schien nicht fragen zu wollen, aus Angst vor einer Antwort, die ihm den Rest seiner Hoffnung rauben würde, und Doktor Perzelius sprach nichts, da er erst das Ergebnis der Rachforschungen abwarten wollte, bevor er mit einer bestimmten Ansicht und einem darauf begründeten Plan hervortrat.

Schon breitete die Abenddämmerung ihre braunen Schatten über die Gegenstände und noch immer war nichts von den Vermißten zu sehen. Langsam und verstört kam einer der Sucher nach dem andern auf dem Marktplatz wiederum an

auch eine Fülle von Anregungen, für die alle Teilnehmer zum Schluß ihren besonderen Dank gebührend zum Ausdruck brachten.

Aus Stabt und Land.

G ie hen, den 15. Juli 1922. Oberhessifches Museum und Gailsche Sammlungen.

Das wichtigste aus dem Zuwachs der v o r - geschichtlichen Abteilung ist durch Mll- teilungen an anderer Stelle dieser Zeitung bereits bekannt geworden. Die Reuerwerbungen gaben Anlaß zum Durcharbeiten der betreffenden Grup­pen. So wurde insbesondere die Vitrine mit den Beständen aus dem nördlichen Vogelsberg, die zumeist der Bronzezeit angehören, mit ihrem ziemlich reichen Inhalt neu geordnet. Um Ge­lehrten und Laien einen Ueberblick über die ge­samten vorgeschichtlichen Denkmäler Oberhessens zu gewähren, sollen die wichttgeren der aus un­serer Provinz in ftemde Sammlungen gelangten Funde im Bild vorgeführt werden, eine Aroeit, die schon recht weit gediehen ist: gesteigerter Wert wird dabei auch auf die Veranschaulichung der Fundörtlichkeit und ihrer Lage im Rahmen der Landschaft gelegt. Es erweist sich als not­wendig, immer wieder daran zu erinnern, daß eine vorgeschichtliche Sammlung nicht dazu bestimmt ist, gedankenloser Unterhaltung zu dienen. Wer die Räume bloß flüchttg durcheilt, hierhin und dorthin einen Bück werfend, darf nicht erwarten, einen Gewinn davon zu haben. Wem Zell oder Lust fehlen, die Erklärungstäfelchen, an deren Vervollständigung dauernd gearbeitet wird, sich sorgfältig zu Ruh zu machen, der wird verhältnis­mäßig wenig bereichert die Mtellung verlassen. Eilige Besucher mögen sich darauf beschrän­ken, die am Eingang zur vorgeschichtlichen Mtei- lung angebrachten Tafeln zu lesen und die rechts hinter der Tür aufgestellte s. g. Typenvllrine, die in gedrängter Kürze das CDe-fen der verschie­denen Kulturperioden mittellt, sowie die Modelle vorgeschichtlicher Geräte an der Wand und am Fenster einer genauen Besichtigung zu unter» ziehen. Mit den dadurch gewonnenen Kennt­nissen ausgerüstet, wird auch jeder Richtfach­mann, toeim er den übrigen Beständen sich zu­wendet, reiche Belehrung schöpfen tonnen. Das aber sind die verständigsten unb jedenfalls am liebsten gesehenen Museumsbesucher, die man oft hintereinander im selben Raume antrifft, well sie langsam das Gebotene sich zu eigen machen, um an Stelle eines rasch verfliegenden Augen­blickseindruckes einen dauernden Besitz sich zu schäften, der nach den verschiedensten Richtungen hin zum Rachdenken anregt.

Heidelbeeren als Volksheilmittcl.

Don altersher ist die Heidelbeere m der Dolkshelllunde als gutes diätisches Mittet gegen Magen- und Darmkatarrhe berühmt. Im Laufe der letzten 20 Jahre geriet das jedoch etwas in Vergessenheit, weil die zahlreich einander drän ­genden Präparate der chemischen Hellrnlltel- industrie der Denkträgheit mancher Devöllerungs- treife zu sehr Vorschub leisteten. Es ist das große Verbleust des alten Vorkämpfers der phy­sikalisch-diätischen Heilkunst Prof. Dr. Winter- nitz, seit 25 Jahren unausgesetzt nachdrücklich auf die hervorragenden Eigenschaften der Heidel­beere hingewiesen zu haben. Ihren Ruhm ver­dankt -sie ihrem Reichtum an aromatischen Fr ichp- säuren, ihren Rährsalzen, zu denen sich noch Zucker und ein gerbstoffhaltiger Farbstoff ge­sellen. Ihres zus.nnnerzich^.den und gähcung;- widrigen Charakters wegen ist die Heidelbeere aber nicht nur als Darmmittel verwendbar, son­dern auch bei Krankheiten anderer Schleimhäute, z. D. bei Mund- und Zahnfleischentzündungen, bei Kehlkopf- und Rachenkatarrh, läßt sich ihr Saft verdünnt mit bestem Erfolg als Gurgel- und Spülrnlltel verwenden: bei Schnupfen wirkt Durchspülung der Rase sehr wohltätig auf die Schleimhäute. Ratürllch sind solche Spülungen öfters zu wiÄwrholen. Bei Flechten auf der Haut wirken dick eingekochte Heidelbeeren, die man, fein durchgeseiht, als dünne Paste zu älm- schlägen benutzt, sehr heilsam. Mer auch.die Blätter sind vielfach als Tee oder Aufguß für Heilzwecke verwendbar. Prof. Writtrrrtth hat seine Erfahrungen über die Heidelbeere kürzlich zusammengefaßt und veröffentlicht. Hoffentlich regen diese Hinweise recht viele zur neuen Beach­tung des einfachen Kräutleins mit den blauen Beeren an, deren Reichtum so verschwenderisch jedem im Walde entgegen blüht und in allen

Eduard als letzter, mit entgeisterter Mine und völlig gebrochen. Miß Mason hatte sich mit rührender Hingebung und fast über ihre Kräfte an dem qualvollen Suchen beteiligt und sank nun erschöpft zusammen. Die Diener standen scheu in einiger Entfernung und sahen schweigend zur Erde.

Endlich sagte Doktor Perzelius zu dem Ba­ron, der nur noch mit Mühe seine Verzweiflung verbergen konnte:So furchtbar unsre Lage auch ist, besteht dennoch kein Grund, alle Hoffnung sinken zu lassen. Was ich befürchtete, ist leider rascher eingetreten, als in menschlicher Voraus­sicht stand. Mer ich glaube auch, daß meine sich daran knüpfenden Vermutungen begründet genug sind, um darauf einen Plan zur Rettung der Ba­ronesse bauen zu können."

Alle blickten gespannt auf den Doktor, und ihre Qlugen drängten ihn förmlich zur Eile bei der Darlegung seiner Gedanken.

Zunächst." fuhr er weiter,treibt uns gar nichts zu tun, als so rasch wie Möglich nach Kallo zurückzukehren. Erst von dort aus kann eine systematische Verfolgung des Verbrechers einsetzen. Hier tappen wir völlig in der Lust."

Unb bis dahin wird alles verloren fein, brach Eduard heraus, der der entsetzlichen Er­regung nicht mehr gewachsen schien.

Rein", entgegnete ihm der Doktor,ich glaube, daß uns noch so viel Zeit bleibt, als wir nötig haben. Doch darüber später. Wir müssen eilen, nach der Bahnlinie hjnunterzu- kominen, quer durch das Fruchtland. Rach Mitter­nacht können wir dort sein, und sollte kerne Zeit mehr bleiben, die Station selbst zu erreichen, dann hallen wir den Zug auf offener Strecke an. Er muß uns mitnehmen. Wir sind morgen früh an Ort und Stelle."

In höchster Eile wurde der Aufbruch betrie­ben. Eduard gewann seine Haltung zurück, nun, da ein Hoffnungsstrahl glimmte und ein fester Plan zum Handeln antrieb. (Forts, folgt)