Die Pforte des Paradieses.
Roman von Ingehorg Dvllquartz.
8rrecf>ti<ite licbersedung aus d m Tänischen.
11. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
„Damit toUl ich dich nicht quälen, Tante Ellinor."
„Unsinn I" rief Tante Ellliwr beinahe heftig und richtete sich Ijxilb auf, leg e sich aber schnell wieder nieder, als sie Angers erschreckten Ausdruck gewahrte. „Ich erlebe ja nichts, und toenn man nichts erlebt, muh man schwatzen 40b Reuig- feiten hören — sich ärgern — verstehst du — sonst wird man krank. Erzähl mir doch — fie hat dir das Messer tief ins Herz gestoßen — und es dann hübsch in der Wunde umgedreht — nicht wahr?"
„Ach, es war nicht gar so schlimm, aber ich ertrage es nun einmal nicht, wenn man an meinem Verhältnis zu meinen Kindern mätelt. EL ist nicht darum, daß ich ihre Fehler nicht einsehe, vber es kommt mir von Außenstehenden so dumm vor. wenn sie meinen, ihre kalten, gleichgültigen Augen könnten etwas an den Kindern sehen, das man selbst noch nicht bemerkt habe. Wenn sie es nicht aus Dummheit tun, so —"
„O, dann tun sie es, weil sie, tote ich gesagt habe, einem gern das Messer in der Wunde herumdrehen. Cs sind nur die wirklich mütterlichen Frauen — toohlgemerkt, ich sage nicht die Mütter — die nie etwas Böses über Kinder sagen, weder über ihre eigenen noch über bte anderer. Tie mütterlichen F/ruen fi den jederzeit eine Crklw-ung — eine Entschuldigung für altes, was der Teil des Menschengeschlechts, den man Kinder nennt, betreibt."
„Sann dürste man ihnen ja niemals böse sein, toenn sie erneu'verletzen," sagte Frau Inger toie zu sich selbst: „denn bann drehen sie einem ja nicht das Messer in der Brust herum, weil sie böse sind, sondern darum, weil es ihnen an Verständnis fehlt."
„Genau so," nickte Tante Ellinor. „Sie mütterlichen Frauen sind Mütter für aste, für ihre eigenen Kinder und für die andrer. Bei manchen Frauen ist aber die Mütterlichkeit nur in sehr geringem Grad entwickelt, und diese sind astzeit Bereit mit ihrem Richterspruch, sowohl ihren eigenen Kindern gegenüber, toenn sie welche haben, als denen andrer gegenüber.“
„3a, du hast recht, Tante Ellinor," stimmte Frau Inger bei. „Hetzt tut es mir nur leid, bah ich nicht freundlicher gegen Rora gewesen bin."
„Ei, et bist du ärgerlich geworden?" fragte die alte Same und sah bei diesem Gedanken ganz neubelebt aus. „Was hast du denn zu ihr gefagt T‘
„Gesagt habe ich nichts, Tante Ellinor, aber ich ging hin und gab den Kindern eine grobe Schale voll Russe, und sie hatte mir gerade erst Borwürfe darüber gemacht, daß ich sie gekauft hatte."
„Ha, das war entschieden viel schstmmer als die schlimmste Entgeg u-g," sage Ta ke Clllnor lächelnd „Aber ich kann dich gut begreifen, wenn ich dich auch vor diesem Verfahren warnen mutz — deiner Kinder wegen."
„Ich weist wohl, bah es sehr dumm von mir gewesen ist," gab Frau Inger zu. „Unb toenn ich vorher mit dir geredet gehabt hätte, dann wäre es nicht geschehe"
m. 63 Zweites Mit Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefjen)Mittwoch, 15. März (922
immer angemerkt, bah du ein Lebensziel hast. Hetzt ist es bald fünfzehn Hahre her, dast ich dich zum erstenmal gesehen habe, Inger, und während der zwei Hahre, die ich mit dir in einem Hause wohnte, hatte ich alle Sage Gelegenheit, dich gründlich kennen zu lernen. Aber da du zu den Menschen gehörst, die geben, ohne nehmen zu können, habe ich nie das Ziel deiner Wanderung zu erkennen vermocht. Ich habe dich so gequält, so mutlos gesehen, als ob du am liebsten von allem davonlau en möchtest, und dann hast du plötzlich wieder Kraft gefunden, und deine Augen haben geleuchtet von gutem Willen und unbefangener Freudigkeit, und. oftmals habe ich Lust verspürt, dich zu fragen, was du vom Leden begehrst, was ist es, dem du nachlagst."
„Ich jage dem Glück nach, Tante Ellinor," flüsterte Frau Inger, und ihre Stimme war voll Weinens, und in ihren Annen standen helle Tränen. „Sem Glück jage ich noch — nicht für mich selbst — obgleich es Ja auch em Glück für mich wäre, toenn ich Hens einmal glücklich sehen könnte."
„So — also das wäre das Ziel!" sagte Tante Ellinor und tätschelte die Hand der Richte liebevoll. „Armer Hens — und arme Inger!" Sie Kranke nickte vor sich hin toie in Gedanken versunken. „Hetzt begreife ich alles — du toollteft ihn lehren, glücklich zu sein, du wolltest ihm die Lebensfreudigkeit bringen “
„Ha, ja Tante Ellinor, das ist's. toaS ich wollte," flüsterte Frau Inger leise. „Sas habe ich ihm gelobt — und das quält mich, bat)' ich dieses Gelübde nicht halten konnte."
(Fortsetzung folgt)
„Rein, denn dann hatte sie dir leid getan," sagte Tante Ellinor. „Unb nun sind wir wieder beim Ausgangspunkt unsres Gespräches angelangt — bah du zu den Menschen gehörst, die leicht geben und schwer nehmen können."
„Meinst bu damit, eS falle mir schwer, Vorwürfe und Tadel entgegenzunehmen?"
„Auch das. Aber es fällt dir auch schwer, eine Hand zu ergreifen, die sich dir hilfreich entgegenstreckt. Su bist stets bereit, andern zu helfen, aber du lässt dir von niemand helfen. Sas ist es, was ich vorhin gemeint habe, und das ist Hochmut, meine Liebe."
„O, toenn du nur wüsstest, .Tante Ellinor, wie demütig ich In meinen Gedanken bin," flüsterte Frau Inger mit gebeugtem Kopf.
„Ich zweifle nicht daran, Kind," sagte Frau Ellinor und gab Ingers Hand einen leichten Druck. „Unb doch wirst du gewih noch lange geprüft werden."
„Was sagst du, Tante Ellinor?" fragte Inger unb schaute besorgt auf die Kranke, al8 gla ibe sie, l iefe spreche im Sieber. „Ich soll noch lange geprüft werden? Wie kannst bu das wissen?"
„Wenn man an der Schwelle des andern Landes steht, bann sieht und erkennt man deutlichen:, als ihr andern." Sie Kranke sprach diese Worte mit einer gewissen Kraft, unb sie machten auch einen bedeutenden Eindruck aus Inger. „Ich habe das Gefühl, bah du irregegangen bist, bah du dein Ziel aus den Augen verloren hast." ■
„Mein Ziel aus den Augen verloren?" wiederholte Frau Inger erstaunt.
„Ha, dein wahres Ziel," fuhr Frau Ellinor fort. „Serm bu gehörst nicht zu den Frauen, die in den Tag hinein leben — ich habe es L't.
lich ist, ein Heer zu haben, das in der Tat ein Volksheer ist. Rings um uns gibt es Militarismus, sogar in Polen unb zwar unter Leitung eines französischen Generalstabschess. Untere Reichswehr ist nur eine Rotwehr zum Schutze der Vergewaltigung von außen unb innen. Sie muh aber auch entsprechend gestellt werden, d. h. sie darf nicht unter Wohnungs- unb Ernährungs- schwierigkeiten leiden. Auch muh dem Soldaten Dildungsgelegenheit gegeben werden, damit er nach dem Abschluß seiner Sienstzeit eine bürgerliche Stellung einnehmen Fann.
Abg. Ersing (Ztr.)- Warum benimmt sich Frankreich wohl so nationalistisch? Es will brausten in der Welt Stimmung gegen uns machen und dazu muh bte Reichswehr herhalten. Trotz aller internationalen Kundgebungen, trotz der papiernen Resolutionen und der Sozialistenkvngresse bleibt der Chauvinismus in Frankreich maßgebend. Sen Forderungen des Etats, die volksv^rtschaftlicher Ratur sind, stimmen wir zu. Ser Rebner fordert nach der Aufhebung der Gerichtsbarkeit schnellere Aburteilung militärischer Selikte, warnt vor der Zulassung wirtschaftlicher Organisationen für Soldaten, die nur zu einem Kampfe um die verschiedenen Organisationen und dann zur Lockerung der militärischen Disziplin führen würde, und tritt dafür ein, bah bei den einzelnen Heeres teilen die grohe Vergangenheit geehrt werde, was mit der Treue zum gegenwärtigen Staate durchaus vereinbar sei.
Abg. v. Gall witz (S. R): Unsere Heeres- verwallung steht gar zu sehr unter der Einwirkung der Entente. Sie daraus beruhenden Mah- nahmen sind meist übereilt, so die Munitionsund Wafsenvernichtungg vom Vorjahre und die Aushebung der Militärgerichtsbarkeit. Sie Forderung des Familienwvhnungsbaues entspricht unseren Wünschen, ebenso toie der Ausbau des bürgerlichen Unterrichts. Ser Entschließung über die weitere Verleihung des Eisernen Kreuzes stimmen wir zu. Hedenfalls hat das Reich auf die Handhabung der Verleihung einen großen Einfluß- Wenn in Preußen indessen in sehr knapper Form die Verleihung abgelehnt wird, halten wir das nicht für gerechtfertigt. Ich bitte den Minister dringend, dafür einzutreten, daß die preußische Regierung eine andere Praxis eintreten läßt. Roch sind gegen 20 000 Gesuche unerledigt. Ser Erlaß, der den alten Offizieren das Recht des Tragens der Uniform einschränkt, wird als verletzend und ungerecht empfunden, lieber- dies verstoßt er gegen den Schuh wohlerworbener Rechte, der durch die Verfassung gewährleistet wird. Ser Redner ff chließt mit einem Appell an den Wehrminister, sich standhaft zu zeigen gegen das Verlangen der Entente, nun auch den militärischen Geist auszuliesern.
Abg. Drüninghaus (S. Vp.): Sie Rede Schöpflins bestand in wohltuendem Gegensatz zu der Frankfurter Rede des Mehrheitssozialisten Wels, der sich bei seinen Ententegenossen noch wegen des kümmerlichen Reichswehrtorsos entschuldigen zu müssen glaubte. Wer sich wehrlos macht, macht sich zum Spielball der Gegner. Wir protestieren auch dagegen, daß die interalliierte Militärkommission, die nichts mehr bei uns zu suchen hat, sich nunmehr noch in unsere Dienst- vvrschriften und Reglements einmischt. Si.fe Kämpen, die drei Hahre lang einen Kampf gegen Wehrlose geführt haben, bekommen es fertig, sich immer noch hohe Gehälter von uns zahlen zu lassen. (Protestrufe auf der äußersten Linken.) Sie. Herr Crispien, haben ja gar kein Vaterland, das Deutschland heißt: Sie wissen vielleicht besser als ich, warum wir den Krieg verloren haben! Sie französische Politik ist daraus gerichtet, die deutsche Reichseinheit zu zerschlagen. Deshalb würden wir es bedauern, toenn die Reichswehr und die Marine zum Tummelplatz der Politik gemacht würden. Unsere nationale Würde müssen wir behalten. Kein Mensch gedeiht ohne Vaterland. Im Friedensvertrag wird Seutschland die Fähigkeit zur Verwaltung von Kolonien abgesvrochen. Hetzt hofft Churchill, daß die englische Verwaltung des San- ganyikogebietes nicht hinter der deutschen Verwaltung zurückbleiben möge. Möge man daraus die Konsequenzen ziehen und Ostafrika uns wieder- geben. Wir wollen keine Revanche, sondern wir wollen unser Recht. Sie Anträge auf nachträgliche Verleihung des Eisernen Kreuzes müssen unbedingt aufgearbeitet werden. Es gibt Gott sei Sank noch viel Leute, die Wert auf die vor dem Feinde verdiente Ausze chnung des deutschen Kriegers legen. (Beifall rechts.)
Rachdem der Abg. Künstler (U.) in längeren Ausführungen dargelegt hat, daß in weiten Dolkskreisen großes Mißtrauen nicht gegen den Detoilligungseifer für die Reichswehr, als vielmehr gegen die Reichswehr selbst besteht, und behauptet hatte, daß nach toie vor Orgesch-Orga- nifationen beständen, die zum Teil unter dem Hamen „Seutschvöllischer Schuh- und Trutzbund"
Die Garantiesvrderungen der Deutschen Voiksparlei.
Finanzminister a. S. St. Becker, M. d. R., veröffentlicht in der R. W. Z. über die anläßlich des Steuerkompromisses gestellten Garantiesorderungen der Deutschen Volkspartei einen Umriß der an sie geknüpften Voraussetzungen und Erwartungen, die auch über die Parteikreise hinaus Beachtung finden müssen. Er schreibt.
Sie Deutsche Volkspartei hat der Oeffentlich- feit die Bedingungen bekannt gegeben, unter denen sie dem Steuerkompromiß endgültig zustimmen wird. Meine Partei hat ihre Rolle als Oppositionspartei nie in der Richtung bloßer verneinender Kritik gesucht, sondern bei aller kritischen Beurteilung von Regierungsvorlagen stets positiv mitgearbeitet, um schlechte Gesetze zu verbessern, soweit dies irgend möglich war. Wo uns dies nicht gelang, haben wir auch den Mut gehabt, Vorlagen der Regierung völlig abzulehnen. So haben wir an den früheren Steuervorlagen der Regierung mitgearbeitet, und von dem gleichen Geist und von der gleichen Absicht war unsere Mitarbeit auch bei den großen Steuervorlagen getragen, die nunmehr zum Abschluß gebracht werden sollen. Sen Vorlagen im ganzen zuzustimmen aber waren wir solange nicht in der Lage, als uns nicht die Regierung und die übrigen Komvromißparteien eine Grundlage für diese unsere Zustimmung geschaffen haben. Wesen und Bedeutung dieser unserer besonderen Garantieforderungen sollen in folgendem kurz beleuchtet werden:
1. Unser Reichshaushalt schließt nach dem Voranschlag der Regierung, dessen Beratung zur Zeit im Ausschuh erfolgt, bei Bewilligung der neuen Steuern ohne Fehlbetrag, ja sogar mit einem kleinen Ueberschuß ab. "Dieses Bild wird sich gewiß durch die aus der Geldentwertung sich ergebenden neuen Bewilligungen für die Beamten usw. etwas verschieben. Siefe Geldentwertung bringt indes auch automatisch höhere Einnahmen aus den verschiedensten Steuern (Einkommensteuer, Umsatzsteuer usw.), so daß man immerhin noch mit einem leidlichen Abschluß des Haushalts für 1922 wird rechnen dürfen Große Fehlbeträge werden zweifellos an sich Eisenbahn und Post auch in diesem Jahre noch bringen, die am letzten Ende ebenfalls die Reichskasse würde decken müssen. Gewaltig aber sind die Summen, die der Reichshaushalt etwa für Reparationsverpflichtungen aufweist und für die es an jeder Deckung fehlt. Würden die neuen Einnahmen und insbesondere die aus der Zwangsanleihe zur Abdeckung der sich hieraus ergebenden Verbindlichkeiten verwandel werden, so würde sich zunächst das Ziel, dem wir alle zustreben müssen, Eisenbahn und Post wieder rentabel zu machen, mindestens um ein weiteres Jahr, vielleicht aber auch noch länger hinausschieben. Die Deckung auswärtiger Reparationsverpflichtungen aus solchen Mitteln würde auch außenpolitisch von geradezu verhängnisvoller Bedeutung fein. Wieder einmal würden wir damit der Entente Anlaß geben, zu glauben, daß wir — und zwar nicht nur für oas eine Jahr — erfüllen könnten, wenn wir nur erfüllen wollen, und die Entente würde gewiß nicht zögern, daraus ihre Schlüsse zu ziehen, die sich ja leider immer wieder in Zwangsmaßnahmen auswirken. Deshalb haben wir verlangt, daß die • neuen Mittel und insbesondere die aus der Zwangsanleihe lediglich verwendet werden dürfen, e. ;um innere Reparationsverpflichtungen zu er» ' füllen. Wir haben einen Teil der Desatzungskosten ' im Inland,' also auch mit Papiergeld, au zahlen. Wir werden die Verpflichtungen, die oas Reich der deutschen Industrie gegenüber aus deren Leistungen nach dem Wiesbadener und den etwa noch folgenden Abkommen zu machen hat, in In- landswährung abdecken müssen. Wollen wir unsere Industrie, der solche Leistungen an die Enteiltest aaten durch diese Abkommen auferlegt werden, wirklich dafür entschädigen, so müssen wir dazu Mittel bereit haben. Der Druck neuen Papiergeldes für solche Zwecke vermehrt die Inflation mit all den schweren wirtschaftlichen Wirkungen, die das im Gefolge hat.
2. Die Klagen über die stete Erweiterung der Tätigkeit der Reichsverwaltung, die immer neue Aufgaben in ihren Arbeitskreis herein« zieht, sind allgemein. Keine Partei schließt sich von ihnen aus, jeder Steuerzahler weiß ein Lied darüber zu singen, wie man ihn bis zum äußersten auspumpt und dafür Behörden und Personen schafft, deren Vorhandensein noch keinen Beweis für ihre wirkliche Rotwendigkeit und für ihre Produktivität bedeutet. Im Segenteil, je stärker sich der Behörden- und Deamtenapparat vermehrt, um so lebhafter werden d e Klagen b.s Publikums über die Belästigung durch die Behörden und die Fesselung insbesondere der wirtschaftlich tätigen Kreise des Volkes. Versuche zur Ver-
Deutscher Reichstag.
185. Sitzung, nachmittags 1 Uhr.
Berlin, 14. März.
Auf der Tagesordnung stehen zunächst kleine Anfragen.
Auf eine Anfrage des Abg. Brüning- Haus (D. Vp.) erwidert Gesandter v. Mu- t i u 8, die Zahl der farbigen französischen Kolonialtruppen in den Rheinlanden übersteige 18 000 zur Zeit erheblich 3m Sommer dürfte fie sogar auf 25 000 steigen. Proteste dagegen feien stets vergeblich gewesen.
Auf eine Anfrage des Abg. Bartz (Kom.) erwidert Geheimrat H e i n r i ch, die Gerüchte, als ob die Ernte für 1922 zu enormen Preisen verkauft worden sei oder werden solle, beruhten nicht auf Wahrheit. Bei vorliegendem Tatsachenmaterial werde rücksichtslos vorgegangen werden. Auf weitere Anfragen des Abg. v. Schoch (D. Vp.) über Uebergriffe farbiger Soldaten im besetzten Gebiet wirb regierungsseitig erflärt, bah in allen Fällen von der Regierung geeignete Maßnahmen getroffen würden, lieber das Ergebnis der Beschwerden würden indessen Auskünfte von den Besatzungsbehörden tn den meisten Fällen nicht erteilt. In einem Falle habe ein als Täter ermittelter Marrokkaner anders ausgesagt als alle deutschen Zeugen. Daraufhin sei er frei- gesprochen worden.
Es folgt die
Weilerberatung des Reichswehretats.
Abg. Schöpslin (Soz.) zollt der organisatorischen Leistung des Ministeriums bei der Reorganisation der Reichswehr volle Anerkennung, betont aber, bah es gebieterische nationale und militärische Pflicht sei, gegen den Freikorps- geifi und sonstige sich breit machende Erscheinungen einzuschreiten. Ackch sadistische Erscheinungen seien in der Reichswehr leider noch zu beobachten. Jedenfalls mühten die Soldaten wissen, daß sie sich ce.ien Mißhandlungen zu wehren hätten. Auch er glaube an ii? Ter as ungstreue der Reichswehr, ©bx Putschgesahr drohe von dieser Seite nicht. Ueberbies werde die Arbeiterllasse sich jedem Putsch entgegenstellen und die Republik üertei- bigen. Auch die im Ausland immer wieder auftretende Ansicht, als bereite die Reichswehr eines Revanchekrieg vor, sei unsinnig. Im übrigen sei auf dem Frank, u rter Sozialist enkongreh klar zum Ausdruck gebracht worden, daß die französische und englische Arbeiterschaft genau so denke wie die deutsche.
Abg. Helle (Dem.): Wir sind mit den Worten und Taten des Ministers völlig einver- standen und bedauern nur, bah es uns nicht mog-
einfachung und Verbilligung der Reichsverwaltung sind des öfteren gemacht worben, leider bis jetzt ohne nennenswerten Erfolg. Alle solche Versuche sind seither gescheitert, weil Parteien und Regierung hier vielfach gegeneinander gearbeitet haben, weil sie alle noch zu wenig von dem Bewußtsein durchdrungen waren, daß nur gemeinsamer, ernster Wille hier zu einem wirklichen Erfolg führen kann. Sie Gelegenheit, diesen gemeinsamen Willen in feierlicher Form zu bekunden und auf Grund dieser Bekundung n n auch den Dereinfachungs- und Verbilligungsaufgaben mit mehr Aussicht auf Erfolg auf den Leib zu rücken, schien uns das Steuerkompromiß zu sein. Wie sich diese Aktion im einzelnen gestalten wird, muh Gegenstand weiterer Verhandlungen fein. Wir vertreten die Auffassung und haben sie ausdrücklich in unseren nunmehr angenommenen Forderungen niedergelegt, daß hinter dem jetzt neu zu machenden Versuch eine wirkliche Persönlichkeit stehen muß, der nach unserer Ansicht eine Stellung zu geben ist, die ihr auch schon rein äußerlich die nötige Autorität verleiht.
Eine Spezialaufgabe der neuen „Sparkommis- sionen" und des besonderen „Vereinfachungskommissars" soll die Vereinfachung und wirtschaftliche Gestaltung von Eisenbahn und Post sein. Jahrelang hat Die Verwaltung dieser großen Betriebe doch wenig oder nichts getan, um aus der großen Fehlbetragswirtschost heeauszukommen. Es hat des gewaltsamen Anstoßes gelegentlich der Industriekreditaktion und des damit gestellten Verlangens auf „Entreichlichung" dieser Betriebe bedurft, bis sich die Verwaltung zu eigenen Vorschlägen aufgerafft hat. Ob diese zu dem erstrebten Ziele führen, mag hier ununtersucht bleiben. Es muh aber nunmehr für die ganze Aktion gerade in diesen beiden Betrieben stark Dampf aufgemacht werden, da es unerträglich ist, daß der deutsche Steuerzahler zu immer neuen Lasten herangezogen werden soll, die zum Teil dazu verwendet werden müssen, um Fehlbeträge in Post unb Eisenbahn abzudecken. Wir haben dabei in unseren Forderungen ausdrücklich darauf hingewiesen, daß es unmöglich ist, zu einer solchen Sanierung zu kommen, wenn sich Parteien und Regierung nicht von engherziger parteipolitischer Befangenheit und von den Schlagworten freimachen, die insbesondere seit dem unglücklichen Kriegsende und der Revolution jeder vernünftigen Umgestaltung entgegenstehen. Es braucht nur darauf hingewiesen zu werden, welchen Widerstand z. D. der Entwurf des Ar- beitszeitgefetzes für diese Betriebe anläßlich des letzten Eisenbahnerstreiks gefunden hat, und welche Hetze einsehte, als von den Wirtschaftlern der Gedanke in die öffentliche Diskussion geworfen wurde, daß es für die Ge unbung jener Betriebe unbedingt notwendig fei, fie nach wirtschaftlichen Grundsätzen auf» und auszubauen.
In diesem Zusammenhang haben wir, um Besserung für die Zukunft zu erreichen, auch verlangt, daß dem Reichsfinanzminister, der doch in erster Linie für die Reichsfinanzen verantwortlich ist, eine überragende Stellung bei Aufstellung des Reichshaushalts und bei neuen Anforderungen gegeben werde. Wer die Geschichte des preuhischen Haushalts kennt, weiß, daß die besondere Stellung, die in Preußen der Finanzminister einnahm, ein wesentliches Moment für die Blüte der preußischen Finanzen gewesen ist. Aehnliche Hoffnungen für die Reichsfinanzen dürfen wir gewiß heute nicht hegen. Immerhin wird die Stärkung der Stellung des Finanzministers ihm sowohl im Kabinett toie auch dem Parlament gegenüber die schwere Ausgabe erleichtern, die ihm gerade in den Zeiten finanziellen und wirtschaftlichen Rieberbruchs obliegt. .
3. Unser Verlangen, baß die deutsche Wirtschaft in bem Augenblick, in dem man ihr schwere neue Lasten auflegt, gestärkt werben müsse, wird gewiß in allen Wirtschaftskreisen, aber auch darüber hinaus bei allen denen nicht nur volles Verständnis, sondern auch ungeteilte Zustimmung finden, die für wirtschaftliche Dinge Interesse haben. Es geht nicht an, daß man die im Krieg und in der Rachkriegszeit bis zu einem gewissen Grad notwendig gewesene Zwangswirtschaft länger als unbedingt notwendig aufrecht erhält Die Kontrolle des Ausfuhrhandels, die größere Summen verschlingt, als der breite; en Oefsen llchkeil bekannt ist, die uns ein starkes Schieb ertum großgezogen, die Moral vieler Beteiligten vergiftet und den Handel mit dem Ausland teilweise unmöglich gemacht hat, kann s 0, toie sie zur Zeit besteht, unter keinen Umständen aufrecht erhalten werden. Ebenso müssen andere Fesseln, die zur Zeit die freie Entfaltung der Wirtschaft und die Steigerung ihrer Produktivität hemmen, nach und nach verschwinden. Reue Fesseln dürfen der Wirtschaft nicht angelegt werden. Abkommen tote das Wiesbadener, die solche Bindungen der Wirtschaft mittelbar oder unmittelbar enthalten und ihre Ent
wicklung hemmen und zu deren Abschluß seither die Regierung sich allein für ermächtigt hielt, dürfen in Zukunft nur noch nach vorherigem Benehmen mit den wirtschaftlichen und politischen Instanzen abgeschlossen werden, damit diese die Möglichkeit Haven, auf ihre Gestaltung einzu- wirken.
4. Sie Inflation ist im stärksten Maße gefördert worden infolge des Umstandes, daß man seither eine nur durch die Bewilligung des Haushalts mäßig eingeschränkte Schahscheinwirtschaft getrieben hat. Ser Reichskasse durch Auflegung fundierter Anleihen wirlliche Mittel zuzuführen und fie dadurch von der Rotwendigkeit zum fortgesetzten Reudruck von Papiergeld zu entlasten, hat man bisher, abgesehen von der seinerzeit mißlungenen Sparprämienanleihe, nicht versucht. Gerade in den Erörterungen über die Zwangs- anleihe hat man die Auflegung einer normalen Anleihe unter Ausstattung mit besonderen Vorteilen empfohlen. Sie Deutsche Volkspartei hält es für dringend notwendig, daß dieser Versuch einmal gemacht wird: wie der Zusammenhang einer solchen Anleihe mit der Zwangsanleihe herzustellen fein wird, ist demnächst bei Beratung Des Ztoangsanleihegesetzes besonders zu erörtern.
Der Reichskanzler hat im Einvernehmen mit den übrigen Komprornihparteien feierlich erklärt, daß die von uns aufgestellten Rrcht- linien die politischen Richtlinien der Regierung fein füllen. 68 ist wohl selten im politischen Leben vorgekommen, daß sich, wie dies hiermit geschehen, die regierenden Parteien und die Regierung selbst verpflichten, auf bestimmten Gebieten — und die demokratische Presse in Berlin hat ausdrücklich festgestellt, daß unsere Richtlinien auch sehr stark das wirtschaftliche Gebiet betreffen — nach den von einer Oppositionspartei ausgestellten Grundsätzen zu handeln. Geschieht dies — und wir nehmen dies als sicher an, nachdem uns die Sprecher einzelner Parteien besonders warm unterstützt haben, — so haben wir keine Zweifel, daß unser ganzes öffentliches Wesen davon Gewinn ziehen wird.
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