Nr. 165
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172. Jahrgang
Kettag, 14. Juli 1922
MetzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Gberhefsen
vnttk Md Verlag: Vrühl'sche Umv.-Vuch- und Steindruckerei R. Lange. Zchristleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstrahe 7.
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Die innerpolitische Krisis.
Berlin, 13. Juli. Das Verlangen der Gewerkschaften, die Unabhängigen in die Koalition miteinzubeziehen, überraschte nach dem „Berliner Tageblatt" aufeerordentlich. Das Zentrum sowohl wie auch die Demokraten sähen darin einen unerträglichen Druck au fe erpa r lamen t a r i s che r Faktoren auf den Reichstag. Diesem Drucke könne unter keinen Umständen nachgegeben werden, da sonst die politischen Konsequenzen unabsehbar wären. Zs würden überdies übereinstimmende Informationen vorliegen, wonach das Ausland eine Auflösung des Reichstages in der gegenwärtigen Zeit geradezu für verhängnisvoll erachten würde.
Auch die „Boss. Ztg? will bestimmt wissen, dah Zentrum und Demokraten auf ihrem Standpunkt, bei einer einseitigen Erweiterung der Koalition nach links nicht mitmachen, beharren werden, auch auf die Gefahr einer Auflösung hin, und zwar beunruhige bei diesen Parteien besonoers das Eingreifen der Gewerkschaften. Von emem Eingreifen des Reichspräsidenten erwarte man die Lösung der Krise, durch die Reuwahlen vermieden werden.
Der „Vorwärts" will das Wort vom „Vorstofe der Gewerkschaften" oder von „unzulässiger Einmischung" nicht gelten lassen. Die Gewerkschaften, sagt er, haben ein lebhaftes Interesse daran, die in ihren Mitgliedschaften am stärksten vertretenen politischen Parteien auf eine gemeinsame Linie zu bringen. Sie haben in diesem Sinne lediglich eine vermittelnde Tätigkeit unternommen, die von beiden sozialdeino- koatischen Parteien dankbar angenommen worden ist. Schwerste Schädigungen des Vvlksganzen lassen sich nach der Meinung des Blattes nur dann vermeiden, wenn die republikanische Schuhgesetzgebung für beide sozialdemokratische Parteien annehmbare Gestalt gewinnt und wenn ihre entschlossene Durchführung durch eine nach links erweiterte republikanische Regierung garantiert wird. Andernfalls bleibt nichts anderes übrig als eine Aeichstagsauflösung.
Rach dem „Lokalanzeiger" ist für morgen vormittag eine Sitzung des interfraktionellen Ausschusses vorgesehen, in der voraussichtlich die Frage der Regierungsumbildung entschieden werden wird.
Wie die Dlätkr melden, ist der Reichspräsident gestern noch nicht nach Berlin zu- rückgekehrt. Seine Ankunft ist vielmehr erst am heutigen Tage zu erwarten. Infolgedessen ist auch die Lösung der krftischen Spannung im Reichstag gestern noch nicht vorwärts gekommen. Die Vertreter der Gewerkschaften erschienen auch gestern wieder zu Besprechungen mit den Führern der b^-iben sozialistischen Parteien im Reichstag. Roch während der Beratungen des Plenums traten die Vertreter des Zentrums und der Demokraten mit den beiden sozialistischen Parteien zu einer interfraktionellen Besprechung zusammen. Die Besprechung muhte aber wegen der Abstimmungen im Plenum abgebrochen werden. Sie wird heute fortgesetzt werden.
Die Demokratische Partei hinter Geßler.
Berlin, 14. Juli. (WTB.) Aus Kreisen der Reichstagsfraktivn der Demokratischen Partei wird mitgeteilt, gewisse Rachrichten über das Verhältnis der demokratischen Fraktion zu Reichswehrminister Geßler seien dahin richtig zu stellen, daß die Fraktion nach wie vor einmütig hinter dem Minister stehe.
Der Sturz der Mark.
Eine Debatte im englischen Unterhaus.
London, 13. Juli. (WTB.) 3m Unter- oaufe wurde wiederum eine Reihe Anfragen an die Regierung bezüglich des Sturzes der deutschen Mark gerichtet. Kenworthy fragte, ob die Aufmerksamkeit der britischen Regierung auf die Rückwirkung des Sturzes der Mark auf den britischen Handel gerichtet sei und ob die Regierung erwäge, eine Aktion in dieser Sache zu unternehmen. Sir Robert Horne erwiderte, der erste Teil der Anfrage sei zu bejahen. Bezüglich des Schlußteiles könne er im Augenblick keine Erklärung abgeben. Kenworthy fragte: Hat Sir John Bradbury im Hinblick auf diese schwere Krisis Instruktionen erhalten? Horne erwiderte: Selbstverständlich befaßt sich die Reparationskommission, deren Mitglied Sir John Brad- bury ist, ständig mit der Lage, und der britische Vertreter ist in dauernder Verbindung mit der britischen Regierung. Auf eine weitere Anfrage, ob und welche Instruktionen der britische Vertreter erhalten habe, erwiderte Horne, er glaube, es werde nicht am Platze sein, im gegenwärtigen Augenblick bekannt zu geben, was bezüglich dieser sehr delikaten Angelegenheit vvrgehe. Lord Robert Eecil fragte: Beabsichtigt die Regierung, in naher Zukunft eine Erklärung über diesen Gegenstand abzugeben? Horne erwiderte: Sevbst- derständlich, sobald irgendeine neue Entwicklung zu verzeichnen ist, wird die Regierung den Wunsch haben, das Haus vollständig zu informieren. Auf eine weitere Anfrage bestätigte Horne, daß die britische Regierung in ständiger Fühlung mit der französischen Regierung sei. Oberst Wedgwood fragte, ob die Mächte mit Rücksicht auf das Fallen der
Mark die Frage der von den ehemaligen Feinden erwarteten Reparationen neu erwäge. Horne erwiderte, die in Frage stehende Angelegenheit werde von der Reparationskommission und von betelligten Regierungen ständig erwogen. Wedgwood fragte: Beruht die Blättermeldung, wonach P o i n c a r e demnächst zur Erörterung dieser Frage hierher kommen wird, auf Richtigkeit, oder handelt es sich nur um einen von französischer Seite ausgestreckten Fühler? Horne erwiderte: Meines Wissens ist keine Anregung erfolgt, daß der französische Ministerpräsident in Verbindung mit dieser Angelegenheit hierher kommen soll. Kennworthh fragte: Will die Regierung sich mit der Tätigkeit der Reparationskommission zufrieden geben? Zeigen die jüngsten Ereignisse nicht, dah wir etwas mehr tun müssen. Horne erwiderte: Selbstverständ- lich beschäftigt sich die Regierung dauernd mit der Angelegenheit.
London, 13. Juli. (WTB.) In Erwiderung einer Anfrage Wedgwoode im Unterlaufe erklärte Lloyd George, die deutsche Regierung habe der Reparationskommission unter Bezugnahme auf verschiedene Artikel des Ver- faillev Vertrages eine Mitteilung wegen eines weiteren Moratoriums für die Reparationszahlungen in Bar übersandt. Der Wortlaut dieser Mitteilung werde bekanntgegeben werden. Cs werde wahrscheinlich notwendig fein, dah die britische Regierung und die anderen Regierungen diese Angelegenheit in ernstliche Prüfung ziehen und sie auch untereinander und mit der Reparationskommission beraten. Ueber die Haltung der britischen Regierung könne er sagen, dah sie der Ansicht fei, e s scheine absolut notwendig, dah Deutschland ein solcher Zahlungsau fschub gewährt werde, damit es in die Lage komme, seine Finanzen wieder in Ordnung zu bringen und dadurch die Möglichkeit erlange, soweit als möglich angemessene Reparationszahlungen zu leisten. Wedgwood fragte, ob diese Angelegenheit der Behandlung der Reparationskommission entzogen werde. Lloyd George erwiderte: Das habe ich durchaus nicht gesagt! — Kenworthy fragte: Warum wart en wir immer eine Katastrophe ab und unternehmen keine Schritte, um ihr zuvorzukommen? Wird der Premierminister diese Warnung in Zukunft beherzigen? Hierauf erfolgte keine Antwort. Wedgwood fragte noch, ob der Premierminister eine persönliche Besprechung mit Poincare über den Marksturz und dessen Rückwirkung auf das Reparationsproblem aufschieben wolle, bis ein Abkommen zwischen der französischen und der britischen Regierung betreffend die Herabsetzung der Reparationszahlungen erzielt worden sei. Lloyd George erwiderte, er sei nicht der Ansicht, dah es unter den gegenwärtigen Umständen möglich fei, die Zusammenkunft aufzuschieben.
Englische Fabrikanten bei LloydGeorge
London, 13. Juli. (WTB.) Heute wurde ■ ein amtlicher Bericht über den Empfang von Vertretern der englischen Fabrikan- tenunion bei Lloyd George veröffentlicht. Ueber das Reparationsproblem befragt, sagte Lloyd George dem Bericht zufolge, er sei durchaus der Meinung, dah es wünschenswert wäre, die Ausführung der Reparationsbestimmungen des Friedensvertrages von Versailles durchzusetzen, aber unter der Voraussetzung, daß man dies tun werde, ohne sich selbst mehr zu schaden als Deutschland. Bevor das Garantiekomitee seinen Bericht erstattet habe, könne die Regierung keinen Entschluh fassen. Das Garantiekomitee toerbc' zu erklären haben, ob Deutschland einen Bankerott nur vorspiegele oder ob der Stand der Mark auf den tatsächlichen Zustand in Deutschland zu beziehen fei. Die Lage des deutschen Außenhandels fei nicht so rosig, wie dies einige Mitglieder des Komitees anzunehmen schienen. Rathenau habe den deutschen Autzen- handel mit 25 Prozent des Vorkriegswertes geschätzt; die Franzosen schätzten ihn auf 40 Proz. Selbst angenommen, die französischen Zahlen seien richtig, könne Deutschland auf dieser Grundlage viel Kapital exportieren und mehr Rahrungs- mittel kaufen als vor dem Kriege? Lloyd George fügte hinzu, er fei froh, dah deutsche und nicht britische Staatsmänner sich diesem Problem gegenübersehen^ ——
Die Gehälter der Mitglieder der Militär kontrollkommission. Berlin, 13. Juli. (WTB.) Von unterrichteter Seite wird mitgetellt: Infolge der steigenden Teuerung werden Gehaltserhöhungen für Mitglieder der interalliierten Militärkvntrollkommifsion für Juni und Juli gezahlt, und zwar erhält der Vorsitzende General monatlich 103 800 Mk., sonstige Generäle, Obersten und Oberstleutnants 76 475 Mk., Majore 54 625 Mk., Hauptleute, Leutnants und Unterleutnante 46 425 Mk., Unteroffiziere 25 250 Mk., Gemeine 15 300 Mk. Außerdem beziehen Jie das Gehalt ihres Landes.
Die Antwort der Neparations-' kommission auf die deutsche Denkschrift.
Paris, 14. Juli. (WTB.) Die Reparationskommission teilt in ihrer Antwort auf die deutsche Denkschrift vom 12. Juli mit, sie sei davon überzeugt, dah die als Reparationen bewirkten Zahlun
gen nur eine, und zwar nicht die wichtigste Ursache für die gegenwärtige Entwertung der Mark darstelle und daß eine Besserung der Lage nur durch die Inkraftsetzung der seit langem geforderten Finanzreformen hergestellt werden könne. Die Kommission könne keine Entscheidung treffen, bevor der Bericht des Garantieausschusses über die Anwendung dieser Maßnahmen eingegangen sei.
Die Haager Konferenz auf dem toten Punkt.
London, 13. Juli. (WTB.) In Erwiderung einer Anfrage sagte Lloyd George im Unterhause, ein offizieller Bericht über einen endgültigen Zusammenbruch der Haager Konferenz liege noch nicht vor. Auf jeden Fall sei es Tatsache, daß man auf einem toten Punkt angekommen sei. Er hoffe, vor den Ferien eine Erklärung über die Haager Konferenz abzugeben. Vielleicht werde es möglich sein, in der übernächsten Woche gegenüber der Haager Konferenz, dem Sturz der Mark und der Reparationsfrage eine Debatte anzuberaumen.
Paris, 12. Juli. (WTB.) Der „New York Herald" meldet aus Washington, der Mißerfolg der Konferenz vom Haag sei geeignet, den Sturz der Sowjets zu beschleunigen. Man sei jetzt der Ansicht, daß das Regime nicht über dieses Jahr hinaus andauern werde.
Die Mörder Rathenaus.
Dessau, 13. Juli. (WTB.) Der Staatsrat für Anhalt teilt mit: Die beiden flüchtigen Mörder Rathenaus befinden sich in Anhalt. Die anhaltische Sicherheitspolizei hat umfassende Maßnahmen getroffen, das Land abzusperren. Das Publikum wird aufgesorderl, die Fahndungs- arbeiten der Behörden möglichst zu unterstützen und alle verdächtigen Wahrnehmungen sofort der nächsten Polizeistation zu melden.
Selbstmord eines Helfershelfers beim Rathrnamnord?
Stuttgart, 13. Juli. In Eichstätten im Allgäu hat sich ein Kurgast, der sich Graf Raden st ein nannte, erschossen, als er verhaftet werden sollte. Die Angelegenheit wird mit dem Rathenaumord in Verbindung gebracht. Im Besitze des Erschossenen sollen sich Briefe hochgestellter ^Persönlichkeiten befinden.
Der Hunger in Rußland.
Genf, 13. Juli. (Wolff. Der Delegierte de Lubersac, der aus der Ukraine zurückgekehrt ist, hat dem Genfer Hilfskomitee für das hungernde Rußland einen erschütternden Bericht über die furchtbare Lage, die in den Städten Kiew, Charkow und Odessa herrscht, erstattet. Danach verfügt Kiew, in das tausende von Flüchtlingen aus dem Hungergebiete strömen, nicht mehr über Mittel zur Verpflegung und Unterkunft. Die Flüchtlinge bleiben ohne jegliche Hilfe am Bahnhof liegen, wo sie elend sterben. In Charkow, dem Sitz der ukrainischen Regierung, irren hungernde Kinder auf den Eifenbahnperrons umher, ohne daß sich jemand um ihre Rot kümmert, brechen zusammen und sterben an Ort und Stelle. Auf diesem Bahnhof sammelt sich oft eine Menge von 7- bis 8000 Flüchtlingen auf einmal an. Die Behörden von Charkow sehen sich bereits genötigt, die Spitäler zu schließen, weil sie weder Medikamente noch Lebensmittel besitzen. Aehnliche Zustände herrschen in Odessa und längs der Eisenbahnlinie Charkow- Odessa.
Die Wagen, welche die Toten in O d e s s a auflesen, brauchen fast eine Woche, um die Stadt zu durchqueren, so daß die Leichen oft vier Tage lang auf den Straßen liegen bleiben, bevor man sie in die gemeinsame Gruft hineinwerfen kann. Viele Leichen waren, bevor sie bestattet wurden, nicht nur von Ratten, sondern auch von Hungerleidenden angenagt. Das ganze Gebiet zwischen Odessa und Poltawa, das zu den einstigen schönsten Gegenden der Ukraine gehörte, liegt jetzt völlig brach darnieder. Die Häuser stehen verlassen und manche Städte in der Ukraine haben 85 Prozent ihrer Einwohnerzahl verloren. Die Menschenfresserei ist dermaßen verbreitet, daß sie von den Behörden nicht mehr verfolgt wird.
Aus dem Reiche.
Außerordentliche Lohnerhöhung der Buchdrucker.
Berlin, 13. Juli. Der in Leipzig zusammen getretene Ausschuß des Tarifamts der Buchdrucker stimmte dem Dergleichsvvr- schlage auf eine außerordentliche.
Lohnerhöhung zu. Am 16. August wird der Ausschuß erneut zusammentreten behufs weiterer Regelung der Löhne.
Derbandsauflösungen.
Berlin, 13. Juli. (WTB.) Bish« wurden im preußischen Staatsgebiete folgende Organisattvnen aufgelöst: der Verband nationalgesinnter Soldaten, der „Bund der Auftechten", der Deutschvöllische Schutz- und Trutzbund, der „Stahlhäm".
Der Bußtag als gesetzlicher Feiertag.
Leipzig, 13. Juli. Das Reichsgericht hat eine Entscheidung gefällt, daß der Bußtag nach wie vor gesetzlicher Feiertag bleibt.
Dr. Heim und die monarchistischen Putschgerüchte in Bayern.
Der Führer der bayrischen Vollspartei Dr. Heim erklärte einem Vertreter der „Reuen Freien Presse" in Wien über die Gerüchte, die die mit einem in Bayern angeblich bevorstehenden Rechtsputsch in Zusammenhang bringen, dah die- Behauptung, er konspiriere mit dem Kr on- prinzen Rupprecht, falsch sei. Er habe nie in seinem Leben den Kronprinzen Rupprecht kennen gelernt. Dr. Heim sagte weiter: Dah id>$ Monarchist bin, leugne ich nicht. Aber an einen monarchistischen Putsch denkt in Bayern kein vernünftiger Mensch. Ein Rechtsputsch könnte in Bayern erfolgen, wenn in Rorddeutschland der Boden der Verfassung verlassen würde und wenn sich der Rorden vorn Süden trenne. Wenn tm Rorden der Bolschewismus offen oder veftchleiert zur Herrschaft kommen wurde, dann müßte sich für Bayern die Notwendigkeit ergeben, die Verfassung zu schützen. Wenn ich einen monarchistischen Putsch versuchen würde, so würden vielleicht zunächst 80 Prozent der bayrischen Bevölkerung „Hosiannah" rufen. Wenn sich dann aber die wirtschaftlichen Folgen zeigen würden, würden sie schreien: „Ans Kreuz mit ihnen!"
Deutscher Reichstag.
250. Sitzung am Donnerstag den 13 Juli, nachmittags 2 Uhr.
Der Gesetzentwurf, der die Regierung ermächtigt, tm Falle eines dringenden wirtschaftlichen Bedürfnisses nach Anhören des Reichswirtschaftsrates und nach Fühlungnahme mit den» Reichstag
die Eingangszölle
zu erhöhen, herabzusetzen, oder neue Zölle ein* zusühren, wird in zweiter und dritter Lesung angenommen. Dem Entwurf wird noch hinzugefügt, daß neben dem Reichsrat auch ein Ausschuß des Reichstags gehört werden soll.
Rach der Erledigung einiger kleinerer Auslagen stimmt das Haus in zweiter und dritter Lesung der Streichung der in dem Etat eingestellten Sätze für sachliche Ausgaben der heimatlichen Aufklärung, der Förderung des Rach- lichtendienstes des Reichskomm ssars für öffentliche Arbeiten zu. Der Reichstag beschliefet jedoch, bafe. durch einen besonderen Rachtragsetat die erforderlichen Mittel für diese Zwecke zur Ver- fügung gestellt werden.
Darauf folgt die
zweite Beratung des Amneftiegesetzes.
Rach den Ausschufebrschlüssen soll sich bk Amnestie aus die Personen erstrecken. die .rach dem August 1920 an einem hochverräterischen Unternehmen gegen das Reich teilgenommen haben, oder die von den 1921 errichteten außer- ordentlichen Gerichten verurteilt worden sind, so- fern die Handlungen nicht lediglich auf Rohheit, Eigennutz oder nicht auf politischen Beweggründe beruhen.
Abg. Schmidt (Soz.s 'verlangt die Ausdehnung der Amnestie über die bis 1918 zurückliegenden Straftaten und vor allem seine Anwendung auf Bayern, wo die milde Behandlung des gräflichen Eisnermörders Arco und die brutale Behandlung des Dichters Toller eine Kultur- schände sei. Redner verlangt ferner die Einbeziehung der Eisenbahner in dieses Amnestiegeseh, dagegen strenge Ausschliefeung der Kappisten und aller sonstiger Personen, die sich monarchistischer Bestrebungen schuldig gemacht haben.
Reichsjustizminister Dr. Radbruch: Die Amnestie müsse auf die Zeit bis 4. August 1920 beschränkt werden, well die früheren Taten unter die Kapp-Puffch-Amnestie fallen. Das Jahr 1922 ist ausgenommen worden, weil sonst auch die Attentate gegen Erzberger, Scheidemann und Rathenau darunter gefallen wären.
Rcichsverk hrsminister G r ö n e r erklärt sich mit der Ausschußenlschließung einverstanden, daß die Cisenbahnverwaltung bei der Handhabung der Disziplinargewalt gegen die am Eisenbahnerstreik beteiligten Beamten die äußerste Milde walten lassen wolle. Auch da, wo bereits Entlassungen erfolgt sind, soll dem Reichspräsidenten die Wie- Oereinstellung im Gnadenwege empfohlen werden. Der Redner kann aber einer Amnestie für die Straftaten beim Eisenbahnerstreik nicht zustimmen.
Abg. Dr. Dell (Zentr.) tritt für Wiederherstellung der Regierungsvorlage ein. Der Eisen- bahnerstreik habe mit dem Schutz der Republik gar nichts zu tun gehabt.
Abg. Leutheuser (D. Dp.) lehnt die Vorlage ab. Eine allgemeine Amnestie wäre ein Freibrief für künftige hochverräterische Unternehmungen.
Abg. Dr. Barth (D.-Ratl.) ist grundsätzlich gegen eine Amnestie. Sollte die Vorlage aber angenommen werden, so müsse die Frist bi*


