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Nr. 165

Erscheint täglich, anfeer Sonn» und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GiefeenerFamilienblätter Monatliche Bezugspreise: Mk. 22.50 und Mk. 2.50 Trägerlohn.durch dieDost Mk. 25., auch bei Ntcht» erscheinen einzelner Num­mern infolge höherer Gewalt.- Fernsprech- Anschlüsse-: fürdieSchrist- leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Siehe«.

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172. Jahrgang

Kettag, 14. Juli 1922

MetzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberhefsen

vnttk Md Verlag: Vrühl'sche Umv.-Vuch- und Steindruckerei R. Lange. Zchristleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstrahe 7.

Annahme von Anzeige« für die Tagesnummer bis 3um Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v. 34 mm Breite örtlich 150 Pf., auswärts 180 Pf.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite 500 Pf. Bei Platz- Vorschrift 20 °/0 Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Deck, sämtlich in Giefeen.

Die innerpolitische Krisis.

Berlin, 13. Juli. Das Verlangen der Ge­werkschaften, die Unabhängigen in die Koalition miteinzubeziehen, überraschte nach dem Berliner Tageblatt" aufeerordentlich. Das Zen­trum sowohl wie auch die Demokraten sähen darin einen unerträglichen Druck au fe erpa r lamen t a r i s che r Faktoren auf den Reichstag. Diesem Drucke könne unter keinen Umständen nachgegeben werden, da sonst die politischen Konsequenzen unabsehbar wären. Zs würden überdies übereinstimmende Informa­tionen vorliegen, wonach das Ausland eine Auflösung des Reichstages in der gegenwärtigen Zeit geradezu für verhängnisvoll erachten würde.

Auch dieBoss. Ztg? will bestimmt wissen, dah Zentrum und Demokraten auf ihrem Stand­punkt, bei einer einseitigen Erweiterung der Koa­lition nach links nicht mitmachen, beharren wer­den, auch auf die Gefahr einer Auflösung hin, und zwar beunruhige bei diesen Parteien besonoers das Eingreifen der Gewerk­schaften. Von emem Eingreifen des Reichs­präsidenten erwarte man die Lösung der Krise, durch die Reuwahlen vermieden werden.

DerVorwärts" will das Wort vom Vorstofe der Gewerkschaften" oder vonunzu­lässiger Einmischung" nicht gelten lassen. Die Gewerkschaften, sagt er, haben ein lebhaftes Interesse daran, die in ihren Mitgliedschaften am stärksten vertretenen politischen Parteien auf eine gemeinsame Linie zu bringen. Sie haben in diesem Sinne lediglich eine vermittelnde Tätig­keit unternommen, die von beiden sozialdeino- koatischen Parteien dankbar angenommen worden ist. Schwerste Schädigungen des Vvlksganzen lassen sich nach der Meinung des Blattes nur dann vermeiden, wenn die republikanische Schuh­gesetzgebung für beide sozialdemokratische Parteien annehmbare Gestalt gewinnt und wenn ihre ent­schlossene Durchführung durch eine nach links er­weiterte republikanische Regierung garantiert wird. Andernfalls bleibt nichts anderes übrig als eine Aeichstagsauflösung.

Rach demLokalanzeiger" ist für morgen vormittag eine Sitzung des interfraktio­nellen Ausschusses vorgesehen, in der vor­aussichtlich die Frage der Regierungsum­bildung entschieden werden wird.

Wie die Dlätkr melden, ist der Reichs­präsident gestern noch nicht nach Berlin zu- rückgekehrt. Seine Ankunft ist vielmehr erst am heutigen Tage zu erwarten. Infolgedessen ist auch die Lösung der krftischen Spannung im Reichs­tag gestern noch nicht vorwärts gekommen. Die Vertreter der Gewerkschaften erschienen auch gestern wieder zu Besprechungen mit den Führern der b^-iben sozialistischen Parteien im Reichstag. Roch während der Beratungen des Plenums traten die Vertreter des Zentrums und der Demokraten mit den beiden sozialistischen Parteien zu einer interfraktionellen Besprechung zusammen. Die Besprechung muhte aber wegen der Abstimmungen im Plenum abgebrochen wer­den. Sie wird heute fortgesetzt werden.

Die Demokratische Partei hinter Geßler.

Berlin, 14. Juli. (WTB.) Aus Krei­sen der Reichstagsfraktivn der Demokratischen Partei wird mitgeteilt, gewisse Rachrichten über das Verhältnis der demokratischen Frak­tion zu Reichswehrminister Geßler seien dahin richtig zu stellen, daß die Fraktion nach wie vor einmütig hinter dem Minister stehe.

Der Sturz der Mark.

Eine Debatte im englischen Unterhaus.

London, 13. Juli. (WTB.) 3m Unter- oaufe wurde wiederum eine Reihe Anfragen an die Regierung bezüglich des Sturzes der deutschen Mark gerichtet. Kenworthy fragte, ob die Aufmerksamkeit der britischen Regierung auf die Rückwirkung des Sturzes der Mark auf den britischen Handel gerichtet sei und ob die Regierung erwäge, eine Aktion in dieser Sache zu unternehmen. Sir Robert Horne erwiderte, der erste Teil der Anfrage sei zu bejahen. Bezüglich des Schlußteiles könne er im Augenblick keine Erklärung ab­geben. Kenworthy fragte: Hat Sir John Bradbury im Hinblick auf diese schwere Krisis Instruktionen erhalten? Horne erwiderte: Selbstverständlich befaßt sich die Reparations­kommission, deren Mitglied Sir John Brad- bury ist, ständig mit der Lage, und der bri­tische Vertreter ist in dauernder Verbindung mit der britischen Regierung. Auf eine weitere Anfrage, ob und welche Instruktionen der britische Vertreter erhalten habe, erwiderte Horne, er glaube, es werde nicht am Platze sein, im gegenwärtigen Augenblick bekannt zu geben, was bezüglich dieser sehr delikaten Angelegenheit vvrgehe. Lord Robert Eecil fragte: Beabsichtigt die Regierung, in naher Zukunft eine Erklärung über diesen Gegen­stand abzugeben? Horne erwiderte: Sevbst- derständlich, sobald irgendeine neue Entwick­lung zu verzeichnen ist, wird die Regierung den Wunsch haben, das Haus vollständig zu informieren. Auf eine weitere Anfrage be­stätigte Horne, daß die britische Regierung in ständiger Fühlung mit der französischen Re­gierung sei. Oberst Wedgwood fragte, ob die Mächte mit Rücksicht auf das Fallen der

Mark die Frage der von den ehemaligen Feinden erwarteten Reparationen neu er­wäge. Horne erwiderte, die in Frage stehende Angelegenheit werde von der Reparations­kommission und von betelligten Regierungen ständig erwogen. Wedgwood fragte: Beruht die Blättermeldung, wonach P o i n c a r e demnächst zur Erörterung dieser Frage hierher kommen wird, auf Richtigkeit, oder handelt es sich nur um einen von französischer Seite ausgestreckten Fühler? Horne erwiderte: Meines Wissens ist keine Anregung erfolgt, daß der französische Ministerpräsident in Ver­bindung mit dieser Angelegenheit hierher kommen soll. Kennworthh fragte: Will die Re­gierung sich mit der Tätigkeit der Repara­tionskommission zufrieden geben? Zeigen die jüngsten Ereignisse nicht, dah wir etwas mehr tun müssen. Horne erwiderte: Selbstverständ- lich beschäftigt sich die Regierung dauernd mit der Angelegenheit.

London, 13. Juli. (WTB.) In Erwiderung einer Anfrage Wedgwoode im Unter­laufe erklärte Lloyd George, die deutsche Regierung habe der Reparationskommission unter Bezugnahme auf verschiedene Artikel des Ver- faillev Vertrages eine Mitteilung wegen eines weiteren Moratoriums für die Repa­rationszahlungen in Bar übersandt. Der Wort­laut dieser Mitteilung werde bekanntgegeben wer­den. Cs werde wahrscheinlich notwendig fein, dah die britische Regierung und die anderen Re­gierungen diese Angelegenheit in ernstliche Prü­fung ziehen und sie auch untereinander und mit der Reparationskommission beraten. Ueber die Haltung der britischen Regierung könne er sagen, dah sie der Ansicht fei, e s scheine absolut notwendig, dah Deutschland ein solcher Zahlungs­au fschub gewährt werde, damit es in die Lage komme, seine Finanzen wieder in Ord­nung zu bringen und dadurch die Möglichkeit erlange, soweit als möglich angemessene Repa­rationszahlungen zu leisten. Wedgwood fragte, ob diese Angelegenheit der Behandlung der Re­parationskommission entzogen werde. Lloyd George erwiderte: Das habe ich durchaus nicht gesagt! Kenworthy fragte: Warum wart en wir immer eine Katastrophe ab und unternehmen keine Schritte, um ihr zuvorzukommen? Wird der Premier­minister diese Warnung in Zukunft beherzigen? Hierauf erfolgte keine Antwort. Wedgwood fragte noch, ob der Premierminister eine persön­liche Besprechung mit Poincare über den Marksturz und dessen Rückwirkung auf das Reparationsproblem aufschieben wolle, bis ein Abkommen zwischen der französischen und der britischen Regierung betreffend die Herabsetzung der Reparationszahlungen erzielt worden sei. Lloyd George erwiderte, er sei nicht der Ansicht, dah es unter den gegenwärtigen Umständen mög­lich fei, die Zusammenkunft aufzuschieben.

Englische Fabrikanten bei LloydGeorge

London, 13. Juli. (WTB.) Heute wurde ein amtlicher Bericht über den Empfang von Vertretern der englischen Fabrikan- tenunion bei Lloyd George veröffent­licht. Ueber das Reparationsproblem befragt, sagte Lloyd George dem Bericht zufolge, er sei durchaus der Meinung, dah es wünschenswert wäre, die Ausführung der Reparationsbestimmun­gen des Friedensvertrages von Versailles durch­zusetzen, aber unter der Voraussetzung, daß man dies tun werde, ohne sich selbst mehr zu scha­den als Deutschland. Bevor das Garantie­komitee seinen Bericht erstattet habe, könne die Regierung keinen Entschluh fassen. Das Garantiekomitee toerbc' zu erklären haben, ob Deutschland einen Bankerott nur vorspiegele oder ob der Stand der Mark auf den tatsächlichen Zu­stand in Deutschland zu beziehen fei. Die Lage des deutschen Außenhandels fei nicht so rosig, wie dies einige Mitglieder des Komitees anzunehmen schienen. Rathenau habe den deutschen Autzen- handel mit 25 Prozent des Vorkriegswertes ge­schätzt; die Franzosen schätzten ihn auf 40 Proz. Selbst angenommen, die französischen Zahlen seien richtig, könne Deutschland auf dieser Grundlage viel Kapital exportieren und mehr Rahrungs- mittel kaufen als vor dem Kriege? Lloyd George fügte hinzu, er fei froh, dah deutsche und nicht britische Staatsmänner sich diesem Problem gegenübersehen^

Die Gehälter der Mitglieder der Militär kontrollkommission. Berlin, 13. Juli. (WTB.) Von unter­richteter Seite wird mitgetellt: Infolge der steigenden Teuerung werden Gehaltser­höhungen für Mitglieder der interalliier­ten Militärkvntrollkommifsion für Juni und Juli gezahlt, und zwar erhält der Vorsitzende General monatlich 103 800 Mk., sonstige Gene­räle, Obersten und Oberstleutnants 76 475 Mk., Majore 54 625 Mk., Hauptleute, Leutnants und Unterleutnante 46 425 Mk., Unteroffiziere 25 250 Mk., Gemeine 15 300 Mk. Außerdem beziehen Jie das Gehalt ihres Landes.

Die Antwort der Neparations-' kommission auf die deutsche Denkschrift.

Paris, 14. Juli. (WTB.) Die Re­parationskommission teilt in ihrer Antwort auf die deutsche Denkschrift vom 12. Juli mit, sie sei davon überzeugt, dah die als Reparationen bewirkten Zahlun­

gen nur eine, und zwar nicht die wichtigste Ursache für die gegenwärtige Entwertung der Mark darstelle und daß eine Besserung der Lage nur durch die Inkraftsetzung der seit langem geforderten Finanzreformen herge­stellt werden könne. Die Kommission könne keine Entscheidung treffen, bevor der Bericht des Garantieausschusses über die Anwendung dieser Maßnahmen eingegangen sei.

Die Haager Konferenz auf dem toten Punkt.

London, 13. Juli. (WTB.) In Er­widerung einer Anfrage sagte Lloyd Ge­orge im Unterhause, ein offizieller Bericht über einen endgültigen Zusammenbruch der Haager Konferenz liege noch nicht vor. Auf jeden Fall sei es Tatsache, daß man auf einem toten Punkt angekommen sei. Er hoffe, vor den Ferien eine Erklärung über die Haager Konferenz abzugeben. Viel­leicht werde es möglich sein, in der über­nächsten Woche gegenüber der Haager Konfe­renz, dem Sturz der Mark und der Repara­tionsfrage eine Debatte anzuberaumen.

Paris, 12. Juli. (WTB.) DerNew York Herald" meldet aus Washington, der Mißerfolg der Konferenz vom Haag sei geeignet, den Sturz der Sow­jets zu beschleunigen. Man sei jetzt der Ansicht, daß das Regime nicht über dieses Jahr hinaus andauern werde.

Die Mörder Rathenaus.

Dessau, 13. Juli. (WTB.) Der Staats­rat für Anhalt teilt mit: Die beiden flüch­tigen Mörder Rathenaus befinden sich in Anhalt. Die anhaltische Sicherheits­polizei hat umfassende Maßnahmen ge­troffen, das Land abzusperren. Das Publikum wird aufgesorderl, die Fahndungs- arbeiten der Behörden möglichst zu unter­stützen und alle verdächtigen Wahrnehmungen sofort der nächsten Polizeistation zu melden.

Selbstmord eines Helfershelfers beim Rathrnamnord?

Stuttgart, 13. Juli. In Eichstätten im Allgäu hat sich ein Kurgast, der sich Graf Raden st ein nannte, erschossen, als er ver­haftet werden sollte. Die Angelegenheit wird mit dem Rathenaumord in Verbindung ge­bracht. Im Besitze des Erschossenen sollen sich Briefe hochgestellter ^Persönlichkeiten be­finden.

Der Hunger in Rußland.

Genf, 13. Juli. (Wolff. Der Delegierte de Lubersac, der aus der Ukraine zurück­gekehrt ist, hat dem Genfer Hilfskomitee für das hungernde Rußland einen erschütternden Bericht über die furchtbare Lage, die in den Städten Kiew, Charkow und Odessa herrscht, erstattet. Danach verfügt Kiew, in das tausende von Flüchtlingen aus dem Hungergebiete strömen, nicht mehr über Mittel zur Verpflegung und Unterkunft. Die Flüchtlinge bleiben ohne jegliche Hilfe am Bahnhof liegen, wo sie elend sterben. In Charkow, dem Sitz der ukrainischen Regie­rung, irren hungernde Kinder auf den Eifenbahnperrons umher, ohne daß sich je­mand um ihre Rot kümmert, brechen zusam­men und sterben an Ort und Stelle. Auf diesem Bahnhof sammelt sich oft eine Menge von 7- bis 8000 Flüchtlingen auf einmal an. Die Behörden von Charkow sehen sich bereits genötigt, die Spitäler zu schließen, weil sie weder Medikamente noch Lebensmittel be­sitzen. Aehnliche Zustände herrschen in Odessa und längs der Eisenbahnlinie Charkow- Odessa.

Die Wagen, welche die Toten in O d e s s a auflesen, brauchen fast eine Woche, um die Stadt zu durchqueren, so daß die Leichen oft vier Tage lang auf den Stra­ßen liegen bleiben, bevor man sie in die gemeinsame Gruft hineinwerfen kann. Viele Leichen waren, bevor sie bestattet wur­den, nicht nur von Ratten, sondern auch von Hungerleidenden angenagt. Das ganze Gebiet zwischen Odessa und Poltawa, das zu den einstigen schönsten Gegenden der Ukraine ge­hörte, liegt jetzt völlig brach darnieder. Die Häuser stehen verlassen und manche Städte in der Ukraine haben 85 Prozent ihrer Einwoh­nerzahl verloren. Die Menschenfres­serei ist dermaßen verbreitet, daß sie von den Behörden nicht mehr verfolgt wird.

Aus dem Reiche.

Außerordentliche Lohnerhöhung der Buch­drucker.

Berlin, 13. Juli. Der in Leipzig zu­sammen getretene Ausschuß des Tarifamts der Buchdrucker stimmte dem Dergleichsvvr- schlage auf eine außerordentliche.

Lohnerhöhung zu. Am 16. August wird der Ausschuß erneut zusammentreten behufs weiterer Regelung der Löhne.

Derbandsauflösungen.

Berlin, 13. Juli. (WTB.) Bish« wurden im preußischen Staatsgebiete fol­gende Organisattvnen aufgelöst: der Verband nationalgesinnter Soldaten, derBund der Auftechten", der Deutschvöllische Schutz- und Trutzbund, derStahlhäm".

Der Bußtag als gesetzlicher Feiertag.

Leipzig, 13. Juli. Das Reichsge­richt hat eine Entscheidung gefällt, daß der Bußtag nach wie vor gesetzlicher Feiertag bleibt.

Dr. Heim und die monarchistischen Putschgerüchte in Bayern.

Der Führer der bayrischen Vollspartei Dr. Heim erklärte einem Vertreter derReuen Freien Presse" in Wien über die Gerüchte, die die mit einem in Bayern angeblich bevorstehenden Rechtsputsch in Zusammenhang bringen, dah die- Behauptung, er konspiriere mit dem Kr on- prinzen Rupprecht, falsch sei. Er habe nie in seinem Leben den Kronprinzen Rupprecht kennen gelernt. Dr. Heim sagte weiter: Dah id>$ Monarchist bin, leugne ich nicht. Aber an einen monarchistischen Putsch denkt in Bayern kein ver­nünftiger Mensch. Ein Rechtsputsch könnte in Bayern erfolgen, wenn in Rorddeutschland der Boden der Verfassung verlassen würde und wenn sich der Rorden vorn Süden trenne. Wenn tm Rorden der Bolschewismus offen oder veftchleiert zur Herrschaft kommen wurde, dann müßte sich für Bayern die Notwendigkeit ergeben, die Ver­fassung zu schützen. Wenn ich einen monarchisti­schen Putsch versuchen würde, so würden vielleicht zunächst 80 Prozent der bayrischen Bevölkerung Hosiannah" rufen. Wenn sich dann aber die wirtschaftlichen Folgen zeigen würden, würden sie schreien:Ans Kreuz mit ihnen!"

Deutscher Reichstag.

250. Sitzung am Donnerstag den 13 Juli, nachmittags 2 Uhr.

Der Gesetzentwurf, der die Regierung er­mächtigt, tm Falle eines dringenden wirtschaft­lichen Bedürfnisses nach Anhören des Reichs­wirtschaftsrates und nach Fühlungnahme mit den» Reichstag

die Eingangszölle

zu erhöhen, herabzusetzen, oder neue Zölle ein* zusühren, wird in zweiter und dritter Lesung an­genommen. Dem Entwurf wird noch hinzugefügt, daß neben dem Reichsrat auch ein Ausschuß des Reichstags gehört werden soll.

Rach der Erledigung einiger kleinerer Au­slagen stimmt das Haus in zweiter und dritter Lesung der Streichung der in dem Etat einge­stellten Sätze für sachliche Ausgaben der heimat­lichen Aufklärung, der Förderung des Rach- lichtendienstes des Reichskomm ssars für öffent­liche Arbeiten zu. Der Reichstag beschliefet jedoch, bafe. durch einen besonderen Rachtragsetat die erforderlichen Mittel für diese Zwecke zur Ver- fügung gestellt werden.

Darauf folgt die

zweite Beratung des Amneftiegesetzes.

Rach den Ausschufebrschlüssen soll sich bk Amnestie aus die Personen erstrecken. die .rach dem August 1920 an einem hochverräterischen Unternehmen gegen das Reich teilgenommen ha­ben, oder die von den 1921 errichteten außer- ordentlichen Gerichten verurteilt worden sind, so- fern die Handlungen nicht lediglich auf Roh­heit, Eigennutz oder nicht auf politischen Beweg­gründe beruhen.

Abg. Schmidt (Soz.s 'verlangt die Aus­dehnung der Amnestie über die bis 1918 zurück­liegenden Straftaten und vor allem seine Anwen­dung auf Bayern, wo die milde Behandlung des gräflichen Eisnermörders Arco und die brutale Behandlung des Dichters Toller eine Kultur- schände sei. Redner verlangt ferner die Einbezie­hung der Eisenbahner in dieses Amnestiegeseh, da­gegen strenge Ausschliefeung der Kappisten und aller sonstiger Personen, die sich monarchistischer Bestrebungen schuldig gemacht haben.

Reichsjustizminister Dr. Radbruch: Die Amnestie müsse auf die Zeit bis 4. August 1920 beschränkt werden, well die früheren Taten unter die Kapp-Puffch-Amnestie fallen. Das Jahr 1922 ist ausgenommen worden, weil sonst auch die Attentate gegen Erzberger, Scheidemann und Ra­thenau darunter gefallen wären.

Rcichsverk hrsminister G r ö n e r erklärt sich mit der Ausschußenlschließung einverstanden, daß die Cisenbahnverwaltung bei der Handhabung der Disziplinargewalt gegen die am Eisenbahnerstreik beteiligten Beamten die äußerste Milde walten lassen wolle. Auch da, wo bereits Entlassungen erfolgt sind, soll dem Reichspräsidenten die Wie- Oereinstellung im Gnadenwege empfohlen werden. Der Redner kann aber einer Amnestie für die Straftaten beim Eisenbahnerstreik nicht zustimmen.

Abg. Dr. Dell (Zentr.) tritt für Wieder­herstellung der Regierungsvorlage ein. Der Eisen- bahnerstreik habe mit dem Schutz der Republik gar nichts zu tun gehabt.

Abg. Leutheuser (D. Dp.) lehnt die Vorlage ab. Eine allgemeine Amnestie wäre ein Freibrief für künftige hochverräterische Unter­nehmungen.

Abg. Dr. Barth (D.-Ratl.) ist grundsätz­lich gegen eine Amnestie. Sollte die Vorlage aber angenommen werden, so müsse die Frist bi*