Ausgabe 
13.2.1922
 
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Montag, 15. Februar 1922

M. 57 Zweites Blatt

Deutscher Reichstag.

168 Sitzung, nachmittags 1 Ufcr.

Berlin, 11. Februar 1922.

Die Aussprache über die Regierungserklä­rung betreffend den

Verkehr sstreik.

tn Derbinbung mit den An rügen der USP. und der Kommunisten wird fortgefegt.

Abg Dittmann (USM Fortgesetzt laufen neue Meldungen über Mas enmatzregelungen ein. Diese erfolgen taujendweise. (Hört! hort!) 3n Berlin sind 2600 Personen gematzreaelt worden, im ganzen ca 25 000 bis 30 000. lieber die vor­zügliche Agitation, die Herr Gröner für uns treibt, könnten wir uns eigentlich freuen. Seine Trabanten in den Eifenbahndtrektionen Pfeifer; auf die Zusage des Reichskanzlers. Hier handel, es sich um eine Revolte der höheren Eisenbahn beamten, um eine Militarisierung der Eisen­bahn. Der Geist des französischen Revanche­generals Foch hat Herrn Gröner ersaht, neben dem beschränkten Kommt igelst des Stockpreutzen tums. Der Redner bestreitet dann, dah in den Krankens ufern während des Streikes die Sterb­lichkeit eine gröbere gewesen sei, und behauptet, Loh die Kinderstationen mit Milch voll be liefert wooden seien. Der Reichstag habe ein Recht, von seinem Mitglied Hugo Sünnes zu verlangen, darüber Auskunft zu geben, ob in London er Verhandlungen über eine Privat! fierung der deutschen Ciienbahnen geführt habe oder nicht. Sei es nicht Landesverrat, wenn man den Versuch mache, deutsches Eigentum an die Entente zu verschachern. Es müsse ein Unter* suchungeausschuh gegen Herrn Sünnes eingeietj; werden, der die Angelegenheit genau zu prüfen habe. Die Regierung entwickele sich zu einem reinen Rechtskabinett, und mit Genua werde die Verständigung des Kapitals hüben und drüben zustande kommen. Dies bedeute eine internatio^ nale Koalition zur Ausbeutung und Rieder- Haltung der Arbeiterklasse in der ganzen Welt. Darum müsse das Proletariat sich vereinigen zum Kampfe gegen die kapitalistische Staatsgewalt.

MißtrauenScmträge der Rechtsparteien.

Von den Deutfchnationalen ist fol­gender Antrag eingegangen:

Da die Reichsregierung durch ihre bisherige schwache Haltung den Ausbruch des Eisenbahner- streiks mitverschuldete, und angesichts der Tat­sache, dah bei dem Eisenbahnerstreck die Taten btis Reichskanzlers mit seinen Worten nicht über* einfhmmten. hat der Reichstag nicht die Zuver­sicht, dah die Staatsautorität in der von dem Reichskanzler Dr. Wirth geleiteten Re­gierung genügend gesichert ist und versagt infolgedessen der Regierung das Vertrauen, dessen sie zur Führung der Ge­schäfte bedarf.

Von feiten der DeutfchenVolkspartei ist folgendes Mihtrauensootum eingegangen:

Der Reichstag m ih billigt 1. dah der Herr Rei chskairzler die Verordnung des Herrn Reichspräsidenten gegen offenbare Verhöbe nicht angewendet hat, 2. das) der Herr Reichskanzler im Widerspruch mit den Erklärungen der Reichs» regierung mit Führern der Reichsgewetkichast deutscher Eisenbuhnbeamter und -antoärter ver- banbelt hat, bevor der Streik beendet war und 3. dah dec Herr Reichskanzler in bezug auf die Disziplinarverfahren Zusagen gemacht hat. die im Zusammenhang mit seiner Zusage in der Reichs- tagssihung vom 10. d. M. geeignet sind, die Staatsautorität zu zerstören und die .pflicht­treuen Beamten zu verwirren. Der Reichstag spricht daher dem Herrn Reichs­kanzler sein Mihtrauen aus.

Abg. Koch (Dem.): Der Streik war ein glatter Mihersolg. Die Autorität der Regierung war zeitweise gefährdet. Die Lebensmittelver­sorgung ist erschwert unb verteuert worden. Das Rechtsgefühl und der Staatsgedanke find von neuem auf das schwerste erschüttert worden. Das war das Ergebnis des Streikes. Die Forderungen auf dem Gebiete der Arbeitszeit lehnen wir ab. Der Achtstundentag muh möglichst aus­genutzt werden. Lebenslängliche Anstellung und Streikrecht sind miteinander nicht vereinbar. Wäh­rend des Kapp-Putsches war der Streik keine Revolte, während er jetzt eine Revolte gewesen ist Es handelt sich nicht um einen Sieg der Re­gierung Wirth, sondern um einen Sieg der Au­torität und des Staatsgedankens. Bei den Diszi­plinarverfahren darf nicht Rachsucht und übertriebene Milde walten, sondern Ge­rechtigkeit. Die Deamtenbesoldung mit ihrem Zulagesystem ist zu schwerfällig. Man gebe den Beamten einfach ausreichende Gehälter. (Sehr richtig!) Solange die Gewerkschaften nicht stark genug sind, ist die Technische Rothilfe nicht zu entbehren. Deutschland steht heute vor einer un­lösbaren Ausgabe, bis der Druck der Entente

von ihm genommen ist. Bis dahin dürfen wir uns nicht selbst zersleischen, sondern müssen alle Kräfte anspannen, um zur Gesundung zu gelangen.

Reichsverkehrsmmister Gröner weist die von dem Abgeordneten Dittmann gegen ihn gerichteten Angriffe zurück. Er habe keines­wegs die Eisenbahn heruntergewirtschastet. Auch denke er nicht daran, sie nach den Vorschlägen des Herrn Dittmann zu verwalten. In der Frage der disziplinarischen Mahregelungen bestände volles Ucbereinlcmmen zwischen ihm, dem Reichs­kanzler und den anderen Mitgliedern des Kabi­netts. Die Richtlinien feien von ihm ausgearbeitet worden und nur unwesentlich abgeändert worden (Hört! hört!). Das Disziplinarverfahren sei in 350 Fällen eingeleitet worden, von denen 150 auf Berlin entfallen. (Stürmische Zurufe links: Das ist ein Skandal!) Kein Minister werde sich das Recht nehmen lassen, in seinem Oteffort selbst über die Einleitung von Disziplinarverfahren zu bc- stimmen Es sei aber kein Versuch gemacht worden, ihm dieses Recht zu nehmen. (Lärm auf beu äuhersten Linken.)

Reichsfinaitzminister Dr. Hermes weist darauf die Angriffe des Abgeordneten Ditt­mann gegen die höheren Beamten zurück. Als bei Minister sich bemüht, zahlenmäbig nachzuweisen, das) bie Entwicklung bei Beamtenbesoldung mit der Teuerung nach Möglichkeit Schritt gehalten habe, kommt es bei der Linken erneut zu lärmen­den Kunbgebungen. Abg. Koenen (K. > ruft: Es ist eine unerhörte Dreistigkeit, uns eine solche Rechnung vorzulegen. Vizepräsident Riesser ruft den Abg. Koenen deswegen zur Ordnung. Der Minister crtlärt darauf weiter, dab in weiten Ge­bieten des Reiches die Eisenbahnbeamten belfer bezahlt würden, als die entsprechend beschäftigten Angestellten der Privatindustrie. Wenn daher bie Eisenbahnverwaltung gleichmäßige Gehälter ein- führen würde, fo würde sie damit grobe In­dustrien empfindlich schädigen. Daher sei es zweck* mähiger, mit den Teuerungszulagen weiter fort­zufahren. Eine Rachprüfung der Grundgehälter würde aber trotzdem mit grober Beschleunigung vorgenommen werden.

Abg. Schirmer (Dayr. Dpt.) bestreitet, daß den Beamten in der Verfassung ein Streik- recht gewährt fei Die Linke, bie bas Deruss- beamtentuin immer bekämpft habe, habe ihre Freude an bem Deamtenstreik gehabt. Die baye­rischen Beamten hätten aber nicht mitgemacht, infolge ber guten Schulung burch ben bayerischen Cisenvahnerverbanb. Anbererseits seien in Baben unb Württemberg viele Beamte burch ben Terror ber Reichsgewerlschastler gegen ihren Willen zur Einstellung ber Arbeit gezwungen worben. Die Schupo habe diesem Terror tatenlos gegenüber- gestanden. (Hört! Hört!) Diese Terroristen dürf­ten keine Gnade finden.

Aba. D r a h (Komm. Arbeitsgemeinschaft) meint, bie Regierung könne durch scharfe Mab­regelungen ber Teilnehmer an bem Eisenbahner- streik nicht ihr Verhältnis zu den Beamten ver­bessern. Auch Minister Hermes habe bie Tatsache nicht erschüttert, daß zahlreiche untere unb mitt­lere Beamten nicht einmal ihr Existenzminimum oerbienen. Gegen Streiks ist unter wilhelminischem Regime nicht so brutal vorgegangen worben, wie in ber glorreichen bemokraüschen Republik. Den Beamten bürfe bas Streikrecht nicht genommen werben unb Mahregelungen unter keinen Umstän­den erfolgen. Der Abgeordnete schiebt bie Ver­antwortung für ben Streik ben bürgerlichen Par­teien einschliehlich ber Mehrheitssozialisten zu. Auch bie Haltung ber 11. S. P. sei recht zwei­deutig gewesen. Die Erfüllungspolitik ber Re­gierung laufe darauf hinaus, aus ben Knochen der Arbeiter unb Beamten bie Reparationslast herauszupressen. Zu Ebert unb bem Reichs­kanzler habe bas Proletariat jebes Vertrauen verloren.

Damit schließt bie Aussprache.

In persönlichen Bemerkungen erklärt brr Adg. Benber (Soz.), seine Fraktion wexbe bie unabhängigen und kommunistischen Anträge ad- lehnen.

Abg. Dr. Dtresemann (D. Vp.) weist in einer längeren Erklärung bie Angriffe berFrank­furter Zeitung" unb bes Adg. Dittmann auf Stinnes zurück.

Abg. Dittmann (USP.) hält bemgegen- übet an feiner Forderung auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses gegen Hugo Stinnes fest unb erklärt, daß infolge ber Massenmatz- tegelungen bie Erregung unter ben Eisenbahnern so gestiegen fei, dah man mit einem Wieder­aufleben des Streikes rechnen müsse.

Reichskanzler Dr. Wirth ersucht, da durch eine Ablehnung der vor­liegenden fünf Anträge Klarheit nicht ge-

fchaffen würde, einen Dertrauensantrag ein» zubringen.

Abg. Max (Ztr.) beantragt mit Rücksicht daraus, dah ein grober Teil feiner politischen Freunde noch nicht eingetroffen fei, die Abstim­mung auf Mittwoch zu vertagen.

Inzwischen ist em Vertrauensantrag des Zentrums, ber Demokraten und bet Mehrheitssozialisten etngegangen. D'i der Abstimmung wird der Antrag auf Ver­tagung aller Abstimmungen gegen bie Stim­men der Unabhängigen unb Kommunisten ange­nommen unb die Ad st immung aas Mitt­woch nachmittag 4 Uhr angesetzt.

Rächste Sitzung Dienstag, 2 Uhr nachmittags. Reichsmietengeseh.

Sch luv 6i/t Uhr.

Der Deutschen Einheit Schicksalsland.

Elsab-Lothringen unb bas Reich im 19. unb 20. Jahrhundert. Geschichtliche und politische Untersuchungen zur groben rheinischen Frage. Von Paul W e n b d e. München. Drei-Maslen- Verlag 1921. 228 Seiten.

Von einem ausgezeichneten Kenner ber alten Reichölande, bem Düsseldorfer Archivdirektor Dr. W e n tz ck e, der lange Jahre im reichslänbischen Dienste bie Entwicklung bes öffentlichen Lebens in Elsab-Lothringen aus nächster Rähe scharfen Blickes verfolgen konnte, unb ber jetzt an führender Stelle in ber Abwehr ber Angriffe auf unsere rheinische Westmari steht, wirb uns bie enge V e r- kettungberGefchickedesRheinlands, b e f o n b ers aber Clsah-Lothringens, mit dem Schicksal Gesamtbeut sch - lands unb ber deutschen Einheitsfrage in einer von der elften bis zur letzten Seite feffelnben Dar­stellung geschildert. Wohl an keiner anderen Stelle ist die Bedeutung des oberen Rhein­tals als der Schlüssel zur politischen, militäri­schen unb wirtschaftlichen Vormachtstellung unter ben romanisch-germanischen Völkern in gleich ein- leuchte,iber Weise gewürdigt worden. Umso er­schütternder wirkt die Schilderung der Verblen­dung und des Mangels an politischem Verant­wortlichkeit sgefühl, bie beutsche Fürsten unb Staatsmänner, aber auch die weitesten Volkslreise bis in die jüngsten Tage gegenüber dem von allem Anfang zielbewubten unb brutalen Eindringen in jene Schlüsselstellung bekundet haben. Wie schon einmal bie deutsche Einheit durch bie Grünbung des Rheinbundes in Stücke geschlagen wurde, so sind wir auch heute wieder durch französische Raubgier unb inneren Hader vom gleichen Schick­sal, vor allem mit ber Losreibung ber rheinischen Westmark bedroht. Das Auf und Ab des jahr­hundertelangen Ringens um den Besitz des Rhein­gebiets, besonders um das obere Rheintal bis auf die jüngste Gegenwart läht Wentzkes packende Schilderung an uns vorüberziehen und den engen Zusammenhang dieses für uns nahezu verloren scheinenden Kampfes mit der Entwicklung des deutschen Einheitsgedankens plastisch hervortreten. Wie schwer wurde es Bismarck nach gewonnenem Siege durch einen wahren Rattenkönig von eigen­süchtigen, dynastischen und partikular!ftischen Wün­schen gemacht, eine leidliche Losung der elsatz-loth- r in gif eben Frage zu finden! Wie wenig politisch reif hat sich bann im vergangenen Halbjahr hu nbert unser Volk bei feiner Stellungnahme biefer Frage gegenüber erwiesen! Sind buch oft genug in dieser Zeit bas Recht und bie Zukunft be£ Reichslanbs geradezu zum Spielball der inneren Parteikämpfe gemacht worden! Und auch während des Welt­krieges haben bie beutschen Dynastien, in klein­lichem Eigennutz unb Eifersucht auf Preußen be­fangen, nicht minder aber auch bie politischen Par­teien, bem reichslänbischen Problem gegenüber völlig versagt. Gerabe auf bieim Schatten bes Weltkriegs" über Elsab-Lothringens Zukunft ge­führten Verhandlungen und auf manche absonder­lichen Teilungspläne dieser Jahre läht der Ver­fasser manches überraschende neue Licht fallen. Mit eindringlichem Ernste schildert der Schluhabschnitt bie furchtbaren Gefahren, mit denen unser Volk angesichts der immer kecker werdenden Versuche ber Loslösung ber Rhein lande vorn Reich bedroht wirb. Sehen wir nicht ben unerschütterlichen Wil­len zu einem fest zusammengefügten Einheitsstaate als Widerhall gegen jene Losreihungsversuche ein, so ist, darin wirb man» bem Verfasser beitreten müssen, der völlige Riedergang unseres Volkes be­siegelt. Möchte das treffliche Werk in einem recht weiten Leserkreise sein Ziel erreichen: zur Bildung einer geschlossenen Einheitsfront für bie Abwehr aller Angriffe auf ben letzten uns noch gebliebenen Damm, bas besetzte rheinische Gebiet, wirksam bei­zutragen!

Kirche und Schule.

Bewerbung um Stellen an deutschen Auslandsschulen. Mit bem zunehmenden Lehrerüberfluh häufen sich auch die 'Bewerbungen, besonders jüngerer Lehrer, um Stellen im deutschen Auslands- fchulamt. In erster Linie kommen Spanien, Süd- und Mittelamerika in Frage. Das Aus­wärtige Amt in Berlin fxit die Vermittelung übernommen. Die Regierungen der deutschen Länder haben Lehrern, die in den deutschen AuSlandsschuldienst treten, nach Ablauf ihrer AuSlandSdtenstzeit, unter Anrechnung der letz­teren, den Wiedereintritt in ben heimischen Schuldienst sichergestellt.

Turnen, Sport und Spiel.

Eine englische Futzballmann- chast in Deutschland. Der Turn- unb Sportverein 1848 Bochum Hal bie englische Fubballmannschast Corinthians für ein Wettspiel verpflichtet. Es ist bies das erstemal nach dem Kriege, dab wieder eine englische Mannschaft in Deutschland spielt. Rach der in ben Rachkriegs­jahren verbesserten Spielweise der Deutschen darf man barauf gespannt sein, wie bieses Spiel aus­laufen wirb. Die Corinthians unternehmen bem- nächst eine Tournee durch Oesterreich unb be­nutzen ben Weg bahin, um bas erste englische Spiel in Bochum auszutragen.

9. Berliner Sechst agerennen. Das seinerzeit abgesagte De.liner Sechstagerennen finbet nun doch statt. Es nimmt am Freitag, dem 17. Februar seinen Anfang unb endet am Donnerstag, bem 23. Februar. Die Starterliste ist so gut wie geschlossen. Dreizehn Mannschaften sinb verpflichtet worden, zu benen eventuell noch bas Schweizer Paar Gebrüder Suter hinzukornrnt. Rüü und Krupkat sind leider am Start verhindert, da sich beide noch vor Schlub des Berliner Ren­nens nach Reuyork einschifsen müssen. Die be­deutendsten deutschen Sechstagefah er Inerben hier erstmalig nach dem Kriege Gelegenheit haben, in friedlichen Wettstreit mit Amerikanern, Austra­liern, Schweizern, Holländern unb Dänen zu tiefen. Die Zusammenstellung der Mannschaften lautet wie folgt: LorenzAberger, Saidow - Bauer, HahnOskar Tietz: StellbrinkAppel- Hans: LewanowA. Huschle, Schrage- Pawkc, Stabe-Kohl, Tadewald Packe:ui d; ('amtlich Deutschland), W. SpencerR. Husu.kc <Amerika- Deutschland) van ReckVlemmins (Holland), WalthourRoh (Amerika- Australien), Ienlsen Magnussen (Dänemark), KaufmannRosellen (SchweizDeutschland).

De rr Vorstand des We st deut­sch en Spielverbandes tritt am 25. Fe­bruar zu einer wichtigen Sitzung in K ö l n zusam­men Er wird fity in ber Hauptsache mit ber Formulierung ber Beschlüsse ber D.ii bürget Wahlversammlung zu bekräftigen haben. Daneben finbet mit dem Verbanbs-Fubbaliausichub eine Besprechung ber gröberen Frchahr.v ^anstaltun' gen statt, da ber Verdanb beabsichtigt, im Früh­jahr u. a gegen Rorddeutschlanb, Osthollanb inb Berlin zu spielen. Autzerbem sollen Ath'eükfragen besprochen werben, unter benen bie Beschickung ber Deutschen Kampfspiele in Berlin.bie erste Stelle entnimmt.

Deutsche Sport-Ausstellung 1 9 2 2. Wie uns vom Reichsaussch i': für Leibes­übungen mitgeteilt wird, veranstaltet dieser ge­meinschaftlich mit bem Reichsverband für Zucht unb Prüfung deutschen Halbblutes zur Zeit ber Deutschen Kampsspiele eine grofiangelegte Sport­ausstellung. Die von langer Hand vorbereitete Ausstellung soll in der Zeit vom 15. Ium bis 2 Juli 1922 in der groben Automobil-Ausstel­lungshalle am Kaiserdamm in Berlin, also in ber unmittelbaren Rähe ber Stätte der deutschen Kampfspiele, dem Stadion, ftattfinben unb wird einen umfassenden Ueberblid über die Leistungs­fähigkeit aller für bie verschiebensten Gebiete des Sportes sowie Turnen, Wandern, Reiten, Fahren usw tätigen deutschen Industriezweige bieten, ©e- hagen von dem Reichsausschub für Leibesübun­gen der zusammenfassenden Organifatüm aller sporttreibenden Verbände des Deuischen Reiches, unb dem Reichsverband für Zucht unb Prüfung deutschen Halbblutes, bem Spitzenverbande für Reit- Fahr- unb Turniersport und Zucht deS edlen' Halbblutes, wirb bie Ausstellung einen vollkommenen Ueberblid über bie Bedeutung des deutschen Sports unb ber gesamten Sportinbustrie geben und ein Beweis für die Entwicklung nach dem Kyege sein, die Deutschland tn die vorderste Linie aller sporttreibenden Völker stellt.

Die Blüchernichten.

Roman von HannsvonZobeltitz.

27. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Heden Abend faßen sie um den runden Tisch und zupften Scharpie Manchmal plauderten sie, meist hat aber jeder füll seinen eigenen Gedanken nachgehangen. Die Luise dachte an ihren Franz; stumm und wehmütig Julie an den Dicomte: Sophie an den Kapitän und Lore an Lexr Bause. Rur die Lotte hatte niemand besonders im Sinn, .umschlob dafür aber die andern, die den Schwe­stern nahe, in ihrem guten Herzen. Unb alle zu­sammen buchten an ben Kurt, ben Jüngsten, der nun schon des Königs Rock trug und beim Re­giment war dvautzen, im Felde, balh wohl im Kamps.

Mit ber Mama Giese aber ist in dieser Zeit eine merkwürdige Wandlung vor sich ge­gangen. Richt grab, dab sie zu einer sanften Taube geworden war. Es hat auch letzt noch manchmal ein hartes Wort gegeben und für bie Lore einen kleinen Schubs. So schnell ändert sich der Mensch nicht, unb wär' auch nicht gut. Aber sie ist plötzlich um ihre Charlotte besorgt gewor­den. Rämlich nachdem sie sich so lange dagegen gesträubt, dab ihre Töchter heiraten, es sei denn haarscharf in der Reihe, hat sie die Angst be­fallen, grab bie Lotte könnte sitzen bleiben. Julie hatte sie aufgegeben, die zählte nicht mehr mit, sollte sich ja sogar nach Luises Meinung und Luises Meinung galt etwas, gatt sogar viel zum alten Hüngferlein und zur Familientante entwickeln. Aber da nun Luise unb Sophie, so­zusagen aus dem Hause waren, mutzte für Char­

lotte gesorgt werden. Einen recht guten, braven, vornehmen und wohlhabenden Mann sollte sie haben. Glückte das, dann ... ja bann konnte schlletzlich die tlerne Stupsnase auch noch ihren Willen unb ihren Dause haben. Richt gleich, be­wahre: aber so in etlichen Hahren, wenn sie mehr zu Vernunft gekommen war. Und war's nicht der Dause, so war's ein anderer. Das Mädel fing ja wirklich an, fand letzt sogar bie Mutter, mordshübsch zu werben. Wie das so um bie goldene Siebzehn herum geht: die Lore streckte und rundete sich.

Ja . . . aber die beiden Zwillinge, Fiekchen und Lotte, waren doch wohl die hübschesten, und eigentlich, wenn sich auch beibe ähnlich sahen wie zwei Eier, hatte grab bie Lotte noch ein Pre. Sah em bitzchen pikanter aus als bas Fiekchen, fand wiederum bie Frau Mutter: hatte nämlich auf der linken Backe nahe bem Kinnansatz ein Keines sühes Leberfleckchen. Als die Zwillinge ganz Hern gewesen, hatte man sie nur daran unterscheiden können: dann hatte Mama Giese überhaupt nicht mehr daraus geachtet; aber nun kriegte das Fleckchen neue und besondere Bede i- tung: es erschien ihr plötzllch wie ein Schönheits­pflästerchen eigen wirkungsvoll; es mutzte die Männer, diese dummen Männer toll machen.

Die Töchtings haben natürlich nichts davon ahnen dürfen, datz die Frau Mutter für bie Charlotte auf Männersuche ging. Sie häten's zunächst auch nicht für möglich gehalten, und toenn'8 ihnen einer erzählt hätte, würden sie ihn ausgelacht haben. Aber es war doch so. An- sing's bamit, datz bie Lotte, schön gemacht werden sollte, obschon sie das wahrhaftig nicht noüg gehabt hätte. Da streichelte, kämmte, bürstete die

Mutter an dem etwas Umschlichen aschblonden Schopf: da sollte sie das rosige Gesicht nur mit lauwarmem Wasser waschen: da sollte sie sich die Fingerspitzen nicht mehr zersticheln; die Haut einschmieren mit einer geheimnisvollen Tunke und nachts Handschuhe tragen, weil sie sich un Winter ein paar Finger erfroren hatte.

Die Frau Mutter hat aber auch sinniert, wer's wohl fern könnte, hat alle Bekannten im Geiste Revue passieren lassen unb dann so peu ä peu keim Scharpiezupfen bie Rebe auf ben einen urö» ben andern gebracht. Da war der Iagdfunker von Kihing, der im Osthavelland eine hübsche Klitsche besah: über den lachten aber die Giesemadchen unbarmherzig und die Lotte am hellsten, weil er gar zu arg stotterte. Da tarn der von Gang! an die Reihe; der war Witwer und hatte fünf Kinder.Eine schöne, herrliche Aufgabe," erklärte die Mama,bie lieben Kinder zu braven Menschen zu erziehen." Doch die Töch­ter lachten wieder, und bie Lotte am hellsten: w3a gewih! Ader die Göhren wären im gan­zen Stadtviertel als die ungezogensten Rangen berühmt " So ging d mit einem halben Dutzend andern auch. Von den Mädels hatte eben rede ihren eigenen Schah im Smn, mit dem hielt keiner ben Vergleich aus, unb die Charlotte dachte offenbar gar nicht ans Heiraten.

Run hat die Giesin wieder nachgedacht und ist darauf verfallen, einen allen guten, Dekann- ten ben Kammerherrn von oauienheim, per­sönlich zu prüsenüeren. Vielleicht war bas ber Richtige: nicht mehr jung, aber ein stattlicher Mcmn, dachte sie, bei Hofe gut angesehen und immer liebenswürdig

.Mama labt zum Tee ein!" meinte Fret-

chei,Das hat etwas zu bedeuten. Sie steckten die Köpfe zusammen, unb mit einem Male hatten sie's weg:Unsre Mutter sucht nach einem Mann für Lotte!" erklärte das Restküken, die unbe­dingt ben feinsten Riecher hatte. Es gab em Höchs, unbändiges unb unschickliches Gelächter unter bem undankbaren Völkchen unb eine Ver­schwörung.

Das Opfer war selbstverständlich ber gute Herr von Tauten heim, ben Lotte schon im vor­aus einen Mummelgreis nannte, obwohl von ihm bas Gerücht ging, bah er noch im Winter mit einer Prinzessin in einem Kckrree glanzvoll ge­tanzt hätte.

Er tarn in einem langen, langen blauen Rock, sehr würdig, und brachte für fedes ber Mädchen eine blaugoldene Tüte aus ber Con­fiserie von Spanganapani mtt. Damit hatte er Glück, denn sie waren allesamt Ras Skaten. Sie fingen auch gleich zu knabbern an. Aber zuerst meinte Charlotte:Das sind ja Mandeln. Die eh' ich überhaupt nicht." Dann sagte Frekchen: Die Fondante haben einen abscheulichen Bei­geschmack, müssen wohl noch aus ber Zeit Methu­salems stammen. Da haben Sie sich anschmieren lassen, Herr Kammerherr." Und Lore, ber Tu­nichtgut, futterte zwar erst ihre ganze Tüte im Hank umdrehen leer, pustete sie bann auf, hieb mit den Händen auf bas angeschwollene Ding, datz es knallte, unb neigte sich habet höhnisch ver­bindlich zu dem Aermsten: .Unglaublich, tote tt-enig in ber Tüte war. Es lohnte gar nicht, ba* Mäulchen aufzusperren."

(Fortsetzung folgt.)