Nr. 266 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, fl. November <922
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 11. November 1922.
Die neuen Brennftvffprcife für den Landkreis Großen.
Infolge der Erhöhung der Zechenpreise und Frachten, sowie der allgemein gestiegenen Unkosten sind die Brennstoff-Höchstpreise für den Landkreis Gießen mit Wirlung vom 6. November ab tote folgt festgesetzt worden Fettstüct^hlen .... per Zentner Mk. 8:2.50 Fettnuhkohlen .... « » 867.50
Fettkohlen (meliert) ... . „ 753.50
Ehnuß kohlen » . 9'5.50
Anthrazit » » 1026.—
Eiformbriketts .... . . 10.4.—
Braunkohlenbriketts ... . ■ 463.—
Zechenkoks (grob) ...» „ 965.50
Zechenkoks (fein) „ 1080.50
Diese Preise verstehen sich ab Eisenbahnwagen in Fuhren bis vor das Haus des Käufers oder frei Lagerplatz des Kohlenhändlers für den Zentner einschl. Warenumsatzsteuer.
Aettere Bestände sind zu den seitherigen Höchstpreisen abzugeben.
**Dieälteren Kirchen unterDenk- malschutz. Nach einem Beschluß des Denkmalrotes sind alle älteren Kirchen als unter Denkmalschutz stehend anzusehen. Als Grenze für das Alter gilt eine Frist von 30 Zähren von der Gegenwart an rückwärts gerechnet.
** Aufgehobene Sperre. Die am 24. August über das Gehöft Katharinengas s e 9 wegen Schweinerotlauf verhängte Sperre ist vom Polizeiamt aufgehoben worden, da die Seuche unter dem Viehbestand dieses Gehöfts erloschen ist.
** Viehmärkte. Am Donnerstag, den 16. November, findet in Grünberg ein Klauenviehmarkt statt. 'Am Mittwoch, "den 22. November, wird ein Schweine- und Schafmarkt in A l l e n d o r f a. d. Lda. abgehalten werden. 3n beiden Orten ist der Markt auf den Dormittag abgercmmt.
Landkreis Gießen.
* Lich, 8. Nov. Neben der Gemeinderats- waHl steht unserer Stadt in Kürze auch eine Beigeordnetenwahl bevor. Unser allgemein beliebter Beigeordneter Jacob §elißc har in Anbetracht seines hohen Alters und wegen
geschwächter Gesundheit darum nachgesucht, ihn von feinem Amte, das er 15 Jahre lang mit seltener Gewissenhaftigkeit und Treue geführt hat, zu entbinden. Damit fie^t unsere Satdt ein Stadtvorstandsmitglied aus dem Amt» scheiden, das sich um das öffentliche Wohl sehr verdient gemacht und damit berechttgten Anspruch ar, den Dank seiner Mitbürger erworben hat. Möge dem 72jährigen ein gesegneter Lebensabend be- schieden fein. — Die Neu wähl ist auf den 3. Dezember in Aussicht genommen.
X Wieseck, 9. Nov. Der Gemeinde rat beschloß, die Kosten für die Anfertigung der Stimmzettel (zwei Wahlvvrschläge) mit je 600 Mk. auf die Gemeindekasse zu übernehmen. Der Ertrag der um den dreifachen Betrag der staatlichen Sätze erhöhten Wohnungsbau-- abgabe soll einem besonderen Baufonds zufliehen. Zur Anpassung an den gesunkenen Geldwert wurde Erhöht der P a ch t p r e i s für die Jagd auf das zehnfache gleich 87 000 Mk., und der für Gemeindegrundstücke ab 1922 bei 1918 verpachteten um das zehnfache, 1919 um das achtfache. 1920 um das dreifache, 1921 um das zweifache, so daß 900 Quadratmeter jetzt auf 140—160 Mk. kommen. Erhöht wurden ferner die Beiträge der Schafhalter auf 20 Mk., Sprunggeld für ein Schwein auf 300 Mk., eine Kuh auf 15 Pfund Hafer, eine Ziege auf 1 Pfund Hafer bzw. festgesetzter Marktpreis. Die Wiegeaebühren betragen jetzt für Großvieh 8 Mk., Kleinvieh 5 Mk. und im übrigen sollen die Gießener Sähe maßgebend fein. Auch das Was sergeld mußte sich weitere Erhöhungen gefallen lassen. Rohrmeister wurde auf Widerruf der Schlossermeister August Schmitt. Genehmigt wurde die Beschaffung einer Straßen- lampe für die Karl st raße.
Landwirtschaft.
Grünberg, 7. Nov. Zum bevorstehenden Beginn des 2. Wintersemesters der landwirtschaftlichen Schule wird uns geschrieben: Der Unterrichtsstoff der Schule ist auf zwei Winter derart verteilt, daß für jeden Schüler der Besuch der beiden Abteilungen notwendig ist. Am Schlüsse des unteren Lehr- gangs erhalten die Schüler ein UebergangS-
zeugnis über Fleiß und Betragen mit einem Vermerk, ob sie nach Beschluß der Lehrer- konferenz in den oberen Lehrgang versetzt werden können. Am Schlüsse des oberen Lehrgangs erhalten die Schüler ein Abgangszeugnis von der Schule mit Urteilen über Detta- oen, Fleiß und Fortschritte im allgemeinen und über die Leistungen in den einzelnen Fächern. Durch die landwirtschaftlichen Schulen ist unseren jungen Landwirten Gelegenheit geboten, ihr Können zu bereichern, so daß sie hierdurch gestärkt und gefestigt den auch für die Landwirtschaft immer schwieriger werdenden Wirt- schaftsverhältnissen gegenüberstehen.
handel,
Berlin, 10. Nov. Bö r s e n st i m m u n g s - bild. Mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten, die bei Durchführung der geplanten Maris'.abilisieruna nach den vorliegenden politischen Nachricht:n noch zu überwinden sind, gestaltete ftch der Bectehr des Devisenmarktes bei im allgemeinen Ibefesliglcr Tendenz äußerst nervös und lurregelmähig. Das g> iche Bild bot der Effektemnarkt. 3m allgemeinen schien anfangs die Besserung der Devisenkurse gegen den Kursrückgang eine Stütze zu bieten. Aber das Angebot erlangte im Verlaufe mehr und mehr das Aebergewicht. Industriealtien verloren mehr oder minder einen großen Teil der vorwöchentlichen Gewinne je nach dem Umfang der erzielten Steigerung. Die Kauflust verhielt sich äußerst abwartend. Die Valutapapiere stellten sich naturgemäß der Devisenverschlechterung entsprechend niedriger. Bemerkenswert jedoch war die Wsstiung der l anada- Aktien, während Baltimore 13 000 Prozent verloren. Don Montanwerken setzten Harpener um 4000 Prozent höher ein, von denen 2000 Prozent wieder verloren gingen. Auch Akkumulatoren stellten sich anfangs um 1500 Prozent höher.
Berlin, 10. Nov. In nächster Woche findet die Wertpapierbörse nur am Montag, Mittwoch und Freitag statt.' An den übrigen Tagen werden nur Devisen und Noten notiert.
Frankfurt a. M., 10. Nov. Die Räume der Frankfurter Börse bleiben wie an Samstagen in der kommenden Woch? auch am Dienstag, den 14. November, und am Donnerstag, don 16. November 1922, für jeglichen Verkehr in Wertpapieren geschlossen. Devisen und Noten werden • notiert.
Frankfurt a. M., 10. Ott. Börsenstimmungsbild. Die Tatsache, daß die schon gestern eingetretene schwache Haltung keine weiteren Fortschritte machte, bewirkte vielfach, daß das anaebotene Material schlank Aufnahme fand. In den ersten Morgenstunden nannte man den Dollar 6800, dann anz.ehend 7350, 7650 bis 7850. Die Stimmung am Effektenmarkt war anfänglich schwach. Die Kurse unterlagen vielfach großen Schwankungen. Kurssenkungen machten sich bei Beginn in AuslandSwerten bemerkbar, die aber später mit dem Steigen des Dollars vielfach wieder gebessert wurden. Stärkere Abgabeneiguna machte sich im freien Verkehr bemerkbar. Auf dem Montanmarkte überwogen zunächst bei weitem die Kursrückgänge. Es waren Kursverluste von 1000—3000 Prozent zu verzeichnen. Später trat wieder eine Erholung ein. Kaliaktien lagen schwach. Ebenso waren ^Maschinen- und Metallwerte überwiegend schwächer. Zuckeraktien unterlagen Schwankungen. Abgabeneigung bestand für Elektrizitätsaktien. Am Markt der chemischen Werte war niedrigere Bewertung keine Seltenheit. Der Markt der Werte mit Sinheitskurs lag ruhiger.
Frankfurter Devisenmarkt.
(Telegraphische Auszahlung.) Amtliche Notierungen.
Datrmu 9. November 10. November Geld Brief Geld Brie» Antw.-Brussel . 156,35 458,65 446,85 44",15
Holland 3129,70 3145,30 3002,45 3017,55
London 35810,25 35030.75 34538,40 3471L60
Paris 488,75 491,25 502,70 505,30
Schweiz 1376,55 1383,45 140S45 1415,55
Spanien 1105,20 1110,80 1182,05 1167,95
Italien 320,15 321,85 335,15 336,85
Ltssabon-Oportv — —
Dänemark.... 1471,30 1478,70 1546,10 1553,90
Norwegen .... 1356,60 1362,40 1411,45 1418,55
Schweden .... 1970,05 1979,95 2029,90 2040,10
Helsingfors. . . . 173,55 180,45 — — —
Neuyork 7481,25 7518,75 7630,85 7679,15
Seutsch-Oesterr. 10,97 11,03 9,73 9.77
udapest 329,- 331,- 304,- 306—
Vraa 247,35 248,65 239,40 240,60
Sofia
Börsenkurse.
Frankfurt a. M. Berlin
Lchluh- Silufj» Schluh- Schluß« Nurs Kurs Kur» Kurs
Datum: 8.11. 10.11. 8.11. 10.11.
5"/o Dtsch. Neichsanleibe 77,50 77,50 77,50 77.50
47o Dergleichen 400,— 290,— 360,— 320,—
3’//;, Dergleichen 302,— 200,— 335,— 205,—
37.. A'cr.ilcidicn 1400,— 1050,- 1350,- 950,—
Dllch.Sviir-Praiii.-Anl. 93, - 95,— 86,50 91,—
47) Preussische KonsolS 350,— 195,— —
47., Hessen 151— 201— —
WA» Hessen 138,-
37o Hessen 185.— 175.— ——,—
47o Zolliürken 7850,- 6350,- 7850.- 5900,- 57o Goldiuerikaner 100000-89030,-100000,- 90500,- Berliner Handelsges . 6S0(\— 5600,—, 6500,— 5550,— (Sümmern- u. Privalbk. 2000,— 1500,— 2000,— Darw'f. u.Natwnalbank 16D0,— 1350,— —
Tentfdie Pank 3 >75,- 3200,- 3600,- 3100,- Deuische Bercliisbank. 800,— 605,— ——,— Diseoino Coininandit . 2500 — 2100.— ——,— H'ieiüUbQnt........77UO,— 6010,— ——,—
Miileldcui. (frebhbiuif. 1500,— 1700,— —,— 2000,— Ceiterr. Crediianstalt . 1650,— 1280,— —1060, - Bochumer Gus; .... - -12500,-15000,-12500,-
Buderus 6230,— 5250,— 5500, - 4100,— (Sero 6400,- 5100,— 6.-00,— 5600,- Deu lch-Lureiubura. . 16000,—12000,—14000,—11240,— GelseukircheuerBergw20003,—15750,—20000,—14u00, — Harpener Bergbau. . 36'>00,—30000,—37000,—39500,— StaUwerk Slschersleben 8400,— 6100,— 6700,— 580?,— Slaliwerk Westeregeln 9700,— 9000,— —,— —,—
Lnnraliükle....... 13003,— 6500.-13000,- 9.00,—
Lberbedari 6100,— 5000,— 5500.— 4900,— P! öuir Bergbau. . . . 16.>00.-13000.-14000,-10025,- Rheni ahl 14000,-13091)-12600,-10 MM) - Nicbeck .Pontan . . . l.'HMH, -1W09,-15500, -14500,— Tellus Lergbau.... 3945,— 2700,— ——,—
arnburg Ainer. Pate, 3600,— 2’00,— 3000,— 2890,— Norddeutscher Lloyd. 2350,— 1700,— ——,—
Zementwerk-Heidelberg 5000,— 4050,— —
Philipp Holzm.nn . . 30)0,— 23oO,— 2960,— —,—
Anglo-Cont -Guano. . .11000,— 9500,-10000,— 8500,— Badische Anilin 8500,— 7500,— >500,— 7525,— G ldschmidt 5900,— 5960,— 5500.— 4600,— Griesheimer Electron. 6050,— 490ü,— 5K00,— 4500.— Hö.-liiter Farbwerke . 6500,- 54MX— 6100,- 4900,- VülAUcrfoblung.....1500,— 3700,— -
d'ü.'gerswerke 4300,— 3500,— 4200,— 3700,— chridealptalt 7000,— 5960.— —,— —,— A!lg. Elekiri-ttäts-Gef. 4750,- 46'0,- 4700,- 50’H- Bergmaun 3275,— 2800,— 30 0,- 2400,— Schuckerr <000,— 6950,— 64c0,— 5375,— Siemens & Halske. . .11560,—11090,—12000,—10009,— Adlerwerke.Meyer. . 1850 — 150'),— 2030,— 1750,— Daimler Motoren. . . . 2200,— 1500,— 1900,— 1510,— pryllgenitaedt 2 »00,- 2400,— — Megiuu 5000,- 3750,- 3503,-
Metullgef. Frankfurt. 7709,- 8000,- Sclnibfabvif Herz. . . 2500,— 155L— —,— — Ltchel...........3050,- 2520,— —
SeUiioff Waldhof .... 3925,- 3300,- 4000,- 3300,- Zuckerfabr.fvraukenihal 5090,— 4520,— — ZnckerfabrikWag äuiel 590A— 4500,— ——,—
Mainzer Produktea-Bürse.
' Mainz, 10. Nov. Der Stand der- Devisen bedingte auf 6er heutigen Börse bei sester Tendenz eine größere Schwans-:ig in den Preisen. Es wurden als Großhand lselnstandspreise per 100 Kilo loco Mainz festgestellt für: Weizen 28 000—29 000, Roggen 2b 000—27 000, Hafer 28 000—29 000, Braugerste 24 000—26 000, Weizenmehl Spezial 0 43 000—50 000, Roggeumehl 33 000—38 000, Weizenkleie 13 000—14 000, Rog- genkleie 13 000—14 000, Kartoffeln 1260- 1300, weiße Bohnen 50 000—55 000, ungesch. Erbsen 54 000, Linsen 50 000—60 000, Burma Reis II. 54 000, Haferflocken 55 000, Graupen 44 000.
(3n einem Teil der Auflage wiederholt.) Pomcare Über die Reparation-Politik.
Paris, 10. Nov. (WTB.) Poincarö er- klätte, er wolle sich nur über die allgemeine Repavationspolttil aussprechen. Die französische Regierung habe eine Kontrolle verlangt. Der Reichskanzler habe Maßnahmen versprochen, der Inflation Einhalt zu gebieten, sei aber aus den Widerstand der Onbuftrie gestoßen. Er, Poin- oare, habe im Juni erklärt, man müsse eine oder mehrere Anleihen aus dem internationalen Markte auflegen. Auf die Brüsseler Konferenz übergehend sagte er: Werden die Alliierten, wenn es nötig ist, m i t Frankreich zum Zwange schreiten? Die Brüsseler Konferenz werde feststellen, daß die Hvlz- und Kohlenlieferungen Deutschlands unregelmäßig seien. Sie werde ferner die Frage der Beteiligung an der deutschen Industrie prüfen, ebenso die Frage deutscher Anleihen auf dem ausländischen Markt. Der größte Attteil dieser Anleihen müßte zu Reparationszwecken verwendet werden. Poincars ging alsdann auf die Balfour»ote und die Augustkonferenz in London ein. Er spricht von seinem Febrriar- Programm und stellt fest, daß es von England abgelehnt worden sei. Er spricht alsdann von den
mehrfach geführten Verhandlungen der Reparation skommission. Die deutsche Regierung selbst habe die Kapitalslucht zugcstanden und Abhilfe versprochen. Seit vielen Monaten w i d e r s e h e sich die deutsche Industrie ei nm- Dudn stund Wä)rung tontrotle; den i sie hätte den Nutz n aus dem fortgesetzten Sinken der Jtiau gezogen. Heute aber sei sie das Opfer ihrer eigenen Manöver geworden. Die Markkatastrophe zeige, wie recht Frankreich hatte.
Bradbury über das Ergebnis der Derlmet Verhandlungen.
London, 10. Nov. (WTB.) In einer Unter» redung mit dem Berliner Vertreter des (Reuler» schen Bureaus fagte bas englische Mitglied der Reparationskommission, Sir John Bradbury: Wir alle sind der Meinung, daß, wenn eine Katastrophe vermieden werden soll, sofort Schritte unternommen werden müssen, um die Mark z u stabilisieren und den Haushalt ins Gleichgewicht zu bringen. Cs ist zweifellos, daß die unmittelbaren finanziellen Bedürfnisse Frankreichs drängender sind als die unfrtgen, obwohl auch Großbritanniens Lage durchaus nicht übermäßig angenehm ist. Aber jede der beiden Nationen wird größere Konzessionen zu mache.' genötigt sein. Bevor jedoch die deutsche Regierung einen bestimmten Aktlonsplan ausstellt und uns offen sagt, welche Konzessionen sie als nötig betrachtet, um den Plan zur Ausführung zu brinaen. kann nichts Nützliches geschehen. Born Gesichtspunkte des Fvri- schrittes in Richtung auf die Verwirklichung eines solchen Planes war unser Besuch in Berlin eine Enttäuschung. Ich habe so geringes Vertrauen in die finanzielle Zukunft jeder Kontrolle oder Zwangspolttik, welche nach meiner Meinu ig unvermeidlich dazu führt, daß der Frank den Weg der Mark geht, daß ich, wäre ich Franzose, noch ^drücklicher. als ich es jetzt schon tue, dafür eintreten würde, alle Konzessionen zu bewcllige.i, d.. 11.9 zur Her cifü,rung einer gemeinsamen Attion herauZstellten. Aber weder Die Reparationskommission noch der Dankieraus- schuß noch eine internationale Konferenz kann als geistige Fee eingreifen. Wenn die deutsche Regierung keinen Mut hat und keine Mittel und Wege findet, um sich selbst zu helfen, so können wir i h r a u ch nicht helfen. Wenn sie weiter ihre Arme kreuzt und auf die Katastrophe wartet, s o kann und wird s i e wahrscheinlich zerstörende Kräfte auslösen, gegen welche der Rhein nur eine schwach: Barriere bildet und gegen die sich auch der Kanal als unwirksam erweisen wird. Der erste Stoß werde aber auf jeden Fall zu :jaufe aasgehalten werden müssen.
Aus dem tzrssischen Finanzausschuß.
cm. Darmstadt, 9. Nov. Der Finanz» a u s s ch u h des Landtags nahm heute folgende Regierungsvorlagen an: Die Instandsetzung der Fassaden der Gendarmeriekasernen in Mainz, die Instandsetzung der Huttveiden im Bogelsberg, die Einführung des elektr. Kraftbetriebes tm Landeszuchthaus Marienschloh, die Anschaffung zweier Kirchenglocken für die kath. Kirche in Vilbel. Die Vorlage, betr. den Zuschuß zu den Privatschulen, wird gegen vier Stimmen der Stufen angenommen. Für den Aufbau eines Stockwerkes tm Wirtschaftsgebäude der Zellen- strafanstalt Butzbach werden 4 500 000 Mark genehmigt. Bei Beratung der Vorlage betr. die Unterstützung notleidender Kleinrentner erklärt die Regierung, daß baldigst mit einer Interessenvertretung über die Grundsätze bei der Verteilung verhandelt werden solle, damit noch vor Beginn des Winters dringender Not abge- hvlfen werden solle. Bei Beratung des Antrages Dr. Osann betr. die Erhöhung der Pensionen für hessische Offiziere, Offizierswitwen und Waisen ist die Regierung mit entsprechender Erhöhung einversta.idea. Der Zusammentritt des Landtags zur Erledigung des spruchreifen Materials durfte frühestens in der ersten Hälfte des Dezember zu erwarten V in.
Das Geld hat keinen
L-ert mehr, Innen Biele. Weit gefehlt, man [, muh es nur riditig anwenden. Wer feine bi Kleider, Blnien, Strstmvte, Gardinen nur mit | den weltberühmten,^>citmann's ft-nvben", H Marke „I-uchskovf tm Stern" selbst färbt, I wird an dem prachtvollen Erfolg erkennen, 1 welchen hohen Wert selbst der verausgabte! kleine Betrag hatte.
Bei
Erhältlich in Apotheken Rasch u.vor- züglichwirk 2712c
Die Herrseghs.
Eine rechtsrheinische Geschichte von 2t eß b et TI
35. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Auf der Hohe kam ihnen ein einsamer Wanderer entgegen, der feinen Hut in der Hand trug und laut mit sich zu reden schien. Als der Wagen an ihm vorüberkam, blieb er stehen und sah ihm verdutzt nach. Cs war Doktor Rickert. Die beiden Glücklichen hatten ihn gar nicht bemerkt. Dann ging er langsam und kopfschüttelnd weiter. An der Wegbiegung drehte er sich noch einmal um.
Aus der Höhe angekommen, liehen sie den Wagen hatten und stiegen aus. Die Waldwicse lag Übergossen von Mondlicht vor ihnen, zu ihren Füßen die schlafende Stadt. Nur ein paar Lichter blinkten verloren hier und dort herauf. Grete wies aus eine Ansammlung bunter Lichtchen, die man zwischen vielen Bogenlampen schimmern sah. „Dort ist die Mainzer Straße," sagte sie, „dort habe ich dich zum erstenmal geseyen. . Hätte ich doch nur ein paar Jahre gewartet, dann hätten wir uns gefunden, auch ohne Gefahr."
Die bronzenen Hirsche schienen zu schlafen, vom Mondlicht beglänzt lagen sie auf der Sandsteintreppe des fürstlichen Jagdhauses, in dessen Fenstern das bleiche Licht silbern funkelte. Selbst die Vögel im Wald schwiegen, die Wett schlummerte zu ihren Füßen. Alles war still. Nur in den Eichen war ein sanftes Rieseln und Rauschen, als ob es regne. Es fiel aber kein Tropfen, und der Nachthimmel blieb blau und klar.
„Was Ernst wohl jetzt ansangen mag?" meinte Grete plötzlich.
„Der spiell die MonLscheinsonäte," fagte Lutz.
In diesem Sommer schienen die Rosen noch- eiranat so stark zu duften und die Gärten am Rhein in doppelter Blüte zu stehen. Die Abende sanken so mild auf die lichtei-flimmernde müde Stadt, um sie einzuhüllen mit weichen Schleiern, und hinter zugezogenen Borhängen brannten die Ampeln als Wächter verstohlenen Glückes.
Auf allen Parkwsgen begegnete man Paaren, die Menschen trugen ein glückliches Lächeln auf dem Gefickt oder ein Bukett in der Hand, ieder schien zu einem Stelldichein zu eilen.
Alle buntlcn Pavillons des Kurgarteiiv. die versteckten Lauben am Rhein, die Schifssdecke und die einsamen Wege der Wälder droben waren von solchen stummen, aneinandergefchinieg- ten Paaren belebt, die alles um sich vergessen zu haben schienen und außer ihrer Liebe an nichts dachten, nichts sahen und empfanden.
Grete hatte sich ein Märchenland aufgetan. Sie ging darin umher wie verzauber-t und berauscht. Sie schmückte sich nur „für ihn". Alle anderen Männer waren ihr gleichgültig aeworden. sie sah nur Lutz.
Schon in der Frühe ritt er an ihrem Haus vorbei, er hatte oft mit dem alten Gottenberg zu reden, und während er den zierlichen Fuchs an dessen Fenster drängte, schweisten seine schönen, müden Augen suchend die Fensteneihen des zweiten Stockes ab . . .
Wie er zu Pferd saß! Wie eine antike Statue, verwachsen mit dem ri>len Tier, er brauchte niemals die Reitpeitsche, er lenkte es durch einen sanften Druck der Schenkel, in dem Frühjahrsrennen hatte er zweimal einen Preis davonge- tragen. Und unvergleichlich war er, wenn er sein Pferd bestieg: die Zigarette im Mundwinkel, schwang er sich auf, ohne fast den Bügel zu b£
rühren. Auch über Lutz war etwas von jener ansteckenden Liebestrurckenheit gekommen, die hier in der Luft zu liegen schien, er hatte lange genug mannhaft gegen die Versuchung gekämpft, aber schließlich hatte er auch den Kppf verloren. . .
In der Siebe war er Meister.
Diese heimlichen Wagenfahrten in die einsamen Wälder hinter geschlossenen Gardinen, das Sichsuchen und Finden in dem dunklen Kurgarien, während die rauschende Fontäire die Augen, aller Welt aus sich zog und sie das bunfel glitzernde Sternenmannchrn beobachteten, das ungeschickt über das gespannte Seil des Weihers zu oxur« dem begann, um dann ins Wasser zu purzeln, dieses Warten auf Die ersehnte Post mit der erlösenden Nachricht, tarn sie oder tarn sie nicht, die Dielen kleinen Lügen, die man erfinden muhte, um sich von einem Kommißesfen oder aus dem Kafrno wegzustehlen, zum Tollwerden schön war es . . .
Er hatte sie wirklich lieb, sie war so amüsant, so verliebt, so entzückend, zum Genuß wie geschossen. Aber sie war auch gut, sie gestand ihm, daß sie für ihn stehlen, morden, ja sterben könnte.
Das hatten ihm zwar schon andere gesagt, aber ihr glaubte er es. Grete hatte alles ab- gestreift, jebe Rücksicht und jede Vernunft. Sie kannte keine Hindernisse, um zu ihm zu kommen, keine Gefahr.
„Ich liebe dich, arie ich keinen Menschen liebe,“ sagte sie. „Ich liebe alles an dir, jede Bewegung, deine schmalen Hände, deine weißen Zähne und dein grausames Lächeln, wenn ich dich küsse . . Za, du bist grausam, Lutz," sagte Grete „du bereitest mir Schmerzen, aber ich liebe diese Schmerzen, ich liebe die Entsagung, ich liebe meine Träume von dir, ich freue mich auf den Morgen,
weil mir der Tag ein Wiedersehen bringt oder einen Brief von dir. Und selbst solche Briefe, in denen du mir weh tust, hab ich lieb.“
Sie war nie ruhig. Diese Liebe, das fühlte sie, konnte nicht lange dauern, dafiir war sie zu überwältigend, zu wunderbar.
Cs war ein Sommeucausch, nicht mehr.
Sie konnte seinen ohne irgendeinen Grund. Wenn sie daran dachte, daß es einmal ein Ende nehmen könnte, zttterle sie.
Dann wieder war sie "keck, herrisch, begehrenswert, reizend, verführerischer wie je, und steigerte nur seine U ^eduld, sie allein zu sehen. Ihr Zusammensein war immer gefährdet durch andere Einmal fcegegneleit sie an der Fasanerie an einem st illen Sonntagabend plötzlich Fräulein Schmidt, sie hatten kaum noch rechtzeitig in das Waldes- dunkel fliehen können, ein andermal fuhr Graf Nehband in seinem Wagen dicht an ihnen vorbei, zum Glück sah er sie nicht, und einmal waren sie im orientalischen Cafs unter den Eichen, vor einem Gewitter flüchtend, mitten in das Whistkränzchen geraten.
Und immer war es Lutz, der die Geistesgegenwart besaß, sie beide durch ein geschicktes Wort zu retten. Nicht sie.
Aber sie mußte ihn sehen. Sie geizte mit jeder Sekunde, zögerte den Abschied hinaus, genoß ihn wie em Gift, das man zum Leben notig hat, wenn man auch weiß, daß es Bewerben, ja den Tod bringen muß.
„Wenn ich dich nicht keimen gelernt hätte so wie jetzt, Lutz," sagte sie nach einer heißen Stunde, beim Abschied an der Türe, „barm hätte ich umsonst gelebt. . .“
(Fortsetzung folgt)


