172. Zahrgang
Montag, y. Gktober 1922
GietzenerAn;eiger
General-Anzeiger für Oberhesien
Vrvck wwö Verlag, vrühl'sche Univ.-Vuch- und Zleindruckerei R. Lange. Zchriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: 5chulstratze 7.
Nr. 237
Erscheint täglich, aefjet Sonn« und Feiertag,, mit berSamstaqsbeilagr EiehenerFa miltenb lätter Monatliche Bcjnasprtife: Mk. 102 - und MK. 8.- Trägerlohn,durch diePost Ml». 125. - ,aud) beiNicht- erscheinen einzelner Num- mern infolge höherer Gewalt.- Fernsprech. Anschlüsse: fürdieSchrift- leitung 112, für Verlag anb Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richten: Anzeiger Ließe».
Postscheckkonto:
Krantfutt a. M. 11686.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v 27 mm Breite örtlich 400 Pf., auswärts 500 Pf.,- für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite I600Pf. Bei Platz Vorschrift 20 Aufschlag. Hauptfchriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik. Aug. Goetz, für den übrigen Teil: Ernst Blumschein,- für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen
Der neue amerikanische Iolltarif.
Don Virgil Gorban.
(FPS.) Bald nach dem 1. Oktober bS. 3«. werben, zum erstenmal wieder nach dreizehn (Zähren, die Vereinigten Staaten ein neues Hoch - schutzzollexperiment unternehmen, das bezwecken soll, den amerikanischen Fariner und industriellen vor der Konkurrenz des Auslandes zu schützen. Der neue Tarif soll natürlich auher- dem eine Einnahmequelle schaffen, um wenigstens teilweise die Ausgaben des Staats-Haushaltes zu decken, die in den letzten zwanzig Jahren von 22 Dollar pro Kopf der Bevölkerung auf 87 Dollar gestiegen find' und zwar rechnet man, toenn die Einfuhr der Union nicht oder doch nicht erheblich zurückgeht, mit einer jährlichen Mehrein- nabme auf Grund des neuen Tarifs von 400 Millionen Dollar. Aber an diesen Zweck ist erst in zweiter Linie gedacht, in erster Linie steht der Schuhzollgedankc — wobei jedem klar sein sollte, dah dem letzteren nur auf Kosten des ersteren gedient sein kann und dah es angesichts der allgemeinen Welthandelsfrage und der Höhe der vorgesehenen Tarifsätze wenig wahrscheinlich ist, dah so bald grohe Einnahmeposten auf Grund des Zolltarifs zu buchen sein werden.
Der neue Tarif, um es gleich zu sagen, stellt ein Stück Inter ss ngeschgebung sch.immster Sorte dar, begangen von einer Parteiregierang, die den Wünschen von landwirtschaftlichen und industriellen Kreisen stets ein nur zu williges Ohr leiht. Dies zeigt sich auch in der Art und Weise, wie dieser Tarif aufgestellt worden ist. wie übrigens alle früleren amerikanischen Tarife auch — nicht etwa auf Grund einer unvoreingenommenen Untersuchung der weltwirtschaftlichen Lage, sondern nach Befragung der einzelnen in Frage stehenden Industrien, deren „Lobbies", die offiziellen Inter.'fs.noertretungen beim Kongreh, nie tätiger gewesen sind als in Sachen des neuen Tarifs: dies zeigt sich ferner in den einzelnen hohen Sätzen des Tarifs, die diesmal — zum Unterschied von früheren von der republikanischen Partei gemachten Tarifen — sowohl landwirtschaftliche, wie Inbustrieprobukte sehr stark belasten, und schliehlich in den neuen Vorkehrungen des Gesetzes, auf Grund deren es dem Präsibenten freisteht, die Valuationsgrundlage, wie auch die einzelnen Tarifsätze jeweils weitgehenden Aenderungen zu unterziehen.
Die Aufstellung eines Zolltarifs in den Bereinigten Staaten ist nichts alS ein richtiger und leidiger Kuhhandel, bei welchem die „notleidenden" Agrarkreise und Industriellen ihre Wünsche nicht nur durch die Kongrehvertreter geltend machen, sondern auch direkt mit dem Komitee sich in Verbindung sehen, das die Zollvorlagen ausarbeitet: sie geben etwa genau an, um wieviel bie Gestehungskosten ihrer Erzeugnisse die der importierten übersteigen und um wieviel deshalb der Preis des cingeführten Artikels hinaus- mrschvaubt werden muh, damit der amerikanische Erzeuger nicht etwa nur konkurrenzfähig bleiben, sondern auch noch mit Vorteil verkaufen kann. Es handelt sich also erklärtermahen und handgreiflich um einen Plan zur Ausschaltung der Konkurrenz, wobei vielleicht angemerkt werden darf, dah die Antitrustgesetze der Vereinigten Staaten solches Vorgehen für ungesetzlich erklären.
Die Sähe des präsumptiven Tarifs sind gemeinhin von gleicher Höhe wie die der höchsten Schuhzolltarife, die es jemals in den Vereinigten Staaten gegeben hat: dabei ist der neue Tarif weit umfassender als alle früheren. Aur wenige Artikel des allgemeinen Verbrauchs entgchen der schweren Belastung — Baumaterialien, Daum- wolle Kohle, Kakao, Kaffee, Stiefel und Schuhe Tee, landwirtschaftliche Maschinen und gewisse Düngen,lttel — und bei diesen Ausnahmen Windelt es sich meistenteils um Auslands waren, die den inländischen keine starke Konkurrenz machen, oder bei denen das Bedürfnis des amerikanischen In- dustriellen nach Rohstoffen die Furcht vor Konkurrenz aufwog. In manchen Fällen, wie z D bet den landwirtschaftlichen Maschinen, fliehen landwirtschaftliche und industrielle Interessen scharf gegeneinander und hier wird der Charakter des Kompromisses zwischen den beiden hauptsäch- lichsten Interessentengruppen, der die Vorlage auszeichnet, besonders augenfällig.
Die dem Präsident erteilte Vollmacht, gegebenenfalls von der ausländischen Daluation zur amerikanischen Überzugehen — d. h. zur Grundlage nicht mehr den Preis der Ware im Her- kunftslande zu nehmen, sondern den amerikanischen Preis für das betreffende Erzeugnis — und die Sähe des Tarifs bis zu 50 Prvz. herab — ober heraufzusetzen, wenn er der Meinung ist, dah die industrielle Lage des Landes es erfordere. ist ein Charakteristikum des Tarifs, das nicht leicht seinesgleichen finden dürfte. Die Republikaner bezeichnen es als Schritt von der politischen zur „wissenschaftlichen" Tarifgeseh- gebung, insofern als dadurch der Tarif unstarr gemacht wird und keine parteipolitischen Aktionen erforderlich sind, um notwendige Abänderungen zu treffen. Solche älnstarrheit ist in der Tat notwendig, aber nicht eine in Hand eines Partei- Präsidenten gelegte.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Tarifs, der unter politlschern Druck und unter Auheracht- lassung der 'Belange der Weltwirtschaft zustande gekommen ist. kümmern d,e Regierung nicht eben sehr: sie sorgt sich lediglich um seine noch im Dunkel l,egenden politischen Wirkungen Ob nämlich die Hebung der Preise den Republikanern zu Dank gerechnet werden wird, oder ob die Demokraten aus ihr Kapital schlagen werden für künftige Wahlkampagnen, das hängt davon ab, wie die
Wählermassen die höheren Preise hinnehmen werden. Ziemlich sicher mlru der Tarif dem amerikanischen Außenhandel schwer Abtrag tun, und ba bieser gleichzeitig mit einer allgemeinen Besse- rung der Wirtschaftslage in den anderen Ländern normalerweise gute Aussichten hätte, so wird die Grand Old Barth (die republikanische) über diese schlimme Wirkung ihres Tarifs sich nicht sehr zu freuen haben, solange sie an der Macht ist. Sollle sie durch die Demokraten abgelöst werden, so wird man den Tadel auf diese abwälzen: geschieht das nicht, so wird man nach neuen Anhängern Ausschau hallen und zusehen, welcher Industriezweig etwa noch nicht durch einen Hochzoll geschützt ist.
— --
Eine Einigung über die Orientfrage.
Paris, 7. Oft. (WTB.) Tieber die Ergebnisse der Nachmittagsberatungen zwischen P o i n c a r e, Lord Curzon und dem italienischen Geschäftsträger Galli teilt Hcwas offiziös mit. es sei eine Verständigung über folgende Punkte erzielt worden:
1. Unverzügliche Räumung Thraziens durch die griechische Bevölkerung und Armee.
2. Innerhalb eines Monats nach Beendigung dieser Räumung zieht die türkische Gendarmerie und Verwaltung in Thrazien ein und im Laufe der gleichen Frist werden die alliierten Kontrollkontingente zurückgenommen.
3. Erst dann wird die Türkei, und zwar im Einklang mtt dem Pariser Beschluß vom 23. September, die Souveränität über Thrazien zurückerlangen und Truppen nach Thrazien führen dürfen. Die Agentur fügt hinzu, daß Lord Curzon und Galli den endgülttgen Text des Abkommens ihren Regierungen unterbreitet haben. Das englische Kabinett berate zur Zeit darüber und werde heute abend seine Antwort geben. Es werde nicht bezweifelt. daß sie in günstigem Sinne ausfallen werde.
Paris, 9. Okt. (WTB.) Lord Curzon hat gestern nachmittag die Rückreise nach London angetreten.
Die Konferenz von Mudania.
Paris, 7. Okt. (Wolff.) Der „Deuhork Heralb" meldet ans Konstantinopel: „Ismet Pascha hat auf der Konferenz von Mudania die Besetzung Thraziens durch die Türken vor Abhaltung der Friedenskonferenz verlangt, eine Forderung, die von den alliierten Generalen a b g e l e h n t worden ist. Daraufhin verweigerten gestern die Engländer plötzlich alle weiteren Zugeständnisse. Ismet Pascha zeigte sich gleich hartnäckig und überreichte schliehlich eine Art U l t i m a t u m, in der er unbedingt eine klare Antwort in der thrazischen Frage bis 2.30 Uhr nachmittags verlangte. Daraufhin wurde die Konferenz abgebrochen. Von Konstantinopel aus haben die Alliierten ISmet Pascha telegraphisch um Ausdehnung der Frist bis 6 Uhr abends ersucht.
Die Haltung Rumäniens.
Bukarest, 8. Okt. (Wolff.) Die Blätter kündigen eine diplomatische Aktion Rumäniens an, die eine friedliche Lösung der Orientfrage bezweckt. Es bestehe bei der rumänischen Regierung der Wunsch nach Errichtung einer neutralen Zone zwischen der Türkei und Bulgari en, die unter derselben Verwaltung stehen soll wie die Meerengen. Im übrigen •Derben alle Gerüchte der letzten Tage über eine Mobilisation rumänischer Trippen oder sonstige militärische Handlungen Rumäniens dementiert.
Die Politik Englands.
London. 7. Oft (WTB.) Die „Times" veröffentlicht ein Schreiben Bvnar Laws zu der K r i s e im nahen Osten, das auch der übrigen Presse zur Verfügung gestellt wurde und großes Auflehen erregt Darin erklärt Bonar Law, die Engländer könnten nicht allein als die Polizisten her Welt auftreten, da die finanzielle und soziale Lage des ßanbes bies unmöglich mache (Sö sei daher zwischen England und feinen französischen Alliierten oifen zu erklären, dah bie
Konstantinopels und an den Meerengen ein ebenfo wichtiger Teil der Friebensregelung fei, Regelung mit Deutschland. Wenn also Frankreich nicht bereit sei, Englanb dort zu unterstützen, so wäre England nicht fähig, bie Lasten allem zu tragen. Ihm würbe keine andere Wahl bleiben^ als dem Beispiel Amerikas ;u so gen und feine Aufmerksamkeit auf den Schutz der unmittel- n?rCn otcrcKc? Reiches zu beschränken. Bonar Law fahrt fort, die Verhinderung des Krieges und von Metzeleien in Konstantinopel feien w^cht speziell britisches Interesse, sondern sie sei em Interesse der Menschheit. Die Beibehaltung der freien Durchfahrt durch die Dardanellen fei nicht speziell britisches Interesse, son- bern em Interesse ber Welt. England stehe bei ben THecrengen unb in Konstantinopel nicht allein burch seine eigene Aktion, fonbern durch den Willen ber alliierten Mächte, bie den Krieg gewonnen hätten, und Amerika fei eine dieser Mächte. Was müsse England unter solchen 11m- standen tun? Das britische Reich, bas von allen die größten Mengen Mohammedaner in seinen Grenzen berge, dürfe keine Feinbs-elig -
feit gegenüber den Türken zeigen. In dem Abkommen, das in Paris von Curzon mit den Alliierten abgeschlossen worden sei. seien den Türken Vorschläge gemacht worben, die sicherlich billig gegenüber den Türken seien. Heber diese Bedingungen dürften die Alliierten nicht hinausgehen.
London, 7. Oft In einem „Eine entscheidende Stunde" überschriebenen Leitartikel erklärt die „Time s", bas sehr ernste Schreiben Donar Law nicht im Amte sei, sei sein Einfluh wahr- deutlichere Worte, als sie bisher von führenden Politikern gebraucht worden feien. Obgleich Donar Law jrid>t im Amte fei, sei fein Einflu hwahr- schemlich ebenso groß, wie der jedes Mitgliedes der Regierung. Die „Times" gibt daher ber Zuversicht Ausbruck, bah bas Manifest Donar Laws — benn es sei nichts anderes — ernsteste Erwägung in Paris finden werbe und dah es die Neigung ber französischen Regierung stärken werbe, bie Vorstellungen, zu denen Curzon zweifellos befugt fei. forgfältigft zu erwägen Wenn, wie erwartet werden könne. Curzon in der Lage fein sollte, aus der französischen Hauptstadt wieder die frohe Botschaft wirksamen Ucbercirt- kommens zwischen der französischen und britischen Politik zurückzubringen, so würde bie Lage im nahen Osten vielleicht noch sehr kritisch, aber nicht notwendigerweise verzweifelt sein. „D a i l h Chro- n i c I e“ stimmt mit der in dem Sch eiben Donar Laws an die „Times" zum Ausdruck gebrachten Ansicht nicht überein, oetont aber, es sei wenigstens eine ehrliche Politik und, was noch mehr sei, die einzige Alternative für eine Politik der Regierung, die die geringste Aussicht auf Annahme in England habe. Die Politik ber unabhängigen Liberalen sei entweber bedeutungslos ober schmachvoll. Cs sei gut, dah Frankreich wisse, was die Allernative für die Politik ber alliierten Nation sei — jedenfalls nicht Unterwürfigkeit u.ib Uebergabe. Das Dlatt schließt: Vereitelt die Polllik der Regierung, unb die Entente fällt unb wir kehren zur splenbit isolation zurück.
DelcassS über die Erinnerungen Wilhelms II.
Paris, 7. Ott (WTD.) Delcassä hat sich einem Berichterstatter des „Petit Parisien" gegenüber zu den Memoiren Wilhelms II. geäußert
Zunächst berichtigt er die Angabe, dah während des Durenkrieges Frankreich geneigt gewesen sei, sich Deutschland anzuschliehen, um über England herzufallen. Dann hätte ja Frankreich, dem es kurze Zeit vorher gelungen sei, eine besonders gespannte La He zwischen Frankreich und England zu entwirren und dessen Politik sich entschlossen im Sinne einer französisch-englischen Politik orientierte, hinterlistig dem Berliner Kabinett einen schlechten Streich vorgeschlagen. Das sei zu dumm. Delcassä schreibt: Ich hätte, wenn man dem Urheber dieser Memoiren Glauben schenken darf, Marokko als Kriegsmittel benutzt, und das ist der letzte deutsche Kaiser, der heute eine solche Behauptung vorbringt. Die' Wahrheit ist. dah Wilhelm II. immer erwartete, dah Frankreich schliehlich eine durch die Furcht bestimmte Politik treibe. Man scheint nicht bemerkt zu haben, dah an dem Tage, an dem ber Deutsche Kaiser 1914 Ruhlanb ben Krieg erklärte, seine erste Geste gewesen ist, alle seine Kräfte gegen Frankreich zu werfen. Er habe gewih an diesem Tage geglaubt, er werde Frankreich zum Nachgeben zwingen, indem er einen Druck ausübte. Und wenn er sich heute gegen die französisch-englische Politik so lebhaft ausspreche, so sei es. weil er bemerft habe, aber zu spät und auf feine Kosten, dah diese Politik zum wesentlichen Ziel gehabt habe, die Unabhängigkeit großer Staaten sicherzustellen, bie er immer abhängig zu werben gewünscht habe. Die französisch-englische E n t en t e p o l i t i k — das habe er nie geleugnet — fei eines seiner Hauptziele gewesen. An ben Quai b'Orsah berufen, um den Zwischenfall von Fafchoda zu regeln, habe er keine leichte Aufgabe gehabt, Marchand und seine kleine Truppe vor Kitchener zuruckzurufen. der an der Spitze eines Heeres marschierte. DaS hätte sich auf b;e Dauer nur rechtfertigen lasten unter der Bedingung, dah ein solcher Akt der erste einer Serie fei, der eine ganz neue Politik eröffne. Aber er fei in diesem Augenblick nicht sicher gewesen, lange genug am Quai d'Orsay zu verbleiben, um diese langwierige Arbeit zu gutem Ende zu führen. Seit dem 20. März datiere die Arbeit des ersten Unternehmens, die am 8. April 1904 zu dem allgemeinen Abkommen geführt hätte, das als ber Beginn ber Entente corbiale zu bezeichnen fei. Delcass^ geht alsdann auch noch auf die Frage des militärischen Abkommens zwischen Frankreich und England ein und erinnert an die Briefe der ehemaligen französischen Minister, die zu Beginn des Jahres veröflentlicht worden seien. Einer dieser Briese spreche von einem militärischen Abkommen zwischen Frankreich unb Englanb, einem begrenzten Abkommen, das jede Aggression begrenzten Abkommen, das jede etwa deshalb behaupten, Frankreich habe zum Kriege getrieben ? Er frage: Sehen wir diesen Augenblick voraus, dah dieses Abkommen geschlossen, und dah es seinerzeit veröffentlicht worden wäre unb sagen Sie mir. ob die so gegebene Verwarnung Deutschland im Juli unb August 1914 zurückgehalten hätte? Die Frage von Tanger sei ber Fehler gewesen, ben Wilhelm II. begangen habe. Er behauptet, dah er Furcht gehabt habe, dah man hierbei von einer Provokation hätte sprechen können. Das Ergebnis sei tatsächlich das gewesen, das er befürchtet habe, unb er versucht heute, die Schuld auf Bülow abzuwälzen. DaS
sei nicht sehr hübsch. Wo sei die Zeit, als ber Kaiser, in Deutschlanb herumreisenb. zu feinen Untertanen gesagt habe: Ihr dürst nur einen Willen haben, den Willen Eures Königs I Er rede heute, als ob jedermann alles Der gessen hätte Seine Angaben feien nicht der Kritik wert, um so mehr, wenn man ber Ansicht fei. bah, wenn biefe gründlich erfolgen solle, die Regierung ber französischen Republik bies unternehmen müsse. 3n ben Archiven des Quai d'Orsay befänden sich mehr Dokumente als nötig seien, um den Deutschen Kaiser ber Heuchelei zu überführen.
Eine Nede Poinear^s.
Paris, 9. Okt. (WTD) P o incar6 hielt in Dauzoulours (Mame-'Departement) anfäfo lich ber Einweihung eines Kriegerdenkmals eine Rede, in ber er wiederum von ber Krieg Ursache sprach und behauptete, ber Friede wä e niemals gestört worben, wenn Deutschlanb Fran!- reich nicht angegriffen hätte. Der härteste unn kostspieligste Krieg fei burch ben mildesten unb liberalsten Frieden abgeschlossen worden. Niemand von uns, sagte Poincaro, verlangt beute, bah bie Bebingungen dieses Friedens verschärft werden. Alles, waS wir wollen, ist, dah fie erfüllt werden Poin.arö ging bann auf die Orientfrage ein unb erklärte, wenn Frankreich sich geweigert hätte, das von ben Türken verlangte Osttbrazien ber Türkei zu übertragen, um es Griechenland zu geben, hätte man den S.egee gegen die D.'siegten auigcbiad)' unb bie Feindseligkeiten auf Kosten bei Devölke rung aller Rassen und aller Religionen vei> längert. Die neue griechische Regierung habe sich übrigens von dieser N o t to e n b i g f c i überzeugt. Poin ate betonte, Sranlr.il' toercc sich in keine kriegerischen Abenteuer hineinzieb n lassen unb schloh mit ber Mahnung, alle Anstrengungen zu verdoppeln, um die Menschheit vor neuen Hekatomben von Opfern zu bewahren.
Die auswärtigen Unternehmungen des Herrn Stinnes.
Du da pest, 7. Oft. (WTB.) Die zwischen Hugo S t i n n e s unb Simon Kraus vor einigen Wochen in Berlin gepflogenen Verhandlungen über eine Beteiligung der Stinnesgruppe an ber Eisen- unb Maschinenfabrik Liptak wurden nach einer Meldung des Ungarifc^cn Korr.-Bureaus von dem flelfoertretenben Generaldirektor ber Anglo-Ungarischen Dank, Dr. Dobay, mit Erfolg beendet.
Danach wird das Aktienkapital der Liptak- fabiif von 100 auf 180 Millionen erhöht unb 4/s der neuen Aktien gelangen in bie Hände ber Stinnesgruppe. Hugo Stinnes, ferner ber Direktor ber Gelsenkirchener Bergwerksgesellschaft, bes Bo^ chumer Guhstahlvereins unb ber Deutsch-Luxemburger Dergwerksgesellschaft treten in bie Direktion £er Liptak-Fabrik ein. Zum Präsidenten wird wahrscheinlich Simon Ärau8, zum Vizepräsidenten Hugo Stinnes gewählt werden.
Herr Branting als Ratgeber.
Paris, 9. Oft. (WTD.) Der schwedisch. Mimsterpräsibent B r a n t i n g erklärte dem Der Ihrer Korrespondenten des „Matin" bei seiner Abreise von Berlin, er habe mit verschiedenen Par teiführern die Frage des Einttllts Deutschlands in den Völkerbund besprochen, aber seine Zulassung sehe zwei Dorbedingangen voraus: Der Völlerbunb müsse zuerst durch eine un parteiische und weitgehende Enquete feststellen, ob Deutschland seine Verpflichtungen erfüllt habe Andererseits müsse das Reich dem Völkerbund eine moralische Garantie für die Zukunft geben. Diese Garantie sehe er, Dranting. in den Arbiter Organisationen, die entschlossen seien, sich jedem neuen Krieg entgegenzustellen. Dis jetzt habe die nationalistische Agitation den Fortschritt ber beuh schen Demokratie lahmgelegt. Aber die weiche Politik, bie Frankreich seit dem Abschluß des Sttnnes-Luberfac-Abkommen zu verfolgen scheine, werden ben Monarchisten ein wirkungsvolles Pro pagandanrittel nehmen. Er habe bte feste Hoffnung. bah die Gewerkschaften bald ans Ruder kämen unb ihren Willen burchsehten. Die Gewerk- schaften betrachteten als eine gebieterische Pflicht für das Reich, die ehemalige Kampfzone m Frankreich wiederaufzubauen.
Der Prozeß Rathenau.
Derlin, 7. Oft. (Wolff.) Nach einer Leipziger Meldung ber „B. Z." entstammen, soweit scstgestellt, die Pralinen, nach deren Genuß Günther und Warnecke erkrankt finb, zwei Paketen, die hn Laufe dieser Woche beim Untersuchungsgefängnis in Derlin-Moabit abgeliefert und an die Angeklagten Ilsemann und Günther abreffiert worden waren. Die Pakete mürben mit ber Post weitergeleitet unb enthielten x/2 bis 1 Pfund Schokolade. Die Pralinen find beschlag- nahmt worden unb toerben gerichtsärztlich untersucht. Auch Techow jun. hatte von den Pralinen genossen und lag gleichfalls die ganze Nacht darnieder.
Derlin, 7. Oft Das Befinden des Ange- Nagten W a r n e ck e hat sich im Laufe des Tages verschlechtert. Warnecke brach am Morgen Blut und leidet jetzt an hohem Fieber. Der jüngere e ch o w leibet an Schwindelanfällen und Herzbeschwerden. Die Angelegenheit ist dem Ober staatsanwalt zur weiteren Verfolgung übergeben toorben. Auffallenberweise haben die beiden Pakete mit Pralinen hje Kontrollstatton des Gefängnisses nicht passiert.
Berlin, 9. Okt. Die Verhandlungen des Staatsgerichtshofes werden heute vormittag 9 Ähr wieder ausgenommen, ba das De-,


