Ausgabe 
7.12.1922
 
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Nr. 288 Zweiter Blatt

Deutscher Reichstag.

2*4Z. Sitzung, nachmittags 2 Uhr.

Berlin, 6 Dez. 1922.

Die zunächst auf bet Tagesordnung stehende sozialdemokratische OrderpcILi Um über die T e u e- r u n g wird nach einer Erklärung der Regierung innerhalb der aeschästsordnungSmähigen Frist Ke- antwortet werben.

Die erste 'Beratung der Novelle zum Gesetz über die Beschäftigung Schwerbeschä­digter wird durch eine Rede des RrbeitS- ministers Dr. Brauns eingeleitet. Zur Zeit seien rund 50 OOO Schwerbeschadigte in Deutsch­land vorhanden, von denen 1Z 003 arbeitslos seien. Die Beschäftigung der Schwerbeschädigten habe zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht ge­führt 22 000 freie 2lroeitsste.le.i tonnten nur des­halb nicht besetzt werden, weil die nötigen Woh­nungen nicht vorhanden seien, jedenfalls habe das Gesetz sich bewährt und seine allgemeinen Grundlagen seien deshalb in der Novelle nicht verletzt worden.

Abg. Dudjuhn (Dntt.) beantragt Aus- schuhbevatung und bedauert, daß die Organisa­tionen der Kriegsbeschädigten nicht ausreichend gehört worden seien. Gr fragt den Minister, wann die Rovelle zum Reichsversorgungsgesetz erscheinen werde.

Arbeitsminisler Dr. DraunS erwidert, die Rrvclle zum ReichSversorgungsgesetz werde dem Reichs ra! noch im Laufe dieses Monats zugehen. Der 2Tb- und Umbau der Dersovgungsämter und des Postperfonals solle nicht auf Kosten der Schwerkriegsbeschädigten erfolge«!.

Die Rooelle geht barm an den sozialpoli­tischen Ausschuß. Der Rächtragsetat für Wasser­straßen, Luft- und Kraftfachr'wesen wird bs- 'willigt.

Beim Rachtragsetat für die Reichseisen- bahn polemisiert Abg. Hölle in (Korn.) gegen die Bestrebungen, die Reich?bahn zu privatisieren. Die Steigerung der Gi^enbachnfrachttarife ver­teuere die Lebenshaltung bet breiten Massen. Mit dem Prärnienshstern nxrrte dem AchtstundeTdag bei der Gisenbachn ein Ende gemacht.

Rachdem Abg. Kniest noch im Interesse der ärmeren Bevölkerung für eine Ermäßigung der Fahrpreise vierter Klasse etngetreten ist, wird der Etat unverändert genehmigt.

Die Rovelle zum Reichsaxrhlgeseh, welche eine Verkleinerung der Wahlkreise bringt, wird einem Ausschuß überwiesen.

Morgen nachmittag 2 ITfyr kleinere Vorlagen Rachtragsetat. Schluß 51/2 llfjt.

Die wirtschaftliche Notlage des Theaters und der

Bühnenkünstler.

Herr Rich Hellborn, der Obmann der Gießener Gruppe der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger, schreibt und:

Sehr häufig begegne ich in den Kreisen des kunstliebenden Publikums der Ansicht, daß bei dem guten Geschäftsgang der Theater der Bühnenkünstler doch wohl auch ein ausreichendes Gehalt habe, das ihm ein sorgenloses Leben ge­statte Leider ist das aber nicht der Fall. Ich habe eS mir daher zur Aufgabe gesetzt, in diesen Zeilen der irrigen Ansicht entgegenzutreten und die Oefsentlichkeit über den wahren Sachverhalt aufzuklären.

Biele deutsche Theater sind der Gefahr aus­gesetzt, geschlossen zu werden, weil die Staaten und Städte .nicht mehr in der Lage sind, die erforderlichen Zuschüsse aufzubringen. Das be­deutet den drohenden Verlust großer kultureller Werte für das deutsche Volk gerade in einer Zeit, da das Theater mit an erster Stelle be­rufen ist, die versinkende Kultur zu heben und zu retten, heilsam zu wirken auf die zerrissene und zerwühlte Volksseele, inneren Frieden und Halt zu schaffen. Es bedeutet aber auch die drohende Vernichtung unzähliger Künstler­existenzen.

Was die wirtschaftliche Lage des K ü n st l e r s anbelangt, so bedarf es allerdr rgs mcht mehr der Schließung der Theater, um darzu- tun, daß man die Existenz des Künstlers heute nur noch ein Dahinvegetieren nennen kann. Ein erster Fachdarsteller, der, ehe er als solcher anerkannt wird, zwei Zahrc studiert, wei- terc zwei Jahre gegen allergeringste Entschädi-

Die Herweghs.

Eine rechtsrheinische Geschichte von Liesbet Dill.

55. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Der Richer sah schließlich ein, daß hier jede Mühe vergebens war.Sie haben also auch das Vertrauen in Herwegh gesetzt, daß er Ihnen das Geld auf alle Fälle sicher anlegen würde?"

Jawohl' Wir waren befreundet, über das geliehene Geld habe ich keine Rechenschaft weiter verlangt und glaube auch nicht, daß es mir ver­loren ist. Im übrigen hat mir Herr von Her­wegh Schuldscheine ausgestellt."

6ic haben also hier kein besonderes Interesse daran, festzustellen, wohin es gekommen ift? fragte der Richter. Stolzenberg bewegte die Fin­ger heftiger.

21t in, ich will mailen, bis Herr bpn Herwegh seine Angelegenheit wieder selbst führt," sagte er kurz.

Bravo, Stolzenberg, das nennt man Freund!

Das ging ja heut wie in einem Kino, jetzt stand ein fetter MagistratSsekretär vor den Schran­ken. der von Herwegh große Versprechungen auf .Dividende und dergleichen" gemacht bekommen hatte, und seine Aktien, die er damals noch zu einem anständigen Kurs hätte loswerden Rnnen. daraufhin behalten hatte. Er hatte aber kürzlich in der Dahn gehört, daß die Backsteine wieder teurer würden und daß Erler eine neu» Fabrik in die Rähe bauen wolle, er wollte daraufhin in Gottesnamen seine Aktien behalten, denn jetzt lockte man ja doch keinen Hund mehr hinter bem Ofen mit ihnen hervor und er zog seine Klage gegen Herwegh hiermit zurück.

Der alte Goldenberg mit seinem fuchsigen Hut. den er immer vor den Magen hielt, als fürchte er, daß ihm einer hinter die schmutzige Weiße Weste sehen könnte gestand, daß er zwar dis Gelbsucht bekommen habe vor Aerger über

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, Z. Dezember 1922

die Eppenhausener Htzpothekengeschichben, daß er aber seine Aktien noch zur rechten Zeit heraus­gezogen hatte. 3m übrigen mußte er sagen, einen so anständigen Mieter noch in seinem Leben nicht gehabt zu haben wie Herrn von Herwegh. Und er begann ihn zu loben, daß Herbert die Ohren spitzte. Oh, deshalb war Lutz ihm neulich in Zivil in der Kvchbrunnensirahe begegnet! Der hatte den Alten rich ig mal wieder breit geschlagen, denn im Grunde hatte Goldenberg, so lächerlich Herbert das auch fand, vor dem schönen Lutz immer eine geheime Furcht.

Die Richter und auch das Publikum hatten von einem Goldenberg etwas anderes erwartet, und der Staatsanwalt sah ihm höhnisch nach, als er, sobald er von seiner Zeugenaussage befreit war, sich so rasch wie möglich aus dem Saal drückte. Die Aufmerksamkeit wandte sich Dantel- mann zu. Der alte Herr war schlohweiß geworden, sein langer Hals tagte aus einem zu weiten niedrigen Kragen heraus, und Herbert sah un­willkürlich nach seiner Feder hinterm Ohr. Dantel- mann sagte aus, daß er mit Herwegh stets in bestem Einvernehmen gestanden habe und, wenn er sich so ausdrücken dürfe, sie sogar Freunde gewesen seien.

Er kam dann auf den Grund seiner plötzlichen Entlassung zurück, und der Smaragd begann zu funkeln.

Die Frauen reckten die Hälse, und Herbert, der sich schon lange über den Federhut seiner Vorderdame geärgert hatte, benutzte die Gelegen­heit, diesen Hut einfach nach vorn überzukippen, ohne sich um die Entrüstung der Dame zu küm­mern. Die Sache mit dem Smaragden interessierte ihn, und er wollte auch etwas sehen.

Dantelmann sprach leise, als schäme er sich, davon überhaupt zu reden. Die russische Fürstin tauchte auf, ihr Kammerdiener, der den Schmuck brachte, Dantelmann besch.i.'b den vierundzwan- zigsten Dezemberabend, als der Kammerdiener Den Schmuck zurückverlangte, und als Herwegh

gung als Anfänger an einer Bühne tätig gewesen fein muß und erst nach weiteren vier bis fünf fahren praktischer Tätigkeit anerkannt wi.d, er­hält zur Zeil einen Gehalt von 2 1000 Mark P r 0 Monat. Eine 21jährige Verkäuferin er­hält zur Zeit dieselbe Bezahlung Ein ungelernter Bühnenarbeiter. 19 Jahre alt, erhall 33 000 Mark, wählend der Oberregufeur, der in 90 von 100 Fällen Akademiker ist, nur 25 000 Mark erhält. Von diesem monatliche Einkommen werden für Steuer, Krankenkasse, A.raestell teurer' i ten rnn. Pensionen utb Altersversorgung rund 5000 Mark monatlich in Abzug gebracht, so oah Dem Künstler noch 16 000 Mark verbleiben. Bon diesen 16 000 Mark monatlich soll er nun noch die nach § Z des Rormalvertrages erforderliche Garderobe stellen, nämlich zwei moderne Anzüge, je ein Frack, Smoking- und Cuttaway-Anzug zwei Män­tel: die dazu erforderlich: Wäsche: Fuß-, Hand- unt> Kopfbekleidung, beftefyenb aus 56 Paar eleganten Schuhen und Stiefeln, 6 Paar verschre- bcnfaibigen Glacehandschuhen. 12 weihen und farbigen Oberhemden, 50 Kragen, mindestens 68 Hüten. Stöcken. 20-30 Krawatten; ferner sind davon zu bezahlen: Schminken. Abschminken, Pu­der. Reparaturen. Reinigen, Versicherung gegen Feuer und Diebstahl usw. In früherer Zell wurde dieser Gardrrobefundus innerhalb zwei Jahren erneuert. Das würde nach dem heutigen Geldwert mindestens 30 000 Mark pro Monat erfordern. Infolgedessen find die Bühnenkünstler gezwungen, die vertraglichen Gardervbeverpflich- trmgen auf mindestens 6 Jahre zu verteilen. Hier­nach muß der Künstler für die Garderobe jeden Monat 10 000 Mark zurücklegen oder dafür Reu- beschaffungen machen. Es bleiben ihm atfo zum Leben 6000 Mark monatlich. So sieht die glänzende Bezahlung des Bühnenkünstlers, männlichen wie weiblichen, aus. Würde der Künstler seine Garderobe vernachlässigen, so würde er bereits im 3. und 4. Jahre infolge der Schä­bigkeit seiner Garderobe vom Publikum geringer geschätzt werden: außerdem würde ihm die Mög­lichkeit, sich um neue Anstellung zu bemühen, vollständig genommen fein. Hm dem aus dem Wege zu gehen, wird der ernst zu nehmenbd Darsteller von seiner eigentlichen Aufgabe, der guten kulturellen Kunst ausschließlich zu dienen, abgebracht und gezwungen, sich durch die Zwitter­kunst des Kabaretts, oder deutscher und richtiger gesagt des Tingeltangels, Rebenebrnahrnen zu schaffen, die aber auch noch sehr fraglich fmb, weil manche in Betracht kommenden Vereine und Cafes, die Rotlage des Kürrstlers erkennend, ihn ausnutzen und ihm geradezu hohnsprechende Be­zahlung bieten.

Viele Kunstfreunde, die ich über all das aus­klärte, hielten mir entgegen, warum denn der Bühnenkünstler nicht mehr Gehalt fordere. Das ist leicht gesagt. Wer gibt die Mittel dazu? Das Publikum geht schwer auf Erhöhungen der Ein­trittspreise ein. Jede Preiserhöhung bringt dem Theater einen Rückgang der Besucherzahl, und dabei ist das Theaäer doch das billigste aller Lebensbedürfnisse. Daß es zu den Lebensbedürf- nifTen gehört, wird wohl fern vernünftig denkender Mensch bestreiten wollen. Die Städte aber wollen, da ihnen die frühere ausreichende Einnahmemög­lichkeit genommen ist, die erforderlichen Zuschüsse nicht mehr leisten Die Eintrittspreise bringen meist kaum die Hälfte der Summe, die notwendig ist zur existenzfähigen Bezahlung der Bühnen­künstler, zur Bestreitung der anderen Gehälter, sowie zur Deckung der Kosten für Heizung, Licht usw. Selbst für die kleinen Gehälter der Dar­steller sind bet einem Theaterbetrieb, wie in Gießen, beinahe 2/4 Millionen erforderlich eine weitere halbe Million für technische Hilfskräfte, Vorstände, Arbeiter, Putzfrauen, Logenschließer, Musiker, Chor- und Statisterie, eine Million für §eizung, Licht, Reubeschaffungen, Tantiemen.

teuer und Verwaltungsunkvsten. Also reichlich zwei Millionen müssen eingenommen werden, um die spärlichen Gehälter und die übrigen Kosten decken zu können. Mm aber das einzunehmen, muß bei monatlich 20 Vorstellungen mit je 600 verkauften Karten, ganz optimistisch gerechnet, jede Karie durchschnittlich 200 Mark kosten. also die teuerste ungefähr 300, die billigste 150 Mark. Damit wäre aber den Darstellern noch nicht ge­holfen, beim es ist unmöglich bei der stets fort­schreitenden Teuerung mit 6000 Mark monatlich existieren zu fonnen.

Wenn man bei den heutigen Kohlen- und Lichtpreisen ins Theater geht und 200250 Mark für einen mittleren Platz ausgibt, spart man noch Geld. Denn ein Zimmer von -Z10 Hhr zu Heizen und zu beleuchten, kostet ja mehr als 300

Mark: dabei hat man im Theater doch immerhin einen besonderen Genuß, während man »u Haute die vier Wände anftarren darf 2 Glas Bier und eine Zigarre oder 1 Tasse Kaffee und zwei Stück Torte kosten heute auch 250 Mark. Dabei ist es fraglich ob das für 2Vs3 Stunden aus­reicht. und barm kann doch dabei von geistiger Erholung und Stärkung feine Rede sein.

Im Theater in Hanau kostete bereits Mitte Rovember der beste Platz bei der Operette 400 M. In Heidelberg, einem Theater gleichen Ranges wie Gießen. kostete der teuerste Platz im Schau­spiel 300 Mk In Gießen aber kann man für 225 Mark den besten Logenplatz e .halten. Kann bei diesen Preisen den Darstellern auch nur das Existenzminimum gezahlt werden? Wenn eine Kulturstätte, wie das Geßener Theater, der Gefahr ausgesetzt wird, infolge Mnientabilitäl geschlossen zu werden so trägt die Bevölkerung Daran Schuld, weil Deren größter Teil glaubt, für eines chrer höchsten Kullurinstitale nicht die Mittel aufbringen zu können, die zu seiner Er­haltung nötig sind.

Anmerkung der Redaktion. Dir Ausführungen des Herrn Hellborn gestatten einen Einblick in die wirtschaftliche Eristenz der Künstlerschaft unseres Stadtthea e 's, der ein über­raschendes und betrübenteS Bild enthüllt. Daß die Klage, die wir hier vernehmen, Berech­tigung hat und bei allen Freunden und Be­suchern unseres Stadttheaters die Meberzeugung auslösen muß, daß eine besondere Anstrengung zur Besserstellung der Künstlerschaft zu machen ist. bedarf keiner weiteren Beweisführung. Mit 21 000 Mark Drutto-Mvnatsg<chalt (wohlgemerkt nur für erste Kräfte!! kann eben heutzutage nicht das geleistet unb bestritten werden, was man von ernsten Künstlern verlangt. Stellt man hohe Ansprüche, so hat man auch dem entspre­ch mde Pflichten, die zu erfüllen sind. Am Giebel der Frontseite des Stadttheaters steht die schöne Widmung, die eine opferbereite Bür­gerschaft ihrem Theater gab:(Sin Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns." Diese Worte ver­pflichten auch heute noch, sie verpflichten nach der Richtung hin. daß man einem Rufe nach wirtschaftlicher Besserstellung der Künstler- schaft durch Stngabe der erforderlichen Geld­mittel entsprechen mut;

Aus Stabt unb ßanb.

Gießen, den Z. Dezember 1922.

** Amtliche Persoualnachrich- t en. Ernannt wurden: am 29. Rovember der Schulamtsanwarter Paul Rcbeling aus Frankfurt a. M. zum Lehrer an der Volks- schule zu Ober-Mossau, Kreis Erbach i. O.; die Schulamtsanwarterin Ottilie Lange, geb. Haubach, aus Bud-Nauheim zur Lehrerin an der Volksschule zu Nidda, Kreis Büdiu- gen; die Schulamtsanwärterin Agathe Schilling aus Darmstadt zur Lehrerin an der Volksschule zu Zwingenberg, Kreis Bens­heim; am 30. Rovember der Hilfsbeamte bei der Dergkasse Wölfersheim ßubtoig Ah­ne r zu Wölfersheim zum Sekretär dieser Kasse vom 1. April 1922 ab; der Kataster­zeichner beim Landesvermessungsamt Fried­rich von Willich zum DermessungSober- assistenten vom 1. April d. I. ab. Aeber- tragen wurde: am 30. Rovember dem Dipl.- Ing. Dr.-Ing. S a u e r in Friedberg die Vor­standsstelle der BergwerkSdirektion Friedberg mit der AmtsbezeichnungBergwerks- Direktor".

** Die Bettkartenpreise der Eisenbahn. Vom 1. Januar ab beträgt der BettkartenpreiS der Eisenbahn in der 1. Klasse 5000 Mk., in der 2. Klasse 2500 Mk., in der 3. Klasse 1200 Mk. Die Vormerkgebühr be­trägt 500, 250 bzw. 120 Mark.

** Goldene Hochzeit feiern morgen, der Bürstenmacher Julius Bräutigam und Frau Auguste geb. Kämel, Weserstr. 10.

Kreis Alsfeld.

* Appenrod, 5. Dez. Unsere Gemeinde hat eine alte Stiftung, die langst ihren

Sinn verloren hatte, zur Herstellung einer Gedächtnistafel für unsere gesal- lenen Krieger verwendet. Da die Höhe der Stiftung die Kosten der Tafel nicht völlig deckte, wurde der Restbetrag durch freiwillige Spenden aufgebracht. Die Tafel ist von der mll der Denkmalspflege im Kreife beauftrag­ten Baubehörde in Alsfeld entworfen und von dortigen Kunsthandwerkern auSgesührt worden.

Starkenburg und Rheinhessen.

Darmstadt, 5. Dez. In der hiesigen Bevölkerung ist man stark verstimmt gegen die Postbehörde, weil diese die Annahme des städtischen Notgeldes verwei­gert. Einige Geschäftsinhaber drohen nun, auch ihrerseits das städtische Notgeld nicht mehr annehmen zu wollen. Zu der Maßnahme der Post gibt die Stadwerwaltung eine län­gere Aufklärung, in der es il a. heißt: Eine generelle Weisung des Reichspostministers an sämtliche deutschen Postanstalten verpflichtet diese, städtisches Notgeld nur dann anzuneh. men, wenn sich die betreffende Stadt vorher bereit erklärt hat, etwaige F a l s ch st ü ck e etn- zulösen. Die Darmstädter Stadtverwaltung glaubte, dieser bedingungslosen Forderung nicht entsprechen zu können, sie ist aber bet dem Reichspostminister darum eingekommen, den hiesigen Postanstalten die Annahmege­nehmigung zu erteilen. Die Stadtverwaltung weist in diesem Zusammenhang ausdrücklich darauf hin, daß bisher nach ihrer Kenntnis F a l s ch st ü ck e des hiesigen Notgeldes nicht in den Verkehr kamen und die städtischen Not­geldscheine vollgültige Zahlungsmittel sind, deren Annahme bei den Postanstalten nur wegen der erwähnten und, wie die Stadtver­waltung annimmt, hoffentlich bald in Wegfall kommenden Vorbedingung deS ReichSpostmini- sterS nicht erfolgte. Von der hiesigen Reichs­bankstelle wie auch von den Der ReichSeisen- bahndirektion Mainz unterstellten Kassen werde übrigens das Notgeld anstandslos in Zahlung genommen. Die Stadtverwaltung glaubt, von ihrem in dieser Sache eingenom­menen Standpunkt nicht abgehen zu können, weil die vorbehaltlose Annahme der Voraus­setzung des Reichspostministers zu den aller- bedenklichsten Konsequenzen führen könnte.

Heffen-Nassan.

fpd. Idstein, 5.Dez. Aus der katho­lischen Kirche wurden in einer der letzten Rächte durch Einbrecher das massiv silbervergol­dete Ziborium, die Meßkännchen unb die Lunulo geraubt. Der Schaden ist sehr bedeutend.

fpd. Hof he im i. T., 5. Dez. Aus den Räumen der Firma Lotz & Dentnger wurden in der vergangenen Nacht für mehr als z w e i Millionen Mark Fuchspelze ge­stohlen.

Landwirtschaft.

* Verbotener Handel mit Klauen­vieh. Das Kreisamt Gießen gibt im neuesten Amtsverkündigungsblatt bekannt: In Rücksicht auf die zu Beuern unb Großen-Linden be­stehende Maul- und Klauenseuche verbieten wir hiermit alle Klauenviehmärkte in der Stadt ©iefjen, sowie den Handel mit Klauenvieh nördlich der Linie GießenGrünberg (Oberhessi­sch: Eisenbahn) und in den Gemarkungen Ober- Hörgern, Holzheim, Gberstadt. Grüningen, ®orf- ®ülC Garßen trich, Hausen, Gießen und Heuchel­heim. Hierunter ist der Handel mit Klauenvieh, Der ohne vorgängige Bestellung entweder außer­halb des Gemeindebezirks der gewerblichen Nie­derlassung des.rdlers oder ohne Begründung eines solchen stattsinbet, verstanden. Als Handel im Sinne dieser Borschrift gilt auch das Aufsuchen von Bestellungen durch Händler ohne Mitführuna von Tieren und das Ankäufen von Tieren durch Händler.

* Friedberg, 6. Dez. Die QRauI* und Klauenseuche in Griedel ist er - loschen. Die Sperrmaßnahmen sind auf­gehoben.

bei der lieber gebe entdeckte, daß ein Smaragdohr­ring fehlte.Änd mm muh ich einen langjährigen Irrtum aufklären." fuhr Dantelmann mit er­hobener Stimme fort.Es ist damals die Mei­nung verbreitet worden, jemand habe den Stein gestohlen. Und zwar ich! Abgesehen von der Lage, m die ich durch meine Stellenlosigkeit gebracht war, war es für mich viel schlimmer, oah Herr von Herwegh selbst daran zu glauben schien."

«Ich gtaabe, der Angeklagte will etwas sagen," bemerrte der zweite Richter unb .zeigte auf Herwegh, her sich erhoben hatte.

Aller Augen wandten sich Herwegh zu und dieser sagte kurz: «Ich wollte nur sagen, daß sich der Stein ja ein paar Tage später wieder­gefunden hat, also ist es nicht nötig, hier darüber zu verhandeln."

«Ditte, darf ich auSsprechen?" unterbrach ihn Dantelmann mit seiner finsteren, unbeweglichen Miene. «Ich weiß, daß der Stern wieder auf­getaucht ist. Man hat ihn ja der Fürstin selbst wiedergebracht, Iber ich glaube nicht, daß es derselbe Stein war. Das wollte ich dazu sagen."

Der Angeklagte jpar erblaßt. Er schien sich mühsam zu bezwingen, aufyifbringen. Zum ersten- mal zeigte er Erregung. Aber er schwieg.

«Unb wie stellen Sie sich beim vor, daß Herr von Herwegh die Angelegenheit georbnet hat?" fragte der Richter, denn Herwegh rührte sich nicht.

«Er hat einen anderen Stein gekauft und ihn in Frankfurt arbeiten lasten." sagte Dantelmann mit der Sicherheit eines Mannes, der die Wahr- hett sagt. Ein Gemurmel entstand in der Menge, unb ehe der Richter die Ruhe wiederherstellen konnte, trat ein Gerichtdsiener vor den Richteriisch unb Meldete etwas. Die Richter berieten sich. Unb Der erste Richter sagte halblaut zu dem Staatsanwalt:

«Gerichtsarzt Doktor Rickeri bittet, als Zeuge vernommen zu werden, die Sache habe Eile."

»Sofort vernehmen," sagte der Staatsanwalt.

Gleich darauf führte der Gerichtsdiener Doktor Rickert in den Saal.

Man hiell sich nicht lange mtt Feststellung seiner Personalien auf, sondern ließ ihn gleich fbcedfen.

Rickert warf einer. Blick nach dem Ange- flaglen auf feiner Anklagebank

Ich komme von einer Sterbenden," begann er.'Sie Frau hat mir eben ein Geständnis ge­macht. daß sie ein Zahr als Stubenmädchen bei Herweghs war, und an jenem Weihnachtsabend, als ihre Herrschaft das Haus verlassen hatte, um zur Bescherung in die Mainzer Straße zu gehen, einen Smaragdvhrring an den Fransen der Tisch­decke gefunden hat, der wahrscheinlich aus Ver­sehen Dort hängen geblieben war. Sie hat ihn an sich genommen und hat es soeben gestanden."

Eine große Bewegung entstand. Auch Her­wegh schaute kurz aus und senkte bann wieder den Kopf, wie um nichts zu sehen.

«Die Frau, die mich von meinem ärztlichen Eid entbindet, hat mir gesagt, daß sie bereit sei, sich als Zeugin vernehmen zu lassen, sobald sie vernehmungsfähig sei."

Sie hatte den Smaragd für ein paar hundert Mark einem Trödler in Aachen verkauft und ging dann über die Grenze.

Herwegh war bleich geworden. Gott fei ge­lobt, fte war es wenigstens nicht, dachte er. Und eine Erleichterung überkam ihn, feine starre Miene entspannte sich.

«Verhall sich die Sache so, wie wir eben ge> hört haben?" fragte der Richter. Herwegh er­hob sich. «Soweit sie mich betrifft, ja." und er setzte sich wieder. Diese unerwartete Schweigsam­keit, die niemand von dem gewandten Verteidiger erwariet hatte, erhöhte seine Sympathie bei den Herren, und die Damen dachten.' Er sammelt sich zu seiner Rede Dieses große Plädoyer er­warteten sie mit solcher Spannung, daß die übri­gen Zeugen nicht mehr ruhig angehöri wurden.

(Fortsetzung folgt)