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172. Jahrgang
Mittwoch, 6. Dezember 1922
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Vrvck und Verlag: vrühl'sche Unlverfilälz-Vuch- und Steinöruderti R. Lange in Gießen. $d)riftleitnng und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.
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Der Reichspräsident und der neue französische Botschafter.
Der! in, 5. Dez. (WTV ) Der Reichspräsident hat heute den neuema.vnten französischen au hervi deutlichen bevollmächtigten B o t - schaster Oacquin be Oll ärgerte zur ®nt- gcgennahme seines Beglaublgungsschrei- enS empfangen Bei dem Empfang tpar m Bertrctimg deS ReichSmiirislers des Auswärtigen ©taatdlefretäi von Hciniel zugegen.
Der Botschafter hielt folgende Ansprache: terr VräsidentI Ich habe die Ehre, Ihnen das chreiben zu überreichen, womit der Präsident ber französischen Republik mich bei Ihnen als auherordentlichen bevollmächtigten Botschafter beglaubigt hat Ich bin berufen, mein Land bei der Deutschen Republik zu vertreten, und es wird mir am Herzen liegen, nich s zu unterlassen, um die Absichten meiner Regierung zu verwirklichen, die daraus abzielen, in friedlicher Arbeit an der Aufrechterhaltung jener politischen und wirtfchaft- lidjen Stabilität Europas mitzuarbeiten, die allein nach so groben Erschütterungen die Rationen in die Lage versetzen kann, in gegenteiligem Ber- tixrucn ihren En»wickelungsgang wieder aufzunehmen. Alle meine Bemühungen werden daraus gerichtet sein, inmitten des deutschen Boltes den Beweis für den aufrichtigen Wunsch meiner Regierung zu liefern, dah zwischen Frankreich und Deutschland im Rahmen des Friedenscertrages, ber die Boraussetzungen ihres Verhältnisses zu- eyianber geregelt hat. die Beziehungen wiederher- gestellt und entwickelt werden, die für das Einvernehmen und den Fvrtsch.itt dieser neuen Z e i t unentbehrlich sind, und von welcher die Geschichte erwartet, dab sie noch mehr als ihre Borgänger -um Triumph der Zivilisation und zur Herrschaft der menschlichen Gerechtigkeit beitragen. Für die Erfüllung dieser hohen Aufgabe bringe ich neben jenem leidenschaftlichen Wayrheitskult und jenem entschlofsenen Streben nach Einhaltung des richtigen Mabes, wie sie die französische Tradition aufweist, die unerschütterliche Absicht mit, die Rechte meines Landes zu wahren und diejenigen Deutschlands zu achten. Indem ich Sie bitte, Herr Präsident, den Ausdruck meiner aufrichtigen Wünsche für Ihre Person und für die deutsche Ration zu genehmigen, gestatte ich mir, dem Bertrauen Ausdruck zu geben, bafo Sie vermöge der hohen Autorität, die Ihnen sowohl Ihre persönlichen Eigenschaften als auch das von Ihnen verwaltete hohe Amt verleihen, ebenso wie Ihre Regierung mir Hnterftüfcung angedeihen lassen werden, ohne die meine Bemühungen Gefahr laufen würden, nicht alle ihre Früchte zu tragen.
Der Reichspräsident erwiderte mit folgenden Worten Herr Botschafter! Ich habe die Ehre, aus Ihren Händen das Schreiben entgegenzunehmen, mit dem der Präsident der französischen Republik Sie als auherordentlichen bevollmächtigten Botschafter bei mir beglaubigt. Mit Genugtuung nehme ich die Wünsch: entgegen, die Sie Deutschland und mir ausfprechen. Seien Sie versichert, dah die Reichsregieru:ig alles tun wird, um Ihre hohe Aufaabe zu erleichtern und jene Stabilität der Ber- b ä 11 n i ff e herzuftellen, die Sie mit Recht als das Ziel der Gegenwart bezeichnen. Jener Sinn für Mab und Wahrheit, die Sie erwähnen, wird Dabei entscheidend mitzuwirken haben, und Ihre Worte verbürgen mir, dab Sie aufrichtig bemüht sein werden, an der Beruhigung dec ©elfter mitzuarbeiten, die unseren beiden Ländern so dringend nottut. Indem Sie die Ihnen neuen Ber- hältnisse und die sich schwerer und schwerer gestaltende Gage des deutschen Bolles unmittelbar auf sich wirken lassen werden, werden Sie Gelegenheit finden, mit ihrer reichen diplomatischen Erfahrung dem Frieden zu dienen In der 5Öffnung, dab Ihre Arbeit reiche Früchte tragen wird, heitze ich Sie willkommen.
Hieran schlvh sich eine Unterhaltung, in deren Verlauf der Botschafter dem Reichspräsidenten auch die Mitglieder der Botschaft vorstellte.
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Wenn der französische Botschafter sagt, die Geschichte erwarte „von dieser neuen Zeit, daß [ie noch mehr als ihre Borgänger zum Triumph der Zivilisation und zurHerrschaftdermensch- NchenGerechtigkeit beitrage“ — so muh er sich dabei auch etwas gedacht haben. Sollte er gar die Abtrennung der Rheinlande vom Reiche als „Gerechtigkeit“ deuten wollen? Bei uns Deutschen gibt es über die gegenwärtige französische Gewaltpolitik nicht viel Worte, und der Reichspräsident hat dem- gemäh höflich, kühl, formell und kurz gesprochen . . .
Die Konferenz der deutschen Minister in Berlin.
Berlin, 5. Dez. (Wolfs.) Wie den Blättern von zuständiger Seite mitgeteilt wird, hatte der bayerische Ministerpräsident heute vormittag eine Besprechung mit dem Reichs- kanzler. Um P/s Uhr fand ein Frühstück bei dem Gesandten von Preger statt, an dem auch der Reichskanzler teilnahm. Heute abend findet eine Besprechung des Reichskanzlers mit ben im Laufe des Tages weiter eingetrofjenen Ministerpräsidenten der Länder statt. Gegenstand der Besprechung ist die allgemeine Lage, insbesondere die Ernährungs- und Wirtschaftsfragen.
Berlin, 5. Dez. Heute nachmittag fand beim Reichskanzler eine Besprechung mit den
präsidierenden Mitgliedern ber Begierungen der deutschen Länder statt, an der auch die stimmführenoen Bevollmächtigten der Länder zum Reichsrat teilnahmen. Rach einer Begruhungsansprache des Reichskanzlers erstatteten die zuständigen Ressortminister über die auhenpolitische, innerpolitische, finanzielle, soziale und ernährungswirtschaftliche Lage kurze Berichte, die morgen Gegenstand einer Aussprache fein werden. Im Anschluh an die Besprechung fand ein Empfang statt, zu dem der Reichskanzler und Frau Cuno geladen hatten. Der Reichspräsident, die hier anwesenden Minister des Reichs und ber Länder sowie Mitglieder des Reichstags und des Preuhischen Landtags nahmen daran teiL
Die Konferenz von Lausanne.
Paris, 6 Dez. (WTB.) Der Sonderberichterstatter des „Matin" schreibt über bei Stand der De. Handlungen in der Meerengenfrage: Trotz der Konzessionen ber Alliierten, die nicht unterschätzt werden dürften, würden die Türken wahrscheinlich die Vorkonferenz von London abwarten und bann erst eine Antwort geben, bie von derjenigen der Russen ganz verschieden fein werde. Der Berichterstatter erklärt, er sehe, dah sich in Lausanne bie Empfindung immer mehr entwickele, bah die Londoner Borkonferenz für die allgemeine Politik der Alliierten und für ihr gutes Einvernehmen en scheibend sein werde. Die Türken werden sich vor den Alliierten, wenn sie einig seien, gewisse Machenschaften und gewis e Widerstände versagen, dagegen nicht, wein sie sie für uneinig halten. Es wäre gut, sagt der Berichterstatter, wenn man in Lausanne wühle, bah Frankreich und England, fefbft wenn sie sich über die mitteleuropäische Frage und bie Reparationsfrage nicht verständigten, trotzdem eine all- fettige Politik der Festigkeit zu wayre.i verstehen, und bah Frankreich in feiner Orientpoliti! feine Schwankungen vornehmen dürfe unter dem Borwand, dah es am Rhein feine Sache verspielt habe.
Ein türkisch-englischer Konflikt in Konstantinopel.
London, 6. Dez. (WTB.) Eine Reutermeldung aus Konstantinopel besagt, dah. sich gestern ein ernster Zwis chenfall ereignet hat. Die türkische Polizei wollte bie Einschihung von Griechen und Armeniern verhindern, die Konstantinopel verlassen wolllen. Britische Truppen besetzten darauf das Zoll- a m t und deckten mit Hilfe von Maschinengewehren die Einschiffung. Rachmittags wollte Die türkische Polizei die Ausschiffung von Flüchtlingen aus Samsun verhindern, die sich an Bord eines französischen Dampfers befanden, obwohl ber italienischen Polizei eine entsprechende Erlaubnis erteilt worden war. Der Zwischenfall beschäftigt die alliierten Oberkommissare.
Die Londoner Vorkonferenz.
Paris, 6. Dez. (WTB.) Havas berichtet aus London: Die Besprechungenderalliierten Premierminister werden am Samstag in der Downiag-Street in den Räumen Bonar La Ws abgehalten Im Prinzip solle die Borkvnferenz den Zweck haben, bas Programm der Brüsseler Konferenz aufzustellen, ihren Zeitpunkt tefl<;ulcgcn, sowie über bie Einladungen zu beschließen, die gemacht werden sollen. Richtsdesto- weniger sei es :iach Andeutungen, die gemacht würden, möglich, dah der Rahmen der Besprechungen erweitert werde. P o i n c a r £ werde am Freitag abend in London eintreffen und mit ihm der französisch: Finanzminister sowie die Sady.erftänbigen Pcretti de la Rocca und Tannery. Mussolini werde ebenfalls am Freitag abend erwartet. Die offizielle Rach icht, dah er mit der Eröffnung der Sitzung am 9. Dezember einverstanden fei. soll gestern in London eingetroffen sein. Mussolini tDcrbe in Begleitung des Direktors des Schatzamtes Rossi und des Sad) /eritänbigen Giannini und des italienischen Mitgliedes bei der Repa- rationskrmmission Amegtio kommen. Der belgisch: Ministerpräsident Theünis werde in Begleitung des belgischen Mi.n^ers für auswärtige Angelegenheiten Jasper an den Verhandlungen teilnehmen. Auherdem befv.ibet sich in seiner Begleitung das belgisch: Mitglied in der Reparationskommission Bemelmans.
Eine bcdcntsame amerikanische Warnung.
London. 5. Dez. (WTB.) Der amerikanische Botschafter in London. Harvey, erklärte gestern in einer Rede über bie augenblickliche europäische Lage, die gesamte Well stehe einer groben Gefahr gegenüber. Die Zusammenkunft bq: Premierminister der vier alliierten Mächte Europas Ende dreser Woche sei die bedeutendste Begegnung, bie seit 1918 stattgefunden habe. Der Grund dafür sei einfach. Es gebe anher dem Krieg noch andere Biege, um internationale Katastrophen herbeizuführen. Es gebe solche Dinge wie Aushungern von Rationen durch andere. Bterm das Wirtschaftsprogramm nicht auf der Zusammenkunft der alliierten Premierminister der Lösung einigermaben nähergebracht werde, wisse er nicht, was vor dem Zusammenbruch retten solle. Europa könne nicht noch ein weiteres Hahr unter dieser Drohung weiterleben. Die Leute redeten über die b-evorstehende Wirtschaftskonferenz von Brüssel, als ob sie etwas bedeuten könnte. Wenn die Premierminister der vier großen Rationen Europas diese Fragen nicht regeln könnten, und wenn diese die Gefahr nicht abwenden könnten, welchen Zweck habe es dann, irgendwelche gröberen und besseren Ergebnisse von einer Zusammenku.rft untergeordneter Persönlichkeiten in Brüssel zu I erhoffen? In London müsse innerhalb der aller
nächsten Wochen eine internationale Vereinbarung erzielt werden. So wie bisher könne es auch nicht ein einziges Jahr weiter- ge machtwerbe n. Es müsse eine internationale Regelung ber Wirtschaf:sfragen fiattfinben.
Der Londoner Berichterstatter des ^Manchester Guardian" schreibt, die Rede Harveys sei von ungewöhnlichem Jyteresse. Harvey habe noch erklärt, bür Welt hoffe, dah bie Premierminister Englanbs, Frankreichs. Italiens unb Belgiens bie Lage im Geiste der Duldsamkeit behandeln würden. Amercka werde vielleicht in der Lage sein, die Beschlüsse zu beeinflussen.
Das Ergebnis einer amerikanischen Studienreise.
P a r i S, 5. Dez. (WTB.) Der frühere Staatssekretär der Bereinigten Staaten unter Präsident Wilson, Tumulty, ber soeben von einer langen Studienreise aus Deutschland zurückgekehrt ist, hat einem Berichterstatter des „Intransigeant“ erklärt: D i e L a g e i n D e u t s ch l a n d i st k r i t i s ch. Das Schicksal Deutschlands wird sich in sechs Monaten entscheiden. Wenn die Reparationsfrage nicht rasch eine Lösung von feiten Frankreichs und Englands findet — und Amerika ist bereit, ihnen dabei zu helfen —, so glaube ich, dah eine Katastrophe von unberechenbaren wirtschaftlichen Folgen das Ergebnis sein wird. Tumulty erklärte dem Berichterstatter, er werde in Amerika seinen ganzen Ginfluh aufbieten, um die in Deutschland gewonnenen Eindrücke zur Geltung zu bringen.
Aus dem englischen Unterhaus.
London, 5. Dez. (Wolff.) Auf bie Anfrage eines Mitgliedes der Arbeiterpartei, ob der Premierminister bei den Reparationsverhand- lungen die Bedingung erfüllen könne, dah bie alliierten Truppen wenigstens vom rechten Rheinufer, das in vollkommenem Widerspruch zu dem Versailler Vertrag besetzt wurde, zurückgezogen werben, erklärte B d - n a r Law. es sei unmöglich, über die Erörterungen dieser Art eine Erklärung absugeben.
Das Unterhaus hat gestern den Antrag ber Liberalen auf Aufhebung der Industrie- schuhakte mit 269 gegen 207 Stimmen ber Arbeiterpartei abgelehnt. Ungefähr 20 Ratro- nallibetale haben den Antrag ber Asquithlibe- ralen unterstützt, während die übrigen Rational- liberalen sich ber Abstimmung enthielten. _
In ber Dorangegangenen Debatte erklärte Sir Hohn Simons, der den Antrag eingebracht hat, das Gesetz führe ebenso wie die anderen Schutz- mahnahmen zu Preissteigerungen, es behindere den Handel unb beschränke den Erwerb. Der Präsident des Handelsamtes Lloyd G r e a m e erklärte, wenn es wahr sei, dah bie Inbustrie des Friedens künftig in grohem Mähe von der chemischen Wissenschaft abhänge, sei es von größter Wichtigkeit, die chemische Industrie in England zu entwickeln. Die in Frage kommenden Gesetze hätten zweifellos diese Industrie in überraschendem Mähe gefördert. Heute verfertigten die britischen Fabrikanten ausge^ichnete Magnete in jeder gewünschten Menge. Die Fabriken der optischen Glasindustrie wüchsen allmählich empor, unb viele neue chemische Fabriken seien entftanben. Der Fortschritt in der Verfertigung wissenschaftlicher Instrumente sei so gut, dah die wissenschaftlichen Institute Frankreichs, Belgiens unb Italiens jetzt lieber nach England kämen, um wissenschaftliche Instrumente zu kaufen, als sie auf billigeren Märkten anderswo im Auslände zu et- toerben. Die Untersuchung photographischer Linsen auf der Station der Luftstreitkräfte in Farnborough habe ergeben, bah bie von einer englischen Firma gelieferten Linsen den besten Zeihlinsen überlegen seien. Deutschlanb habe ein großes chemisches Forschungsinstitut errichtet unb jede deutsche Industrie habe eine Forschungsschule. Wenn England nicht die chemische und die Farb- stosfindustrie fördere, werde es nicht bie Gelegenheit haben, geübte britische Chemiker anzustellen. Das Parlamentsmitglied Webgwood Benn erklärte, die beutsche chemische Industrie sei nicht durch Schuf mahnahmen aufgebaut worden, sondern durch Erziehung. Das sei die beste Art des Schutzes. Das beste Hellmittel für bie augenblickliche Lage würde 'die Riederreihung aller Zollschranken fein, ferner die Befreiung der Industrie upb die Schaffung des freien Handels zwischen den Rationen der Welt. Asquith nannte das Industrieschutzgesetz eine vollkommene Rarrhsit, die das Geschäftsleben behindere. Das Gesetz werde von der gesamten Bank- und Handelswelt verurteilt.
Die Unterhausmitglieder Leach unb M o- r e l richteten im Parlament an bie Regierung bie Anfrage, ob das Kabinett irgendeine Politik erwogen habe, die es auf der Zusammenkunft der alliierten Premierminister in London Der treten könne, ob der Premierminister eine Gelegenheit ergreifen werde, um das Unterhaus, bevor die Konferenz stattfindet, über die Politik zu unterrichten. die er im Interesse des Landes betreiben wolle, ob ferner Bonar Law bei den Beratungen mit den Premierministern Frankreichs und Italiens erklären werde, dah jede Streichung der Schulden abhängig sein müsse von ber Festsetzung der Reparationen auf einer ermäßigten endgültigen Summe, der Räumung der Rheinlande und der Beschränkung <3ler Rüstungen durch einen ratifizierten Pakt, um aut diese Weise einen bauernden Frieden sicherzustellen und die europäische Zivilisation in den Stand zu setzen, sich zu erholen. Bonar Law erwiderte, es sei flar, dah er, ba
er mit den Premierministern zusammenkommen werde ohne Vorschläge, die gemacht werden sollen, vor ber Konferenz keinerlei Erklärung abgeben könne. Morel kündigte an, dah er die Frage wieder vorbringen werde.
Deutscher Reichstag.
276. Sitzung, nachmittag Z 2 Uhr.
Berlin, 5. Dez. 1922.
Auf ber Tagesorbnung stehen zunächst Anfragen.
Auf eine Anfrage ber Deutschnationalen wird erwidert, dah bei den deutsch-polnischen Währungsverhandlungen die Interessen ber bcu schen Ansiedler in ben an Polen abgetretenen Gebieten geschützt werden sollen.
Abg. S ch u 1 tz - Vrom- erg (D at..) fragt, welchen Auzgang die Verhandlungen genommen hätten, zur Aufdeckung der Verschwörung, bie nach der Mitteilung des früheren Reichs- kanzlers gegen ihn angezettelt gewesen seien.
Ein Regierungsvertreter erwidert, am 16. Oktober sei der Kaufmann Wllli Schulze aus Dresden auf der Bahnhofswachr In Hagen in Westfalen erschienen und habe erflart, dah er auf der Reise nach Essen sei, um im Auftrage von Offizieren 2 Revolver abzuholen, die zu einem Mordanschlag gegen Dr. Wirth verwendet werden sollen. Auher ihm sei ein Major, ein Rittmeister und ein Stubent an der Sache beteiligt. Die Tat solle am 22. Oktober ausgeführt werden. Schulze habe seine Aussagen auch bei späteren Vernehmungen aufrechterhalten, schiiehlich aber habe er alles widerrufen und als frei erfunden erklärt. Da auher der Selbstbeschuldigung nichts Belastendes gegen Schulze vorlag, was eine gesetzliche Handhabe, gegen ihn eine öffentliche Anklage zu erheben, gerechtfertigt hätte, sei er wieder entlassen worden.
Als 2lbg. SHultz- Bromberg qs für ri<ch> tiger bezeichnet, oah ber Reichstag angesichts ber groben Erregung, welche damals der Vorgang hervorgerufen hatte sofort von ber Aufklärung benachrichtigt worden wäre, wird regle« rungsseitig erwidert, dah die Aufklärung erst in den allerletzten Tagen erfolgt sei.
ALg. Schiffer (Dem.) weist in ebner Anfrage daraus hin. dah bie polnische Regierung durch die Unterlaffung ber Errichtung von M in- derheitsschulen im abgetretenen Obersch lesnen daL Genfer Abkommen verletzt habe. Regierungsseitig wird erwidert, dah die deutsche Regierung die Angelegenheit aufmerksam verfolge und daraus bedacht fern werde, die Rechte der deutschen Minderheiten zu schützen.
Abg. Wulle (Deutschvölk.) beschwert sich in einer Anfrage darüber, dah der preuhische Innenminister die national-sozialistische deutsche Arbeiterpartei verboten habe. Regierungsseitig wird daraus evtoibert, eine Prüfung des Verbotes fei nur auf dem Wege der ordentlichen Beschwerde möglich, eine solche Beschwerde sei aber noch nicht ergangen.
Alsdann kommt der Haushalt deS Reichspräsidenten zusammen mit dem Gesetzentwurf über den Rachiragsetat des Reichspräsidenten zur Beratung. .
Der Gesetzentwurf geht dem Haushaltsausschuh zu. Der Rachtragsetat des Reichspräsidenten. öe£ Reichskanzlers, des Reichswirtschafts Ministers und des Reichswehrministers wirh, angenommen.
Bei dem Rachtragsetat deS ReichSiustizmini« sters fordert Abg. Rosenfeld (S.) den neuen Reichsjustizminister auf, eine programmatische Erklärung ab-.ugeben, und stellt konkrete Fragen wegen der Strafrechtsreform, der Erleichterung des Ehescheidungsverfahrens, wegen ferner Stellung zu den Bestrebungen in Bayern, die Iustizhoheit des Reiches nicht anzuerkennen und wegen seiner Stellung zur Klassenjustiz.
Abg. Dr. Betl (Z.) wendet sich gegen jede weitere Erleichterung der Ehescheidung und bittet der Rotlage des deutschen Anwaltsstandes abzu- helsen.
Reichsjustizminister Dr. Heinze dankt seinem Amtsvorgänger für die ernste Mühewaltung unb die Gewissenhaftigkeit, mit der er fein Amt verwaltet habe, und erklärt, dah bei der Iuftizresorm, wie bei allen anderen Reformen, wirtschaftliche Gesichtspunkte und finanzielle Leistungsfähigkeit berücksich'-igt werden müsse. Der Rot der Rechtsanwälte werde er seine besondere Aufmerksamkeit zutoenben. In der Frage der Ehescheidungsreform seien aber gewisse Bebenfen großer Volkskreise zu berücksichtigen, denen man nicht vor den Kops Hoben könne, lieber den Pro^h Zechenbach werde er im Ausschuh Auskunft geben. Was seine Stellung zur Klassenjustiz anbelange, so werde es fein Bestreben sein, die Iuistz aus dem Kampfe der Parteien herauszuheben. Er bitte alle Parteien, ihn bei der Erreichung dieses Zieles unterstützen zu wollen.
Der Rachtragsetat zum Zuftizhaushalt unb zum allgemeinen PensionsondS wird darauf angenommen.
Morgen nachmittag 3 Uhr sozialdemokratische Teuerungsinterpellativn, weitere Rachtragsetats und Reichswahlgesetz.
Schluh 4V.llhr.
Aus dem Reiche.
Ems foziolbemokratifHe Anfrage über bie Prelssteigerung-rn.
Dem „Vorwärts“ zufolge hat die sozialdemokratische R e i ch s t a g s f r a k t i o n eine Interpellation eingebracht, worin unter Hinweis auf die fortgesetzte Steigerung ber Preise aller Lebensmittel und die dadurch her-


