Nr. 82 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Donnerstag, 0. April 1922
Deutscher Reichstag.
2C3. Sitzung, nachmittags 2 Uhr.
Berlin. 5. April.
Fortsetzung der zweiten Lesung deS Ministeriums des Innern, verbunden mit der Interpellation Mumm (S.-Ql. i über die Bekämpfung der Schmu h- und Schundliteratur.
Abg. v. Kardorff (S. Bp) erkennt in der ersten Bede des Ministers eine gewisse Groß- zügigk"it an, tri aber mit dem 3?ntrum5refri" der Ansicht, daß sich der Minister in manche Be-.rehung etwas mehr Reserve auserlegen sollte. Was namentlich die Symbole der Republik arv belangt, so werden dem neuen Staat durch diese Rede feine neuen Freunde gewonnen worben sein. Soll man etwa mehr Achtung vor Lener haben, die an ihren alten Idealen festhalten, oder vor denen, die plötzlich am 9. Rovember ihr sozialistisches Herz entdeckten. Den Schutt der Jugend vor Schmutz und Schund wollen auch wir. G-. bedarf dazu aber keiner neuen ©traf» e gelehe, denn Strafprozesse werden nur zu Stan- 1 Lalpro'essen, die eine Reklame bedeuten sür das, war wir verhindern wollen. Wir sieben augenblicklich in eine- ‘.Imformunq der Gesellschaft. Das merfen wir selbst im Reichstag, wo früher unzweifelhaft auch andere Männer waren. Wir brauchen in unserem politischen Leben Männer des praktischen Lebens. Aber eine kleine Min- farbeit darf es md)t fertigbrinqen. die Arbeit des Hanfes zu sabotieren. Ein Abbild derReichs- lagsverhcrndlungen stellen die Presseberichte dar, die, abgesehen von ein paar großen Tagen, zu- sammeneestrichen werden bis auf ein QIHnimum, nicht wegen Platzmangels, sondern, wie mir versichert wurde, weil man den Lesern nicht zu- mx'.ten könne, daS Zeug zu lesen. Will man nicht letzten Endes die Einheit des Reiches gefährden, muß das Verhältnis zwischen Reichstag und Reichsrat geklärt werden. Wir bedauern, daß der Minister sich so überraschend schnell von einem ausgezeichneten Staatssekretär getrennt fall. Das alte System der Posadowsky und Delbrück konnte sich sehen ktffcn. Der Redner spricht sich alsdann gegen das Strcikrecht der Beamten qus, verlang! aber auch von den Beamten. die im Dienste der Republik stehen, mehr Taktgefühl und spricht sich gegen die ©efinnungd- schnüffelet aus. Der Redner zieht alsdann einen Vergleich zwischen der taktvollen Art der deutschen Okkupation in Frankreich 1871 und den Leiden, welche die besetzten Gebiete heute zu erdulden haben. Damals wurde die Bevölkerung nicht drangsaliert und die Einwohner aus ihren Wohnungen vertrieben. Der Redner schließt mit dem Hinweis, daß in Deutschland nicht eine Klasse auf Kosten der anderen gerettet werden könne. Wir würden entweder gemeinsam gerettet oder gemeinsam untergehen. (Lebhafter Beifall.)
Reichsminister Dr. Köster widerspricht der Behauptung des Abg. v. Kardorff, daß in der Rotstandsallion für Öberschlesien noch kein Pfennig ausbezahlt worden sei. Ein Entschädigungs- geseh war noch nicht möglich, weil wir der Ansicht sind, daß die 2strfruhrschäden von der Entente zu tragen sind. Von den für die Rotstandsaktion von der Regierung zur Verfügung gestellten 100 Millionen sind bereits 70 Millionen aus- bezahlt worden. Weitere fünf Millionen sind in der Auszahlung begriffen. Ist dem Abg. Kardorff nicht bekannt, daß eine Kreditaktion für die Kleingewerbetreibenden und die Landwirtschaft im Gange ist? Wußte er es, dann kann ich seine Rede nur als beklagenswert bezeichnen.
Abg. Pachnicke (Dem.) billigt die Richtlinien, welche der Minister Köster aufgestellt hat, durchaus und meint, daß, wenn seine Partei in der Flaggenfrage auch in einem anderen Lager gewesen sei, wir uns heute doch damit abfinden müßten. Der Redner tritt sodann für Zusammenlegung von Ministerien ein, nicht etwa für Reu- grünbungen. Gesinnungsschnüffelei dürfe nicht plahgreifen. Es geht aber zu weit, wenn der Abg. Mumm verlangt, daß auch Freiheit für die monarchistische Gesinnung gewährt werden muß. Früher durften sich die Lehrer auch nicht zur Sozialdemokratie bekennen. -Untere Geschäftsordnung muh geändert werden, damit nicht unsere Arbeit durch die Brutalität einer kleinen Minderheit lahmgelegt werden kann. Bei der Reu- ordnung des 'Wahlgesetzes müssen die Wahlkreise verkleinert werden, und die persönliche Wahl muh wieder Platz greifen, damit der einzelnen Persönlichkeit wieder Geltung verschafft wird. Der Redner tritt für die technische Rothilfe ein und verteidigt die Rvtwendigkeit. gegen die Welle von Schmutz und Schund anzukämpfen.
Abg. Frau Pf ülf (Soz.): Bei der Bekämpfung von Ähund und Schmutz muh man Las liebel
an der Wurzel fassen. Gesetzgeberische Maßnahmen führen allein nicht zum Ziel. Anderersei'.s muh aber auch die Kunst vor gewißen Syu-ern der Moral g schützt we d.n. Wir sind dem . eich-ku st wart banfbar für die mancherlei Anregungen, die er für die Kunst gegeben hat. Den Abg. Schreiber, der die Beamtenpolitik des Ministers bekämpft hat, frage ich. wo eine genü.ende Be- rücks.chtigung der Sozial, enofratie verbanden ist, uxldx der Stärke dieser größten bcuihVrn Partei entspricht. Die Autorität m der Schule must unter alten Umständen gewahrt werden. Wem L. D die Lichterselder Anstalt nicht fxtht, de. tonnte ja seine Söhne sortnehmen. In den Lese lüchcm steht kein Wort über die Republik, wohl aber eine Königsgeschichte nach der anderen.
Abg. Dr. Moses (A1SP): Die in die Mil- liarden gehenden Ausgaben für die Schutzpolizei sind zweifcllos verausgabt worden. Ruhe und Crbnung im Innern lassen aber zu wünschen übrig. Für Kultuszwecke sind ferne Mittel vor- banden. Dabn nimmt die Sport e e^ei g rcOezu überhand Mitlionen werden in Selt und Schient mersesten vergeudet und das Volk, das kein Hemd aut dein Leibe hat, muß hungern. Hier sollte die Vol zel cirrgreifen, wenn sie eine Eisten,berechn lipuna haben will. Der Redner polemisiert zum Schluß gegen das Bestreben, eine Aenderung der Geschäftsordnung herbeizusühren.
Abg. Leicht (Bahr. Vpt.) spricht sich sür die körperliche Ertüchtigung unserer Jugend aus. verurteilt aber mit dem Vorredner die Sport- sexerei. die in Bayern zum größten Teile die Abneigung gegen Berlin verursacht habe. Wir müssen los von rein materie'len Gesichtspunkten Tub.riu oscbrkä.np ung und sonstige Geßl.'.dhrits- Maßnahmen müssen gepflegt werden. Besonders aber muß das Pslichtbewußtseln geftärti werden Von allen Seiten muh am Wiederaufbau des Vaterlandes mitgetoirft werden, soll nicht letzten Endes, wie in Rußland, nur ein Trümmerhaufen übrig bleiben. Deshalb lehnen wir den Klassenkampf ab, der uns den Wiederaufbau nicht bringen kann. Rur eine große dauernde Koalition, die eine Zusammenfassung der weitesten Kreise der Bevölkerung in sich schließt, kann uns retten. Wer diese Zusammenfassung stören will, ist kein Deutscher. (Beifall.)
Minister Dr. Köster: Die Lockerung der Sitten ist eine Folge des Krieges. England und Amerika zeigen die gleichen Entartungen. Auch in Schweden, dem Lande, wo der Verkehr von Mann und Frau von jeher unbefangen gewesen ist, haben sich diese schlimmen Folgen mitgezeigt. Das sollte zu denken geben. Die Kunst ist ein lebensnotwendiger Faktor. Unsere Kunst steht und fällt mit dem Begriffe der Freiheit, wenn die Strafgesetze richtig angewandt und die Behörden wieder richtig funktionieren. Wir haben aber nicht nur genug, sondern vielleicht schon zuviel Gesetze Roch nie war die Einfuhr von unsittlicher Literatur und gemeinen Films so grvh. als in der Zeit der strengsten Verbote während des Krieges. Mit neuen Gesetzen gegen die Schundliteratur werden wir nichts erreichen. Die Hauptsache ist. dah das Publikum stark in der Ablehnung solcher Produkte ist. Die Atl'tfaslUng des Herrn von Kardorff, Lah der Beamte auch in der Republik 'S: en er der Allgemeinheit und nicht einer Partei sein soll, soll gesetzlich erfaßt werden. Der Beamte hat die Republik zu schützen. Die Gefahren der Einwanderung aus dem Osten sind uns bekannt.'Durch die Crpedllion des Roten Kreuts zu ben Wolgadeutschen wurde unter diesen Deutschen erst wieder die Rückwände ungslust c w.ckt. D e Schaffung eines Gesundh. .ieministeriums erscheint auch mir unter den obwal. enden Umständen unmöglich. Ebensowenig Welten wir eine große Reichsschulverwaltung errichten. Ich bin der letzte, der in die Hoheit der Länder eingreift. Aber als Thüringen feine Feiertage neu regelte, wurde sofort an die Reichsgesetzgebung appelliert. Das Versprechen des Reichstags, Autonomie für Ober» schlecken zu gewähren, wird die Reichsrealerung einlösen. Der Red- e- protestiert zum Schluß < e en den Vorwurf des Abg. von Karoorff, als habe er Parteipolitik getrieben. Dabei habe er lediglich die Versaß ung geschützt, wozu er von Amts wegen verpflichtet sei. (Beifall.)
Abg. Ko en en (Komm): Ausnahmegesetze für eine Aende ung der Geschäftsordnung werden uns in unserer Opposition nicht stören. Dr. Köster ist auch schließlich Rutznießer der Revolution. Er arbeitet mit seiner Sipo nicht für, sondern gegen das Proletariat.
Nach weiterer 'Debatte wird die Weiterberatung gegen 9 Uhr aus Donnerstag mittag 1 Uhr vertagt.
Hessischer Landtag.
12. Sitzung.
St. Dar m st a d t. 5. April.
Am Re icru rg.-t sch ?aa Prä ide t Ulrich und ti? Mi list r v re tm un '2va ib.
Pläs^ e t Adelung erö,r.e -ie Sihu g um 91 Uhr Das Haus tr t: alsbald in i ie Tagesordru tg ci i und ,e,t die De ptech. nz der
Getreide Umlage fort. Laudwirtfcha lsmi iste R cva b Es kann nie nicht zu ymiutet werden, bic|e Fraze vom ein- s it gen S.anbpu ll i'vr Landw, t- vde t er T c - . räucher zu fafca lieLi Die er ä ar. ngsn.in st r aller Länder uxirea in Ter.in einsti < mtg d.r Ale r cu-jurg daj ?i' Z-ra gsvtrtsch. s rach b ib h lt:, w r.en müsse. We u m n l e au'pb t. : a ich Cejmr ter warnte rtsch-s. s i ill iaS r.lcht richtig Woül ale- Li i ich C eq e te P ltk dsB ur b indes w i i fe i ich -mme im 3nkr s e der xa w rl cha t l egt. ^ch fra e s.nt denn i ■ S an mir I / af w r li o unt • de L st e K.t . s irt d>a t u l w n gehabt Gwh fic bat iQfw.r c aru i et. Leo de s ie B ucr r ue i. Das h ben a e andere F au en auch t n müssen. Rur mit de n Anter chie e, da r c e Bauers' auen und Kinde gcs n) un) L.äriig dabei LLelei und sich t nt ch lei un ein 33. r- mo e; irr rben tonnt.n vähr n) and.re K.iegs- tc l Hiner bei h.e - He.m eh ih e F au n u d Ämter abi z h i un) ble'd)füf. ii wie e a dn und ihre Lchul.^i s.n durch d e Ja re au r.e au e i
, waten. Zu den 3/4 Millio..en Leu scher Bolt.g nos- fen, die verhungert sind, hat die Landwirtschaft lein Konri gent gestellt. (Zu.uf rech s: Das ift jlgitaionl Munster Raab: Das ist die Antwort <ws ihre Agitation. Gro e Unruhe.) Der Redner schl.e i, daß die Re'icru g trott aller D ohutcen tu i w rd, was sie ü ch ij hält im 2111g.mein« intercfie. (Travo linkS)
Abg. Blank (B^d.): Wenn der Herr Minister Raab glaubt, die Landwirtschaft an ihre Pflicht zu erinnern, so muh ich doch sagen, daß die Landwirtschaft schon lange vor dem Kriege ihre Pflicht gekannt hat und immer bestrebt war, das deutsche Volk aus der eigenen Scholle zu ernähren. Mit der Zunahme der Bevölkerung ist die Produktion enorm gestiegen und trotz des Mangels an Arbeitskräften und trotzdem keine Regierung unser Bestreben unterstützte. Wir werden heute genau fo falsch und mangelhaft regiert wie vor dem Almsturz. Ans kann nur helfen eine größtmögliche Vermehrung der Produk.lon. Ich kann die Stellungnahme des Herrn Ministers Raab unt so tee riger verstehen, als die sämtlichen Kominunalverbände, die doch in engster Fühlung mit den Bauern stehen, sich dagegen ausgesprochen haben. Eine Zwangswirtschaft kann die Lebensmittelpreissteigerung niemals aufhalten.
Abg. Kindt (D.°Rcll.) stellt mit Genugtuung fest, daß auch die Regierung sür die Hebung der Produktion ist. Sie müsse aber auch die richtigen und geeigneten Mittel dafür ins Auge fassen. Die Preissteigerung kann unmöglich mit so kleinlichen Mitteln wie die Umlage außgehalten werden. Wir sind durchaus dafür zu haben, dah gegen Schieber und Wucherer mit Todesstrafe vorgegangen wird. (Zurufe links: Die ostelbischen fünfer!) Richt die ostelbischen Junker, aber die Leute, wie der 2tbg. Bentiner, der wegen Schiebung sechs Monate erhalten hat. Der größte Schieber ist die Regierung. (Anhaltende Zwischen- und Gegenrufe, größte Unruhe, Glocke des Präsidenten. Präsident Adelung ersucht wiederholt, sich zu mäßigen und die Zwischenrufe zu unterlassen.) Ich stelle fest, daß die Regierung Unmengen von Kartoffeln ins Ausland verschoben hat, um sich Devisen für ihre Erfüllungspolitik xu verschaffen. (Erneute Zwischenrufe.) Die Rot des Volkes kann nicht mit kleinen Mitteln bekämpft werden. (Beifall rechts.)
Präsident Adelung teilt mit, daß noch 12 Redner gemeldet sind.
Rach der Pause stellt zunächst Abg. Dr. Werner (Dnatl.) eine kleine Anfrage wegen der Deschleun gunq der Gehaltsnachzahlungen an Lehrer uite., auf die Direktor Urstadt erwidert, daß die Regierung alles tut, um die Angelegenheit zu beschleunigen.
Die Aussprache über die Getreideumlage wird fortgesetzt.
Abg. Reumann (Soz.): Das Volk braucht Brot und Arbeit, um toieber hochzukommen. Dazu bedarf es harmonischen Zusammenarbeitens. Das hat auch der 2lög. Schott zum Ausdruck gebracht. Wir sind uns also darüber einig. Meine Freunde sind aber der Ueberzeugung, daß es, um jedem Arbeiter fein Brot zu sichern, noch notwendig ist, einen Teil der Droterzeugung für ihn durch Gesetzmahnahmen zu sichern. Ich rufe den Landwirten zu, denken Sie nicht nur an sich und ihren Stand. Denken sie an das ganze Voll. Cs wird wenige geben, die für Brot 50 Mark und mehr zahlen können. Gewiß, viele
Arbeiter werden entsprechende Löhne erzwingen tonnen, also denken sie an alle anderen, die das nicht können, an die Sozial- und Kleinrentner, deren Interessen sie von der Rechten doch gerade vertreten wollen. Dann wird die 3:atif!Ü zeigen, wie Hungertyphus und Selbstmordzablen in die Höhe schnellen. Wir werden geschlossen gegen die sämtlichen Anträge stimmen. (-öriwo links.)
Abg. Rink (K. P. D.) polemisiert zunächst gegen die Rechte und lührt dann eine Reihe von Zahlen und fachmännischen Urteilen an, nach denen es sehr leicht möglich sein lamx, die Produktion von Getreide und Kartoffeln ganz erheblich zu steigern.
2Ibg. Schau b (USP.) spricht sich ebenfalls gegen dte Anträge aus.
2Ibg. Dr. Schlinger (Dbd.) hält die von den Herren Raab und Reumann angeführten: Zahlen nicht für stichhaltig. Es ist nicht gesagt worden, daß z. B. die Kohlen um das Hundertfache gestiegen sind. Es ist Unsinn, hier immer gegen die Großagrarier zu wettern, denn solche wird man in Hessen vergeblich suhen. (Zwischenrufe. Der Präsident ersucht wiederholt, diese zu unterlassen.) Die Regierung fordert von uns die Schaffung billiger Lebensmittel, sie zeigt uns aber keinen Weg, wie wir sie beschaffen können. Ein Weg wäre die Verbilligung der Düngemittel (Als die Zwischenrufe sich dauernd wiederholen und der Redner sehr erregt darauf antwortet, ersucht Vi.zepräfident S o h e r r, den Herrn Kollegen Dehlinger ntcht zu reizen Große Heiterkeit, die sich verst irkt, als am Schlüsse seiner Rede die Linke Bravo ruft und Abg. Dehlinger das mit dem Ausruf: „3d dees e wlldi G'sellschaftl' quittiert.)
S i n neuer Antrag.
Al g Obenauer (Dem) begründet in längeren Ausführungen seine Stell'inanahme genen die Zwanasbewirtschaftung und schlägt schließlich einen Kompromißantrag vor. der vom Zentrum und den Demokraten eingebracht ist und die Regierung davor bewahren soll, sich auf eine bestimmte Stellung festzulegen. Der Redner er- klärt u. a., die Politik des Reichslandbundes, der offen zum Streik auffordert, mache er nicht mit, weil das die Staatsautorität untergräbt. Der neue Antrag, der die drei gestern mitgeteilten Anträge ersehen soll, lautet:
„Der Hessische Landtag lehnt für das Ernte- fahr 1922/23 die Zwangswirtschaft auf Getreide in jeder Form ab und ersucht die Regierung, diesen Standpunkt der Reichsregierung und dem Reichsrat zur Kenntnis zu bringen, sowie bei der Reichsregierung dahin vorstellig zu werden, daß sie umgehend 'mit den landwirtschaftlichen Organisationen In Beratung darüber eintritt. In welcher Weise die Sicherstellung des Brotgetreides erreicht werden kann und welche Maßnahmen zur Versorgung der minderbemittelten Bevölkerung getroffen werden können."
Es wird sodann ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen. Rachdem noch der 2Ibg Hahn (D. Vp.) gesprochen, wird die Beschlußfähigkeit des Hauses bezweifelt, und vom 2lbg Kaul (Soz.) beantragt, die Weiterbe- spr^Hung zu vertagen.
Rächste Sitzung Donnerstag, 9 Uhr. Der Präsident erklärt, daß, wer von den 11 Rednern nicht pünktlich da ift, von der Liste gestrichen wird. — Schluß l1/* älhr.
Jur gegenwärtigen Geschäftslage.
In dem Bericht der Handelskammer Gießen über das Wirtschaftsjahr 1921 finden sich folgende Angaben:
Die gegenwärtige Geschäftslage in der Z i • garrenfabrifation ist die trostloseste, die die Industrie feit vielen Jahrzehnten erlebt hat. Allerdings steht der Rohstofcheschaffung feit Auf- Hebung der Zwangswirtschaft im Tabakgewerbc nichts mehr im Wege, aber der schlechte Valutastand der deutschen Mark — Tabak ist nur nach holländischer oder entsprechend umgerechneter Mariwährung zu kaufen — verbunden mit einem ungeheueren Zoll (2700 Mk. inkl. Goldaufschlag anstatt 130 Mk. der Doppelzentner im Frieden) und mit Löhnen, die heute mehr als den 20fachcn Friedensbetrag ausmachen, ferner die enormen Preise für Kohlen, Licht, Fracht und alle fw* ffigen Altenfilien haben die Preise des Fabrikats derartig in die Höhe geschraubt, daß der Absatz zur Zeit fast völlig stockt. Die Mehrzahl der Fabritbetriebe arbeitet deshalb nur noch mit verkürzter Arbeitszeit und eine Aussicht auf Besserung erscheint heute ausgeschlossen, zumal auch der Export, der infolge des niedrigen Markkurses größere Dimensionen anzurrehmen schien, durch Gegcnmaßregeln der betreffenden Länder (Erhöhung des Einfuhrzolles) und durch Abgaben,
Die Pforte der Paradieses.
Roman von Ingeborg Bollquartz. 23cred)tigte lleberfebung aus d m Tänischcn.
28. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
„Das Toilettenetui von Tante Rora hast du mir auch geschenkt," fuhr Orla fort und f achte dabei immer weiter. „Mit was, zum He.rker, bist du denn jetzt gekommen, Mädchen, ich will es wissen. 'Deine silberne Haarbürste hast du mir auch gegeben, obgleich ich dir gesagt habe, es sei Alm sinn, einem Menschen, der in ein Land reift, das voll mit Silber und Gold uiti> Diamanten ist, Silbersachen zu schenken. Alnd auch den elfenbeinernen S.iefeUnöpser von Ba e Malwine hast la mir aufgedrängt, obgleich du teei.it, baß ich kein einziges Paar Knopf stiefel besitze. Ra, hier ist es — ober Ellen, deine goldene Alhr mit Kette, die dir Tante Ellinor zur Konfirmation geschenkt hat!"
Orla stand auf und blieb ganz verdutzt mit der Alhr in der Hand stehen. Seine großen hellblauen Augen blhitten vor Rührung, and es zuckte sonderbar um seinen gutmütigen, Willensschwächen Mund.
„Du liebe Güte, Junge, Iq‘- mir doch die Freude!" bat Ellen. „Du mußt sie nehmen, hörst du! Du kannst gar nicht wissen, ob du sie nicht einmal brauchst. Du könntest doch einmal brüten in dem fremden Lattd in Verlegenheit kommen, und bann hast du niemand, den du um Hilfe bitten kannst."
„Hör mich an, Ellen," sagte Orla und legte seiner Schwester die Kette um Len Hals; dabei drückte er einen Augenblick feine Wange zärtlich
an die ihre. „Das will ich nicht haben. Die andern Sachen will ich meir.e.wegen behalten. Aber du kannst mir glauben —" er muß.e sich auf die Lippen beißen, damit sie nicht hören sollte, wie gerührt er war — „diese Alhr und Kelle vergesse ich dir in meinem Leben nicht."
„Ach daß du sie auch nicht nehmen willst, du dummer Junge!" schluchzte Ellen hinter ihrem Taschentuch.
„Hör auf zu weinen, Ellen," sagte Orla und bemühte sich die au,-gea>ühlten Da-chen in feinem Koffer wieder zu ordnen. „Denk lieber d.-ran, wie großartig das wird, wenn ich erst einmal drüben mein eigenes Gut habe."
„Alnd ist es wirklich wahr. Orla, daß du mich hinüberkommen lassen willst, sobald du erst etwas Eiger^es hast?" fragte Ellen eifrig.
„Ja, das habe ich dir doch versprochen."
„Sieh mir in die Augen, Orla.“
.Jawohl." sagte Orla und drehte sich zu der Schwester und mit einem Paar Socken in jeder Hand.
„Auch wenn es dir einfallen sollte, dich zu verheiraten?"
„Alnfrrm!“ brummte Orla und stopfte die Socken in den Koffer. „Was werde ich denn ans
Heiraten denken!“
Das hast du doch schon oft getan, Orla, und es ist kaum vierzehn Tage «her, daß du keinen Ausgang machen konntest, ohne durch eine gewisse Straße zu gehen."
3a — vor vierzehn Tagen!" wiederholle Orla" und nickte bestätigend. „Aber jetzt habe ich ganz andre Dinge im Kopf."
„Ich glaube, du bist ein bißchen treulos,"
meinte Ellen und schaute ihren Bruder bekümmert an.
„Rein, las bin ich nicht," versicherte Orla. „Aber man kann doch nicht in alle Ewigkeit fort- fahren, an ein fremdes Menschenkind zu denken, das man niemals mehr sieht."
' „Das verstehe ich nicht," sagte Ellen mißbilligend.
„Olein,“ gab Orla zu, intern er.sich auf feinen Koffer setzte, um den Inhalt zusammenzudrücken, und de. in ab schloß. „Ader es ist auch ein großer Alnle.schied Milchen den Gefühlen eines Ma>.mes und denen einer Frau."
„Das sage ich ja," ereiferte sich Ellen. „Die Frau ist treu, und der Mann ist untrer.“
„Was ist das für ein Alnfinn!“ lachte Orla. „Ist man iar-im untreu, daß man nicht ana if- hvrlich an einen ganz fremden Menschen denkt! Gegen euch und alle die Menschen, die ich wirklich lernte könnte ich niemals treulos sein, wie Lu sagst, 'aber ich denke doch auch nicht immer unt cteig an euch alle. Olein, feit ich das Tele- c.cmm von Kay erhalten falbe, daß er mich er- teerte. Lenke ich an nichts andres mehr, als hinüberzukommen und was Rech.es zu werten wie er.“ _ _
„CEJie lange dauert es wohl, st>is>du dort dem eigener He r wirst?"
„$G5 läßt sich unmög'ich im voraus tagen!“ rief "Orla. „Das kann bald fein, und das kann auch etwas länger dauern."
„Du siehst ober doch ein, Orla, für die, die zu Hause sitzen und warten müssen, ist es am schlimmsten.
„Ratürlich," nickte Orla. „Aber du brauchst nicht nur stillzufitzen und za warten: da maßt
auch irgend etwas arbeiten. Weißt du was, wenn tu dein Examen ge.nacht hast, fuchst du dir eine Stelle als Lehrerin ober fo etwas auf Lern Lande, damit dir später einmal die Verhältnisse auf einem Gut nicht völlig fremd sind."
„Da hast tu recht!" rief Ellen lebhaft. „Das ist ein vorzüglicher (betonte. „Alnd aus dem Lande hat man so herrliche Gelegenheit, Briefe zu schrei- ben und ein Tagebuch zu führen, and dann tarnt man auch, wie tu richtig sagst, sehr viel lernen von lern Betrieb."
„Alnd wenn du mir fleißig schreibst, bann wirst tu sehen, wie rasch die Zeit vergeht.“
„Es ist hübsch von dir, deine Dchteester ,o nett zu trösten," tagte Frau Borris, die Jbyi mit Orlas Handtasche, die sie gepackt halle, eingetreten wrr. „Aber toenn wir einander auch fleißig schreiben, wie du gesagt hast, so werden wir Loch unfein Orla mit der guten Laune and den vielen Plänen sehr vermissen."
„Was soll ich sagen," murmelte Orla mit gerührter Stimme, während er die Handtasche untersuchte. „Ach, Mutter, wie gut hast da eingepackt — es fehlt nicht das geringste. Man tönntc meinen, du seiest selbst einmal ein Junge gewesen so genau weißt du, was man am liebsten hat."
Frau Borris klopfte Orla auf tie Schuller, und er ließ sofort die Tasche fahren und schloß seine Mutter in die Arme.
„Mein lieber Junge!" flüsterte Frau Borris.
„Gewiß. Muller!" flüste te er zurück; ,b.t wirst noch Freude an mir erleben."
(Fortsetzung folgt.)


