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Rr. 260 Zwetter Blatt Gtetzener Anzeiger (GeneralAnzeiger für Tderhefsen) Samstag, 4. November 1922

Der Gießener Arbeitsmarkt im Oktober.

(Eigene Information des Giehener Anzeigers»

Die Lage des Giehener Arbeits­marktes hat sich im Laufe des Monats Ok­tober im Vergleich zum Vormonat ungün­stiger gestaltet. $ur diese bedauerliche Ent­wicklung ist die starke Ma r k e n t w e r t u n g verantwortlich zu machen, die auch im hiesigen Dczrrk eine allgemeine Geschäfts» Unsicherheit und für getoisse Firmen erheb­lich verschärfte Absatzschwierig­keiten ausgelost hat.

In der Landwirtschaft, die eine Aus­nahmestellung zeigt, war im ganzen Monat Ok- tober noch viel Arbeitsmöglichkeit vorhanden. Die Nachfrage nach Arbeitern war durchweg sehr rege, sie konnte nahezu völlig befriedigt werden. Es wurden rund 100 Arbeiter angefordert. Zahl­reiche arbeitslose Leute, namentlich Verheiratete, ergriffen diese Erwerbsgelegenheit. die ihnen neben der Bezahlung in Geld noch die Möglichkeit bot, sich wenigstens teilweise mit Kartoffeln ein­decken zu können.

Aus dem Gebiete der Stein - und Erd- industrie ist zu berichten, dah ein namhaftes Werk mit Auslragsschwierig'eiten zu rechnen hat, dah es aber trotzdem bis auf weiteres noch weiterarbeiten la sen will. Auf Voi-rat-Arbeilen in demselben Ausmahe wie früher ist im Hinblick auf die unsicheren Wirtschaftsverhältnisse jetzt allerdings nicht mehr möglich.

Die Metallindustrie verspürte, abge­sehen von Spezialbetrieben, in der letzten Zeit eine fühlbare geschäftliche Depression, als deren Ursachen die eingangs erwähnten Umftänbe an­zusehen sind. Man beabsichtigt aber in der Eisen­industrie, trotz der Schwere der Zeit durchzu­halten, sofern nicht etwa eine katastrophale Ge­staltung der Verhältnisse eintritt. Arbeiterent­lassungen sind nicht vorgenommen worden, man hat aber auch von Einstellungen von Leuten abgesehen, weil die allgemeine Beunruhigung im Wirtschaftsleben doch zur Vorsicht zwingt.

3m Holzgewerbe ist die Deschäftigungs- täge zur Zeit noch befriedigend. Stellenangebot und -Nachfrage deckten sich im grohen und ganzen. 3nfvlge der allgemeinen Rohmateickalvertruerung ist eine Eindeckung immer schwieriger ge vorden und darunter hat natürlich auch die Produk­tionsmöglichkeit zu leiden.

3n der Aahrungs- und Genuß- mittelbranche hat sich die Situation im Gaufe des Monats immer ungünstiger gestaltet. Der Nachfrage nach Arbeit standen fast feine offenen Stellen gegenüber. Die Tabakindustrie leidet unter den Wirkungen der Gesetzgebung, der Markentwertung und namentlich infolge des Rückgangs des Konsums immer mehr. Die all­gemeine Arbeitsmarktlage im Tabakgewerbe Deutschlands ist so, dah etwa 30 Prozent der Tabakarbeiter brotlos geworden sind und rund 70 Prozent nur noch bei verkürzter Arbeitszeit beschäftigt werden. Die Verhältnisse im hiesigen Bezirk liegen erfreulicherweise nicht ganz so schlimm, man rechnet aber auch hier mit weiteren Schwierigkeiten, die unter Umständen dazu führen können, dah noch weitere Detriebseinschränrungen vorgenommen werden müssen. Die hiesigen Fa­briken halten ihre Leute, so lange es nur irgendwie möglich ist. Man hofft jetzt vor allem auf eine Stabilisierung der Mark, um gesicherte Verhält­nisse im Absatz zu bekommen. Wird diese Hoff- mmg nicht erfüllt, dann ist mit weiteren Ent­lassungen zu rechnen. Die Kautabakfabrikation ist eingestellt worden, die Nachfrage wird aus den Vorräten gedeckt. Zur Zeit wird im Tabak­gewerbe teils gekürzt, teils auch mal voll ge­

arbeitet. Personalentlassungen konnten im Oktober im grvhen und ganzen vermieden, werden.

Das Bekleidungsgewerbe hat eben­falls mit einer Verschlechterung seiner Lage zu kämpfen. Etwa 15 Leute aus diesem Grwerbs- zweig haben sich im Laufe deS Monats als arbeitslos gemeldet. Zum Teil konnten sie in anderen Branchen untergebracht werden.

Die 2<;gc im Baugewerbe hat sich im Vergleich zum Vormonat nicht geändert. Gün­stiger sind die Verhältnisse aber nicht geworden. Arbeitskräfte des Baugewerbes können in West­falen immer noch lohnende Beschäftigung finden.

Das graphische Gewerbe hat die Not der Zeit ebenfalls schwer zu spüren. Arbeiter­entlassungen infolge mangelnder Aufträge waren auch hier nicht zu vermeiden. Eine teilweise Besserung der Verhältnisse wäre in diesem Ge­werbe noch am schnellsten zu erzielen, menn die Arbeitsausträge hiesiger Firmen usw. nur an das graphische Gewerbe am Platze gegeben würden.

Verschlechtert hat sich die Lage auch im Handelsgewerbe. 19 Stellenlose sind am Ende des Monats zu registrieren.

Für ungelernte Arbeiter und Ge­legenheitsarbeiter war neben der De- tätigungsmöglichkeit in der Landwirtschaft auch noch immer Erwerbsgelegenheit in der Stadt vorhanden. Aber auch in Westfalen ist für diese Leute gute Derdienstaussicht gegeben.

_ Der Bedarf an weiblichen Arbeits­kräften ist noch immer groß Namentlich wird Hauspersonal gesucht, daneben herrscht aber auch Nachfrage von der Landwirtschaft, vom Beklei­dungsgewerbe, von Handelsbetrieben und Gast- und Schankwirtschaften. 3m Lause des Monats wurden 144 offene Stellen gemeldet, 78 Arbeit­suchende waren vorhanden, von denen 37 eine Stelle annahmen.

Die Stadtverwaltung Gießen hat sich wieder nach besten Kräften bemüht, einer allzu ungünstigen Gestaltung des Arbeitsmarktes entgegenzuwirken. Zwar hat sie wegen "Mangels an Geld für diesen Zweck einen Teil der Not­standsarbeiter entlassen müssen, sie hat aber doch einen anderen Teil beim Gas- u Wasserwerk mit Rohrverlegungsarbeiten beschäftigen können. Meist handelt es sich hierbei um verheiratete Leute. Die Entlassungen wurden bei den Häuser­bauten vorgenommen, wo jetzt nur noch mit einer geringen Zahl von Arbeitskräften, meist Hand­werkern, gearbeitet wird.

3n der Leder-3ndustrie wurde vom 20. Okwber bis zum 2. November gestreikt. Zwi­schen beiden Parteien ist es zu einer Einigung gekommen, Entlassungen sanden nicht statt, viel­mehr wurden alle Leute wieder eingestellt.

Aus öffentlichen Mitteln unterstützte Er­werbslose sind zur Zeit nicht gemeldet.

Die Vermittlungstätigkeit des Arbeitsamtes im Oktober gestaltete sich wie folgt: 'männliche Personen: 711 offene Stellen, 523 Arbeitsuchende, 443 Stellen beseht; weibliche Personen: 144 offene Stellen, 78 Arbeitsuchende, 37 Stellen beseht.

Der Tätigkeit des Arbeitsamtes, die man vom Standpunkte des öffentlichen Wohles aus beurteilen muh, würde eine starke Förderung gegeben, wenn die Arbeitgeber die Zuwei­sungskarten schneller als bisher zurück­schicken würden, damit sich der Geschäftsverkehr zum Wohle der Arbeitslosen, aber auch zum Vorteil der Arbeitgeber rasch« abwickeln läßt.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 4. November 1922.

Teuerungsmaßnahmen für Militär­rentner.

Auf Grund des § 9 des Gesetzes über TeuerungSmahnahmen für Mili - tärrentner vom 21. Juli 1922 hat der Reichsarbeitsminister mit Zustimmung deS Reichsrats folgendes verordnet:

Wegen der Zunahme der Teuerung wer­den die monatlichen Teuerungszu­schüsse erhöht:

für einen Schwerbeschädigten bei einer Minderung der Erwerbsfähigkeit um 50 bis 80 v. H. um 800 Mk. auf 2000 Mk.,

für einen Schwerbeschädigten bei einer Minderung der Erwerbsfähigkeit um mehr als 80 v. H. um 1200 Mk. auf 3000 Mk.,

für einen Schwerbeschädigten, der nur auf die Rente angewiesen und nachweislich einen Erwerb auszuüben nicht imstande ist, um 1600 Mark auf 4000 Mk.,

für eine Witwe um 800 Mk. auf 2000 Mk., für eine Witwe, die nur auf die Rente an­gewiesen und nachweislich einen Erwerb aus­zuüben nicht imstande ist, um 1200 Mk. auf 3000 Mk.,

für eine vaterlose Waise um 600 Mk. auf 1200 Mk.,

für eine elternlose Waise um 1050 Mk. auf 1800 Mk.,

für ein Elternteil um 600 Mk. auf 1500 Mark,

für ein Elternpaar um 1000 Mk. auf 2500 Mark,

für Empfänger eines LiebergangsgeldeS oder eines Hausgeldes, oder für Empfänge­rinnen einer Witwenbeihilfe um 800 Mk. auf 2000 Mk.

Der besondere Zuschuß, den Schwer­beschädigte oder HauSgeldempfänger erhalten, wenn sie für Kinder zu sorgen haben, erhöht sich für jedes Kind um 475 Mk. auf 1000 Mk.

Die Einkommensgrenzen werden den erhöhten Teuerungszuschüssen ent­sprechend erhöht.

Die Verordnung tritt mit Wirkung vom 1. Oktober 1922 in Kraft.

Die Hauptfürsorgestellen und Fürsorge­stellen sollen die Verordnung ungesäumt in Vollzug setzen. Die Veröffentlichung im Reichsgesetzblatt braucht nicht abgewartet zu werden.

Die ohne Rücksicht auf die Veränderung der EinkommenSgrenzen nach der Verordnung sich ergebenden Mehrbeträge für Okwber sind den bisherigen Empfängern von Teuerungs­zuschüssen möglichst noch in diesem Monat nachzuzahlen.

Die Zahlung an die infolge Heraufsetzung der Einwmmensgrenzen für den Monat Okto­ber neu hinzukommenden Rentenempfänger, die einen Antrag bereits gestellt haben, bis­her aber wegen der Höhe ihres EinwmmenS nicht berücksichtigt werden konnten, sowie die Nachzahlung der auS der Veränderung der Einkommensgrenzen für die bisherigen Emp­fänger von Teuerungszuschüssen sich ergeben­den UnterschiedSbeträge kann mit der Zahlung der Teuerungszuschüsse für November verbun­den werden.

* * Ernannt wurde am 26. Oktober der LandwirtschaftLassessor Dr. Heinrich Fischer zu Butzbach, mit Wirkung vom 1. November 1922 an zum Landwiitschaftsrat an der Land­wirtschaftlichen Schule zu Butzbach.

Eine vierte Serie von Tau- sendmarkscheinen. Von den Reichs­banknoten zu 1000 Mark mit dem Datum vom 15. September 1922 wird, wie die Reichsbank mitteilt, in Kurze eine vierte Serie auSgege- ben werden. Diese hat folgende beson­dere Merkmale: Das Papier ist weiß und trägt ein Wasserzeichen, das aus dunklen, ineinan­dergreifenden Linien in Form eines stilisierten C gebildet wird. Die Nummer in der linken oberen Ecke der Vorderseite ist in hellbrauner Farbe gedruckt.

** Die Sprechtage der amtlichen Kreisfürsorge stelle für KriegS- beschädigteund Kriegshinterblie­bene sind wie folgt festgesetzt worden: Diens­tag vor- und nachmittag, Donnerstag und SamStag vormittag jeder Woche.

Landkreis Gießen.

* L i ch, 4. Nov. Der Unterricht an der Landw. Schule Lich beginnt mit Rücksicht auf die rüefftänDigen Feldarbeiten erst am Mon­tag, 2 0. Nvvbr. (Näheres tm Anzeigenteil.)

Kreis Friedberg.

- Bad-Nauheim 3. Nov. 3n dec letzten Stadtverordneten t ung uurd.m geg n den abwesenden Bürgermeister Dr. Kay - serVorwürse erhobm, weil er den Anbau der Ern st- Ludwig-Schule, der sich im Roh­bau statt auf IV2 Millionen auf 9 Millionen stel­len wird,über den Kopf der Versammlung hin­weg zu dem hohen Preise vergeben habe", und anfangen lieb, trotzdem die Geldentwertung immer schärfer einsehte. U. a. kam, derBad-Nauheimer Zeitung" zufolge, in der Aussprache die Ansicht zum Ausdruck, daß man den Bürger mei­st er vielleicht regreßpflichtig machen könne. Ein Einstellen des Baues ist nach der Ansicht des Beigeordneten Stahl ausgeschlossen, da die Stadt sonst .zahlreich: Prozess: der am Bau be­teiligten Firmen am Halse hätte. Was mit dem Dau geschehe, müsse der Zukunft überlassen blei­ben. Es wurde beschlossen, den Bau unter Dach zu bringen. 3n der nächsten Sitzung will man den Bürgermeister zur Rede stellen.

Gictzcner Strafkammer.

Dieben, 31. Ott

Wegen Betrugs und Urkundenfälschung wurde der vielfach vorbestrafte Mechaniker H. N. in Dieben, der zur Zeit eine Detrugsstrafe t>er- bübt, zu einer Gesamtgesängnisstraie von einem Jahr und einem Monat ver­urteilt. Er hat einen Elektromonteur bewogen, mit einer nicht unerheblichen Einlage in sein (schient gehendes) Geschäft einzutreten, und ihm iXwei verschwiegen, daß er bereits einen Teilhaber hatte. Ferner hat er mit dem Namen seines neuen Teilhabers ohne dessen Erlaubnis einen Wechsel ausgestellt. Von der Anklage der Untreue wurde er trotz erheblichem Verdacht mangels ausreichen­den Beweises sreigesprvchen.

Freigesprochen wurde ein Qlnqetfa .ter, der vom Schöffengericht wegen Hehlerei ber- urteilt worden war, weil er im Geschäft seines künftigen Schwiegervaters, eines Althändlers, ge­stohlene Ocfen als altes Eisen angelnult halte. Abgesehen davon, daß es zweifelhaft blieb, ob er den Umständen nach annehmen mußte, daß die Sachen gestohlen waren, war Bestrasu iq schon deshalb ausgeschlossen, weil er aus Gefälligkeit und nichtseines Vorteils wegen" gebandelt hatte.

Aufgehoben wurde auch ein Urteil des Schöffengerichts Butzbach, durch das ein Ein­wohner von dort wegen Beleidigung einesPolizei- dieners zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Es wurde festgestellt, daß er von d:m Schuhmann zu Unrecht verhaftet werden 'ollte und daß er ihm die ihn kränkende Beschuldigung aus Notwehr und im guten Glauben an ihre Richtigkeit entgegengehalten hatte.

Kirche und Schule.

eu Grünberg, 3. Nov. Heute fand hi« die Herbst konf er enz der Lehrer deS BezirksGrünberg unter Vorst z des Kreis- schuircvs F i s ch e r ° Gi ßen statt. Der Vorsitzende widmete zunächst seinem Amtsvorgäng«, Prof. Dr. Alles, Worte des SanfeS und der An­erkennung für die segensreiche Tätigkeit, die dieser in seinem Amte entsaftet. Hierauf besprach er in längeren Ans ührungen unse;e volkswirt­schaftliche Lage und deren Au 'Wirkung auf die Fortbildungsschuljugend. Redner beklagte b.-sonders, daß rc: Sparsinn vftl.ach geschw 'nden ist und daß bi jungen Leute ost in verschwenderischer Wstß Geldausgaben macke! zu denen si: nur imstaiO seien durch die Tari lohnpolitik die den Zu- bliche zu viel Geld in die Hände g.-b? Sch ' st'/ich stellte der Redner die Frage:3st diese Erjch-inung überall, auch QU' dem Lande, soll die Schale etwas tun, und welch: Mittel sind anzuwrn- n? Wenn auch ein wirksames Mstlel zur Ab iLe nicht an- geg b:n wurde, so kam aus brr Mitte der Ver­sammlung doch manche Anregung, wie durch Volksnbende und ähnlichem, schließlich durch Ge­setze die Jugend zur Selbstbesinnung gebracht wer­den können. Zahlreiche Mitteilungen bil­deten den Schluß der Konferenz. Als Thema für di: Frül-jahrslonfe-renz wurde bestimmt: ..Was kann Lehrerschaft und Schule tun, um die Kennt­nis der Heimatgeschichte zu fördern und festzu­halten T

Spielplan der Frankfurter Theater.

Opernhaus. Sonntag, 5. Nov.: Carmen. Montag, 6 : Tannhäuser, Dienstag, 7.: Die Braut des Lucullus. Mittwoch, 8.: Die Afrikanerin. Donnerstag, 9.: Amelia ober Ein Mas'enball. Freitag, 10.: Die verkaufte Braut. 6am:-tig, 11.; Hoffmanns Erzählungen. Sonntag, 12.: Nachm. 3 Undine. Abends 7: Madame Butterfly. Montag, 13.: Tannhäuser. Dienstag, 14.: Tosca. Mitt­woch, 15.: Königskinder. Schauspielhaus. Sonntag, 5. Nov.: Nachm. 3: Balladen von Schiller. Hierauf: Wallensteins Lager. Abends 7V.: Hannibal. Montag, 6.; Die We.er. Dienstag, 7.: Demetrius. Hierauf Wallensteins Lager. Mitt­woch, 8.: Hannibal. Donnerstag, 9.: Ein Sommer- nachtstraum. Freitag, 10.: Demetrius. Hierauf: Wallensteins Lager. Samstag, 11.: Gespenster. Sonntag, 12.: Vorm 11: Gerhart-Haupimann- Morgenfeier anläß. des 60. Geburtstages des Dichters. Vortrag: Gerhart Hauptmann und die innere Entwicklung der deutschen Literatur. Hierauf: Vorles. aus G. Haupttnanns Werken. Nachm. 3l/2: Hannele. Abends 71, -: Die Weber. Montag, 13.: Emilia Galotti. Dienstag, 14.: De­metrius. Hieraus: Wallensteins Lager. Mittwoch, 15.: Hannele.

Die Herweghs.

Eine rechtsrheinische Geschichte von LieSbet Dill.

31. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Die Kirche lag in der feierlich düsteren Halb- bämmeiung sehr alter gotischer Bauten, das hohe Schiff war matt erleuchtet, die Bänke und die Emporen bis dicht an die Orgel waren beseht. Er fand noch einen Platz neben einer Säule.

Kommt ihr Töchter, helft mir klagen." Brau­end erfüllten Chöre, Geigen und Posaunen die hohe Kirche, getragen von der Orgelbegleitung.

Es durchschauerte ihn.

3hm war, als ob sich die hohe dunkle Kuppel öffnete, als ob die graue, düstere Wolkenwand auseinanderrisse und man aus unendlicher Höhe Engelstimmen hörte. Es waren die Knabenchöre, die sich einmischten, fest, kristallllar und hell ...

Er fenfte den Kopf und lauschte. Als die Matthäuspassion zum erstenmal in der Thomas- kirche zu Leipzig aufgeführt wurde, fand am selben Nachmittag ein zweites Kirchenkonzert in einem anderen Stadtviertel statt, alle Welt ging dorthin und das Bachsche Oratorium wurde in einer fast leeren Kirche vor kühlen Zuhörern aufgeführt.

Er hatte die Passion oft gehört, aber beute packte sie ihn wie noch nie. Es war für ihn das größte musikalische Werk.

Die Choräle klangen ihm wie Offenbarungen. 3a, es gab noch einen Gott! Und gab auch einen Glauben S.-Ln eingeschläfertes Bewußtsein, dieser Kinderglaube wurde heute wieder wachgerüttelt in dieser mittelalterlichen Kirche, deren dicke

Mauern und Türme von Kämpfen und Kriegen erzählten und auf deren kupfernen Tafel die Namen gefallener Helden glänzten.

Weich, voll und tlar erhob sich eine dunkle Frauenstimme über silberner Flötenbegleitung. jBub und Reu ..

Za, Reue ergriff auch feine Seele, Reue, daß man so viel den irdischen Dingen nachging, statt seiner Seele zu gedenken, der Läuterung des in­neren Menschen. Wieviele Schlacken trug man noch mit sich herum! Der Dämon Gold hatte seine Krallen auch in seine Seele geschlagen und ihm opferte er alles, seine Ruhe, seine Zeit, seine Kraft, seinen Geist, feine Gesundheit unb das Glück seiner Ehe. Er wußte nicht, weshalb ihn plötzlich der Gedanke, daß sich Grete von ihm äb- toenben konnte, überfiel. Wer war schuld an ihrem Zerwürfnis?

3ch bin schuld, sagte er sich, denn ich habe sie in Versuchung geführt. Er hatte bis jetzt noch immer daraus gewartet, daß sie zu ihm kam, um ihm unter Tränen zu gestehen.Ich hab's getan, Emst, verzeih mir ... Und er hätte ihr verziehen. Sie war ein Weib, weich putzsüchtig, nachgiebig, schwach...

Aber warum kam sie nicht? Warum sprach sie nicht das erlösende Wort und ließ sie ihn allein mit diesen Zweifeln? 3ch will es alles begraben, dachte er. Wir find alle schuldig and vielleicht ist sie tatsächlich schuldlos.

3ch will dir mein Herz schenken," jubelte es aus der Hohe, und das Cello fang es mit in jenen schwingenden, warmen, zitternden Tonen, die ihn an feine alte geliebte Geige erinnerten. Sie ruhte jetzt verstaubt nut harten, gesprungenen Saiten zu Hause im Kasten ...

Sollte er sie nicht wieder hervorholen und sich frei und glücklich spielen, statt hier draußen in dieser unwirtlichen Ebene dem Geld und den Ge­schäften nachzujagen?

Geld für andere sollte er schaffen, für diese Ziegelei, die ihm mit ihren weithin leuchtenden gelben neuen Ringofen wie ein gieriger Moloch erschien mit feurigem Rachen, der nur verschlang.

Die Arien wechselten jnU Chören und Chorälen. Eine Tenorstimme von fast überirdischer Schönheit trug die Rezttative mit einer leiden­schaftlich ergreifenden Wucht vor.Stehet auf. lasset uns gehen, siehe er ist da, der mich ver­rät." Emst konnte sich kaum der Tränen erwehren.

Was mein Gott will, ist wohlgetan," fiel der Chor ein. Luthers Gestalt erschien vor ihm, der Kämpfer mit dem ernsten, feurigen Blick, der sich nicht vor dem Satan fürchtete.

Wahrlich du bist auch einer, fang der viel­stimmige Chor. Die Hand des Dirigenten zeichnete sich riesengroß und schattenhaft an der bellen Wand ab.

Erbarme dich mein Gott, um meiner Zähren willen," erklang die tiefe, warme Altstimme wieder.

Was geht uns das an," antwortete der Chor.

Gebt mir meinen 3efu toieber ..Wie bezwingend diese reine, süße, junge Sopranstimme bat, wie sie drohend wurde, wenn sie mit den Verrätern sprach

Befiehl du deine Wege." Die Orgel mischte sich ein. Brausend «füllte sie die hohe Kirche. Die Kerzen in den großen alten Messingleuchtern, die schwebend von der hohen Decke hingen, knister­ten leise.

Und flochten eine Dornenkrone," fang der Evangelist.Und setzten sie auf sein Haupt."

O Haupt voll Blut und Wunden," klang es schwer und getragen, als trüge man jemand zu Grab. Er muhte an seinen Vater denken.

,,D« du den Tempel Gottes zerbrichst," liehen die Chöre ihre Stimmen empört erschallen.An­dern hat er geholfen," erhob sich der Gegenchor. Der dramatische Teil setzte übertoältigenb ein. Heiße Schauer durchzitterten ihn. Es war ihm heilig zumute.

Wie als Knabe, als er vor dem Altar ftanb mit den anderen Einsegnungskameraden. Er glaubte wieder die Stimme des weißhaarigen Pfarrers zu hören. D« alte Mann, der bereits mit einem Fuß im Grabe stand, las ihm feinen Einsegnungsspruch vor. Seine Stimme zitterte. Unb werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen."

Damals hatte Ernst sich kaum eigentlich etwas Desond«es unter den Worten denken können. Heute v«stand er ihren tiefen, ernsten Sinn. Es axtr, als müsse er die Knie beugen ... auf seinen Scheitel legte sich eine sanfte Hand und segnete ihn. Er nahm die Passion in sich auf wie ein heiliges Abendmahl.

Die tiefste all« Künste hielt ihn in ihrem Bann. Den Kopf In die Hände begraben, sah er da wie einer, der sich aus tosendem Meer auf einen Felsen gerettet hat und der Brandung lauscht, die ihn umrauscht.

Ein«, d« endlich einmal »u sich gekommen ist, um sich auf sich selbst zu beftnnen. Wer bist du. und was tust du, warum lebft du, und was wirst du hinterlassen?

(Fortsetzung folgt)

Stete