Mittwoch, 4. Moder 1922
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 233 Zweites Blatt
als rechtlich unzulässig abgelehnt. Er
stimmen, über allem aber schwebten -Wei Helle erst Ehrend des ersten Aktes urtb Mrcn memn.ls ' - .__ « mH aam Oua mit i r* hn Hon tH nT^rt TT>ni ICH.
Stimmen, Frau vvn Herweg Hs Sopran und Ernsts
(Nachdruck verboten.)
• Fortsetzung.
Denn nimmt sie zu solchen gefährlichen Wen- düngen des Prozesses kritische Stellung und sei es
Der Beginn des Prozesses gegen'die Mörder Rathenaus.
hockcrstcuer durchzuführen ist. Es ist mit aller Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, daß diese Steuer Annahme findet Die Stadtver-ordneten- Versammlung dürfte sie einstimmig omtehmcn
mit dem Zug, mit dem sie hatten fahren wollen, sie waren auch heute die Letzten.
Aber Grete hatte Ernst vorher noch etwas zu sagen, „etwas sehr Wichtiges", und sie zog ihn in ihr Mädchenzimmer. Dort fiel sie rhrn um den Hals. Es war etwas Schreckliches, etwas, das sic schon lange wie eine schwere Schuld mit sich trug, das sie sich aber nicht zu gestehen getraut hatte ... Er mutzte ihr erst schworen. „(Za, schwöre Ernst, mir nie böse zu sein und mir niemals einen Dorwurf deshalb zu machen. Tenn sie konnte ja eigentlich nichts dafür . . .
Ernst wurde bleich. Dunkle Wolken zogen über den strahlenden Himmel seiner Liebe, er dachte sofort an den blonden Nebenbuhler, der ihm so viele schlaflose Nächte bereitet hatte. Was ist es, sag' cs rasch," drängte er, denn er konnte alles ertragen, nur keine Ungewißheit . . Und sie gestand ihm kleinlaut, datz sie gar nicht Klavrer spiele ... Er starrte sie wortlos an.
Er verstand nicht ... sie sprelte nicht —
Vermischtes.
Unverbesserliche Ladendiebe.
Berlin. 3. Oft. Dor einigen Monaten wurden der damalige Direktor der Neichstreu- handgesellschaft Morvilius und seine Frau und die verwandten Ehepaare Noeber und Fo er st er wegen zahlreicher Ladend ieb» stähle verhaftet. Morvilius und seine Frau und Noeber und Frau wurden nach einiger Zeit wieder auf freien Futz gesetzt, da sie nicht fluchtverdächtig erschienen. Gestern vor-
politischcn Gericht.
Leipzig. 3 Oft. 'Wolff.) Nathenau- Prozeß Dor dem Eintritt in die Derhandlung stellt der Verteidiger Dr. Hahn den Antrag, das Derfahren dem zuständigen S ch w u r g e ° I richt zu überweisen Er begründet den Antrag eingehend, indem er aussührt, der Staaisgerichts- hos sei nach dem Gutachten zahlreicher namhafter Staatsrechtslehrer verfassungswidrig. Die Einrichtung des Staatsgerichtshoses widerspreche auch des Artikel 105 der Rcichsversassung. da sie die Angeklagten den gesetzlich zuständigen Richtern im Schwurgericht entziehe. Oberreichsanwall Cbermeier führt aus' „Der Gerichtshof ist berechtigt und verpflichtet, nachzuprüfcn. wie weit das Reichsgesetz verfassungswidrig ist. Der Staatsger-ichtshos hat über seine Zuständigkeit zu befinden Das Gesetz über den Staatsgerichtshof wurde mit Zweidrittelmehrheit im Reichstage angenommen, es ist also nicht verfassrings- widrig. Ich bitte, den Antrag der Dcrteidigung abzulAnen. Gegen 10l i ill)r zieht sich der Gerichtshof zur- Beratung zurück. Gegen 10'. Ufor verkündet der Vorsitzende, datz der Gerichtshof die Zuständigfell bejahte und datz der Antrag, das Verfahren dem Schwurgericht zu überweisen, abgelehnt wird.
Berlin, 4. Ott Einer Dlättermeldung zufolge ist das Verfahren gegen Kapitänleutnant Wolfgang Dietrich aus Erfurt und den Schriftsteller Han« Wilhelm Stein von Burg Saaleck im Zusammenhang mit der Ermor- durrg Rathenaus Termin zur Derhandlung vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig auf den 24. Oktober anberaumt worden.
Die Herweghs
Eine rechtsrheinische Geschichte vvn Liesbet Dill.
Befinden sich in einem Haushalt meh° 24 Ml. auf 26,50 Ml. für das Kubikmeter, rere Personen, die selbständig steuerpflichtig Der Magistrat hat die Schlemmersteuer find, so ist für die Ermittlung des für die K . „ _ 1 - ..o 2 " ‘o _ . ; * ‘ 1
Brotversvrgung maßgebenden Einkommens I prüft aber jetzt, auf welche Werse die -Uacyr^
Beim Abendessen schien es, als ob Liane sich besonnen habe. Doktor Rickert neigte seinen kahlen glänzenden Schädel immer näher zu Lranes goldenem Dlies, der General trank ihnen schon schmunzelnd zu, das Brautpaar sah strahlend Hand in Hand obenan, als wollte cs dre lange Trennung nachholen. Lutz war wieder erschienen, er hatte eine bessere Farbe und sprach dem Braten tüchtig zu. der mit Sardellen und dt- krönenscheiben reich belegt war. Drc Gcneralrn und Frau Kollin hatten sich, trotz der Standes» untcrschiÄ>e, auf dem Sofa über dem rheinischen Dienstboten gefiuchen, die jede Kirmes besuchen muhten und jeden Sonntag in die Frühmesse liefen und einen den Kaffee selbst kochen ueycn.
Frau von Herwegh schwebte glückstrahlend über dem Ganzen, während der General ihr glänzende Zukunftsbilder entwarf. Fraulein Schmidt hatte der in Seide geprehten Frau Kollin bereits Ziffern entlockt, mit denen man am Rhein weniger zurückhaltend ist wie in anderen Landen. Es war ein Glück, datz kern ülnbetelligter über oder unter dieser Wohnung schllef. denn nach Mitternacht setzte sich Ernst ans Klavier und spielte, und zuletzt sangen sie alle im Chor: „Zieh' nicht an den Rhein, mein Sohn, ich rate dir gut"
In den grollenden Bah des Herrn Kollin und den noch immer schönen Bariton des Gc- aevals mischten sich die jungen und alten Frauen-
Schwurgericht.
Gießen, den 2. Oktober.
Am 6 Schwurgerichtstag wurde gegen den Gelegenheitsarbeiter Konr. W a g n e r auS Maulbach verhandelt. Er ist ein arbeitsscheuer Mensch, der nicht den Willen hatte, soviel zu arbeiten, daß er seine Frau und deren zwei Kinder, die diese mit in die Ehe gebracht hatte, ernähren konnte. Die 5txru ihrerseits verdiente nur soviel, daß cs kaum für sie und ihre Äinber reichte. Es ist da her verständlich, datz sie dem Verlangen ihres Mannes, ihr sauer verdientes Geld statt mit ihren Kindern in erster Linie mit ihrem Manne zu teilen, heftigen Widerstand entgegensetzte. So gerieten’ die Ehegatten häufig in Streit. Als nun am 19 Juni der 9jährige Stiefsohn d^s Angeklagten gegen 6 116r abends vom Gänsehüten mit etnem Stück geschenktem Käsekuchen nach Hause kam und sich alsbald wieder entfernte, nahm der Ange klagte eine Büchse mit Rattengift und bestrich damit den Kuchen. Nach einer- halben Stunde kehrte der Junge zurück und schickte sich an, den Kuchen zu essen. Da er aber so stark roch gab er ihn der Mutter, die sofort feststelltc, datz Ratten- gift darauf gestrichen war. Der Angeklagte gibt diesen Sachverhalt zu, bestreitet aber, in dem Augenblick, als er den Kuchen bestrich, gewußt zu haben, datz es sich um Gift handelte. Da aber einwandfrei feststeht, datz er früher schon mehr fach Gift aus demselben Büchschen zum Fangen vvn Ratten und Mäusen ausgelcgt hatte, bejahten die Geschworenen die Frage nach Tot- schlagsversuch. worauf das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft entsprechend auf zwer (Zähre Gefängnis erkannte.
Die Anklage vertrat Staatsanwalt Lochet die Dcrteidigung führte Rechtsanwalt Dr. M c u - s c r. Der Vorsitz lag wieder in Händen von La-rd- gerichtsrat Dr. H a n s u l t.
Aus dem Amtsverkündigungsblat».
♦♦ Das Amtsverkündigungs- blatt Nr. 103 vom 3. Oktober enthält. Sitzungen des Provmzialtags. — Wahlen zum Provinzialtag. EisenbahntranSportgefähr- bung. — Wählen der Stadtverordneten, Gemeinderatsmitglieder usw. - Unterstützung bestehender Krippen usw. Aufnahme von Blinden in die Blindenanstalt Friedberg. - Aenderung und Erweiterung des Anschlußgleises der Firma Bänninger. Oeffentliche Brotversvrgung. — Berfütterung von Brotgetreide. — Dienstnachrichten. Feldbereinigung Stangenrod. — .Ueberbietcn von Waren aus dem Wochenmarkt.
sieghafter Tenor. .
Es war um halb drei, als Ernst bic_ Lampen im Hausstur löschte und sich die Haustür hinter den Gästen geschlossen hatte. Er stieg mit seinem Illuminationslämpchcn hinauf in seine Eisrcgllm. Der gelbe Schein des Lichts flackerte wie ein Spuk an den Wänden. Es war eine Erfindung der Generalin, datz man die vielen Illuminattons- lichter, die man in dieser Stadt brauchte, auf diese praktische Weise verwandte. Es leuchtete zwar nicht viel, verhinderte aber doch wenigstens, datz man sich in der Mansarde den Kopf an dem Ballen einstieß. Er überdachte noch einmal dankbar diesen Tag. stand noch lange am <!tcnJicr seines Zimmers und konnte keinen Schlaf finden. Er war glücklich.
Endlich hatte Frau von Herwegh ihre ßorg- nette gcfintbcn und Trina die vergessenen Lackschuhe des Herrn Lutz aus der Stadt herbeigeholt, auch Liane war mit ihrer Toilette fertig geworden, und der ungebutbige Bräutigam, der, den Ueberzieher überm Arm, auf dem Treppenabsatz auf ferne Familie wartete — fein Platz vor Beginn aller Gesellschaften —, konnte nun seine Braut sehen Das Kollinsche Haus war mit Blattpflanzen prächtig geschmückt, und den Gästen drang schon aus der Treppe der Dratendust entgegen Ein hagerer Lohndiener und die Silbereisen Erscheinungen die in der bürgerlichen Gesellschaft immer zu festlichen Anlässen auftauchten nahmen den Gästen die Mäntel ab. aus dem Salon drang Stimmengewirr.
Es war den Herweghs noch nie gelungen, von einer Oper den Anfang zu feben, sie kamen immer
Kirche und Schule.
wa. Gedern, 4 Olt. Für die Wahlen zur Kirchengemeindcvertrelung war nur ein Wablvorschlag eingereicht worden, so datz eine eigentliche Wahlhandlung nicht vor- genommen zu werden brauchte. Sämtliche bisherigen Mitglieder wurden wiedergewählt, neu- aewählt bzw. als Ersatzleute wurden bestimmt Karl R u 11 m a n n IN., Landwirt, Richard C a r 1, Landwirt, Hermann Nagel. Hüttenarbeiter. Alwine Funk, geb Semper, Hermann D c d e n- pach I-, Landwirt, und Heinrich Mehring VII.
ch. Münzen berg, 3. Oft Zur Wahl für die hiesige Kirchengemeindevertre- tung wurde nur ein Wahlvorschlag eingereicht Es konnte somit die eigentliche Wahlhandlung unterbleiben. Zu den bisherigen Mitgliedern, die wieder der Kirchenvertretung angehören, wurden hinzugewählt die Herren Konrad M au - r c r Zimmermann, und Jakob S ch l e ch l, Schreiner als Ersatzmitglieder Wich Nlesser- schmidt, Landwirt, Heinrich Pabst, Schmied und Heinrich Diehl. Landwirt.
deren Einkommen nicht dem Einkommen des HauShclltsvorftandeS zuzurechnen, sondern die Berechnung ist nach dem Einkommen des einzelnen steuerpflichtigen HauShaltSangehöri- gen festzustellen. Dienstboten sind jedoch der Zahl der verpflegten HauShaltSangehdrigen zuzurechnen.
Ausländer erhalten nur dann Brotmarken. wenn sie den Nachweis erbringen, daß ihr Einkommen die festgelegte Grenze nicht überschreitet.
Derjenige, der, ohne versorgungsberechtigt zu sein, die öffentliche Drotversorgung in Anspruch nimmt, wird mit Gefängnis bis zu einem Jahre und mit Geldstrafe bis zu 500 000 Mark oder mit einer dieser Strafen bestraft, soweit nicht nach anderen Dorschriften eine schwerere Strafe verwirkt ist.
Die Bürgermeistereien müssen bis zum 10. Oktober melden, wieviel bisher versorgungsberechtigte Personen durch diese Bestimmungen aus der öffentlichen Brotver- sorgung auSfcheiden, und daß deren Brotmarken über den 15. Oktober hinaus eingezo- ! gen find.
*• Herstellung von Branntwein aus Obst. Das Ministerium für Arbeit und Wirtschaft hat die Entscheidung über Anträge auf Herstellung von Branntwein aus Obst, das zur menschlichen Ernährung nicht geeignet ist, oder in anderer Weise nicht verwertet werden kann, pen Kreisämtern übertragen.
• • Vergehen gegen d i e Sicherheit des Eisenbahnverkehrs. 3n letzter Zeit ist wiederholt mit Steinen nach Personenzügen geworfen worden, wobei Fensterscheiben zertrümmert worden sind. 3n einem Falle ist sogar ein Schuß auf einen Zug abgegeben worden. Das .Kreisamt wellt die Bevölkerung auf die schwerwiegenden Folgen, die ein so grober Unfug nach sich ziehen kann, hin und macht darauf aufmerksam, daß sich die Täter schwerer Strafverfolgung wegen Cisen- bahntranSportgefährdung ausseyen. Die Sicherheitsorgane sind angewiesen, ihr besonderes Augenmerk auf die Sicherheit des Eisenbahnverkehrs zu lenken und die Aebeltäter mit aller Strenge zu verfolgen.
Mreie Büdingcn.
'Bübingen. 3. Oft. 3m benachbarten Büches logierte sich letzter Tage ein besser gekleideter Herr ein, aß gut zu Nacht und ging, nachdem'er durch die Unterhaltung und sein sicheres Auftreten Eindruck gemacht hatte, zu Bett. Am nächsten Morgen gewahrten die Wirtskeute, daß der noble Gast verschwunden war. Er war nicht nur die Zeche schuldig geblieben, . sondern hatte auch noch zwei Anzüge und eine Taschenuhr gestohlen. Er hatte seinen Weg durchs Fenster über eine am Hause stehende Leiter genommen.
Kreis Schotten.
*<■ Schotten, 3. Oft. Die Gemeinnützige Baugenossenschaft hat ihre Auflösung beschlossen und mit der Liquidation den Vorstand beauftragt. Der Grund der Auflösung ist, daß In absehbarer Zeit nicht an ein Herstellen von Wohn räumen wegen der ungeheuren Teuerung zu denken ist, die' entstehenden Verwalttmgskosten aber nicht von den Zinsen der Geschäftsanteile aufgebracht werden können.
Hcffcn-Naffau.
Klavier . . . aber wer ...
Ein entsetzlicher Verdacht flieg m ihm auf. Wer hatte denn hinter diesen erleuchteten Fenstern immer gespielt, wenn nicht sie?
Grete wollte sich ihm von neuem m tue Arme werfen, aber er stieß sie zurück, mit einer so heftigen Bewegung, datz sie erst m diesem Augenblick die Grötzc ihrer Schuld empfand
„Es war die Konservatorist in, die bei Großmama wohnt . . .“ gestand sie.
Er brachte fein Wort hervor, er war zu fürchterlich enttäuscht. Etwas, woraus er so stolz war, war zerbrochen, ein Band, das ihn an dieses Mädchen gefesselt hatte, riß entzwei. Sie hatte ihn getäuscht, belogen.
Zum etfien Male tagt in Leipzig ein Poll- , ttsches Gericht Es tagt an der Stätte, an der , sonst nur reineS Recht gesprochen wird. Das । Gesetz zum Schutze der Republik war die Folge der Ermordung Rathenaus, und der L e i p - i i g er Staatsgerichtshof ist eine Einrichtung des Schuhgesetzes. Diese Tatsache genügt, um sich den Unterschied klar zu machen, zwischen dem neudeutschen Gericht und etwa dem britischen Oberhaus, das ebenfalls gerichtliche Befugnisse besitzt, aber ursprünglicher Art. auf Grund her Verfassung und sozusagen von Hause aus^ Der Vorwurf daß der Leipziger Staatsgerichtshof nichts anderes sei als ein Revolutionstribunal, Ifl eint scharfe und gefährliche Waffe m der Hand derjenigen rechtüstcl-cnden Kreise, die ihren Frieden mit der Republik noch nicht gemacht haben. Man besehe sich nur genau das Schachbrett des Leipziger Spiels Die juristische Leitung haben zwar die Berufsrichter Aber schon der Vorsitzende, Senatspräsident beim Reichsgericht Dr Hagens ist ausgesprochener Republikaner, wie er durch seine össentliche Schrift „Richter und Republik" bärget an hat. Unb von ben beiden Beisitzern, den Reichsgerichtsräten Dr. Baumgarten unb Döhn, ist jedenfalls der elftere politisch umstritten. Gr war alö Berliner Lnnb- aerichtsdireftor der Vorsthendc des Erzberger- Helf scrich-Prozestes. An diese Berufsrichter reihen sich die Laienrichter an, die samt und sondern bekannte und erklärte Politiker sind: Der frühere Reichskanzler Fehrenbach, der ehemalige Reichstagsabgeordnete Professor von 6a Iler, der Demokrat Erkelenz, der Sozialdemokrat Hildenbrand, der bisherige Unabhängige Häckel usw. Sie alle sind Richter und CBertreler politischer Parteien in einer Person. Sie sprechen Recht im Sinne ihrer politischen Ueberzeugung zum Schuhe bei; bestehenden Staatsform gegen politische Mörder, die man genau so gut hätte vor ein Schwurgericht stellen können Dem absoluten Rechtsgefühl wäre sicher dabei wo hier. Oder verlangt cs wirklich das Staatswohl, datz die Zusammenhänge des Rathenaumordes durch ein politisches Sondergericht aufgehellt werden? Von den Verteidi- gern des Leipziger Prozesses sind einige bekannte Strafprozeßspezialitäten Die anderen stehen aber ben fünfzehn Angeklagten politisch nahe und werden natürlich erst recht eine politische Note in die Verhandlung zu bringen suchen, um den ..Standpunkt" der Geschworenen zu rechtfertigen.
Der einzige, der als Nurjurist auf treten za wollen scheint, ist der Obeireichsanwalt Dr. Ebermcyer, der die Anklage Persönlich vertritt und aus dessen Degründungsschrift mit gewollter oder ungewollter Ironie hervorgeht, datz man den verbrecherischen Kindsköpfen auf der Anklagebank eigentlich viel zu viel Ehre anttrt, wenn man sie vor ein so hohes und so politisch raffiniertes Gericht stellt. Die Anklage geht davon aus, datz der Ingenieur Hermann Fischer und der Student Erwin Kern, die bekanntlich die 'Mörder sind und die auf der Burg Saaleck Selbstmord verübt haben, das Mordverbrechen aus fanatischem Antisemitismus und in dem Wahn begangen haben, sie könnten damit eine Arbeiter- c.Hebung unb nach deren Niederwerfung ein rechtsgerichtetes Anti-Ersüllungskabinett Hervorrufen. Oder ist schon dieser Gedankengang viel zu ernsthaft politisch? Wie eS in dem Hirn der Verschwörer ausgeschen hat, zeigen die Unsinnig- feiten, die der Haupttäter Kern bei der Vorbereitung des Attentats zur moralischen Stärkung feines politischen Standpunktes vorbrachte: Rathenan sei ein Schädling. er habe selbst bekannt (?), einer der 300 Wersen von Zion zu sein, er wollte durch den Rapallovcrtrag das System des „schleichenden Bolschewismus" in Deutschland einführcn. Er wollte seinem „Freunde" Radek seine Schwester zur Frau geben . . find was des Unsinns mehr ist. Kann man da bei dem Rathcnaumord überhaupt noch von politischen Motiven sprechen? Kann man rechtsgerichtete Parteikrcisc mittelbar verantwortlich machen? Man wii'd cs versuchen, unb bas ist von jedem politischen Standpunkt aus bedauerlich. Der Zeuge (Stuben raud; z. D., Unterprimaner aus Bcr- lin-Steglih. wird in der Verhandlung aussagen müssen, ob es wahr sei, was der Attentäter Fischer in den Dettchwörerzusammenkünftcn behauptet hatte, nänrlich datz er. der Unterprimaner Stubenrauch, Mitglied te3 D ut chnaticnalen (m- gendbundes unb - erster Urheber des Mord- planes gewesen sei. Hier ist der Druckknopf, den man nur zu berühren braucht, um eine Erplosion der politischen Leidenschasten in die Höhe zu treiben Am schlimmsten ist dann die Presse daran.
fpd Franks ur t a M. 3. Oft. Die Polizei hat in den letzten Tagen in allen in Frage kommenden Wirtschaften Nachprüfungen aus das un- besugte Derschänken von Schnaps ver anftaltct. Es wurden insgesamt 87 Wirtschaften festgestellt, die keine Ausschankerlaubnis besitzen Sämtliche vorhandenen Spirituosen und angebrochenen Flaschen verfielen der Beschlag- nahme. 2lutzerdem kamen die Wirtschaften zur Anzeige bei den Gerichten Am 1. Oktober befanden sich nach der Polizeikontrvlle in F r a n k- fürt insgesamt 1 4 836 fremd staatliche und außerdem 526 staatenlose Personen. — Der Magistrat erhöhte den Gas preis von 24 Mk. auf 26,50 Mk. für das Kubikmeter.
auch nur, um das reine Recht gegen die politische Kombination zu verteidigen, so kann cs ihr ballieren, daß sie wegen .Verächtlichmachung der Republik' am Kragen genommen wird, auch wenn ein ehrlicher Republikaner die entrüstete Feder- geführt hat. Und wenn sie sich über solchen Mißgriff beschwert, hat derselbe Dtaatsgerichtshof in Leipzig, den sie angriff, zu entscheiden! Man sieht, es ist irgendetwas nicht in Ordnung an diesem
Aus Stabt unb Land.
Gießen, den 4. Oktober 1922.
Die öffentliche Brotversorgnng.
Nack)! der Neichsverorbnung über die öffentliche Brotversorgung sind nicht mehr versvrgungSberechtigt Personen, bereit steuerpflichtiges Einkommen । für das Kalenderjahr 1921 nach dem Einkommensteuerbescheide für 1921 oder, falls ein solcher bei Feststellung der Dersorgungsberech- tigung noch nicht zugestellt worden ist, nach ihrer Einkommensteuererklärung für die alleinstehende Person 30 000 Mark, für den Haushaltsvorstand 30 000 Mark zuzüglich 15 000 Mark für jeden in dem gemeinsamen Haushalt verpflegten Haushaltsangehörigen überstiegen hat. Das gleiche gilt für Personen, deren Einkommen, ohne.daß eine inländische Einkommensteuerpflicht für das Kalenderjahr 1921 bestand, die obengenannten Sätze überstiegen hat. Wer nachweist, daß sein Einkommen im Wirtschaftsjahre V1922/23 das Vierfache des Einkommens.nach den vorstehenden Sätzen nicht übersteigt, bleibt versvrgungSberechtigt.
Das Kreisamt Gießen veröffentlicht jetzt im neuesten Amtsverkündigungsblatt die Aus- führungSanweisung zu der Neichsverorbnung. Es hecht ba auf Grund der Anordnung des Hessischen Ministeriums für Arbeit und Wirtschaft:
Personen, deren steuerpflichtiges Einkommen für das Kalenderjahr 1921 die unter § 1 der Verordnung über die öffentliche Brot- versorgung vom 8. September d. ZS. festgelegten (oben angegebenen. .D. Red.) Sätze übersteigt, werden aufgefordert, dies bis zum 6. Oktober d. Zs. bei der Bürgermeisterei anzumelden. Dieselben scheiden mit Wirkung vom 16. Oktober d.Zs. auS der allgemeinen Brotversor- gung auS. Etwa über den 16. Oktober 1922 hinaus verausgabte Brotkarten sind von den nicht mehr zum sDezug von Brot aus der öffentlichen Versorgung Berechtigten einzu- ziehen.
„Nie hab' ich dich belogen," verteidigte stch Grete unb schmiegte sich in seinen Arm. „3d> hab' nie behauptet, ich sei bas. die dort sprelte. Du hast mir einfach immer Komplimente gemacht, wie wundervoll ich spiele und ..."
„Unb du hast es habet gelassen, sagte et "(3a, ich dachte mir gar nichts dabei zuerst, denn ich spiele auch Klavier, aber doch nicht so gut, ich kann mich vor dir nie hören lassen. Und weil ich Angst hatte, datz du mich heute auffor* dem würbest, ba . . . wollte ich dir vorher offen sagen . Verzeih' mir'« . . Gell, du bist mir nicht böse, Ernst?"
Und sie sah ihn mit ihren grohen dunklen Augen bittend an.
3n ihm wühlte die EmpöiTung Er fand sich schmählich betrogen. Dewitz, sie hatte ihm nie gesagt, bah sic es fei, die so wundervoll spiele„ Sie hatte zu seinem Lob immer nur gelächelt, schelmisch, boshaft, amüfiert. Und er Narr hatte unter ihrem erleuchteten Fenster gestanden und dem Klavierspiel einer gleichgültigen Person gelauscht.
Ein fader Geschmack blieb ihm zurück. Er zürnte chr nicht, aber es war in ihm ettoa# tief verletzt.
Die ganze Feier, daS üppige Festmahl, die schweren Weine, die fremden geputzten Gäste an der Tafel, alles nahm er hin wie ein Zuschauer ein Schauspiel, das ihn nichts angeht. Grete war liebenswürdig zu ihm wie noch nie, sie suchte wieder gutzumachen. Nach dem Kaffee reichte er chr endlich die Hand: „Es ist gut, Orete, ich bin fertig damit, wir wollen rttcht rnehr darüber sprechen."
(Fortsetzung folgt)


