Nr. 80
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Dienstag, 4. April 1922
Erstes Blatt
<72. Jahrgang-
SichenerAnzeiger
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General-Anzeiger für Oberheffen
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Lloyd Georges Programmrede.
Lloyd George hat im englischen Unterhaus feine angelündigte große Rede gehalten. Da er in einigen Tagen die Franzosen in Genua immerhin noch als treue Verbündete begrüßen muß, war es klar, daß er vorher keine besonderen Schärfen gegen sie hcrvorkehren würde. 2lber fein Programm bleibt dürftig genug; die Welt Hütte sich mehr von ihm versprechen müssen, nachdem er wiederholt die große Dringlichkeit einer schnellen Regelung der WeltwirtschastSsragen betont hatte. Lloyd George läßt heute dem Frankreich PoincaräS mehr „Gerechtigkeit" zuteil wer-- den, als man jemals vermuten konnte. Er gibt ganz einfach zu, man könne von Frankreich nicht verlangen, daß es sein Recht auf Reparationen dem Urteil einer internationalen Konferenz unterbreite. Wohin sind die schönen Ideen und Grundsätze eines allgemeinen Völkerbundes gekommen I Ein solcher darf nur allgemeine Reden produzieren, aber nichts be- schueßen, ja, nicht einmal über eine so wichtige Sache wie die ReparationSfrage, die doch die Interessen aller Völker berührt, auch nur ein bloßes Urteil abgeben! Behutsamkeit, große Behutsamkeit, empfiehlt Lloyd George, Geduld, dazwischen auch „Beharrlichkeit und Stetigkeit", und daS Unterhaus gab ihm mit großer Mehrheit ein Vertrauensvotum. 3n der gleichen Stunde hat auch die französische Kammer einen Beschluß vor der Genueser Konferenz gefaßt und dem Kabinett Poincare den Rücken gesteift. Das alles schließt freilich nicht gänzlich auS, daß in Genua die Geister hart aufeinander geraten und die Weltlage stark beeinflußt wird.
London, 3. April. (WoUf.) Zu Beginn seiner Rede im Untcrhause erHäflte Lloyd George, wenn der Bertrauensankkig abgelehnt werde, müsse Großbritannien in Genua durch eine andere Delegation vertreten werten.
London, 3. April. (Wolff.- Lloyd George hat heute in dem 115 aus den letzten Platz gefüllten Unterhouse feine mit größter Span- tuing erwartete große Rede über die Politit der britischen Regierung aas der Genueser Kow serenz gehalten. Beim Erscheinen im Hause wurde dem Premierminister, der sehr wohl aussah, oon feinen Anhängern eine lebhafte Kundgebung dargekracht. Die Rede Lloyd GrergeZ, in der er die Opposition mit scharfem SarlasmuZ behandelte und seine Politit mit größtem Ernst und Rachdruck vertrat, wurde von deut Haue mit gespanntester Ausmcrlsamkeit verfolgt, ^ie wurde nur ab und zu Lei ironischen Bemerkungen Cc5 Redners an die Adresse seiner Gegner durch tchnl- lendes Gelächter unterbrochen und trug Lloyd George xum Schlüsse lebhaften Beifall ein. Die Rotwendigkett des Friedens in Europa war das Leitmotiv seiner Rede.,
Der Premierminister erklärt, die Genueser Konferenz sei l crufen worden, um di: Probleme des wirtschaftlichen Wrede.auch.rues Europas zu erwägen, das in unerhörter Weit? verarmt sei. Der internationale Handel jei zerrüttet, der Wechselverkehr funktioniere nicht mehr. Große Gebiete, cus denen Eurova Rahruags- mittet und Rehsloffe b zogen tabe, . fden dem Handel verschlossen. Statt an der Wiederherstellung zu arbeiten, feien die Rationen durch Argwohn voneinander getrennt. GroßeRüstun- gen würden aus Mißtrauen betrieben, Die die Lasten der Steuer-zahler noch vermehrten. Die Konferenz von Genua solle die besten Mittel prüfen, um Ordnung in dieses Chaos zu bringen. (Beifall.) Der Abänderungsantrag der Opposition richte sich nicht gegen das Ziel der Konserenz, sondern gegen die Tatsache, daß gewisse Einschränkungen der Tagesordnung vorgenommen seien. Tie Behauptung, daß neue Beschränkr-ngen >iuf der Konferenz von Do u log ne beschlosen wurden, entspreche nbii- ficni- nicht den Tatsachen. Die in C*a nnes festgesetzten Einschränkungen seien seines Erachtens gerecht. Er glr n'. e nicht, daß eine Körperschaft wie die Genueser Konferenz die Revision bestehender Verträge erwägen könne, selbst angenommen, daß dies wünschenswert sein könne. Die wirtschaftliche Lage Europas sei 'besonders berührt worden erstens durch die Frage der neuen Grenzen und zwei ens durch das Reparatwns- prcblem. Die Rcuordnung der Grenzen bestehe in der Hauptsache in der Rückerstattung Elfaß- Lotbringens an Frankreich, die in wirtschaftlicher Veziei, ung eine große Deränderung bedeute, bann fei Polen wiederhergestellt worden und endl.ck, seien die slawischen Bevölkerungen dos Dorrn iligen Oesterreich-Lingams als unabhängig anerfamit worden. Lloyd George sagte, er nehme nicht an, daß irgend ein Mitglied des Hauses wünsche, daß Elsaß-Lothringen an Deutschland zurückgegeben oder daß Polen wieder in Stücke gerissen oder daß das tfchechoflcwak.sche oder das südslawische Volk seiner stl'aöhängigkeit beraubt werde, stln- bestreitbar hätten die Grenzverändemngen neue wirtschaftliche Komplikationen geschaffen, denn die neu entstandenen Staaten hätten naturgemäß den Wunsch. Freih.it in fiskalischer und wirtschaftlicher Beziehung zu genießen. 2Luf der Genueser Konferenz könne also nicht die Frage einer Grenz- revision angeschnitten werden.
Bezüglich des Aussch u fc3 der Reparationsfrage sagte der Premierminister, die Schwierigkeiten in Europa seien zum großen
Teile durch die Eintreibung der Reparationen entsprechend den Verträgen von 1919 verursacht worden. Die eigentliche Schwierigkeit liege aber nicht in den Verträgen, sondern in der Tatsache der etwaigen Wiederherstellung. Wenn man aber den Versailler Vertrag abändere, so sei die, daß Deutschlands schließliche Zah- von Deutschland auf Frankreich, Belgien und England übertragen werden würde, in der Hauptsache aber aus Frankreich. Das sei nicht zulöfiig. Diejenigen die die Verheerungen an- gerichtet hätten, müßten sie auch wiederherstellen. Es habe also Linen Zweck, die Reparationen zu kritisieren: wenn Deutschland nicht zal l', so müßten Frankreich und Belgien dies tun. Es feien jedoch zwei Erwägungen in Betracht zu ziehen, wenn man das Reparationsproblem prüfe. Lloyd George erklärte mit Rachdruck, wenn man jetzt auf Zahlungen bestehe, die die Leistungskraft eines durch den Krieg erschöpften Landes überschritten, so würde dies eine Krisis h.rbeisüh.en, die sich keinesfalls auf Deutschland allein beschränken würde. Die zweite Erwägung sei die, daß Deutschland schließliche Zahlungsfähigkeit nicht nach seiner gegenwärtigen Zahlungsfähigkeit b.urteilt w.rden könne, in einem Augenblick, wo es. wie die anderen Länder Europas, um Wiede.Herstellung von der Erschöpfung des Krieges ringe. Die'e b.iden Erwägungen mühten immer in Betracht gezogen werden, trenn man das Reparationsproblem beurteilen wolle. Die Konferenz von Genua könne diese Frage nicht zweckmäßig beurteilen; sie mühte sie viämehr der durch den Friedensvertrag geschaffenen elastischen Maschinerie überlassen. Frankreich könne nicht auf das Recht verzichten, für das es so teuer bezahlt habe. Es würde nicht fair sein, von Frankreich zu vea:langen, sein Recht auf Reparationen dem .Urteil einer Konferenz z u unterbreiten, auf der Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Rußland und die neutralen Länder vertreten seien. Es sei wichtig, dies von vornherein klarzustellen.
Lloyd George fuhr fort: Unter den Auspizien des Dölkerbu ndes seien zahlreiche Konferenzen abgehalten worden, um die Fragen der Wiederherstellung des Friedens, des Vertrauens, des Kredites, des internationalen Handels ufax zu erörtern. Diese Konferenzen hätten beträchtliche Ergebnisse gezeitigt, wenn sie auch nicht alles erreicht hätten, was sie hätten erreichen sollen. Es wäre aber verkehrt, aus diesem Gi unde von einem Mißerfolg zu sprechen. Mit erhobener Stimme sagte Lloyd George: Wir dürfen uns nicht zu leicht niederdrücken oder enttäuschen lassen: wir müssen Geduld, Beharrlichkeit und Stetigkeit zeigen. Wenn durch eine Konferenz ein Fortschritt auf dem Wege zur Lösung der bestehenden Schwierigkeiten erzielt wird, so hat diese Konferenz ihren Berech- tigungsnachweis gebracht. Ich verstehe nicht, weshalb die Arbeiterpartei gegen die Konferenz ist, da sie doch selbst durch Konferenzen großgezogen wurde. Die Welt ist so zerschlagen, ihre lebenswichtigen Organe sind so schwer verwundet, daß der Heilungsprozeß l a n g s a m von- statten gehen wird und daß die Aerzte zahlreiche Konsultationen, abhalten müssen. In Genua werden die Vertreter von d r e i h i g Rationen versammelt fein. Warum ist die große Versammlung notwendig? Weil Europa durch den Krieg vom Atlantischen Ozean bis zum Ural verwüstet wurdel Einige Länder leiden unter den Folgen des Krieges mehr, andere weniger, aber in Mitleidenschaft gezogen sind alle. Eines der wesentlichsten Probleme, das man behandeln müsse, sei die Wiederherstellung der Maschinerie des internationalen Handels. Die Welt sei eine Handelseinheit. Der Handel Europas sei von der größten Bedeutung für England. Wenn der Handel Europas als Ganzes nicht wiederhergestellt werde, so würden die Kunden Englands nicht in der Lage sein, die Waren, die England liefere, zu bezahlen. Die Tatsache, daß der internationale Handel niedergebrochen fei, berühre daher Großbritannien ganz besonders. Eine der ersten Aufgaben, die in Genua in Angriff genommen tt erben müßten, fei die Frage der Wie- de.Herstellung der Wechselkurse. Vor allem aber sei wesentlich, daß wirklicher Friede unter den Rationen hergestellt werde.
Die Frage des Friedens in Rußland und mit Ruhignd behandelnd, erklärte der Premierminister, Europa brauche, was Ruhland liefern könne. Ruhland habe Arbeiter und brauche Materialien. Es werde jedoch kein Kapital erhalten können, ohne sicheres'' Vertrauen und inneren sowie äuheren Frieden. Eine weitere Erwägung sei die. daß Deutschland nicht die vollen Reparationsforderungen zahlen könne, bevor Rußland wiederhergestellt sei. Rußland müise feine Verpflichtungenanerkennen. Eil Land, das seine Verpflichtung nicht anerkenne, weil es seine Regierung gewechselt habe, sei ein Land, mit dem man nicht verhandeln könne. Ruhland könne nicht sofort bezahlen und niemand erwarte dies. Es mühten unparteiische Gerichte geschaffen werden. Die Angriffe auf die Einrichtungen anderer Länder müßten sofort aufhören. Rußland müsse sich verpflichten, keinerlei aggressive Aktion gegen die Grenzen seiner Rachbarn .zu unternehmen. Lieber die Frage, ob Rußland diese Bedingungen angenommen habe, erklärte Lloyd George, es seien Anzeichen vorhanden, dah in Rußland eine vollkommene Aen- berung der Haltu ng stattgefunden habe. Die H ungersnot habe den Russen die Augen geöffnet und ihnen gezeigt, dah Rußland von seinen Rachbarn abhänge. Rußland brauche Transportmittel, Maschinen und Kleid.i^^äcko.
Wenn unter gewissen Bedingungen ein Friede mit Ru.land zustandekommen könne, werde er natürlich dem Unterhaus zur Genehmigung und Ratifizierung unterbreitet werden. Dies würde keine weitere Anerkennung der russischen Regierung bedeuten, bis das Unterhaus seine Genehmigung dazu erteilt habe. Rach der Genehmigung würden die Stadien der Anerkennung die fein, die nach den meisten Friedeasverträgen angewandt worden sei. Ziemlich allgemein sei der Ansicht Ausdruck gegeben worden, bevor eine zeremonielle bMo- mat:sche Ve tretung zugestande i we de, socke Rußland eine Probezeit auferlegt werden, unne gewisse diplomatische Vertretung auf beiden Seiten sei wesentlich,^ da sonst die Geschäfte nicht wirksam durchgeführt werden könnten. Der Charakter und das Maß dieser diplomatischen Vertretung hänge nicht nur von den Bedingungen ab, die Rußland bereit fei, anzunehmen sondern auch von dem tatsächlichen Beweis, den Rußland von seiner bona fides gebe. Es fei nicht Sache der britischen Regierung, der Genueser Konferenz zu diktieren, es sei jedoch notwendig, dah sie vorher ihre Ansicht in einer so wichtigen Frage darlege. Bevor das Unterhaus die Ratifikation vollzogen habe, könne keiner- l c i Aenderung in der Vertretungsfrage oder in dem Mähe der diplomatischen Anerkennung der russischen Regierung stattfinden. Sobald das Llebereinkoinmen ratifiziert fei, werde das Verfahren dasselbe sein, wie es im Falle Deutschland nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages befolgt worden sei. Man werde dabei in Stadien vorgehen. Es werde, wie dies bei Deutschland der Fall gewesen sei keine volle diplomatische Vertretung mit Rußland festgelegt werden, bevor sich die Mächte davon überzeugt hätten, dah Rußland wirklich versuche, die Bedingungen, zu denen es sich verpflichtet habe, auch durchzuführen. Rußland würde in England durch einen Geschäftsträger vertreten sein und England in Rußland durch einen entsprechenden Beamten bis zu der Zeit, wo volle zeremonielle diplomatische Vertretung möglich fei. 3m Falle Deutschland sei dies zwölf Monate nach ilnter- zeichnung des Friedensvertrages und sechs Monate nach der Ratifikation eingetreten.) Dies wären die Bedingungen, die die britische Delegation in Genua unterbreiten wolle.
Llvhd George schloß mit erhobener Stimme Ich bin der Ansicht, daß wir ein gemäßigtes Verfahren Vorschlägen, ein behutsames, ein sehr behutsames Verfahren. Wir tun unser Bestes, um in Gemeinschaft mit Frankreich zu wirken, mit dem wir vier oder fünf Kriegsjahre Schulter an Schufter gestanden haben. Wir haben bis jetzt unser Bestes getan, um mit Frankreich in gleichem Schritt zu gehen. Bei der Behandlung Rußlands haben wir alle vernünftigen Beoenken gegenüber den Leuten, die alle Gefühle verletzt haben, in Betracht gezogen. Wir wollen jedoch rechtzeitig weise sein. Wir schlagen diese Maßnahmen vor, da wir suhlen, daß das englische Volk dies fordert, dah Europa dies braucht und dah die Welt danach schreit!
London, 3. April. (WTB.) Lloyd George sagte in feifter Rede noch. Wenn wir die Zahlen unseres internationalen Handels prüfen, so sehen wir, dah er im vergangenen Jahre nurbOProzentdesDorkriegswertes ausmacht. Tor internationale Handel Deutschlands ist auf 25 Prozent gesunken, der Frankreichs beträgt 60—70 Prozent, was aber nur auf die Tatsache zurückzuführen ist, daß die Ausfuhr aus dem El aß, Lothringen und dem Saar- gebict Frankreich zu gute kommt. England ist um ungefähr 30 Prozent mehr am internationalen Handel interessiert, als alle anderen Länder. Das Problem der Wiederherstellung des internationalen Handels ist also gine lebenswichtige Frage für das britische Volk.
Heber Rußland tagte Lloyd George noch: Man spricht beständig von großen Armeen in Rußland, die sich daraus vvrbereijen sollen, Europa ?u überfallen, um dort russische Zustände herbeizuführen. Rußland ist heute ein unerforschbares Gebiet. Man farni nicht sagen, was dort Vergeßt. Wenn aber den Kaufleuten Gelegenheit gegeben wird, nach Rußland zu gehen, so werden sie sich klar darüber werden, wie es dort aussieht. Wenn die Gerüchte begründet sind, so werden sie nicht dort bleiben. Diese Gerüchte stellen eine Entschuldigung bzw. eine Rechtfertigung für die Existenz von großen Heeren in anderen Ländern dar. Die Efstk.ivstärke dieser Heere wird niemals herabgesetzt werden, solange in Europa kein Friede herafcht. Wie lange die „Probezeit" Rußlands dauern wird, weiß ich nicht, das hängt allein von Rußland ab. Die Sowjetregierung muß nicht nur ihren gutenWillen beweisen, sondern auch zeigen, dah sie die Extremisten, die gegen die neue Wirtschaftspolitik find, in der Hand hat. Was den Vorschlag betrifft. man solle warten bis die Sowjetregierung verschwunden sei, so meine ich: Das kann sich die Welt nicht leisten. Denn niemand kann ein Datum angebcn, wann dies der Fall fein wird, und auf der anderen Seite weih man nicht, ob inan bei einer neuen Regierung in Rußland nicht auf größere Schwierigkeiten stoßen würde, wie bei der vergangenen. Vielleicht würde die neue Regierung sogar schlimmer fein, als die frühere. Sie würde vielleicht ganz Europa in Brand stecken.
London, 3. April. (WTB.) Rach Schluß der Rede Lloyd Georges brachte der Arbeiterführer O l y n a s den Antrag der Arbeiterpartei ein, in dem der Regierung das Vertrauen verweigert wird. Asquith war infolge einer Erklärung verhindert, sich an der heutigen irr zu beteiligen.
Das Vertrauensvotum.
London, 4. April. (WTB.) Das Unterhaus hat das Vertrauensvotum für Lloyd George mit 374 gegen 94 Stimmen angenommen. Die unabhängigen Liberalen, die Mitglieder der Arbeiterpartei und einige Anivnisten stimmten dagegen.
Ein Vertrauensvotum für Poincar6.
Paris, 3. April. (WTB.) Kammer. Die Debatte über die Interpellationen über die auswärtige Politik der Regierung wurde heute abend beendet. Der Tagesordnung Erlich wurde mit 484 gegen 78 Stimmen die Priorität zuerkannt. Die Tagesordnung lautet: Die Kammer billigt die Erklä- ru ngen der Regierung. Sie vertraut darauf, daß die Regierung auf der Konferenz, von Genua die Rechte und Interessen Frankreichs wahrt unter den Bedingungen und mit Hilfe der Garantien, die im Memorandum der französischen Regierung vorgesehen sind. Die Kammer lehnt jeden Zusatz ab und geht zur Tagesordnung über.
Die Tagesordnung wird schließlich mit er» hobenen Händen angenommen.
Paris, 3. April. (WTB.) 3n den weiteren Kammerberatungen erklärte Poincare auf die Rede eines sozialistischen Abgeordneten: Sie wissen sehr gut, dah seit dem Waffenstillstand und nach dem Inkrafttreten des Vertrages in den Jahren 1920 und 1921 eine ganze Reihe von Konzessionen gemacht wurden, nicht nur in den Zeitfristen für die Entwaffnung, sondern auch hinsichtlich des Cssektivbestandes habe man im Jahre 1921 Konzessionen gemacht. — Qlbg. Tard i e u sagt: Wir sind erstaunt zu vernehmen, dah man Deutschland im Jahre 1921 gestattet hat, 250 000 Mann zu unterhalten statt KO 000. Ministerpräsident Po i n- care erwidert: Ich würde mich über dieses Erstaunen des Herrn Tardieu wundem, wenn ich nicht wüßte, dah dieses Erstaunen erheuchelt ist Tardieu ruft: Ich gestatte Ihnen nicht, Herr Ministerpräsident, das zu sagen. — Poin car antwortete: Also, entweder Sie haben geheuchelt oder Sie liefern hen Beweis einer großen Un- kenntnis. Cs ist in den letzten Tagen be wiesen worden, dah man Deutschland gestattet hat, 250 000 Mann zu behalten. Zedermann wisse, daß neben den regelmäßigen Cffektivbestän- den die Alliierten Polizeikräfte bewilligt hätten Diese Formationen hätten einen militärischen Charakter, und man müsse sie deshalb als eine, Verstärkung des deutschen Heeres ansehen. Man dürfe also nicht mit der Ziffer 100 000 räfonnie- ren, sondern mit der von 250 000. Andrü Tardieu erwidert: Ich habe gefragt, durch welches Parlament diese Vermehrung der Effektivstärke votiert wurde. — Ministerpräsident Poincare erwidert: Gewiß hat es kein Votum gegeben, aber auch keine Interpellation. — Der Abg. Moutet sagt, dieser Zwischenfall sei der eflatante Beweis dafür, daß man das Programm von Genua nicht so eng fassen dürfe, und daß man insbesondere die Frage der EntwafsnungDeutsch- lands chxhandeln müsse. Frankreich dürfe nicht für den möglichen Mißerfolg der Konferenz verantwortlich gemacht werden können.
Gin Beschlust
der Rcparatiousko,«Mission.
Paris, 3. April. (WTB.) Die Repa- rativnskommission hat heute unter gewissen Vorbehalten ihre Zustimmung zu dem bekannten 3. Abkommen über di? deutschen S ach lieferungen sowie zu der Wiesbadener Regelung der Substitutionsfrage erteilt. In der dem „Temps" entnommenen Nachricht wird nochmals bemerkt, dah der belgische Delegierte BemelmanS wegen der Abänderungen, die an dem abgeschlossenen Abkommen vorgenommen werden sollen, noch einmal mit der deutschen Regierung in Berlin verhandeln solle.
Deutsche Verhandlungen für Genua.
Berlin, 3. April. (WTB.) Im Auswärtigen Amt fand heute unter dem Vorsitz des Ministers des Aeuhern Dr. Rathenau unter Beteiligung der zuständigen Ressorts die erste Besprechung mit den für die Konferenz von Genua von der Reichsregierung berufenen Sachverständigen statt. Der Minister dankte ihnen für die Mitwirkung, gab eine Liebersicht über die Vorgeschichte der Genueser Konferenz und skizzierte die Gegenstände, die voraussichtlich dort erörtert würden. Aus Vorschlag des Ministers werden drei Llnterkommissionen der Sachverständigen gebildet, die sich mit den wirtschaftlichen, finanziellen und Verkehrsfragen befassen sollen.
Der elfte Sowjetkongreß^in Moskau.
Moskau, 3. April. (WTB.) Der elfte Svwjetkongreß faßte in seiner Sitzung vom 28. März folgende Resolution:
Der Kongreß billigt die politische or- ganisawrische Linie des ze ntralen E?e- LutivkomiteeS, da diese die Einheit dep


