Ausgabe 
2.12.1922
 
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m. 284 Zweites Blatt

Sitzung der Stadtverordneten.

Gießen, 1. Dez.

> Das 6tabfParlament fand heute nach seiner langen Siyungspause ein außerordent­lich reiches Arbeitspensum vor. Die öffentliche Tagesordnung wies allein 34 Beratung-- punkte auf. Meist handelte es sich dabei aller­dings um Vorlagen, die schnell erledigt wer­den konnten, deren finanzieller Effekt aber keineswegs von untergeordneter Bedeutung ist. Don besonderer Wichtigkeit waren die ersten Beschlüste zur Ausführung des Reichsmietengesetzes, die Zustimmung zu einer neuen Anlage im Gas - und Wasserwerk und die sozialen Dor­la g e n. 3n der Reichsmietengesetzausführung folgte die Mehrheit des Hauses erfreulicher­weise dem Dorschlage der Derwaltung. der auf die größtmöglichste Ersparnis abzielt. Man kann diesem Beschluß nur beipflichten, denn eS ist wirklich nicht, nötig, immer gleich einen Apparat au schaffen, dessen Kosten ins Ungemessene gehen. Daß man für die sozialen Aufgaben wieder eine offene Hand gehabt hat. wird man in der Bürgerschaft allent­halben mit Genugtuung aufnehmen. Aber über diese Fürsorge der Derwaltung hinaus muß sich auch weiterhin die private Gebe- f r e u d l g k e i t kräftig regen, denn die Rot vieler Mitbürger ist groß und sie wächst mit jedem Tage. Hier ist Opfern Pflicht! Möge die Derwaltung auf dem guten Wege der umfassendsten Sozialfürsorge rüstig fort- schreltenl

EineWeihnachtSfreude". die man in weiten Kreisen der Bürgerschaft wohl mit gemischten Gefühlen aufnehmen wirb, st »ll.e der Oberbürgermeister für die nächste StZüng in Gestalt neuer Steuervorlagen in Aussicht. Wie die Vorschläge im einzelnen aussehen werden, entzieht sich 6*3 zur Stunde unserer Kenntnis, aber gewiß ist. daß recht ansehnliche Summen aufgebracht werden müssen. Daß der Oberbürgermeister seiner An-> kündigung der Reubelastungen gleich die Auf- sorderung zur strengsten Ausgabenbeschrän­kung beifügte, bringt einen freundlichen Klang in die herbe Steuermusik. Angenehm be­rührte es jedenfalls, daß heute schon bei Wünschen, die Reuausgaben verursacht hätten, die vom Sparsamkeitswillen diktierte Oppo­sition des Stadtoberhauptes zum Ausdruck kam und eiu warmes Echo im Kollegium aus­löste. Hoffen wir. daß diese Opposition an- hält und sich überall, wo es nötig ist, recht stark geltend macht.

Damit die trockene Beratungsarbeil mal durch einen anderen Ton gefärbt werde, spielte der Stadw. Mann ein wenig auf der politischen Fiedel und sang ein Loblied auf die gänzlich unpolitische, keiner Partei dienendeDarmstädter Zeitung" dazu! Das im sozialistischen Fahrwasser schwimmende Darmstädter Regierungsblatt unpolitisch und überparteilich? Aber, aber! Wie wird man sich in der Redaktion derDarmstädter" über diese Gießener Entdeckung wundern!

SitzungSverlauf.

Anwesend sind Oberbürgermeister Keller, Bürgermeister K r e n z i e n. die Beigeordneten Dr. Seid. Dr. Frey. Dc. Rosenberg, K l i n g s p o r und 27 Stadtverordnete.

Vor Eintritt in die Tagesordnung stellt Stadw. Mann den Antrag, zwei Vorlagen der nichtöffentlichen Sitzung öffentlich zu verhandeln. Zur Devatung dieses Antrages schließt der Vor­sitzende für kurze Zeit die Oeffentlichkeit aus. Der Antrag hat offensichtlich nicht den vom An­tragsteller gewünschten Erfolg gehabt, denn die öffentliche Tagesordnung wird in unveränderter Form erledigt.

Rach Wiederherstelluna der Oeffentlichkeit geht das Haus an die reichhaltige Tagesordnung.

Stadtv. Aug. Schwan

wird vom Vorsitzenden in das Amt emgeführt und in üblicher Weise verpflichtet

Die Herrveghs.

Eine rechtsrheinische Geschichte von L t e s b e t Dill.

51. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Warum haben Sie sich denn über die Ver­wendung Ihres Geldes nicht mit Herrn von Herwegh selbst verständigt?" fragte die ruhige Stimme des Vorsitzenden.

Die Augen der Witwe begannen zu funkeln. Weil er nie da war!" rief sie.Wenn man ihn mal zu fassen kriegte, hatte er schon den Reise­mantel an und den Fuß auf dem Trittbrett vom Wagen. Einmal hatte ich ihn im Hausflur er­wischt, aber er hatte kaum zugehöN.Das be- fpicdym Sie ebensogut mit Herrn Gimpel." Ja. Prost. Der ließ einen antichambrieren, der Hund durste nicht mal mit herein. Einmal hatte ihm jemand auf den Fuß getreten, daß er lange lahm ging ich meine den Hund, well ich ihn braufien anbinden muhte. Der hatte ja gar keine Ma­nieren, aber Herr Herwegh war immer höflich, er war freundlich gegen Mensch und Tier, und der Hund durste aufs Sofa. Er war auch gegen die Vivisektion."

Der Vorsitzende durchblätterte ein Aktenstück, das ihm der zweite Vorsitzende hinreichte.

6ie haben also Herrn Gimpel Vorwürfe gemacht, daß er Ihr Geld nicht sicher genug an­legte, und ihn beauftragt, rheinische Industrie- Papiere zu nehmen. Warum sollten es denn keine Eppcnhausener sein?"

Aber die hat er doch nur mir zum Tort genommen," sagte die Witwe, der es unbegreif­lich schien, daß ein* Richter das nicht verstehen konnte.Diese ganzen Machinationen waren nur ein Gaunerstück von Gimpel. Er hat mich Somit hcreinlegen wollen, das ist doch klar, denn die Fabrik stand damals fdjon wacklig, und als ich es hörte, fuhr ich gleich aus Schlangenbad hierher."

Siehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Wohnhauskolonie der Baugenossen­schaft.

Der Umwandlung der Baukostenvorschüsse für die DohnhauZkolonie der Baugenossenschaft an der Licher Straße in eine hypothekarisch zu sichernde Anleihe stimmt die Versammlung glatt zu. Es handelt sich dabei um eine Summe von rund 2 050 000 QEL

Der Beitrag zu den Kosten her Forst- derwa(t u ng

für das Jahr 1921, den die Stadt als Gehalts- anteil für die Fvrstwarie zu zahlen hat, beläuft sich auf 20 322 Mk. Don der gesrisiich mög­lichen Abwälzung eines Seil betrage» auf in Be­tracht kommende Privatbesitzer wird abge'ehen, da es sich bei diesem Teilbetrag nur um 20,50 Mk. handelt.

Höhere Mädchenschule.

Gemäß Verfügung deZ Lan e.'blldun^samtes ist der Voranschlag der Höheren Mädchen­schule für 1923 im Juli dieses Jahres auf- gestellt worden Die Berechnung gilt für die Zell vom 1. April 1923 bis 1. April 1924 Die Aus­gaben, die nur die persönlichen, aber nicht auch die sächlichen Kosten umfassen, belaufen sich nach dem Voranschlag auf 2 03Z 645 Mk.. die Einnah­men aus Schulgeld auf 242 243 Mk. Das Defizit macht also 1 790 397 Mk. aus. Davon entfällt die Hnlfte auf die Stadt, also 895198,50 Mk. Durch die m t le toe le e ngetretene starke Geldentwertu igsind diese Ziffern längst überholt, man könne, toic Bei­geordneter Dr. Seid sagt, an jede Ziffer, mit Ausnahme der Einnahmen, ruhig eine Rull an­hängen. Der Voranschlag werde, nachdem das Haus jetzt Kenntnis genommen, weitergegeben, es werde aber darauf aufmerksam gemacht wer­den. daß die Ziffern mittlertoeile weit überholt sind.

Schulhaus Reu st ad t.

Bauliche Herstellungen im Schulhaus Reustadt bezwecken die Herrichtung eines Aufenthaltsrau- mes für den Lehrer der dort zur Zeil untergebrach­ten Knaben-Fortbildungsschule. Die Arbeiten such schon in der Ausführung begriffen. Die Kosten sind auf 100000 Mark berechnet. Das Kollegium stimmt zu. Auf eine Frage des Stadtv. Kling, ob nicht das Militärlazarett in absehbarer Zeit für Schulz wecke in Aussicht genommen werden könne, sagt Oberbürgermeister Keller eingehende Prü­fung dieser Angelegenheit durch Die Verwal­tung zu.

ZweiKonfirrnandensäleimHause Kirch st raße 9

sind zur Benutzung durch die Mädchenschule ge­mietet worden. Für Miete, Reinigung und Be­dienung der Heizung ist ein Betrag von 5000 Mk. vereinbart worden. Wird genehmigt.

Vertrag mit der Müllerschen Badeanstalt.

Im Sommer ist ein Vertrag mit der Müller­schen Badeanstalt abgeschlossen worden, nach dem auch den oberen Klassen der Mädchenschule die Mögsichkell gegeben ist. die Anstalt zu benutzen. Don dieser Vergünstigung ist Gebrauch gemacht worden. Die Kosten belaufen sich auf 1500 Ma ick. Auf die Anregung, diese Vergünstigung im näch­sten Sommer auch der Höheren Mädchenschule durch entsprechende Abmachungen zu verschaffen, weiden von

Oberbürgermeister Keller neue kommunale Steuern angekündigt.

Er weist darauf hin, daß die finanzielle Lage des Reiches sich allmählich doch recht kritisch ge­staltet habe. Die hessischen Städte hätten sich fd>on mit RachtragSvoranschlägen beschäf igt. In Offen­bach solle die Gewerbesteuer auf 15 Mark erhöht werden Darmstadt plane, die Haus- und Grund­steuer auf 18 Mark zu erhöhen. Auch in Gießen werde man noch In diesem Monat neue Einnahmen In hohem Maße zu beschließen haben. In der nächsten Sitzung würden entsprechende Vorschläge gemacht werden. Da sei es dringend nötig, die Ausgaben einzuschränken, wo es nur gehe, man dürfe mit den Ausgaben nicht aufbaum, sondern es müsse abgebaut werden. Anträge, die eine finan­zielle Belastung der Stadt zur Folge hätten, könn­ten keineswegs verwirklicht werden. Stadtv. Dr. Krausmüller schließt sich dem Standpunkt des Oberbürgermeisters an, bittet aber, nicht bei den Dingen abxubauen, die der Doltogesundheit bie­nen; sonst könne energisch abgebaut werden. Hier­auf wird der Antrag der Verwaltung ange­nommen.

Gewerbliche Fortbildungsschule.

Die Knaben-Fortbildungsschule mußte in der kaufmännischen und gewerblichen Abteilung we­sentlich erweitert werden. Die gewerbliche Ab-

Itcihmg bedarf zu ihrer Ausstattung verschiedener Möbel, für die ein Kredit von 140 (XX) Mack an­tragsgemäß bewilligt wird. Stadtv. Vetters bemängelt bei dieser Gelegenheit einen Beschluß der Schuldeputatton, nach dem die beiden hie» llgen Zeitungen und die .Darmstädter Zeitung" nicht mehr im Lchrerkonferenzzimmer aufgelegt werden sollen Er ersucht um Beschlußfassung, daß diese Zeitungen auch wellerhin aufgelegt wer­den, weil die Lehrer aus ihnen mancherlei für den ilnterridjt entnehmen könnten. Im Verlaufe der Debatte wird von dem Stadtv. Müller erklärt, politische Zeitungen gehörten nicht in eine Schule. Aus den beiden hiesigen Zeitungen werde nur der heimatliche Teil zu ttnterrichtszwecken heran- gezogen. Für die in derDarmstÄ>ter Zeitung" enthaltenen Bekanntmachungen habe man doch das Amtsverkündigungsblatt. Daraus wird von den Stadtv Mann und Simon dem Beschluß eine politische Deutung gegeben; er richte sich gegen die .Darmstädter Zeitung", die wie Stadt­verordneter Mann erklärt, das Organ der Re­gierung sei. und da werbe doch feine Parteipolitik gemacht; wenn ein amtliches Organ herausgegeben werde, könne man nicht von einer politischen Zei­tung sprechen; die .Darmstädter Zeitung" tonne nicht der einen oder der andern Partei untertänta fein. Die Stadw. Dr. Krausmüller und Kling weisen die Unterstellung einer Beschluß­fassung aus politischen Gründen zurück. Die Schul­deputation habe sich bei ihrer Beschlußfassung lediglich von Sparsamkeitsrücksichten leiten lassen; den .Gießener Anzeiger" halte doch wohl jeder und auch die .Oberhessische Volkszeitung" sei ja erreichbar. Da sei es doch nicht nötig, der Stadt noch einmal 15 000 Mark für ZeitungSabonne- ments auszuladen, heute werde dieser Betrag übrigens noch höher sein. Die .Darmstädter Zei­tung" sei ja früher auch RegierungSorgan gewesen und doch habe keine Stelle die Verpflichtung ge­habt, sie zu halten. Der Beschluß richte sich in keiner Weise gegen die ..Darmstädter Zeitung", er verfolge lediglich die Sparsamkeit.

Ausführung des Reichsmietengesehes.

Beigeordneter Dr. Seid erläutert die Vor­lage und schlägt vor, der Einrichtung von Haus- konten zuzustimmen, dabei jedoch Häuser mit we­niger als drei Mietwohnungen von der Konten- einrichtung zu befreien. Dieser Vorschlag geht i*on der Erwägung aus, die Arbeit so­weit wie möglich zu beschränken, damit Kosten gespart werden. Stadtv. Mann beantragt, die Freistellung von der Konteneinrich'ung nur auf Häuser mit weniger als zwei Mietwohnungen zu gewähren Rach längerer AuZsprachr klärt sich die Situation dahin, daß man vorläufig dem Vorschläge der Verwaltung (also keine Haus­konten bei Häusern mit weniger als drei Miet­wohnungen) entsprechen will, eS aber für später sich vorbehält, dem vom Stadw. Mann ver­tretenen Standpunkt auch noch Rechnung zu tragen. Demgemäß wird gegen die Vertreten der Linken beschlossene Die Hau Konten werden bei der Stadtkasse eingerichtet. HauZtonten sind, wie Beigeordneter Dr. Selb auf Anfrage deÄ Stadtv. W i n n erklärt, nur für die Häuser zu führen, in denen gesetzliche THiete gezahlt wird, nicht aber für die Häuser, wo die Miete auf freier Vereinbarung beruht; wird in einem Hause der letztgenannten Art aber auch nur eine gesetzliche Mietregelung getroffen, dann ist die Hauskonteneinrichiung erforderlich. Eine OriS- sayung über die Hauskonten einrichtung wird gleichfalls genehmigt.

Sine AbhitzungSverwertungsanlage Im GaS- und Wasserwerk

wird genehmigt. Die Anlage soll dazu dienen, den Dampf des GaswerkkesselS für die verschie­denen Leistungen des Kessels auSzunuhen. Die Derlin-Anhaller Mafch.-Gef. soll die Anlage er­richten. Kostenpunkt 2/4 Millionen Mark Davon sollen l3/< Millionen aus den Betriebseinnahmen und 1 Million aus dem Erneuerungsstock des Gaswerks gedeckt werden.

Für die W in terbei hilf en werden zu den Im September schon bewilligten 500 000 Mark weitere 315 000 Mark genehmigt, da eine solche Fülle von älnterstühungsanträgen eingegangen ist, daß die halbe Million vom Sep­tember nrcht ausreicht.

Dem Verein für Innere Mission wird zur Beschaffung von Winterkartoffeln für die Herberge zur Heimat ein Darlehen von 60 000 Mark gegeben.

(Der Schluß des Berichts folgt in unserer Montag-Ausgabe. D. Schriflltg.)

Samstag, 2. Dezember (922

Aus Stabt unb Land.

Gießen, den 2. Dez 1922

Der Wert der Sachbezüge ist für die Landgelsteinden des Kreises Gie­ßen mit Wirkung vom 1. Juli an wie folgt festgesetzt worden: Bolle Tageskost für männ­liche und weibliche Personen 80 Mk.; Iah- reskost mit Wohnung. Brand und Licht für männliche und weibliche Personen 18 000 Mk. Ferner auf das Jahr berechnet, a) Einzelzim­mer 400 Mk-: b) Familienwohnung (2 Zim­mer mit Zubehör) 800 Mk.; c) Heizung: für Einzelpersonen 1000 Mk^ für eine Familie 3000 Mk.; d) Beleuchtung, für Einzelperso­nen 250 Mk-, für eine Familie 500 Mk. Der Wert anderer Sachbezüge wird von Fall zu Fall festgesetzt. Abweichungen von obigen Festsetzungen in besonderen Fällen bleiben Vorbehalten.

Keine Tanzbelustigungen während der AdventSzett. Das KreiSamt gibt bekannt: Am Borabend des ersten AdverrtS. sowie während der ganzen AdventSzeit werden wir Erlaubnis zu öffent­lichen Tanzvergnügen, mit Ausnahme der in dieselbe fallenden Werktage, nicht erteilen. Nur bei geschlossenen Gesellschaften werden wir unter umständen hiervon abwcichen.

** Der Höch st betrag für Post» auf träge zur Geldeinziehung. Postprv test­aufträge und Nachnahme,endungen wird vom 1. Dezember an von 30 000 Mk. auf 150 000 erhöht.

* Vom Finanzamt wird ums geschrie­ben: Rach hierher gelangten Mitteilungen sollen In Einzclfällen beim Steuerabzugsversahren die kürzlich in verschiedenen Zeitungen veröffentlichten erhöhten Sätze der steuerfreien Teile in Anwen­dung gebracht worden sein Es sei deshalb dar­auf hingcwiesen, daß es sich bei den veröffent­lichten Zahlen um einen Gesetz«nttourf handelt, der zur Zeit dem Steuerausschuß des Reichstags zur Beratung vorliegt. Nach wie vor sind daher die seitherigen Sähe in Anwendung zu brin­gen. Sobald der vorliegende Entwurf Gesetzes­kraft erlangt, erfolgt Bekanntmachung in den Tageszeitungen.

* Qteue ErhöhungderMargarine Preise. Der QHargarincterbanb hat mit Wir­kung von baute seine P leise für sämtliche Mar- garineforten um 170 Mk. Pro Psund, die für Pflanzenfett um 185 Mk. pro Pfund erhöht.

Kreis Büdingen.

X Stockheim, 30. Nov. Gestern nach­mittag fand hier eine außerordentliche Hauptversammlung des Ob ft» und GartenV'vuvereins für den Kreis Büdingen statt. Die Berfammlung beschäf­tigte sich in eingehender Aussprache mit der Frage des Weiterbestehens des Ber- einS, seiner Zeitschrift und der Erhöhung sei­ner Mitgliederbeiträge. Die Aussprache ergab den einstimmigen Beschluß, den Derein un­ter allen Umständen zu erhalten, den Beitraa für 1923 auf 50 Mk. au erhöhen und die Zeitschrift jeder einzelnen Ortsgruppe in einem oder mehreren E/emplaren dafür zu liefern.

Starkenburg und Rheinhessen.

Mainz, l.Dez. (Wolfs.) Laut bischöflicher Verordnung wird am kommenden Sonntag in den Gottesdiensten eine Donifatius-Gedenk- feier abgehalten zur Erinnerung daran, daß Bonifatius vor 1200 Jahren in Rom den Dischofs­hut empfing und seinen Sih In Mainz nahm.

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»Das Jpar an dem Tag, a[ß Sie zu Herrn Ehrlich gingen und die Sache zur Anzeige brach­ten?" fragte der Vorsihetche über den Aktenberg gebeugt. Endlich war man an diesem Punkt angelangt.

Jawohl. Erst versteckte er sich und Her- wegb war auch nicht da, aber sie hatte sich ins Cafe Tannhäuser gesetzt und gewartet, bis Gimpel zum Essen ging. Dann hatte sie ihm ins Gesicht gesagt, daß er ein Betrüger sei And da wurde er auch noch frech.Ich formte Gott danken, wenn sich ein Mensch meiner verworrenen Geschichten annähme. Jede Woche käme ich wegen meiner paar Kröten angewalzt, ja, den Ausdruck hat er gebraucht. Dun, baß brauch' ich mir nicht sagen zu lassen. Ich hab' mein Geld nicht auf der Straft? gefunden tote Herr Gimpel. Dein, erlau­ben Sie, daß ich auch mal etwas sage, denn ich muß das tagen," setzte sie, krebsrot vor Zorn, hinzu, da ihr der Vorsitzende abtotntte.Dieser Mensch hat einfach über mein Geld verfügen wollen, tote es ihm paßte, um seine dunklen Ge­schäfte damit zu machen. Lind er hat nicht allein mich betrogen, sondern auch den armen Herrn Pvn Herwegh. Er tat ja, als wenn er ein König­reich au verwalten hätte. Dun, dann stoß ich sie ab," sagte er und dabei versetzte er dem Hund einen Tritt, und das Tier konnte doch nichts dafür." Ihre Stimme brach.

»Sie bestanden also auf sofortiger Auszah­lung, weil Sie fein Vertrauen mehr zu der Her- weghschen Verwaltung hatten."

215er Herr von Herwegh hat doch mit der ganzen Sache nichts zu tun! rief Frau Rumpf »Der hatte den Kopf voll und tonnte auch nicht alles alleine machen. Es ist nur der Gimpel, von dem hier die Rede ist."

Weshalb wollten Sie denn Ihr Geld so Plötzlich wieder haben, nachdem Sie es jahrelang bei Herwegh liegen liehen?"

Die Witwe warf den turbangeschmückten Kopf zurück, daß die Federn zitterten. Sie sah aus

wie eine Mohrenkönigin, ihre Augen blitzten. Ich wollte dem Gimpel einen Tori antun, sagte sie.Er hatte mich hereingelegt, und da wollt' ich ihm auch einmal ein Bein stellen, über das er stolpern sollte. Gegen Herrn von Herwegh hab' ich nichts" suhr sie fort,und wenn ich geahnt hätte, daß meine Qlrueige diese ganze Geschichte nach sich ziehen würde, ich hätt' mir lieber die Zunge abgebissen, denn ich bin ihm viel Dank schuldig." .Unb sie begann laut zu weinen.

Das fängt ja gut an, dachte der Lümmel. Da ihn das Weib vor ihm sehr beengte, hals er sich dadurch daß er ihr die Spitze seines Regen­schirms auf hie Hacken setzte. Darm sagte sie jedesmal:Au, drücken Sie doch nicht so."

Frau Rumpf wurde von dem Gerichtsdiener auf ihren Platz zurückgeführt, ihr Schluchzen füllte den Saal, während die nächte Zeugin vereidigt wurde.

Es war eine hagere, brünette Witwe in Trauer. Sie trug über ihrem nußbraunen Scheitel ein hochgetürmtes Gebäude von Kreep, das ihr vor Aufregung nach hinten gerutscht war und ihr das Aussehen einer Löwenbändigerin verlieh.

Die Bierbrauereibesiherswitwe Schnabel klärte zunächt den Irrtum auf, den chre erste Vernehmung erweckt hatte. Herwegh hatte ihr zwar versprochen, ihr Gell» in Hypotheken anzu­legen, und zwar solche zu sechs Prozent und dabei sicheren. Auf meinem Ackerland krieg' ich kaum viel und man hat ewig den Aerger, daß die Leute den Zins nicht zahlen, und auf der Sparkasse geben sie nur drei und sind außerdem noch grob. Ab' r Herwegh war immer nett und tonnte einem alles so gut erklären mit den Aktien. Ich ver­stehe nämlich nichts von Papieren," sagte die Witwe Schnabel,und habe oft meine eigenen Coupons vergessen abzutrennen, und einmal hab' ich auch die Ecken mit abgeschnitten, so daß sie nachher ungültig waren."

Warum gaben Sie das Geld nicht lieb« einem Bankier?" fragte der Vorsitzende.

Das wollle ich nicht, ein offenes Konto war mir nicht geheuer, und mit einem Safe ist man verraten und verkauft" Da war ihr das ja paniert mit den abgeschnittenen Ecken. So war sie beruhigt nach Italien gereist, nachdem sie Herwegh Ihr Geld übergeben hatte Unb sie hatte die Zinsen Immer bekommen, bis die Un­regelmäßigkeiten einseh ten.

Warm war das?"

Die beiden letzten Jahre hauptsächlich."

Wieviel haben Sie beim im ganzen ein« gebüßt?"

Ich habe eigentlich gar nichts eingebüßt" sagte die Witwe Schnabel.Ich hab' bas Geld nur unregelmäßig klommen, und in Neapel ist es ganz ausgeblieben, aber das lag nur an der Pension, die war noch neu, unb die Zimmer hatten noch keine Nummern, unb der Mann verstand kein Deutsch."

Der Richter blickte in die Akten.Sie haben aber das erstemal hier ganz anders ausgesagt, damals sprachen Sie von dem Angeklagten als einem Gauner."

Di« Witwe warf einen entsetzten Blick auf ben Angeikigten. der starr unb gleichgültig vor sich hinblickte, als sei er taub.Herr Präsibent ich toar aufgeregt, weil ich bachte. es sei alles verloren. Natürlich wäre es mir lieber geaxefen, man hätte mir das Gelb auf eine sichere Hypothek gelegt, als es in diese Ziegelei zu stecken, ohme daß ich es wußte."

Der Verteidiger bat, etwas sagen zu dürfen

Das ist nicht richtig, was Sie 5a behaupten,' fuhr er, gegen die Dame in Traue- gewandt, fori, .daß man Ihnen von der Verwandlung Ihres fluffigen Geldes in Eppenhänfener 21 ftten nichts geschrieben haben soll. Es liegt eine Kopie eines solchen Briefes bei den Akten. Das Geld sollte in der Fabrik untergebracht werden, wenn Sie nichts dagegen hätten. Auf diesen Dries traf keine Antwort ein, unb es wurde also gemacht"

(Fortsetzung folgt)