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Nr. 152

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Erster Blatt

172. zahrgang

Samstag, Juli 1922

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberhefsen

vruck und Verlag: Vrühl'sche Univ.-Vuch- und SLeindruckerei R. Lange. Schnftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstratze 7.

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Wvchenrückrblick.

Die tiefe Tragödie dieser Woche ver­schlinget nochdes Tages lieblichen Schein". Das Dunkel um die Mörder Rathe- nauS hat sich schnell gelichtet; wir empfin­den mit einer gewissen Erlösung das Nahen der Sühne. Volle Aufklärung der Tat bis in ihre Letzten Ursprünge ist die erste Voraus­setzung für die Beilegung des politischen Stur­mes, der uns noch umbraust. Hat man die Mörder und ihre Mitschuldigen erst ersaht, dann wird das erregte Volk mit Ruhe und Geduld abwarten, was sich aus der Unter­suchung ergibt. Auch die erhitzten Parla­mente 'werden dann hoffentlich keine überstürz« ten Beschlüsse fassen und die neu zu schaffen­den Sicherungsverordnungen den Umständen airpassen, unter denen so Gräßliches auf­wuchern konnte.

Die ersten und notwendigsten Folgerun­gen liegen schon greifbar vor und. Die drei Mörder sind jugendliche Personen, aus­gewachsen und irregeleitet in den Leidenschaf­ten einer ungezügelten politischen Agitation. Der und was treibt sein Spiel in jenen ver­derblichen Geheimorganisationen, denen man erfreulicherweise jetzt gründlich auf die Spu­ren gekommen zu sein scheint? Das sind in der Tat politisch entartete Menschen, denen Staat und Gesellschaft das Handwerk gründlich le­gen müssen. Ihre -Grsinnungsverwandtschaft mit der am ^weitesten rechts stehenden Par­tei? Man muß sie doch erst einmal vor den Schranken haben, um aufzuhellen, wo­her sie kommen und wes Geistes Kinder sie sind. Der Reichskanzler hat in seiner letzten großen Reichstagsrede manchen guten Satz ausgesprochen, den man unterschreiben lann. Darunter sagte er auch:Ziel und Rich­tung unserer Politik ist die Rettung der deut­schen Ration. Die Methode, meine Da­men und Herren, die ist strittig." Run wohl, vielleicht haben die jungen Mörder in Ziel unu Lichtung ihrerPvlitkk" manche Reberemstimmung gehabt mit der deutsch- nationalen Partei; ihre verbrecherische Me­thode und verirrte Sinnesart jedoch mag ge­boren sein in den psychischen Wirrnissen, die der Krieg geschaffen, in der Verzweiflung und den Enttäuschungen, die der Kanzler selber so beredt und treffend herleitete aus der Ge­waltpolitik der alliierten Staatsmänner.

Diese grauenhafte Methode dsr Gewalt muh zweifellos fortan, wo man sie auch fin­det, nicht nur durch neue gesetzliche Verord­nungen, sondern Mch durch eine rege Aufklä­rung scharf bekämpft werden. Denn sie ist, wie wir mit Schrecken sehen, gefährlich vorgeschrit­ten. Es genügt nicht, bloß den Trennungs­strich zu Ziehen, wie es die Deuischnativnale Dolkspartei wiederholt tut in den Ju­gendorganisationen dieser Partei wird ein besonnener und wachsamer Geist ein- kehren müssen, der es beizeiten verhindert, dah die Aufwachsenden auf falsche Dahn ge­raten. Es darf kein oberflächlicher nationaler HurrahpatriotiSmuS großgezüchtet werden. Die Probleme sind zu ernst und zu schwierig, als daß man alles Anheil der Zeit kurzer­hand der heute herrschenden Republik auf die Schultern werfen könnte. Anmaßender An- reife zu begegnen, ist immer unerfreulich; wb sich'S dabei um Jünger der Monarchie, oder nm Schildknappen der Republik handelt, ist gleich, älrid nicht Parteifanatiker tun dem neuen Deutschland not, sondern Träger des Gedankens einer gesunden und notwendigen Volksgemeinschaft.

Wir haben aber beklagenswert« Dinge in den letzten Tagen erlebt, die das Ziel einer Volkseinigung fast wieder ganz verschüttet haben. Wäre mehr Zurückhaltung geübr wor­den, so hätten jetzt die von der Polizei auf- gedeckten Latumstände ganz tn>n selbst und mit unabweisbarer Gewalt die Herzen und die Geister auf das, was not tut, hingelenkt. Der Mord fordert volle Sühne; alle daran direkt oder indirekt Beteiligten, denen das Gericht Schuld nachweisen kann, trifft un­barmherzige Strafe. Bei der großen Zahl der dafür anscheinend Ermittelten haben wir ein Tribunal vor einer ungeheuer tragischen Verwicklung zu erwarten. Daran wer­den sich die Wogen einer unsinni­gen Volksleidenschaft brechen, man wird über Schuld und Sühne die Konsequenzen, finden und halbwegs zu Duldung und Ver­ständigung kommen. Aber der Reichskanzler Dr. Wirth hatte am Schluß seiner Rede ganz unvermtttclt und allgemein erklärt:Der Feind steht rechts!" Das war ein Kampfruf, der nichts Gutes wirken, nichts Schlimmes ver­hindern konnte, aber die Atmosphäre ver­schlechtern mußte. Wenn heute die Berliner Polizei mitteilt, daß dieselbe Mörderorgani- satton weitere bestimmte Schreckenstaten ge­plant habe, so werden diese wohl durch die Wachsamkeit der Behörden, nicht jedoch durch Aufpeitschung der Leidenschaften verhindert

werden. Inzwischen hat der in der Twfe drohende Vulkan, von dem der Reichskanzler gesprochen hat, vielfach Verderben aus- gesp'ieen, und es scheint fast, als hätte gar manche Volkskundgebung im Reiche das pro­phetische Wort des Herrn Wirth recht hand­greiflich erfüllen wollen. Was in den Parla­menten vorausging, war schon nicht vielver­sprechend. 3m Grunde konnte man das Lin- vermeidliche kommen sehen. Der Feind steht rechts? Also den Finger drauf, da schla­gen wir ihn und so kam es bei den Kund­gebungen für die Republik, deren Ansehen dl^ch gestärkt und gefestigt werden sollte, in vielen deutschen Städten zu gräuelvollen Aus­schreitungen und Gemeinheiten.

Ganz besonders gibt der Aufruhr in Darmstadt zu denken. Eine Szene von so mittelalterlicher Roheit, wie sie der Abgeordnete Dingeldey erleben mußte, als unmittelbare Folge einer edel ge­dachten demokratischenAufklärung"? Herr Dr. Strecker ist ein großer Schönredner^, aber er kann uns ganz gewiß nichts Schönes daraus aufbauen, dah nach seiner Rede auf öffentlichem Markt eine Schar seiner Zuhörer die Wohnung seines alten Gegners stürmte, um diesen aufzuhängen. Vielleicht wollte er eine so weitgehende Wirrung gar-nicht aber sie stellte sich doch ein, und der Faden des Zusammenhangs ist hier doch mit Händen zu greifen. DieFrankfurter Zeitung" bringt heute einen Artikel von Dr. Sttecker über die Ausschreitungen in Darmstadt, die erbe­dauerlich" nennt, zugleich aber alspsycho­logisch verständlich" bezeichnet, weil die rechts­stehende .Presse jahrelang gegen die Mitglie­der der republikanischen Regierung gehetzt hätte. Die Wirkung feinereignen zündenden Rede will Dr. Strecker offenbar diesmal nicht hoch einschätzen, älns scheint, daß die ein­fachen sozialdenrokrattschen Arbeiter, von denen der Abgeordnete Dingeldey berichtet, daß sie ihn mit eigner Lebensgefahr gegen den Pöbel zu decken versucht hätten, mehr Edelmut und mehr pvlittscheu Gerechttgkeits- sinn gezeigt haben, als der einstmalige Präsi­dent des Landesbildungsamtes. DerVor­wärts" findet, wie torr heute lesen, bessere und eindringlichere Worte, um vor so bru­talen, die Snteressen der Republik schädigen­den Ausschreitungen zu warnen als Dr. Strek- ker und dieFranks. Ztg.", die die Darm­städter Vorgänge mit einem unverkennbaren Gefühl der Genugtuung behandeln . .

Der hessische Minister des 3nnern, von Brentano erklärte, wie wir berichtet haben, in einem Aufruf an die stürmisch erregte Darmstädter Bevölkerung, daß gegen die Tä­ter Sttafverfolgung fm Gange sei. Wir hoffen, daß die Behörden das Attentat gegen Dingel­dey nicht anders behandeln werden als das gegen Scheidemann und daß auch hier Be­lohnungen ausgesetzt werden für die Ergrei­fung der Schuldigen. Freilich, eine nicht un- erhebttche Mitschuld scheint auch die Regie­rung selbst zu treffen, denn sie ließ die stun­denlangen Gewaltszenen geschehen, ohne in wirksamer Weise Polizeikräfte dagegen einzu­setzen. Die Darmstädter Vorfälle werden auch im Reichstag eine eingehende Behandlung erfahren, und dabei muß es sich klären, wie weit die neuen Rowerordnungen nicht nur für rechts, sondern auch für links in Geltung treten. Die vom bayrischen Ministerpräsiden­ten Grafen Lerchenfeld bereits nachdrücklich vorgebrachten Bedenken müssen mit gutem Willen und leidenschaftslos geprüft-und be­rücksichtigt werden. CS ist der Sinn der Wei­marer Verfassung, dah die Länder mitzuwirken haben, wenn die Grundlagen der Reichspolittk verändert werden sollen. Wir wollen eine innere Politik friedlicher Verstän­dig ü n g auf dem Boden der auf lange Zeit hinaus unantastbaren, höchstens einmal durch demokratischen Mehrheitsbeschluß zu ändern­den Verfassung, und darum sind wir der Mei­nung, daß der Reichskanzler recht bald auch mit der Rechten, zu der ja nicht nur die Dcutschnativnalen gehören, seinen Frieden machen sollte, indem er ihren Zielen und ihrer Richtung die gleiche Achtung und Duldung einräumt, die er für seine eigene Politik in Anspruch nimmt.

Emberufurrg des hessischen Landtags.

Darmstadt, 30. Zum. Der Zusam- menttitt deS Landtags wird nunmehr am Dienstag, den 11. Juli, stattfinden. 3m Finanzausschuß deS Landtags war von einem Vertreter der sozialdemokratischen Partei der Antrag auf sofortigen Zusammentritt des Ple­nums zu einer politischen Aussprache gestellt worden. SäMlliche Vertteter der übrigen Par­teien sprachen sich gegen den.alsbaldigen Zusammentritt aus. Auch die Deutsche Volks­partei, welche an der Besprechung nicht teil­nahm, hat in einer Erklärung auf die s o - fertige Einberufung verzichtet.

Die Ernennung der Mitglieder des LLaaLsgerLchlshoses.

Berlin, 30. Zuni. (WTB.) Der Reichs­präsident hat zu Mitgliedern des Staatsgerichts Hofes zum Schuhe der Republik ernannt: Den Senatspräsiüenten beim Reichsgericht Dr. Hagens als Vorsitzenden, den württembergischen Gesandten in Berlin, Hil- denbrand, den Reichstagsabgeordneten und Ver- bandsvorsihenden Haeckel in Derlin-Grünau, den Schriftleiter Erkelenz in Derlin-Baumschulenweg, Reichskanzler a. D. Fehrenbach, sowie die Reichs­gerichtsräte Sonn und Dr. Baumgarten. Als Stellvertreter wurden ernannt: Der Se­natspräsident beim Reichsgericht Dr. Schmidt, der Reichstagsabgeordnete Reichsminister a. D. W i s s e l l, Verbandsvorsitzender Brandes in Stuttgart, Schriftleiter Zoes aus München- Gladbach, sowie Reichsgerichtsrat Zeiler. Fer­ner sind als stellvertretende Mitglieder in Aus­sicht genommen: älniversitätsprvsessor van Bak­ker und Reicbsgerichtsrat R i e d n a r. Bon Beiden ging jedoch eine Aeußerung, ob sie das Amt annehmen, noch nicht ein.

Graf Lerchenfeld beim Reichspräsidenten.

Berlin. 30. Juni. lWLB.) Der Reichs­präsident hat den Grafen Lerchenfeld empfangen und mit ihm eine Unterredung über die schwebenden politischen Fragen gehabt. .

Eine an den Reichskanzler gerichtete BorfteÜung.

Der Hessische Landesverband der Deutsch­nationalen Volkspartei hat an den Reichskanzler Dr. Wirth em langes schreiben gerietet, indem die Darmstädter Schandtaten ein­gehend geschildert werden und in dem es u, a. h ritzt;

Die polizeilichen Dispositionen" gingen, wie uns bekannt ist. vom gesamten Minrsterrate aus und lauteten entgegen den Vorstellun­gen des Polizeidezernenten, der an­gesichts der Lage das Einsetzen star­ker Polizeikräfte für unumgänglich notwendig erachtete, dahin dah nur das allecnotwendigste, d. h. das "Mindestaufgebot' von 120 Mann blauer und 100 Mann grüner Polizei in Bereitschaft gehalten werden sollte. Diese Zahl war auch nach Ansicht der verantwortlichen P olizeideze rnan- ten in Anbetracht der arvtzen Erre­gung der aufgehetzten Massen durch­aus ungenügend, zumal dieBereitschaft" der Polizei von dem Minister,abgelehnt wurde, der im Gegensatz zu den ihm gemachten Vor­schlägen bestimmte, dah alle über die genannte Zähl '.hrnausgehenden Polizeibeamten zu beur­lauben seien, um in Zivil an den DemonstrationLn teilnehmen zu können.

Das hessische Ministerium hat also trotz aus­drücklicher vorheriger Warnung und entgegen dem dringenden Rat des verantwortlichen Polizeide­zernenten und von Polizeibeamten es versäumt, die erforderlichen Maßnahmen gegen die drohen­den Rnrühen zu treffen, und wir fragen an, was die Reichsregierung zu tun gedenkt, um den Mit­gliedern der hessischen rechtsstehenden Parteien den Schuh für Leben und Eigentum zu sichern, auf den sie nach der Verfassung Anspruch haben.

Wir weisen aber weiter daraus hin, daß, wie Beobachter bekunden, immer wieder innerhalb der Massen Besorgnisse vor der Polizei durch Hin­weise niedergehalten wurden, wie:Die dürfen ja gar Tftd>t schieben!",Die haben jii blind geladen!" oderRns kann nichts geschehen!"

Bis zu welcher Verwirrung der Begriffe diese und der Kampfruf der Reichsregierung Der Feind, steht rechts!" geführt hat, zeigt die Aeußerung von sozialdemokratischer Seite in der heutigen Sitzung des Finanzausschusses des hessi­schen Landtages, die die Darmstädter Schändlich- keiten damit zu erklären oder zu eickschuldigen sucht, daß die Zerstörer, Plünderer und Mord­buben auf Grund der Berichte über die Vorgänge im Reichstag geglaubt hätten, eine patriotische Tat zu be­gehen."

Äußerungen des Reichskanzlers.

Berlin, 30.3unt (Wolfs.) Sn einer dem hiesigen Vertreter der deutschenLa Plata-Zei­tung" in Buenos Aires gewährten älnter- r e d u n g äußerte sich der Reichskanzler über das Attentat gegen Rathenau und richtete dabei Mahnungen an die Ausländsdeutschen. Der Reichskanzler erklärte: Es läßt sich nicht leugnen, daß die Untat das Ergebnis jener Atmosphäre von unsinnigem Haß, planmäßiger Verdächtigung und persönlicher Verunglimpfung ist, wovon sich die Männer, die ihr Bestes hergeben, um Deutsch­land wieder aufbauen zu helfen, umgeben und in ihrer Tätigkeit gehindert sehen. Die Gedanken und Vorstellungen, die jener Atmosphäre ent- stannnen, fanden leider auch in wecken einfluß­reichen Kreisen der Lleberseedeutschen Eingang. Das erfüllt mich mit schwerer Sorge, denn gerade auf das Verständnis und die Mitarbeit der von einem warmen vaterländischen Gefühl erftillten Ausländsdeutschen muß die jungeRepublll rechnen können, wenn sie in den Ländern, die für unseren Wiederaufstieg von größter Bedeutung sind, eine erfolgreiche Politck treiben soll.

Eine rohe Ausschreitung in Neustadt a. d. H.

Reustadt a. d. H., 30. 3uni. (Priv.-Tel.) Heute nacht um 2 Ufjr erschien vor der T r i ko t- warenfabrik Helfferich in Reustadt eine Rotte von »üxmaiß bis dreißig Burschen und

verlangte Einlaß, angeblich um eine Depesche an den Reichstagsabgeordneten Karl Helfferich abzugeben. Als man ihnen bedeutete, dah der Abgeordnete nicht anwesend fei, zertrümmerten die Burschen das Haustor und die Haustür zu der Wohnung des Fabrikanten Phil. Helfferich, des Bruders des Abgeordneten, drangen in die Wohnung ein, bedrohten, wie der Pfälz. Kurier" meldet, den Fabrikanten Helffe­rich mit Totschlägen und durchsuchten die Wohnung nach dem Abgeordneten Dr. Kaft Helfferich, gegen den sie ebenfalls Totschlags- drohungen ausstiehen. Die Burschen schlugen dann Spiegel und Bilder entzwei und verschvVnden wieder, noch ehe die Reustädter Polizei, die man telephonisch herbeirief, ein« getroffen war.

Berlin, 30. Juni. (Wolff.) Zu der Mitteilung desVorwärts", daß der deutsch- nationale Abgeordnete H e l s f e r i ch am Don­nerstag nachmittag, nachdem die Verhaftung Günthers bekannt wurde, Berlin plötzlich lassen habe, geht derB. Z." eine Zuschrift der Deutschnationalen Volkspartei zu, wonach Obecregierungsrat Weih am Donnerstag vom Polizeipräsidium aus dent im Reichstag an- wesenden Grafen Westarp mitte ilte, es sei dringend anzurcften, dah Helfferich bis auf wetteres Berlin verlasse, da sein Rame im Zu­sammenhang mit der Nachricht über die Mit­täter des Mordes an Rathenau genannt werde und die Polizei sich für den Schutz HelfferichS nicht vollkommen verbürgen könne. Auf Wunsch der deutschnationalen Fraktion ver­reiste Helfferich vorübergehend. Heute nimmt er sowohl an den Verhandlun­gen deS Steuerausschusses wie an denen des Reichstagsplenums teil.

Ein Kompromiß in der GetreideuMLcrgesrQge.

Berlin, 30. Juni. (Wolff.) Die inter- fraktionellen Besprechungen im Reichstage über die Getreideumlage führten l)eute kurz vor Beginn der Plenarsitzung zu einem Kompromiß, und zwar auf der Grund­lage eines Roggenpreises von b9OO Mark. Dieser Preis soll nur für die erstell vier Mo­nate deS Wirtschaftsjahres gelten; für die übrigen acht Monate soll der Preis von einem besonders dafür eingesetzten Ausschuß be­stimmt werden. Dieser Ausschuß ist aber an die Grundlage von 6900 Mark gebunden und hat nur die inzwischen eingettetenen Verände­rungen der Lage zu berücksichtigen. 3m übri­gen bleibt es bei einer Amlagemenge von 2'/j Millionen Tonnen gemäß der Regie­rungsvorlage. Für dieses Kompromiß siebt die Zusttmmung des Zentrums noch aus. ES gilt aber für wahrscheinlich, dah eine Mehr­heit im Plenum für die so geänderte Vorlage gefunden wird.

Die Mörder Rathenaus.

Berlin, 30. Juni. (Priv.-Tel.) Die Mör­der Rathenaus-Techow. Fischer, auch Vogel genannt, und Knauer sind, wie die Deutschnativ- nale Dolkspartei, Landesverband Berlin, mit* teilt, nicht Mitglieder der Deutschnationalen Bolkspartei. 3n der Partei sind ihre Ramen nicht verzeichnet. Rach einer Mitteilung bei Deutschen Tageszeitung" ist der verhaftete Stu­dent Günther bereits im Februar 1921 aus1 der Deutschnativnalen Volkspartei auOgeschlossen worden.

Berlin. 30. Juni. (Wolff.) Die Dundes- leitung des Deutschen Offiziersbundes bittet uns um Aufnahme folgender Feststellung: Der in die Mvrdsache Rathenau verwickelte an­gebliche Leutnant der Reserve a. D. Willy Gün­ther ist, wie sich jetzt heranstselll, niemals deutscher Offizier gewesen. Trotzdem verstand er 3$, unter der wahrheckswidrigen An­gabe, deutscher Reserveoffizier gewesen zu sein, sich die Mitgliedschaft in unserem Bund? au er­schleichen. Don Rechts wegen ist er deshalb nie­mals Mitglied gewesen.

Wie uns die Ortsgruppe des Deutschen Offi­ziersbundes mitteilt ist der canb. jur. Willy Günther, der sich den Titel eines Oberleut­nants der Reserve erschwindelte, wegen Betrugs und Unterschlagung aus dem Deutschen Offizier stund bereits ausgeschlos­sen worden.

Weitere Verhaftungen.

Berlin, 30. Juni. (Wolfs.) Amtlich. Der Eigentümer des bei der Ermordung Rathenaus benutzten Kraftwagens, der in Freiberg in Sach­sen wohnhafte Fabrikbesitzer 3vhs. Küchen- nie ist er, tourte heute morgen in Oetz in Tirol verhaftet Die österreichischen Behörden sehen ten: Auslieferungsanttag entgegen. Küchenmel« ster ist Mitglied des deu t sch-völki. scheu Schutz - und Trutzbundes.

Zu den neuerdings festgenommenen Mit­wissern bzw. Teilnehmern an ter Mordtat ge­hört auch der von der Stettiner Polizei er­griffene Kaufmann Werner Boß, der sich am Tage nach dem Morte nach Ahlbeck be­geben hatte und heute nach Bersin gebracht toirb. Er ist von 'Beruf Seemann und gehört ebenso^ wie Küchenmeister den rechtsradikalen Kreisen an, .