Einzelbild herunterladen

Ur. 255 Zweiter Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Montag, 5<. Gttober 1921

Der Schutz im Blut.

Roman von Horst Dodemer.

26 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Christoph Wärhahn wartete Jahr um Jahr aus seine Stunde. Der (Zunge trieb es immer toller, und Gretel, die sehr hübsch geworden war, wurde ein stolzes, hochfahrendes Mädel. Ihre Mutter sah ba£ nichl ungern an ihrer Tochter. Mm ein stolzes, reiches und recht kluges Mädchen nu ringen, lieben die Männer. Den für ihr Gretcl passerlden würde sie auSsuchep, und schwer­lich aus Widerstand flohen. 3n ihrer eleganten Mutter sah dae junge Mädchen den Inbegriff der Bolltommenheit . Der Hans aber war der richtige Rüpel geworden. D.e schmutzigsten Dorfjungen wurden feine besten Freunde. Rü­den (Zungen wurden Bursche-r, das änderte nichts an der Freundschaft. Vom 'dritten Gymnasium wurde er weggc schickt. war mit sechzehn Jahren Untertertianer und verbrauchte eine Menge Geld. Eines Abends wurde er ins HauS getragen mit gebrochenem Dein. Heimlich war er von Mar­burg zur Kirmes gekommen, hatte sich auf dem Danzsaal wenig rühmlich benommen und war von älteren Burschen kurzerhand die Treppe hinab- gcworsen worden.

Mit Tr.inen in den Augen berichte le es die Mamsell ihrem Herrn, der schon zu Bett gegan­gen war.

..Ich zieh mich jetzt an und sprech mit meinem Sohne! Run ist's genug'

Der Arzt war noch nicht da Maria und Henner standen an Hansens Belt, als Groh- pater eintrat. Sr sah Sohn und Eck^viegertochter

mit gefurchter Stirn an, fein Enkelkind würdigte er keines Blickes.

»Merkt ihr nun endlich, das) eure Erziehung falsch ist?-

3a, sagte der Henner,ich wenigsten-« und satt hab ich's auch, mir von seinen Lehrern die Ohren vollbrummen zu lassen. Ich werde ihn selbst unter die Fuchtel nehmen I Hier mag er bleiben und die Landwirtschaft gründlich er­lernen! Dafür hat er feine (Zähre abzudienen wie jeder Dorsjunge, er will's ja nicht anders!"

Unter die Fuchtel willst du ihn nehmen? Schön! Und die Dienstzeit als Gemeiner ist mir ganz gut bekommen, warum soll sie bei ihm nicht anschlagen? Bor allem, wenn er Borgeseyte be- lommt, die Haare auf den Zähnen haben!" Er wandte sich an Maria. »Du wirst nun begreifen, warum ich deinem Manne nichl das Gut ver­schrieb! Gegen dich muhte ich m?in Lebenswert verteidigen! Sowohl, gegen dich!"

Er ging in sein Schlafzimmer zurück. Die gute Guste sah da immer noch auf einem Stuhl und weinte.

»Leg dich aufs Ohr, altes Haus: Untere letzten Kräfte werden wir in der nächsten Zeit gebrauchen! Und ich sage dir trotzdem, »der Schuh im Blute" ist für uns Wär Hahns gut, nur rich­tig angepackt muh die Sache werden. M n d j e tz t pack ich an!"

Schluchzend schlich die alte Mamsell aus dem Zimmer.

Die Geschwister vertrugen sich schon längst nicht gut. Gretel war nun achtzehn geworden, und fing schon an. nach dem Freier zu schielen. Da war solch ein Ausbund von Bruder keine er­freuliche Erscheinung. Die Mutter aber gab sich

Der Parteitag der Deutschnationalen (Hessischen) Bolkspartei.

Siehen, 29. Oh

Nachdem der erweiterte Vorstand der Landes- Partei bereits am Bortage und am Morgen des Samstags- in ernster Arbeit getagt hatte, sanden um 11 Uhr imGr oh Herzog" die Beratungen trmerbalb der Partei statt, die in den Mittags­stunden fortgesetzt wurden, und am Sonntag vor­mittag ihr Ende sanden.

T^r Landesvvrsitzende, Herr Fabrikant Dr - Ing e h KlingIPor - Offenbach eröffnete die Beratungen mit Morten der Begrüßung der zahlreich erschienenen Parteifreunde. »Friede. Freiheit, Brot", verkündeten uns die Männer des 9. Rovemder. Der fetzige Präsident deS Prcuhi- schen Abgeordnetenhauses rief dem Bolle ju: Unser wirtschaftliches und geistiges Leben wird iich auf eine Stufe heben, wie es die Well noch nicht gesehen." Was ist eingetreten ? Niemals ist eine Illusion-Politik kläglicher geschillert. Doch ie größer die Rot, umfo größere Aufgaben er­wachsen uns, umfo gröbere Pflichten. Wir dür­fen den Glauben an Deutschlands Gröhe und .Zukunft nicht verlieren. Recht muh doch Recht bleiben. Der Geist der Arbeit und Opserwillig- keit beherrsche den Parteitag zum Scgen unseres | heissgeliebten Baterlandes. Er begruhte sodann Abg. Dr. v Dryander als Abgesandten der Reichsparteileitung und Bertreter der Parteien Baden und Württembergs.

Heber den ersten Punkt der Tagesordnung, Bericht über

die Lage der Partei hn Reiche und in Hessen, sprach der Landesvorsitzende. Er erin­nerte daran, welchen groben Ausstieg im Reich tote in Hessen die Deutschnationalü Brlkspartei genommen hat. Rur durch 3u|am- menschluh können toir weiter kommen, durch Eini­gung aller gleichgesinnten Kreise. Mil Bedauern ist es daher sestzustellen, bah der Hess. Bau­ernbund seine eigenen Wege zu gehen be­schiessen hat, nicht zu ihrem und unserem Bor­teil. Mit Genugtuung kann die Partei aber fest­stellen. bah es nicht unsere Schulb war. Doch sei dem wie ihm sei. wir hoffen fernerhin aus cm Zusammengehen mit dem 'Bauembunb, der doch wieder kommen wird, weil er kommen muh. Die Stellung zu den anderen Parteien beruht auf deren -Säten. Zur sozialdemokratischen Partei feder Färbung ist leine Blenderung der Stellung- nabmc Ih. Hast und ihr Kampf gegen uns i|t gröber denn je. Die Orgien der Vcrheizung, die anläßlich des nicht genug zu verwerfenden Mor­des Ei ; \tget6 gcfcieri wurden, sind noch in oder Gedächtnis Wer einen Mord begeht, stellt sich aubcvbalb der Deutsch.alionalen Volkspartei, er hat keinen Anspruch, ihr anzugehoren. Die unerhörten Gewaltmittel, die das Kabinett Wirth allein gegen die Deutschnationale Bolkspartei an- gctre.ibrf hat, waren nicht zum Schutz der Re- iwblil. Wie sehr da- Kabinett Wirth und die Sczialdernotratie die Geschäfte des Auslandes r; treiben, zeigt die Aeuherung Lövn Daudels in vt s!anzösiscßea KammerIch liebe die deutsche - s.ziald molratie, weil sie die Pest deS deutschen Volkes ist!" Das ist das vielgerühmte »Ber- : rauen" des Auslandes zur Wirth'sch-rn Ersül- nngspolitik. Auch ein Zufammengel>en mit der Demokratie ist vorläufig ausgeschlossen, solange U< ihre jetzigen Führer hat, solange Geist und Ton von Zeitungen vom Schlage derer in Frank- iiir» und Berlin derselbe bleibt Was die Po­litik ber deutschen Bolkspartei angeht, so ist ha die Entschiedenheit, die nvttut, zu vermissen. Das Eintreten für uns fehlt. 'Wir hoffen jedoch auf die Partei ber groben Rechten.

Dii Bedeutung der hessischen 'Wahlen wird oft stark verkannt. Wir dürfen nicht dulden, hat? in unserem noch geordneten Staatswesen die Ikrtoaltung politisiert wird, daß Parteigeisl an Stelle der Unparteilichkeit tritt

Die nächsten Berichte über die Entwicklung ber Partei rn den einzelnen Provinzen er­statteten die Provinzialvorsitzenden, die Herren Lehrer Kling für Oberhessen, Rechtsanwalt Reifel für Starkenburg und Dr. med. R a i f c r für Rheinhessen.

Frau Klara K l i n g s p o r - Offenbach berich­tete über Arbeit und Ausgaben des Frauen-Aus- schuffes und richtete die Mahnung an die Frauen, herauszutrelen aus dem Heim und der Familie, um für deren Schutz zu wirken.

Heber die Ziele und die Tätigkeit des S t u bcnlen und IugendauSschusses be­richtete Herr cand. rer. pol. B o s s i u s. Wie be­reits einer der Borredner erhob er dagegen Pro­test, bah die Studenten ihres Wahlrechts beraubt werden sollen bzw. beraubt worden find, in­dem sie nicht in die Wählerlisten aufgenommen

wurden. 3m würdiger Kommentar zum Kapttl Demokratie.

SS entstand eine allgemeine Aussprache, an der sich viele Paneiireunde beteiligten, u. a. Abg. vDrhander. Schriftsteller Süb,Pfarrer Papst.

Die Wahl deS Dorstande» ergab mit Stimmeneinbeil die Wiederwahl des um die Partei hochverdienten Dr. K l i n g f p v r zum ersten Dorfitzenden. Desgleichen die Wiederwahl von Prof. Dr. Werner zum zweiten, des Gene­rals von Hahn zum dritten Dorsihenden, der Herren Pfarrer Fritsch- Ruppertsburg. Pfr. P a p st - - Worms, Pros. Dr. Lenz- (Sieben und Oberpostinfpe-tor Koblhaase-E ie'jen und an­derer Herren zu Mitgliedern des engeren Bor­standes.

Mm 8 Mhr fand im Kath. Vereinshaus im überfüllten Saale eine Versammlung statt

Abg. Dr. v. Dryander

sprach über »Politik und Weltanf ch a u ung". Wenn sich die Deutsche Volkspartei die Partei des Wiederaufbaus nennt, so sind wir die Partei der »Inneren Erneuerung". Es must auf­hören. bah angesichts beS Untergänge» bas Volk tanzt, lacht, spekuliert und lln Bruderkampf sich leibst zerfleischt. Anfängen mub die Erneuerung mit der Schuldfragc. Richt mit der nutzeren, die ist längst erledigt, geklärt. Um so ernster die innere Schuld. Wie war es 1806? Damals prüfte man die inneren Fehler und befTertc und baute auf durch deren Abstellung. Das mutz heute auch geschehen. Richt durch Schlagworte, durch Taten. Keine der alten Parteien ist ohne Schuld, von rechts bis links. Das ganze Dolk ist schuld. Das muh es elnfeben, sonst ist kein Wiederaufstieg möglich. Wir müssen die Volksseele binden, es mub einen Gemeinbesitz geben. Dir brauchen eine Weltanschauung, die alle verbindet, Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, Gebildete wie Ungebilbetc, reich und arm, Evangelische und Katholische (lebst. Bravo unix Händeklatschen). Wir müssen neue Formen finden, nachdem Krieg und Revolution die alten zerschlagen. Wir brauchen Volksparteien auf breitester Grundlage, keine Klassenparteien. Unser Volk braucht den festen Kitt grober gemeinsamer Weitauschau - ung en. Dieser Kitt ist der nationale Gedanke, der christliche und der Gedanke der sozialen Ver­söhnung des Volkes. Was ist national? In erster Linie deutsch sein, dann erst Arbeitnehmer, Ar­beitgeber, Beamter. Parteimann. Wir müssen so deutsch sein, datz der Gegensatz hie evan­gelisch hie katholisch verschwindet! iDravo!) Den Geboten der Entente ein »Rein". (Bravo!)

Wir wissen, datz jede Regierung von der Entente abhängt. Mit ihr gilt eS einen modus vivendi zu frühen. Das Ausland hat gröbere Achtung vor uns als vor denen, denen die Ge­schicke eben in die Hand gelegt sind. Die Entente­presse verschweigt das aus Disziplin. Für sie ist Wirthsche Politik mir von Vorteil.

Wir Deutschnationale waren und bleiben Mo­narchisten (Bravo I), weil wir glauben, datz T utschland die überpersönliche, überparteiliche 61 lcttsgewalt der Monarchie braucht. Doch nie­mand will die Monarchie über Rächt einführen. Sie soll der Schlutzstein des Wiederaufbaues sein, wenn das Volk in seiner Mehrzahl es will, und dann nur auf dem Wege der legalen Verfassungs­änderung. Wer irgendwelche Gewalt will, ist nicht deutschnational, er steht nicht auf dem Boden der Partei. Es gilt, die Arbeits- und Lebensbedingungen des Arbeiters zu heben und zu bessern, einen lebensfähigen Mittelstand zu erhalten, um dem Arbeiter Auf­stiegmöglichkeiten zu schassen.

Prof. Dr. Werner

sprach sodann, stürmisch begrübt, überDas Reich mub uns doch bleiben". Wenn wir zurückblicken, haben wir die Pflicht, an das Reich der Zulunft zu denken, das ander- aufgebaut werden mub als es war. Das alte ist in Scherben. Wir treiben keine bhnastifche Politik. Wir sind aber Monarchisten, weil die Monarchie der rührige Pol in der Erscheinungen Flucht ist. Das Reich der Zukunft zu bauen ist unsere Pflicht. Dabei müssen wir demokratisch fein. Richt im Sinne der .Demokratie" derFrankfurter Zei­tung". sondern nattonal-demokratisch. Die Fahne des deutschen Blutes und Volkstums mub voran- gclragcn werden hn Kampf, die alten Farben »Schwarz-weiß-rot". geschmückt mit uralten ger­manischen Runenzeichen. Der völllsche Gedanke mub hochkommen, es gilt eine neue völllsche Internationale zu schaffen hn Kampf gegen die Dunkelmänner und Mnterirdischen. Es mutz ge­kämpft werden. In matzvoller, aber entschiedener Weise. Sorgen wir, datz Selbsterziehung Platz greift in Stadt und Land, datz niemand BolkSiremden nachläuft. Lassen wir

ab vom Geiste, der uns trennt, vom Kastengeist, vom Geist des Mammons. Kein Geist des Indi­vidualismus und Egoismus. Rein werden in uns selbst Tann wird das Reich kommen, das wir brauchen, der Steifer. getragen vom Vertrauen des Dolles. Der Geist Bismarck» mutz in unS hinein, fein Welen, seine Kraft, seine Selbstverleugnung. Das Reich mub uns doch bleiben. Wir brauchen etwas. waS unser Herz hält, wir brauchen Ideale. Komme bald, du Dmlsches Reich, wehe bald wieder deutsche Flagge, schwarz-weitz-rot!

tSchlub des Berichts folgt im 1. Blatte.)

Die neuen Steuern.

Berlin, 29. Oh. Bei Beginn der heu­tigen Sitzung deS ReichSwirtfchaftS- ratS erklärte laut F. Z. der Staatssekretär im Reichsfinanzministerium 3 a p f auf ein von dem Vorsitzenden an den Reichskanzler Er­suchen, datz die Reichsregierung an ihren sämt­lichen Steuergeseyentrvürfen, die den ReichS- wirtschaftSrat und den Reichsrat schon beschäf­tigt haben, festhalte. Rur der Entwurf der Kohlen st euer müsse zurückgestellt werden, weil nach dem Beschlutz des ReichökohlcnratS dieser Entwurf nochmals nachgeprüft werden muhte.

Darauf wurde der Bericht des Repa­rationsausschusses über das VermögenSsteuer- und Vermögenszuwachssteuergesetz einstimmig angenommen. Der Bericht über die Steuer vom DermögenSzuwachS aus der Nachkriegs­zeit wird im Hammelsprung gegen eine starke Minderheit der Arbeitnehmer abgelehnt. Da­für stimmen 65, dagegen 68 Mitglieder.

Die Beratungen über Maßnahmen gegen Preistreiberei und Verkäufe an das Ausland werden abgefetzt, weil der Wirtschafts- und der Ernährungsminister heute verhindert seien.

Der Bericht des Ausschusses über die Ent­würfe zur Erhöhung einzelner Ver­brauchs Steuern (Leuchtmittelsteuer, Zündwarensteuer, Diersteuer, Tabaksteuer) wird einstimmig gutgehcißen. Die Zündwaren- fteuer wird danach auf das Doppelte, die Bier­steuer auf das Vierfache des bisherigen Steuersatzes erhöht. Aus der bisherigen Ab­gabe auf Auslandszündwaren werden dem Reich 15 Millionen überwiesen, um eine Nach­besteuerung zu vermeiden. Die Tabak­steuer wurde auf Anregung der Sachverstän­digen abgelehnt, es wurde aber beschlos­sen, der Regierung in bezug auf Erhöhung einzelner Steuersätze entgegenzukommen.

Nach dem Bericht des Ausschusses über die Zollerhöhung für Kaffee, Ge­würz, Schokolade und Kakao werden nach kurzer Debatte die von der Regierung vorgeschlagenen Erhöhungen gutgeheihen, nur wird auf Antrag der Arbeitnehmer der Kaffeezoll nicht auf 200 Mark, sondern 160 Mark für den Doppelzentner festgesetzt. Auch der Kakaozoll wird gegen den Regierungsvor­schlag ermäßigt. Der Erhöhung der Industrie- Aötle hat der Ausschuß nur unter starken Be- oenfen zugestimmt. Er empfiehlt, die Revision des Zolltarifes zu beschleunigen.

Generaldirektor Holub erstattete den Auöschuhbericht über dieDersicherungs- Heuer. Der Ausschuß hält die Steuer für unsozial und beantragt, ihre Sätze wesentlich zu ermäßigen. Die Feuerversicherung soll einheitlich mit 20 Pf. für 1000 Jllk., die Trans­portversicherung mit 3%, und die Lebensver­sicherung über 5000 Mk. mit 4% besteuert wer­den. Munzel beantragt, die steuerfreie Lebensversicherungssumme auf 30 000 Mk., und die steuerfreie IahreSrente auf 3000 Mk. heraufzusetzen und diejenigen Lebensversiche­rungen frei zu lassen, die von £>er Angestellten- Versicherungspflicht befreien. Nach kurzer wei­terer Aussprache wird der Antrag Munzel an­genommen, ebenso ein Antrag Grünfeld, bei Versicherungen verschiedener Art in einer Ur­kunde einen Durchschnittssatz von höchstens 5 Prozent zu erheben. Mit diesen Aenderungen wird der AuSschuhbericht genehmigt.

Die Kraftfahrzeug steuer wird nach den Vorschlägen deS Ausschusses ange­nommen. '

Das Haus vertagt sich hierauf auf DonnnerStag, den 3. November, 11 Uhr (Der- mögenSsteuergesetz, Ertragssteuer).

Aus Stabt und Land.

Ziehen, den 31. OIL 1921.

.<tartoifclaiifbrtorthntn(|.

Die Kartoffelversorgung hat in große» Teilen der Verbraucher eine gewisse Beun­ruhigung verursacht, da hier auf dem Lande infolge der Dürre nur geringe Vorräte vor­handen sind und von Norddeutschland, wo di« Kartoffelernte bedeutend besser ist, Kartoffeln wegen Mangels an Eisenbahnwagen nicht in aenügenbem Umfange nach hier befördert wer­den. Durch einschneidende Maßnahmen der Eisenbahnverwaltungen beftcht aber die Hoff­nung, daß bald eine wesentliche Verbesserung in den TranSportverhältnissen auf der Eisen­bahn eintretcn wird. Immerhin wird die Kar­toffel ein seht begehrtes und ein sehr teures Nahrungsmittel bleiben. Um so mehr müssen wir der Ausbewahrung der Karwsfeln im Keller während des Winters in diesem Jahre besonders große Aufmerksamkeit schenken.

Bevor die Kartoffeln eingekellert werden, ist der Keller gründlich zu reinigen, es müssen alle Fäulnisreste beseitigt werden. Der Keller muß genügend ausgelüstet werden, damit ber Boden die Feuchtigkeit hergibt. Alsdann müssen die Wände von neuem gekalkt und der Boden mit Brettern ober Lattenrosten ver­sehen werben. Die Karwsfeln müssen vor bem Einkellern sehr sorgfältig verlesen unb sämt­liche faulen und angefaulten Kartoffeln müssen unter allen Umständen entfernt werden und dürfen auch nicht im Keller verbleiben. DoS Cinlagern der Kartoffel auf die gelegten Bretter ober Lattenroste bars höchstens bis zu einer Höhe von 80 Zentimetern erfolgen. Stehen keine Bretter ober Roste zur Ver­fügung, so können bie Kartoffeln auch in höl­zerne Kisten gelegt werben, nachdem diese vor­her einige Gegenstände als Unterlage erhalten haben, damit die Kisten nicht auf ber feuchten Erbe stehen.

Sehr wichtig ist nun daß diese so ein­gelagerten Kartoffeln während des Winter« gegen Wärme undFeuchtigkett geschützt werden. Durch Ocffncn der Fenster muß ständig bafür Sorge getragen werben, baß bie sich bilbenbe feuchte, warme Luft abziehen kann. Die Temperamr Darf unter keinen Umständen 8 Grad Wärme übersteigen, da die Kartoffel sonst zu viel Stärke und somit Nährwert ver­liert. Am besten hält sie sich bei einer Tempe­ratur von 3 6 Grad Eelsiu«. Die Kartoffel ist gegen Kälte aber ebenso empfindlich tote gegen Wärme, toeShalb bei Eintritt von star­kem Frost ebenfalls sehr sorgfälttg auf bie Temperatur geachtet ©erben muß.

Um die Kartoffeln nun gegen Fäulnis zv schützen, ist eS sehr ratsam, sie ganz dünn mtt Kalkstaub zu bestreuen. Dieses Mittel hat sich nach Den allgemeinen Erfahrungen sehr gut bewährt. So barm ist eS erforderlich, bte Kar­toffeln während des Winters auf Fäulnis zu verlesen unb dieselben bei dieser Gelegenheit umzulagern.

e

Amtliche Personalnachrichten. Ernannt wurden am 22. Oktober 1921 der Ge­sa ngenauf scher Franz Wolf in Butzbach zum Strafanstalt-Wachtmeister an der Zellenstrafanstalt Butzbach und der Gefangenaufseher Johann Mi­chael Boos in Mainz zum StrafanstaltSwacht- meister am Landgerichtsgefängnis zu Mainz. Ernannt wurde ferner am 26. Oktober 1921 der Gerichtsassessor Dr. Wilhelm Menge« aus Grvßen-Linden zum Ministerialamtmann bei dem Ministerium der Justiz unter Verleihung der Amtsbezeichnung als Iustizrat.

" Post Überwachung im besetzten Gebiet. Die Interalliierte Rheinlandkommif- fitm bat sich das Recht zugesprvchen, jederzeit die Aushändigung von Briefen und Postsendun­gen von den deutschen Behörden fordern zu kön­nen. Die interalliierte Kommission kann sonach die Uebertoadyung deS Postverkehr« jederzeit und an jedem beliebigen Orte des besetzten rheml- schen Gebiets ohne weiteres auSüden lassen. Vic verfährt auch dementsprechend und richtet auf bestimmte ober auf unbestimmte Zeit bald in diesem, bald in jenem Orte des besetzten Gebiet- Post überwachung-steilen ein. Da die Anordnun­gen über Ort unb Zeit derartiger Postüberwa­chungen gänzlich von dem letoeiligen Belieben ber obersten Besahungsbehörde abbängen, lassen sich nähere Angaben darüber nicht machen. Es ist aber dringend erwünscht, bah die Absender

die erdenklichste Mühe, immer wieder zwischen den beiden einen leidlichen Ausgleich za schaffen. Meistens erreichte sie das, indem sie ihrem Sohn Geld zusteckte. Lange aber dauerte der Frieden nie. Der Vater aber stand ganz unter Mutters Cmfluh. Der lieh die Karre laufen, um wenig­sten- Ruhe im Hause zu haben. Maria hatte ge­lernt, Szenen aufzuführen, die ihn in die Kaiser­pfalz nach Fritzlar trieben. Ein paar Mal war er sogar über Nacht dort geblieben, obgleich der Heimweg keine Dreiviertelstunde weit war. Sr fing stark an zu trinken. Zur Verzweiflung seiner Frau wurde er auch nachlässig in seinem Anzuge. Ginmai warf fie ihm in Gegenwart ihrer Tochter sogar die Worte an den Kopf'

»Du bist wirklich ein Bauer geblieben, wirst niemals ein Herrenmensch! Der Vater hat garu recht, datz er dir das Gut nicht übergibt: Nach­gerade seh' ich'S ein!"

Der Gretel fuhr der Kops hoch. Wie Schup­pen fiel es ihr von den Augen, welche Ursache der heftige Streit ihrer Eltern hatte. In ihren Augen verfocht die Mutter Ansprüche, die be­rechtigt traten und bie Großvater nicht ein- zuräumen gewillt war. Der Vater aber hatte nicht die Kraft, sie durchsetzen . . Da schmiegte sie sich an ihre schone Mutter. Ihre Worte galten ihr nun erst recht als Evangelium, über den Vater zuckte sie verächtlich bie Achseln, auf ©roh* Vater wurde sie wütend. Denn wie sollte das ein­mal werden, wenn ein Freier kam? Dann war Großvater die ausschlaggebende Person, und toer ihr und der Mutter willkommen war, würde es »diesem Bauer" schwerlich sein. Großvater konnte man nicht schlimmer ärgern, als wenn man bie alte Guste schlecht behandelte. Wenn es die zu

ärgern galt, war sie sogar mit ihrem Bruder einig ....

Hans dachte nicht an morgen! Runter von der Schule, das blieb die HauptsacheI Er ar­beitete sich nicht tot - und ber Enkel vom Oetonomierat Wär Hahn hatte Kredit in Fritzlar und Umgebung. Als er wieder humpeln konnte, hatte er allen Grund, sich über seinen Vater zu wundem. Der packte ihn fest an. Vorerst muhte er im Bureau arbeiten Da steckte sich Han« hinter seine Mutter. Die versuchte auch gleich ihn zu trösten.

»Vater und Großvater sind böse auf dich Und wahrlich nicht mit Unrecht! Halt die Ohren steif, bann wirst du zu Ostern auf etne Vorberei­tungsanstalt getan, damit du wenigstens das Zeug­nis zum Einjährigen bekommst!"

Noch einmal auf die Schulbank zu klettern war gar nicht nach seinem Geschmack. Ums Dienen würde er sich schon drücken. Aber er sagte nichts

Winter war's geworden, bis sein Bein wieder- vollständig in Ordnung war. Draußen gab eS in der Landwirtschaft nichts zu tun jetzt, da griff er nach ber Büchse. Und wenn er einen Hosen geschossen hatte, marschierte er gerade., Weges nach Fritzlar. Mit bem Wirt einer Kneipe, in ber verwiegen!) Arbeiter verkehrten, hatte er ein Abkommen getroffen, dem lieferte er bad Wild ab, bas wurde auf seine Zeche un­gerechnet Unb als er einmal einen Rehbvck brachte, lub er ein paar Leute, bie immer gegeo Abend dort anzuttefsen waren, zum Freitrunt ein. Immer mehr setzten sich an den Tisch, bie Zeche wurde bedeutend größer, als sein Gut­haben. Den Wirt störte bas weiter nicht.

(Forts etzung foljtU