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Nr. 229

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Frankfurt a. M. U686.

Erstes Blatt

M. Jahrgang

Freitag, 50. September 1921

GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger sm Oberhessen

Druck unö Verlag: vrühl'sche Univ.-Vuch- und Steindruckerei K Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Taqesnuinmer dir zum Nachmittag vorher oknejede Verbindlichkeit. Preis für l mm höhe für Anzeigeno 34mm Breite örtlich 40 Pf, auswärts 50 Pf.; für Reklame. Anzeigen von 70 mm Breite 180Ps Bei Platz- Vorschrift 20 Aufschlag. Haupischriftleiter: *21 uq. Goetz Verantwortlich für Politik. Aug. Goetz; für den übrigen Teil i V.: Aug. Goetz; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen.

Südlich hat uns die Entente durch den Mund der französischen Regierung die amtliche Mit­teilung gemacht, daß mit dem 30. September die wirtschaftlichen Sanktionen aufgehoben werden. Allerdings hat die Sache noch einen großen Haken. Die deutsche Regierung ist gleichzeitig auf. gefordert worden, Vertreter für eine Besprechung zu bezeichnen, wobei Sachverständige aller be­teiligten Regierungen die Formen festsehen sollen, in denen Einfuhrgenehmigungen geprüft und aufgestellt werden. So weit klingt das, als ob die deutsche Regierung tatsächlich als gleichberechtigt bei Verhandlungen über die Frage der Ein- und Ausfuhrkontrolle herangezogen werden soll, was selbstverständlich als ein großer Fortschritt zu be- grüßen sein würde. Leider liegt die Sache etwas anders. 3n der amtlichen Mitteilung der franzö­sischen Regierung heißt es weiter, daß die Be­stimmungen über die Einfuhrgenehmigungen ge­prüft und aufgestellt werden sollen in Heber» einstimmung mit der Entscheidung des Obersten Rates vom 13. Aug. 1921. Das bedeutet, daß überdie grundsätzliche Frage die deutsche Regierung nicht weiter gehört wird. Darüber ist die Entscheidung bereits vom Obersten Rat selbständig getroffen und die deutsche Regierung hat sich ihr gefügt. Wenn jetzt Besprechungen stattfinden, dann handelt es sich nur darum, die äußere Form für die Ausführung eines Diktates der Entente zu vereinbaren. Aus dieser Darstellung ist erstchtlich, daß gar kein Grund dafür vorhanden ist, in Jubel auszubrechen, ob einer angeb­lichen Schwenkung und versöhnlicheren Haltung der Entente.

An sich ist ja zum mindesten das Fallen der Zollgrenze am Rhein eine große Erleichterung für Industrie und Handel Deutschlands. Aber wir wollen doch zweierlei nicht vergessen. Erstens war die Auferlegung der wirtschaftlichen und militär­ischen Sanktionen ein unzweideuttger Bruch des durch den FnedenSvertrag von Versailles ge­schaffenen RechtszustandeS. Zweitens mußten nach der eigenen Erklärung der Entente die gesamten Sanktionen sofort nach Annahme deS Londoner Ultimatums fallen. Es war ja das gerade einer der Hauptgründe, die von den Befürwortern der Unterzeichnung ins Feld geführt wurden. Die fünfmonatige Fortdauer der 6anftionen bedeutete also die Verlängerung eines rechtlosen Zustandes und zugleich eine Verschärfung desselben, da sogar die an sich nicht zu rechtferttgenden Voraussetzungen hinfällig geworden waren. Hierzu kommt, daß ttoh allem die militärischen Sankttonen nicht aufgehoben werden, ob- wohl nicht die leiseste Rechtfertigung für die Fort­dauer der willkürlichen Besetzung von Düsseldorf, Du'sburg und Ruhrort vorhanden ist. Die schon an sich ungeheure Belastung Deutschlands durch den Unterhalt der Besatzung Struppen wird also noch weiter in willkürlichster und schärfster Weise erhöht. Die Aufhebung der wirtschaftlichen Sank­tionen hat aber, wie bereits oben angedeutet, noch eine sehr ernste und schwere Einschränkung er- fahren durch die Einsetzung einer Kontroll­kommission, die den gesamten deutschen Gin- und Ausfuhrhandel an der Westgrenze überwachen soll.

Bekanntlich beschwert stch die französische Re­gierung darüber, daß von deutscher Seite der Ein- ftrhr gewisser französtscher Jndustrieerzeugnisse dau­ernd Schwierigkeiten berettet werden, und sie »er­langt Aufhebung dieses angeblichen Boykotts. Es ist richtig, daß stch im Interesse der deutschen Wirt­schaft die deutsche Regierung gegen die Ueber- schwemmung Deutschlands mit französtschen Luxus- roarcn zu wehren sucht. Dieser volkswirischaftlich durchaus notwendigen Maßregel soll eben durch die Einsetzung einer Kontrollkommission ein Riegel vorgeschoben werden, und damit wird wenigstens zum Teil der wirtschaftliche Ruhen aus der Auf­hebung der wirffchaftlichen Santtionen wieder auf­gehoben Mm so mehr muß es die Pflicht aller guten Deutschen sein, nun erst recht den Kauf ftanzöscher Luxuswaren jeder Art zu ver­meiden. Gegen diesen privaten Boykott der Einzelnen mag die französtsche Regierung wohl in Roten Einspruch erheben, zu ändern vermag ste ihn nicht, und auch die deutsche Regierung kann nicht gezwungen werden, die eigenen Landsleute zu einem Vorgehen aufzufordern, das die deutsche Wirtschaft schwer schädigen würde. Gerade die Tatso ste. daß die französtsche Regierung und die französtsche Luxusindustrie bereits die Wirkungen eines privaten Boykotts französischer Waren schwer empfinden, sollte uns die Wirksamkeit dieses, lange nicht gründlich durchgeführten Boykotts nahelegen. Wir vermögen in der leider nicht uneingeschräntten Aufhebung ber wirtschaftlichen Sanktionen nur eine geringe Abschlagszahlung zu erblicken, die in keinem Verhältnis zu den bereits erzielten Lei­stungen Deutschlands inAusführung desHlttrnaturns steht.

Berlin, 29. Sept. (Wolff.) Dem deutschen Botschafter in Paris wurde gestern folgende Rote überreicht.

»Herr Botschafter! Die alliierten Regie­rungen nahmen Kenntnis von der Erklärung, wodurch die deutsche Regierung die durch den Beschluß des Obersten Rates vom 13. August 1921 ausgestellten Bedingungen ausdrücklich angcnom- meen hat; sie beschlossen deshalb die Aufhe­bung der wirtschaftlichen Sanktio­nen, die durch den Obersten Rat vom c. März 1921 verhängt worden waren, ab 30. September 1921. Sie laden die deutsche Regierung ein. bald­möglichst ihre Delegierten zu bezeichnen, die zusammen mit den alliierten Sachverständigen die Bedingungen feststellen sollen, wonach entspre­chend den Bestimmungen des Beschlusses vom 13. August 1921 die Licenzen geprüft und ausge­stellt werden sollen. Im Ramen des Obersten Slates habe ich die Ehre. Exzellenz zu bitten,

Vorstehendes zur Kenntnis Ihrer Regierung zu I bringen. Genehmigen Sie. Herr Botschafter, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung, j gez. Briand."

Koblenz, 29. Sept. (WTB.) Die inter­alliierte Rheinlandkommission hat mit Verord­nung 98 die im Verfolg der Londoner Beschlüsse erlassenen Verordnungen 77 (Kontrolle der deut­schen Zollverwaltung), 81 (Ordnung des Zoll- Wesens irn besetzten Gebiet in der Verfassung der Verordnung 91), 82 (Sonderregelung der Ein- und Ausfuhr für das besetzte Gebiet), 84 (Zu­ständigkeit der alliierten Militärgerichte und der deutschem Gerichte über die Zoll-Einfuhr- und Ausfuhr-Angelegenheiten). 86 (Pflicht n gewisser deutscher Verwaltung b h rden in Zo.längs legen- heiten), 87 lSchuh der Inhaber von Ein- und Ausfuhrbewilligungen, die von den alliier len Be­hörden ausgestellt worden sind), 83 (Befugnisse der alliierten Zollbeamten), 89 (Regelung des Alkvholverkehrs im besetzten G biet) mit Wirkung vvm 30. September abends 12 Hbr unter Vor­behalten aufgehoben, die im wesentlichen f o I- genden Inhalt haben:

Hnbrrührt bleibt die Gültigkeit der auf Grund der aufgehobenen Verordnung n betätigten Akte, erworbenen Rechte, übernommenen Verbindlich­keiten und verhängten Strafen. Die strafgericht­liche Zuständigkeit nach Verordnung 84 gilt noch für die vor dem Inkrafttreten der neuen Verord­nung liegenden Handlungen. Die von den alli­ierten Stellen im besetzten Gebiet erteilten Ein- inb Ausfuhrbwilligungen bleiben gültig, ebenso die von ihnen aufgestellten Freilisten für die Dauer von 3 Monaten. Ferner bleibt die Frei­heit des Verkehrs mit Postpaketen bis zu 5 Kilo über die West grenze der besetzten Gebiete für 1 Monat bestehen. Irgendwelche Abfassungs- oder Befchlagmaßnahmen gegen die auf Grund alliierter Bewilligungen eingc führten Waren sind untersagt, ebenso jede behördliche Maßnahme gegen diejenigen Personen, welche auf Grund der Sanktionsforderungen Geschäfte getätigt haben und diejenigen Personen, welche an der Durch­führung der Sanktionen dienstlich teilgenommen haben. Eingehende Verfahrensvorschriften sichern die Durchführung ti s.r Be'limmu gen F ir d e «3tDecfe der Ab echnung der~ d n Repa at ons- ausschuß von der Rheinlandkomm s Ion und tr r n Organen vereinnahmten deutschen Zvlleinkünfte bleiben die zuständigen deutsch n Behörden den betreftenden Organen der Rheinlandkommission unterstellt. Die bei der Durchführung der Sank­tionen der deutschen Verwaltung entflanbenen Kosten fallen dem Deutschen Reiche zur Last. Die Suspension der deutschen Gesetze und Ver­ordnungen. welche von der Rheinlandkvmmission auf Grund der Sanktionsverordnungen ausge­sprochen wurde, wird auf gehoben. B s zum In­krafttreten des' interalliierten Zollausichu'ses setzt das Emser Ein - und Ausfuhr amt seine Tätigkeit fort, soweit es sich um den Warenver­kehr über die Auslandsgrenze des besetzten Ge­bietes handelt.

fpd. Frankfurt a. M., 29. Sept. Die in der Rächt zum Samstag zur Durchführung kom­mende Aufhebung derSanktionen" zeigt bereits ihre Auswirkung. An allen Zollstationen wird bereits mit dem Abbruch bzw. der Abrüstung begonnen. Bedauerlich ist, daß bei den ersten Pri­vatmeldungen über die Aufhebungen der deutsche Dementierapparat erst in Bewegung gesetzt werden rfiufote, während die französischen Handelsfirmen schon 35 Stunden vorher von der amtlichen An­kündigung unterrichtet waren und dementsprechend handeln konnten.

London, 30. Sept. (WTB.) LautDaily Telegraph" ist die weitverbrettete Ansicht, daß das Ende der wirtschaftlichen Santtionen auch das Ende der alliierten militärischen Beset­zung der Ruhrhäfen bedeute grundlos.

Paris, 29. Sept. (Wolff.) Die demo­kratischeEreRouvelle" sagt zur Aufhebung der Sanktionen: .Ohne Zweifel würden die na­tionalistischen Gegner des Reichska-'z'ers, die ihm feit zwei Monaten so lebhafte Vorwürfe wegen feiner Richterreichung der Beseitigung der toirt- fchaftlichsr Sanktionen machten, künftig nur darauf bestehen, welche Demütigung die Einrichtung eines interalliierten Organs zur Heber- wachung der deutschen Zollverwallung für Deutsch­land darstelle, aber schließlich werde die Mehr­heit des Reichstages gewiß weniger ungerecht sein. Das seit einiger Zeit ein wenig geschwächte Prestige des Kanzlers werde feinen Klanz wieder gewinnen.

Gustave Thsry schreibt im .Oeuvre", wenn das deutsche Voll alle Tage ein wenig mehr einsehe, daß die französische Friedenspolitik sich bemühe, Opfer zu bringen und der deutschen Re­publik alle Zugeständniffe mache, die sie dem Kaiserreiche verweigerte, so würde ein großer Schritt wieder getan sein, der zu den Vereinigten Staaten Europas führe. Die deutschen Demo­kraten könnten unD müßten die Verbündeten Frankreichs gegen den Krieg werden; um so schlimmer wäre es für sie, wenn sie die fran­zösischen Demokraten nicht verständen, wie dieses Richtverstehen ebenso schlimm für die Demokra en Frankreichs sowie für die ganze Menschheit sein.

Der Minister Dr. Strecker zu den Sozialdemokraten übergegangen.

Aus Darmstadt wird uns geschrieben:

Einer der Führer der hessischen Demokratie, Kultusminister Dr. S t r e ck e r, hat seinen Aus­tritt aus der Demokratischen Partei erflärt und sich der Sozialdemokratie

angeschlossen. 3n einem Schreiben an Finanz- miniftcr Henrich erklärte er, daß er sich mit bem Gedanken schon längere Zeit trage und daß dieser bei feinem letzten längeren Aufenthalt in der Schweiz zum Entschlüsse gereift fei. Gleich- zeitig legt Dr. Strecker in einem Schreiben an »en Landtagspräsidcnten Adelung sein L a n d- t«Kgsmandat nieder. Die demokratische Fraktion des hessischen Landtages ist telc graphisch zu einer Sitzung einberufen, um zur Gesamtlage Stellung zu nehmen. Falls sie darauf besteht, wird Dr. Strecker auf feine Mitgliedschaft im Ministerium verzichten muffen Es ist das aber wohl kaum anzunehmen, da das Verhällnis zwi­schen Demokraten und Sozialdemokraten hierzu­lande ein sehr enges ist. Da Ende Rovember Die Landtagswahlen doch stattfinden müssen, wird man Dr. Strecker wohl noch im Amte lasten, um die Rovelle zum Volksfchulgefetz zu verabschieden Bei den Reuwahlen Dürfte Dr Strecker für die Sozialdemokratie kandidieren und wohl die Hoff­nung hegen, mit ihrer Hilfe auch zukünftig in Der Regierung zu bleiben. Dor einiger Zeit war er von Der Demokratischen Partei Rheinhesseirs an sicherer Stelle zum Landtag aufgestellt worden. Man hatte sich nicht wenig darüber gewundert, daß die Partei ausgerechnet im national gefähr­de ten Rheinhessen den crflärten Pazifisten und Internationalisten Strecker ihren Wählern emp­fahl. Jetzt ist diese Kandidatur selbstverständlich erledigt.

Untere Zeit ist ja an mancherlei gewöhnt, aber doch kaum Daran, Daß ein im Amte sich befinden- Der Parteiminister feine Front wechselt. Bei Dr. Strecker ist Das aber nicht tragisch zu nehmen. Innerlich haben ihn seine Gegner von rechts schon stets als Sozialdemokraten betrachtet, unD diese selbst traten im Landtag oder in der Ocf- fentlichkeit für Strecker entschiedener ein, als für irgend einen ihrer eigenen Minister. Merkwürdig empfand man es nur, daß die »bürgerliche" Par­tei der Demokratie nach außen wenigstens sich so entschieden für diesen Mann ins Zeug legte, dem jedes Rationalgefühl ohne weiteres als ..Chauvinismus" galt und als Greuel ver­dächtig war. Dor wenrgen Monaten noch trat er öffentlich als Redner bei Derroten Jugend" auf, vor einigen Wochen erst erschien imVor­wärts" ein aus Genf Datierter, mit seinen Ini­tialen gezeichneter Artikel. Wenn nun Dr. Strecker auch äußerlich Die klare Linie zieht und zur So­zialdemokratie übergeht, so diskreditiert er damit seine eigene Partei aufs schwerste. Denn s i e war es, Die seine ärgsten Entgleisungen stets ftiH- schweigenD geduldet oder womöglich öffentlich ge­deckt Hai. Wir möchten noch nicht einmal glauben, daß damit der Weg des radikalen Ideologen nach links seine letzte Station erreicht hat. Je­denfalls aber scheidet aus der Demokratischen Partei Hessens eine Persönlichkeit aus, die ihre ganze Kraft dafür eingesetzt bat, den Gedanken Der deutschen Demokratie zu diskreditieren. Man­chen mag er mit nach links ziehen. Der Mehrheit feiner früheren Anhänger aber wirb Der Weg des Herrn Dr. Strecker zu Denken geben.

Cme Erklärung der demokratischen Landtags- sraktion.

sw. Darmstadt, 29. Sept. Die Land­tagsfraktion der Demokratischen Partei gibt folgende Mitteilung bekannt: Dr. Strecker, der Präsident des Hess. Landesamis für das Bildungswesen, hat in einem Schreiben an den Staatspräsidenten Ulrich und an den Vor­stand der Demokratischen Partei seinen Heber» tritt zur Sozialdemokratie erklärt. Herr Dr. Strecker^ der seit Monaten Den Partei- heran Haltungen ferngeblieben ift. bat diesen Schritt offenbar schon seit längerer Zeit bei sich erwogen und hat ihn, wie er schreibt, zu­letzt noch unter den starken Eindrücken eines mehr­wöchentlichen Studienaufenthaltes in der Schweiz ausgeführt. Damit scheidet er naturgemäß auch aus den Dertrauensämtern aus, die ihm die de­mokratische Partei im Landtag und in der Re­gierung übertragen hatt. Wen die demokratische Partei für den Lest der Landtagsperiode an Streckers Stelle in die Regierung entsendet, ist noch nicht cn.schieden. Jeden a ls wird der Wechsel in der Person des Amtsinhabers keinen Wechsel in der bisherigen Schulpolitik der Partei und ihrer Vertreter bedeuten.

rm. Darmstadt, 29. Sept. Die heute früh bei der demokratischen Parteileitung eingegangene Rachricht des Austritts des Präsidenten deS Lan­desamtes für das Bildungswesen Dr. Strecker aus der Demokratischen Partei und dessen Heber­tritt zur Sozialdemokratischen Partei gerade zu der jetzigen Zeit brachte für viele, wenn auch nicht für alle, eine große Ueberraschung und wurde in den Ausschüssen mit verschiedenen Gefühlen und Mei­nungen aufgenommen. Don mancher Seite wird be­hauptet, daß er sich ein Landtagsmandat habe sichern wollen, da dies in der Demokratischen Par­tei unsicher sei, wieder andere sind der Auffassung, daß der Hebertritt aus Idealismus erfolgt sei. Die demokratische Fraktion trat heute früh zu einer Beratung zusammen, um zu der Frage Stellung zu nehmen. Da Dr. Strecker mit dem Hebertritt nicht nur sein Landtagsmandat verliert, sondern auch sein Amt als D i ldu n g s p r ä s i d en t niederlegen muß. da er dieses Amt nur als Angehöriger der Demokratischen Partei erhalten hat, beschloß die Fraktion, für die Zeit bis zu den Wahlen einen Stellvertreter für Dr. Strecker zu bestimmen. Hierüber sollen noch Beratungen statt- finden.

Darmstadt, 29. Sept. (Wolff.) Der Prä- fiDent des Hessischen Landesamtes für das Dil- dungswefen, Dr. Strecker, hat in einem Schrei­ben an pen Staatspräsidenten Hlrich und an Den Vorstand Der Demokratischen Partei feinen

Austritt aus Der Demokratischen Partei und seinen HebertrittzurSozialdcmokratie mil­geteilt. Zugleich hat er Dem Landtagspräfidenien Adelung mitgctcilt, daß er sein QRanDat nieder­gelegt habe.

Ein interessanter Gegensatz in der Dölkerdundsversammiung.

Genf. 29. Sept. (WB) Die heutige Qui8- sprache in der Dölkerbu-ndsverfamm- l u n g über Den bereits gestern verte feie i Bericht zur Bekämpfung des Madchen-unDKinder- hanDels, führte zu einer au'-erorDenUit leo- haften und zum Teil erregten Debatte, die schließlich zu einerAu-^einander etzung Der fiaa- zöfifcheii Delegation m.t Der von Der englischen Delegation geführten Mehrheit Der Dersammlung auswuchs und über das zur De. Handlung ste­hende Thema hirausgehend, Das gesamte P.oblein Der Arbeitsfähigkeit und internatioi a'e.i Kom­petenzen DeS Völkerbundes auittxirf. Die An­träge der 5. Kommission zielten Darauf hin, Die Anregungen Der jürgflen G.'nfer Ko rferenz über Mädchen- und Kindei handel in einen formellen Abkcmmensentwurf ab^uändern. Den die Da u be­reits bevollmächtigten DI.gierten unte.zrichnen können, während Die nicht b.vollmäch Igtcn De­legierten später die Hnterzeichnung vornehmen könnten. Dieser Antrag war vor allem auf daS Betreiben Der eng'dfchen Delegation z istande ge­kommen und bedeutete einen Versuch, in einer rein Humanitären und unprittischen <5rage die üb ichen Gepflogenheiten DerD lkerbund< Versamm­lung, Die sich im all icmeinen nur auf üie For­mulierung von Wünschen beschränkt, aufzngeben unD selbstänDig ein internationales Abkommen vorzubereiten. Gegen diesen von Der Mehrheit mit großem RrchDruck unterstützten P'an pro­testierte der französtsche Delegierte in Der entschiedensten Wet'fe, |o daß zunächst Der Eindruck entstand, als ob die fran­zösische Delegation aus Rücklicht auf ihre So» Ion ialbevölkerung die Grund ätze des Ab­kommens abschwächen wolle. Di fer Ei druck er­wies sich als falsch, wie von allen Delegierten anerkannt wurde. Ebenso ging auS Den Erklärun- gen Hanotaux' hervor, Daß es ihm nicht auf ein

Ivßes Derschleppungsmanöver ankäme, als er eine Frist von 4 Monaten unD eine etwaige neue Konferenz verlangte oder airegfe, daß erst nach späterer Zustimmung von zwei Dritteln Der Mitgliedsstaaten das Protokoll eröffnet werden sollte. Tatfächllch fand sich Hanotaux in dieser Frage zu Konzessionen bereit Sein Protest galt, wie er selbst erklärte, der Aeußerung, Daß Der Völkerbund, bevor die Regierungen selbst Stel­lung genommen haben, ii, Abkommen en Wersen und Darüber Beschlüsse fassen Dürfe. Sein Stand­punkt ging klar aus folgender Erklärung her­vor: Wir halten es nicht für klug, wenn wir einen P r äzedenzf a ll scha'fen, Der in allen Fällen übereilte und vielleicht ungenügend über­legte Abstimmungen Hervorrufen la in.

Vergeblich bemühten sich Ader (Schweiz), de: Berichterstatter Murray (Südafrika) und La­fontaine (Schweiz), vor allem aber Balfour (Eng- Ia*D), mit Schärfe die Einwande Hanotaux zu ei.Ti'äften, Balfour rtr*. ohne Die französische De­legation überzeugen zu Tonnen, die Versammlung zu stürmischem Beifall hin, als er sagte: Wenn wir nicht unsere heutige Aufgabe ausführen kön­nen, so frage ich mich, was wir überhaupt hier wollen und wozu Der Völkerbund d.ent. Den wahren Sachverhall und das eigentliche Problem, das zu diesen Meinungsverschiedenheiten führte, deckte Motta auf, als er fragte: Wollen wir, die wir Der Völkerbund sind, uns dazu verur­teilen, immer nur eine Versammlung zu fein, Die Wünsche aussprichl, ober wollen wir. wenn wir es können, wenn das Material hinreichend ge­prüft und vorbereitet ist, eine Versammlung wer­den, die handelt?

Rach einer längeren Debatte, in der sich der juaoflaw'.sche Derttcter Aovamowttsch dem fran­zösischen Standpunkt anschließt und der hollän­dische Delegierte von Swinderen zu vermitteln sucht, lehnte die Versammlung einen Vermitt­lungsantrag des Delegierten von Panama ab, tote auch die gemilderten Gegenvorschläge Hano­taux und nahm mit 29 Stimmen bei 22 Stimm­enthaltungen, worunter sich Frankreich. Polen und Die Staaten Der kleinen Entente befanden, die Anträge Der Kommission an.

Die Tagung des Reichsverbandes der deutschen Industrie.

München, 29. Sept, (WTB) Der Reichs» Der ba nD Der Deutschen Industrie trat in die Erörterungen der gestrigen Ausführungen des Wiederaufbauministers Rathenau ein. Der Reich?kommisfar für den Wiederaufbau von Da- tocki bemerkte u. a.: Die Sachleistungen mühten nach einheitlichen Gesichtspunkten im Sinne höch­ster Wirtschaftlichkeit geordnet werden. Er Der- breitete sich Dann über die üblen Erscheinungen der Verschwendungssucht und des übermäßigen ausländischen Verbrauchs und meinte, wir müß­ten unsere Lebenshaltung auf das bescheidene Maß der Zett vor etwa 40 Jahren Zurückschrau- ben. Wenn der Massenkonsum und Der Massen­luxus nicht eingeDämmt toürDen, Dann würden uns alle unsere Sachleistungen nichts nützen. Wrr seien in den Augen des Auslandes leichtfer­tige Bankerotteure, die schnell noch chre letzten Besitztümer verprassen. Ein Voll> ,w^e wrr, müßte sich wenigstens- vorübergehend Einschrän­kungen auferlegen können. Hnsere Sachleistungen müßten möglichst schnell und prompt Durchgeführt