Unterhaltung ♦ Erhebung ♦ Selehrung
Das „liebe Brot" im Volksglauben.
Das Brot wird wieder teurer werden. Wir wissen zwar noch nicht genau, wieviel wir für dieses wichtigste Nah.ungsrntttel werden zahlen müssen, aoec das wissen wir genau, daß diese Neuerung schwere Folgen für all unsere Lebensbedingungen haben wird. Die einzigartige Stellung, die das Brot unter den alltäglichen Bedürfnissen einnimmt, leuchtet am deutlichsten aus deni Volksglauben hervor, der von altersher diesem Inbegriff von „Nahrung und Notdurft" die größte Liebe und Verehrung entgegeng-bracht hat. Schon im Sprichwort ist das ausgedrückt, wenn es z. B in Schlesien heißt: „Hotig ist Brot und Himmel" oder in Bayern: „Salz und Brot gebe Gott, dann hat's keine Not." Weil das liebe oder heilige „täglich Brot" so wichtig ist, darum sind mit seiner Herstellung und Behandlung eine Menge von Vorschriften und Bräuchen verknüpft. Die Bäuerin weiht den angesäuerten Teig mit einem Kreuze, und das erste Brot, das in den Ofen kommt, das sog. „Kreuzbrot", erhält ein Kreuz eingedrückt und wird zuleyt gegessen. Auch für das Backen gibt es allerlei Segenssprüche. In manchen Gegenden heißt es, man solle das Brot überhaupt nicht schneiden, sondern brechen, und in andern ist das Anschneiden des Brotes eine besonders bedeutsame Angelegenheit, die nur dem Hausherrn zukommt, dem altdeutschen „Brot- geber", ein Wort, das aus dem angelsächsischen Haaford" sich noch in dem heutigen „Lord" erhalten hat. Als die beste Gabe Gottes soll man das Brot in jeder Hinsicht mit Ehrfurcht behandeln. Die Liebe des deutschen Volkes zum Brot hat sich in vielen innigen Zügen offenbart, die von einer besonders zarten und liebenswürdigen Pietät sind. So darf man mit Brot nicht spielen, und wer es doch tut, der kommt nicht in den Himmel. Man darf Brot nicht auf die Erde fallen mssen, und wenn einem doch dieses Unglück passiert ist, dann muh man es küssen, bevor man es ißt. Brot darf man nicht mit Füßen treten, sonst wird man Hunger leiden müssen und in die Hölle kommen, wie es dem Mädchen im Andersenschen Märchen passiert. Wenn man nur über ein kleines Brvtkrümchen mit dem Wagen fährt, so schreit es so laut, daß man davon taub wird. Tritt jemand auf Brosamen, so weinen die armen Seelen. Wer Brosamen auf der Erde findet, der soll sie sofort aufheben, denn sonst wird er sie nach seinem Tode mit blutenden Augen sammeln müssen. Auf dem Tisch darf das Brot nicht mit der Kruste nach oben liegen, und wer ein Brot wegschenkt, soll -vorher die Spitze abschneiden, sonst gibt er zugleich das Glück fort.
Diese rührende persönliche Beziehung des deutschen Volksglaubens zum Brot führt nun dazu, daß diesem köstlichen Ding viele geheime Kräfte zugeschrieben werden, daß es bei dem Fvrtleben alter Opsergeüräuche Verwendung findet. 3m Brot steckt zunächst einmal der Zauber, daß es wieder Brot schafft. Deshalb wird die Braut von ihrem Hochzeitsmahl sich ein Stück Brot aufbewahren, um nie Mangel zu leiden. Dem Neugeborenen steckt man ein Stück Brot in den Mund oder legt es ihm unter die Wiege, damit das Kindchen sein ganzes Leben lang immer etwa« zu essen hat. Zieht man in eine neue Wohnung oder ein neues Haus, so trägt man ein Brot voran, um stets das tägliche Brot zu haben. Aber nicht nur Brot schafft das Brot, sondern 'Segen, Glück und Gedeihen überhaupt. Deshalb wird In Ostpreußen in den Zipfel des Sätuches ein Stück Brot gebunden, damit die Saat gedeiht; damit da« Buttern gut gelingt, wirft man in Franken drei Brotkrumen In daS Butterfaß usw. Diese segensreiche Wirkung deS Brotes macht es dann auch zu einem Schutz gegen böse Geister und Dämonen. Wenn man den Kindern etwas Brot in die Kleider steckt oder umhängt, dann sind sie vor dem bösen Blick sicher und gegen alles Herenwerk gefeit. Gegen Feuer und Unwetter hilft das Brot. So wirft man in der Pfalz, um eine Feuersbrunst zu löschen, ein dreimal geweihtes Brot in die Flammen. Bei drohendem Gewitter wendet man den Wind, indem man einen Backtrog vor die Tür stellt, ein Brot hineinlegt, c« kreuzweise in vier Teile schneidet und das Messer drin stecken läßt. Nach der Richtung nun. in der das Messer steckt, verzieht sich das Unwetter. Sodann ist das Brot ein Heilmittel gegen allerlei Krankheiten bei Mensch und Tier. So soll man z. B. nach einem böhmischen Glauben das Fieber vertreiben, wenn man dreimal um einen Teich lauft und dabei ein Stück Brot hineinwirft. Der Genuß von schimmligem Brot soll gegen Fieber und Bauchweh gut sein, und gegen den Biß giftiger Schlangen schützt man sich, indem man am Gründonnerstag früh Brot ißt. Ha, das Brot vertreibt sogar auch eine echt deutsche Krankheit, und dieser Glaube zeugt vielleicht am stärksten von der Innigkeit, mit der das Dolksgemüt daS liebe Brot umfängt.
Waldmeister.
Don Adolf Koelsch.
Naturbetrachtung mit innerlichem Erlebnis zu verknüpfen, dieser Drang geht durch ein interessantes, im Verlag von Rütten und Löhning, Frankfurt, erschienenes Buch „K r e a t u r“ von Adolf Koelsch, aus dem wir, dem Beispiel der neuen Essener Wochenschrift „Hellweg" folgend, nachstehende Geschichte entnehmen:
Wenn der Waldmeister blüht, gehen Götter um auf dieser Erde. Mit ihnen fängt diese Geschichte auch an.
Aber in Fluß gerät sie erst, als Polkru, ein Deegeist verschollener Friesensagen, in Verlegenheit geriet, wie er sich Malekaten, der gerstenstroh- haarigen Malekate aus einer Fischerhütte von der vorderen Langeooger Bucht, nähern sollte. Er hatte die Schoilengründe im „Kanal" inspiziert und war auf die Klagen einer alten Schollenmutter hin hier heraufgereist, um zu sehen, ob die Weideplätze für die Schollenbrut wirklich so miferabel seien, wie die Alte behauptet hatte. Da hatte er dieses Mädchen erblickt, mit Augen so gelbgrau wie abgelagerter Dünensand und Haaren so weich wie Wasser, das seinen Weg schon durch tausend und abertausend Kiemen genommen hat.
Sollte er sich ihr nähern in Gestalt eines Goldregenpfeifers, dem der Flügel gebrochen ist und der mit runden Augen um Hilfe und Schonung fleht? Sollte er auf sie zukommen in Ge
stalt einer Wolke, wenn sie nach dem Bad wie I eine Robbe am Strand lag? . . . Schöne Ge- | chichten das! Im Nislheimer Götterkreis auf Island erzählte man sich, daß Kollege Jupiter mit der Io das schon approbiert habe und daß er dafür in der halben Welt als Schandkerl in Verruf gebracht worden sei . . . Nein, er würde ich hüten! Aber in einen blanken Eisvogel, dachte Polkru, wolle er sich verwandeln und an den Quclltopf hinfliegen, wenn sie Wasser zu schöpfen kam. Und wenn sie nahte, wollte er sitzen bleiben. Das würde sie sicher verblüffen. Denn Eisvögel sind scheu, wie all_s, was rein 'ist, und noch keiner hat einen mit seinen Händen gefangen. Da würde Malekate ihn zu greifen versuchen, und wenn sie ihn hätte, trüge sie ihn entzückt in ihr Holzhaus hinein. Und wenn sie dann recht lieb zu ihm wäre, liehe er das smaragdgrüne Federkleid in ihrer Hand und schlüpfte hervor wie das singende Meer aus einer Tritonschale. die man ans Ohr hält.
Da kam Malekate gerade hinter dem Hang herauf gegen den Wald und fing an. sich nach etwas zu bücken, das zwischen den Buchen am Boden wuchs. Sie riß Hände voll davon aus und stopfte es in ihren Schürzenbeutel.
Polkru sah, daß sie Waldmeister rupfte. Der Waldmeister hieß aber damals noch anders. Man sagte 2 e 11 st r o h dafür.
Polkru schaute ihr zu, wie sie sich bückte, und wußte sofort, was es geschlagen hatte: Eine Fischersfrau sollte ein Kleines kriegen. Da war es Sitte, daß man dies Kräutlein brach und der Wöchnerin ein Bett daraus machte. Damit aber wird die Geschichte menschlich und geht für den Augenblick um ein paar hundert Jahre hinter Malekatens Tage zurück.
An der jütischen Küste, bald nachdem sie wieder eisfrei und bewohnbar geworden war. lebte damals ein Waldmenschenweib, das seine Kinder nur sehr schwer zur Welt bringen konnte. Auch alle Opfer, die sie den Göttern schenkte, schlugen nicht an. Bis es gerade im verzweifeltsten Fall, als sie schon ihr Leben verloren glaubte, geschah, daß ihr die schwerste Stunde zur leichtesten ward. Das war damals gewesen, als sie im frischergrünten Wald beim Wurzelsuchen vorn Weh überrascht worden war, so daß sie sich einfach hatte hinlegen müssen, wo sie ging und stand. Nichts war ihr nah als ein Bestand jenes Krautes, das seine Blätter wie einen Kinderreigen um den Stengel geordnet hat und seine Blüten wie ein Himmelsdach darüber aufspannt. Da hatte 'Ne Frau in ihrem Schmerzensrausch um sich gegriffen und etliche Büsche davon ausgerauft, so viel /il« sie just mit den Händen erreichen konnte, und hatte die Bündel unter den Körper geschoben, daß sie nicht so hart lag. — In dieser Stunde ist ein Mensch ganz ohne Schmerzen zur Welt gekommen.
Die Sache sprach sich weiter von Stamm zu Stamm. Seitdem sammelten alle nordischen Frauen Waldmeisterkräuter für die notvolle Zeit und füllten damit ihr Lager; denn es hieß. All- mutter selbst, die Göttin Der Fruchtbarkeit, sei In dem Stäudlein allgegenwärtig und stehe den Frauen in ihren schweren Stunden als Helferin bei . . .
Es tr^trbe bann später Sitte, daß man nicht mehr ein ganzes Waldmeisterbett herrichtete, sondern zufrieden war, wenn man ein paar Bündel des Krautes im Linnen verstreuen konnte. Es wurde auch Brauch, daß jedes weibliche Wesen es als vornehmsten Menschendienst betrachtete, wenn es für eine Leidensschwester den Waldmeister heimholen durfte, und es kam mit der Zeit dahin, daß ein junges Ding, das für andere Waldmeister rupfen ging, ein paar Stengel davon zusammenraffte, um sie für sich selbst als Beständ- lein unter« Kissen zu tun. Denn wer es in seinen Mädchenjahren zu recht vielen Ghrenbündeln gebracht, hatte es in seiner Frauenzeit leicht.
So war der Waldmeister plötzlich zu Ehren gekommen. Wer hätte das gedacht! Denn bis dahin toar er ein unbeachtetes Stäudlein gewesen. Seine Früchte waren nicht zu genießen, seine Samen waren unnützer, feuersteinharter Staub. Aber gerade ihre Härte hatte ihm durch die Eiszeit hindurchgeholfen. Lang, lang lagen die kleinen hornigen Gebilde unter dem Gletschereis und rührten sich nicht, starben aber auch nicht. Und als der Gletscher zurückschmolz, keimten sie aus. Freilich sahen sie sich mit dem Leben in einer ganz andern Welt wieder. Moder. Mull, saurer Hu- muS und vergärende Pflanzenleichen, dazu der Geruch ranziger Buttersäure in allen Winkeln, und ringsum Myriaden luftscheuer Bakterien, die sich behaglich durch den schmierigen Fäulnisteig wälzten, — immer nur damit stießen die feinen, hungrigen Wurzeln zusammen; die braune, trüm- melige Erde, an der sie sich doch hatten vollfressen wollen mit Kraft, war einfach wie aus der Welt geschieden. Sollten sie vor Hunger vergehen?
Der Keimling ließ vor Schwäche den Kopf schon hängen, als ein längerer schimmelweißer Pilzfaden durch den Brei gekrochen kam und in einem der Würzelchen sich fest mit dem Maul verbiß. Helf mir Gott, dachte der Keimling, das ist das Ende . . . Als er mit einemmal deutlich von unten herauf eine mächtige Saftwelle durch alle Gefähbündel aufschießen fühlte! Der ersten folgte rasch eine zweite; er konnte den Kopf wieder heben; nun wurde aus dem Wellengang ein richtiger, warmer gleichmäßiger Strom, seine Glieder begannen sich zu dehnen, als dränge es ihn aus seiner eigenen Haut völlig heraus. Er dachte, das ist die Seele, die abfahren will. Da schlüpfte auch schon ein Trieblein zwischen den beiden Blättern, die er hatte, heraus, und er spürte, daß er anfing zu wachsen.
In der Folge stellte sich heraus, daß der Pilzfaden ihn gerettet hatte. Wie eine Magenkanüle hatte er sich an das Waldmeisterwürzelchen angeschraubt und ihm einmal ums andere einen Löffel von der Kraftbrühe eingeslöht, die aus den vermodernden Pflanzenkadavern abtropfte. Aber nicht roh, wie sie da draußen herumfloh und der Keimling sie nicht genießen konnte, wurde die Bouillon von dem Pilze serviert, sondern gewissermaßen gekocht, durchgearbeitet von einem lebenden Wesen, das sich Darauf verstand, aus Modrigem und Faulem appetitliche Nährpräparate zu machen, so daß all die guten Säfte, die die Pflanzen bei Lebzeiten aus der Erde beraus- gefaugt hatten, sich in dem Waldmeister häuften. — Bald schwamm ein zweiter glasheller Pilz- schlauch herzu und schraubte sich dem Waldmeister an, bald war es ein ganzer Schwarm, der hinten I Moder fraß und das, was er aus den verrotteten | Rückständen einstigen Lebens herausdestillierte.
vorn teilweise an den Hungrigen weitergab. Seitdem lebt der Waldmeister mit diesem Pilzfaden im Waldmull zusammen und frißt nicht reine Erde, wie andere Pflanzen, sondern führt sich auch von all den guten Sächelchen etwas zu. die der Pilz herauszieht aus dem Mull und ihm in die Würzelchen einspritzt. An feinem Duft merkt man es übrigens deutlich: Er riecht nach gärendem Heu, nassem, faulendem Buchenlaub, Buttersäure und vielen schönen Dlütenwelten. deren Trümmer ein Herbst nach dem andern zwischen den Waldbäumen häuft.
Polkru verwandelte sich also in ein Waldmeisterlein, und gleich darauf hatte ihn Malekate in ihrer Schürze. Er wußte es auch so einzurichten, daß sie ihn später zu den Kräutern herübernahm, die sie für sich auf die Seite legte, und ein Weilchen darauf hatte ihn Malekate im Bett.
Seitdem passieren im Mai so viele peinliche Wonnegeschichten. Denn wie es so geht, daß die Mädchen den Schnabel nicht halten können, erzählt Malekate ihren Freundinnen von dem Herr- göttlein, daß sie im Bettstroh gefunden hatte; abermals sprach sich die Sache von Stamm zu Stamm, und bald rupften die Mädchen den Waldmeister mit ganz anderen Gedanken als in der Grohmutterzeit. Es war ja schon recht, wenn man die helfende Göttin in seiner Nähe hatte, wie die Alten gesagt; aber man konnte nicht wissen, ob nicht am Ende auch ein Herrgöttlein drunter war wie bei Malekate. Und eh' ein Jahrzehnt verflossen war, schlief zwischen Schleswig und Kurpfalz alles, was fromme Wünsche hatte, im Mai auf Waldmeisterstreu.
Die Sonderstellung des Wassers.
Von der Schule her weih jeder, daß sich das Wasser beim Erwärmen von 0° auf 4° zusammenzieht, sich aber bei weiterem Erwärmen wieder ausdehnt; bei 4° hat das Wasser seine größte Dichte. Das Verhalten,, sich bei steigender Temperatur zwischen 0D und 4° zusammenzuziehen, findet sich bei keinem anderen Stoffe wieder. Dieses abweichende Verhalten, diese Anomalie des Wassers, ist bekanntlich von großer Bedeutung für den Haushalt der Natur; die Gewässer würden bei „normalem" Verhalten des Wassers im Winter vollständig ausfrieren und so jedes organische Leben im Wasser vernichten. — Ebenso bekannt ist eine zweite Anomalie des Wassers, nämlich die Erscheinung, daß das Eis sich beim Schmelzen zusammenzieht, während fast alle anderen Körper sich beim Schmelzen ausdehnen; umgekehrt dehnt sick das Wasser beim Gefrieren plötzlich aus und zwar um l/10 seines Volumens. Auch dieses Verhalten des Wassers hat sich die Natur wohlweislich für ihre Zwecke so und gerade so zurecht gemacht. — Etwas weniger bekannt ist es, daß wir auch darin eine Anomalie des Wassers (das wäre die dritte) zu erblicken haben, wenn wir beobachten, wie sich der Gefrierpunkt des Wassers erniedrigt, sobald wir es zusammendrücken; bei der Mehrzahl der Stoffe wird das Gefrieren begünstigt, sobald man sie einem höheren als dem gewöhnlichen Luftdrucke aus- setzt. Cs mag sein, daß diese Anomalie mit der zweiten zusammenhängt, aber sie läßt sich nicht restlos aus ihr erklären. Ihre Notwendigkeit für die Natur besteht darin, daß selbst bei dem ungeheuren Wasserdruck auf die untersten Schichten des Meeres diese Schichten bei ihren durchschnittlich 3° unter Null flüssig bleiben. — Das Gegenstück zu dieser dritten Anomalie ist die Tatsache, daß Eis eher schmilzt, sobald man es zusammendrückt, um nach Aufhören des Druckes gleich wieder zu gefrieren. Die Bedeutung dieser Erscheinung der Negelation des Eises für die Natur ist bekannt (Gletscherbildung).
Außer den erwähnten 3 Anomalien des Wassers gibt es noch andere; der Jenaer Professor Felix Auerbach gibt im ganzen deren sieben an und bespricht sie ausführlich und fesselnd in mehreren Heften der Zeitschrift „Himmel und Erde" aus dem Jahre 1914.— Das Wasser hat bei 27° seine kleinste „spezifische Wärme". Unter spezifischer Wärme eines Körpers versteht man diejenige Wärmemenge, die man einem Kilogramm desselben zuführen muß, um seine Temperatur um 1° zu erhöhen. Im allgemeinen wird nun die spezifische Wärme der Körper wachsen, d. h. beim Uebergang von 11° auf 12° kleiner sein als beim Uebergang von 12° auf 13°, usw. (bei Quecksilber nimmt die "spezifische Wärme mit steigender Temperatur ab); das Wasser aber folgt seinen eigenen Launen, und ganz abgesehen davon, daß es im Vergleich zu den anderen Körpern eine enorme spezifische Wärme hat, laßt es diese zwischen 0° und 27° abnehmen und von 27° ab wieder zunehmen.
Die fünfte Anomalie des Wassers bezieht sich auf seine Schmelzwärme, das ist die Wassermenge, die nötig ist, um 1 Kilogramm Eis von 0° zu schmelzen. Der Umstand, daß diese Zahl 80 Kalorien beträgt (1 Kalorie ist die durchschnittliche Wärmemenge, um ein Kilogramm flüssigen Wassers in seiner Temperatur um 1° zu erhöhen), also sehr groß ist, bedeutet weiter keine „Anomalie", daß aber diese Zahl kleiner wird, wenn der Schmelzprozeh bei einer niederen Temperatur als 0° vorgenommen wird, ist eine Merkwürdigkeit, die dem Verhalten der meisten anderen Körper zuwiderläuft; man sollte doch erwarten, daß ein kälteres Eisstück schwerer zu schmelzen ist als ein solches von 0°, aber das Wasser tut uns den Gefallen nicht.
Die sechste Anomalie besteht in der Tatsache, daß man bei der spezifischen Wärme des gesättigten Wasserdampfes im ganzen Bereiche der hier vorkommenden Temperaturen
mit negativen, anstatt mit posittven Werten zu rechnen hat.
Die siebente Anomalie des Wassers liegt auf dem Gebiet der elekttischen und optischen Erscheinungen; eS würde zu weit sichren, hier näher darauf einzugehen.
Auch auf die Bedeutung der 4 letzten Anomalien des Wassers für den Haushalt der Natur müssen wir es uns hier versagen, einzugehen, schon aus Rücksicht auf den Mangel an Raum.
So viel aber dürfte die Aufzählung der Anomalien des Wassers doch bewirkt haben: Wir kommen dahinter, daß es mit seiner vielgerühmten „Bravheit" nicht so weit her ist, daß es seine eigenen Wege geht, daß eS aber ttotz alledem wieder so — gut ist. CH.
Tiere als Aerzte.
Menn ein wilder Bogel oder ein freilebendeS ©äugetier ein Glied bricht, so muß es deshalb noch nicht sterben; aber der ohnehin schwere Kampf um« Dasein wird ihm dadurch noch erschwert. Um möglichst schnell den Schaden zu überwinden, unterstützt das beschädigte Tier in manchmal geradezu erstaunlicher Weise die Aetl- fraft der Natur und ist alS sein eigener Arzt tätig. Ebenso merkwürdige wie hochinteressante Beobachtungen in dieser Hinsicht veröffentlicht ein englischer Naturforscher Oliver Pike in einem Londoner Blatt. Er erzählt unS von einer Schnepfe, die ein Dein brach. Es war ein einfacher Bruch, der schnell zu heilen begann; aber der Bogel unterstützte den Heilungsprvzeß. indem et das gebrochene Bein mit dem heilgeblicbenen Fuß mit feuchter Erde bedeckte, die schnell hart wurde und dadurch für die Wunde einen sehr wirksamen Verband bildete. Manche Vögel zeigen, wenn ihnen ein Unfall zugestoßen ist. erstaunliche Verstandeskraft. „Vor einigen Tagen", berichtete Pike, „beobachtete ich einen Zwergfalken, der sich auS einer Schlinge befreite, in der er sich gefangen hatte. Der Strick hatte sich dicht um das eine Bein gelegt. Nachdem der Falke einige Minuten vergeblich versucht hatte, durch Zerren und Ziehen sich zu befreien und bemerkte, daß die Schlinge sich nur noch fester zusammenzog, betrachtete er sie eine Zeitlang aufmerksam. Dann begann er mit dem Schnabel an dem Knoten zu zerren und hatte so innerhalb von 5 Minuten Die Schlinge geöffnet, sein Bein herausgezogen und flog davon. Kaninchen, Wiesel. Ratten und andere Nager werden ost mit einem fehlenden Glied erlegt. Und man findet dann fast immer, daß die Wunde vortrefflich geheilt ist. Kürzlich wurde ein Wiesel mit nur einem einzigen Fuß geschossen; die ander« drei Füße waren ihm abgeschossen oder in einer Falle abgeklemmt, aber die Stümpfe waren vortrefflich ausgeheilt, und aus der Körperbeschaffenheit des Tieres konnte man ersehen, daß eS sich trotzdem reichliche Nahrung zu verschaffen gewußt batte. Die tapferste Tat, die ich jemals unter f e lebenden T e en sah, wurde von einer gewöhnlichen Ratte ausgeführt. Die Ratte hatte sich in einer Stahlfalle gefangen. Als ich die Falle am nächsten Morgen untersuchte, kämpfte die Ratte mit allen Kräften, zu entkommen, und als sie mich sah, wußte sie wohl, daß sie rasch handeln mühte. Sie wandte sich daher entschlossen nach dem Hinterbein. das von den Stahlzähnen gepackt war, und nagte Fleisch und Knochen durch. Ohne den geringsten Schmerzenslaut Horen zu lassen, amputierte sich so das Tier innerhalb von 5 Minut« selbst und lief dann frei davon."
Sammelt und pflanzt Arzneikrauter!
Uns wird geschrieben: Die gegenwärtige Lage unseres Vaterlandes gebietet Die äußerste Ausnutzung aller Möglichkeiten, im eigenen Lande zu beschaffen, wofür ins Ausland teueres Geld geh« mühte. Dazu gehört u. a. die Beschaffung von Arzneien aus einheimischen Pflanzen bzw. durch systematischen Arzneikräuteranbau. Die deutsche Hor- tusgesellschaft zur Forderung des Sammelns und des Anbaues von Arznei- und Gewürzpflatu« hat sich auf ihrer jüngsten Tagung in Münch« eingehend mit diesen Möglichkeiten befaßt Sie seht sich u. a. für die Verarbeitung deS Hirtentäschel- krautes, eines unserer häufigst« Unkräuter, alS Ersatz für die ausländische Senegalwuriel ein; hat Anbauversuche von Pfefferminze, Königskerze. Tollkirsche, Baldrian, Eibisch usw. veranstaltet und tri t auch für die Te w nbung ter heimischen Faulbaumrinde zu einem der besten Abführungsmittel ein, das selbst das Rizinusöl äus dem Felde schlägt. Seit einer Anzahl von Jahren werd« Arzneipflanzen in größerem Umfange in der Gegend voi Aschersleben vnd Quedlinburg artgebaut, u. a. auch Stiefmütterchen. Hier ist der Landwirt Udo Scheller in Köchstedt (Kr. Quedlinburg) mit gutem Beispiel anregend vorangegangen. Pfefferminzanbau in großem Stile wird schon feit langer Zeit im Pfälzer Gäu. bei Freisbach, Weingarten und Gommersheim in der Geg«d von Landau angepflanzt, ebenso in Thü- ring« in der Gegend von Eölleda und Stahfurt Dort wurde der Zentner Pfefferminze 1917 mü 600 All. bezahlt. Pfälzer und Thüringer Dfefser- minze werden fast ausschließlich zu Teezwecken verwendet; nur ein kleiner Prozentsatz der Thüringer Erzeugnisse liefert das ätherische OeL AIS lö92 in Hamburg Die Cholera ausgeb roch« war, konnten diese beiden Pfefferminzgebiete garnicht genug anliefern; die Nachfrage überstieg die Lager- bestände um ein Vielfaches.
Durch seine Kräuterspezialität« weltbekannt ist das Städtchen Königssee in Thüring«. die Heimat des Hienfongs; auf sein« Notgeldschein« hat Königssee diesem seinen Erwerbszweig in origineller Weise Rechnung getragen. Berühmt war auch das erzgebirgische Kirchdorf Bockau (Bezirk Zwickau), ein einstiger Dergsleck«, durch fein« ehemalig« Arzneihandel.
Weitberühmt waren früher die Laborant« von Krummhübel im Riesengebirge; der letzte Laborant, August Zolfel, starb dort 1884. Erinnerungsstücke an die Krummhübler Laboranten, die mit ihren .Tropp«" weithin inS Land zogen, besonders auf die Jahrmärkte, befinden sich im Rie- fengebirgemufeum in Hirschberg in Schlesien. Der Gartenbauverein im Rief«gebirge seht sich neuer- dings sehr für d« Anbau von Pfefferminze, Malve. Königskerze, Kamille, Eibisch. Jtorbul- benedikt«kraut. Queckenwui-zel u'w ein. Alle solche Bestrebungen sind aufs bestezu unterstütz«; jede Apotheke gibt gern darüber Auskunft, welche [Kräuter sie antauft und welche sich zum Anbau empfehlen.


