Gießener Anzeiger (Genera!-Anzeiger für Gberheffen)
Ur. 175 Zweites Blatt
ßrettag, 29. Zuli 1921
den
wieder zu einem Vergnügen macht. Turn- und । Schwimmlehrer Langsdorf, der zugleich die Auf
sicht über die neue Anlage führt, sorgt dafür,
auf
Die des
erbet ge-
die Partei so weiter fortwurstele, so sei sie lebigt. Happach wird nicht vereidigt, da er Teilnahme an den den Angeklagten zur Last legten Straftaten verdächtig ist.
Um 7y2 Uhr abends wird der Prozeß Freitag vertagt.
heim kennen und es fand, ehe er in das Feld ab- rückte. eine Kriegstrauung statt. Als ein Kind zur Welt kam, war die junge Frau auch einige Wochen bei den Eltern ihres Mannes in Alsfeld, war ober bei der Erkrankung ihres Kindes mit der Vchandlung durch die Eltern nicht zufrieden und fuhr mit dem Kinde nach Hause zu ihrer Mutter nach Bensheim, wo sie jetzt in einer Fabrik ihren Unterhalt soweit verdient, während daS Kind tagsüber in Pslege und Obhut ihrer Mutter ist, die dafür jährlich 180 M. erhält. Diese werden von der Gemeinde DenSheim ausbezahlt und vom Ortsarmenverband Alsfeld ersetzt. Der Ehemann Winkelstern hat sich um seine Familie nicht mehr bekümmert und wurde auf Grund der von der Frau betriebenen Scheidung zur monatlichen Alimentation von 40 Mk. verurteilt. Er arbeitet in Därmen und kommt seinen Verpflichtungen schlecht nach. A l S- fe l d das im Prinzip das Recht des Untcr- stühungswohnsitzes der Frau anerkennt, verlangt aber nun, das) die Ehefrau nach Alsfeld zieht und will ihr dort Wohnung und Beschäftigung geben, um eine bessere Kontrolle über die Unter-
1 .ühungsberechtigung ausüben zu können. Auch I er Bären jetzt die Eltern des K. W.. daß sie bereit seien, für das Kind zu sorgen. Dürgermeister Völzing von Alsfeld erklärte als Vertreter des dortigen OrtSarmenverbandes der Einwand, daß diese Wohnsihänderung für Die Frau und das Kind eine erhebliche Härte bedeute, sei unberechtigt und komme außerdem nach den Entscheidungen des Dundesamtes nicht in Frage, d. h. verdiene keine Rücksicht. Der Provinzialausschuh entschied auf Grund des § 56 des Unterstühungs-
im engeren Rahmen. An den sehr lebhaft geführten Besprechungen nahm auch der als Gast anwesende Vorsitzende deS KreiSverban- des Wetzlar regen Anteil.
[ ] Kirchhain, 27. Juli. DaS Gesuch der Stadt um Errichtung eines Finanzamts ist ablehnend beschieden worden. — Dieser Tage entstand eine Störung im elektrischen Betrieb dadurch, dah bei Roßdorf ein Storch zwischen die LeitungS- drähte geriet und dort sein Leben auS- hauchte.
rn. Dillenburg, 28. Juli. Unsere Stadtverordneten haben die Hunde st euer auf 150 Mk. erhöht.
rn. Schönbach, 28. Juli. Diebe sind in das hiesige Stationsgebäude eingedrun« gen; ihre Deute war aber äußerst gering. Ihr gleichzeitig versuchter Einbruch in die hiesige Postagentur konnte nicht ausgeführt werden.
)( Marburg, 27. (Zuli. Die Ferienstraf- kammer verurteilte 2 wegen Steuerhinterziehung angeklagte Geschäftsleute auS der Frielendorfer Gegend zu Geldstrafen in Höhe von 11 000 bis 12 000 Mark.
Hefsen-NasfttU.
ra. Rodheim a. d. Bieber, 28. Juli, dem Handwerker- und Gewerbeverband
trupps, M.'G -Schützen, R dsahrer, Waffen» meister und Sanitälsmannscha ten cing?t 11. Ret» mann war als Adjutant vorgeschlagen. Der Dau- arbeitet Gustav Faustmann, der kurze Zett der K. O. angehörte, sollte Leiter der Pioniere werden, was er ablehnte. Der Zeuge Oster» m a n n »Reukölln hat am 8. Rovember zu Protokoll. unterschrieben: „Die Kompagme Rcukölli» untersteht der Rcichsleitung, die in den Händen Kunzes liegt." Er hat bann Kunze genau so beschrieben, wie der Angeklagte Kunze aussieht. Heute vor Gericht will er von gar nichts wissen. Oslermann wird nicht vereidigt, da er im Verdacht der Begünstigung steht.
Der Dnreaugehilse Happach- Reuköln hebt hervor, dah die K. O. etwa 6 Wochen nach dem Kapp-Putsch wieder ausgelöst wurde. Havpach war mit Kunz eng befreundet und hat von diesem unter Deckadresle einen Dries er ballen, der aber in falsche Hände geraten ist. 3n dem Brief, in dem auch von der K. O. die Rede ist, beschwert sich Kunz bitter über den Unbanrber Partei. Wenn
Gerichtssaal.
Frankfurter Sondergericht.
Frankfurt a. M, 27. (Zuli.
Der dritte Verhandlungstag begann mit dem Aufruf von 50 Zeugen — insgesamt sind 73 Zeugen geladen. Hieraus wird in der Vernehmung der Angeklagten fortges:hren. Sch ihmacher Mark- l 0 f f gehört erst feit dem Dezember 1920 der K. A. P. D. an. 3n dem schwarzen Heftchen figuriert er als Gruppenführer; von einem Bestehen der 3. K. O. in Frankfurt will er nichts wissen. Auch der Mechaniker S u ch a n k e bestreitet jede
zur Zeit unauffindbaren Schwager, dem Mitangeklagten Gillas, in Frankfurt gab. 9af) sie von diesem für kommunistische Zwecke Verwendung finden sollten, will er nicht gemuht Haven. Rach der Anklage soll daS bei Lehmann vzw. Frl. Sim- bol Vorgefundene Dtznamil aas Partenstein stammen und somit inbirdl von Weber verrühren
Dir Beweisaufnahme b g nnl mit bi Vernehmung des Lachvcr madigen SanitatsrakS G e l v i n k, der über den Geisteszustand Lehmannein Gutachten abgibt. Darnach gilt Lehmann alS Psychopath und alS minderzur ch >> r.g fähig Staatsanwal.scha.tSral Ramin jrajt den Sachverständigen, ob — wie im Reichstag behauptet wurde - die Sehkraft Lehmanns durch die Untersuchungshaft gelitten hat. Der Sachverständige verneint diese Frage. Lehmann erUdrt ausdrücklich. dach er sich nicht für unzurechnungsfähig halte. Den Angeklagten För.sch hält der Sach» verständige für geistig minderwertig.
Gerichtschemiker Prof. Dr. () e s e r i ch - Berlin hat verschiedene Uiiunben, die sich in der Kiste befanden, untersucht. Ein Abänderungs- antrag zur Tagesordnung deS Parteitages stammt von Kunz, was dieser auch zugibt.
Das Zeugenverhör be atzte sich zunächst mit dein Aufsinden der Kiste am 17. September 1920 und der sich an die Beschlagnahme anschllc- henden polizeil.che.i Maßnahmen. K imi alwacht- meister Klonitzki fand i 1 ihr Sch >ftg,.cke und aus'dem Boden ein bZonders eingcwickeltes Päckchen, das das gesamte Belastungsmaterial enthielt, das auf die K. O. Bezug batte und Gegenstand des gegenmäitigen Proz s es bi'.dc t. Klonitzki bestreitet entschieden, das) dieses Pärchen — wie es von Armbrecht behauptet wird — von dritter Seite nachträglich in die Ki te hineinprakti-ieri worden ist. Das Verhallen Armbrechls in der Beschlagnahme der Kiste ist ziemlich ansf Jltg. Vor allem wollte er aus der Kiste etwas heraus» nehmen, das er angeblich für Abhaltung einet Versammlung brauchte.
Eine zweite Zeugengruppe umfasste die Tätig» leit der K. O. in Berlin. Wie der Maier Reimann- Lichterfelde a >ssagte, machte er als Mitglied des Sportvereins der K O. einen Spaziergang nach dem Tempelhofer Selb mit. Rach Angabe Reimanns war bie K. O. damals in Stotz»
Kreises Biedenkopf angeschlossenen Innungen hatten ihre Mitglieder des Rodhelmer Bezirks (9 Ortschaften) am Sonntag zu einer Versammlung eingeladen, die überaus gut besucht war. Vorsitzender Hosch-Bie- denkopf nahm nach kurzer Begrüßung das Wort zu längeren Ausführungen über Zweck und Ziele und vor allen gingen die Tätigkeit des Kreisverbandes und der Geschäftsstelle
Aus Stadt und Land.
G letzen, den 29. Zuli 1921.
•• Oberschlesierspenden. Der Konsum- und Kreditverein W i n d h a u - s e n sandte gestern für unsere armen und hart bedrängten Mitmenschen in Oberschlesien 136 Kilogramm Mehl, 64 Kilogramm Erbsen und Graupen, und 8 Kilogramm geräucherten Speck. Diese hochherzige Tat verdient gebührende Nachahmung. Ferner laufen die Sammlungen aus den Gemeinden an Geld täglich ein. Es wäre jetzt auch an der Zeit, wenn mit der Ablieferung von getragenen Kleidern, Wäsche und S ch u h w e r k an die Bezirksgruppe begonnen würde. Es ist ganz selbstverständlich, daß in vielen Häusern noch ganze Mengen derartiger Sachen sich befinden, welche hier von niemandem getragen werden und für die arme Bevölkerung in Oberschlesien einen großen Wert darstellen. Im Ramen dieser armen Mitmenschen bittet die Bezirksgruppe helmattreuer Oberschlesier Gießen sehr, alles Entbehrliche umgehend an die Bezirksgruppe heimattreuer Oberschlesier, Liebigstr. 51, zur Weitersendung zu übergeben.
Landkreis Gießen.
§ Li ch, 27. (Zuli. Unserer Stadtverwaltung gebührt Dank dafür, hab sie keine Mittel gescheut hat und unter erheblichem Kostenaufwand die völlig zerfallene und verunreinigte Badeanstalt an der Wetter wieder hergerichtet und in einen Zustand gebracht hat, der das Baden
dah die Anstalt stets in Ordnung und sauber ist Hunderte von Kindern und Erwachsenen benutzten bisher täglich die vorhandene Badegelegenheit. Auch dem weiblichen Geschlecht ist letzt die Gelegenheit geboten, Im Fluh zu baden. Herr Langsdorf unterrichtete in diesem Sommer schon zahlreiche junge Leute Im Schwimmen. Auch die Schulklassen besuchten wiederholt unter Aufsicht ihrer Lehrer die Badeanstalt. — Von jungen Leuten wird vielfach auch an anderen Stellen der Wetter gebadet, die von früher her noch alö gefährlich bekannt sind, so z. B. an den „Sieben Eichen" in der Rähe von Kolnhausen. Wer des Schwimmens nicht ganz sicher ist, sollte diesen Stellen fern bleiben, zumal die städtische Badeanstalt doch jedermann zugänglich ist.
Starkenburg und Rheinhessen.
rm. Darmstadt, 27. (Zuli. Eine Entscheidung von grundsätzlicher Bedeutung traf heute der Provinzialausschuß der Provinz Starkenburg. Der Landwirt Karl Winkelstem aus Alsfeld lernte, als er hier zum Militär einrückte, im Iahre 1914 ein Mädchen aus Bens-
wohnsitzgesetzeS, daß Alsfeld bis auf weiteres jährlich 180 Mk. für den Unterhalt des Kindes zu zahlen hat, zudem es ja in der Lage sei, sich auf Gründ der AlimentationSklage und an Großeltern des Kindes schadlos zu halten.
gur (Siebener Ferienordnung.
Gießen, 29. 3uli 1921.
Die Ausführungen Herrn Rektor Fischers zur Gießener Ferienordnung haben. wie uns von verschiedenen Seiten mit- geteilt wurde, großen Anklang gefunden. Wie zu erwarten war, gibt es aber auch weite Kreise, deren Interessen einer Verlegung der Ferien entgegenstehen. Wir lassen nachstehend einen Vater von fünf Kindern zu Worte kommen, der mit guten Gründen für die Beibehaltung der bisherigen Ferienord- nung eintritt. Die Frage kann kurzer Hand nicht geklärt werden, es wird einer eingehenden Aussprache der Lehrer und Eltern bedürfen, um die verschiedenartigen Interessen in Einklang zu bringen.
In Ar. 173 des Gießener Anzeigers 2. Blatt oeröffentlichl Herr Rektor Fischer eine Reihe von Ausführungen, die in letzter Linie auf nichts weiter hinauslaufen, alS die Gießener Schulferien tn den (Zull zu verlegen. Cs mögen alle die Gründe, die der Herr Rektor dort anführt, sachlich sehr wohl berechtigt sein, es möge ganz besonders auch in Leserkreisen der Wunsch beheben, Öen Hochsommermonat zur ErholungSfahrt zu benutzen, anstatt den Vorherbstmonat; doch sprechen gegen diesen Vorschlag auch sehr gewichtige Gründe, deren einer nur hier erwähnt werden soll. Gießen ist Universitätsstadt und mit Recht stolz auf diesen hohen Rang^ der es weit über das Riveau anderer Städte ähnlicher Größe hinaushebt. Allein, wo Rechte sind, da sind auch Pflichten, wo Vorzüge sind, da sind auch Lasten, und eine der Lasten, die Gießen alS Universitätsstadt zu tragen hat, ist die, daß die Mittelschulen zum mindesten in ihren Ferien Rücksicht nehmen auf die Hochschule.
Rach einer alten Aufstellung vom Iahre 1902 waren an der Universität Gießen 106 Beamte und Dozenten, davon waren zirka 89 Prozent verheiratet, und es entfielen auf jede Che zirka 3 Kinder, so daß also in runden Zahlen 90 Beamte und Dozenten mit rund 300 Kindern vorhanden waren. Diese Zahlen sind nach dem Kriege bedeutend höher geworden, mögen aber einstweilen hier gelten. Rehmen wir an, daß von diesen 300 Ktndem 60 Prozent schulpflichtig find, so dürften auf die Universität rund 200 Kinder entfallen. Würden nun die Ferien nach den Wünschen des Herrn Rektors Fischer verlegt, so bedeute dieS. daß rund 200 Kindern von Uni- versitätsangehörigen jede Erholungsmögllchkeit während Der Sommers erien genommen wird. Denn bekanntlich beginnen die Universitätsferien im Augusts Fangen also die Schullerien im Iuli an, so ist es für die Unlversitätsangehörigen gang unmöglich, mit ihren Familien in den Ferien einen Land- oder Dadeaufenthalt, der heute, wie Herr Rektor Fischer ganz richtig betont, ter erholungsbedürftigen Iugend besonders vonnöten ist, aufzusuchen.
Eine Unterbringung von Kindern in Ferienheimen und Sanatorien ohne elterliche Aufsicht ist bei kleineren Kindern ganz ausgeschlossen, bei vielen Familien aus finanziellen Gründen ganz unmöglich. — So hieße also eine Verlegung der Sommerferien für eine große Zahl Siebener Familien vollst 2 n d i g e Vernichtung jeder Sommererholung für die Kinder.
Herr Rektor Fischer fordert zum Schlüsse die Clternverbände auf. sich für seinen Vorschlag einzusehen. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß es nur dieses Hinweises bedarf, um auch alle die Interessenten auf byt Plan zu rufen, die aus Sorge um die Erhaltung ihrer Kinder für die Beibehaltung der seitherigen Ferienordnung eintreten müssen.
Schließlich möge noch darauf hingewiesen werden, daß das Hessische Landesamt für Bildungs- Wesen bisher in diesen Fragen eine durchaus geschickte Hand bewiesen hat und sie in durchaus befriedigender Weise gelöst hat. Hoffen wir, dah dies auch in Zukunft geschehen möge.
(Sin Vater von fünf Kindern.
Aus dem besetzten Gebiet.
•Kette Unterdrückungen im besetzten Gebiet.
fpd. Ludwigshafen, 28. Juli. Die BesatzungSbehörde geht in letzter Zeit sehr charf gegen die Vereine in der Pfalz vor. Besonders die Turnvereine haben unter i)iefer Bewachung stark zu leiden, weil die Franzosen in jeder Art von Leibesübungen eine militärische Vorbereitung erblicken und deshalb unter dem lächerlichen, wie gänzlich unbegründeten Vorwand, die Turnvereine seien verkappte Orgcsch-Organisationen, ihnen alle möglichen Schwierigkeiten zu bereiten suchen, um ihnen die Ausübung des Turnens zu erschweren. So sollten kürzlich von dem hiesigen Turnverein die Hanteln und Stemmgewichte beschlagnahmt werden unter der Begründung, dah diese Geräte für die Besatz- ungStruppen gebraucht werden. Das Gauturnfest des Speherschen Gaues, das in Jockgrim bei Landau abnebnlten werden sollte, wurde von der Interalliierten Rheinlandkommission I verboten.
Teilnahme an einer IDegialcn Kamps elorgani- fatton. Er ist aus der 5t A P. D. wieder ausgetreten Der Handlungsgehilfe Faber weiß nicht, wie er überhaupt in bte Sache verwickelt ist Troybem figuriert er als Kurier in dem Rotiz- buch Walter H e l m b 0 l b t ist ebenfalls alS Kurier bezeichnet. Bergmann Weber entwendete feit Mitte vorigen Zahres nach unb nach 38 Dynamitpatrouen, von denen er über 33 feinem
Die Rotherftems.
Roman von Erich Ebenstein. Copyright 1919 by Greiner & Comp., Berlin W 30.
19. Fortsetzung. (Rachbruck verboten.)
Zu ihrem Erstaunen sagte ber Fürst nach einer kleinen Pause ganz ruhig:
,Run, bas ist ja ein ganz vernünftiges Lebensprograrnrn, bas bu bir ba zurecht gelegt hast! Ich fürchte nur, bu wirst aus Grafenegg tnentg Gelegenheit haben, es auszuführen . . . unb noch weniger Verstanbnis bafür finden bei unseren Damen, die ihren Pslichtenkreis nicht In ber Stille suchen, fonbern in einem Leben nach außen hin. Es würbe dir also nur Die Wahl bleiben, rnitzutun ober — dich gelegentlich mit mir altem Gichtbrüchigen zu beschäftigen, was ein schlechter Wirkungskreis für betnen Tätigkeiks- frieb wäre."
.Unb bart ich bies nicht bennoch?" fragte Do weich, „barf ich nicht versuchen, bir ein wenig bte Zeit zu vertreiben, bamit bu beine Schmerzen weniger fühlst?"
»Pah, dabei würde bir bie Zeit balb lang werben! (Za, wenn ich noch wie früher mit bem Diererzug hcrumkutschieren, ober als (Jäger die Wälder durchstreifen könnte, bann würde ich dich wohl Freuden gelehrt haben, von denen die andern heute gar keine Ahnung haben, bie dich aber gewiß entzückt hätten. Auch einen Pflichtenkreis hätte ich bir schaffen können aus Grasenegg, der dich beglückt hätte, wie er meine erste Frau beglückte. Denn bu hast was an dir, was mich an sie erinnert . . . so was Frisch-Fröhliches, das fürs Landleben taugt. Ich hab dir's gleich beim ^4 en Blick angemerkt. Aber bas ist nun alles müber hier . . . seit ich nur mehr ein gicht- brüchiger Greis bin, ber von schlimmen Launen gequält ist ... unb, die andern ben Karren überhaupt verfahren haben . . ."
Er starrte trübe vor sich hin. Dann schloß er seufzend.
Do hatte aus allem nur herausgehört, datz bet Fürst sich unzufrieden und vereinsamt fühlte
Einem Impuls folgend, schmiegte sie sich plötzlich innig an ihn unb sagte
»Ich will aber nicht! Run erst bitte ich dich, laß mich bei bir bleiben, so oft unb so lang als meine Gegenwart bir nicht lästig ist. Ich toili bich pflegen unb suchen, bir bie Zeit zu vertreiben, als wärst bu mein lieber Papa, den ich nie gekannt habe. Unb wenn bu mich bafür ein ganz klein wenig lieb gewinnst, bann will ich bir so schrecklich bankbar lein, Ontei’Ubalb.“
Der Fürst sagte nichts. Rur seine Hellen Augen ruhten unverwanbt auf Do, unb seine Hand streichelte leise bie ihre.
Hertha machte große Augen, als sie Do, nachbem sie sie im ganzen Haus vergeblich gesucht hatte, endlich bei ihrem Vater fand.
Der Fürst tag bequem auf einem Ruhebett, neben bem Do sah unb ihm vorlas. Die Schmerzen im Dein hatten wirklich nachgelassen, unb ein Ausbruck lang entbehrten Behagens lag aus seinen Zügen.
Do erklärte, bah sie vorläufig nicht nach Fürstenhaus zurückkehren, sondern in bes Fürsten Rähe bleiben werbe, bis er sich toieber wohler fühle unb sein Zimmer verlassen tonne.
.Dann schläfst bu bei mir in meinem Zimmer," tagte Hertha erfreut, .ich will gleich alles vorbereiten lassen. Rachher, wenn bu mit bem 'Beriefen, fertig bist, spielen wir Karten mit Papa. Du kannst bvch hoffentlich irgenb ein Spiel?"
.Rur Tarock. Ich spielte es wöchentlich einmal mit unserem Pfarrer unb Fräulein Anber- matt."
.Prächtig! Das ist gerade Papas Leibspiel.
Der Rachmittag unb Abend vergingen tote im Fluge. Während vom Park zuweilen Gelachter unb Stimmengewirr herausdrang, sahen bte brei in traulicher Gemütlichkeit in des Fü-sten kl tnem Salon unb unterhielten sich königlich. Erst war eine Stunbe Tarock gespiell worben, bann hatten sie gemeinsam bas Mend«sten eingenommen, wobei Do, nun von aller Scheu befreit, sich ihrer angeborenen Fröhlichkeit überlieh unb dadurch auch bie ernste Hertha zu heiterem Geplauber hinrih.
Rach Tisch muhte Hampe seinen Herrn im Lehnstuhl nach bem Salon rollen, wo Do ein paar Lieber fang, unb Hertha, die eine gute Pianistin war, Beethoven unb Mozart spielte.
Die Fenster stauben babei offen, ber Mond schien herein, unb jeber Luftzug brachte bte Düfte blühender Rosen unb bes Iasmins herein. Der Fürst hatte seine Schmerzen fast vergessen.
Seit vielen Iahren war ihm kein solcher Adenb beschieden gewesen. Wie burch Zauber hatte sich ein unsichtbares Banb um biele brei Menschen geschlungen, bie bisher jedes für sich gelebt hatten unb nun p ö.^iich ihre Familienzusammengchörig- leit empfanden.
„Liebe kleine Zauberin!" Tagte Hertha am Abend, als sie im Dunkeln noch einmal an Dos Bett kam, um ihr einen letzten Gute-Racht-Kuh zu geben. .Ob bu denn weiht, was bu Papa unb mir heute geworden bist? Ich wollte, bu würdest nie, nie mehr von uns gehen! Aber das wird wohl leider doch balb ber Fall sein . . .“
.Glaubst du, daß Rüdiger mir erlaubt, nach Monrepos zurückzukehren?" sagte Do zögernd und wunderte sich über sich selbst, denn der Wunsch danach war bei weitem nicht mehr so brennend, wie noch am Morgen dieses Tages.
.Vielleicht — wenn Papa, wie nun zu erwarten steht, deine D.tte befürwortet, Uebrigens dachte ich im Augenblick nicht gerade daran," antwortete Hertha unb wanble sich ab, um ihr eigenes Lager aufzusuchen.
Eine Welle blieb es ftlli im Gemach. Man horte nur, wie Hertha sich auslleibete unb ins Bett schlüpfte. Dann sagte sie plötzllch: .Weiht bu, woran ich vorhin dachte? Dah vielleicht bald einer kommen würde, der dich lieb hak und von uns fortholen mochte . . .1 Unb dah . . . so hart es mich ankäme, dich nun wieder zu verlieren, ich doch dir unb ihm solch ein Glück wohl gönnen würde!"
Don Dos Bett kam keine Antwort.
.Do," "begann Hertha noch einmal, hast du gehört, was ich Tagte unb — verstanden, was ich meinte T‘
Aber es blieb mäuschenstill im Gemach. Rur der Mond wob filberne Schleier herein durchs offene Fenster und unten im Park zirpten die Grillen.
'10. Kapitel.
So fröhlich dieser Abend auSgellungen hatten so stürmisch unb verbrießlich fing ber nächste Morgen an. «
Gräfin Carola war toütenb Tiber bie Entlastung der Mamsell, deren Gründe ihr nicht einmal recht flar waren; denn Fräulein MUIer hatte es für gut befunden, 4hr nicht nur bte beleibigenben Worte des Fürsten zu widerholen unb anzudeuten, dah sie selbst deshalb ihre sofortige Entlassung erbitte.
Rakürlich fiel es ber Gräfin nicht ein, sie um weiteres Bleiben zu bitten. Aber sie sand es im hohen Grade rücksichtslos von ihrem Schwiegervater, bie Dinge so auf bte Spitze zu treiben.
Auch Anneliese war wütend. Die Mamsell hatte sich natürlich um ihre Toilette nicht weiter gekümmert, und Carolas Kammerfrau muhte bi aller Eile herangezogen werben, um ben Kaffeetisch im Garten für bte erwarteten Gäste zu decken. Cs blieb Anneliese also nichts anderes übrig, als ein anderes Kleid zu wählen und sich allein anzulleiben.
Die Mamsell hatte sich ihr Zeugnis geben lassen, die Schlüssel 'abgeliefert und war davon- gefahren, alles in ratloser Verwirrung zurück- laffenb.
Es klappte denn auch nirgends, als bie Gäste kamen, bie unglücklicher Weise auch noch zum Abendbrot blieben. Unb heute morgen klappte erst recht nichts. Der Frühstückstisch auf der Terrasse war schlecht gedeckt, ber Tee zu stark, ber Toast zu braun, bie Oam vergessen.
Auf bem Weg zum Frühstück hatte die Gräfin schon allerlei Klagen und 'Beschwerden Horen müssen. Die Köchin wußte nicht, was gekocht werden sollte. Der Meier aus dem Wirtschaftshof lieh sagen, es sei nicht seine Sache, die Frühmllch zum Verkauf abzuteilen. Er wisse nicht einmal genau wieviel und wohin geliefert werde, denn Die Mamsell habe baS allein besorgt. Auch bte Dukterwirtschaft lag ausschliehllch in ihren Händen. Aehnliches wurde aus der Gärtnerei ae- melbet, wo die Mamsell stets bestimmte, was für die Herrschaft gebraucht unb was verkauft werden dürfe. Das Silber von gestern abend tag auch noch im Speisesaal, da der Silberschrant abgeschlossen war unb bie Diener es nicht aufheben tonnten. (Fortsetzung folgt.)


