Rn 270 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für ivberheffen)Samstag, 27. August 1921
Das sozialdemokratische Programm.
Die Programmkommifsion der Sozialdemokratischen Partei hat den vor einigen Wochen veröffentlichten Entwurf eines neuen Parteiprogramms einer eingehenden Durett- Beratung unterzogen und legt jetzt dem Parteitag einen neuen in wesentlichen Punkten a b« geänderten Entwurf vor. 3m allgemeinen Teile des neuen Entwurfs heißt eS
»Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ist die Partei des arbeitenden Volkes Sie bat zur Grundlage ihres Wirkens den Klassen- kamps der Arbeiterklasse und der sich mit ihr solidarisch fühlenden Gesellschasisschichten für ihre wirtschafrl che Befreiung und kulturelle Hebung, die erstrebt die liebe:ü>inbung des kapitalistischen IDirlschaslsiystems durch eine die Wohlfahrt aller -LeleUsch^ftsmtlgliede: sichernden loziallstischen Gcmcinwirtschast und damit zugleich die dochsic Steigerung der geistigen und sittlichen Kultur des Volles. Die Sozialdemokratische Partei fubt als ihre ernste Verpflichtung an, bas Pro- letar»al reif zu machen für seine Aufgaben m der loziallstlschcm Gesellschaft
Die kapitalistische Gesellichast bat sich als uhhit'it) erwiesen, den Kopf- und ^anbarbeitern die Befriedigung ihrer materiellen und geistigen Üebensan spräche zu sichern. Sie hat die wirtschaftliche Ilngleichheit gesteigert. Einer kleinen Minderheit, im lieber flut) lebender Kapitalisten, steht die grobe Mehrheit der mit Rot und Elend Kämpfenden gegenüber.
Enorme volkswirtschaftliche Werte wurden durch den Krieg und seine Rachwirkungen zerstört. Zugleich wuchs eine neue Bourgeoisie aus Kriegslieferauten, Lebensmittelspekulanten und Geldwucherern empor. Diesem Ausstieg sozial wertloser, ja geselsschaftsschädiaender Elemente stehl gegenüber die HinunterdMckung zahlreicher üHifligen Arbeiter, weite: Schichten der Beamten, Gelehrten und Künstler, der Ingenieure und Kaufleute, der Kleinrentner und anderer früher selbständiger wirtschaftlichen Existenzen in proletarische Lebensbedingungen.
In der kapitalistischen Welt, vor allem in den Sieger ff aalen, drängt diese Entwicklung des Wirtschaftslebens durch den Einsluv des Finanzkapitals auf die Politik der Regierungen zu imperialistischer Ausdehnung, zur Eroberung neuer Anlage- und Absatzmärkte Sie verstärkt die Gefahr neuer internationaler Konflikte und beschwort welterschütternde Kriege herauf.
Diese unerträglichen Zustände können nur dadurch überwunden werden, daß die groben konzentrierten Wirtschaft-betriebe durch Sozialisierung der kapitalistischen Produktion in bie sozialistische Demeinwirtschast übergeführt und zugleich alle im Bolk vorhandenen Kräfte im planmässigen Auf- und Ausbau der Produktion zur höchsten technischen Vollkommenheit entwickelt und zu lebendiger Arbeitsfreudigkeit erzogen werden.
Hierzu wirken geistig befruchtend, wirtschaftlich erziehend, die Kanrpfkraft gegen den Kapitalismus stärkend die wirtschaftlichen und politischen Organisationen der Arbeiterklasse. Ferner ist un- erlaßllch die Festigung der Deutschen Republik, die Demokratisierung aller staatlichen Einrichtungen, entschlossener Kampf gegen jeden Versuch der Wiederaufrichtung des alten ObrigteitS- staotes oder einer neuen MinderheitSherrschaft.
Die LebenSrechle unseres Volkes wie die aller anderen Völker sind zu schützen durch eine internationale Rechtsordnung, die getragen ist von einem alle Völker als gleichberechtigte Mitglieder nmsvannenden wirklichen Völkerbund
Die auf die Verwirklichung deS Sozialismus gerichtete Arbeit bleibt immer unvollständig, wenn ihr nicht zur Seite steht die internationale Verbindung und die internationale Aktion der werktätigen Bevölkerung aller Länder, die auS der Erkenntnis der Gemeinsamkeit ihrer Interessen erwächst
Unter den wirtschaftlichen Forderungen wird verlangt, daß die Bodenschätze und Vaturkraftc der privaten Ausbeutung entzogen und in den Dienst der Allgemeinheit gestellt werden sollen, daß aller Privatbesitz an kapitalistischen Produktionsmitteln. vor allem die kapitalistischen Interessengemeinschaften. Kartelle und Trusts, solange sie noctt nicht in öffentliche Betriebe überae- führt sind, vom Reich zu kontrollieren, in Der Leistungsfähigkeit zu steigern und in ihrer Preisregelung zu beaufsichtigen sein. Im Agrarprogramm wird verlangt, daß bis zur Sozialisierung des Getreidehandels der Berkaus landwirtschaftlicher Erzeugnisse durch
Die Rothersteins.
Roman von Erich Ebenstein. Copyright 1919 by Greiner & Cvmp., Berlin W 30. 39. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Sie sprachen allo beinahe gleichzeitig ihre Meinung aus. dab hier unbedingt eine geschulte Krankenpflegerin hergehöre. Magelone erbot sich, sofort um eine wiche nach Wien zu telephonieren. Auch ein Profesfor ft>llte von dort gerufen weichen.
Beide trafen am nächsten Morgen mit demselben ßuge ein. Rüdiger, der lehr bestürzt war über seines Vaters Erkrankung, empfing sie.
Der Professor erklärte nach eingehender .Untersuchung, hab zwar keine momentane Gefahr bestände, der Instand des Patienten aber immerhin grobe Schonung und sorgfältige Pflege erfordere. Herz und Vieren leien nicht in Ordnung. dazu lägen Anzeichen von Aterienverialkung vor. Eine besondere Diät fei streng geboten, jede Aufregung muffe vermieden, die momentan oor- handene.Gemütsdepression durch heitere Eindrücke gehoben werden.
In diesem Sinn wurde die neue Pflegerin, Schwester Gertrud, instruiert.
Aber schon vierundzwanzig Stunden später lief) der Fürst durch Hampe Do zu sich rufen Er befand Tut) in grober Aufregung und rief ihr schon von weitem zu: „Willst denn auch du mich wie die anderen mit Gewalt ins Grab bringen, Dorothea, da du dich nicht um mich kümmerst und mich dieser Perlon überläßt?"
Dv entschuldigte sich bestürzt. Sie habe die
Genossenschaften organisiert werden soll, nötigenfalls durch Zwangsgenossenschaften. Weiter werden gefordert: Förderung der Siedlungen unter Wahrung der höheren Rechte der Allgemeinheit, die Intenfivierung der Landwirtschaft, Kontrolle der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung. Maßnahmen gegen Veräußerung von Grund und Boden, dcr dem Reiche oder anderen öffentlichen Körperschaften gehört, Sozialisierung des Großgrundbesitzes.
Kirche und Schule.
D a r m ft a b t, 26. Aug. Der Verband der evangelisch-kirchlichen Frauenvereine beabsichtigt für seine Mitglieder am Sonntag den 18. September in Worms am Lutherdenkmal eine Luther- feier zu veranstalten. Bei genügender Beteiligung soll wenigstens von Darmstadt aus ein (Srtra- Aug gefahren werden. Anmeldungen sollen bis zum 6. September bei der Geschäftsstelle. Darmstadt. Heidelberger Straße 22. geschehen. - Der Allgemeine evangelisch-protestantische Mission»' verein hält seine diesjährige IahreSversamm- lung vom 9. bis 11. Oktober hier ab. Bei einem mit dieser Versammlung verbundenen Missionskursus werden die Herrn Pfarrer D. Wilhelm über Ebina und Pfarrer Gundert über Japan sprechen
Eingesandt.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Wohnungsnot!
Gießen, 26. Aug. 1921.
Von leitender Stelle wurde geäußert, daß, um mehr Wohnungen für „ Familien" frei zu machen, einzelne Damen, die im Besitz größerer Wohnungen seien, veranlaßt werden mußten, sich „klein einzurichten", d. h. sich mit zwei, höchstens drei Zimmern und Küche zu begnügen — So naheliegend und natürlich diese Maßnahme erscheint, dürste sie doch auf große Schwierigkeiten stoßen. Es soll gerne zugegeben werden — so parabof eS /singt —, daß g u t situierte Damen, die neben Vermögen über gesicherte, und den Zettverhältnissen entsprechend, hinaufgefetzte Pensionen, verfügen, wohl in der Lage wären, auf daS plus an Wohnräumen, was für sie ein. aus der Vorkriegszeit übernommenes Luxusbebürfnis bedeutet, letzt zugunsten der wohnungSlosen und Wohnungssuchenden „Familien" zu verzichten. Aber w v sind diese 2-Zimmerwohnungen, die nur einigermaßen in Lage und Raumverhältnis dem Riveau des Mobiliars dieser Damen entsprechen würden!? Es unterstellen? In mangelhaften Unterkunstsräumen und auf Jahre hinaus würde rettungsloser Verfall der Gegenstände bedeuteni Es an Angehörige verteilen? Auch das ist in jetziger Zeit, wo fast jeder Haushalt der größten PlahauSnutzung durch freiwilliges Untervermieten unterworfen ist, undurchführbar. Bliebe also nur der Ausweg, eS zu veräußern! Kann man daS tatsächlich tn bei Zeit dieser grenzenlosen Geldentwertung. wo gediegenes alteS Mobiliar sicherer Besitz bedeutet, jemand zumuten?
Diese Frage würden die Betreffenden in jedem Stnzelfalle, nach Lage der Verhältnisse, Einkommen und Opferwilligkeit, verschieden beantworten, bzw. entscheiden müssenI — Grundlegend für diese Entscheidung würde aber Wohl vor allem die ^Weisung der „geeigneten“ Kleinwohnung sein Wie aber, und das ist eS, was ich in den Vordergrund dieser Besprechung rücken möchte, verhält es sich mit den Sinzelinhaberinnen großer Wohnungen, welche diese, veranlaßt durch ihr reichhaltig vorhandenes Mobiliar, lediglich beibehalten, um sich durch Untervermieten eine Einnahmequelle zu sichern? Ich denke da an all die Kleinrenknerinnen, denen es mit Hilfe von Abgabe möblierter Zimmer in Friedenszeiten möglich war, ihr kleines Einkommen auf das erforderliche Existenzminimum heraufzuschrauben. Für sie bedeutet in der jetzigen Zeit der wahnwitzigsten Teuerung ihre große, voll ausmöblierte Wohnung das, was dem Handwerker sein Handwerkszeug bedeutet, die Erwerbsmöglichkeit, Und diese, auch jetzt nur noch in denkbarst verringerter Form! — Diese Damen in fkjnere Wohnungen zu verpflanzen, hieße ihnen diese GrwerbSmöglich» keit noch weiterhin beschneiden, in ganz kleinen Wohnungen, ihnen dagegen jeden 'Serbienft unmöglich machen!
In den Häuslichkeiten derartig alleinstehender Damen fanben und finden zur Zeit Wohnungssuchende Ehepaare, selbst kleine Familien, dauerndes Unterkommen! Manches junge Paar ist dadurch für Jahre hinaus der Sorge um die zur Zeit kaum zu erschwingende Mobiliareinrichtung enthoben worden Auf alle Fälle aber muh man
all diesen alten Kleinrentnerinnen die Ausnutzung ihrer großen Wohnungen durch Untervermieten zu erhalten suchen. DaS hieraus resultierende Heine Entgegenkommen bedeutet in einer Rot- standszeit tote der jetzigen allerdings auch nur für eine Einzelperson ein geringer Bruchteil dessen, was sie zum Lebensunterhalt bedarf, und es erfordert Anspannung aller psychischen und physischen Kräfte, um weitere Erwerbsquellen zu erschließen. E. d. R
Handel.
Berlin, 2. Aua. D ö r s e n st i rn m u n g s» bild. Die Börse eröffnete mit lebhafter Tendenz, da bei den Banken wieder große Anhäufungen von Aufträgen vorlagen unb Käufe überwogen, namentlich von Seiten des Privatpublikums. In- solgedeffen waren zum Teil sehr erhebliche Kursbesserungen zu verzeichnen 3m Vordergründe des Interesses standen Phönix, Rheinftahl und Thale- Eisenhütte, von Hpezialpapieren Gebr. Böhler, Hirsch-Kupser und Ludwig Löwe, ferner Th. Goldschmidt, die 40 bis 60 Proz. gewannen. Andererseits vollzogen sich auch Abschwächungen, aber meifl geringer Art, da das Schwanken der Devisenkurse und eine gewisse Enttäuschung über den Frie- densvertrag mit Amerika Realisierungen veranlaßten. Im allgemeinen Überwog aber die günstige (Beurteilung des Vertrages, was auch in dem lebhaften Interesse für DchifsahrtSaktien zu höheren Kursen und in Käufen von Baitimoraktien zum Ausdruck kam. Von Freiverkehrswerten wurden R Wolffaktien und Südseephosphai lebhasi zu bedeutend gesteigerten Kursen gelaust. Valutapapiere wie insbesondere Mexikaner fliegen im Zusammenhang mit dem Anziehen der Devisepreise. Am Anlagemarkt besserten sich preußische Anleihen etwas. Am Einheitömarkte herrschte nach wie vor lebhafte Kauflust deS Privatpublilums, die vielfach bedeutende Kurssteigerungen zur Folge hatte. Die Kursfeststellung erfuhr wieder sehr erhebliche Verzögerung.
Frankfurt a. M., 26 Aug. Börlenst i m m u n g s b i l d. Die (Börje eröffnete den heutigen Verkehr in fester Haltung. DaS Geschäft gestaltete sich zemlich lebhaft, vor allem, weil der deutsch-amerikanische Friedensvertrag einen guten Eindruck hinterließ. Der Markt der unnotierten Werte stand im Zeichen lebhafter Kauflust. Montanpapiere lagen ruhiger, ließen aber eine festere Tendenz erkennen. Phönix, die im Angebot standen, büßten bei erster Rotiz 10 Prozent ein. Kali Westeregeln gesuchter und höher. Oberschlesische Werte besser bezahlt . Elektrowerte hatten regere Umsätze zu verzeichnen, wobei Lichtt u. Kraft, gelten u. Guilleaume bei erheblich höheren Kursen bevorzugt blieben. AEG. anziehend, bei Beginn plus 7 Prozent Adler Kleyer 5 Prozent gesteigert. Hirsch-Kupser ebenfalls gesteigert. Deutsche Van! erholt. Sehr gesucht waren Baltimore Ohio Zellstvsl (Berlin weiter anziehend. Waldhof pluS 7 Prozent. Im Verlaufe trat Hauptverkehr am SinheitSmarkt stärker hervor. In meyflanischen Anleihen zeigte sich größeres Geschäft. Die Börse schloß hi fester Haltung PrivatdiSkont 3’/* Prozent.
F ran kf urt a. M., 27. Augast.
Berliner Devisenmarkt.
Geld (Brief Geld (Brief Datum: 25. August. 26. August.
Amsterdam- Hotterb. 2607,35 2612,65 2672,30 2677,70 Brüssel-Antwerpen . 631,36 632,65 643,35 644,15 Lhriftiania 1112,85 1115,151146,35 1148,65 Kopenhagen 1419,551422,451473,50 1476,50 Stockholm 1813,15 1816,86 1855,601859,40
fitffingfors 123,10 123,tO 124,35 124,65
Italien........ 358,60 359,40 367,10 367,90
London 308,90 309,16 316,90 317,60
NeuvorK 83,78 83,96 85,91 86,09
Pans......... 652,30 653,70 666.80 668,20
Schwei, 1429,551432,451461. 1464,- Spanien 1088,90 1091,101118,85 1121,15 Wien (altes). —,- -,- -,-
Deutsch-Oesterr. . . , | 9,78 9,82 10,08 10,12
Prag......... 101,15 101,45 101.55 101,85
Budapest 21,62 21,68 22,07 22,13
Bulgarien ..... ——
Konstantinopel. ...
Züricher Devisenmarkt.
26. 8. 27. 8.
Wechsel aus Schweizer Franken
Holland 100 SH. - 184.- 184.-
Deutschland 100 SRk. =» 6^5 6.75
Wien 100 At. =■ 0.70 0.70
Prag 10V Kr. = 7.05 6.95
Daris 100 Fr. e 45 85 45.70
London 1 £ = 21.79 21.74
Italien 100 fi. * 22.20 25.15
Brüssel 100 Jr. - 44.50 44.56
Budapest 100 Ar. - 1.55 1.50
NeuyorK 100 $ = 588.- 590.-
Agram...... 100 Ax. — 3.20 3 30
Bukarest 100 ß. = 7.10 7.05
Pflege ja so gern übernehmen wollen, aber man habe ihr gesagt
„Ich weiß, ich weih," unterbrach sie der Fürst ruhiger, „Hampe hat eS mir eben vorhin erst erzählt, deshalb lleh ich dich rufen. Ich Halle es ja nicht aus mit dieser fremden Person, deren lalbaderisches Geschwätz mich umbringen würde! Auch behandelt sie mich wie einen Schwer- kranken. und ich bin gar nicht krank! Morgen stehe ich auf. Die Diät meinetwegen lasse ich gelten, aber sonst na, kurz und gut, wenn du bei mir bleiben willst, Mädel, so will ich dirS nie vergessen!"
Do blieb mit Freuden. Sie fühlte sich ordentlich erlöst und geborgen bei dem alten Herrn. Er war der einzige, der es immer gut uni) ehrlich mit ihr jetzt gemeint hatte. Unb alle anderen flößten ihr jetzt nur angstvolle Scheu eilt. Selbst Hertha, bie fortwährend von Waldemar Ruhland sprach und sicher denselben Wunsch hatte wie Rüdiger . .
Als Rüdiger am Abend kam, um sich von seines Vaters Befinden zu überzeugen, war Schwester Gertrud bereits abgereist. Der Fürst erzählte ihm freudestrahlend, daß Do nun leine pflege übernommen und ihm versprochen habe, den ganzen Tag in seiner Röhe zu bleiben. Sie habe zu diesem Zweck sogar ihr Zimmer neben Hertha aufgegeben und ein unbenutztes Gemach neben seinem Arbeitszimmer bezogen.
.Sie hat das beste Herz der Welt!" schlotz er. „Und du wirst sehen, in vierzehn Tagen hat sie mich wieder ganz gesund gepflegt. Denn du machst dir keinen (Begriff, wie geduldig und erfinderisch sie ist als Krankenpflegerin."
Rüdiger schwieg. Dv selbst war nicht sichtbar.
Sie hatte sich bei seinem Kommen sofort m ihr Zimmer zurückgezogen. Ehe Rüdiger ging, suchte er sie dort aus.
Seine Haltung war ganz ander- als bisher. Weder geringschätzig, wie zu Anfang ihres Verkehrs, noch herzlich, wie in den letzten Tagen
Kühle, gemessene Höflichkeit sprach aus jedem Dort. Und genau so begegnete ihm auch Dv. Es war eltoaS Fremdes, fast Feindliches, was plötzlich zwischen ihnen stand.
.Ich empfinde es als meine Pflicht," begann Rüdiger, „dich darauf aufmerksam zu machen, daß dein gutes Herz dich Papa gegenüber zu weit hinriß. Man kann nicht willen, wie lange er beständiger Pflege bedarf. Es wäre unnatürlich, daß bu bei deiner Zagend dich für längere Zeit einem allen Mann zuliebe von jedem Verkehr abschliehest.“
.Ich werde es trotzdem tun, denn ich versprach es ihm und tue es gern.“
.Hast du bedacht, daß es Leute geben könnte, die diesen Entschluß sehr bedauern würden?"
Do wurde flanrmeirrot Sie erriet sofort, an toen er dachte, und ihr Herz zog flch schmerzhaft zusammen. So eilig war es ihm, sie los zu werden? Statt flch zu freuen, daß sie seinen (Batet pflegte, ärgerte er sich nur über die Verzögerung, die feine Wünsche in bezug auf Waldemar erfuhren'
Ihre Stimme klang noch fremder, als sie abweisend sagte: „Daraus kann ich selbstverständlich keine Rücksicht nehmen. ilebrigeng brauchst bu nicht zu fürchten, daß ich darüber etwa auch meine Tätigkeit aus dem Wirtschaftshos vernachlässige! Dieselhss fällt in eine Zeit, wo Onkel
Dörfenkurfe.
Frankfurt Berlin 1-llbr- 1-llbr- Schluß- Ans -
Kurs Kurs Kur» Kurs
Datum: ,25.8. 26. "<•) 25.8. 6.8.
5 • , Dt|d) Aritgsanl. 77,50 77,50 -,- 77,50
4*/, Dlsch Reichsant ——, — —, — 78,60
3*/, Dtsch. Beichsani. —76,50
4*. Preutz Aonsols 69,-
darmstü'irr Bank -,- —,- 194,-
Deutfd)« Bank . . 354,50 369,- -,- 345.
Disconto-Eefellfchast -,- 278,-
Drtsbner Bank . . . —- Nationaldank f D. . - ,- —,— 205,05
Mitleid. Üreditbank. 184,50
H .Amrrik Pakets. . 186,- 196,- 195,-
Aordbeulscher Lloi)d. 180,- 186,- 182,25
Bock Gußstahlwerk . 618,- 625, -
D.-Luxenib Berge.. 512,- 517, -
Gelsenkirch.Bergw. . 514,- 526,- 533,
§arpener Bergbau . 7’2,- 752,- 750, -
berschles. Eilend.-B. 465 - 487,— -463,-
Oderschlcs. Etsenind. . 390,- 3j7,- 380,25
Phönir-Dergb -Akt . -,-
Bad Anilin- u. Soda 484,- 487,50
Höchster Farbwerk« 413,- 415,25
Elektr.A.L G . . . 377,50 389,- 390,-
5d)u*ert-2Berhe. . . -,- —-,- 357,75
gelten-®uiD«aum« . 625, - 577,- -,- 637,-
Daimler 277,75 280,- -,- 292, -
Bud.-Est«nw.-Akt. , 72'375
Adlerwerk« 380,- 385,- 388,75
4°/.Hess.ötaatsanl. , 69, -
Elektron Griesheim. 409,75 408,—
♦) Die Abendbörse fällt bis 26 Aug aus.
Marknotierungen.
Für 100 deutsche Mark wurden gezahlt: Datum: 1.7.1t. 25.8. 26.8
Zürich . . . Fr 125,1) 7,07 6,87
Amsterdam Fl. 59,2) 3,85 3,74
Kopenhagen ...... Ar. 88,8) 7,15 -, -
Prag Ar. 117,33 98,50 99,75
Stockholm Ar. 88,8) 6.55
Wien Ar. 117,88 1245,-1225,50 London Sh. 97,8) 6,32 -,-
Paris Fr. 125,4) 15,36 15.12
N«uyorK I 23.8J 1,18 1,17
Märkte.
Kelterobsllnarkt.
sd. F r a n k s u r t a. M , 26. Aug. Rach achtjähriger Pause soll in diesem Jahre wieder ein Kelterobstmarkt abgehalten werden, der allerdings nur für Gespanne bestimmt ist.
(In einem Teil brr Auflage wiederholt.) Die Gerichtsverhandlung zur Ermordung des Majors Montaleyre.
Tarnowitz. 26. Aug. Vor dem besonderen GerichtShos deS außerordentlichen Kriegsgerichtes der Interalliierten Kommission sand heute bie Verhandlung gegen den 20jährigen Arbeiter Lev I e I ch k e auS Rottschitzlitz bet Veuthen statt, der angehagt war, am 4. Iuli in Veuthen den französischen Major Mvntaleyre ermordet zu haben Der Gerichtshof Bestand auS einem französischen Iuristen, einem Elsässer namens Meier alS Vorsitzenden, einem englischen Major und einem italienischen Profeflor. Die Verhandlungen'endeten mit diesem Beschluv: SS wird'dis Vornahme einer sofortigen Leichenschau durch zwei alliierte Sachverständige unb Aerzte, unter Hinzuziehung ejneS deutschen GerichtSarzteS, ange- ordnet zur Feststellung deS KallberS, der Art des rötlichen Schusses und der Entfernung, aus der er abgegeben war. Verkündigung deS Urteilt am Dienstag den 30. August vormittags.
Die irische Frage.
London, 26. Aug. (WTV.) Die irische Antwort auf das Angebot DroßbritaTmiens zu« Losung der irischen Frage wurde gestern nachmittag in bei Downing-Stteet abgegeben. Man erwartet, daß das Kabinett am Abend die Antwort beraten wird.
Die englische Äommisfion für Rußland.
London, 26 Aug. Die britische Abordnung zur Untersuchung der Hungersnot in Rußland wird am 28. August auS London abrttlen
Unruhen in Indien.
London, 26. Aug. AuS Indien ein- getroffene Telegramme besagen, daß die Lage tn Calicut kritisch fei. Srn Kriegsschiff rst nach dem Schauplatz abgesandt.
Brandunglück am Bodensee.
Freiburg, 26 Aug. Bei einem Brande in Hagenau am Bodensee, bei dem drei Häuser eingeäfchert wurden, fanden 5 Perfonen, die dort zur Erholung wellten, den Tod. Unter den Opfern des Brandes befindet flch eine hier- köpfige Familie.
Ubald der Ruhe Pflegt unb meiner nicht bedarf —“
„Aber ich kann unter keinen Umständen zugeben, daß du dich so Überanstrengst durch eine Selbstaufopferung, die dir niemand je genügend vergelten könnte. Ich schulde dir bereits Danr genug dafür, daß du "Papa pflegen wlllft"
Er verstummte. Dv hatte flch stvlz ausgerichtet und maß ihn mit einem kalten Blick.
.Ich bitte dich, zu glauben, daß ich dies keineswegs dir zuliebe tue, sondern ausschließlich dem Kranken zuliebe. Auch meine Tätigkeit in der Wirtschaft hat nichts mit der Rücksicht auf Personen zu tun, sondern geschieht aus freier Wahl. Du bist mir also keinerlei Dank schuldig '
„Und wenn ich es nicht dulde — als dein Vormund —, daß du dir so viel aufbürdest T
»DaS Recht der Selbstbestimmung über meine Person hat nichts mit der Vormundschaft zu tun. Du kannst mich svrtschicken von Grafenegg. wenn dir meine Handlungen mißfallen, du kannst mit MonrepvS nehmen, aber du kannst mir nie befehlen, was ich tun und lassen soll!' rief Do erregt.
Rüdiger starrte sie stumm an. Sein Arem ging rasch und heftig. Eine wilde, törichte vehn- suchl stieg plötzlich in ihm auf, sie in die Arme zu nehmen und angstvoll zu fragen: „Was hast bu gegen mich? Warum bist du nicht mehr lieb und gut zu mir wie noch vor einigen Tagen, als ton zu zweit im Morgenlicht zwischen den Feldern hingingen? Wenn du den anderen liebst, mußt du mir deshalb feindlich begegnen?“
(Fortsetzung folgt) '


