Nr. 290
Der Athener mit her Di'nrtaqsbciloqe ^port-llmscha»" tr- 1che.nl tätlich, aufjer Sonn, und feiertags. Monatliche Sezuarvreise: STiark 5.- einlchliehlich Trägerlohn, durch die S)o|l bezogen Mark 5.75 einschließlich Bestellgeld. Aerniprech.Anschlüsse: für die Schriftleitung 112; für Druckerei, Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Ließen.
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Erster Blatt
in: Jahrgang
Samstag, 27. August 1921
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Vrvck nnö Verlag: vriihl'sche Univ.-Vuch- unö Stcinöruderei R. Lange. Zchriftleitnng, Geschäftsstelle und vruckerel: Zchulstratze 7.
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Wochenrückblick.
Unter der Mitwirkung deS Reichskanzler« und der FraktionSführer ist in Berlin nach langen, schwierigen Verhandlungen eine vorläufige Einigung darüber zustande gekommen, n welcher Weife den Beamten, Ange» teilten und Arbeitern deS Reiches eine >en neuen Teuerungsverhältnissen angemef- eneDerbesserungihrerBezügezu- teil werden soll. Diese einstweilige Abmachung hat, wie alles, was der gegenwärtige Reichskanzler unternimmt, einen gewissen versöhnlichen Zug. Aber man gebe sich keiner Täuschung hin; das nachkommende dicke Ende wird den blassen Sonnenstrahl wieder verscheuchen, und die Berliner Festsetzungen werden wirken wie eine schlechte Einreibesalbe, die wohl ein Hebel kurze Zeit verteilt und vertreibt, aber keine Gesundung herbeiführt. Die neue, so rapid einsetzende Teuerungswelle und Lohnbewegung ist für alle Teile des DvlkS- aanzen ein Verhängnis. Die Reichsregierung hatte sich gesträubt, au« ihren Mitteln die Kosten der neuen Verteuerung deS Brotgetreides zu tragen, die ja bekanntlich als wesentlicher Faktor die allgemeinen Preissteigerungen einleitet. Run stellt sich heraus, daß das Reich für die Erhöhung von Löhnen und Gehältern Summen wird aufbringen müssen, die kaum in einem rechten Verhältnis stehen zu dem Betrag, den das Kabinett Wirth für die Vermeidung teurer Brotpreise nicht hereitstellen zu können vermeint hat. Man hat diesen Gegenstand der Sparsamkeitspolitik vom Tüchelchen ins Läppchen gewickelt, und eine Bewegung über unser Wirtschaftsleben her- eingeführt, die alle Zeichen von Planlosigkeit an sich trägt und die bisherigen Erfahrungen in den Wind schlägt. Die andere große Ursache der einsetzenden Teuerungswelle ist bekanntlich in den Steuerplänen der Regierung, dem sogenannten ErfüllungSpro- flramm, zu suchen, von dem jetzt auch die „Franks. Ztg." sagt, daß eS zweifelhaft sei, ob von einer Erfüllung überhaupt die Rede ifetn werde und könne. Der Herr Reichskanzler baute eben in der Hauptsache Fassaden auf, während er die notwendige Prüfung und Vorbereitung der Fundamentierung eines vernünftigen AusbauprvgrammS vernachlässigte. Heber wohllautenden Grundsätzen von Versöhnung und Gerechtigkeit im Völkerleben wie tm eigenen StaatSorganiSmuS verkannte er die Tatsachen und die Kräfte der Wirtschaftsbewegung, in der wir stehen.
Das Schlagwort verdunkelt nur zu häufig die wahren Zusammenhänge. Sv klafft in dem uns vorgelegten Finanzprogramm der tiefe Gegensatz von Verbrauchssteuern und Besitzbelastungen. Dr. Wirth und seine Mitarbeiter suchen uns dabei in hergebrachten bureaukra- tifchen Begründungen die „steuerliche Gerechtigkeit" nachzuweisen, der sie ständig auf der Spur seien. Trotzdem hat das Programm weder auf der linken noch auf der rechten Seite irgendwie befriedigt. Man schlägt sich weiterhin um Verbrauch und Besitz, ohne dabei zu bedenken, daß ja auch gewisse Besitzsteuern, die das Wirtschaftsleben treffen, am guten oder schlechten Ende doch nur auch wieder auf die Verbraucher, und ganz besonders auf die Arbeiter, „abgewälzt" werden. Es ist das alte Lied: eine schlecht fundierte und locker organisierte Wirtschaft greift empfindlich und natur- notwendig in die Lebenshaltung der arbeitenden Stände ein.
Es scheint aber leider, daß das Schlagwort auch weiterhin die politisierten Massen des deutschen Volkes durchziehen soll. Der „verbesserte" Entwurf eines neuen sozialdemokratischen Parteiprogramms, wie wir ihn heute den Lesern bekanntgeben, läßt zur Befriedigung der radikalen Worthelden auch den „Klassen- kampf" wieder zu Ehren kommen. Man merkt, wie die Retze auch in den Teich der Hnabhängigen ausgeworfen werden sollen. Dort sitzen noch eng aneinander gedrückt die Revolutionsbrutkästen, die das Erbe der verbrauchten Schlagworte und abgestandenen Theorien in Reinkultur zu erhalten trachten. Danach haben sich die sozialdemokratischen Verfertiger des neuen Parteiprogramms einzurichten gesucht, indem sie dem Bild der heutigen Wirtschaftslage die Farbstriche der Manschen Malweise aufpinselten. Agitatorisch ruft man in die Massen das aufpeitschende Wort von der sich weitenden Kluft zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Besitz und Richtbesiy, von der „neuen Bourgeoisie" ans Kriegslieferanten, Spekulanten und Wucherern. Die Sozialisierung der kapitalistischen Produktion wird uns als Allheilmittel vorgeführt, und auch hier findet man eine Abwendung von allen wirtschaftlichen Tatsachen und Erfahrungen, die sich in den letzten Zähren bei den sozialistischen Versuchen unseres eigenen Volkes, vor allem aber auch des russischen „kommunistischen" Rachbarreiches, ergeben haben.
So arbeiten die radikalen Wortführer der Mehrheitssozialdemokratie den vernünftigen Bestrebungen bürgerlicher Politiker entgegen, die bei der Forderung einer großzügigen Kompromißpolitik auch die sozialdemokratische Partei mit ihrem Wollen und Streben nicht völlig auSzuschließen wünschen. 3n der „Köln. Zeitung" hat der bekannte deutsch-volkSpartei- liche Abg. v. Campe in den letzten Tagen Atoei hochinteressante Aufsätze veröffentlicht. Denen er die bezeichnende Aufforderung „Heraus aus demSumpf!" vvranstellte. Er wies darin überzeugend nach, daß die in der heutigen Zeit umlaufenden politischen Parteiideale, die unser Volk zerspalten, samt und sonders nicht von heute auf morgen, ja, nicht einmal in absehbarer Zeit, zu verwirklichen wären, indem sie lediglich den Streit der Meinungen schürten, aber keine erfolgreiche Einigung zu erzielen imstande seien. Abg. von Campe vertritt daher die Politik der mittleren Linie, die sich zur Gegenwartsarbeit entschließen müsse, statt in rückschauender Kritik den Rest unserer Kraft zu zerfleischen. Eine etwaige Wahlparole: „Hie sozialistisch — hie Besitzer von Goldwerten" bedeute geradezu die Gefahr deö Bürgerkrieges. Die Erwartungen, die Herr v. Campe in seinen Artikeln von dem neuen sozialdemokratischen Parteiprogramm noch hegte, sind, wie wir gesehen haben, enttäuscht worden. Trotzdem sind solche Stimmen, die zu vernünftiger Einigung aller Deutschen für positive politische Arbeit aufrufen, zu begrüßen. Versagt die Sozialdemokratie zu solcher gemeinsamen Arbeit, so mühte dies ihr auf ihrem Schuldkonto schwer angerechnet werden. Kommt eS über die Steuerfragen wirklich zu Reuwahlen — und die Wahrscheinlichkeit, daß es geschieht, ist groß — so hätten die deutschen Wähler die Pflicht, eine arbeitsfähige Gruppe der Mittelparteien bilden zu helfen und diejenigen Programme zu bevorzugen, die am wenigsten vom Geiste der Hnduldsamkeit und Verständnislosigkeit für eine gemeinsame Marschlinie angefressen sind.
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Am Horizont der deutschen Zukunft zeigen sich nicht nur Hnwetterwvlken. ES kommt auf den politischen Wind an, der bei uns wehen wird, ob wir einer allmählichen Aufheiterung uns werden erfreuen dürfen. Der nunmehr unterzeichnete Friede zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika ist zwar alles andere als ein Freundschaftsvertrag, allein man spürt doch darin die Neigung des anderen Partners, von den Methoden des Versailler Diktats langsam, aber deutlich abzurücken. Der neue Friede ist durch anständige Verhandlungen zustande gekommen. Hnd bei der Hnterzeichnung in Berlin hat der amerikanische Geschäftsträger Dresel den Wunsch nach Erneuerung der früheren „freundschaftlichen Beziehungen" wiederholt. Ach, dieses Wort, das uns ehedem so ost als eine inhaltslose diplomatische Phrase vorgekommen war — heute quillt uns daraus ein sehr lebendiges, erlösendes Gefühl. Amerika, dessen Präsident einst so schroffe, beschimpfende und unversöhnliche Anklagen gegen uns hatte, rührt nicht mehr an der Frage von Schuld und Sühne. Freilich, es vertritt feine nackten Interessen und holt auch aus dem Versailler Vertrag die ihm gut dünkenden Rechte heraus. Es will indessen seine Vorteile so wahrnehmen, daß sie mit den Deutschland nach den Versailler Bestimmungen zustehenden Rechten im Einklang steheni! Will Herr Harding uns also auch z. B. in der obe r s chle sischen Frage Gerechtigkeit widerfahren lassen? Der Berliner Vertrag erschüttert diese Hoffnung wieder durch andere Paragraphen, die vom derzeitigen Völkerbund nichts wissen wollen und die Lösung der territorialen Fragen Europas ausdrücklich ablehnen. Auch die Washingtoner Abrüstungskonferenz, die nur scheinbar den Wilsonschen Völkerbundsgedanken wieder aufnimmt, in Wirklichkeit aber amerikanische Znteressenstagen zu lösen bestimmt ist, kann uns keine Illusionen erwecken. Von außen her werden wir eine Hnterstützung unserer nationalen Abwehr westlicher Willkür nur finden, wenn wir aus eigener Kraft wieder ein Faktor in der Weltpolitik geworden sind, der Wille und Wege aufweist und andern etwas zu bieten vermag.
Erzberger ermordet!
Offenburg i. Bad., 26. Aug. (WTD.) Der Reichstagsabgeordnete Erzberger ist heute mittag auf dem Badischen Kniebis bei Bad Griesbach ermordet aufgefunden worden. Der Leichnam wies 12 Revolverschüsse auf. Heber die Täter ist noch nichts bekannt. । Abg. Erzberger, der sich seit einigen Tagen mit seiner Familie zur Erholung in Bad ^Griesbach befand, von wo aus er täglich
Spaziergänae zu machen pflegte, ist vermutlich auf einem derselben erschossen worden. Der Leichnam wurde gegen 12 Hhr mittags aufgefunden.
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Die Schreckensnachricht wird überall in Deutschland mit Bestürzung ausgenommen. Auch von allen Politikern, einerlei welcher Partei sie angehören und wie sie sich zu der Tätigkeit ErzoergerS gestellt haben, wird die Tat mit Abscheu und tiefem Widerwillen verurteilt werden. Mord bleibt immer Mord, und wenn die Tat eines politischen Mörders von seinen Richtern manchmal in einem milderen Lichte gesehen wird, so geschieht eS höchstens in der Würdigung seiner geistigen und psychischen Minderwertigkeit. Hnd Herr Erzberger war zwar, als er noch in Amt und Würden stand, für das deutsche Volk ein politischer Schädling, aber ganz gewiß kein großer und allmächtiger Tyrann, dem nur mit der Mordwaffe beizulommen gewesen wäre. Darum mußte auch der Anschlag, der am 26. Januar 1920 auf ihn verübt wurde, tiefstes Bedauern erwecken, um so mehr als der unreife Täter d^r Gegnerschaft ErzbergerS damals nicht genützt, sondern höchstens in einer entscheidenden Stunde ihr zu ihrem Schaden in die Quere gekommen ist. Auch diese letzte Tat, die dem Leben des vielbeschäftigten Mannes ein Ende gemacht hat, wurde von zwei jungen Burschen vollbracht. Es ist sehr wahrscheinlich, daß diese Täter, deren Ermittelung und Festnahme mit Wahrscheinlichkeit bevorsteht, genau dasselbe Bild einer unreifen und verworrenen Geistesbeschaffung zeigen werden, wie der Abiturient von 1920.
Bevor man sich weiter über diesen „politischen" Mord äußert, ist es nötig, weitere Rachrichten und Einzelheiten über die Täter abzuwarten. Jedenfalls ist es verfehlt, irgendeine Partei für das schwere Verbrechen verantwortlich zu machen. Leider ist man in einem gewissen Teil der Linkspresse sehr eilig dazu bereit. Das „Berliner Tageblatt" soll bereits erklärt haben, daß die Mordtat an den Rock» schößen der Deutschnationalen hängen bleibe. CS ist zwar richtig, daß au« der Gegnerschaft wider Erzberger auch manche übertriebene, haßerfüllte und unsachliche Aeuherung oder Hetze hervorgegangen ist, aber wer besitzt die Macht und Handhabe, um solche Auswüchse zu verhindern oder zu beseitigen? Wurde nicht gegen Ludendvrff von der Linkspresse mindestens ebenso scharf gewütet? Die amtliche „Darmstädter Zeitung" selbst durfte ja auf ihn als auf einen Massenmörder weisen! Hnd der frühere Kaiser selbst — hat sich nicht eine wahre Flut von leidenschaftlichen, aufreizenden Anwürfen über ihn ergossen, so daß es fein Wunder wäre, wenn auch ihm von unreifen Gesellen nach dem Leben getrachtet würde? Man sollte aus so grauenvollen Vorgängen lernen und immer wieder darauf dringen, daß eine gehässige und unsachliche Heberspannung der Ausdruckswelse gegenüber einem politischen Gegner als Torheit und Hnfähig- feit gebrandmarkt wird. Wenn die vom Reichskanzler in Aussicht gestellte Kundgebung einen solchen Inhalt hat, wird sich nichts dagegen einwenden lassen.
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Mathias Erzberger wurde am 20. September 1875 als Sohn eines Vollsschullehrers in Dutten» Hausen (Württemberg) geboren. Er besuchte das Lehrerseminar in Saulgau und war dann zwei Jahre ebenfalls als Dvlksschullehrer tätig. Dann studierte er in Freiburg (Schweiz) Staatsrecht und Nationalökonomie. Don 1896—1903 lebte er als Schriftsteller und Redakteur in Stuttgart, wo er auch in der christlichen Gewerkschaftsbewegung tätig war. 3m Jahre 1903 wurde er dann zum erstenmal als Mitglied der Zentrumspartei von dem Wahlkreis Diberach-Leutfirch-Waldsee-Wan- gen in den Reichstag gewählt, dem er seither ununterbrochen angehörte. Seinen Wohnsitz verlegte er inzwischen nach Derlin, wo er Herausgeber einer Korrespondenz für die Zentrumspresse wurde.
Als Mitglied der Zentrumsfraktion trat er bald in Dudgetfragen hervor. Er gehörte zu dem sogenannten demokratischen Flügel der Fraktion und erregte öfter Anstoß bei deren rechten Flügel. Jedoch verstand er, gestützt von seinem Landsmann Grober, sich erfolgreich durchzusehen. Während des Krieges nahm sein Einfluß immer mehr zu. Er wurde von der Reichsregierung mehrfach mit Aufträgen ins Ausland geschickt. Sein Auftreten gegen den H-Dootkrieg und fein Eintreten für einen Derständigungsfrieden machten ihn zu einem der umstrittensten Politiker Deutschlands.
Einzelheiten der Tat.
Bad Griesbach, 23. Aug. (WTB.) Zur Ermordung des Reichstagsabgeordneten Erzberger erfahren wir folgende Einzelheiten: Erzberger befand sich heule vormittag gegen 9 Hhr auf dem Wege von Bad Griesbach zur Alexanderschanze am Kniebis. In seiner Begleitung befand sich der ReichStagSabgeordne^e Diez. Es sollen zwei Personen im Alter von 25 Jahren als Täter in Betracht kommen, welche die beiden
Abgeordneten von einander trennten und auf der Verfolgung den Abgeordneten Crzberger durch mehrere Schüsse in d i e Brust und den Kopf niederstreckten. Der Abgeordnete Diez wurde verwundet und liegt im Spital von Oppenau. Eine GerichtSkommission hat sich mit Polizeihunden an den Tatort begeben. Der Vorgang spielte sich in der zehnten Morgenstunde ab.
Mit Sicherheit konnte bereits festgestellt werden, daß kein Rau mord vorliegt.
D a d G r i e S b a ch, 26. Aug. (WTD.) Heute vormittag 11 Hhr war der Reich»tagsabgeoronete Erzberger mit dem ReichStagSabgeordnelen Dr. Diez auf einem Spaziergange nach dem Kniebis begriffen. Die beiden Herren wurden von zwei gutgekleideten Herren überholt, bk bald darauf an einer Wegkehre vor ihnen standen. Ohne ein Wort z u sagen, feuerten d i e jungen Leute aus kürzester Entfernung auf Erzberger und Dr. Diez eine große Anzahl Schüsse ab. Diez wurde in die Schulter getroffen und sank zu Doden. Crzberger suchte Schutz an einer Böschung, wurde aber von den Mördern verfolgt und durch einen Kopfschuß getötet Insgesamt sind 1 2 6 chüsseauf ihn abgefeuert worden. Don den Tätern, die mit großer Kaltblütigkeit zu Werke gingen und sich vorher mit einem Straßenwärterunterhalten halten, liegen genaue Beschreibungen vor, doch konnten sie bis jetzt nicht festgenommen werden. Gegen abend wurde die Leiche Erzberger«, nachdem die Gerichtsbehörde den Tatbestand ausgenommen hatte, nach Griesbach geführt und hier aufgebahri. Erzberger weilte mit feiner Frau und Tochter schon seit acht Tagen zur Erholung in Griesbach. Dr. Diez, den ein Kurgast nach Griesbach geleitet hatte, wurde im Krankenhau« Oppenau untergebracht.
Die Mitteilung an die Reichsregierung.
Berlin, 26. Aug (WB.) Del der Reichsregierung lief folgendes Telegramm des Amtsgerichtes Oberkirchbaden ein: ReichLsinanzmmister a D. Erzberger wurde laut telephonischer Meldung des Postamtes GrieSbach heute früh auf dem Wege zur Alexander schanze bei GrieSbach, Amt Oberkirchbaden, erschossen. Die Täter sind bis jetzt unbekannt. Dom badischen Staatsminl- sterium wird das Attentat bestätigt. Da ah touvb# Crzberger von zwei Burschen, die ihn offenbar auflauerten und sich ihm in den Weg stellten, angefallen und durch 12 Kopfschüße getötet. Der Abgeordnete Diez-Radolfzell, der Erzberger begleitete, wurde durch Schüsse an der Hand verwundet. Nach einer anderen Meldung soll auch Diez schwer verletzt sein. Auch nach der Mitteilung des badischen Slaatsministeriums sind die Täter noch nicht ermittelt.
Der Reichskanzler an Ara» Erzberger.
Berlin, 26. Aug. (WTB.) Anläßlich des Attentats auf den ehemaligen Reichsfinanzminister Erzberger richtete der Reichskanzler folgendes Telegramm an Frau Paula Erzberger in Griesbach (Baden): Ich erfahre soeben in tiefstem Schmerz den gewaltsamen Tod Ihres Herrn Gemahls. Zu dem grausam harten Schicksalsschlag, der Sie und Ihre Familie in dem verabscheuungswürdigen, feigen Meuchelmord an Ihrem Gatten betroffen hat, unterbreite ich Ihnen meine tnntgfte Teilnahme. Gott möge Ihnen die Kraft geben, diesen schweren Schlag zu überwinden, der einem arbeitsreichen, dem Dienste der Allgemeinheit unermüdlich gewidmeten Leben ein jähes Ende bereitete.
An den Abgeordneten Dr. Diez in Oppenau telegraphierte der Reichskanzler: Die furchtbare Nachricht von dem fluchwürdigen Verbrechen, das ein feiger Meuchler an unserem Parieikollegen beging, hat mich tief erschüttert. Daß nicht auch Sie ein Opfer der Mordbuben wurden, dazu beglückwünsche ich Sie und wünsche Ihnen baldige Genesung.
Ein Telegramm des Reichspräsidenten*
Berlin, 26. Aug. (WTD.) Der Reichs- Präsident richtete an Frau Erzberger folgendes Beileidstelegramm: Tief erschüttert durch die Nachricht von dem Verbrechen, dem Ihr Gatte zum Opfer fiel, spreche ich Ihnen meine herzliche Teilnahme aus. Möge Sie das Bewußtsein trösten, daß in lebhafter Entrüstung über die abscheuliche Bluttat weite Kreise des deutschen Volles an Ihrer Trauer aufrichtigen Anteil nehmen.
Sozialistische Kundgebungen in Bayern.
München. 27. Aug. lWTD, Für gestern abend hatten die freien Gewerkschaften und die sozialistischen Betriebsräte unter der Parole ,Gegen den verbrecherischen Preis- wu che r und die passive Resistenz der baherischen Regierung" in mehreren Lokalen Massenversammlungen zusammenberufen, die sehr stark besucht waren. Es wurde eine Entschließung angenommen, in der ausgedrückt wird, daß die Veteranen der Arr-ert, die Kricgswitwen und Waisen sowie die Hinterbliebenen dem Hntergang entgegensetzen, wenn


