Ausgabe 
22.10.1921
 
Einzelbild herunterladen

Samstag, 22. Oktober 1921

UL Jahrgang

Erstes Statt

m r»

krati sche Fraktion sich g KabinettWirthentschieo

> TätiM

i Uleibung n melben.

1.- X

2,- X

egen das e n haben.

ger Stabt gez. ß. 6.

i. 1 nicht ttenbeutel, i, \ Paar

!edrr-Gelb- lerbedüber-

Ilant, eine 6. 2.X 10. Dainen^hr

Hände br­achen.

i an jedem nachnnttags gen.

Verachtung nach wie vor. ,

Verachtung ist das Schlimmste von den , Dreien. Nicht nur in psychologischer, sondern < auch In materieller Wertung. Man kann einen j Gegner hassen und sich doch scheuen, ihn zur - Verzweiflung zu bringen. Die Verachtung - aber fragt nach keiner Verzweiflung. Wenn wir unsere heutige Lage reiflich überdenken, so scheinen wir freilich noch nicht an jenem Punkte angelanqt zu sein, wo dumpfe Gleich­gültigkeit die Rechentafel des Willens und Verstandes beiseite stößt. 0, es gibt noch genug nüchterne Köpfe in Deutschland, und die größte unserer Parteien, die MehrheitS- sozialdemokratie. hat bereits kraft FraktivnS- beschlusseS festciestellt. die Helläugigkeil der bisherigen Reichsführung habe keine Trübung erfahren. Auf der andern Seite fühlen auch die minder erfüllungsbeflissenen Politiker und die Gegner Wirths keinen Anlaß, über der neuen, alle Bewegung einstweilen lähmen­den Demütigung die kühle Lleberlegung zu vergeflen. Binnen acht Tagen sollen wir -ins nach dem Pariser Diktat bereits entschei­den. mit Polen in die angeregten Wirtschafts­verhandlungen einzutreten. Ebenso wichtig als das 3a oder Nein zu finden, ist es. die Tat­sachen richtig zu erkennen und der Psyche un­seres Dolles und unserer Parteien, alten und neuen Fehlern, nachzugehen.

Die in Genf geschaffenen Tatsachen und die Folgerungen, die in Paris und London so schnell daraus gezogen worden sind, stehen in ziemlicher Klarheit vor und. Der franzö­sischen Politik der wirtschaftlichen Abschnü­rung Deutschlands kam man. trotz des Herrn Lloyd Georges Standpunkt beschwichtigenden Vorschlages einer die Abgründe in einem ge­teilten Oberschlesien überbrückenden Wirt­schaftsorganisation. aufs neue einige Schritte entgegen. Das redliche Bemühen der in Frage kommenden Völkerbundsmitglieder wurde ohne Frage gespeist und geheizt durch die Späne, die bei einem andern englisch-französischen Geschäft gewonnen wurden. Der Markt ist groß, und im Osten gibt es der Feldberei­nigungen genug. Da drückt der englische Mi­nisterpräsident. wenn ein für ihn wichtiges Ziel erreicht werden kann, gerne über dem unhellschwangeren vberschlesischen Problem ein Auge zu. Die Schärfe seiner früheren Mei­nung. das Ondustriegebiet gehöre kraft eines 600jährtgen Rechtes ungeteilt zu Deilschland. schliff sich ab an wichtigeren Pfeilern der englischen Politik. Die bevorstehende Wa- shingwner Konferenz verträgt keinen Bruch wegen Oberschlesiens. Wright or wrong. Recht oder Unrecht die britischen Interessen gehen vor. Und warum sollte der wohlunterrichtete Völkerbundsrat nicht auch den Richterblick

auf die weltpolitische Notwendigkeit richten, die sich ihm so zwingend aufdrängte, warum sollte er nicht meinen, mit der Zuteilung von 40 Prvz. des strittigen Gebietes an Polen dem gleichen Verhältnis bei der Dollsabstim- mung Genüge geleistet zu haben? Ein neu­trales Blatt kennzeichnete die Genfer Ent­scheidung als ein vollzogenes Urteil Sa­lomos: der zerschnittene Körper verliert das Leben. Germania, das gepeinigte Weib, wird, so kalkulierte man in Genf, Paris und in London, den Schnitt durch das oberschlesische Revier einigermaßen heilen, indem es dem polnischen Teil die unentbehrlichen Brüste des Lebens leiht. Die allerseits dienende Magd wird die vorgeschriebene territoriale Abgren­zung annehmen müssen denn das fordert der unterzeichnete Versailler Vertrag und ste wird auch das zum allgemeinen Besten ersonnene Verkehrsverhältnis mit dem pol­nischen Nachbar nicht von sich abweisen, sonst wird sie Gewalt zu spüren bekommen.

Das ist der brutale Sachverhalt, der nur roenig gemildert wird durch die vielfältigen Privatäußerungen des Auslandes über die Unmöglichkeit und Ungerechttgkett des Genfer Spruches. Und nun lauschen wir, da unsere Regierung zur Salzsäule erstarrt ist. auf die innere Stimme unseres Volles und trägen, was uns da für Kräfte gewachsen sind, die

Die Not lehrt nicht allein beten: die Be­drängnis unseres Volles rührt auch andere See- lenkräfte undheilige Zeichen" auf. die nach dem Faustwort trockenes Sinnen nicht erklärt. Die deutschen Zeitgenossen besinnen sich, ja. wie aus den bewegten Zkundgebungen über das vberschlesische Unheil hervorgeht, allent- halben auf ihren deutschen Eharakter, dem sie mehr schuldig zu sein glauben, als das Wandeln auf den Verführungswegen fremder Mentalität". Unsere Staatsmänner mögen die psychologischen Probleme des Auslandes lösen; wir stützen und fördern ihre Arbett aber am besten durch eine deutsche und natio­nale Volkserziehung. Dieses Wort ist jetzt auch bei der Beratung der Schulnovelle in der hessischen Vollskammer wieder stark ! umstritten worden. Was der Abgeordnete >Dingeldey gegen dassozialistische Bil-

dungsweal" sagte, war so recht aus dem Drang der Zett gesprochen. Die BUdung der Einzelpersönlichkeit ist uns in der Schule wahr­lich weit wichtiger als die Ermittlung der Zu­sammenhänge gesellschaftlicher Arbeit. Wer schafft und richtet denn auch heute noch die großen Ereignisse in der Geschichte? Der oben erwähnte Genosse Kraus bezeichnet dieGe­schichte der menschlichen Gemeinschaftsbil­dungen" als das ABE aller Pvlitll. Uns dünkt, das ist ganz recht; aber hinter dem ABE gibt es doch noch andere Kenntnisse, die nötig sind, um die deutsche Sprache, hier also auch die deutsche Polittk, zu beherrschen. Wir können In diesen Dingen freilich auch viel von den Franzosen und Engländern lernen. Die haben ein Nationalbewuhtsein und halten in chrer prakttschen Politik stolz daran fest. Man darf ihre Mentalität nicht nur begreifen wollen, man muß sie jetzt häufig auch durchschauen.

n9 der

Treis Wt unb '9 HM.

frb aUf.

M187

* lolfli: danach

S Unb »eit tt, 8^

'ern wer- Senkung Uhren er»

0.30 Ak 0,20 X 4-X. iegemeister

lächelnd als willkommenes Wasser auf seine klappernde Mühle hinnehmen. In der fran­zösischen Kammer marschierte bei der letzten Aussprache alles in gleichem Schritt und Tritt. Die gut gespielte Komödie allgemeiner Oppo­sition wider die zu zaghafte Vertretung der französischen Interessen durch das Ministerium Briand zeugt von einer anderen Kunst prak­tischer Psychologie, als sie der deutsche Ge­nosse spinnt. SS sind noch die alten Kriegs­methoden des Geisteskampfes, die unsere deut­sche Front beinahe ärger bedrohten als Trom­melfeuer und Tankangriffe. Da liegt das Schlimme: wir Deutsche haben gar keine rechteMentalität", an die der Gegner sich kehren könnte. Der Gesamtheit unseres Volkes fehlt noch ein ausgesprochen nationaler Cha­rakter. Wäre er vorhanden, so würden Briand und Lloyd George nicht so leicht Über unser Wollen und Können Hinwegschreiten; chnen fehlt die A ch t u n g vor dem Deutschtum. Das Kabinett Wirth wollte sich bei ihnen durch eine eifrige Erfüllungspolitik beliebt machen, ver­gebens. Der Kurs von London bis Genf brachte nur Enttäuschungen und endigte mit einer neuen, unerträglichen Verstümmelung des Reichsgebietes. Unsere bedrängten und geängstigten Landsleute in Oberschlesien rie­fen: Reichskanzler, werde hart? Er aber ist ein hartgesottener Erfüllungspolitiker, der wohl noch immer mit vollen Segeln seinen Kurs gehen möchte.

!

Die Entscheidung, wie sie jetzt durch die amtlich« Vckanntmac^mg der Botschafteikonserenz ver­öffentlicht worden ist, übersteigt alle *3 c ürchtungen, die wir für unsere Heimat schon in den letzten Wochen hegten. Eure Abgeordneten der Zentrumsfraktion des Reichstages und des Preußischen Landtages verstehen nur zu gut Euren Schmelz und Sure Entrüstung und teilen sie mit Euch aufrichtigen HerzenS Es bedarf wohl keiner ausdrücklichen Versicherung, daß wir rastloS be­müht sind. daS über und hereiggebrvchene Unglück noch in letzter Stunde abzuwenden. Wir werden dabei unterstützt durch das volle Verständnis der Zcnttumsftaktion des Reichstages und des Land­tages. die ebenso unablässig tätig die Interessen der Oberschlesier nach allen Seiten hin mit allen Kräften zu wahren. In diesem Sinne bitten wir Euch, wie bisher Vertrauen zu unS und unserer Arbeit zu haben, die Ruhe zu wahren und alle unüberlegten Schritte zu vermeiden.

Die wirtschaftlichen Folgen der Teilung.

ImVorwärts" berechnet ein berg*

Wochenrückblick.

Die Dotschaf terkvnf erenz hat wieder einmal stramme Saiten aufgezogen, deren Ton unS bis ins Mark erschüttert. Deutschland ist wehrlos dem ihm aufgezwunge- nen neuen Unrecht preisgegeben. Herr Briand ist in seinem Stile der seit Clemenceau be­währten entschlossenen Massivität treu ge­blieben: er reckt am Schlüsse seines mehr an die Deutschen als an die Polen gerichteten Schreibens sichtbarlich die auch mit einem eng­lischen Hemdärmel eingekleidete Faust und stelltgeeignete Maßnahmen" in Aussicht für den Fall, daß wir und nicht fügen wollten. Ed gibt wohl in Deutschland keinen einzigen Menschen, der bad Genfer Urteil über Ober­schlesien für gerecht oder zweckmäßig hält aber toad ist heute bad große beutsche Voll? Objekt ber Feinbseligkeit. Mißgunst unb

ernt ÄW SentlfrlWl

ctcn bvr

W »nt« ** Är. ?n. s.r'Bt

Ägs ^^nrovisvri^ rn, fon1 c nh aebf3 c HrlE w-'

n Vl»N

ÄSj SiW ySSS

Annahme von ünjiloew für die laqesnumm» bi« jum Nachm ltag vorher otzne jede Verbindlichkeit. Dreis für l mm höbe für Anzeigen v 34 mm Breite örthd) 55Pf , auswärts 65 <Pf.; für Reklame. Anzeigen von 70 mm Breite 250 Vf. Bei Platz, vorfän.fi 20 .Aufschlag. Hauptfchristleiter: Aug. Goetz Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil i D : Aug. Goetz; für den Anzeigenteil: hano Beck, sämtlich in Gießen.

Die Deutsche Volkspartei lehnt die Entscheidung ab.

Berlin, 21. Oft (WTD.) Die Reichs- tagdfraftton ber Deutschen Volkspar­tei hat heute nachmittag folgenben Beschluß gefaßt: Die ReichStagSftaktion ber Deutschen Vollspartei nahm von ben bekanntgewvrbe- nen Erklärungen ber Entente über die vber­schlesische Entscheidung Kenntnis. Die Frak­tion sieht in der Entscheidung eine Mißach­tung der VvllSabstimmung und eine Ver­letzung des Versailler DerttageS. Sie lehnt die Ättscheibung einstimmig ab.

Der Reichstag

Berlin, 21. Oft. (Wolff.) Der Aelte- stenrat deS Reichstags tonnte auch heute noch nicht zu einem festen Beschluß über ben Termin ber Plenarsitzung kommen, ba dem Reichstag der amtliche Wortlaut der Ent­scheidung über Oberschlesien noch nicht vorliegt. Wahrscheinlich findet die Sitzung erst am Sonntag oder Montag statt.

Eine Kundgebung der vberschlesischen Zentrumsabgcordncten.

-Berlin. 21. Ott. (MTV.) Die oberschle- sischen Abgeordneten der Zentrums­fraktion des Reichstages und des Preußischen Landtages (gez. Pfarrer Ulizka) haben folgende Kundgebung- n" ihre Wäbs- cen*f-f

1 stellen unjj xperlode auf«

, MS

Eine Sturmfitzung

im Preusiischen Landtag.

Berlin, 22. Ott. 1921.

Der Preußische Landtag sand am Freitag einen unerhörten stürmischen Abschluß. Der Ael- teflenrat hatte beschlossen, durch den Minister­präsidenten Stegerwald in einer Erklärung be? Landtages den so schwer betroffenen ober- schlesischen Brildern Worte der Teilnahme zuzu- rufen und aufs neue zu betonen, daß die Ober­schlesier untrennbar seien von der großen deutschen Volksgemeinschaft. Die Sozialdemokraten hatten sich dagegen erklärt. Die Unabhäng gen unb Kommunisten verlangten im Anschluß an die Er- flärung eine Aussprache. Da sie ihren Willen nicht erreichten, veranstalteten sie einen Hollen­lärm in der Sitzung um den Ministerpräsidenten am Reden zu verhindern. Die Kommunisten hatten noch zwei besondere Gründe, aus denen sie ein Recht zu lärmender Opposition herzuleiten such­ten. In der Rofenthalerstraße waren Dchupo- leute in das Parteigebäude eingedrungen und hatten Attenmaterial beschlagnahmt Der Präsi- dent hatte die angerufene Hilfe versagt unter Berufung auf die Reichsverfassung. Die lar- mende Opposition konnte es allerdings nicht Der- hindern, daß der Ministerpräsident sich feiner Aufgabe entledigte. Zu verstehen war freilich bei den Tumultszenen von den Ausführungen so gut wie nichts, so daß die Berichterstatter auf den ihnen amtlich zugewiesenen formulierten Text zu­rückgreifen mußten.

Die Beratungen des Reichskabinetts.

Berlin, 21.Ott. (WTD.) Das ReichS- kabinett ist heute abend zusammengetreten, um seine Beratungen über bie o b e r schle­sische Frage fortzusetzen. Die beteiligten Ressorts erstatteten Bericht über bie wirt­schaftlichen, verkehrstechnischen unb sozialen Folgen ber von ber Dotschafterkonferenz ge­troffenen Entscheidung. Darauf trat bad Ka­binett in bie Besprechung ber politischen Ge- amilage ein. Das Kabinett wirb bie Be­ramngen morgen nachmittag forisetzen.

Innerhalb des Kabinetts selbst war, so fügt die »Franks. Ztg." hinzu, in der heutigen Vor­mittagsberatung bie QHeinung überwie­gend für eine sofortige Dem isll on, obgleich der endgültige Beschluß noch abzuwarten bleibt. Unter den Ministern sind Schiffer und Rathenau jetzt entschieden für den Rücktritt und der Kanzler ist unter der Ein­wirkung des beständig vvrgebrachten Arguments, daß seine Regierung bei weiterem Verbleiben in Deutschland und im Ausland alles Ansehen ver­lieren werde, selbst sehr unsicher geworden.

Der Standpunkt der Parteien.

BerI l n, 22. Oft. Die sozialbemo- fratlsche Reichstagsfraktion hat gestern gemeinsam mit Dem Parteiausschuß beraten. Die Stellungnahme der Fraftion in der Frage ber RegierungSbilbung, bie bas Recht über Verbleiben ober Gehen beS Ka­binetts Wirth allein dem Reichstag zuerfennt, fanb lautVorwärts" auch in biefer gemein» amen Sitzung einmütig Zustimmung.

Die Reichstagsfraktion ber U. S. P. D. nahm gestern zu ber burch bie Cntscheibung über Oberschlesien geschaffenen Lage Stellung. Die Fraktion beklagte aufs lebhafteste bie Tei­lung Oberschlesiens, die eine große Anzahl deutscher oder überwiegenb beutscher Gemein- ben Polen zuweist unb ein einheitliches Wirt­schaftsgebiet zerreißt. Dem Kabinett Wirth kann nach Ansicht ber Fraktion bie Schulb an ber für Deutschlanb ungünstigen Lösung beS vberschlesischen Problems nicht zugeschoben werden. Ein Wechsel in der auswärtigen Poli­tik würde die verhängnisvollsten Folgen nach sich ziehen. Die Fraktton protestiert aufs schärfste gegen die Versuche, unter Ausschal­tung deS Reichstages einen Kabinetts- unb Personenwechsel herbeizuführen.

Wie bieDeutsche Zeitung" wissen will, sollen die Zentrums- unb bie bemo-

männischer Sachverstänbiger unter Zugrunbelegung ber Kohlenförderung im Jahre 1913 in Oberschlesien, baß nach ber Genf-Pariser Entscheidung Polen viermal so viel Kohlen bekommt, als Deutschland ver­bleiben. 3m April 1921 wurden in Ober­schlesien 2 922 539 Tonnen Kohlen gefördert. Von dieser Fördemng fallen künftighin 2 197 884 Tonnen an Polen, während 653 200 Tonnen bet Deutschland verbleiben und der Verbleib von 71 455 Tonnen noch unentschie- ben ist. Von dem gesamten Kohlenvorkommen in Oberschlesien, das bis zu einer Tiefe von 1200 Meter 1121/, Milliarden Tonnen beträgt, bleiben nur ungefähr 55'/» Milliarden in deutschem Besitz. Da Deutschland alle ober­schlesischen Zink- und Bleigruben verliett, büßt eS damit stark »/« seiner gesamten Zinkprvduk- tton und die Hälfte seiner Bleierzsörderung ein.

Trauer in Breslau.

Breslau, 21. Oft. (Wolff.) Anläßlich ber Entscheibung über Oberschlesien hat der Oberbürgermeister angcorbnet. baß sämtliche stäb11schen Gebäube einschließlich der Schulen auf Halbmast ober mit Trauerflor zu flaggen haben

Ur. 2

Der Gietzeaer Anzeiger erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertavs. Monatliche Sezugrvreife: Mk 5.50 einschl. Träger- lohn, durch die Post Mk. 6.50 einschl. Bestell- gelb, auch bei Nichterschei­nen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt. Fernlprech-Anschlüsse: für die Schriftleitung 112; für Druckerei, Verlag und Geichaftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Stehen.

Postscheckkonto:

Sranffnrt a. M. U686.

ungeheueren moralischen Isolierung" herauS- zufommen. unb es habe auch nicht schnell ge­nug bie WiebergutmachungSfrage einer prak­tischen Regelung zugeführt. Dabei klagt biefer Praktiker seitenlang über bie ben Deutschen manaelnbe Schulung im außenpolitischen Denken! Der beutschen Politik muß nach seiner Meinungein gewaltiger Teil ber Schulb am Kriege zugesprochen" werben. Wie schonenb behanbelt er bagegen bie Anbern. Frankreich, Englanb unb Ruhlanbl äleberall ist bie Psyche ber anderen Völker und ihreMentalität" nicht genug verstanden und berücksichtigt wor­den; sogar mit dem Wahlergebnis vom 6. Juni 1920 hat das deutsche Volk seine außenpoli- ische Unreife dokumentiert! Kraus offenbart sich als Typus des nationalen Flaumachers, des unbewußten Kriegsverlängerers und Handlangers der Ententepolitik. Er zerhackt die deutsche Seele und legt die Stücke als Fraß den Fremden vor. Könnte er sonst so bitter be­klagen, daß man in Deutschland den großen Fortschritt" des Ergebnisses von Spaa nicht genügend gewürdigt und anerkannt habe, wo­mit man zum so und sovielsten Male an der Mentalität der Franzosen vorbeigegangen wäre!

ES ist wichtig, in diesem Augenblicke, wo und das neue Diktat überreicht worden ist, die­sen Nihilismus einer nationalen Interessen­rechnung genau ins Auge zu fassen. Kraus will ein Bahnbrecher und Theoretiker der Wirth'schen Praxis sein. Nun ist eS wahr, daß in unserer Entwaffnung unb Machtlosigkeit allzu starkes Auftrumpfen und drohendes Ge­baren bei unseren Gegnern höchstens belächelt wird. Sie kennen unser Volk und wissen leider zu gut, wie eS geschichtet ist. Herr Briand würde daS Kraus'sche Buch, wenn er cd läse.

Die Debatte in der französischen Kammer.

Paris, 21. Ott. (Wolff.) Am heutigen (vier­ten) Derhandlungstag der Interpellationsdebatte spricht an erster Stelle der Abgeordnete für Paris, Bonnet, um Auskunft ßu verlangen, über die Maßnahmen, die die Regierung zu ergreifen ge­denke um die für den Krieg und feine Durchfüh­rung Verantwortlichen. KaiserWilhelmund die milittärifchen und politifchen Führer Deutsch- lands gemäß dem Vertrag von Versailles zur g e - richtlichen Aburteilung zu bringen. Nach ihm interpelliert Abg. Gay über die französische Politik in den besetzten Gebieten.

Ministerpräsident Briand führte aus Die Politik der Regierung sei eine Friedensvoli- tit. Friedenspolitik heiße eine Atmosphäre schaffen, damit bei dem unruhigen Zustande Europas alles vermieden werde, was den Frieden stören könnte. Der Friedensvertrag stelle eine Einigung der Alli­iertes dar. Bestehe sie nicht, dann gebe es auch keinen Vertrag.

Briand erinnert sodann daran, unter welchen llmständen er seinerzeit gesagt habe, man werde Deutschland die Hand an den H a l s k rage n legen, wenn es nicht erfülle. Aber damals fei Der Verfalltag, den der Friedensvertrag vorsah. noch nicht dagewefen. Die B e f e h u n g fei etwas Großes. Aber Frankreich habe damals geglaubt, man müffe neue Sankttonen nehmen. Die fran-

Regierung habe in Ruhrort, Düsseldorf

GietzeimAnMger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck nnb Verlag: vriihl'sche Univ.-Vuch' und Zleindruckerei H. Lange. Zchnftlelttmg, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstraße 7.

i den Weg ber Selbstbehauptung zu finben ober vielleicht auch Um zu verschließen gewillt slnb.

Vor und liegt ein Buch bed sozialbemo- kratischen badischen LanbtagSabgeordneten Dr. E. K r a u d :D onVersailledbiSLon- bon (©. Draunscher Verlag in Karlsruhe). Der Verfasser ist ganz von ber Völker- bunbSibee erfüllt, bie er bei ber Schilbe- rung unseres Schicksalsweges balb mit Innig­keit preist, balb unter heftigen Schlägen auf bie Ehauvtniften, Reaktionäre unb Im­perialisten, unter Angriffen auch auf bie Me­thoden ber nachrevolutionären beutschen Re­gierungen, scheltenb in bie Diskussion wirst. Den größten Teil bieser Schrift füllt aber bie forilaufenbe Beschulbiaung DeutschlanbS, es habe seit Versailles nicht genug getan, um bad Vertrauen ber Welt zu gewinnen, aud seiner