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Hr. 2ii Zweites Blatt Gießener Anzeiger (Genial-Anzeiger für Gberhessen) Zrettag, 21. Vttober 192s

Hessische Volkskammer.

116. Sitzung.

Öt 3a rm ft ab t, 20. Oktober.

Am Ministern!«- S'aatspräsibent Ulrich. Finanzminister Henris, 3ufh -tinifter u "Bren­tano, Präsibente > Uri'tabt, Raab. Hebel, Geh. Oberschulräte ®iüderi unb Mod.

Der erste Präsibent Adelung eröffnet bie Sitzung um 9 Uhr 40 Min. Dor Eintritt in bie Tagesordnung stellt Aba. Engelmann (Svz.) eine Heine Anfrage betreffeno

bie Kartoffelfrage.

Dräsidcnl liebel: Wir sehen von einem Ausfuhrverbot ab, ba ein solches nur Gegen maß- irahmen anderer ßänber Hervorrufen würbe. Auf unsere energische Vorstellung beim Reichsverkehrs- minifterium ist uns mitgeteilt worben, dah unsere Wünsche nach genügender Wagenstellung erfüllt würden. 3:n übrigen verweise ich auf unsere Ant­wort auf die neuliche Anfrage deS Abg. Detters.

Das Hau- seyt sodann bie Generaldebatte über bie

Schulnovelle

fort.

Abg. Reiber (Dem.): DaS 1874er Gesetz ist anerfaimtctmaben resormbebürftig Auf bas ReichSschulgesey kann man ja unmöglich warten, unb wenigstens eine teilweise Regelung ist un- abweislich DaS bisherige Gesetz hatte aber un­zweifelhaft grobe Vorzüge, inbem es vor allem daS vorher zersplitterte Schulwesen einheitlich zusammengefahl hat.und zwar teilweise auf Grund der 1848ci Forderungen, unb ferner hat es bie Simultanschule gebracht. Mittlerweile hat die Wissenschaft grobe Fortschritte gemacht, zum Bei­spiel in der Erforschung des Seelenlebens des Klnbes. Ferner sind eine Reihe prakttscher Srsah- rungen gemacht worben. HebrigenS genügt sie auch meiner ^Partei keineswegs, da sie dieselbe mir alS Abschlagszahlung betrachtet Auch mußten Rücksichten auf die Koalition genommen werben. Dazu kam die Verzögerung durch bie Reichsver­fassung, bie sich vieles in Schulsachen Vorbehalten hat. Sine Fessel barf biefc Gesetzgebung nicht für bie Sinzeistaaten sein unb wir erhoffen wenig­stens eine loyale Auslegung ber betreffenben Ar­tikel. So ist zum Beispiel bie Simultanschule gesährbet. Abg. Lenhart hat das 1874er Gesetz sillturkämpserisch genannt, was Abg. Dingeldey bestritten bat. Die Wahrheit scheint mir in ber Mitte ju liegen. Die Bestimmung des Gesetzes, bah Konsessionsschulen nicht wieder eingeführt itxrben können, muhte allerdings als lultur- tämpserisch empfunden werden. Andererseits ist die Zahl der Konfessionsschulen immer geringer geworden, da die Ellern immer mehr "Vertrauen zur Simultanschule gewannen. Letztere ist für unser kulturell gemischtes Land tatsächlich daS Ratürliche, und wir wollen daran nicht rütteln lassen. Abg. Dingeldey bat einen Unterschieb ber christlichen Simultanschule unb einer solchen mit ausgepfrvpftem Religionsunterricht künstlich konstruiert. Die Wiebereinführung ber Kon­fessionsschule würbe ber katholischen Be­völkerung in kleinen Gemeinden sogar Rachteile bringen. Auch würde dadurch eine pädagogische Verschlechterung erwachsen. Wenn so bic Reichsverfassung das erste grobe Hindernis ist zur Schaffung einer umfassenden Schulreform, so besteht das zweite Hindernis in der finanziellen Misere. Es mutz auf allen Ge­bieten gespart werden, doch möchte ich den ernst­haften Appell an HauS unb Regierung richten, bic Sparsamkeit auf kulturellem Gebiete nicht auf bie Spitze zu treiben. Wenn für unsere Kinber nicht alles geschieht, was irgend möglich und notwendig ist, sündigen wir an unserer eigenen Zukunft. Die Herren Kaul, Lenhart und Dingel­dey haben jeder ein eigenes Srziehungsidcal auf« gestellt. Ich als Schulmann sage, das sind alles mehr oder weniger Partriziele. Ich sage, für bie Volksschule ist bas alles zusannnen notwendig vir Erziehung einer gereiften, gefestigten Persön­lich leit. Es gilt, bie geistigen und körperlichen Fähigkeiten zu wecken und zu fördern bis zum Höchsten, damit bie jungen Menschen das Grobe, dah sic von ber Vergangenheit auf kulturellem unb künstlerifchem Gebiete erben, ganz erfassen unb ausbauen können. Was die Organisation ber Schule anlangt, stehen wir auf dem Boden der Einheitsschule. Wir gehen darin mit Herrn Kaul einig. Ich möchte aber fest stellen, bah diese Ein­heitsschule keineswegs eine Idee, eine Forderung der Sozialdemokratie ist. Sie ist eine Forderung der Lehrerschaft und ist viel älter, als der So­zialismus, ber die Forderung nur alsbald auf- gestellt hat. Im Grunde haben wir diese Ein­

heitsschule bereits: das Gese tzvon 1874 hat nut nicht mit allem aufgeräumt, umJ noch übrig ge­blieben war. Der We 1 .1 if des Levens soll feLie Vorgabe mehr haben durch Besitz und dergleichen. Jeder soll an der gleichen Stelle beginnen. Dann erst wird es erreicht, bah die Tüchtigsten an bic rechte Stelle kommen. Die "Begebt enauelefe darf kd) nicht rein auf das Intellektuelle gründen Es gehören hierzu nach unserer Austastung auch Gaben deS Gemütes, moralische Eigensd-asten usw. Derrn hier gegen die reine Lernschule aufgetreten wurde von Herrn Kollegen Lenhart, so mochte ich doch einmal feststcllen. dah gerade die Konsessions» schulen früher bie reinen Lernschulen waren, und daß Pestalozzis ganze grobe Tat ja gerade bic war. bah er auS ber Lemschule bie Erziehungs­schule machte. Vorauszusehen ist, bast die Mittel­schulen. dir gestrichen wurden, noch Gegenstände scharfer Kämpfe sein werden. Die Begab: en schulen find ein Ersatz, der bester ist une die Mit teil ckzulen. deren Beseitigung keine sozialistische Forderung ist. sondern eine ber Fach-, also Lehrerkreise Herrn Abg. Dingeldey mochte ich entgegen halten, bah erst, wenn alle Kinder in bie Volksschule geben müssen, alle Kreise der Bevölkerung unb I alle Parteien ba» gleiche Interesse an ber Volks­schule nehmen werden. Was bie ßernmittelfvei- bet! betrifft so ist diese erforderlich unb notwendig. Erziehungssache ist es, Den Äinbern bie Achtung vor dem Gemeingut beizubringen. 3m übrigen hat ja der Herr- Finanzminister einen Strich davor gemacht, der weitere Cröi-tcrungen erübrigt. Reli­gionsunterricht in den Fortbildungsschulen einzu führen, halte ich für falsch. Es hiebe die Kraft der Ätrdy.- unterschätzen, wenn man unterstellt, dah bie jungen Menschen von 14. 15 Jahre nicht auch anderweit Religion vermitteln !<r.m. Wenn Herr Lenhart gestern davor warnte, bic Volks- schullehrer allzu wissenschaftlich auszubilden, so stimme ich in getoiffem Grade zu. Es soll sich nicht um eine Vermehrung, sondern mehr um eine Vertiefung seines Wissens banbeln Was die Lehrerinnen betrifft, so gibt es hier nur eins, bie Verfassung, bie hier entscheidet. An bie Regie­rung richte ich bie Frage, wo bie Vorlage über die Zulassung der Dvlksschullehrer zum Hoch­schulstudium bleibt. (Zuruf: Ist fertig!) Schlieh- lich verbreitet sich ber Redner eingehender über die Anerkennung des Lehrerstandes, begründet die Rotwendigkeit der Diensttvohnung besonders in kleineren Orten, bie Haftpflichtversicherung unb dergleichen mehr. Der Vorsitz im Schulvvriland gehört nach unserer Ansicht bem Fachmann. Pause.

Abg. D. Dr. Diehl (Heft. Vpt.): Alle bis­herigen Redner haben, wie ihre Manuskripte be­weisen, ihre Ausführungen sorgfältig vorbereitet unb durch Schmückung mit Zitaten usw. feierlich gestaltet. Auch ich will mit einem Zitat beginnen. Im Buch ber Richter im 6. Kapitel steht zu lesen: Siche, meine Freundschaft ist die geringste in Ma- nasse und ich bin ber Kleinste im Hause meines Vaters. " (Heiterkeit.) Ins gut Deutsche und Par­lamentarische übersetzt, heistt das: Wer hier die kleinste Freundschaft hat. d. h. die kleinste Fraktion, ist allemal im Rachteil. (Heiterkeit.) Ich will mich also auf Rolwendigstes beschränken und nicht so lange reden, wie meine Vorredner, was Ihnen sicher sehr unangenehm ist. (Heiterkeit.) Vor allem die Simultanschule. Ich erllärc, wir halten an der Simultanschule unter allen Um ständen fest, weil ihre Beseitigung, bie Wiedereinführung der Kon­fessionsschule, gerabezu zu einer Katastrophe fuhren muh auf kulturellem Gebiete. Das ehemalige Lo­sungswort .Einheitlichkeit" wird verlassen und eine Zerrissenheit erstrebt, bie nicht zu verantworten ist. Bei uns in Hessen ist die Sache noch schlimmer als anderswo. Wenn wir bie Konfessionsschule ein- führen, müsten wir auch die religionslose Schule cinsühren. Da kann ich nicht mitmachen. Man kann es nid>t verantworten, bie Erziehung der Kinder, namentlich in religiöser Beziehung, nach ber Par­teizugehörigkeit des Vaters einzustellen. Die Ver­quickung ber Religion mit der Politik hat schon viel Unheil angerichtet. Hinzu kommt, bah unsere Simultanschule in bet Vergangenheit recht GuteS geleistet hat. Sie ist ba, wo bie Bevölkerung einheitlichen Glaubens war, von selbst Konfes­sionsschule: wo daS nicht ber Fall, bot ber Re­ligionsunterricht eine gute Ergänzung unb Vor- bÜbung. 3m wesentlichen ist bie religiöse Erzie­hung eine Frage ber Lehrer, nicht der Schul­reform. 3ch gebe zu, bah manches in ber Ver­gangenheit nicht gut, nicht ausreichenb war: das hing aber nicht mit ber Simultanschule zusammen, sondern mit bem Geist ber Zeit unb mit den Lchr- persönlichkeiten. Menschen sind wir alle, unb alle

sind fehlerhaft. Sine Schule ohne Religions­unterricht ist für mich keine Erziehung sfchulc. Wenn Herr Kaul sagt, bie Schule soll alle Ver­anlagungen entwickeln, so muh er doch zugestehen, bah in den Kindern ein unstillbarer Drang, ein Hunger nach dem Höheren, Göttlichen, ist, der auch gestillt werden will unb geweckt unb geför» bert. Dah man im DolksschulProgramm bad Wort .national gestrichen hat. bedauere ich dah daS Wort .staatsbürgerlich eingesetzt wurde, ist gut, aber bah dieS .staatsbürgerlich, das .national ersetzen soll, das ist ein Undiug. Denn cs ist nur ein Teil von diesem, Dah manchem ein Gruseln überläuft bei dem Worte .national", kann ich verstehen, denn es wird in |o Dielen verdächtigen Verbindungen gebraucht, wie deustch- national usw. (Heiterkeit.) Unsere Lehrerschaft hat aber bisher den Begriff .national in durch­aus gefundem und gutem Sinne aufgefaht Gegen die Mehrzahl unserer Schulbücher treffen bie Vor­würfe in dieser Richtung auch nicht zu. Dost man das Wort .sozial" aufnahm, begrübe ich. weil ich der Uebcrjcugung bin, bah eine ber Hauptfragen unserer Zukunft die erschrecken Sie nicht! Sozialisierung ist. (Hort, hört!» Ich meine nicht bic Sozialisierung des Eigentums, sondern die Sozialisierung Der Gesin­nung! Auf Einzelheiten übergchei'.d, tritt Red­ner sodann für die Wiedereinführung der Schul­gärten ein. Vom Fortbilbungsschulunterricht müs- len wir verlangen, wenn er besser wirken soll, das) er mit einem groben Mab von Freudigkeit erteilt wird. Das ist bisher sicher nicht Der Fall. Ein alter Pädagoge hat mir einmal gesagt, das ist Eselsarbeit. Was die Einheitsschule be­trifft. so bin ich Dafür, bat) alles geschehen mnb, um bie Intelligenzen, bie im Volle schlummern, empor zu bringen. Aber was bie Begabten schule betrifft, so labe ich doch schwere Bedenken. Sic führt zu einer Auspowerung, unb letzten Enbes holen wir etwas aus Der Rumpelkammer Der Ge­schichte, das abgeschafft zu werben, alle

froh waren, nämlich die Armcnschnle!

Wenn wir die Volksschule Haden wollen, dürfen wir bie geistige Lage nicht auf ber anderen Seite wieder heruuterdrücken. "Aus diesem Gesichtspunkte kann ich auch nicht siir die Aufhebung der Mittel­schule stimmen. Diese Mittelschulen sind etwas un­ter die Räder gekommen durch die Bercchtigungs» betoegung. Sic waren früher den Höheren Bürger­schulen gleich. Darum sollte man sie nicht beseitigen, sondern sollte sie reformieren. Vor den Männern, die die Verfassung gemacht haben, habe ich allen "Respekt: aber bei manchen Dingen scheint cs doch, als hätten sie nicht alles genügend überlegt, oder vom sozialpädagogischen Standpunkte nicht in der ganzen Tragweite übersehen. Hierzu gehört die Lennnittelfreiheit. Ich teile hier den Standpunkt der Regierung. Was die Lehrerbildung betrifft, so haben Die Lehrer sich die Eigenschaft des reinen Staatsbeamten teuer erlauft. Hier handelt es sich vielfach um Verluste materieller Art, bie tief ein« schneiden. Es kommt aber hinzu, bah nun ben Leh­rern etwas abgenommen wird, was er sich mit em­siger Hände Arbeit errungen. Gr wird bas als Unrecht durch fein ganzes Leben schleppen. Hinzu kommt weiter, bah der Staatsbeamte nicht ohne weiteres durch feine Stellung ber Mann des Ver­trauens wird. toae. Der Lehrer aber bisher für viele Kreise war. (Sehr richtig.) Wir haben bisher auch in Der Kirche und Schule von unten nach oben gebaut. Jetzt soll von oben nach unten gebaut wer­den. Das ist sehr gefährlich, weil es sich um Ver­trauensverhältnisse handelt. Ich bedauere, bah es uns nicht gelungen ist, den Lehrern bie Vorteile des Staatsbeamtentums zu geben und ihm trotzdem die Ideale der alten Verfassung zu erhalten. Was den Schulvorstairdsvorsitz betrifft, so kann ich viel­fach nicht verstehen, wie man sich darauf versteifen konnte, den Bürgermeister als Vorsitzenden so unbedingt festzuhalten. Hier wurde erneut eine Lücke geschaffen zwischen Stadt und Land. Wie cs feststeht, bah auch in ber Stabt nur ein Geistlicher den Vorsitz im Kirchenvorstand führen kann, hätte logftcherweise festgelegt wer­den müssen, dah Der Lehrer ben Vorsitz tm Schul­vorstand führt, vielleicht mit ber Einschränkung Der Voraussetzung des zweiten Examens Un­sozial und bedenklich halte ich das Fest hallen am Abitur. Das wird dazu führen, bah ber grohe Moloch Stabt unS die Lehrer liefert, denn ein Landlehrer, der mehr als einen Sohn hat, wirb nicht in der Lage sein, alle das ganze Gymnasium durchlaufen zu lasien. Aber auch hier bindet ja die Verfassung. An Dem Ausfichtsrecht ber Kirche bzw. der Geistlichen über ben Religionsunterricht muh unter allen ihnftänben festgehalten werben.

Bebauer sich war, Dah mein Antrag, ben Vorsitz im Schulvorstand nicht Dem Geistlichen, sondern Dem Fachmann, hem Lehrer, zu übern agen. ge­strichen würbe, dah wir hier mit Der katholischen Kirche nicht einig gingen Ich freue mich nicht barüber, dah verhältnismähig wenig neue Ideen in daS Gesetz ausgenommen wurden, aber ich freue mich darüber. Dah an diesem Bollwerk scheiterte. was im Grunde ungeschichllich war. Wenn wir nun Die Vorlage angenommen haben unD Damit die öimultanäjulc gesichert. Dann soll­ten wir sie auch verteidigen gegen alle Bestrebun­gen etwa von Berlin aus, sic uns zu entreihen. Wir sotten uns auf den Standpunkt ficllcTLben oft die Wettcraucr einnehmen und lagen: .W i r bau n 6 n 11! (Beifall. Heiterkeit.)

Darauf tritt Vertagung rin. Rächstc Sitzung Freitag, V-10 Uhr. Schluh 1 Uhr.

Verkürzung des Wegs zwischen Erzeuger und Verbraucher.

In einer Besprechung im Rcichsministeriuin für Ernährung unb Landwirt chatt, unter dem Vorsitz von MinisterialDirettor Dr. Hus.mann, trnirDc Die Möglichkeit einer engeren gesc! östlichen Derbinbung zw.Uxm S.zeug.r- unb Verb nucher- Organisationen aus ©runblage der freien Wirt­schaft besprochen. Während der Kriegowir schäft war bereits die Lösung der Frage Der unmittel­baren Geschästsbeziedungen zwischen E.zeuger- unb Vcrbrauchcrver. inigungen. i- Sic onkece zum Zwecke Der Ausschaltung aller unnötigen Zwischen­glieder sowie des unreellen Handels, Dringlich gc- s ordert worden. Ader Die Bildung genosten- schastlicher Zwangsorganif.itioneit. bic zu bleiern Zweck gefordert wurde, stich auf stärksten Wider­spruch und ist heute nach Dem Abbau der ZwangS- wirischaft und Dureaukratisicrung Der Lebens­mittelversorgung ganz unmöglich Es konnte aber Der Weg Der gegenseitigen "Berftänbigung zwi­schen Erzeuger- unb Verbrauchervereinigungen be­schritten werden. UnD das ist mit Erfolg geschehen von Den grohen landwlrtschaftlicl)en Genossen- schaftsorganisativnen unb den Konsumgenossen­schaften, trotzdem nicht zu verkennen ist, Dah wäh­rend des Abbaues der ZwangSwirtscha't manche Hindernisse Den vielseitigen Versuch n. durch un­mittelbaren Geschäftsverkehr den Weg von Er­zeuger zum Verbraucher abzukürzen, enlgcgen- stanben.

Die Sachverständigen au- landwirtschaf sticken und lonsumgenosiei.schaft ichen Kr tlen erstatteten ringehenb Bericht über die Erfolge und Schwie­rigkeiten bei der praktischen Durchführung. 3m allgemeinen war man der Ansicht, bah bic Vor­bedingungen dazu gerade jetzt, wo die wirtschast- lidye Lage Deutschlands grösste Ersparnis auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens crforDert, günstiger als je sind. Dies treffe insbesondere für Den Verkehr mit Kartoffeln, Vieh, Milch und Milchprvbullen zu. Die Frage der Abkür­zung des Weges vom Erzeuger zum Verbraucher beim Absatz landwirtschaftlicher Grzeugni'ft müsse in Der Hauptsache innerhalb der einzelnen "Be­zirke, Provinzen und Landestclle gelöst werden Dazu aber sollten sich bie Derbrauchervcreinigan- gen aller Art mit Den Erzeugcrorganlsattonen in Verbindung sehen, um eine möglichst rasche Ge­schäftsabwicklung. insbesondere beim Verkehr mit leicht verderblichen Waren, zu ermöglichen. Fer­ner mühte innerhalb gröberer Bezirke bei man­chen landwirtschaftlichen Erzeugnissen, so bei Kar­toffeln und Vieh, ein Ausgleich geschäften werden, wo in Den einzelnen Bezirken und Provinzen Die benötigten Waren nicht in genügender Menge vorhanden wären.

Um die unmittelbaren Geschäftsbeziehungen zwischen Erzeuger- und Verbrauchervereintgungen zu fordern, wollen Die Vertreter ber Spitzen« Organisationen Der lanDwirtschafllichen nnD Kon­sumgenossenschaften erneut in diesem Sinne auf ihre Untcrorgar.ifationen ein wirken, damit all­seitig Der so wichtigen Frage volle "Beachtung geschenkt und in Der Praxis auch dcmentsprechenD gehandelt werde.

Aus Hessen.

spd. Darmstadt, 20. Oft Wie da- Offenbacher Abendblatt" mitteilt, bestätigt sich die Nachricht, daß Dr. St r e ck e r die Lei­tung der pazisisftschen Internationale in Gens übernimmt, nicht.

Bund für Gegenwartchriftentum.

Die Freunde ber Christlichen Welt, bie sich m vorigen Jahre mit Dem Dunb für Gegenwari- hristentum vereinigt haben, hielten wie alljährlich ihre Tagung in den ersten Oktoberlagen tn Eise­nach ab. Der starke Besuch 360 Personen waren «nwesend bewies bas lebhafte Intercsie. das etzt religiösen Fragen entgegengebracht wird, und m8 ist wohl niemand unter ben Teilnehmern, Der licht starke Einbrücke mit fortgenommen hätte.

Zunächst war es eine seelische Erquickung, ein- nal eine Luft zu atmen, Pie vollkommen frei war oon politischen Parteibazillen, trohbem intensive geistige Arbeit geleistet wurde und starke Gegen­sätzlichkeit zum Ausdruck kam. Es ist ber alte unb doch ewig-neue Gegensatz zwischen Alten unb Jungen", von bem bie Tagung beherrscht wurde. Wer auf den breiten Widerhall geachtet hat, den ber auf Der vorjährigen Tagung gehaltene Vor­trag des Pfarrers Gogarten über ..die reli­giöse Krisis" ober bie .Erklärung bes Römer- briefs" von bem Schweizer Karl Barth*» ge­funden hat, ber sieht, wie ein neues Geschlecht unter uns aufgeftanben ist. das, im stürmischen Dorwärtsdrängen Die Errungenschaften der älte­ren Generation forttoerfenb, nun auf ganz anbe- eem Wege, im ganz anberen Sinne das .Zen­trale". das _ Absolute" zu erlangen suchtz

Der Vortrag von Professor Gunkel (Halle >, ber in feiner bekannten meisterhaft anschaulichen Art .Die Frömmigkeit Der Psalmen verlebendigte, trug noch ganz bas Gepräge ber .historischen Schule : es loar bedauerlich, bah die Mskussion auf bas eigentliche Thema nicht weiter einging, sondern gleich auf das praktisch Gebiet geriet und sich hauptsächlich um bic Frage brehte,

) Prof. Barth ist auf ben Lehrstuhl für reformierte Theologie nach Göttingen berufen worden unb wird bereits im nächsten Semester hier feine Tätigkeit aufnehmen.

ob unb wie weit das Alte Testament unserem re­ligiösen Bebürsnisse entspräche.

Dagegen führten bic beiden anderen Vorträge unmittelbar in bie Kämpfe Der Gegenwart ein. .Marcionitisches Christentum" hatte Professor Foerster (Franift-rt» feinen "Bortrag benannt, mit dem bie Tagung eingeleitet wurde, unb ben ich leiber nur zum Teil habe Horen kön­nen. Das religiöse ßebenatoerf Marcions, bei Im »weiten Jahrhundert n. Ehr. lebenden Gründers Der Marcioniten-Kirche, ist uns durch H a r n a ck s vor kurzem erschienenes Buch über Marcion jetzt besonders lebendig geworden. Marcion sah in Dem Gott des A. T. Den Weltschöpfer, einen ohnmächtigen Gott, dessen Werk, bic aus gemei­nem Stoff gebildete Well, vergänglich und unvoll­kommen fei. und wandte seine ganze Inbrunst Dem Heiland des Evangeliums zu, dem Erlöser- g o t t, ber, aus einer ganz anderen Well stam­mend. als fremder Gott gekommen ist. um seine Gläubigen zu einem ganz anderen Dasein, das auch in seinen sittlichen Idealen diesem irdischen ganz entgegengesetzt ist, zu erlösen. Foerster zog dann die Parallele mit der vor kurzem erwachten asketischcur Strömung innerhalb unseres protestan­tischen Christentums, bie. in schroffster Weise Kultur unb Staat, jeden Sinn in Ratur und Ge­schichte verneinend, in gläubiger Sehnsucht das Gute und Sittliche. Die Erlösung auherhald dieses irdischen Geschehens zu hüben vermeint. Mit tiefem Ernste und ber ihm eigenen logischen K'ar- heit setzte sich Foerster mit jenen An'chauungen auseinander, in überzeugender Weife nachwrisend. wie es eine Unmöglichkeit sei, sich aus der uns umgebenden Kultur herauszulösen. an der mit Treue und Hingabe zu arbt.n, eine uns von Gott gestellte Aufgabe sei. Zum Schlüsse bekannte er sich zu dem Gottvater, in dessen Wesischöpfuno er trotz aller ihr innewohnenden Rätsel und Un­vollkommenheiten ein Abbild seiner Güte und Liebe erblickt.

In verwandte Gedankengänge führte der I letzte Vortrag, in bem Pfarrer Li« be (Frei­

berg) über benGott bes neuen Ge­schlechts" sprach, unb ber wohl von ben meisten Teilnehmern alS der Hohepunll der Tagung emp­funden nnirbe. Liebe unterscheidet in ben religiö­sen Bewegungen ber Gegenwart 3 Strömungen: einen modernen Pantheismus, einen modernen Supranaturalismus, einen modernen Polytheis­mus. Als die ihrer Bedeutung nach wichtigste Erscheinung bezeichnet er ben Pantheismus, der in Rilke. Morgenstern. Ricarda Huch, Keyserling Ausdruck gefunden hat, in ber Jugendbewegung lebendig sei unb bei Männern wie Mennecke. Tillich, Barth zu einem sozialistischen Pantheis­mus geführt habe. Es fällt auf dieser Seite das wunderbar arnniitenbe Wort:Die Masse ist hei­lig"'. Wenn auch das lange Zeit streng theistisch bestimmte Christentum einer pantheistischen Er­gänzung bedürfe, damit bie ichyafte Eitelleit in ber Rriigion abgestreift würbe, so liege in der Preisgabe des Ich bie grohe Gefahr bes Hin- übergfeitenä in ben Raturalismus.

Bei der Schilderung ber supranaturalistischen Strömung weilte Liebe besonders eingehend bei bem religiösen Supranaturalismus Barths unb Gogarten s. Mit einer inbrünstigen Sehnsucht nach Dem Wesen haften, Adioluten paart sich bei ihnen ein vollen beirr Skeptizismus gegen­über von Ratur unb Geschichte, von Kultur unb Staat. Das alles ist ungötllich Wo aber ist Gott? Die Antwort, bie Barth gibt: In ber "Bibel unb in bem. was in ber biblischen Linie liegt ist nur eine Scheinlösung, denn wir können die Bibel nicht als Gatr-es hinnehmen. und wir kön­nen auch unsere Seele nicht haben ohne ein ge­wisses Mah von Kultur.

Die wunderbarste Erscheinung in ber Gegen- toartSreligion ist nun das Wiebererwachen ver­schiedener Polytheismen. Da ist ber von Indien her befruchtete okkultistische Polytheis­mus, ferner ein nationalisttfcher Polytheismus, der allen Ernstes die Verehrung der Afen wie­der beleben mochte, und vor allem bie An­throposophie. Die Ursache dieser Geistes-i

ftrömungm liegt in bem Gefühl ber Gvttesferne, unb so entsteht die Sehnsucht nach bem Verkehr mit Geistern, bie den Menschen näher sind. Hierin liegt eine Verschiebung des Schwerpunk­tes in der Religion. Es kommt auf das Leben mit Gott an, nicht auf das Denken und Schauen. Es gibt kein besonderes Organ des WahmehmenS von Gott, alles Hellsehen unb Geisterschauen ist nie unb nimmer Religion. Wir müssen bas ganze Leben auf uns einströmen lassen: Welt, Ratur, Geschichte, persönsiches Schicksal, Schuld dann entsteht ein Zwiefaches in uns: Das Gefühl ber Zerschmetterung vor ber Furchtbar­keit der Raturgeseylichkeit, in die wir eingekettet sind, unb zugleich bas königliche Bewuhisein des eignen Ich. das sich trotz allem frei fühlt unb in blefer Freiheit Gottes Offenbarung in ben Tiefen bes Selbst erlebt.

In ber mehrstündigen Aussprache, bie beiben Vorträgen folgte, würbe noch manch gutes, er­gänzendes und auch packendes Wort gesagt, doch laum etwas, was bem Vorgetragenen ganz gleich­wertig gewesen wäre. Gogarten gelang es nicht, gegenüber ben Ausführungen ferne eigene Po­sition klar unb bedeutsam herauszustellen.

Die Tagung war von mehreren feinsinnigen unb festlichen Veranstaltungen eingerahmt: Zwei Morgenstunden in ber Wartburglapelle, eine Vorlesung aus ben religiösen Stimmen der Zett und eine Abendandacht in ber Kreuzkirche gaben bie religiöse Weihe: ein Aachmittagsgang sührte auf bie Wartburg, eine Bühnenauftührung zweier VvllSspiele füllte ben letzten Abend, unb ein Tagesausflug nach Wilhelmstal bei herr­lichstem Wetttr gab einen wundervollen Ab- schluh Im Cchwiigen und im freundschaftlichen Gesprächsaustausch (langen die empfangenen Ein­drücke iwch nach, während Augen unZ) Sinn die goldene Herbstschöne der thüringischen Landschaft in sich tranken. MarieDousset.