Einzelbild herunterladen

Montag, 17. GNober 1921

Gietzener Anzeiger (Gencral-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. 243 Zweiter Blatt

Ein Entwurf für eine Kreditvereinigung der Gewerbe.

Berlin, 15. Ott. 3n einem Unterau!* schuß des DeichswirtschaftsrateS ist auf Grund eines Entwurfes von Dr. Hachenburg ein Gefetzen twu rf über die Errichtung einer Kreditvereinigung der deutschen Ge­werbe ausgearbeitet worden, der die rechtliche Grundlage für die geplante Ärcbitaftion der Industrie, des Handels und der Landwirtschaft bilden «oll Die wesentlich­sten Bestimmungen des Entwurfes sind folgende

»Ausgabe der Kredikvereinigung ist, dem Deutfchen Reiche Aur Erfüllung der ihm obliegen­den Zahlungsvelbinblichkeiten die erforderlichen Mittel in Irember Dährung zur Verfügung zu stellen. Die Beschaffung dieser Mittel durch die Vereinigung geschieht im Wege der Anleihe. Die Grundlage des von der Bereinigung zu suchenden Kredits sollen das Betriebsvermögen der Gewerbe, die Grundstücke der Land- unb Forst wirtschaft und die zur 3er« mietung dienenden Gebäude der Mit­glieder der Bereinigung bilden. Die Kreditver­einigung der txuif-ficn Gewerbe besteht auS allen Personen einschließlich der juristischen, die inner­halb des Deutsck>en Reiches ein Gewerbe ausüben. Land- oder Forstwirtschaft betreiben, zur Ver­mietung dienende Gebäude besitzen und deren in Deutschland steuerbares Vermögen ein noch näher zu bestimmendes VIhumum beträgt. Die Mit­glieder der Vereinigung werden in Gruppen .ufammengcfafjt. Für die Gewerbe soll die ®Iic- i>erung räumlich und nach Berufszweigen^ für Mc Land- und Forstwirtschaft sowie den Gebäude- Besitz räumlich erfolgen. Soweit die Gewerbe und die Land- und Forstwirtschaft in Berufsgc- nossenschaften der Unfallversicherung ein- gereiht sind, bilden diese zugleich die Gruppen der Vereinigung. Soweit dies nicht der Fall ist. find sie entsprechenderweise in Gruppen zu glie­dern In gleicher Weile hat die Einteilung der G^äudcbe'ihei zu erfolgen. Das Rähere wird in den Ausführungsbestimmungen geregelt.

Der Kapitalertrag der Anleihe ist auf Rechnung des Reiches an die von ihm be­zeichnete Stelle der alliierten Mächte auszuzahlen. Damit erwirbt die Vereinigung einen Ersatz- anspruchan das Reich für Kapital, Zinsen und Kosten. Er wird fällig mit der jeweiligen Zah­lung von Amortisations- und Zins­raten. Eine Erstattung geschieht ausschließlich Lurch T«;t chnunz von in Mark auSceftelLe.i Gut­scheinen mit den steuerlichen Ansprüchen des Rei­ches gegen die Mitglieder der Vereinigung. Der Bereinigung liegt die Zahlung von Zinsen und Kapital «Amortisationen) an den Darlehensgeber "b Sie ist zu berechtigt und verpflichtet, sich die Mittel hierzu selbst zu beschaffen. Die Vereini­gung kann mit Zustimmung des Rates ihre Mit­glieder verpflichten, die ihnen zur Verfügung stehenden und nicht für den eigenen Betrieb not- tvenbigen Zahlungsmittel in fremder Währung der Vereinigung zu überlassen. Jedes Mitglied der Vereinigung erhält für seine Zahlung eine vom Vorstand der Gruppe unterzeichnete, zur VerredMiung mit den Eteueransprüchen des Rei­ches fähige Quittung. Der Vorstand hat den Ftrnmzämlern auf ihre Anfrage jedwede Aus- funft bezüglich einer solchen Quittung au erteilen, insbesonde-re auch die Erklärung über Die Gültig­keit derselben auszusprechen. Das Mitglied kann die Quittung zur Derrechnung mit jeder bei ihm angeforderten Reichsabgabe verwenden. Zur Ver­rechnung auf die Einkommensteuer oder Körper­schaftssteuer ist es nur dann befugt, wenn nach Tilgung aller sonstigen Reichssteuern ein lieber- schütz bleibt.

Jedes Mitglied der Vereinigung hastet für die Verpflichtung derselben aus Aus­nahme der Anleihe mit Zinsen und Kosten zu stinem Anteil. Die Beteiligung hieran wird auf Lie einzelnen Gruppen durch den geschäftsführen­den Ausschutz umgelegt Maßgebend ist die Höhe der für die Mitglieder in jeder Gruppe zusammen vereinigten Steuerkapitalien. Eine Abrechnung hiervon kann durch den geschäftsführenden Aus­schutz mit drei Vierteln der abgegebenen Stimmen erfolgen Der Rcichsregierulfg steht das Recht der Aussicht über die Kreditvereini­gung zu. Sie kann diese einer bestehenden Reichs-

ftefle übertragen. Die Mitglieder der AufsichtS- stellen sind aus ihr Verlangen jeberjeit au den Sitzungen des geschäftsführenden Ausschusses zu­zuziehen Der geschäftsführende Ausschuß ist ihnen zur Auskunft verpflichtet."

Die Ausarbeitung dieses Entwurfes im ReichswirtschaftSrat ist, so wird dazu der . F. Z." geschieben unabhängig von den Beratungen innerhalb oes ReichsvcrbandeS der deutschen In­dustrie erfolgt. Diele Beratungen selbst sind noch nicht abgeschlossen. Eine Korrespondenz behaup­tet, daß die Industrie eine Anleihe von 5 0 0 Millionen Dollars gegen entfp rechen de Ver­zinsung und eine zehnjährige Amortisatio nauf- nehmen wolle, wobei sie voraussehe, daß die Landwirtschaft in einer ihren Verhältnissen ent­sprechenden Weise dabei mitwirkt. Bei den De» raungen innerhalb des Reichsausschusses der deutschen Landwirtschaft ist. wie die Korrespondenz weiter meldet, der Gedanke erörtert worden, daß die Landwirtschaft eine Ausfallbürgschaft bei der Kveditaktion der Industrie übernehme.

Die Gründe, die Arbeitgebern wie Arbeitnchmcrn fristlos zu kündigen gestatten, werden besonders auf geführt; es sind im allgemeinen die bisher f<ro gültigen.

Ein besonderer Abschnitt gilt den Haus­haltsarbeitern. Als solche gelten alle tm Haushalt Tätigen, die nicht im Hause wohnen, oder doch nicht in die Hausgemeinschast ausgenommen sind, also manche Aushilsen. ständige Aufwärte­rinnen, sog. Halbtagsarbeiterinnen. Kutscher. Ehauffeure. Hausmeister mit freier Wohnung, aber eigener Wirtschaft u. a. Für alle diese und für Kinder bis zu 14 Jahren, ist eine bestimmte Ar­beitszeit oorgcfd>i leben Auffichts- und Straf­bestimmungen und Ylebergangö- und Schlußvor­schriften vervollständigen das Gesetz. Die ersteren sehen vor allem EchUchtungsausfchüsfc vor. die auf Antrag bei Streitigkeiten zwischen Arbeitgcxrn und Arbeitnehmern vermitteln sollen. In ge'vi fen Fällen können Liefe H a u s d i e n st a u s s an u 's das ist ihre gesetzltche Bezeichnung, auch von Amts wegen einschreiten.

blikum den mehr als zweistündigen 2Lu »f übrungen des Redners, Lessen Persönlichkeit einen starken Eindruck hinterließ.

nt. Harheim. 14. Ott. Da die Saal­besitzer dieses Jahr an den Kirchweibtugen zum ersten Via le zur Vergnügungssteuer her- angezo^e' wurden, h sstuos ; sie ei .stimmig, dic Gemeii'detatssitzung nicht mehr unentgeltlich in meinderatssitzung w.rb i.ber diesen Punkt be­raten werden, da die Sitzungen laut Gesetz Öf­fentlich sein müssen.

Mrcio Wetzlar.

d. Ebersgöns, 14. Oft. Anstelle der im Kriege abgciicfcrtcn einen Glocke soll ge­mäß Beschluß der Gemeindevertretung nun­mehr auch wieder eine neue Glocke be­schafft werden. Mit der Lieferung ist Hie Firma Rinier in Sinn beauftragt. Der Preis wird sich auf etwa 20 000 Mark stellen.

d. Münchholzhausen. 14. Olt. Vach-

(Ein Hausgehilfengesetz.

ImRcichsarbeitsblatt" wurde das vom Reichsrat gutgehcitzene Hausgehilsengefeh ver­öffentlicht. In drei V.lonaten tritt es in Kraft. Es regelt die Hausgehilfenfrage im wesentlichen e i n- heitlich für das ganze Reich, läßt aber den Landesbehörden Raum zur Anpassung einzelner Vorschriften an die örtlichen Rotwendigkeiten. Ein­unddreißig Paragraphen in sechs Abschnitten ge­gliedert. versuchen die Rechte und Pflichten zu bestimmen die Arb.i gebern und Arbeitnehmern in Zukunft aus dem häuslichen Arbeitsvertrag er­wachsen.

Der erste Abschnitt stellt fest, wer als Haus- gehilse im Sinne des Gesetzes zu gelten hat. Hier­nach scheidet aus, wer neben der Hausarbeit Landarbeit verrichtet (das wird der größere Teil der Hausgehilfen auf dem Lande sein) und wer zugleich wesentlich im gewerblichen Betrieb des Arbeitgebers tätig ist, wie etwa viele Haus­angestellten in Bäckereien, Metzgereien, Gastwirt­schaften usw. Wer als Arbeitgeber vor dem Gesetz zu gelten hat, wird nicht bestimmt. Kinder unter 14 Jahren dürfen in Zukunft nicht mehr als Hausgehilfen beschäftigt werden.

Der zweite Abschnitt bringt die Vorschriften über allgemeine Pflichten und Rechte beider Kon­trahenten, über Barlohn, Wohnung und Kost, Ar- beitsbeieitschaft, Lieberarbeit, Urlaub und Krank­heit des Hausgehilfen, Schadenersatzansprüche des Arbeitgebers, Kündigung und Arbeitsbeschei­nigung. Die ersten Paragraphen dieses Abschnittes sind ziemlich allgemein gehalten; was sie um­schließen, dürfte schon jetzt Voraussetzung sowohl für den Antritt einer Stellung wie für die häus­liche Zusammenarbeit überhaupt fein. Dik Ar­beit s b e r e i t s ch a f t ist auf 13 Stunden täglich festgesetztDer Hausgehilfe hat ferner Anspruch darauf, daß an einem Werktag jeder Woche, sowie an zwei Sonntagen binnen vier Wochen und an den am Deschästigungsort staatlich anerkannten allgemeinen Feiertagen die regelmäßig um 6 Uhr morgens ober später begonnene Arbeitszeit um 3 Uhr nachmittags, die früher beginnende früher endet." In der siebentägigen Woche besteht also ein Anspruch auf verkürzte Arbeitszeit an zwei Tagen. Die Pausen zur Einnahme der Mahlzeiten sollen bei über 18 Jahre alten Hausgehilfen min­destens zwei, bei jüngeren mindestens drei Stunden während der täglichen Arbeitsbereitschast be­tragen Genaue Vorschriften werden auch gegeben für Ueberarbeit, Ausgang und Freizeit zur Aus­übung staatsbürgerlicher und religiöser Pflichten und zum Besuch von Fach- und Fortbildungs­schulen. Generell steht dem Hausgehilfen nach neunmonatiger Dienstzeit ein Urlaub von einer Woche zu, der Im Haushalt verbracht werden kann. In dieser Zett erhält der Hausgehilfe den Darlvhn und für etwa ausfallende Bekösti­gung etweder eine vorher vereinbarte Summe oder das ortsübliche Verköstigungsgeld. Die Kündi­gung muh für beide Teile gleich lang fein: wer­den ungleiche Fristen vereinbart, so gilt für beide Teile die längere. Die nicht auf Vereinbarung be­ruhende fristlose Kündigung ist nicht mehr zulässig, wenn der mögliche Anlaß dazu dem Kündigungs­berechtigten länger a^s seit drei Tagen bekannt ist.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 1?. Ott. 1921.

Volkshochschule.

Das neue Semester, das am 24 Oktober beginnt, umfaßt folgende Ard^i.sgcm i .schiften und Vor tragsreihen:

1. Religion. Philosophie Die 'Berg­predigt (Mittwoch 8 10 Uhr). Lehrer: Lic. Dell. Grundfragen des Menschen im Lichte der la- tholifchen l^ltanschauung (Mbntag 78 Uhr». Lehrer wird noch genannt. Leben, Seele und Bewußtsein (Donnerstag 810 Uhr). Prof. Dr. v. Aster. Fichtes Leben und Lehre (Dienstag 78 Uhr). Prof. Dr. Messer. Goethes An­schauungen über Erziehung und Bildung (Mitt­woch 810 Uhr). Dr. Stern.

2. Staats- undRechtskunde. Volks­wirtschaft. Die Lebcnsanschauungsfragen im Recht (Dienstag 810 Uhr). Prof. Dr. Jlliltcr- maier. Der Fricdensi>crtrag von Versailles «Donnerstag 78 Uhr). Pros. Dr. Gmelin, Pros. Dr. Mittermaier, Dr. Zeidler.

3. Geschichte. Deutschlands Reue Zeitll: 1648-1815 (Freitag 810 Uhr,. Pros. Hüter.

4. Literatur, Kunst, Musik. Dcuttche Literaturgeschichte von den ältesten Zeiten bis 5.1m Ausgang des Mittelalters (Mittwoch 810 Uhr) Prof. Hüter. Sophokles Antigone (Montag 8 10 Uhr). Pros. Hüter. Einführung in die Plastik <Dienstag 810 Uhr). Dr. H. Werner.

Einführung in die Musik (Freitag 810 Uhr). Musillehrer Gernhardt.

5. Medizin. Körperbildung. Ge­sunde und kranke Rerven (Mittwoch 810 Uhr» Dr. Gorst er. Körperb Idung, ihr Wesen und ihr Ziel (Freitag 78 Uhr). Dr. W. Werner.

6. Raturwissenschaften. Sternkunde (Montag 810 Uhr). Prof. Koob. Aus­gewählte Fragen aus der Physik, besonders aus dem Gebiete der Elettrizität (Montag 810 Uhr). Studienrat Dr. Heußel. Chemie (Donnerstag 8-10 Uhr). Dr. Flörke.

Räheres über die Einschreibungen. Gebühren usw. sagt eine Anzeige in der heutigen Rümmer.

*

* Amtliche Personalnachrichten. Ernannt wurden am 4. Oktyber der Iustizbureau- Inspektor Johannes Kn a p p zu Ortenberg zum geschäftsleitenden Iustizbureauinspektor bei dem Amtsgericht Ortenberg. Am 7. Oktober wurde der Förster der Forstwartei Rainrvd Heinr. Meyer zu Ratnrod in gleicher Diensteigenschaft in die Forstwartei Weickartshain. Ober- förfterei Laubach, verseht. Entlassen wurde am 6. Oktober ijpr Studienrat an der Qberrealschule in Gießen Friedrich Lamhy aus dem Schul­dienst. Durch Entschließung des Landesamts für das Dildungswesen wurden die Lehramts- referenbare Robert Schäfer aus Worms, Oskar Schneider aus Butzbach, Georg Schnellbächer aus Reinheim zu Lehramtsassessoren ernannt.

Kreis Friedberg.

4 Bad-Rauheim, 16. Oft. Lettow- Vordeck sprach auch hier gestern im überfüllten Saale der Turnhalle über feine Erlebnisse in Ost- Afrika. Mit äußerster Spannung folgte das Pu­

dern der Fürst zu Solms-BraunfolS Don dem ihm zu stehenden Rechte der Besetzung der hiesigen erledigten Pfarrftelle keinen Gebrauch gemacht hat. hat das Evangelische Konsistorium der Rheinprovinz zu Koblenz dem Pfarrer Przygode zu Dutenhofen auch zum Pfarrer der hiesigen evanq. .Kirchen­gemeinde ernannt. Die Amtseinführung er­folgte durch den Superintendenten Gruhn.

Hesietl-Nasian.

gn. Fritzlar. 15. Olt. In dem benach­barten Dorfe Harleshausen wurden seit einigen Tagen die Witwe Frau Bergwerks­direktor Schulz und ihre Mutter vermißt. Auf Beranlasfung der Hausmitbewohner öffnete die Polizei gewaltsam die Wohnung der Da­men und man fand beide Damen erhängt vor. Rach der Untersuchung find die Unglück­lichen bereits vor einigen Tagen freiwillig in den Tod gegangen. Als Grund nimmt man Rahrungsforgen an. Die Verstorbenen lebten vor dem Kriege in geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen, durch die allgemeine ungün­stige Wirtschaftslage gerieten sie in eine bittere Rötlage.

Kirche und Schr^E.

= Gießen. 15. Oft Die Män­ner- und Frauonvereiniaung dor M a 11 h ä u s g e rn e i n d e veranstaltete in dor vergangenen Woch? einen Vortragsabend. nachOem erst acht Tage zuvor in der öffentlichen Helferversammlung Pfarrer Mahr über .gottes­dienstliche Fragen der Gegen v i. t" gesprochen hatte. Prof. Schian behandelte das T.l)?ma: 3 m Kampf um d i e neue Kirchen vcr- s a s s u n g. Er sprach zunächst über die Frage, warum man in Hessen eine besondere landes- kirchliche Verfassung haben müsse und nicht etwa die preußische Kirchenversallung übernommen könne, sodann über die Umstände, unter Denen die neue hessische Kirchenversasfung zustande ge­kommen, die schwierigr Arbeit des Bersaffungs- ausschusses, dic Rotwendigleit einer Verständi­gung unter den verschiedenen Strömungen inner­halb des Ausschusses, damit ein Entwurf als Grundlage für die Beratung des Landeslirchen- tags hcrausgebracht wurde, um bann die Reue­rungen für die Kirchengemeinbe selbst (Bildung von Arbeitsausschüssen, Kirchengemeindever- fammlung), die Frage: ob der Dekanatstag blei­ben solle, das Verhältnis von Theologen und Richtthcologen im Landeskirchentag, die Urtoabl. dic bischöfliche Leitung der Kirche in ungemein fesselnder, schlichter und allgemein verständlicher Weise zu erörtern. Eine lebhafte Diskussion schloß sich an den Vortrag an. Es wurde die Umwandlung der Kirchcngemeindevertrctungen und der Kirchcnvorstände aus Bcratungsaus- schüssen in Arbeitsgemeinschaften gefordert, der Wert der geplanten Kirchengemcindeversamni- lungen aufs stärkste angezwcifelt, eine andere Zusammensetzung der Gesamtkirchenvorstände in den Städten als erforderlich erachtet. Mit Be­friedigung wurde davon Kenntnis genommen, * daß auch die Arbeiterschaft im Derfasfungsaus-

Der Schuh im Blut.

Roman von Hör st Döberner.

14. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Maria wurde etwa zehn vornehmen Damen vorgestcllt, sie gefiel sehr gut Ihr Mann bekam viele Schmeicheleien über sie zu hören, und den Oefonomicrat beglückwünschte man zu seiner reizenden Schwiegertochter.

Sehr stolz fuhren WärhahnS heim, um Ma­rias Lippen lag ein übermütiges Lächeln. Der Baron Züschen hatte ihr, wenn auch unauf­fällig, in dieser vornehmen Gesellschaft nach Strich und Faden den Hof gemacht...

Die Komposition des Liedes hatte der Vater noch nicht geschickt und sollte sie nie schicken. Wenige Tage nach dem Züschener Feste kam ein Telegramm seiner Haushälterin, daß er plötzlich am Herzschlag verschieden sei.

Und all die Ehren, die man dem lebenden Komponisten versagt hatte, wurden dem Toten zutett. Das ganze Rheinland trauerte um den Mann, der ihm eine große Anzahl guter Volks­lieder geschockt hatte, die noch lange leben wür­den von denen vielleicht eines unsterblich war! Zu Schiff und mit der Dahn kamen die Traucrnben zum letzten Geleit. Der Sarg wurde unsichtbar unter der Fülle der Kränze und Palm- wedel, die das Volk am Rheine einem Toten darbrachte als letzten Dank für die Fülle feiner Melodien, die er mit verschwenderischer Hand, aber um kargen Lohn, über seine sangesfrohen Landsleute geschüttet.

Künstlers Erdenwallen!...

Es verstand sich von ganz allein, daß Wär- Hahns nun ein zurückgezogenes Leben führten. Außerdem kam die Zeit immer näher, an der Maria ihrer schweren Stunde entgegensah ..

Am 2. Februar nachmittags, draußen stürmte und schneite es, trat Henner in daS Arbeits­zimmer seines Vaters.

.Sin Mädchen!"

Ein Ruck ging durch den Oefonomicrat Er hatte auf einen Jungen gerechnet Aber gleich hatte er sich wieder in der Gewalt. Er streckte seinem Sohne die Hand entgegen.

®en Tag werde ich erleben, an dem du mir die Geburt eines Sohnes meldest! Ich fühle das ganz bestimmt! Also meinen Glückwunsch!"

6.

Am Bettchen der Heinen Margarete saß der Oekonvmierat oft stundenlang. Wie die vergnügt lachen konnte und mit den dicken Beinchen stram­peln! Seine felsenfeste Ueberzeugung war es, die hatte »den Schuh im Blute"! Alnb als sie erst laufen konnte, verbrachte er jede freie Minute bei dem Kinde wenn seine Schwiegertochter nicht am Flügel saß. Dann freilich setzte er sich in den Klubsessel in der Ecke, in erreichbarer Rähe das Weinglas, und hörte aufmerksam zu. Er war sehr zufrieden mit dem Laufe der Welt und der Henner auch. Fehlte nur noch der Zunge! Der würde schon noch kommen. Wenn man chie Dinge nahm, wie sie nun einmal waren, war das Leben gar nicht so schwierig, ilnb wenn man erst aus dem Gröbsten heraus war, kam das übrige überspannte man den Vogen nicht von ganz allein auf den Menschen zugegangen. Falls er nicht ein ausgesprochener Pechvogel war! Und das konnte er weder von sich noch von Henner behaupten. Der war sehr zufrieden mit feiner jungen Frau. Sie hatte keine Launen, war eine gute Mutter und hatte neuerdings sogar verstanden, mit der Guste leidlich auszukommcn! Hob der Baron Züschen war regelrecht vernarrt in sie. Kam, trotz der Trauer, fast jede Woche einmal angeritten oder angefahren, aus der gnä­digen Frau war »die liebe Frau Maria" ge­worden, und angedeutet hatte er auch sehr zart­fühlend, daß er sich dafür ins Zeug legen werde, daß »die Herrschaften" mit offenen Armen von her Gesellschaft aufgenommen würden, wenn sie sich erst bewogen fügten, »sich der Welt zurück­zugeben". Das sollte nach Weihnachten ge­schehen. Der Henner wollte seine junge, schöne Frau ausführen, der man es wahrlich nicht verdeicken konnte, wenn sie sich noch ein wenig »Trubel" sehnte. Für jede Freude, die man ihr machte, war sie ja so rührend dankbar.

Adalbert Züschen machten diese Besuche einen Heidenspaß Er sah es, wie die junge Frau sich über fein Kommen freute. Bei schönem Wetter sah sie auf dem Luginsland in einem mit Kissen gepolsterten Pebdigrohrseffel, ihr Töchterchen im

Wagen neben sich, eine Stickerei oder ein Buch in der Hand. Immer in einem geschmackvollen weißen Kleide. Sie war etwas voller geworden, das stand ihr gut. Und lebenshungriger auch. Das sah Adalbert Züschen, er wählte deshalb mit Vorliebe für sein Kommen eine Zeit, in der die Wärhahns meistens auf den Feldern waren. Und die bedankten sich noch obendrein, daß er Maria »die Zeit vertrieb". Oft blieb er zum Abendbrot, und bann wurde musiziert. Wenn er in guter Stimmung war und das war er fast immer lachte man sich über den klugen, weltgewandten Mann die Tränen aus den Augen. Dabei übertrieb er nie zu arg. Für die Wärhahns war er Respektsperson. Und den Respekt vor ihm sollten sie um Himmelswillen nicht verlieren 1 Die Lachmusteln reizte er am meisten, wenn er

1 die Mamsell nachmachte, die immer sehr bald im ©arten auftauchte, wenn er beiber Heben Frau Marie" 7ah. Wie sie sich einen Topf ober Korb in der Hand an den Beeren ober beim Fallobst zu schaffen machte.

»Henner, passen Sie scharf auf uns aus, bie traut dem Landfrieden nicht I"

Er machte dazu ein so ulkigeS Gesicht, daß die Wärhahns laut lachen muhten. Der Oeto- nomierat lobte dann seine Guste.

»Sie müsien ihr das nicht übel nahmen, lieber Baron, sie hat es ihr Lebtag mit mir und meinem Sohne gut gemeint. Und hat von gefellschattlichern Umgänge keinen Schimmer!"

Uebelnehmen, Gott bewahre! »Die liebe Frau Maria" und ich freuen uns geradezu ktnd- lich darüber! ilnb hab ich s nicht schon wer weiß wie oft getagt: jeber Mensch hat mindestens einen Vogel!"

Es kam kein Mißtrauen hoch. Auch Mana fühlte keine Herzbeklemmung bei Züschens Kom­men und Gehen. Aber wie lange »die Harmlosig­keit" "bauern würde, war sie doch neugierig . . Da blieb plötzlich "der Baron zwei Monate weg. Er schrieb aus Baden-Baden. Zu den Rennen fri er hjngcfahren und habe dort eine Unmenge alt Bekannt? getroffen, er wolle einmal vom ' ^.ichtstun gründlich ausspannen und werde viel­leicht noch em paar Wochen nach Paris reisen.

Von Baden-Baden sei es »um 6ew5abel ja nur

einKatzensprung". Um elf abend; lege man sich im Orient-Expreß schlafen und wache hüb in Paris auf.

Da fing Maria doch an, die Langeweile zu spüren. Schwiegervater und Mann hatten jnU der Ernte und Herbstbestellung viel zu tun. Der Cetcnomierat behauptete. Auf sich: i . beim Groß­grundbesitz der ganze Verbi mit! Die jung' Frau ärgerte sich oft über das spöttische Ge i ch! der Mamsell, das die jetzt häufig aussetztc. Sie fühlte sich zum zweiten Male Mutter. Und hatte recht darunter zu leiden. Oft tanzten ihr bie Rerven auf der Stirn. Ihr Mann war erstaunt, ihr Schwiegervater lachte sie aus.

Das gibt sich alles wieder! Wir werden den Daumen halten, damit ein Junge ankommt! Und wenn du dich nicht wohl genug fühlst, pö­keln wir drei uns diesen Winter zu Ha'tte ein!

Maria hatte sich so aus den »Trubel' ge­freut. Groß wäre er ja doch nicht geworden, aber Abwechslung wäre in das eintönig* 1 Leben gekommen. Seit Adalbert Züschen auf Rei e t war, plagte sie doch die Langeweile arg. Der geistige Horizont der Wärhahns war recht eng. "Las nicht mit der Landwirtschaft zusammenhin«, hatte nur wenig Reiz für sie Der Henner nahm kaum einmal ein Buch zur Hand, und wenn ci es aus ihre Bitten tat, und sie sich auch mit ihm über das Werk unterhielt, waren seine Augen über Schönheit und Lebenserfahrungen, bie in diesem Roman ihren Riederfchtag gesunden, acht­los oder oberflächlich dahin geglitten. Dann machte sie es wie die Mamsell, kniff ihre Lippen zusammen, schloß auch noch die Augen und hielt sich fest an den Ratschlägen ihres Bruders Ernst. Alles sand man eben nie beieinander. Sie war geborgen und wurde von ihrem Manne auf Hän­den getragen, wenn auch von derben Dauern- händen. Ab und zu spielten ihr ihre Rerven jetzt aber doch einen Streich! Wenn sie bann aber Henners Augen anbettelten, bann tat es ihr leid. Eie streckte ihm schnell mit einem müden Lächeln die Hand entgegen: »Sei nicht böte, cs liegt an meinem Zustande und wirb vorüber­gehen!" Dann war er gleich wieder getröstet und besorgt um sie. Die Abende im Musttz immer aber wurden seltener.

(Fortsetzung folgt) /