Ausgabe 
15.9.1921
 
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Erstes Matt

M. Jahrgang

Donnerslag, 15. September 1921

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vniek und Verlag: vrLhl'sch« Univ.-Such- und Steinöruderei R. Lange. Schnftleitung, Geschäftsstelle und vruderei: Zchulstratze 7.

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Nr. 2(6

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PostscherNonto:

Srentfirt a. m. 11686.

Die Thüringer Wahlen.

Aach sehr hartem, stellenweise leidenschaft­lichem und heftigem Wahlkampf, in dem es an bedauerlichen Ausschreitungen von links und so­gar Misthandlungen gegnerischer "Redner nicht ge- fehll hat, ist die Wahl in Thüringen am letzten Sonntag vonstatteu gegangen. Der Besitzstand der Deutschnationalen bleibt unverändert 4. die Deutsche BvllSparlei gewinnt mit 9 Mandaten einen ölt), den die Demokraten verlieren, öie besitzen nun nur noch 3 Mandate.Das ist vermutlich die Quittung der bürgerlichen Ötimmgeber dafür, dast sich die Demokraten im aufgelösten Land­tag geduldig unter die Fuchtel "der Mehrheits- sozialisten gebeugt, diesen bei jeder Gelegenheit den Steigbügel gehalten und sich gegen die In­teressen des Bürgertums gewandt haben. Es hat sich hier dasselbe Schauspiel im Meinen wieder­holt, das sich schon einmal im Reich und in Preuhen abgespielt hat.

3m bisherigen Landtag standen aus der einen Seite 11 Mehrheitssozialisten. 11 Unab­hängige und 4 Kommunisten, also 26 Stimmen, gegen 11 Mitglieder des Landbundes, 8 Deutsche VolkSparteiler und 4 Deutschnationale, also 23 und 4 Demokraten, die sich, wie erwähnt, der antibürgerlichen Mehrheit angeschlossen hatten. 3m neuen Landtag haben die Mehrheits- soziallsten 12, die Unabhängigen 9 und die Kom­munisten 5 Sitze, zusammen also 26 Stimmen. Landbund mit 10, Deutsche Bolkspartei mit 9 und Deutschnationale mit 4 Stimmen verfügen über 23 Stimmen. Da anzunehmen ist, dast die Demokraten (3 Sitze) sich nunmehr auf ihre Eigenschaft als bürgerliche Partei besinnen werden, und da die beiden bisherigen "Ab­geordneten, die für die Politik der vier De­mokraten in erster Linie verantwortlich zu halten waren, nicht wieder aufgestellt worden sind, darf man einigermaßen darauf rechnen, dast sie eine andere Regierungsbildung als die bisherige her­beizuführen helfen werden. Allerdings haben die bürgerlichen Parteien den Verlust eines Sitzes zu verzeichnen. Die Ratl Korresp. hebt das Auftreten der Wirtschaftspariei hervor, die auch "bei den Thüringer Wahlen wieder ihre zersplitternde Kraft zum Schaden des Bürger- wms geltend gemach' hat. Mit der Sonder­liste des Zentrums zusammen bat sie rund 10 000 Stimmen aufgebracht, die völlig unter den Tisch <allen, da erst auf 12 000 Stimmen ein Mandat kommt Die wirtschaftliche Sonderbündelei hat allo dem Bürgertum in Thüringen ein Mandat gekostet, das bei der Bildung der neuen Re­gierung von ausschlaggebender Bedeutung ge­wesen wäre.

Die soeben erschienene amtliche Feststel­lung des Wahlergebnisses brinal eine kleine Aen- derung des obigen Bildes zu Gunsten der Mehr­heitssozialisten und der Kommunisten:

Erfurt, 14. Sept. (WTB.) Endgültiges Ergebnis der thüringischen Landtagswahlen. Amt- llch. SPD. 13 Sitze und 548 Rest stimmen, USP. 9 Sitze und 2811 Reststimmen. KPD. 6 Sitze und 441 Reststimmen, Deutschnationale 4 Sitze und 2889 Reststimmen, Landbund 10 Sitze und 7531 Rest­stimmen. Demokraten 3 Sitze und 1674 Reststim- Dcutsche Volkspartei 9 Sitze und 1196 Rest stim­men, Wirtschaftspariei 0 Sitze und 4126 Rest- stimmen. Demokraten 3 iStze und 1674 Reststim­men

Ium Morde an Crzberger.

München. 14. Sept. (Wolff.) Zum Morde «n Erzberger wird mitgeteilt: Durch das tat- kräftige Zugreifen der badischen, württembergi­schen und baherischen Kriminalbeamten gelang cs. eine Anzahl Personen zu verhaften, die nach dem bisherigen Ergebnis der Untersuchung in Beziehungen zu den Tätern standen Es handelt sich um sieben Personen, meist aktive oder Reserveoffiziere, die grösstenteils der Marine an­gehörten und teils seil Wochen, teils kürzere Zeit in München angeblich zu Studienzwecken stch aufhielten Es sind dies Manfred v. Kil- linger, Erhard Kautter Adolf Hoffmann, Her­bert Müller, Fritz Otto Henrich, Karl Schüler und Johann Leue Killinger wird beschuldigt, vor der Begehung des Mordes an Erzberger mit Schulz und Tillessen die Tat besprochen zu haben Ferner bewahrte Killinger, um den Mör- bem die Flucht zu erleichtern, deren Gepäck auf. Dte übrigen Beschuldigten werden verdächtigt, m den Plan der beiden Täter eingeweiht ge­wesen zu fern und trotzdem keine Anzeige er- Jattet Du haben so dast Tillessen und Schulz den Mord ungestört ausführen konnten. Weiter wur^n atoet Personen feffgenommen, aber kein ?S?Cn- Siefen wird ebenfalls die Mrtwtssenschaft zur Last gelegt. Bis jetzt ergibt st<v nicht der geringste Verdacht, dast an der

^bereitung der Tat. an ihrer Ausführung SJ- SUfe 3Uf der Mrder bodenständige Münchener oder Bayern beteiligt waren

München, 14. Sept. (WTB.) Dis Mitt- wr-chabend sind in der Mvrdaffäre Erzberger rm ganzen lOPersonenverhaftet wvr- Den und zwar 9 in München und eine auf der A «von Augsburg nach München. Gegen sämt­liche 10 ist Haftbefehl erlassen worden. Auster den bereits heute morgen namentlich aufgeführten Heben Personen befinden sich jetzt noch in SSaft DerStudent Ulrich Klintzsch, der Student Wilhelm Bollinger und der Student Karl ®i ®del Sämtliche Verhaftete werden demnächst nach Offenburg gebracht, um dort dem llnter- fu Z1in®Sri<^tcr dorgeführt zu werden, auch der auf der Fahrt von Augsburg nach München ver­

haftete Student Dollinger. Die Polizei hatte Kenntnis erhalten, dast Klintzsch Dollinger in München am "Bahnhof erwartet hatte, um ihn zu warnen. Sie nahm Klintzsch am Bahnhof fest, um jede Verbindung mit Dollinger zu verhindern. Dollinger besah unter der Firma eines Holzver­wertungsgeschäftes in der Trautenwolfstraste eine Wohnung von drei Zimmern.

Berlin. 14. Sept. DerLokalanzeiger" be­richtet über das Vorleben von Schulz und Tillessen, beide seien ein Jahr lang vom Mai 1920 bis 1921 von der Drohen landwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft in Regensburg zur Er­lernung eines neuen Berufes als bezahlte Volon­täre ausgenommen gewesen. Dr. Heim, General­direktor der Regensburger Genossenschaft, erklärt, dast in dem "Betrieb der Regensburger Zentral­genossenschaft doppelt soviel Schwerbeschädigte beschäftigt worden seien, als es das Gesetz ver­langt und zwar ohne Ansehen der Konfession und der Partei. Schulz und Tillessen haben dort voll­kommen zurückgezogen gelebt und werden als be­scheiden und Zurückhaltend geschildert. Heinrich Schulz ist der Sohn eines verstorbenen Arztes und hat in einer Maschinenfabrik in Saalfeld ge­lernt. Er ist 1914 als Kriegsfreiwilliger eingetre­ten, wurde zweimal verwundet und zum Reserve­offizier befördert. Gr war Kompagnieführer und BataillonSadjutant. Aach dem Kriege war er kaufmännisch tätig, bis er sich Ende April 1919 bei der Sturmkompagnie der zweiten Marine­brigade meldete. Bei dieser hat er an den Kämpfen in München und Oberschlesien teilgenvmmen. Hein­rich Tillessen ist der Sohn des verstorbenen Generalleutnants a. D. Karl Tillessen. Er wurde 1912 Seekadett, hat während des Krieges als Ober­leutnant auf verschiedenen Kriegsschiffen Dienst ge­tan. Er war in Scapa Flow interniert. Von Huli 1919 bis Oanuar 1920 war er in englischer Kriegs­gefangenschaft. Don März 1920 ab war er bei der zweiten Marinebrigade.

Die Mitteilung, dast von auhenbayerischer Polizei bei Dr. Heim Haussuchung ge­halten wurde, um ihn in die Angelegenheit hin- einzuziehen, ist, wie die badische Generalstaatsan­waltschaft mitteilt, völlig aus der Luft ge­griffen Die Haussuc^ing galt nicht Dr. Heim, sondern Schulz und Tillessen, die in Re­gensburg bei Dr. Heim studierten. Es wurde lediglich das Zimmer durchsucht, in dem die beiden gewohnt hatten. Dast von Killinger dem Schulz zur Flucht verhvlfen hat. ist dadurch erwiesen, dast er ihn im Auto zur Bahn gebracht hat. Die badische Polizei ist zur 3cit mit der Durchsuchung des beschlagnahmten Gepäcks der Verhafteten beschäftigt. Bei den Haussuchungen wurde auch ein Revolver gefun­den. Heute abend traf beim Generalstaatsanwalt ein Schreiben aus 3talicn ein, das in italienischer Sprache die kurze Mitteilung enthielt: Halten uns in Mailand auf! Der Brief hat feine Unter­schrift Es must erst untersucht werdens ob es sich um eine Mystifikation handelt

Berlin, 14. Sept. (Wolfs.) Mehrere Blätter melden aus Potsdam: In dem Bureau des von den Selbstschuhorganisationen her bekannten Iustizsekretärs Oppermann erschien gestern abend ein Mann, der um Reisegeld bat Er befinde sich auf der Flucht. Er sei der Leutnant Kur Hüt- t c r und sei der Mörder E r z b e r g e r s. Op­permann benachrichtigte die Polizei. Der Fremde liest sich ruhig festnehmen. Seine Personalbeschrei­bung deckt sich annähernd mit dem Signalement eines der Mörder.

Heber die Selbstgeftellung des Kurt Hütter in Potsdam, der behauptet, einer der Mörder Erzbergers zu fein, berichten die Blätter nach einer Zeitungskvrrefpvndenz. dast der in Haft Genommene den Hamen Hütter wahrscheinlich zu unrecht führt Auch Tei es unwahrscheinlich, dast er früher Offizier gewesen ist. Wahrscheinlich fet die Annahme, dast es sich um einen dem Hand­werkerstand gehörigen Marrn handell, der offenbar besondere Gründe hat, den Verdacht auf sich zu lenken. Die Beschreibung, die von den Mördern vorliegt, pastt auf Hütter keines­wegs.

Berlin, 14. Sept. (WTB.) An die Mel­dung über die Verhaftung einer Anzahl von Personen, die angeblich in Beziehung zu der Ermordung Erzbergers stehen, wird in der Oes- fentlichkeii die Behauptung getnüpft, es befinden sich auch aktive Offiziere von der Marine darunter. Das Reichswehrministerium teilt mit. dast keine der verhafteten Personen sich im aktiven Dienst der Reichsmarine befindet. Sollten einzelne von ihnen tatsächlich früher der Marine angehört haben, so sind sie jedenfalls seit längerer Zeit bereits aus dem aktiven Dienst ausgeschieden.

Karlsruhe. 14. Sept. (Wolfs.) Zur Ver­folgung der Mörder Erzbergers meldet die Karlsruher Zeitung", dast der zuständige Offen­burger Staatsanwalt Burger und der General­staatsanwalt Schlimm gemeinsam mit der toürttem- bergischen Polizei und im engen Benehmen mit den bayerischen Justiz- und Polizeibehörden wert­volle Resultate erzielten. Es hat sich herausgestellt, dast die beiden Mörder mit einer groben Or­ganisation zusammenhängen. Während der eine von ihnen schon vor einiger Zeit aus Mün­chen verschwunden ist, ist der andere, Schulz, erst in den letzten Tagen mit Hnterftühung eines feiner Helfershelfer, eines getoefenen Majors, entkom­men. Dieser Major und fünf andere verdächtige Personen sind inzwischen verhaftet worden Die Staatsanwaltschaft Offenburg wird die Oessenllichkeit über die weitere Entwicklung der Dinge unterrichten, soweit fich dies mit der Straf­verfolgung und der Untersuchung vereinbaren lästt.

Die Klärung in Bayern.

München, 14. Sept. (WTB.) Der stän­dige Landtagsausschuh trat heute nach­mittag 3 Uhr zu einer Sitzung zusammen. Dor Eintritt in die Tagesordnung gab Präsident Königbauer ein Schreiben des Ministerpräsiden­ten von Kahr bekannt, worin dieser von dem Rücktritt des Gesamtministeriums Mitteilung macht. Der Präsident fügte hinzu, er habe auf Donnerstagnachmittag 4 Uhr eine Sitzung des Aeltestenrates einberufen, die sich mit der Frage beschäftigen werde, wann die nächste Ple­narsitzung stattfinden solle, um die Wahl des Ministerpräsidenten und die Bestellung eines neuen Ministeriums vorzunehmen.

Abg. Held gab die Protesttelegramme gegen i>ie Beschlüsse des ständigen Ausschusses zu und bemerkte sodann, es werde in der Presse die Be- auptung aufgeflellt, dast er den Ministerpräsi­denten gestürzt habe. Zum Beweis dafür werde angeführt, dast schon seit längerer Zeit zwischen ihm und von Kahr tiefgehende Meinungsver­schiedenheiten bestanden hätten und dah er beim Katholikentage in Frankfurt a. M. mürbe ge­macht worden fei. 3n Frankfurt habe er über­haupt mit niemanden ein Wort über Politik gesprochen. Mit Herrn von Kahr sei er in allen gröberen Fragen einig gegangen. 3n einem so­zialistischen Blatte werde behauptet, er habe den Ministerpräsidenten deshalb gestürzt, um selbst sein Aachsolger zu werden. Er möchte hierzu nur beerken, dah er nach der Revolution schon mehr als einmal Gelegenheit gehabt habe, Minister zu werden, es aber grundsätzlich jedesmal ab­gelehnt habe. Kurz vor der Revolution hätte er sich folglich unter dem äuhersten Zwange der "Verhältnisse dazu herbeigelassen.

Abg. Timm (Soz.) erklärte, auch er fei davon überzeugt, dah Held bei den letzten Ent­scheidungen nur aus rein sachlichen Gründen ge­handelt habe Wohl in feiner Situation hätte bis- hc rber Landtag undbesvnders auch die Mitglieder der Oppositionsparteien eine solche Toleranz an den Tag gelegt, wie bei den letzten Vorgängen, wo man sich direkt von Vertretern der Regierung habe hrüskieren lassen.

2wg. Held (Bayer. Dvlkspartei) ersuchte, den Ausrduckbrüskieren" nicht aufr«htzuerhal­ten. Er selbst sei es gewesen, der dem Ministerrat ^suchte, möglichst noch am Samstagnacht zu einer Entscheidung zu kommen, wodur ch sich die lange Verzögerung ergeben habe

Abg. Reumann (USP.i behauptet eben­falls, da hes sich um ein illoyales Verhalten dem Landtag gegenüber gehandelt habe. Vorsitzen­der Held wandte sich auch gegen diese Bezeichnung.

Der Ausschuh tritt sodann in die Tagesord­nung ein und befahte sich mit den Vorgängen in München, Dürnberg und Koburg

Das Präsidium des Rcichsbürgcrrats beini Reichskanzler.

Berlin, 14. Sept. (WB.) Eine Abordnung des Präsidiums des Reichsbürge r- rats unter Führung des Staatsministers von CbbeU überreichte heute nachmittag dem Reichs­kanzler eine Resolution des AeichLbürgerrats Die Erklärung der Vertreter des Reichsbürger- rats, nach allen Richtungen versöhnend zu wirken undpositive Mitarbeit beim Wiederaufbau Deutschlands leisten zu wollen, nahm der Reichskanzler dankend entgegen. Mit einer Schilderung der gegenwärtigen politischen Lage begründete der Reichskanzler die Rotwen digkeit der letzthin ergangenen Verordnungen Die Aussprache schloh mit der Erklärung des Staats- Ministers von Löbell ab, dah die Vertreter des Reichsbürgerrats mit den vom Reichskanzler vor­getragenen Grundanschauungen einverstanden seien. Sie hofften, dah durch gemeinsame Arbeit das gewünschte Ziel, die Beruhigung der Po­litischen Lage erreicht werde.

Hergtüber den inneren Frieden.

Der Vorsitzende der Deutschnationalen Volks­partei, Abg. Staatsminister H e r g t. hat sich im Gespräch mit einem Vertreter desVerl. Lokal- Anzeigers" folgendermahen geäußert

Riemand weih bisher, auf welche Motive tatsächlich der Mord an Erzberger zurückzuführen ift. "Damit entfällt aber die Berechtigung, aus dieser Tat auf eine Mordatmospbäre in rechts­gerichteten Kreisen zu schliessen. Dagegen könnte allerdings die hemmungslose Hetze, die seit dem Tode Erzbergers unter Mitschuld der Regierung gegen alle nationalgesinnten Kreise eingesetzt hat, durchaus geeignet sein, die Leidenschaften so aus­zupeitschen, dah daraus Wahnsinnstaten geboren werden könnten Der Deutschnationalen Volts- Partei ist von irgendwelchen derartigen Plänen nicht das geringste betarmt geworden. Bei meiner Besprechung mit dem Reichskanzler hat dieser aber behauptet, tatsächliches Material dafür zu vefitzen, dah Gewalttaten in ultra-rechtsgerich­teten Kreisen für die nächste Zeit geplant feien, ohne damit allerdings die Deutschnationale Volks- Partei belasten zu wollen. Diese Behauptungen sind uns in den letzten Tagen von einer anderen Regierungsstelle bestätigt worden, wobei wie­derum hinzugefügt wurde, dah die Deutschnati'o- nate Volkspartei mit diesen Plänen nichts zu tun habe. Ja, man glaube sogar Grund zu der Armahme zu haben, dah die betreffenden Kreise absichtlich unsere Partei im unklaren hiel­ten, offenbar m dem Bewußtsein, bei der Partei für solche Pläne mir schroffste Adlaae zu fin­den, wenn man vielleicht auch glaub, durch voll­endete Tatsachen aut uns ein wirken zu

können. Der Reichskanzler hat an leine Mitteilungen bas dringende Ersuchen geknüpft, auch unsererseits mit allem Flachdruck unseren Einkluh auf alle uns zugänglichen Kreise geltend

-u machen, um sie von Rechtsbrüchen abzuhalten. Don mir ist schon bei meiner Rücksprache mit dem Reichskanzler der Standpunft eingenommen wor­den, dah eS in erster Linie Sache der Regierung sei, in dieser Weise vvrzugehen, u xi ihr bis­herige« Verhalten jur schwersten BeWmlngung des Volkes wesentlich mit beigetragen habe Zch habe es aber zugleich für selbstverständlich er­klärt, dah die Däitschirationale Volkspartei sich ihrersells zu yner entsprechenden Maßnahme zur Verfügung stelle. Sie folgt damit nur dem, was sie schon wiederholt in feierlichster Form zum Ausdruck gebracht hat. Wir lehnen grundsätzlich das Vorgehen mit Gewalt im innerpolitischm Kampfe ab. Wer zum Mittel der Ge walt greift, stellt sich dadurch auher halb der Partei. Richt eine gewaltsame Lösung kann uns frommen, vielmehr vertrauen wir zuversichtlich darauf, dah sich unsere gute Sache in einer völlig gesetzmäßigen, friedlichen Ent­wicklung von selbst durchsetzen wird. Wohl ist die Empörung und Entrüstung bei unseren An­hängern über die Verfolgungen, denen alle natio­nalen Regungen zur Zeit ausgesetzt sind, riefen groh und durchaus verständlich. Richt« toärc aber verfehlter, als sich dadurch zu Unüberlegt Hellen hinreihen zu lassen und so hinterher den Angreifern die Gründe für ihre Hetze zu liefern die ihnen bisher fehlen. 3ch kann deshalb nur dringend mahnen, daß alle, die sich zu uns halten, sich nicht vom Boden des Gesetzes ab bringen lassen. Wenn diese Auffassung Gemeingut aller politischen Parteien und aller Bevölkerung» kreise wird, dann hoffe ich zuversichtlich, dah c- trotz allem gelingen wird den schwer bedroht" i inneren Frieden wieder herzustellen."

Neue Ieitungsverbote.

Berlin, 14. Septbr. (W.D.) Durch die Berorw nung des Reichsministers des Innern in Berlin ist die in Berlin erscheinendeRote Fahne" vom 15. bis 17 September und das in Gotha erscheinende Gothaer Dolksblatt" vom 15. bis 22. Septbr beide auf Grund der Verordnung des Reichspräsi. denten vom 29. August, verboten worden.

Die Steuergesetze im Reichswirtschaftsrat.

Berlin, 14 Sept. Die Generaldiskusssion über die Steuergesehe und den Antrag Wissell wird fortgesetzt.

Dr. v. Siemens (3nZ>uftriebertretcr) pole­misiert gegen He gestrige Behauptung Wissells, dah die 3nbufttic aus egoistischen Gründen die Er­füllung des Ultimatums erschwere und durch Um­stellung sehr wohl befähigt sei, die Anforderungen zu erfüllen. Vom grünen Tisch aus lasse sich eine Umstellung nicht durchführen, am allermindesten durch Zwang. Das Sch lag wortGold werte" habe schon viel Unheil angerichtet, denn ein jeder gebe ihm eine andere Auslegung. Wenn der Staat die Substanz einziehe, so könne er wohl die Schuld ablösen, nicht aber ihre Verzinsung. D-- schafft er sich auf Grund der Substanz einen Dor­schuh, so wäre das auch nur eine vorübergehende Erleichterung. Der Redner bestreitet, dah die 3n dustrie Devisen zurückgehalten habe und wendet sich gegen die Behauptung Dr. Helfferichs, dah die Wirtschaft die Schuld an diesen "Verhältnissen trage.

Redakteur Feiler (Frankfurt a. M.) meint, das Ausland sei schon heute in der Lage, uns völlig aufzukaufen, und uns zu Lohnsklaven zu machen. Unsere*Produktion sei allerdings im Auf­blühen. Aber Mittelstand und Beamtenschaft be fänden sich in Rot. Die geistigen Arbeiter geben unter, weil sie der Geldentwertung keinen Wide> stand bieten können Rur durch den Eintritt ist bir Substanz kann der fortgesetzten "Verminderung un seres Rationalvermögens begegnet werden

Fabrikant Vögele (Mannheim) (berufener Vertreter) fordert von der Reichsregierung genaue Auskünfte über die Wiedergutmachungsverpflich tungen. 3m Hinblick auf das Sinken unserer Va luta, auf die Teuerung beim Einkauf von Roh­materialien und Halbfabrikaten, auf das Steigen der Auslandszölle und auf die verminderte Kaul kraft des 3nlandes, werde ein Eingriff in die Sub­stanz zu einer großen Enttäuschung führen. Viel leicht lasse sich der Versuch machen, die Erträgnisse der Sachwerte mit einer erhöhten Steuer zu be legen und diesen Betrag für Vorausbeschaffung im voraus zu eskomptieren

Habermann (Deutschnationaler Hand lungsgehilsenverband) will sich mit dem Antrag Wissell nach der gestern hier erhaltenen Aus Icgung einverstanden erklären

.Ingenieur Dahl (freie Berufe) befürchtet daß der Gedanke WissÄls von der Gemeinwiri schäft zu einem reinen Staatsbetriebe führen werde. Die Regierung predige den anderen immer Sparsamkeit, ohne selbst solche zu üben.

Direktor Wussow (Berliner Straßenbahn« hält den von der Regierung bei den neuen Steuern beschrittenen Weg nicht für gangbar. Man stell die Gesamtsteuer auf Umsatz und Einkommen Diese baue man aus, aber nicht weiter. Wie ein Mann, der im Konkurs stehe, müsse die Re gierung einen Zwangsvergleich mit dem Aus lande anflreben. Wenn die Substanz aber bereits angegriffen sei, sei ein solcher Vergleich nicht mehr zu haben.

Rachdem noch Albrecht (Landarbeiterver­treter) darauf verwiesen hatte, dah eine De lastung der Sachwerte noch feine Konfiskation bedeute, schlieht die Generaldebatte. Der A n - trag Wissell wird an den Wiedergut- machungsausschuh überwiesen. Der Antrag Max Cohen (freie Berufe), eine freie Vereinbarung anzustreben zur Feststellung von im Auslände befindlichen Vermögens werten, wird