Ausgabe 
12.10.1921
 
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Rr. 239 Zweiter Blatt

Hessische Volkskammer.

110. Sitzung.

St. Darmstadt, 11. Ott.

Am Regierungstifche. StaatSmi/tister U l e t ch, (Zustlzminister von Brentano. Finanz- Minister Henrich und Regterungsverireter.

Präsi dein Adelung eröffnet die Sitzung um 1015 Uhr. Vor (Eintritt in die Tagesord mmg wird zunächst eine kleine Anträge des Adg. Knoll (ctr.) tix e der ang.blichrn Un- drauchbarmachung der Hindenburgbrücke durch Finanzminister Henrich dahin deont- toortet, daß der Regierung vv.t diesem Plan nichts bekannt sei, tot) fh aber sehr wohl di Angelcgenheit im Äug: behalten werde. Es wird dann m die Tagesordnung eingetreten.

Lieber die Regierungsvorlage Tagegelder und Lledernachtungsgebühren der Staatsbeamten erstattet Abg. Reiber ^Dem.) Bericht Der Ausschuß beantragt, die Bcrlage anzunehmen, aber den Teuerungszuschlag nicht auf 100, sondern aus 125 Prozent festzu» tetzen.

Knoblauch (Soz). Mein« Partei hrt die Absicht, zu dieser Borlage neue, weiteraehende Anträge zu stellen, ich bitte darum, die Borlage nochmals an den Ausschuß zurückzuverwei- len. Der Antrag wird einstimmig angenom­men.

Siebte Vorlagen.

Der Regierungsvorlage. Riederschla- gung deS Strafverfahrens 'gegen den Handelsmann Meyer Marr in Reichelsheim i. O. betreffend, wird nach dem Bericht des Abg. Schreiber zugestimmt, die Genehmigung zur Gin­leitung einer Privatklage gegen den Abg. Det­ters und gegen den Abg. Schröder gemäß Ar­tikels 37 der Reichsverfassung wird versagt. Der Regierungsvorlage. Entwurf eines Gesetzes zur Abänderung des § 28 deS Gesetzes über die Umlegung von Bauland vom 6. Rovein- ber 1920 betreffend (Berichterstatter: Abg. Schild­bach) und der Regierungsvorlage, Gesetzentwurf, die Abänderung des hessischen Dersiche- rungSgesehes für gemeindliche Beamte be­treffend, wird ohne Debatte zugestimmt. Des­gleichen der Regierungsvorlage, Entwurf eines Gesetzes zur Aendemng des Gesetzes, das V e r- i obren in Forst - und Feldrügesachen, in der vom 1. Januar 1905 an geltenden Fas­sung betreffend, (Berichterstatter: Abg. Schrei­ber). Die beiden letztgenannten Borlagen werden auch in der 2. Lesung alsbald genehmigt.

Ueber die Dorlage des OberlandeSgerichles. Entwurf einer Geschäftsordnung für den Staatsgerichtshof betr.. erstattet Abg Sngelmann (Soz.) Bericht und bean­tragt namens des Ausschusses Annahme der Dorlage.

Abg. Kaul (Soz.) bat gegen die Bestim­mung des § 2 dieser Geschäftsordnung, nach der durch den Dorsitzenden des Staatsgerichtshofes die vom Landtag gewählten Mitglieder zu ver­eidigen sind, staatsrechtliche Bedenken, weil die Abgeordneten Erwählte des DolkeS sind, und die betr. Beamten unter der Souveränität dieses Doves steht. Gr beantragt die Zurückver­weisung der Dorlage. Der Antrag wird angenommen.

Ueber die Regierungsvorlage, Dollzug deS Art. 63 Abs. 3 der hessischen Der- fassuna vom 19. Dezember 1919 betr., er­stattet Aba Reiber Bericht. Gs handelt sich um die Ablösung von Rechtsverhältnisien zu den PattonatevorschlagSrechten bei Präsentation für Schulstellen Die Dorlage wird mit diesen Rechten bei Privatpatronaten brechen.

Staatspräsident Ulrich teilt auf Anfrage mit, daß diese Dorlage, wenn sie jetzt angenommen wird, in einem heute stattfindenden Kabinettsrat erledigt werden und alsbald Gesetz werden kann. Die Dorlage wird einstimmig angenommen.

Ueber die Regierungsvorlage. Wohnungs- fürsorge für Beamte, Angestellte un Arbeiter des Staates betr., berichtet an Stelle des abwesenden Abg. Delp der Abg. Dr. Osann (D. D.) und be­antragt namens deS Ausschusses Annahme der Dorlage: Der Landtag möge die Regierung er­mächtigen. Arbeitgeberzuschüsse für solche Woh- nungen. die Beamten, Angestellten und Arbeitern deS Staates zugute kommen, nach Maßgabe der anliegenben Grundsätze «zu bewilligen, zu diesem Zweck für das Rechnungsjahr 1921 aus bereiten oder im Wege des Staatskredits zu beschaffenden Mitteln des Staates einen Betrag von 5 Millionen Dlark zu verwenden und den in diesem Rechnungs­jahr nicht gebrauchten Teil auf das Rechnungsjahr 1922 zu übertragen.

Der Schutz im Blut.

Roman von Horst Bodemer.

10. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Abends nach dem ersten Wettstreit schlugen dre Wellen wieder hoch. Henner Wärhahn sah oft mit gefurchter Stirn zu seinem Schwieger­vater hinüber. Man nahm ihn anscheinend hier rächt ernst. Riß Witze mit dem alten Herrn, bic ihn empörten. Da fühlte er Marias Hand au,'seinen Arm.

-Komm mit mir in die frische Lust!"

otemengef(immer, die schmale Mondsichel am Hrmmes. Leichter Dunst über dem Rheine. Schwarz standen die Berge gegen den dunklen Himmel. Stumm gingen sie am Ufer nebeneinander her, ber Ott hinter ihnen lang. Unter einer alten Lmde blieb Maria stehen.

ferner, nun weißt du, warum ich nicht tvollte, baß du zu einem Sängerfest gehst! Und in die .Zdrone kehren wir nicht zurück, wir sind ia in der H/ad untergebracht. Gott sei Dank, denn zum Schluß fallt Dater ja doch nom Stuhle!"

Sr erwiderte nichts. Maria fing an zu 'chluchzen Da riß er sie in seine Arme Sie duldete kurze Zeit seine Küste, dann machte sie sich frei.

..Bitte, bring mich nach Haus« Unb svrick kein Wort! '

Mi: herzlichem Händedruck verabschiedete et (ich an der Haustür von seiner Braut und suchte dann sein Quartier auf. Sitten wohnte in der . Krone" mit den anderen Preisrichtern von aus­wärts . .

Am nächsten Morgen holte er Maria schon früh zu einem Spaziergänge ab. Es war ein milder Dorfrühlings tag, an einigen Büschen hing schon der grünende Hauch. Sie redeten nicht

Gießener Anzeiger (Gen:ral-Anzeiger für Gderhessen)

Mittwoch, 12. Oktober 1921

Abg. Reiber (Dem.) tritt hierbei für die ötom-xm un besetzten Gebiet ein.

Finanzminister Hen rich macht daraus auf- inernam. daß diese Fürsorge in besonderem Maße uattftmKt, und daß hierzu noch eine besondere Dorlage vorliegt.

Abg. Widmann (Soz.) tritt für das Per- &er Heil- unb Pstegeanstalt ein. Der Aus- 'chuyantrag wird angenommen.

^rn Anschluß an die Dorlage wirb alSbalb dte Regierungsvorlage. betr. Errichtung von etwohnungen für Beamte nach Ar- ukcl 32 der Geschäftsordnung zur Kenntnis des ~aibtagc3 gebracht. Es handelt sich um bie zweite Reihe des Derteilungsplanes, nach der folgende Wohnungen errichtet toerben sollen: Darm- Habt 20, Mainz 9, Worms 3, Offenbach 6. G i e- ßen 8. Dingen 4. Friedberg?. D:nsbeim2, Alzey 2, Groß-Gerau 4, Heppenheim 4, Dieburg 2. Erbach 2. Michelstabt 2, Scligcnftabl 2. Gernsheim 4. Lam­pertheim 2. Wimpfen 2, Alsfeld 4. Lauterbach 2, Bad-Ranheim 5, Oppenheim 2. Ribda 2

Einige weitere Dorlagen werden ohne Debatte erledigt.

Zu der Regierungsvorlage, betreffend Reu- rcgelung der Dienst bezöge der Kommu­nalforst warte, erklärt Fmanzminister Hen­rich auf Befragen, baß es sich in biefer Dorlage nur um bie Forstwirte hanbell. bie in den Staats­dienst übernommen werden. Abg. Zilch (Ztr.) erörtert die schlechten Dehaltsverhältniste dieser Beamten, bie bringend der Besserung bedürfen. Die Dorlage wird angenommen: auch in zweiter Lesung.

Eine Regierungsvorlage, betrestend Ge­bührenzuschläge für Rotare usw., wirb in erster und zweiter Lesung angenommen.

Maßnahmen gegen d i c Futternot haben zwei Anträge zum Gegenstand, bie von ben Abgg. Hahn und Genossen dzw. Häuser ge­stellt wurden. Beide Anträge sind durch inzwischen getroffene Maßnahmen der Regierung gegen­standslos, und der Ausschuß beantragt Cr - lebigtcrlläruna. Abg. Häuser (Soz.) weist darauf hin, daß die Futternot in trockenen Jahren schon behoben werben könnte, wenn die vorhandenen Bewässerungsanlagen voll ausgenutzt werden.

Abg. Knoblauch (Soz.) bemängelt das zu geringe Entgegenkommen der Oberförster und Forsträte, die noch immer ein Pascharegiment führen, besonders in Oberhessen, gegenüber den kleinen Leuten.

Abg. Dorsch (Hess. Dpt.) kritisiert den Ausdruck Pascharegiment. Ein solches werde höch­stens von dsn Sozialdemokraten a.idgeübt.

Landesforstmeister Dr. Weber teilt mit, daß alle fiskalischen Wiesen nun wieder durch Düngung und Wässerung auf den höchsten Zustand der Ertragssähigkeit gebracht werden müssen, wie das in Oberhessen schon begonnen hat. Beschwer­den, wie sie der Abg. Knoblauch vorgebracht, mögen möglichst umgehend an die Zentralbehörde gerichtet werden. Den Dorwurf der Günstlings­wirtschaft muß ich für meine Beamten zurück- weisen, solange dafür keine Unterlagen hergebracht werden. Die Ausschußanträge werden angenommen.

Anträge der Abgg. Reiber unb Felb- mann bzw. Reh betreffen die Abgabe von LoShvlz in der Provinz Oberhessen bzw. das Loshvlzregulativ. 3n Verbindung damit wird eine Dorstellung des Beamten vereint zu Ortenberg, Zuteilung von Tarif- oder L o s h o l z betr., behandelt. Abg. Eißnert (Soz.) erstattet Bericht über die Anträge. Das Lcshvlzregulativ soll den heutigen geänderten Verhältnissen entsprechend geändert werden. Der Ausschuß beantragt, die Regierung zu ersuchen, in eine Prüfung darüber einzutreten, wie weit noch bestehende Rechte der Gemeinden in der Los- Holzzuteilung von der Regierung abgelöst werden können.

Abg. Urstadt (Dem.) berußtet über die Dorstellung des Beamtenvereins. Der Aus­schuß beantragt, die Gehaltsgrenze für bie Los­holzberechtigung zu erhöhen und den Beamten nach Aufhebung der Rativnierung wisder Taris- Holz zuzu erkennen.

Abg. Reh (Dem.) führt Beschwerde über die Art der Behandlung seines Antrages durch die Regierung. Zur Sache selbst weist Redner daran» hin, daß das Loshvlzregulativ noch aus dem Jahre 1871 stammt, unb daß noch 161 Gemein­den in Frage kommen. Schon 1875 hat die Re gierung ein Studium der seit 1725 bestehenden Akten über das Losholzrecht angeordnet. Aber man hat nichts wieder davon gehört. (Heiterkeit.» Es müßte die Gehaltsgrenze aus mindestens das Doppelte erhöht werden. Redner stellt einen ent­

sprechenden Antrag, woraus Abg. S i ß n e r t Rückverweisung an den Ausschuß bean­tragt. Der Antrag wird angenommen.

lieber die Regierungsvorlage, betr. bie Ab­änderung beS 5 u n b c ft c u c r g c » c h e S und in Verbindung damit den Antrag Kohler in gleichem Betreff, berichtet Abg. S i ß n c r t (Soz ). Danach beträgt die Hundesteuer zur E t a a t s t ä 's s e. lofem der Hunde besitz bad ganze Kalenderjahr hindurch dauert, 20 M' . »o em er nach dem 1. Vfanuar. aber vor dem 1. April beginnt, 15 Mk., sofern er nach dem 1. April, aber vor dem 1. Zuli beginnt. 10 Mk., sofern er nach Dem 1. Huli, aber vor dem 1. Rovember be­ginnt, 5 Mk. für jeden Hund. Die Gemeinden sind befugt, das Halten von Hunden innerhalb ihrer Gemarkung mit einer jährlichen Abgabe bis zum vierfachen Betrag der zur Staat.ckaste zu entrichtenden Hundesteuer zu Gunsten der Ge- mctr.belaffc zu belegen. Eine weite: e Erhöhung bedars bei Genehmigung der Ministerien des Zirnern und der Finanzen. Die Gemeinden sind ferner _ befugt, den mehrfachen Hundebesitz mit Zuschlägen zu belegen, die für den zweiten Hund je 50 Mk., für den dritten Hund je 75211., für den vierten Hund je 100 Mk., für den fünften Hund je 125 Mk., für den sechsten und jeden weiteren Hund 150 Mk. nicht überschreiten sollen. Höhere Zuschläge bedürfen der Genehmigung der 2linifterien des Zirnern und der Finanzen Der mehrfache Hundebesitz der Hundezüchter bleibt von den vorbezeichneten Zuschlägen befreit. - D.e Vorlage wird in beiden Lesungen angenom­men.

Der dringende Antrag der Abgg. Urstadt und Genossen, die

Vereinfachung der Staatsverwaltung.

soll nach dem Ausschußantrag der Regierung als Material überwiesen werden.

Abg. Dr. Osann (D. Dpt.) kann diesem Antrag nicht zustimmen, weil er völlig wertlos ist, da die Regierung erklärt hat, sich nicht mehr mit dem Anträge befassen zu wollen unb bi- evtl, neue Regierung durch den Antrag gar nicht ge­bunden werden kann, da jeder Antrag im neuen Landtag neu eingebracht werden muß. Der Antrag hätte vor Monaten zur Derhandlung kommen müssen.

Abg. Dorsch (H. Dpt.): Es scheint, baß derartige Anträge zwecklos sind, sie sind wie bie Dölkerbunbssihungen, es wirb viel geredet unb nichts getan. (Heiterkeit.)

Abg. Kaul (Soz.) stimmt in der Sache dem Abg. Dr. Osann zu, bittet aber, darin nicht etwa einen Vorläufer für eine kommende Regierungs­koalition sehen zu wollen. (Heiterkeit.)

Abg. Urstadt (Dem.) stimmt ebenfalls der Ansicht des Abg. Dr. Osann zu, bittet aber, seinen Antrag anzunehmen, wenn er auch sachlich zweck­los ist. Wir wollen wenigstens ernsthaft be­kunden, daß wir vereinfachen wollen.

Abg. Knoll (Ztr.) meint, der Antrag Ur­ft abt sollte boch tvohl nur in ber Agitation bei den kommenden Wahlen benutzt werben. (Unruhe.) Er hätte, wenn es ihm mit der Vereinfachung wirklich ernst war, dem Antrag des Zentrums zu­stimmen können, ber viel weitergehend war.

Abg. R ei bei (Dem.) erhebt nachdrücklich Einspruch dagegen, daß der Vorredner den demo­kratischen Antrag als Agitationsmaterial bezeich­net. Gs war uns voller Ernst mit der Verein­fachung der Staatsverwaltung.

Abg. Dornemann (Soz.) polemisiert gegen den Abg. Osann, Abg. Urstadt gegen den Abg. Knoll.

Abg. Dr. Osann beantragt sodann, über den An t rag Urstadt zur Tages­ordnung überzugehen.

Staatspräsident Ulrich möchte nur feststellen, daß auch früher, als noch die Herren von rechts hier regierten, diese Anträge ebenfalls dauernd wiederkehrten und auch zu agitatorischen Zwecken ausgenutzt wurden. 3m übrigen bin ich noch im­mer der Alte und halte die Möglichkeit nur eines Ministers aufrecht, wenn die Gewähr gegeben wäre, daß alle Beamte auf dem Boden der Repu­blik stehen und dem Minister kein Bein stellen.

Rach weiteren Ausführungen des Abg. Knoll und des Berichterstatters wird der A n ° trag Dr. Osann angenommen, der Aus­schußantrag abgelehnt, ebenso der Antrag Urstadt.

Darauf tritt Vertagung ein. Rächste Sitzung Mittwoch 9i/2 Uhr. Schluß 1/f2 Uhr

Merichtssaal.

nn. Darmstadt, 10. Ott. Die heutige ©traframmertK. banblung gegen 12 Angeklagte meqcn Eisenbahndiebstahl auf de i Bahn­strecken Hainstadt Klein-Ruhe.m Mühlheim- Kl.-Steinb im. Selig.n'iadt Hainstadt und Ha­nau Gelirnausen endete rasch, da auf sämtliche ocugen verzichtet wurde. Das Urteil lautet: ©egen Dezius Gunkel und Klein je 3 Zähre 8 Monate Gesängniz unb 5 Hahre Ehrverlust, Bauer 3 Zähre Gefängnis. Schatz 2 Hahre, Eomo und Wenzel je 1 Hahr 9 Monate, Wolf unb König je 1 Hahr, .Hern a Monate und Winter 5 Monate Ge ä'.gnis. Al.en wurden 5 Monate Untersuchungshaft angerechnet udricn imubc vor ber Anklage der Hehlerei freigesprochen

£?anbmirtfd>aft.

L Elbenrod, 11. Okt Die Firma Wagner u. So. von hier setzte beute bei Bürgermeister Schröder einen elektrischen Dreschsatz in Betrieb Der Motor von 25 PS trieb Ipielcnb D.eschwagen und Strohpresse. Zuschauer auS den umliegenden Dörfern fanden sich wegen dieses für unsere Gegend noch ungewohnten Schauspiels in Menge ein. Der Stromverbrauch soll sich pro Tag ungefähr 100 Mk. billiger stellen alt die Kohlen bei Dampfbetrieb kosten

Turnen, Sport und Spiel.

Stadion turntet .

2lm ersten Tage wirkte das schlechte Wetter angünfttg auf den Besuch deS Großen Reit- unb Fahrturniers deS Reichs Verbundes für Zucht unb liiiifung deutschen Halbbluts im Deutschen Sta­dion em. Der gebotene Sport war glänzend. Die Sensation bildete der Start deS Schweden Olson, der sich aber nur im ersten Jagdspringen Placieren konnte. 3n dem sechsten AusfcfafaungS- springen verdarb er sich seine Ehancen durch AuS- lassen eines Hindernisses.

Der zweite Tag brachte dem ReichSverband die Entschädigung für den schlechten Eröffn.mg»- tag. Das Wetter konnte gar nicht besser sein unb der Besuch übertraf die Erwartungen noch bei weitem. Die Totalisator-Anlagen erwiesen sich selbstverständlich bet bem Ansturm ber Wetter als zu klein. Leiber war das Programm tolebet Au groß bzw. konnten die Zeiten ber einzelnen Konkurrenzen nicht innegehallen werben, so daß die Gespannprüfungen ber Dunkelheit zum Opfer fielen unb heute (Dienstag) auSgetragen werden müssen.

0m einleitenden Ausscheibungsspringen zum Sankt-Georg-Hagdspringen kamen drei Teilneh­mer fehlerlos über die Bahn, so daß die Zeit entscheiden mußte. Graf Görtz mit Graf von Westfalens Lesters konnte mit 1,41 den bekann­ten Stallmeister Kreiserg mit Müllers Glücks- mädel und Staeck mit Kincks Wildkatze auf bie Plätze verweisen. 3m zweiten Springen kam bet schwebische Oberleutnant Baron von O'Kamel zu einem gläitzenden Erfolge. Er kam sowohl mit Swartepetter als auch mit Go On ohne Fehler über alle Sprünge unb belegte in dieser Reihen­folge auch die beiden ersten Plätze. Dritter wurde Frhr. v. Langen mit Reston.

Das dritte AnsscheldungSspringen mißglückte sehr. Alle Teilnehmer wurden hier wegen lieber» schreitens der Höchstzeit ausgeschlossen. Siege, blieb mit 4 Fehlern Oberll. v. Sydows auf dem alten Ostpreußen Quirl vor Oberlt. GallaS'Lydra. Einen glänzenden Ritt eines allen 'RennreiterS konnte man im vierten Springen beobachten. Hier brachte Graf Hohenau Herrn Dollmanns Eorl fehlerlos über die Bahn und siegte vor Oberlt Götz, der mit Sylva drei Fehlerpunkte hatte.

Vorzügliches Material kam dann in der Einte gungsprüsuna der Reitpferde auf die Bahn. Erster wurde hier Prinz Friedr. Sigismund von Preu­ßens Trakehner-Wallach Das letzte Springen brachte die Ileberraschung des Tages, da sich btt Favoriten hier nicht zur Geltung' bringen konn­ten. Gras Trautvetter siegte mit Mitternachts­sonne ohne Fehler in ber glänzenden Zeit vor 2:093/- der Totalisator zahlte ben Anhängern der Mitternachtssonne 235 für 10.

*

Das neue Renn-Wettgeseh ge* langte am Samstag im Reichsrat zur Beratung. Dem Gesetzentwurf des ReichssinanzministeriumS, der bie Einführung ber Buchmacher und ihre Besteuerung mit zehn Prozent vorsieht, war der Entwurf eines zweiten Gesetzes mit der Unterlage einer ReichSwettzenl le gegen- übergestellt, der von Preußen eingebracht war. Vom Reichsrat werden beide Gesetzentwürfe Ende des Monats an das Plenum des Reichstages zur Beratung und Beschlußfassung gelangen.

viel, zeigten sich landschaftlich schöne Punkte und drückten sich oft die Hand. Da legte sich wieder das anmutige Lächeln um Marias Mund Sie fühlte, welche Gewalt sie über den Verlobten hatte.

Zur rechten Zett waren sie in derKrone", begrüßten den Vater, dem hingen dicke Tränen­säcke unter den Augen. Er sah an den beiden vor­bei, lachte verlegen.

Anstrengende Sache so ein Preissingen für mich? Es jehört zum Beruf?" Unb dann reckte er die Brust heraus uni> fügte überzeugt hinzu: »Hott sei Dank!"

Es wurde gut gerungen. Heute kämpften die größeren Vereine um die Preise. Zum Schluß traten alle vierzehn Vereine, fast neunhundert Mann, auf das breit vor die Bühne gebaute Po­dium. Joseph Sitten erhob sich von seinem Platze, den Tollst ock aus Ebenholz, geziert mit einer silbernen Krone, in der Hand. Sein Rheinlied brauste dann unter seiner Führung durch den Saal. Das war ein Stürmen unb Klingen, voll­tönend und doch weich Die Melodie riß die Worte von der Zunge, selbst Henner Wärhahn fühlte, von der Maste gefangen war es ein Meisterlied, das noch träftig leben würde, wenn von vielen Tvnkünstlem, von denen heute alle Welt sprach, Taum noch ein Lied hier unb da im Verborgenen blühte. Die Augen geschlossen, ließ er bie Sangeswellen über sich hinbrausen, und neben ihm stand Maria Sitten, ein Sieges­lächeln um den Mund

Als die Sänger geendet, tobte der Beifall doch. Wilde Zwischenrufe, erbigte Gesichter, er­hobene Arme. Unwillkürlich hatten sich alle von ihren Sitzen erhoben.

Der alte Hoseph Sitten lauschte in die Menge Er wußte was sie wollte. Wie immer, noch einmal das Lied und alle wollten mit singen.

Da hob er den Taktstvck, sah starr über die Menge hinweg, der Beifall legte sich.

»Run alle mein Rhein lied!"

Laut aber ruhig rief er es rn den Saal. Der Taktstock zuckte in feiner erhobenen Hand. Aus einigen tausend Kehlen drang fein Rhein- lied, das jedes sechsjährige Kind und jeder acht­zigjährige Greis kan.ite. Fest hielt Ioseph Sit­tens Taktstock die Kehlen. Die Scheiben zitterten, die Augen glänzten, Fäuste ballten sich über ben Köpfen, Hände streckten sich gespreizt ins Leere, und was sich lieb hatte, schlang die Arme um die Schultern. Hupp Sitten rannen die Tränen bie Wangen herunter, aber die Hand, die den Taktstock führte, zitterte nicht . . Das Schluß­zeichen, ein scharfer Dogen, das Lied verklang unter Totenstille im Saale, die nur die Ruhe vor dem Sturm war. Zunges, rheinisches Blut hob Jupp Sitten auf seine Schultern und trug ihn unter Beifallsgedröhn durch den großen Saal zum Ehrenplatz, ilnb mit jedem, der auf OuPP Sitten mit dem Römer in der Hand zu- schritt, stieß der alte Mann, einen silbernen Pokal in der Faust, an und trank einen Schluck vom schweren Ehrenwein.

Eine halbe Stunde später fiel der alte Sitten unter den Tisch und mußte hinausgetragen werden

Da ging Heinrich Wär Halm ein bla fier Schim­mer auf, welche Tragik in dieses Künstlers Erden- wallen lag!

Einen Hochzeitsmarsch hatte Hupp Sitten komponiert. Es lag Schwung in ihm. Die Haus- kapelle des ,Königshof^" in Bonn, wo das Hoch­zeitsmahl eingenommen wurde, spielte ihn. Rur ein Esten war es zu fünf Gedecken aber ein auserlesenes! Das Brautpaar, die Väter.-.b Ernst Sitten aus London waren die Tettnch.ner. Der hatte Speisenfolge und Weine ausgewählt! Pfvrdte in Hamburg, Ritz in Paris, das Eectt-

hotel in London hätten nichts vollkommeneres leisten können.

An diesem Tage bekam sogar der Oekvnomie- rat Wärhahn einen Schuß inS Blut! So sagte er wenigstens, als ihm die Zunge erst anfing schwer zu werden und dann recht leicht. DaS hatte gar nicht so sehr lange gedauert. Er war cs nicht gewöhnt, viele und schwere Weine durch- eirrander zu trinken. Schon bei seiner Tischrede verspürte man die Wirkung. Er hatte sie sich zwar sehr grimdlich auSgearbettet und geglaubt, er könne sie im Schlafe her sagen Aber schon nach wenigen Sätzen ließ ihn fein Gedächtnis im Stich. Darüber lachte er heute nur. Diefes Hochzeitsfest war die Krönung srines Lebens­werkes. nun mochte der Henner weiter bauen an bem Aufstieg des Geschlechtes. Christoph Wär- hahns Faust fuhr durch die Luft.

.Ein Redner b-- ich mein Lebtag nicht ge­wesen, unb was ie ;i noch sagen wollte, sag

ich dem jungen P< (in andermal! Heute nur Io viel: Kindlem, liebet euch untereinander! Tüch- tig! ilnb daß ich bald Großvater werde, darauf wollen ww anstoßen!"

Ein bißchen merkwürdig war diese Tisch­rede ja. Der weltgewandte Ernst Sitten sah ein toenig spöttisch vor sich hin und spitzte die Lippen, sein Vater aber sprang auf, fiel dem alten Wär- hnhn gerührt um ben Hals und sagte

»So is et richtig! Unb bat ich mich mal auf ben Hroßpapa freuen würde, hätf ich nicht je- dacht? Aber et is so! Unb bat bleibt die Haupt­fache! Woh'. bekomms, ihr beiden, schreibfs euch hinter die Ohren!"

Und bann lachte er, begoß sich mit dem Cefonomierat die Rate, als das junge Paar über alle Berge war, unb Ernst sich gedrückt hatte, nachdem er bie gepfefferte Rechnung beglichen,

(Fortsetzung folgt)