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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Ur. 256 Zweiter Blatt

Die Aussichten der Kohlenbelieferung.

Dießen, 8. Oktober 1921.

3n diesen Herbsttagen ist neben der Äartof- felhcrforgung die Beschaffung der Brennstoffe für die nächsten Monate eine Hauptsorge des geplagten Familienvaters, zumal uns ja von Wetterkundigen ein früher und strenger Win­ter angekündigt ist.

Die Belieferung mit Steinkohle war bisher schon sehr mangelhaft. Ein Wun­der auch, wennS anders wäre. Das Diktat der Entente preßt uns allmonatlich Riesenmengen ab. Dazu der ungeheure Ausfall des oberschle­sischen Reviers, dessen Förderung durch Ab- stimmungshehe, Terror. Aufstand und andere Störungen äußerst erschwert und gemindert wurde und wird. Der Osten deS Reiches, der sonst von den oberschlesischen Kohlengruben beliefert wurde, muß daher heute vom Ruhr­revier mit versorgt werden, worunter natür­lich wieder die Gesamtheit leidet.

Während der Sommermonate wurde der Steinkohlenmangel im Volke nicht allzusehr empfunden. Der Bedarf des Hausbrandes ist in der heißen Jahreszeit ja an sich gering, und dann standen der Bevölkerung auch größere Mengen B r i k e t t s zur Verfügung, denn die Entente, für die bekanntlich das Beste gerade gut genug ist, nahm sich bloß die hochwertigen Kohlensorlen und verzichtete grohmüttg auf die minder wertvolleren Briketts. Hierin ist leider eine Wendung zum Schlechteren eingetreten. Die Entente hat jetzt anscheinend auch an Bri­ketts Geschmack gefunden und hat nach Mittei­lung des Kohlenshndikats im September nicht weniger als 70 Prozent unserer gesamten Bri­kettserzeugung für sich beansprucht, und heute sind'S gar 80 Prozent. Daher erklären sich die Stockungen in der DrikettSzufuhr, die in den letzten Wochen sich unliebsam bemerkbar machten.

Mindere Kvhlensorten. und KvkS vor allem, gibt es jedoch reichlich. Da das Angebot dieser vom Fachmann alsf l ü s- f-i fl bezeichneten Sorten die Nachfrage im all­gemeinen erheblich übersteigt, ist seit 1. Okto- 6er bleZwangSbewirtschaftungauf- gehoben für Rohbraunkvhlen, Koks und an­dere minderwerttge Brennstoffe. (B e st e h e n bleibt aber die Zwangswirtschaft sämtlicher Steinkohlen, Stein- und Braunkohlenbriketts und Stollenkohlen.) Für die minderen Brenn­stoffe entfällt selbstverständlich auch die Melde- und BezugSscheinpfltcht. sowie die DeitraaSerhebung. Die Höchstpreise da­gegen bleiben auch für diese Brennstoffe nach wie vor bestehen. Die Kohlenstelle kann aber auch über die freigegebenen Brennstoffe künf- ttg verfügen und sie für besttmmte 'Zwecke be­schlagnahmen. Deshalb werden die Bezieher von der hiesigen Kreiskohlen st eile ersucht, den Eingang jedes Waggons dieser be­zugsscheinfreien Brennstoffe bei ihr zu melden.

Die geringeren Kohlensorten werden wohl auch in Den nächsten Monaten reichlich vor­handen sein. Das hiesige Gaswerk zum Beispiel hat große Koksvorräte angesammelt.

Die Bevölkerung wird in diesem Winter also in der Hauptsache auf Draunkoh- l e n und Koks angewiesen sein, und es kann nur geraten werden wo dies noch nicht ge- schhen ist, die Heizkörper schleunigst für Koksfeuerung umzustellen.

*

Die Stadt Gießen wurde vom Reichs­kohlenkommissar ja verhältnismäßig recht gut bedacht allerdings nur mit Bezugs schei­nen. Der Stadt (die Anstalten usw. mit eingeschlossen) wurden nämlich nicht weniger als 656 Stück sogenannter Reichshausbrand­bezugsscheine für Kohlen zugewiesen, Unb jeder dieser Scheine lautet auf 15 Tonnen I ES ständen unS also fast 10 000 Tonnen Kohlen zu. Dazu Überreichte uns der Kohlenkommissar noch 411 Braunkohlen bezugSscheine über zusammen 6165 Tonnen.

Wirklich beliefert wurde aller­dings noch nicht ein Drittel dieser Scheine: 202 Kohlen- und 125 Braunkohlenscheine.

Die OrtSkohlenstelle Gießen ist daher bei der Kohlenwirtschaftsstelle Frank- furt a. M. wegen besserer Belieferung der Stadt Gießen vorstellig geworden, und eS wurde uns auch Abhilfe zugesa gt. Hof­fentlich wird dies Versprechen auch in die Tat umgesetzt und recht bald«

Vier Svnen von Kohlenkarten wur­den bekanntlich am l.Mai von unserer OrtS­kohlenstelle ausgegeben. Auf diese Karten wurden bisher geliefert für Haushaltun­gen 6 Sentner Kohlen, 5 Zentner Gaskvks und 3Zentner Braunkohlenbriketts; für Einzel- Per svnen 1 Ztr. Kohlen und 1 Ztr. Braun­kohlenbriketts; für das Kleingewerbe je 3 Ztr. Kohlen und 2 Ztr. Braunkohlenbriketts. Für die vierte Kategorie, für Zentral­heizungen und das Grohgewerbe wurde die Menge in jedem Einzelfall beson­ders durch die Brennswffdeputation zugetellt.

Die Kvhlenkarte, neben der Brotkarte wohl die einzige Ueberlebende aus dem dicken Karten» und Markenbündel der Kriegsjahre, besitzt freilich noch viel Abschnitte, die der Be­lieferung harren. Hoffen wir, daß dies bald geschehe, denn nach den kühlen Tagen wer­den die kalten bald nachfvlgen und da möchte man doch seine Winterkohlen im Keller wissen.

Aus Stabt und Land.

Stehen, den 8. Ott. 1921.

Planetenzusammenkunft am Morgenhimmel.

3n den Monaten Oktober und November spielt sich am Frühhimmel ein seltenes Schauspiel ab, das nicht nur für den Liebhaberastronomen, sondern für jeden Naturfreund von größtem Reize fein wird. Die hellsten Wandelsterne unseres Systems, Venus, Mars, Zupiter und Saturn (später vorübergehend auch Merkur) werden sich am Ost Himmel in den Morgenstunden ein Stell­dichein geben, das in seiner Eigenart nicht zu den Alltäglichkeiten gehört. Noch zu Anfang des Mo­nats Oktober sehen wir in den ersten Frühstun­den nur Venus und Mars über dem öst­lichen Horizont funleln. Der hellere, obere, der beiden Planeten ist Venus, die bisher als Morgenstern strahlend der Sonne voraufzog. Die beiden Planeten stehen zu Beginn des Monats noch im Löwen, unterhalb des Fixsternes Re­gulus. Am 3. Oktober überholt Venus den Mars, nm bann fortan in raschem Laufe sich nach links von ihm zu entfernen. Auch Mars wandert in der gleichen Richtung Weller, und dieser Wettlauf führt die beiden Planeten bald zum Sternbild der Zungfrau hinab, wo zwischen den Fixsternen Vota und Gamma inzwischen die Planeten Ju­piter und Saturn angekommen sind. Um die Mitte des Monats Oktober hat sich das Bild so geord­net, dab sich in einem blitzenden Sternbande, das mit dem Fixstern Regulus beginnt, Mars, Venus, Saturn und Zupiter zum Horizont des Ost Himmels hinaddehnen. Wer um die angegebene Zeit gegen 5 Uhr morgens den Himmel mustert, wird Die prächtige Konstellation leicht aus den übrigen Sternen herausgreifen können. Der strah­lendste dieser vier Planeten ist Venus, obwohl ihr Glanz fortgesetzt abnimmt. Die rasche Be­wegung der Planeten verschiebt das Bild aber nach Turner Zeit von neuem. Venus läuft im letzten Monatsdrittel bereits zwischen Saturn und Jupiter hindurch. Wir Verfolgen sie auf ihrem glänzenden Wege zum Saturn, an dem fie am 22. Oktober ganz dicht, bei nur 35 Minuten Ab­stand, südlich vorübergeht, und zu Jupiter, den sie am 25. Oktober 5 Uhr nachmittags erreicht, um nur 31 Minuten nördlich an ihm vorbei- zuwandeln. (Auf diese beiden schönen Konjunk­tionen sei besonders aufmerksam gemacht.) Gegen Ende des Monats zeigt die ganze Planetenkonstel­lation dann folgende Gruppierung: Tief über dem Ost Horizont Venus und Jupiter in präch­tigem Glanze, über beiden Saturn, und ikn grö­beren Abstande nach oben Mars, noch weiter darüber Regulus. Well links im Nordosten blitzt zur Vervollständigung des Bildes ein rötliche, Fixstern erster Gröhe, Arktur, übet dem Hori­zont. 3n diele eigenartige Gruppierung tritt dann noch am 27. Oktober die schmale abnehmende Sichel des Mondes, der an besagtem Tage in gleicher Länge zu MarS steht und an der ganzen Pla­netenreihe rasch hinabläuft, wobei er am 23. Ok­

tober nachmittags in Konjunktion zum Saturn, 11 Uhr nachts gleichen Datums zum Zupiter und am 29. Oktober zu Venus kommt.

" P rüfung im Hufbeschlaa. Aus dem Kreise Sieben haben folgende Hufschmiede die Prüfung im Husbeschlag bestanden und sind be­rechtigt, den Hufbeschlaa selbständig auszuüben: W. Kraerner, Hausen, Zohs Puhl. Lang-GönS. Wilh. Weimer, Saubringen, Hch. Schmidt, Men­dorf a. d. Lumda

(Sine Steuer für Nachtbummler. Ueber die in Stuttgart als neueste Einnahmequelle für den Gemeinde säckel vorgeschlagene »Nacht» st e u«r" erfährt man jetzt Näheres. Der den Stadtverordneten vorgelegte Entwurf sieht fol­gendes vor: Gäste, die über die festgcsttzte Po­lizeistunde hinaus in Wirtschaften, Eaf^s usw. verwellen, sollen für die Person und für die erste Stund? über die allgemeine Polizeistunde 5 Mark, für dte zweite 8 und für jede weitere 10 Mark bezahlen. Lngefangene .Sleuerstunden" werden voll berechnet. Bei Versammlungen geschlossener Vereinigungen und Hochzeiten ist Befreiung vor­gesehen. Bleiben Gäste ohne die erforderliche po» lizelliche Erlaubnis über die Polizeistunde hinaus, so sollen sich die Steuersätze verdoppeln. Die Steuer soll durch Lösung von Steuermarken ent- richtet werden, die der Wirt seinen treuesten Gästen zu verabfolgen hat. Die Gäste haften neben dem Wirt als Gesamtschuldner für die Steuer

Hessen-Nassau.

Hilfe für die Ausgesperrten.

fpd. Griesheim a. M, 6. Oft Die Ge­meindevertretung bewilligte für die Unter- stühung der auf den chemischen Werken audge- fperrten Arbeiter 200 000 Mark und stellte ihnen die Lieferung von Winterkartoffeln in Aussicht. Die Ausgesperrten müssen sich aber verpflichten, die ihnen gewährten Unterstützungen in wöchentlichen Raten wieder abzuzahlen. Am Freitag findet in allen Orten, wo Arbeiter der chemischen Werke wohnen, eine Generalab­stimmung darüber statt, ob die Arbeit unter den neuerlich gemachten Bedingungen wieder auf­genommen werden soll ober nicht Wie man hört, ist die Mehrzahl geneigt, wieder an die Arbeit zu gehen.

fpd. Frankfurt a. M. 6. Oft Die Zep­pelin-Halle, die erste Deutschlands, ist nun­mehr auf Verlangen der Entente bis auf die Grundmauern abgebrochen worden. Das ge­samte Material wird fortgeschafft und findet an anderer Stelle zu anderen Zwecken Verwendung.

fpd. Frankfurt a. M., 5. Oft Der All­gemeine Bankverein Düsseldorf, der wie wiederholt gemeldet wurde, die alt-historische Hauptwache zu einem Bankgebäude umbauen möchte, und dafür eine Zahresmiete von 150 000 Mark bot, hat, da dem Magistrat die Summen an­scheinend zu niedrig ist, fein Pachtangebot jetzt auf' jährlich 200 000 Mark erhöht Er erllärt sich außerdem bereit, an den bisherigen Pächter des Cafes eine voraussichtlich in die Millionen gehende Abfindung zu leisten.

fpd. Kassel, 6. Oft Seit etwa 14 Tagen ist eine 18jährige Verkäuferin, die hier bei ihren Eltern wohnte, spurlos verschwunden. Das Mäd­chen ist am nächsten Tage, nachdem sie die elter­liche Wohnung verlassen hatte, noch auf der Fuldabrücke mit einem völlig neuen Kostüm und aeUut Hut gesehen worden. Es wird angenommek. dab es Mädchenhändlern in die Hände gefallen ist. Die seit dem 16. September verschwundene 21jährige Erna B. ist in Hamburg ermittelt wor­den. Sie war hier Mädchenhändlern ins Garn gegangen und war gerade im Begriff, nach Süd-Amerika zu reifen. Das Mädchen hatte einer hiesigen Freundin mitgeteilt, dah es in Kassel einen millionenschweren Plantagenbesiher aus Dtasilien kennen gelernt habe, dem sie nun nach der Heimat als Braut folgen würde.

Die ßartoffeloerforgung.

ha Gersfeld, 6. Oft Der Landwirt Ditt- mar in Rommers hat seine entbehrlichen Kar­toffeln für 25 Mark abgegeben und höhere An­gebote mit dem Bemerken abgelehnt, für geringe Leute, die alles kaufen müssen, sei der Preis ge­rade hoch genug. Auch noch andere Landwirte der Gemeinde Rommers haben, diesem guten Beispiele folgend , überschüssige Kartoffeln an Bekannte für 3035 Mark abgegeben. Aus vielen anderen Ge­meinden des Kreises werden gleichfalls lobens­werte Beispiele des Mitleides Der Landwirte be­richtet Viele spendeten für Bedürftige und Wohl- tätigkeitsanstalten etwas von ihrem Erntesegen, andere wollen das noch nachholen.

Samstag, 8. (Moder 1921

la. Fulda. 7. Oft Gestern fand im Land- ratSamt unter Vorsitz deS LandratS im Deiseia von Kreisausschuhmitgliedern. deS Oberbürger­meisters, Vertreter deS Magistrats und der Stadt­verordnetenversammlung, des Vorstandes deS Kurhcss. Bauernvereins. Vertreter des Kartoffel- Handels u. a. eine Sitzung statt. Allseitig wurde anerkannt, dab 50 Mark für den Zentner Kar­toffeln alS gerechtfertigt ange'ehen werden könnten. Der Oberbürgermeister erflärte, dab er gegen einige hiesige Einwohner, die allzu hohe Preise gezahll haben, bereits St rafverfahren we­gen Wucher eingeleitet habe Der Vorstand des Kurhess. Bauernvereins teilte mit, datz er bereits für einige hiesige industrielle Betriebe und für die Eisenbahn mehrere Waggons Kar­toffeln von auswärts geliefert habe. Um weitere Belieferung für die städtische Einwohnerschaft werde er Sorge tragen. Die nach längerer Aus­sprache vom Oberbürgermeister eingebrachte ö n t- schliebung besagt, dah der jetzige von den Landwirten geforderte Preis viel zu hoch fei. AIS Richtpreis werden 50 Mark festgesetzt, auher- dem soll eine Aktion eingeleitet werden, um Alt­pensionären kleineren Rentnern, Kriegsbeschä­digten billigere Kartoffeln zu beschaffen.

(Biefjener Sladttheater.

Die Lokalbahn- undErster Klasse" e von Ludwig Thoma.

Giehen, 8. Oft 1921.

Mit Ludwig Thoma, dem Züngstverstvrbenen, dessen Gedächtnis der gestrige Abend gewidmet war, ist ein seltener Mensch und ein bedeutender Künstler dahingegangen. Er war bodenständig, wie nicht viele unserer .Heimatkünstler", unb ge­rade deshalb sind die Gestalten seiner Dichtungen viel mehr als lokale Typen. Man wird, wenn man das Wesen der oberbayerischen Dauern er­füllen will, immer wieder nach seinen groben Romanen »Der Wittiber" und »Andreas V.->st" greifen müssen. Man wird aber auch Meister­werke deutschen Schrifttums in ihnen erleben. 3n weiteren Kreisen ist er fast nur alS Satiriker be­kannt oder als Dichter herzhafter, überfprudeln- der Lustspiele. Das ist nur eine Seite seines WesenS, eine starke zwar, aber eine, deren Ueber- schätzung das Charakterbild dieses ManneS ver­zerren dürfte. Deshalb fei hier, wo seiner ge­dacht werden soll, mit Nachdruck auf die oben erwähnten ernsten und groben Werke Thomas hingewiesen.

Die beiden Stücke des gestrigen Abends, die in Giehen neu stnd, gehören dem leichten Thoma. Mit treffender Komik sind die Gestalten geprägt und die Situationen gerundet.

Die Lokalbahn": Der Bürgermeister kommt vom Minister zurück, mit dem er in An­gelegenheit »der Dahn" erfolglos verhandelt hat, renommiert daheim mit seiner Energie, die er aber nur unterwegs in Gedanken hatte, wird Held des TageS, und die Lieder­tafel bringt ihm ein Ständchen. Am nächsten Tag bekommen die Dornsteiner Angst vor ihrer eigenen Schneid, man denkt an »die Rücksichten", und der Herr Amtsrichter tritt von der Verlobung mit Bürgermeisters SuSchon zurück, weil er sich nicht als Schwiegersohn eines Ausrührers kom­promittieren will. Das Versprechen deS Bürger­meisters, sich beim Minister zu entschuldigen, giefjt endlich Oel In die Wogen, SuSchen behält ihren Amtsrichter und die Liedertafel singt wieder.

Die Darstellung, die das Stück mit ge­ringen Streichungen bot, vermied unter der Lei­tung Oskar Feigels klug allerhand lockende Uebertreibungen. Das Zusammenspiel war vor­züglich, das Auf und Ab der Stimmung fein be­rechnet und durchgeführt. Die Hauptrollen lagen in den Händen der Damen A. M a r ck s (Frau Bürgermeister Rehbein), E. 'Dolmar < Susan na Rehbein), L. Sammel (Frieda Pilgermaier) und der Herren O. Feigel (Bürgermeister Reh­bein), A Teleky (Karl Rehbein), G. He­di n g (Amtsrichter Deringer), G. D a d u r a (Drauereibesiher Schweigel) und W Brandes (Äaufmamt Stelzer). Auch die übrigen Darsteller boten in Spiel und Aufmachung das Deste, so dab sich wohl niemand dem Eindruck der durch­aus wohlgelungenen Darstellung entziehen konnte.

3n »Erster Klasse" wird die denkwürdige Reise des Bauemabgeordneten Zosef SLfer nach München verewigt. Wie er mit seinem Freund Gsottmaier, der unterwegs ins Abteil geweht wird, die Mitreisenhen in Atem hält, dab selbst der preuhische Geschäftsreisende den Mund halten lernt, muh man gesehen haben.

Die Inszenierung (Spielleitung Hof» rat ©teingoetter) war verblüffend echt. Da- Zügle schnaufte sein, und der Ochse, der sich nicht einladen lassen wollte, brüllte wundervoll .rich­tig". Auch die Darstellung lieh nichts zu wün-

Der Schuh im Blut.

Roman von Horst Dodemer.

7. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

»Wir haben nie Geheimnisse vor einander gehabt, Herr Wärhahn ich hab 'Sie immer verstanden, bis auf heute. Ein so grobes Gut braucht eine Frau, die in der Landwirtschaft Bescheid weib, die Anordnungen treffen kann, die Hand und Fuh haben, sonst geht s nicht weiter vorwärts! Was will Wärhahnsches Blut mit Spielzeug anfangen? Und wenn ich den Hampel­mann an sehe, der ihr Vater ist, wird mir schlecht!"

Christoph Wärhahn scheuerte m.t beiden Fäusten auf der Schreibtischplatte herum. Das tat er immer, wenn er nach Worten suchte. Unb bann fand er sie allmählich. Er setzte der Mam­sell auseinander, warum die Wärh->hns den »Schuh im Blute" brauchen, Umständlich, mit reichen Dergleichen aus der Landwirtschaft.

3a, Herr Wärhahn, das müllen Sie besser verstehen als ich! Unb Gott gebe, dah Sie recht Haden. Da muh später freilich der Heimer die Zügel ein bißchen anziehen!"

Machen wir alle zusammen mit weicher Hand! Lind nun beruhige dich, gute Alle und leg dich ins Bett!" . .

Vor dem Schlafengehen sprach Zoseph Sitten seine Tochter noch ein paar Minuten unter vier Augen. Er rümpfte die Nase, schnupperte wie ein Zagdhund in der Luft herum.

»Hier riecht's nach Lawendel und TsHmiant Unb bat schmale Bett ist hart wie ein Brett! Zug wirst du ins Haus bringen müllen! Unb bat nicht wenicfflens ein Klavier da ist auf

einen Flügel war ich jarnicht erst jefaht ist eine Schande! Cieg deinem Henner jleich morgen in den Ohren, mir werden ja die Finger steifi Aber im übrigen, Maria, aus den Leuten läßt sich wat machen, jib bat Heft nicht aus ben Händen, Kind!"

Ein Lächeln lag um Marias Mund. Sie sagte kein Wort. Der alte Sitten verstand sie er war höchst zufrieden mit seiner Tochter . .

Zwei Tage später konnte sich der erste Kla­vierhändler Kallels eines Lächelns nicht erwehren. Ein Bechsteinflügel wurde bei ihm gekauft und vor der Tür hielt ein Leiterwagen mit einer Un­menge Stroh und Decken, um ihn sofort wegzu- fahren. So etwas war ihm in seinem langen Ge­schäftsleben noch nicht vorgekommen! . . .

Und nun wurde der alte Wärhahn bearbeitet! Joseph Sitten spielte, Maria fang, setzte sich bann auch an ben Flügel. Mit überrinanberge'djlage- nen Beinen unb verschränkten Armen sah Chri­stoph Wärhahn in einem bequemen Sessel, lauschte ben Tönen unb bekam ble Augen nicht los von seiner eleganten Schwiegertochter. Er brauchte gar nicht erst gebrängt zu werden, dieses Zuwcl gehörte in eine kostbare Fassung unb wenn bu ein tiefer Griff in ben Geldbeutelnötig war, was schadete bas, man hatte es ja bazu!

»Allo der Henner besucht biS zum März die LanbwiNschasllichc Hochschule in Poppels­dorf weiter, bann wird geheiratet! Zch werbe euch unterbeffen ein Rest einrichten, auf bas ihr euch freuen sollt! Besprich mit beinern Schatze, wie bu's haben willst, Maria, es soll mir keine Wurst zu teuer sein! Aber eines verlang ich! Dav ich abends, wenn du spielst und singst, still in einer Ecke zuhören darf l"

Maria fiel ihrem Schwiegervater um ben Hals, kühte ihn ab.

»Wie gut du bist! Ich banke bir viel tausend mal! Du sollst mit und zufrieden sein, nicht wahr, Henner?"

Der nickte nur glücklich . . Maria schmiegte sich an ihren Verlobten unb bann tuschelten bie beiben unb besprachen, wie sie ihr Nest einrichten wollten. Dabei legte sich Henners Hand immer fester um die schlanke Rheinlandstochter, zu jedem Vorschläge nickte er heftig. Was würbe bas für ein herrliches Leben werden unb wie würde man ihn um seine schone junge Frau beneiden!

4.

Die Mamsell Auguste Uhlemann hatte Grund, am 2ag mindestens zwanzig mal den Kopf über ihren Herrn zu schütteln. Er war nicht wieder­zuerkennen. Das ganze grohe Haus wurde neu tapeziert, im ©aal, der als Mus.kzimmer einge­richtet werden sollte, sogar Parkett gelegt! Unb bas Ehzimmer bekam dis zur Mannshöhe eine wunberschöne Eichentäfelung k D e HanbwerkSleute brachten eine Unmenge Dreck ins Haus, unb bie Tapezierer kochten ben Leim in ihrer Küche. Das gab einen heillosen Gestank! Dazu bas Hämmern, ©chimpfen unb Getrampel im ganzen Hause! Königlicher Oekonomierat war bet Herr auch zu Kallers Geburtstag geworden, das hatte er ganz gewiß verdient aber gehörig zu Kopfe schien ihm das auch gestiegen zu |euu Früher, da war der Herr immer stundenlang ben Hainbuchen- gang auf- unb abgegangen mochte das Wetter auch noch so schlecht gewesen sein wenn er ein Vorhaben gründlich erwog, jetzt gab er seine Befehle vom Schreibtisch aus. Einer hetzte hinter dem andern her. Unb als sie bem Herrn einmal

vorgestellt, dab gut Ding Welle haben wolle, hatte er gelacht und sie »alte Schrulle" genannt. Von ©obeöberg kamen fast täglich Briefe, Proben und Kataloge, und toerm auch meistens der Henner schrieb, dem wurde doch von seiner Braut unb wohl auch von diesem ekligen alten MuslkuS bie Feder geführt. Der war ein Narr unb ein ge­rissener Kerl zugleich. und der Avfel fiel nie weit vom Stamme! Schöne Zelten würden kom­men . . Und dann ging es an die (Innenein­richtung! Da hiell stch die Mamsell mit der linken Hand den dürftigen Ringelzops. in dem so unglaublich viele Haarnadeln steckten, und zeigte mit auSgestreckter rechter Hand auf ble Herrlichkeit.

Herr Oekonomierat, bezahlt baS nun der Brautvater oder Sie?"

»Das macht sich bezahlt, Duste, und daraus kommt es lediglich an! So waS verstehst du nicht! Mach du mir bloh das Treiben nicht scheu, cvenn bas junge Paar kommt! Das ist Himmeltre rz- donnerwetter die einzige Sorge, bie ich augen­blicklich habe!"

Da schlug die Mamsell schnell die Türe von drauben zu. Undank war der Welt Lohn Sie sah schon, wie es kam! Sin grobes Unglück gab e$! Unb barm lachte sie ben Herrn Oekonomie- rai aus, packte ben Henner bei ber Schulter und schüttelte ihn ab. Der war gesundes Dauernblut, ber bist sich durch, wurde wieder vernünftig, unb bann war ihr Herr auch nicht so, gab bann zu: .Alte Duste, jeder Schuster soll bei seinem Leisten bleiben! Ganz recht hast du gehabt! Ra, wir haben Lehrgeld bezahlt, nun aber ist's ge­nug!"

(Fortsetzung folgt)