Nr. 258 Zweites Blatt
Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für (tzderhefsen) Donnerstag, 5. Novemberl92l
Ein Protest der hessischen Studentenschaft.
Dir erhalten folgende Zuschrift
Dir leben in einer Zett, die mit den Rufen .Freiheit und Gleichheit- eingeleitet wurde und bU inan deshalb die .neue nennt, wir leben in einer Zeit, die dem Zwanzigjährigen das Dahl recht gegeben und die die Karenzzeit — früher von den Zu gezogen en verlangt, ehe sie ihr Dahl recht ausüben konnten — befeitigt hat.
Das Voll aber gab sich eine Ber- fafsungl Sine Verfassung. in deren Artikel 17 <leht .Die Volksvertretung (ber Länder» muh tn allgemeiner, gleicher, unmittelbarer unb geheimer Dahl von allen reichsdeutfchen (1) Männern und Frauen nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt toerben.“
Und in demselben Anikel 17 der Verfassung der deutschen Republll steht ferner au lesen: .Die Grundsätze für die Wahlen zur Volksvertretung gelten auch für die Gemeindewahlen. Jedoch kann (bei diesen (I) durch Landesaesetz die Wahlberechtigung von der Dauer des Aus- enthalls »also nicht deS Wohnsitzes!) in der Gemeinde bis zu einem Jahre abhängig gemacht werden"
Daraus geht zweifelsfrei hervor, baß die Wahlberechtigung zur Volksvertretung unter keinen Umständen von einer b i s zu einjähriger Dauer des Aufenthalts, noch viel weniger aber von der Begründung des Wohnsitzes abhängig gemacht werden dars.
Das aber ist geschehen! Der Gesetzgebung s a u s s ch utz des Hessischen Landtags hat es vor kurzem für gut befunden, dem § 2 des Landtagswahlgesetzes eine Interpretation zu geben — zu der er keineswegS berechtigt ist —. die den Studierenden Gießen« und Darmstadts, den Technikern Friedberg« und Bingen«. sofern fie auS nichthessischen Ländern stammen, das Wahlrecht zur bc- vorstehende i Landtagswahl wegnimmt. Ueber die rechtliche Seite der Frage wird ja hoffentlich der StaalSgerichtvdof entscheiden, wenn auch erst nach der Wahl. Un« interessiert hier die politische. Unb dazu sei gesagt, bah dieser De- schluh — unzulässig nach Form und Inhalt — eine der schärfsten Brüskierungen der an Brüskierungen gegenüber der Studentenschaft so reichen Regierungvzeit der Regierung und der hinter ihr stehenden Parteien ist Set sie sich klar darüber, bah auf ben Wind, ben sie gesät, ein Sturm folgen muh. der orkanartigen Charakter annehmen kann. Wenn man in Darmstadt glaubt, Tausende von Studenten ihres Wahlrechts berauben zu können, etwa weil die weitaus über« Swiegende Mehrheit in der Studentenschaft nichts i schaffen haben will mit jenem Esperanto- e i st, der aus Genf berüberrnnft, so täusche man sich aber auch nicht darüber, bah ber keine Pflichten gegen benfelben Staat anerkennen kann, ber ihm wichtigste staatsbürgerliche Rechte abschneibet! Ist sich ble Regierung klar darüber, bah sie bureb ihr Verhalten bic Studentenschaft In immer schärfere Opposition gegen sie treibt ?
Ist sie sich über die Wirkung jener Heldentat im klaren, die baS überlebenegrohe Gemälde des GroßherzoaS aus ber Aula ber a I m a matcr Ludoviciana berauszureisten befahl? Darf man sich bic Frage erlauben, ob bic Reue Aula als .Amts- raum" angesehen toirb, ob bic kahlen Backstein- mauern mit dem Dilbe de« seitherigen Präsl- b e n l e n bes Hessischen Landesamte- für da- Bildung-Wesen, des Freundes unb Gönner- bei Siebener Stubcnlenschast, geziert werben wird?
Die Korporationen aber werden sich die Frage vorzuleaen haben, ob sie es mit ihrem Stolz, ihrer Tradition unb ihrer Stellung vereinbaren können, weiterhin mit ihren Fahnen und Chargierten die verhunzte A ila au betreten 1
WaS da- Ganze ist? Ein Skandal I
3- Fr. Zimmer, cand. iur.
Kapital unb Arbeit.
Der Streit um die B?w rlung von Kapital und Arbeit im Wirtschaftsleben hat ei ie ganze Literatur für sich geschaffen, unb die Fülle dieser Literatur dürfte auch in künftigen Zeiten noch mancherlei Zuwachs erhalten.
Die in dem Weltkriege unb in den darauf fclg<nöen staatlichen Umwälzungen in Europa gemachten (X/fabrangen haben alte Probleme unb alte Ideale in teilweise überstürzter Hast in bie Rumpelkammer w rsen helfen, und manche Vorgänge lassen beinahe ben optimistischen Schluß zu, bah es der mit ben harten Tatsachen rechnenden Pratis gelingen wird, wo- der weisen,
aber grauen Theorie nicht gelingen wollte, nämlich. bah der scheinbare Gegensatz zwilchen Kapital unb Arbeit sich in einer zweckmäßigen Bereinigung beider zu besten des schatsenden Voiles eines jeden Lande« ausgieicht.
Um io befremdlicher muh es sein, wenn in der neuerlichen Ge'eygebung in Deutschland duich eine ungerechte Bewertung der Arbeit gegenüber dem Kapital Gegensätze und Trennungen geschossen werden, weiche weder mit dem Geiste, noch mit den Rotwendigkeiten ber Zeit in Einklang zu bringen finb.
Da« Umsatz st euergesetz. welch.«. wie lein Ramc sagt, dazu bestimmt ist, au« den laufen ben Umsätzen zum Runen de« Reiches ansehnliche Beträge herauszuziehen, hat zur Vermeidung ungcredrter Härten vorgesehen. bah b i .der Abwicklung mehrerer von rersch'.e c. c.i Unternehmern über dieselben Gegenstände ober über Gegenstände gleicher Ast abgeschlossenen Urniatzgeichäste nur Mc Lieferungen derjenigen ilntcmebmcr steuerpsltch tg finb die bm unmittelbaren Besitz übertragen". Diese Bestimmung ersaht lediglich kei Waren- banbel und lässt völlig anher acht, bah es sich im Wirstschastsleden nicht allein um Ucbcrmltt- lung von Waren unb Gegenständen aller Art handelt, sondern auch um Vermittlung von Arbeitsleistungen reib, die Vermittlung von Güterbewegungen. ohne bah dabei ein Warenumsatz in 5vage kommt. Um die Arbeit rcsp. die Arbeitsleistungen tn gebührender Weise neben dem Warenumsatz zu Recht unb Anerkennung, b. h zur Gleichstellung von Arbeit und Kap tal vor dem Umsatzs e iergesctz zu bringen, erscheint uns bringend notwendig, tah in dem Umsatzsteuer- gesey — gemäh dem Anträge des Berliner Rechtsanwälte« unb Steuersachverstänb.gen Dr. Franz Hrenlger an den Reichstag — eine Aenderung resp Ergänzung borgen:mmen w r>. Gs dürfte unlere« Erachtens ber Reichstag resp. bie Steuer- rommtHlon an biet er wichtigen Angelegenheit um so weniger ohne eingehendste Prüfung unb De- achtung vorübergehen, als der. i S bie für die gesamte deutsche Oefsentlich'eit. i tSbe'oidere b.e beutWK Presse, so außerordentlich wichtigen Vermittlungsorgane. wir bie beutschenAnnon- cen-Erpeditionert. heute infolge der ungerechten Beurteilung und Bewer'ung ihrer Arbeitsleistung durch die gegenwärtigen 'Bestimmungen des Umsaysteuergeseyes von 1919 vor ber Vernichtung stehen.
Amerika und der Kriegsausbruch.
Das Novemberheft der Zeitschrift World Work" veröffentlicht Abschnitte aus den Lebenserinnerungen der amerikanischen Botschafters in London. Walther H. Page, die bemerkenswerte Angaben über die Vorgänge kurz vor Beginn des Weltkrieges enthalten. Page erzählt zuerst, wie er in den letzten Zulitagen von Washington den Auftrag erhielt, bei Sir Edward Grey anzufragen, ob eine amerikanische Vermittlung erwünscht sei und Aussicht auf Erfolg habe. Ueber den Erfolg seines Schrittes schreibt Page: „Sir Edward Grey ist voller Anerkennung für unsere Gesinnung und unsere Bereitwilligkeit, aber auf dem Kontinent wünscht man keinen Frieden — die herrschenden Klassen wünschen ihn nicht. Aber sie werden ihn oald wünschen, und dann wird unsere Gelegenheit kommen. Unsere Regierung ist die einzige Regierung eines großen Landes, die nicht in irgend einer Hinsicht in den Konflikt verwickelt ist.“
Diese Antwort befriedigte Washington nicht. Page wurde beauftragt, ein Telegramm von Wilson dem König Georg zu überreichen, in dem es hieß: „Ich empfinde es als ein Vorrecht und als meine Pflicht, Eurer Majestät im Geiste der ernstgemeinten Freundschaft mitzuteilen, daß ich eine Gelegenheit begrüßen würde, im Interesse des europäischen Friedens zu wirken, ent- weder in diesem Augenblick oder zu irgend einer anderen Zeit, die man für geeignet halten mag.“ Diese Depesche hat Page anschei^ nenb spät am 1. August überreicht. Das Angebot Wilsons wurde abgelehnt. In seinem Bericht nach Washington führte Page auS: „Die Vereinigten Staaten sind die einzige unbeteiligte Macht. Sie werden daher höchstwahrscheinlich in der Lage sein, eine nützliche und historische Rolle zu spielen. Diese Rolle wird
dem Präsidenten Wilson eine grobe Gelegenheit geben. Sie wird uns voraussichtlich politisch und ganz gewiß winschafstlich nüyen.“ In feinen weiteren Ausführungen schildert Page anschaulich, wie der Kriegsausbruch die Botschafter Deutschlands und Oefterreidi-Un- aarns, die beide ihre Botschaften dem Amerikaner Übergaben, tief erschütterte.
Zum Schluß schildert Page eine Unterredung, die er am 4. August nach Versendung des Ultimatums an Deutschland mit Sir Edward Grev hatte. Aus ihr fei der folgende Wortwechsel wiedergegeben: „Erwarten Sie. daß Deutschland das Ultimatum ennimmt?“ so fragte Page. Grey schüttelte das Haupt. ..Rein, selbstverständlich weiß jeder, daß es Krieg geben wird. Es gibt ein Deutschland von Mannern wie wir, das Deutschland der Lichnowsky und Zayow. Dann aibt es aber ein Deutschland der Kriegspartei. Die Kriegspartei har jetzt die Oberhand.“ Unter der Einwirkung der Aufregung jener Tage, die vorher- gegangen waren, verlor Grey etwas die Fassung. ES kamen ihm Tränen in die Augen, als er zu Page sagte: „Sv sind denn die Anstrengungen eines langen Lebens für mich umsonst gewesen. Ich habe das Gefühl eines Mannes, der fein Leben verschwendet hat.“
Aus Stabt unb Canb.
Dietzen, den 3. Rov. 1921.
♦♦ Eine wichtige Entscheidung für Grundbesitzer. Die vielumstrittene Frage, ob auf Grund des Zuwachssteuerge- seyeS vom 14. Februar 1911 Zuwachssteuer bei Grundstücksverkäufen zu zahlen ist, wenn infolge der Vergleichung des ErwerbSpreifeS und des Veräußerungspreises ein zahlenmäßiger Zuwachs sich dadurch ergibt, daß das in Goldmark auSgedrückte Anfangsvermögen mit dem in Papiermark bestehenden Endvermögen verglichen wird, ist vom Bezirksausschuß in Aachen in verneinendem Sinne entschieden worden. Der Kläger hatte ein 1908 für 23 000 Mark gekauftes, durch Neubauten auf einen Wert von 34 000 Mark gebrachtes Haus 1920 für 57 000 Mark verkauft und war deshalb von der Gemeinde I. zur Zuwachssteuer mit 2039 Mark herangezogen worden. Auf seine Klage hat ihn der Bezirksausschuß aber von der Steuer freigestellt. In den Gründen heißt es, bei der rechtlichen Beurteilung des Falles sei davon auszugehen, daß das Gesetz aus dem Jahre 1911 stamme und den rv ^-bienten Ko j ti k urg^toinn hib: beste em wollen. D i e ä u jener Zeit maßgebenden Gesichtspunkte seien daher für die AuSlegungdesGesetzesauSschlag- gebend. Der Gesetzgeber habe den Gewinn treffen wollen, der infolge von Maßnahmen der Gemeinschaft den Wert des Grundeigentums unverhältnismäßig gesteigert habe. ES sei aber nicht die Absicht des Ge» seygeberSgewesen.einenreinzah- lenmäßigenMehrwert, der aber rein hier in Wirklichkeit Derlust bedeute, noch im Wege der Steuer zu treffen. Irreführend sei die Bezeichnung Mark für Einkaufs- und Verkaufspreis. Denn 1908 habe die Mark Goldwährung dargestellt, 1920 Papierwährung. Das habe der Gesetzgeber nicht voraussehen können. Es wider- preche allen wirtschaftlichen Anschauungen, die Papiermark deS Jahres 1920 lediglich auf Grund der gleichen Bezeichnung der Goldmark des Jahres 1908 gleichzuseyen. In Wirklichkeit habe her Kläger keinen Gewinn, sondern Verlust bei dem HauSverkauf gehabt. Er sei daher von der Steuer freizustellen.
•• Wissenschaftliche AuSste 1 - lung. Wie aus dem Anzeigenteil ersichtlich, trifft in den nächsten Tagen das Volksmuseum „Der Mensch“ hier ein und wird im Hotel Einhorn für kurze Zeit zur Ausstellung gelangen. Don Behörden und wissenschaftlichen Autoritäten werden die auS dem Atelier des UniverfitätSplafttkerS und Präparators E. E. Hammer - München stammenden Präparate und Modelle als das Beste bezeichnet, was
bisher auf diesem Gebiete gezeigt wurde. Dee Besuch der Aufstellung wird dem gereiften Publikum in weitgehendster Weise empfohlen. Die Präparate sind in den meisten Fällen direkt nach der Natur hergestellt und durch Abgüsse von Leichen aus der UnivelfitätSklinU München gewonnen.
•• Entrichtung ber Umsatzsteuer. Durch ben zur Zeit dem Reichs rat Doriicaenbcn Entwurf eines Griene« bclrtMcnb Abänderung des Umkioflcuergcleiu« vorn 24 Dezember 1919 füll der Steuerpllichiige verpsiichtcl n?ceben. Innerhalb eines Monat» rach Ablauf eine« jeden Kale ndervierteljadres eine dem erzielten Umlatz entsprechende Vorauszahlung zu leisten 0 r ft mal« hätte diese Dorauszabluna im April 1922 zu erfolgen Da aber gleichzeitig mit diesem Zeitpunkt die Umsatzsteuer für 1921 zur Veranlagung kommt und bic festgesetzte Umsatzsteuer innerhalb 14 Tagen nach Zustellung bes Bescheids zu egt- richten ist, so machen wir toieberbolt auf bie schon jetzt statthaste freiwillige Vorauszahlung für die Umsatzsteuer 1921 aufmerksam, ba es tanr wirtschaftlich leichter sein wird, die im April 1922 rwrgeschri denen Vorauszahlungen auf bi< Umsatzsteuer 1922 zu leisten Diese freiwillig« Vorauszahlungen werden vom Tage der ,Gablung dis zum Tage ber Fälligkeit, spätesten« bis zum Olblauf breicr Monate nach Schluß be« Steuer- abschnitt« mit 5 Prozent verzinst.
" Fahrradbiebstahl. Am 31. Dftcber ds Is. nachmittags zwischen 5 unb 6 Uhr. wurde auS dem Hose Frankfurter Straöe 53 dahier ein daselbst ausgestelltes Fahrrad (Marke CpeL Fabrikrummer 392 644) entwendet. Vor Anstutf wird gewarnt.
•* Fichtendeckreiser. Wie wir hören, bat die Stadtverwaltung noch einige hundert Wellen nachträglich angefallener Fichtendeckreiser abzugeben.
Landkreis Gießen.
*Großen-Buseck. 2. Rov. Am Dienstag» abend fand im Saale be« Gastwirt« Brück eine stark besuchte Versammlung ber Deutsch- nationalen Volk-Partei statt. Dce Redner, Prof. Dr. Werner- Butzbach unb Eifer- Muschenheim. ernteten mit ihren klaren, sachlichen Ausführungen reichen Beifall.
Jttrcie Büdingen.
)( Ortenberg, 2 Rov. Der zweite Tag be« Kalten Marktes brachte zunächst ben Rindvieh- unb Schweinemarkt Ueber 100 Kühe wurden aufgetrieben, sofort entwickelte sich bd großer Rachfrage ein überaus flottes Geschäft. Die Preise bewegten sich zwischen 7000—12 000 Mark. Die Preise für Schweine zogen bei geringem Angebot sehr stark an, Ferkel kosteten 120-150 Qlif., Läufer 500—700 Mk. Auch ber Pferdemarkt war am zweiten Tag noch lehr groß, fast alle Tiere waren am Schluß verkauft. Die VormittagSzüge brachten immer neue Menschen- massen, so bah Tausenbe unb Abertausende den Markt bevölkerten, unb schon um ble Mittags- stunbe in ben Straßen, an ben Ständen und tn den Wirtschaften ein oft fast lebensgefährliche« Gedränge herrschte und sich überall ein glänzendes Geschält entwickelte. Glücklicherwejse hielt ba« schöne Weiter bi« zum Qtbenb an. bann setzte ein vorübergehender Regen ein. Die Eisenbahn war trotz mehrerer 6rtra3Üge und weitgehendster Vorsorge kaum in ber Lage, ben Verkehr zu bewäl- tiv e i Am dritten Tage f au le der Terf h wesentlich ab, leider war auch da- Wetter sehr unbeständig. — Der hiesige V. H. L. unternimmt am nächsten Sonntag, ben 6. b«. Mi-., eine Wanbe- r u n g nach Usenborn.
)( Usenborn, 2 Rov. Da« für Sonntag den 6. Rovember angesagte Kirchenkonzert muß um 8 Tage verschoben werben.
Jftrciö Lauterbach.
la. Schlitz, 2 Rov. Ein bedauernswerter U n g I ü d i f a 11 mit tödlichem Au-gang ereignete sich hier. Die 77 Iahre alte Ww Anna Kaih. Adolph stürzte im Hau« die Treppe herunter und erlitt dabei so schwere Verletzungen, daß sie, ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben, daran kurz darauf starb.
Kreis Schotten.
§ Groß-Eichen. 2. Rov Sin folgenschwerer Unfall trug sich in einem hiesigen Hause zu. Dort weilte allein in der Küche ein vierjähriges Töchterchen, dessen Mutter vor vier Iahren verstarb. Eine Verwandte führte den Haushalt und die Aufsicht über das Kind. Die Frau war xum Hol,stalle gegangen, um Holz zu holen Während dieser Zeit kam ba« Kinb dem Herbfeuer zu nahe, seine Kleider fingen Feuer unb bas arme Kind verbrannte.
§ Aus dem Vogel«berg, 2. Rov. Die Herbstbestellung geht Ihrem Ende zu.
Der Schuh im Blut.
Roman von Horst Dodemer.
28. Fortsetzung. (Rachbruck verboten.)
.Keine Spur, bei und wenigsten« ist der Hirsch nicht gestreckt worden, vielleicht wo anders ober er ist vergrämt, bann wirb er eines Tageschon toicbcrtommcn!“
Unb er kam wieder! In einer tollen Rächt, ber Sturm heulte durch bie Wälder, Regenschauer prasselten eine halbe Stunbe vom Himmel, ber Mond war oft van schaellsegelnden Wollen oer- bedt Ein Weiter, wie cs ber Hirsch in ber Brunst liebt. Da vergißt er zeitwriliz alle Vorsicht. Sein Kampfruf fordert bie Gegner heraus. Den Hochgewrihten erkannte man an seinem tiefen Basse eine Melle weit.
Die Kugelbüchle, die Hans tagsüber im Walde in einer dichten Tannenschonung versteckt hielt, zitterte vor Aufregung in seinen Händen. Der Schweiß perlte ihm auf ber Stirn. Näher unb näher pirschte er sich an ben Achtzehnende'- heran Gr konnte ihn noch nicht sehen, aber höchsten- dreihundert Meter fta. b er von ihm auf ber groben Waldblöde. Da würbe ihm alles gleichgültig, wenn er ben Hochieweihten nur mit einem guten Blatischuy auf bie Dede legte. Unbedingt mußte er im Feuer zu lammend rechen unb baim bas Beil heraus unb schleunigst bas Geweih, gelöst, bas Wildprct konnten bie Füch e Haden. Dann würde er auch Ruhe bekommen, tat keinen Sch äit mehr in fremdes Revier . . An ben letzten Siämmen des Hochwaldes schob er sich auf allen Vieren vorbei, buchte sich hinter einem Baumstumpf. Wieder einmal jagten Wol
ken über den Mond, unb feiner Regen sprühte! ihm in s Gesicht. Rur eine Sorge hatte er, bau • ber Hirsch Unterbetten weiter wech ein könnte. Er lauschte auf sein Schreien. Zweifellos entfernte er sich Zog er schon jetzt zu Holze? Cs war kaum anzunehmen. Aha, da drüben am Waldrand schrie jetzt ein junger Hirsch, den wollte sich der Achtzehnenber wahrscheinlich laufen. Allo versucht, weiter vorwgns auf bie Walbdlöße zu kommen, auf einen Fleck, von bem aus man weiteren Uebcrbltd hatte — unb sich nalürlich unter bem Wind gehalten. Solch eine Pirsch war etwa- anderes, als einem armseligen Halen bas Lebenslicht auSzublalen . . . Zehn Minuten später hatte er einen einsam stehenden Wach- dolderbusch erreicht, der deckte ihn gut. Unb nin die Aug^-n aufgemacht! Roch konnte er nichts sehen, aber ber G.weihte rih mit den Läusen vor Erregung den Boden auf, schrie wie toll inb jagte bann in langen Fluchten hin und her. ilnb der vcrfl..... .Schneid r“, so nennt man junge Hirsche, schrie bald hier, bald da. Die grotze Frage war-, ob er den Achtzehnender, ben bie Liede ganz verrückt, gemacht hatte, gut vor bic Büchse bekam. Han« sah nach dem Himmel. In ein paar Minuten lief keine Wolle mehr unter ber Mondsichel. Wenigstens eine Viertelstunde nicht. Die Viertelstunde mitte er nutzen! ... E: schob sich näher an den Hirsch heran, ein Weidmann hätte seine helle Freude an solcher Pirsch gehabt, — wenn fie ehrlich gewesen wäre. Der Hochgeweihte bi ich unr-b g, jagte in langen Fluchten umher, geduldig h.etz es warten, bis er an seinen Standort juradtearte — und sich zu hüten, bem Prachtkerl nicht in ben Winb zu kommen . . . Aas einer Uiertcttlunbe
। wurde eine ganze, da zeigte ber Hirsch auf fünf- I unbzwanzig Gänge gut bas Blatt . . Die Büchse
lag fest an HanS WärhahnS Schulter, ruhig krümmte sich ber Finger am Abzug, bas Korn brohte bei schlechtem Lichte zu verschwirtben, jetzt — gerade wollte bet Hochgewechie sich auf ben Läusen Herumwerfen, — fuhr bas Feuer aus bem Roh e. Roch drei, vier Fluchten unb er brach zusammen. 5>an« lub von neuem; versuchte bas tDei6tour.be Tier hochzugehen, einen Schuß auf den Hals unb bann bas Bell gezückt unb das Geweih gelöst . . . Der Prachtkerl war noch nicht txtendet. versuchte auf bie Läufe zu kommen, es blieb Hans nich^ anderes übrig, als ihm ben Fangschuß zu geben, höchst ungern tat er bas, war der Förster oder ber Baron im Reviere. konnte ihm da« schlecht bekommen Er hatte leine Zeit zu warten, bis dieses Prachttier im Wundbett v.rendet war. Roch ein Röcheln, bie Läufe schlugen ein paar Mal au«, bann ftreJte sich ber Hirsch zum letzten Male. Unter- besten hatte HanS die Büchte wieder geloben, er legte sie neben sich, nun das Beil heraus . . . War bas eine schwere Arbeit, wenn man nicht verstaub, das Geweih zu lösen. Haben wollte er es unbedingt, unb wmn er auf Tob unb Leden darum kämpfen mußte. .... Ra endlich! Roch zwei Hiebe. Hirnschale und Geweih war gelöst, ilnb nun sich schleunigst aus dem Staube gemacht, hinein nach Fritzlar, damit seine Fährte oeraxt- tert tour-'c Denn ber Baron Icp’e auf sie natürlich sofort ben Hund an . 3n langen
Sätzen, das Gewehr über der Schuller, rille er durch ben Hochwald, nun quer ben Feldweg an Hadamar vo.bei. und dann eril einmal in Fritzlar irgendwo das Geweih versteckt. 3a, wo denn? Sei Atem pfiff ihm vom raschen Laus aus der Kehle, über und über war er in Schweiß gebadet. — da blieb er stehen unb überlegte, wohin er das Geweih einstweilen schaffen könnte. I
er nicht bei sich.
lFortsetzung folgt)
Ach was, er trommelte einfach einen seiner Spießgesellen heraus. Würde der sich ärgern. Langsam ging er weiter, noch eine halbe Stunde und er war in Fritzlar. Unb nun fingen die ‘-Rebel an zu steigen, kündeten ben herannahenden Morgen an, hüllten ihn ein, ba lachte Han« schadenfroh auf, Glück mußte bet Mensch haben! Kaum hatte er ba« gebacht, wurde er über ben Hausen geritten, ein großer Hund biy sich an seine Brust fest, versucchte seine Kehle zu erwischen. Schnell hielt Han« die geballte linke Faust vor ben Hal«, mit ber rechten Hand suchte er bas Bell frei zu bekommen. Der Hunb bellte, biß ihn in« Ge
sicht. Also man war hinter ihm her. Da« Bell bekam er frei, ber Hunb hing an seinem Handgelenk, schnell griff die linke Hand zu. Der Hied war nicht stark genug, glitt ab von Fell, traf mit ber Schneibe sein Knie. Beinahe hätte er vor Schmerz auf geschrien. Unb das Bell mußte es schaffen, bie Büchse bekam er doch nicht von ber Schuller. Der zweite Hieb saß in ben Weichen des Tieres, e« heulte laut auf ble Unke Vorberpfote lag auf feinem rechten Auge Kraft hatte Hans für btei, er packte bie Pfote riß ben Hand zur Seite, da« Beil blitzte, mit ber Schneibe schlug er dem treuen Tiere den Schädel ein Unb nun schleunigst weiter! Gr kam nicht hoch! Sein Knie war angefblittert einen Stof
-gesplittert, einen Stol hatte Da stützte er sich auf feine Buch'«. D-.e Schme-zen machten ihn wah-finnig. Rur muhsettg humpeln tonnte er. Aber fort — forti Hinter dem Hunde kam natürlich der För- s'er! Ober gar bet Baron! Dann schoß er sich eine Kugel durch den Kopf.


