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Itt. 256 Zweller Blatt Siehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)_________Dienstag, November 1921
Die englischen Auswanderer vor verschlossenen Türen.
Sie Irbdiilofiattii, die sich in England so ftarf bemerüiar macht. bat bcuu geführt. bnl die ätegteruiuj bie 21u»lDanterer. ctoegung nach Äräf- len unierftuote. um die unnützen Sifer au4 der Hetmai zu entfernen und eine \irlci4)terung für vle SurudMcibcnOen zu verichässen. 2tlan machte bi den Dominions für diese Beilegung Reklame unb malte besonders den Australiern in glühenden Farben den groben Autzen, der ihnen durch das Etnströmen vieler Tausender englischer Bürger für bie Ausbeutung der Naturschätze geboten werde Aber die Dominions toollen von diesem ihnen so ofsensichtllch autgebrangien Segen nichts wissen, unb es stellt sich heraus, daß eine Periode wirtschaftlicher Krisen, wie augenblicklich herrscht, der ungeeignetste Zeitpunkt ist. um eine grobe ÄuSwandererlewcgung hervoczurusen. Wie der Sekretär der englischen Arbeiterpartei Arthur Gceenwood In einem Aussatz der »Daily News" hervorhebt. haben die englischen Dominions aus das energischste gegen die Einwanderung aus dem Mutterland« protestiert. Die Verhältnisse sind ja in allen englisch sprechender! Ländern der Wett sehr zugespitzt, überall herrscht Arbeitslosigkeit. So erklärte der Hohe Kommissar für Kanada. Sir George Perley, bat) Kanada sich entschieden flegen jede Einwanderung aus England zur Wehr etzen müsse, well auch Dort sehr viele Arbeiter unbeschäftigt seien. Die Zahl der Arbeitslosen beträgt allein in Toronto 30 000. Dieselbe Erklärung wurde von der Regierung in British-Eo- lunwien abgegeben, und eine dringliche Warnung erlassen, ja nicht ohne Geld oder seste Stellung nach diesem Lande auszuwandem. Auch das australisch« Arbeitsamt hat sich mit der Einwanderungsfrage eingehend beschäftigt. Es teilte mit, bat) sich In Sidney eine grobe Anzahl kürzlich angekommener Rlänner befindet, die keine Arbeit finden, dem grftbten Elend ausgesetzt und ehne Wittel sind, um nach England zurückzukehren. 3ete Gewerkschaft In Australien weist eine grobe Wenge unbc'«bafügter Mitglieder auf. Die groben Ausiedlungsplane in Australien, von denen jetzt so viel gesprochen wird, tonnen erst nach langer Vorbereitung der Verwirklichung entgegengefüw werden, und für die Anlegung von Eisenbahnen unb Wegen ist zu blefem Zwecke mehr Geld nötig, als die australische Regierung aufbringen kann. Die englischen Auswanderer stehen daher in den eigenen Dominions vor verschlossenen Türen.
Das Geheimnis der Indexziffern.
Die sog. Onbejfltffcrn, durch die der Grad der zu einer bestimmten Zeit herrschenden Teuerung zahlenmühig angegeben wird, spielen leider in unserem Leben eine große Rolle, und gerade jetzt werden mit der neueinsetzen- den Teuerungswelle neue Steigerungen die- 1er Ziffern bekanntgegeben. Was nun aber Hefe Zahlen eigentlich bedeuten, wie sie errechnet find, welche wirklichen Tatfachcn sich hinter iynen verbergen, darüber find sich die meisten im Unklaren, und dazu trägt auch das Durcheinander dieser Ontekzissern viel bei, die von den verschiedenen Aemtern in verschiedenartiger Weise berechnet werden. Einen Einblick in die Methode der Feststellung dieser Teuerungszahlen gewährt Dr. Friedrich Lüb- swrs in einem Auffay von „ReclamS Universum". Rach der Methode der Reichsstatistik werden bte Kosten der Lebenshaltung, soweit Rahrung, Wohnung und Beleuchtung In Frage kommen, an einer Rormalration gemessen, die den Bedarf einer fünfköpfigen Familie von zwei Erwachsenen und drei Kindern von 12, 7 und l*/t Jahren In je 4 Wochen darstellt. Für die Ernährung sind in diesem Zeitraum folgende Mengen angenommen: 47 000 Gramm Roggenbrot, 15 000 Gramm RährmiNel, 70 000 Gramm Kartoffeln, 30 000 Gramm Gemüse, 1500 Gramm Fleisch,. 3000 Gramm Schellfisch, 1500 Gramm Speck, 4500 Gramm Fett, 1500 Gramm Salzheringe, 3000 Gramm Dörrobst, 3500 Gramm Zucker, zehn Eier, 28 Liter Dollmilch. Die Kosten für diese
Kriegerehrungen.
(Sieben, ben 31. Ott 1921.
3m Wal b. 3- regten wir an. bab bei einer beabsichtigten Ehrung von gefallenen Kriegern durch Errichtung von Denkmälern irgendwelcher Art Sachverständige und Künsller zur Beratung sowie zu Entwürfen oder Ausführungen heran-
RahrungSmengen werden am Schlüsse jeder Dersorgungswoche für den damit ablausenden Bienvochenabfchnitt berechnet: zunächst, soweit sie auf Marken noch erhülich sind, bann insoweit sie im freien und Schleichhandel zugekauft werden müssen. Diese Preise des freien Handels werden amtlich unter Mitwirkung eines Ausschusses berufener Sachverständiger für den 15. jedes Monats festgcstellt und dann aus den Preisen vom 15. des einen, und boin 15. des nächsten Monats Durchschnittspreise für den ersten, sowie für den 23. und 8. des Monats berechnet. Zu diesen RahrungSmitteln tritt eine in der Reichsstatistik vorgesehene Menge Brenn- und Leuchtstoffe, die nach den ortsüblichen Preisen angeseyt werden. Für die Heizung nimmt man eine Wohnung an, die aus zwei heizbaren Zimmern, 1—2 Schlafkammern und Küche besteht. Die auf diese Weise errechnete Zahl wird Teuerungszahl 1 genannt; sie betrug beispielsweise für die 4 Wochen vom 29. August bis 25. September 1921 in Leipzig gerade 1000 Mk. Während die statistischen Aemter der großen Städte ihre Teuerungszahlen selbst berechnen, haben sonst die Gemeinden mit mehr als 10 000 Einwohnern nur die Verpflichtung, die amtlich verteilten RahrungSmittelmengen und -preise festzustellen und an die statistischen Zenttalämter zu melden. Es ist dann Aufgabe der Landes- zentralümter, die TeuerungSzahlen für alle in Bettacht kommenden Gemeinden des Landes zu berechnen und dem Statistischen Reichsamt zur Deröffentlichung zu berichten. Die von den Zentralstellen berechneten TcuerungS- zahlen, die besonders für die Ortsklassenein- tcilung der Gemeinden dienen, bieten aber nicht immer brauchbare DergleichSmöglichkeit, da bei der Feststellung der Preise verschiedene Grundsätze beachtet werden. Don manchen statistischen Aemtern werden außer für Rührung, Wohnung, Heizung und Beleuchtung auch noch Indexziffern für sonstige Lebensbedürfnisse, insbesondere für Kleidung. berechnet. Jedoch ist eS außerordentlich schwierig, eine Bedarfsumme aufzustellen, die das Existenzminimum für die vielfachen Lebensbedürfnisse festlegt. Eine gewisse Willkür ist da nicht zu vermeiden. Dor allem müssen Mindestbeträge angeseyt werden, die von keiner Seite als zu hoch angegriffen werden können. Dabei ist zu berücksichtigen, ob die notwendigen Gegenstände überhaupt erhältlich sind und ob sie trotz der Teuerung auch wirklich angeschafft werden. ES ist möglich, Lebensbedürfnisse wie Genußmittel, Körperpflege, Ausbesserung von Kleidung, Abschreibung auf Wirtschaftsgegenstände, Ausgaben für Verkehr-, Kultur- und UnterhaltungSzweckc und Abgaben zu beziffern, während Reuanschaffungen von Kleidung, Wäsche und Schuhwerk nicht berücksichtigt werden können. Die auf diese Weise entstehende Teuerungszahl 2 wurde z. B. in Leipzig für den Dierwochen- abschnitt vom 29. August bis 25. September mit 454 Mk. angegeben. Die Schwierigkeiten, den gegenwärtigen tatsächlichen Bedarf an Kleidung, Wäsche und Schuhwerk zu erfassen, sind so groß, daß darüber erst genaue Erhebungen in Arbeiter- und Angestelltenkreisen an den verschiedenen Orten vorgenommen werden müssen. Der Bestand an Dorhande- nem ist so verschieden, der Bedarf so individuell, daß diese Berechnungen willkürlich bleiben müssen.
gezogen werben möchten. Wir wollen doch ben teuren Gefallenen in der Heimat ein Denkmal von bleibendem Werte errichten, ben örtlichen Verhältnissen unb den zur Verfügung behenden Mitteln angepabt. ein Denkmal, auf bas auch die kommenden Geschlechter gern ihre Blicke lenken, und durch da» sie an die eindrucksvolle, schwere KriegSzeit und deren Opfer gemahnt werden Ze zwangloser sich eine solche Ehrenbezeigung der Oenlichkeit einfügt, desto lieber und vertrauter wird sie uns.
Soweit wir bisher aus Mitteilungen in unterem Blatte ersehen konnten, scheint im allgemeinen das Verständnis und der Wllle zur müi- bigen Lösung dieser Ausgabe zu herrschen
Wir berichteten, bah in Lollar die Sängervereinigung eine Ehrentafel eingeweiht ha: 3n Erainfeld find auf einer Höhe in einem Granitslein die RameN verzeichnet, in Hirzenhain find sie in eine Säule in der Kirche eingemeihclt nach Entwurf von Bildhauer Ködding. Auf zwei Tafeln mitten im Dorf sind in Grebenhain die Gefallenen angegeben. Auf dein Friedhöfe in Hausen ist am Waldrande ein Granitblock mit Tafel errichtet Fauerbach hat ein Denkmal auf dem Friedhöfe, in Flensungen war die Wethe. 3n der Kirche zu Lllrichstein befinden sich zwei Holztafeln von Waler Delte-Riederram stabt zu beiden Seiten deS Altars. 3n der Ausführung begriffen sind Denkmäler in Wetterfcld. ein Riesenkreuz auf einer Höhe, In Rödgen nach Entwurf von Architekt Burg, in Schlitz eine verjüngte Säule nach Angabe von Pros. Walbe, in Ortenberg eine große Tafel von Waler Veite, in Ruppertenrod auf dem Friedhöfe ein Denkmal nach Entwurf von Prof. Walbe. Andere Orte haben eine Ehrung beschlossen, so Orienberg eine Gedenktafel nach Pros Waldes Entwurf, Lang-GönS ein Denkmal auf dem Kirchenplatze. 3n Grünberg ist noch keine Einigkeit erzielt. Obbornhofen plant eine Kriegerdenkstätte aus dem Friedhöfe ober Kirchenplaye Dodenhausen plant ein Denkmal auf dem Platze vor der Kirche, umgeben von großen Linden unb Fichten. Eine ähnliche Anlage plant Lollar bei tem Friedhose von Kirchberg.
Ein Entwurf für diesen Ort ist ausgestellt in der Ausstellung von Entwürfen zu Kriegerdenkmälern in Wainz, die mit Llntcrstützung der staallichen DerfotungSstclle für Kriegerehrungen von der Mainzer Kunstgewerbeschule veranstaltet ift
Wir können den Besuch dieser Ausstellung, die bis zum 6. Rovember einschließlich geöffnet ist, auS eigener Anschauung empfehlen. Sie mannigfaltigen Entwürfe, zuwellen den gegebenen Verhältnissen vorzüglich eingegliedert, geben Anregungen und erleichtern oft die Wahl des Denkmals und deS auSführenden Künstlers.
Die Entwürfe des Architekten Ehr. Musel in Main; lassen z. B. ein vorzügliches Anpassungsvermögen und Formgesühl erkennen Erwähnt sei von ihm nur eine alte gotische Türfüllung, in die er eine prächtige Gedenktafel hineinkomponiert Hal. Auch der Regierungsbaumelster Wickvp, Architekt in Köln, hat geschickte Denkmäler mit gärtnerischen Anlagen entworfen.
Sehr schöne farbige Holztafeln. dem Eharakter der Landkirche angepaßt, finden wir im Entwurf von Maler Rücken-Mainz im Auftrage des Bayerischen LandeSamtS für Denkmalspflege für die Orte Waldbrunn. Amberg, ilrfa&t, Königshofen a. T. Ebenso sind gute Arbeiten vertreten von dem schon erwähnten Maler Velte-Rieder- ramstadt für EichelSdorf—Einartshausen, Rieder- ramflabt, Traisa. Riederweisel. Laubach.
Auch vom Geh. Oberbaurat Walbe in Darmstadt sind gute Entwürfe ausgestellt, gleichfalls vom Bildhauer Karl Schäfer in Langen verschiedene Sieintafeln. Erwähnt seien noch die Arbeiten von Architekt Ernst Weinschenk und Bildhauer Wodo-Lowih, Mainz.
Architekt Eberle unb Bildhauer Preisinger in München haben ein schönes Kapellchen entworfen, ebenso Architekt Wagner-München. Gute Kapellen unb Tafeln zeigt auch Dilbhauer Valentin Kraus- München.
Wie man einen alten freistehenden Daum mit schöner Krone zu einer Komposition vorteilhaft benutzt, zeigt der Entwurf zu einer Ehrengedächt- nisstätte des Bayerischen Kriegsbundes für München. Unter dem Daum steht eine schlichte Kapelle, an die sich eine Mauer schließt, die ben Raum abgrenzt unb durch eine einfache Pforte über Eck Einlaß gewährt. ____
Gute GlaSgemälde stellt Albert Fiegel in München aus
Erwähn, seien noch tue räumlich gut eingefügten Plastiken von Professor Franz Shrenhofer. Bildhauer in Bozcn. sowie gute Tafeln. Säule« u. a. von Prof M. Heilmcier, Brldteuer in Qiürn- berg, gleichfalls aus Holz geschnitzte Engel, eine Tafel tragend, von Bildhauer Heinz Schieftel- Würzburg Siretlor Pros Elsässer. Architekt in Köln <trüber ötuttaart' zeigt beachten.werte Tafeln in Mauer- und Kirchenuxind sowie kapellen- artigen Anbau an eine Kirche. Bildhauer Odly- Frankfurt a. M führt mii dem preisgekrönten Entwurf für den Ehrensriebhof zu Frankfurt gute Tafel i vor Vielgestaltig sind allo die ausgestellten Zeichnungen und Modelle und anregend zur Prüfung etneS geeigneten Denkmals.
Auch für oberhefftsche Orte finden wir Entwürfe. für den Kreis Gießen allerdings lauter Säulen. Von einer weiteren Entschließung für Säulen möchten wir abraten Wenn die Säulen auch voneinander abweichen, so entsteht doch eine gewisse Einförmigkeit, die ja gerade durch Anpassung an die besonderen örtlichen Verhältnisse vermieden werden soll. Dem dörflichen Charatter paßt sich eine Säule unseres Erachtens im allgemeinen auch schwieriger an als irgendein anderes Denkzeichen.
Deshalb unterstützen wir die Anregung des KreisamteS Gießen zu regem Besuche der in den Räumen der Kunstgewerbeschule in Mainz, Clara- straße. besindlichen Ausstellung. Etwaige Anträge wegen gemeinsamen Besuchs und Führung werden vom KreiSamt Gießen, wie eS uns mltteut, sofort entgegengenommen L
Kriegerehrenkafel-Schwktdel.
Sin begreiflicher Wunsch aller Kriegshinterbliebenen ist, ihre teuren Toten öffentlich dadurch geehrt zu leben, daß sein Aamc oder gar sein Bild in einer öffentlich aufgefleUtcn Ehrentafel verewigt wird. Das nützen gerissene Geschäftsleute au#, meist sind es schwindelhafte Reisende. die früher photographische Vergrößeran- gen vertrieben. Hetzt bereisen sie daS Land, um Bestellungen auf Vergrößerungen von Äileferbittern eirtgegenzunchmen und versp echen dabei, wenn eine bestimmte Anzahl zustande tarne, wurde ihre Firma eine öffentliche Ehrentafel für die Kirche stiften. Sie erschleichen sich daS Vertrauen durch Hinweis auf die Gemeinnützigkeit ihres Unternehmend oder dadurch, daß He hervorragende Persönlichkeiten als dessen Förderer angeben, oder endlich, daß sie sich auf die Kriegsbeschädigten- u rd KriegShll.tcrbiiete, en-lkrbänte beziehen. Man muß solche Geschäftemacher mit dem gebührenden Mißtrauen empfangen.
Aus Stabt unb Canb.
Gießen, den 1. Aov. 1921.
T>«erungszuschi1sse für Kriegs- befdjäbiflte und Kriegshinterbliebene.
Allen' Kriegsbeschädigten, die 50 Prozent Rente unb mehr beziehen unb allen Krleger- witwen welche Rente erhallen, werten auf Grund cineS Erlasse# des ReichsarteitSministerS vom 24. September 1921 taufende monatliche Teue- rungszuschüffe gewährt, die für die Zeit vom 1 August bis Ente Rovember dS. ZS. durch bie städtische Fürsorgestelle für K B. u K H zu Gießen. Asterweg 9. auSgezahlt werten. Die Zuschüsse für Schwerbeschädigte betragen 30 Mk. unb für jeteS zum Haushalt gehörige Kind unter 18 Jahren — für welches Rente bezogen wird — 15 Mk. pro Monat Außerdem erhalten Schwerbeschädigte die 70 Prozent Rente und mehr beziehen und nicht im Erwerbsleben stehen, einen besonderen Zuschuß von 20 bzw. 45 Mk.
Der Zuschuß für die Kriegerwitwen beträgt pro Monat 25 Mk. und für jedes renten beziehen de Kind 15 Mk. monatlich. Dieser Zuschuß wird jedoch durch die zuständige Postanstalt und nicht durch die Fürsorgestelle auSgezahlt. 2kußertem erhalten Kriegerwitwen. wenn sie e^werbSunsähig im Sinne deS § 31 Absatz 3 des ReichSversor- gungsgesetzes oder nach § 37 Absatz 2 desselben Gesetzes einer erwerbSunsählgen Witwe gleichgestellt sind unb nicht im SwerbSleten stehen, 15 Mk pro Monat. Die Auszahlung teS letz-
Der Schutz im Vlut.
Roman von Hör st Bodemer.
26. Fortsetzung. (Rachbruck verboten.)
.Mein Gott, da bringen Vie bald wieder einen Bock, biS zu hundert Mark sind Sie mir allemal gut! Und ter Herr Papa wird doch nicht so sein, und 3hnen ab und zu ein paar Taler geben I Der versteht doch auch zu leben 1“
HanS bekam einen roten Kops Sein Vater rückte keinen Droschen mehr heruuS. und was er von seiner Mutter zugesteckt bekam, war nicht ter Rede wert. Sie hatte versprochen, ihn nicht mehr heimlich zu unterstützen, wenigstens sagte sie das.
Der erste, der Verdacht schöpfte, war Großvater.
,34) feh dich oft mit ter Büchse weggehen, — ater daß du waS mit nach Haufe dringst, hab ich nie gehört!"
.Gin paar Mal daneben geböllert. Großvater Das Wild hält nicht mehr und die Jagd ist dieses Hahr schlecht!"
.Ach waS! 'An Hasen ist kein Mangel!"
Weiter sagte Großvater nichts, aber Hans merkte, testen Verdacht war erwacht, und da hieß eS vorsichtig sein.
Maria war noch bequemer geworden. Halte Tage lag sie auf dem Langstuhl und knabberte an Süßigkeiten 3hr Körverumfang nahm be- ttächtlich zu. Sie zuckte die Achseln. War daS ein Wunder bei dem langweiligen Leben? Wenn die Kleider zu eng wurden, mußte man neue haben. Da ergaben sich R isen nach Kastel vvv allein. Sie nahm ihre Tochter mit, ,damit sie aus dem Stallgeruch kamt und wann heraus- kam", mit ihrem Manne war wirkllch kein Stach mehr zu ntachen. Lind ter HanS fiel ihr auf die Rerven! Der Tag war sicher nicht mehr fern, an dem wieder einmal eine Dummheit von ihm zum Vorschein kam. Wenn man ihr auch lerne Vorwürfe machte, ihr Marrn wagte eS nicht, Groß
vater übersah sie jetzt in geradezu kränkender Weife, so traf sie doch jeteS Wort härter als den Zungen. Mochten die Männer sehen, wie sie mit ihm fertig wurden, ihre weiche Hand hatt? nichts erreicht, vielleicht hatte die harte teficre Erfolge. 3n Ruhe wollte sie gelassen fein, verpfuscht war ihr Leben doch. Kamen solche träte Stimmungen, dann ließ sie ihre schlechte Laune an ihrem Mann« aus. Dessen Wlllensttast hatte start nachgelassen, immer sester setzte er sich hinter die Rheinweinslasche. Er zuckte gleichgültig die Achseln und antwortete:
.Tu hast einmal gesagt, mir habe mein Vater daS Rückgrat gebrochen. Du hast ganz recht! 3ch bin wahrhaftig nicht mehr .herrlchsüchtig'. Mag sich die Jugend rumplagen l Dringt Gretel einen tüchtigen Landwirt an. immerzu, mag er sich mit meinen Vater rumärgern!"
Maria erwiderte nichts. Sie war ater nicht gewillt, das zuzulasten. Es kränkte sie, daß ihr Mann anschrir.e J> Hans auch aufgab ilm omebr verwöhnte sie ihre Tochter, kaufte ihr die schönsten Kleider, die modernsten Hüte. Rahm sie neuerdings stets mit, wenn sie nach Kassel zum Theater oder Konzert fuhr. Lehrte ihr LieteS- lieter fingen, möglichst rührselige. Bald war ter hübschen Gretel ter Kopf vollständig verdreht
Mit seiner Mamsell redete Ehristvph Wär- hahn oft über die Enkelin.
.Das Mädel wird noch ganz verdorben, altes Haus!"
.Es wär ein Hammer, Herr Oelonomierat! Sie wissen doch, ich war immer gegen .den Schuß im Blute!"
.Wie ein Dauernmätel steht Gretel doch wahrhastig nicht ar»! Lind einen Schwung hat sie im Leibe — alle Wetter! Sin^S Tages meldet stch haS Wärhahnsche Blut, und das ist der Tag dann, auf den ich lau re'"
Kams auf den Punkt, war ihr Herr empfindlich. Die Mamsell kniff die Lippen zusammen, suchte nach einer Antwort, d»e ihre Ansicht zur Geltung brachte ohne zu verletzen. Sagte schließlich:
.Sie mögen ganz recht Halen, Herr O^to- nomieDOil Ader solch du» .Rlljchunz" ist doch
immer eine verteufelt gefährliche Sache. baS sieht man doch an Hans!"
.Das verstehst du wirklich nichtl Wäre ter Zunge sofort scharf angepackt worden, er wäte ein Mordä^rl geworden! Es ist noch nicht zu spät! Rkanche Hoffnung muß ja begraben werden, geb ich zu. weiter aber noch nichts. 3ch glaub felsenfest, er wird noch einmal em ausgezeichneter Landwirt! Denn, alte» Hau», wenn er auf ter Schale auch nichts getaugt hat. geistig hat er viel mehr los als sein Vater! Wenn das Leben Han» erst tüchtig geprügelt hat. bricht über Rächt die kühle Hkmunft durch! 3ch möcht da» gern noch erleben, e» ist wirklich das Einzige, um was ich den Herrgott noch bitte!"
Die Gaste begriff nicht, wie ihr aller, sonst uiDernünftiger Herr stch so benennen konnte. Wie lange gedachte ter denn noch zu leben? Die Treppen kam er In ter letzten Zeit noch langsamer herab, und der Atem ging ihm auch schnell au». Sie fürchtete, große Ausregungen könnten den Oekonomierat aufs Totenbett werfen. Seinethalben drückte fie über Hansens zahllose Strei<te bie Augen zu. Wenn sie hätte reden wollens Lind kam e» zum Krach sagte ter Herr Oekonomierat womöglich: »Htmmelkveuz- tennenvetter, da ist man mit einer solchen Schachtel alt gewvrten, und sie tut nicht mal den Mund auf!" . . . Da erhob sie sich.
.Mögen Sie Recht behalten, vielleicht kommt HanS doch noch.ter Verstand über Rächt!"
Als sie wieder ein paar Schlechtigkeiten von ihm hörte, wollte sie chm die Leviten lesen. @r aber lachte sie au», kniff sie frech in die runzligen Backen.
.Altes Hau», sagt ja Großvater zu dir, und da i'y»t er wirkllch recht, bist wohl nie jung gewesen — he? We.nn ihr hier alle miteinander Trüb'al blast. ich blos nicht mit! Denn nötig haben es die Wär!)ahns doch tzxiß Gott nich.I Za, was macht man da, wenn man eure langen Gesichter sieht? Man geht dahin, wo gelacht wird unk" — er spitzte die Lippen — .geküßt. Kannst du mir das verdenken? Wirst s wobt 'rüber auch geformt haben, das Lachen und Äüfient Din ich jo all wie du, werd ich cruch
eine tugenbfame Jungfrau, öle mit mehr oder weniger innerer Zufnetenheit auf» Letenswert zurückblickt. 3ch werd« mir dann Mühe geben, mich ter besonder» schönen Stunden zu erinnerni Tu du'S auch! Mojen."
Ging lachend davon und schwenkte seinen Spazierstock durch di« Lust, genau wie ter Musikus Zoseph Sitten aus Dotesterg am Rhein feinen Regenschirm geschwenkt hatte, wenn er sich verteufelt Wohl gefühlt hatte.
Die hübsche Gretel Wärhahn und ihre elegante Mutter waren im Theater dem Regierung»- assesfor Äurt von Holtenau, ter beim Bezirks- Präsidium in Kassel tätig war, wiederholt ausgefallen. Er hatte vergeblich versucht, festzustellen, wie die Damen hie')en. Der Zufall fügte eS, daß er, von einem Besuche au» Züschen kommend — ter Baron begleitete ihn — aus dem Frihlarer Bahnhose die Damen >ah. Adalbert Züschen grüßte ernst. Vein Haar war säst weiß, feine Züge scharf geworden. Fröhliche» Reiterleben und Ostafrifo rächten sich. Seine beiten Zungen waren jetzt feine Wett, die Baronin war viel aus Reisen.
Der Rcgierung»assessor fragte, wer bie Damen seien.
.Schwiegertochter und Enkelin de» Oekono- mterat» Wärhahn! Das Mädel Hai sich in ter letzten Zeit tüchtig rau-gemacht!"
.Leben wohl in sehr guten Verhältnissen? Der Oekonomierat Wärhahn soll doch ein ganz hervorragender Landwirt fein?"
„3ft er auch! WaS ater sonst die Familie an betrifft, lieber Holtenau . . Ater erkundigen Vie sich wo ander», wenn 3hnen daran liegen sollte, ich eigne mich nicht zum Splitterrichteri Lind da kommt ter Zug! Leben Sie wohl — unb auf baldiges Wiedersehen in Züschen k"
Der RegierungSassestor wußte es einzurichten, daß er die zehn Minuten bis Wabern mit den Damen in einem Abteil fuhr. Darrn ßand e» bet ihm fest: er würde sich nach den Wärhahn» sehr eingehend erkundigen.
lFortsehung folgt)


