Ausgabe 
1.9.1921
 
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Donnerstag, I. September (921

Ul. Jahrgang

21uiiu4jit;t MB

|ürbie Iage*nummcr bis zum Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichbeit. Preis für \ mm hohe für Olnjtigeno 34mm Brette örtlich 40 Ps. auf wärts 50Pf-; für Nekiame. Anzeigen von 70 mm 'Breite 180 *Pi Bei Platz. Vorschrift 20 .Aufschlag. Haupijchriftleiter:.'lug. Görtz Verantwortlich für Politik: '.'lug. Goetz, für den übrigen Teil i D.: Aug. Goetz; für den Anzeigenteil: Hans Bech, sämtlich in Gießen.

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhesfen

vriick hrö Perlag: Sriihl'sche Unio. Such und Stein6ruderei H. Lange. Schristleitung, 6efd)äftsftellc und Drudcrei: Schnlftrahe 7.

Das deutsch-italienische Wirtschafts-Abkommen.

Das am 28. d. Mts. im Berliner AuSwär- n*en Amt unterzeichnete DirtfchaftSab- f5 m nt e n mit I t a l i e n ist in der amtlichen ?<rkffentlichunq ausdrücklich als ein oorläufi- L Lbkommen charakterisiert. 3n der Tat haf- feinen Bestimmungen durchaus noch der Sharaktcr einer improvisierten Bereinbaruna PL bie nur in rohen Zügen das große Gebiet chieS Handelsvertrages umschrieb. Man kann yn Vertrag im wesentlichen ansprechen als

Girierung des Zustandes, der sich in der Ijgberic'cn reglementlosen Zeit im gegenseiti- yn Handelsverkehr zwischen Deutschland und Jalicn herausgebildet hat. Der HandelSver- dhr bleibt nach dem Abkommen für einen sehr yp^cn Teil des Warenaustausches noch ge- knben an die Erteilung von Ein» und Aus- sUhrgenchmigungen durch beide Negierungen, ffür die Ausfuhr der Waren selbst ist Bor- bebfngunq immer noch das Vorhandensein eines UrsvrungSzeugnisseS. Die Warengattun- ßen. die für die Einfuhr aus Deutschland nach Sotten und ebenso diejenigen, die für die Ein- tzchr aus Italien nach Deutschland in Frage kommen, sind in zwei, dem Abkommen bei- «efüqten Listen genau umschrieben. Erfreulich an dem Vertrage ist, daß er auf völlige vegenseitigkeit abgeschlossen ist. daß Lenderunnen des gegenwärtigen Zustandes mir im Einverständnis beider Parteien ein- treten können. Auch ist für Streitfälle Gin- fmunq eines unparteiischen Schiedsgerichts Ältfacn.

Denn der Vertrag also auch an der stren­gen ^Reglementierung des 5>andelsverkehrs zvifcken beiden Ländern festhält, so bedeutet er doch einen großen Fortschritt schon deshalb, veil er der bisherigen vertragSlvsen Zeit ein Snbc macht. Er schafft die Vorbedingung für jeben gedeihlichen Handel, nämlich die Silberheit der Rechtslage für den Derkeh r.

Vehr bemerkenswert ist ein Nachtrag zu >m Vertrage, in dem festgestellt wird, daß Wmn bisher in Italien die Behandlung, velche deutschen Staatsangehörigen, Waren und Schissen inbezug auf Niederlassung, Be­rufsausübung. industrieller Betätigung und Verkehr zuteil wird, mit der Behandlung von etaatSanccbMqen und Schiffen anderer Na- tloicn übc-rinftimmt. Ein Unterschied besteht IcMqHd) noch in der Zollbehandlung, für deren künftige Regelung die Unterlagen noch zu schaffen sind.

Daß nun, nach dem Abschluß deS Frie­dens mit Amerika als erstes Handelsabkom­men mit einem früheren feindlichen Staate, dieses Abkommen mit Italien abgeschlossen Derben konnte, ist ein erfreuliches Zeichen da­für. daß sich die internationale Lage Deutsch­lands wieder stabilisiert und daß Handel und Dandel allmählich wieder in die normalen Dahnen einlenken können. Man kann diesen Vertrag auch zweifellos als einen schönen Er­folg der Politik der Negierung begrüßen.

Die Beisetzung Erzbergers.

Biberach. 31. Aug. (WTB.) Der Zug ut den sterblichen Leberresten GrzbergerS letzte sich von der Stadtpfarrkirche um 1 Uhr in Streutng. Voraus gingen zahlreiche Vereine mit Dusiktavellen und Fahnen. Hinter dem Wagen folgte die Geistlichkeit mit dem Weihbilchof D. Cprell. Frau Crzberger mit den beiden Brüdern de- Verstorbenen und den sonstigen Angehörigen, der AeichSkanzler mit den Mitgliedern der AeichLro ierung. teReichstagSpräsibent, die Ver'reter der württembergischen und der baye­rischen 7kgierung, die Abgevroneten, weitere Ver- einc ein nach Tausenden zählendes Gefolge. Um 1 Ufir 30 Minuten wurde der Sarg in die Erusl gesenkt. Nach einem Gelange des Kirchen- chorcs hielt Stadtpfarrer S ch w e i k e r t die Trauerrede, in der er den Verewigten als den Darm würdigt, der dem Gebot der christlichen siebe In dreierlei Beziehungen nach kam. 3n der siebe zu Gott, in der Liebe zum Volke und in der Liebe zur Familie. Nach Gebeten und nach einem weiteren Chorgesang führte

Reichskanzler Dr. Wirth aui;

Reichspräsident und die Reichsregierung ^Gmen dem großen schwäbischen V o l k s m a n n, 601 hervorragenden Parlamentarier und Staats­mann. dem Rcichsfinanzminister. 'cm verschie- tCT1 Kanzler, die Ehre und die Versicherung des stauernd-m Andenkens Vor t: eni n Ta ;en weilte 'm) am granffurt am Main anläßlich der Ge- öalt*crfammlung der Katholiken Deutschlands, jemand, der es nicht miterlebt hat. kann sich ^e Vorstellung machen von der unerhörten De- 5*Synfl. die die Kunde von der Ermordung Erz- vErgers. ja auch nur die Nennung feines Namens, die Redner unter den versammelten Tau- lvwen auSlöste. Aber nicht nur auf den Katho- nein, auf das ganze deutsche Volk. n'<^1 Haß und Verblendung das Urteil hat die Kunde eine ähnlich: Bewegung "selbst, insbesondere bei dem einfachen Volle,

bei dem arbeitenben Volle in der Welt derer, die die Arbeit leisten, bei den Hand- und Kopf­arbeitern. Heute sind nach Tausenden zählende Arbeitermassen in der Haupt st adtdesDeut- schen Reiche- in Bewegung. Die Welle kann ganz Deutschland durchziehen. Mancherlei G e - fahren können daraus entstehen. Wehe denen, die noch einen Tropfen in den übervollen Kelch schütten. Er kann überlaufen. A u s S neue kann das EhaoS über Deutschland heraufbeschworen werden. Linser toter Freund hat in den vergangenen Jahren den Zu­sammenbruch durch den Krieg lange voraus ge­sehen. Aber seine Warnungen blieben ungehört. Er wurde verlacht, verhöhnt. Sie erinnern sich an die schwere Stunde, wo eine Delegation zum Ab­schluß des Waffenstillstandes in den Wald von Eompiegne entsandt wurde. Erzberger war der Führer. Er bat sich zu dieser Arbeit nicht ge­drängt. Er hatte einen anderen vorgeschlagen. Die, die die Tkranttoortung zu tragen gehabt hätten, sind nicht gegangen. Der Rus des Reichs­kanzlers, Prinz Max von Baden, erging an Grz- berger. Er traf ihn in schwerer Stunde als ein Mann, der in christlichem Patriotismus sich seiner schweren Pflicht nicht entzieht. 3m Walde von Compiegne, da sah er den ganzen unermeßlichen Umfang des hereingebrochenen Unheils. Er hatte dem Stolz des Siegers, des Marschalls F o ch, unmittelbar au begegnen. Seine Haltung war rit­terlich und deutsch, nicht wie man gemeint hat, hündisch und feig (Bewegung). Auch ihm hat in jener Stunde das Herz geblutet. Er hat dem Be­fehl, der an ihn erging. Folge geleistet wie ein ein­facher Soldat, den ausdrücklichen Befehl, die Waf­fenstillstandsbedingungen anzunehmen, was auch kommen mag. Nur wer dieS miterlebt Hot, kann er­messen, waS es heißt, wenn ein Volt zusammen- zuckt in dem Schmerz, den ihn ein solcher Todes­stoß bereitet. Das war der erste schwere Gang unseres Freundes, und ich sage nicht zu viel, wenn ich c£ ausspreche, daß schon dieser Gang vielleicht fein Todesgang war. Aber das ist nicht die einzige Stunde, in der Erzberger seinen Mann stellte. Die zweite Stunde kam in Weimar, als der Friede zu unterzeichnen war, alS die Folge zu ziehen war aus Krieg und Niederlage. Da waren viele, die sich Patrioten nannten und die doch froh waren, daß Zen­trum und Sozialdemokratie den Dang nach Der- lailles auf stch nahmen. Jene erbärmlichen Wichte in Deutschland, die da höhnen, er habe den Gang getan, um sein Vaterland zu verraten, die sollten sich in bei: letzten Winkel verkriechen. Er sah ein Meer des Hasses vor s i.iem gütigen Auge. Dieser Haß reichte hinüber über den Atlantischen Ozean. Er sah Deutschland in der ganzen Welt als ein verhaßtes Voll. Da war er der Staatsmann, der sich "die Frage vorlegte, ob tiun wirklich die Stunde gekommen sei, wo durch den Einmarsch des Feindes das Volk auch noch des letzten beraubt würde, was es besaß. Was haben wir noch? Nichts als die Einheit. Unsere Waffen haben wir verloren. Aber um die Einheit zu retten, da riet Erzberger, den Frieden zu unterzeichnen. Das waren die stürmischen Tage von Weimar. In rastlosem Kampfe von früh bis spät tritt er gegen das drohende EhaoS, suchte er dem wan­kenden Bau neue Balken, neue Stützen einzu- fügen. Nach dem S^irze der Dynastien war die alte Macht dahin, die einst. 1871, begründet wurde. Wir wollen sie nicht verunglimpfen! DaS war die glückliche Zeit unserer Jugend. Wir brauchen nicht zu bangen um die Einheit des Volkes, denn diese war ja wohl begründet auf die Macht der Fürsten. Was aber war nach der Niederlage noch da? Früher haben die Dyna­stien die Länder zusammengehalten. Eie sind dahin. Es muhte ein neues Band geschaffen werden. Dieses große Werk kommt zum Ausdruck in den Eingangsworten unserer Verfassung: .DaS deutsche Volk, geeint in seinen Stämmen und dem Willen, fein Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuern, hat sich diese Verfassung gegeben". Das ist der neue demokratische Staatsgedanke. An seiner Wiege stand unser Freund Erzberger. ES war die Zeit, alS die rote Flut von Osten her uns zu überschwemmen drohte. Das sind seine Taten, das ist die gigantische Größe sei­ner Leistungen Ich tret') nicht, ob die heu­tige politische Welt vergessen hat, was da ge­leistet wurde unter der Führung unseres Freun­des Er hat sich als Schützer einer neuen Wehr­macht bewährt, indem er die Mittel für das erste Regiment aufbrachte. Er hat daS neue einheitliche Regierungswcsen für das Reich aufgerichtet. Wir müffen in dieser Beziehung auf das Mittelalter zurückgehen, um auf einen Gedanken zu stoßen, wie ihn Erzberger verwirllicht hat. Wir müllen Abstand gewinnen, um recht zu erkennen, was Erz- berqcr begonnen fiat Heute frfie* ;

wir zufammengebrochen wären unter der Last unserer finanziellen Verpflichtungen, wenn nicht rechtzeitig eine Grundlage und ein Organismus als Träger dieser Verpflichtungen geschaffen wor­den wären. Manche schleichen durch die deutschen Lande. Manche Schieber und Wucherer, die den Toten schmähten und sein Werk verneinen. Und doch bat es Früchte getragen! In dem ersten Vierteljahr dieses Rechnungsjahres können wir nicht weniger als 17 Milliarden an Steuern und Gefällen aufbringen. Unser Freund Erzberger stand fast allen jenen dunllen Eulen gegenüber, die ihm nicht glaubten. Er hat damals den finan­ziellen Zusammenbruch verhindert. Dieser Zu- fammenbrud) wird nur dann vermieden, wenn wir selbst alle einmütig Hand anlegen. Ihm ist cS ge­lungen, waS selbst einem Bismarck nicht gelang: eine einheitliche Post und Eisenbahn in Deutschland zu schassen. Großzügig und weit- I schauend hat unser Freund die Verhandlungen ge­führt. Es ist eine Lüge, wenn man ihm nachsagt, | er sei ein Keiner, erbärmlicher Mensch gewesen.

Im Gegenteil! Er hat alle begeistert durch den weiten Blick seiner Ideen und durch die Kraft, mit der er sic durchzusetzen vermochte als ein zäher Sohn seiner Heimat. Erzbergcr ist seiner Zeit immer um einige Jahre voraus- geeilt Er hat manches gesehen, was andere zu spät sahen ober aarnicht sahen. In jenem stillen Tal von Griesbach, wo er gefallen ist. beschäftigten ihn auf den Spaziergängen mit den Freunden alle die großen Gedanken unserer wirtschaftlichen lOrganisation; zuletzt noch die Wohnungs­frage. Alle großen Probleme hat er erfaßt, die ein Staatsmann, der alle seine Projekte nach sach­lichen Gesichtspunkten verwirklichen wollte, auch bann, wenn sie bas Volk zunächst selbst nicht will. Das war bie Auffassung des christlichen Staats­mannes: Klar geschauten Problemen auch bann zur Lösung zu verhelfen burch bie Kraft seiner Persönlichkeit unb burch bie Macht seiner Ucbcr- Aeugung. So beugen wir uns in Dankbarkeit vor Den ungeheuren Opfern, bie er gebracht bat. in treuer Pflichterfüllung gegen Gott, gegen das Land, nicht zuletzt aber auch vor den schweren Opfern, die seine Familie mittragen mußte. Erz- berger hat in seinem Leben viel Tragisches erlebt In den Tagen feines Glückes, auf den Höhen feiner Erfolge, hatte er viele Freunde. Als aber die Schlange der Lüge, der Verläumdung, des Hasses an ihn heranzüngelte. da hat mancher sich aus dem Staube gemacht unb nach neuen Herren sich umgeschen. Nach so großen Talen für bas Da ter la nb bringen es Deutsche über sich, noch am offenen Graben den Toten zu schmähen. Ich er­innere nur an eine Zeitung in Süddeutschland, bie s i ch Staatszeitung nennt. Aber wir wollen zu unserem Freunbe stehen. Treuer Freund! Dein Name wird in Ehren genannt werden. Der erste Prozeß ist au Ende, über den zweiten, über den Steuerprozeß, kann ich nicht sprechen. Aber ein Kenner dieser Angelegenheit, mit dem ich ge­sprochen habe, hat mir erklärt: Erzberger hat nicht nur bie Wahrheit sagen wollen, er hat sie auch ge­sagt. Wir wollen über ben Toten den Schilb hal.en, aber nicht nur in stummem Schmerz. to.Tbern idlY wollen handeln, denn das Vaterland ist in Gefahr. Ich meine nicht bie Republik die ist gewiß auch in Gefahr ich meine nicht ben demokratischen Staat. Nein, aus diesem Grunde heraus kann der ganze Staat in Gefahr kommen. Täuschen wir uns nicht. DaS neue Deutschland kann nur bestehen auf sozialistisch- chrestlicher Grundlage unb unser Staat wird ein Volksstaat, wie ihn unser Freund erstrebte, ober er wird in ein elendes Chaos ober in beutsche Kleinstaaterei zerfallen.

AlS Kanzler deS Deutschen Reiches habe Ich biete Abfchiedswvrte dem Toicn inS Grad nach­gerufen. ES fällt unS bitter schwer, von ihm zu scheiben, die wir in ben letzten Jahren schwere und große Arbeit mit ihm zusammen leisten durf­ten. Dankbar erinnern wir uns der Zeit, wo er noch aktiv an ben Arbeiten teilgenommen hat. Aber es ist eine elenbe Lüge, baß er nach 1 einem Abgänge sich in bie Ministerien ein- drängte unb eine Nebenregierung aufgerichtet habe. Alle diese Nachrichten, als ob er bie neuen Steuern machte, sie finb erbärmlich unb unwahr. Unwahr ist, baß er bas Heft toieber in bie Hanb nahm, bic Führung des Zentrums nach Trim- borns Tob wieder übernehmen wollte. So viel Worte, so viel Lügen. Nichts als Aus­peitschung b e r Leibenschasten, bie in dem Morde von Griesbach ihre Erfüllung fan­den. Wir können aus diesem furchtbaren Ereignis nur mit tiefer Wehmut lernen, zu welch unheil­vollen Taten politische Leidenschaft führt. Aber gerade dieser traurige Gedanke führt uns als Christen und Deutsche zu der Haren Erkenntnis, daß es sich jetzt nicht etwa darum handeln kann, Gedanken der Rache und den Leidenschaften fort- zuspinnen. Wir wollen den Toten nicht rächen. Wir beten für alle, auch für bie. bie ihn ermorbet haben. In Liebewollen wirunserePo- litik treiben, nicht in Leibenfchaft. Das Ta- tcrlanb ist in Not, unb ba rufe ich hinaus in alle Gaue unserer Heimat: Deutsches Volk, wache aus! Schüttele bie ab, bie aufs Neue bich in schwere Bedrängnis bringen wollen! Folge dem Stern des neuen Staatsgedankens, der dich ben Weg zur neuen Freiheit finben läßt! Wir ehren den Toten, wenn wir sein Werk ehren, das, so Gott will, als gesichert erachtet werden kann. Wir wollen uns um den Toten zusammenscharen und an seinem Grabe geloben, getreu dem christlichen Gedanken zu wirken, in Opferbereitschaft für das deutsche Volk, für die Einheit des Reiches, für feine wirt­schaftlichen und politischen Zwe ke, bis uns der Tod von der Erfüllung unserer Pflicht abberuft. Wir sind Kämpfer, aber wir wollen unblutig kämpfen. Ueber unserer Politik ba muß auch baS Zeichen der Erlösung schweben. Währenb wir hier an bie- fem Grabe stehen, setzen sich in Deutschland Tau- fenbe in Bewegung. Gott bewahre uns vor neuem Unglück! Gott segne, lieber Freunb, Dein Werk, die Verfassung des Deutschen Reiches, unb den demokratischen Voll^staat. Gott segne bas deutsche Volk unb unser liebes deutsches Vaterland!

Nach dem Reichskanzler legte Reichstags- präsibent Lödc einen Kranz auf bem Sarg nicber unb erklärte: Die Flut von Angriffen mache nicht irre in ber Anerkennung für bie rast­lose Arbeit Erzbergers zur Rettung des schwer w« sammengebrvchenen Volkes. Die Geseichte werd' ihm geben, was viele seiner Zeitgenosten ihm nicht gegeben haben Für die getarnte bcu'che Zentrumspartei sprach Reichs tag sabgeorb etcr D e ck e r - Arnsberg: Erzberger war b r uMrigc, tocim auch verschiedene an ihm zu zweifeln be­gannen, wenn auch verschiedene nicht ganz mit ihm einverstanden waren im Laufe der letzten Jahre seiner politischen Wirksamkeit. Tiber auch jene anderen haben es oft anerkannt, daß an der Lauterkeit seines Charakters nicht zu zweifeln war.

Weiter sprachen noch OberrcgierungSra^ B a v e r I c im Namen der württeinbergischen Zentrumspartei, württembergische: Zu nzm>n stcr Bolz, für bic Zentrumsfraktion des württem- bergischen Landtags Vtabtschultheiß Doll -Bi­berach. Monsignore Vogt- Biberach, Dr. Schö­be r »Freiburg, Ministeiialrat Dr Deutsch, vorn ReichSfinanzministerium unb andere, dar­unter auch narnenS ber U. S. P. D. Reichstags- abgeorbneter Geck- Offenbach Ein Pofaunen- chor unb der übliche Fahnengruß beenbeten bie Feier an bem von zahllosen Kränzen überdeckt« Grabe ErzbergerS.

Reichskanzler Dr. Wirth ist nachmittags fünf Uhr nach Rabolfzell weitergereist

Republikanische Kundgebungen.

Dor Attfziig in der NeichSstanptftadt.

Berlin, 31.Aug. Eine Kunbgebung, wie sie Berlin bisher noch nicht gesehen haben dürfte, so berichtet daS ossiziöse Wolfs-Bureau, fand nachmittags auf bem Schloßplatz, am Lust­garten unb vor bem Nationalbenkmal sowie in ben angrenzenden Straßer, statt. Der GewerkschastS- bunb, der Gewerkichaftsring. die SPD, die USP., die KPD. unb die bcutsch-bernokratische Partei hatten ihre Mitglieder und Anhänger dorchin be­rufen, um ein machtvolles Bekenntnis zur repu­blikanischen Deifassung abzulege i und gleichzeitig eine Kundgebung gegen den politischen Mord )u veranstalten. Der Zustrom der Massen, die mit roten und schwarzrotgoldenen Fah­nen und Bannern unb Schilbern mit ben be­kannten Aufschriften unb unter ben Klängen meh­rerer Musikkapellen anrückten, war gewo.l ig unb dauerte etwa zwei Stunben. Man schätzte die Be­teiligung auf zirka eine halbe Million. Die zahl­reichen Reben würben mit stürmischen Hoch- unb Niederrufen aufgenommen. Der Dahnverkchr wurde vom Schlohplatz abyelenkt, konnte aber auch über ben Molken- unb Spittelmarkt nicht aufrecht­erhalten werden, well auch hier ununterbrochen große Züge von Demonstranten die Breite der Straße füllten, bie teils hin, teils auch schon toieber zurückfluteten Erst in ber siebenten Abendstunde zeigten bie Straßen wieder ihr alltägliches Gesicht. Soweit bisher bekannt geworben, kamen Ruhe­störungen irgendwelcher Art nicht vor.

Im ganzen Reiche sind bie Kundgebungen, nach den bisher eingelaufenen Mcldung-m, ruhig und ohne besondere Zwischenfälle verlaufen. Wir greifen folgende Einzelheiten herauS:

rm. Darmstadt, 1. Sept. Eine große Vollsmcnge hatte sich gestern nachmittag zu der von bei Mehrheitssozilllbemokratie in Gemein­schaft mit der U. S. P veranstalteten Protest- funbgebung auf dem Ma f p!atz eingesunden. Es wurde gleichzeitig an drei Stellen gesprochen, StaaStpräsident Ulrich für die Mebricitesozia- listen, Siri für bic U. S. P und auch die Kom­munisten hatten für den ausgebliebenen Redak­teur Heise in dem Rechtsanwalt Scckcl au8 Frank­furt einen Redner gestellt. Der Staatspräsident verurteilte in scharfen Worten die Ermordung EizbcrgerS, die eine Folge der Verhetzung ber rechten Presse sei, unb eine Gefahr für bic junge Republik bedeute, bie man mit allen Mitteln zu schützen taffen werde. Ein langer DernvnstrationS- zug mit zahlreichen Fahnen, Tafeln, verschiebenen Galgen usw. zog bann burch bie Stadt. Während sich bis jetzt alles ohne Störung abgetoicfclt hatte, verursachten zahlreiche am Schlüsse deS ZugeS marschierende anscheinend kommunistische Radau- gesellen nach der Anbringung deS Heinen Minia- turgalgenS an dem Geschäftshaus der Hess. LandeSzeitung, die vorsichtshalber auch den ganzen Betrieb eingestellt hatte, einen mäch­tigen Skandal durch Rufe: Heraus mit den Reak­tionsbuben, den Mordgesellen, den Mördern usw. Durch die Rufe geriet bie erregte Menge noch mehr in Wut, zu6em daS eiserne Tor verschlossen war. Ein Teil der ganz verhetzten Menge war schon emgebrungen, um bie etwa anwesenden RrHakteure zu kynchen, ober baS Material zu bemolieren, unb konnte mit allergrößter Mühe von einigen Vernünftigen zurückgehalten werben. Sie wich aber nicht unb geriet erst recht in Auf­regung. als einige Mann ber blauen Schutz­polizei herbeigerufen worben waren. D i e Leute gehorchten ben Führern ein­fach nicht mehr, bie gemeinsten Schimpsworte fielen. Schließlich zog die Polizei ab, inzwischen waren aber etwa acht Mann der grünen be­rittenen Polizei unter Führung eines Hauptmanns herangekommen. Erneut wurde bie Menge wild, schimpfe niederträchtig und dreht« die Pferde einfach um. Einen Wachmann, der daraufhin blank gezogen hatte, drohte man her- untcrzureißen. Vollständig ohnmächtig zrgen sie daraufhin ab, nachdem einige Stadtverordnete auf beiden Seiten zur Ruhe und Zurückhaltung ge­mahnt hatte. Darauf verlief sich, wenn auch sehr langsam, bie Menge.

Frankfurt a. M 31. Aug. Heute nach­mittag fand am Opernplah eine Massen- bemonftration bet brei sozialisti chen Par­teien gegen bie Reaktion unb ben Mord an Erz­berger statt. Die Redner ber Parteien ermunter­ten bie Arbeiterscharen zu erhöhter Wachsamkeit, ba heute ber Destanb ber Republik mehr benn je gefährdet sei. Die Mordtat an Erzberger zeige erst mit erschreckender Deutlichkeit, wie verroht daS politische Leben sei unb bah kein Mittel zu schlecht fei, den verhaßten Gegner auS der Welt zu schaffen. Die Rechtsparteren hätten mit ihrer maß­losen Hetze bie größte Schuld an dem fürchterlichen Verbrechen von Griesbach. An die Vorträge schloß sich ein riesiger DemonskrationSzug durch bie Straßen ber Stabt, ber wohl über 20 000 -*eil^