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Nr. 256 Drittes Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Donnerstag, 3f. Oktober 1929
„Hande hoch — Kriminalpolizei!"
Was ich in 15 jafyrtgem Kampf gegen das internationale Verbrechertum erlebte.
III.
Kampf gegen feindliche Spionage im Kriege.
Ern Spionageprozeß während des Krieges wird mir stets unvergeßlich bleiben, weil ich hierbei Gelegenheit haben durfte, die Seelengröße einer Frau zu bewundern. Die Gerichtsverhandlung tagte im März 1916 in Mons. Dor dem Stadt- theater. in welchem der große Festsaal zum Sitzungssaal umgewandelt war. standen starke Patrouillen und regelten den Verkehr in den angrenzenden Straßen. Oben, im Gerichtssaal, wurden die langen Reihen der Angeklagten hereingeführt. Achtundvierzig Angeklagte waren es. meistens Männer in älteren Jahren, Rechtsanwälte, Dahnbeamte, Kaufleute, Arbeiter, ein Bürgermeister und auch zwei Frauen. Die jüngere von ihnen noch blutjung, keine zwanzig Iahre alt. Dann folgte die Verhandlung, die das alte Bild, das sich so oft vor Feldgerichten abrollte, ergab. Man hatte Spionage getrieben. Truppentransporte gezählt, ihre Richtung genau festgestellt und dies alles dann den in Holland wartenden feindlichen Agenten mitgeteilt. Die Mehrzahl der Angeklagten legte unter der Wucht der Beweise ein Geständnis ab und bat um Gnade. Der Führer der Bande gab feige, um sein Leben bangend, alles zu. bezichtigte seine Mitschuldigen, um dadurch für sich Gnade zu erreichen, und brach dann in seiner Todesangst zusammen. Sn diesem furchtbaren Gejammer sah das zwanzigjährige Mädchen, eine Spitzenhänd- lerin aus Brüssel. Sie war der einzige Mensch, den der feige vor dem Tode zitternde Führer nicht verraten hatte, vielmehr hatte er sie zu entlasten versucht, so daß es für sie nicht aussichtslos gewesen wäre, die Beschuldigung abzustreiten und ihr Leben zu retten. Aber das tat sie nicht. Stolz gab sie zu, Spionage getrieben zu haben, und begründete ihre Tat nur damit, daß sie belgische Patriotin sei und alles für ihr Vaterland getan habe, aber niemals pekuniäre Vorteile davon gehabt habe. Sie gab dem Gericht ein klares Bild ihrer Tätigkeit und schilderte eingehend, was sie alles getan, wie sie sogar ihre Frauenehre geopfert habe, um den Bürgermeister von Gent zur Mitarbeit zu veranlassen. ,.Sch habe gewußt," schloß sie, „was ich tat, aber mein armer Vater, der mit mir zusammen angeklagt -ift, dem war es fremd geblieben. Er hat nicht gewußt, daß es sich um Spionage handelte, ilnb auch die anderen armen Leute hier sind verführt und teilweise durch Drohungen veranlaßt worden, Spionagedienst zu leisten. Für mich nehme ich jede Strafe an und bin auch bereit, für mein Vaterland zu sterben." Ruhig nahm das junge Mädchen das Todesurteil entgegen. An neunzehn der Angeklagten wurde tags darauf das Todesurteil vollzogen, nur ihr, der Zwanzigjährigen, blieb der Tod erspart. Die deutsche Heeresverwaltung lehnte es ab, an einer Frau das Todesurteil zu vollstrecken, und so wurde ihr Urteil, das auf zweimalige Todes- und lebenslängliche Zuchthausstrafe lautete, im Gnadenwege in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt. Sch möchte diesen Fall besonders deshalb erwähnen, weil mich die Seelengröhe dieses jungen Mädchens tief
Don Kriminalkommissar Ernst Engelbrecht.
Copyright bh Greiner & Eo., Berlin NW 6.
ergriffen hat und mir bewies, daß eine Frau selbst angesichts des Todes ebenso heldenhaft sein kann wie der Mann.
IV.
Berliner Razzien.
Sch war meinem Chef, dem Oberregierungsrat Hoppe, sehr dankbar, als er mir zum 1. Suli 1921 die Leitung der Streismannschaft der Kriminalpolizei übertrug. Diele Streismannschaft war seit längerer Zeit verwaist, ihre Leitung lag bis dahin nebenamtlich in den Händen des Kriminalkommissars Werneburg, des verdienstvollen Leiters deS Raubdezernats. Die Streifmannschaft, zu der zur damaligen Zeit 130 Kriminal- exekutivbeamte gehörten, war in mehrere Einzelstreifen eingeteilt. Führer dieser Einzelstreifen» waren besonders erfahrene und tüchtige ältere Kriminalbeamte, die sich durch energische Bekämpfung des Verbrechertums einen guten Ra- men gemacht und zum größten Teil sehr populär geworden waren. Sch nenne nur die Ramen Butzdorf, Wild, Dettmann, Göhrke und Krähe.
Die Streifbeamtenschaft umfaßte die große Razzienstreife, die Pfandleiherstreife, die Taschendiebstreife und einzelne Fahndungskommandos. Außerdem waren ihr auch noch die Po- lizeigehilfen und -gehilfinnen zugeteilt, Männer und Frauen jeden Alters, die nicht Beamte waren, sondern als Angestellte des Polizeipräsidiums zu Beobachtungen und kleinen Aststellungen herangezogen wurden. Die Aufgab«! der einzelnen Streifen gehen aus ihrer Benennung hervor. Die ersten Rachkriegsjahre und der Beginn der Snflation hatten in Berlin unhaltbare Verhältnisse gezeitigt. Aus dem ganzen Reiche und vor allem aus dem Auslande war hier allerlei Gesindel zusammengeströmt, das die ihm günstige Konjunktur auszunutzen und sich auf alle mögliche unehrliche Wc • ihre Taschen zu füllen suchte. Verbrecher aller Art, Dirnen und ihr Anhang, machten sich auf den Hauptstraßen in der Friedrichstadt und des Westens in aufdringlicher Weise breit, und es verging keine Rächt, in der nicht Hunderte zweifelhafter Rachtlokale ihre Pforten geöffnet hatten. Anständige Bürger, die durch die Straßen zu den Bahnhöfen eilten oder den Anschluß an die letzten Straßenbahnen erstrebten, wurden von diesem Gesindel in der gemeinsten Weife angerempelt. Raubüberfälle waren an der Tagesordnung. und zahlreiche Einbrüche und andere Verbrechen bewiesen eine fast täglich zunehmende Kriminalität. Dies« außerordentliche Hn» sicherheit, die durch das große nationale iln« glück, den unglücklichen Ausgang des Krieges und durch ihre Folgeerscheinung, die Snflation, hervorgerufen, war auch mit außerordentlichen Mitteln zu bekämpfen. Solche Kampfmittel waren die Razzien und die Aushebungen, mit denen die Kriminalpolizei in dieser Zeit dem Verbrechertum energisch zu Leibe ging. Razzia oder Razzie ist ein arabisches Wort und bedeutet Raub- oder Beutezug, Streifzug. Eine Razzia war ursprünglich der Kriegszug eines arabischen Volkes gegen einen benachbarten Stamm.
Die Razzia hat vor allem den Zweck, die Verbrecher und Üjren fragwürdigen Anhang dauernd zu beunruhigen, sie aus den Gegenden,
di« sie unsicher machten, zu verscheuchen und möglchst viel von der Staatsanwaltschaft oder von der Polizei gesucht« Verbrecher aufzuspüren und dingfest zu machen, Um eine Razzia wirksam durchführen zu können, wurden ganz« Straßenzüge abgefperrt und alle Personen, die sich hier befanden, nach einer Stelle zusammengedrängt. um nach einer kurzen Dichtung auf Lastkraftwagen zu verladen und dem Polizeipräsidium zuzuführen. Wenn auch solche Razzien in er großen Hauptsache nur nachts statt« fair . so war es aber auch mal erforderlich, in v. Stimmte Strahenzüge schon in den Abendstunden durchzugreifen. So wurden z. D. die Limden-Passage, die Georgenstraße am Bahnhof Friedrichstraße und ander« kleinere Straßenzüge häufig schon vor Mitternacht ausgeräumt. Die erfolgreichsten Razzien fand«! tn der Friedrichstraße statt. Zu diesem Zwecke wurde die Friedrichstraße von der Meidendammer Drücke bis zur Leipziger Straße mit sämtlichen Seiten- und Querstraßen abger'.egelt. Daß zur Durchführung einer solchen Razzia ein großer De- amtenkörper erforderlich war, liegt auf der Hand. Sehr bedauerlch, andererseits aber auch unvermeidlich war es. daß durch solch« Razzien gelegentlich unbeteiligte Personen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Es könnt« z. D. leicht Vorkommen, daß ganz harmlose Spaziergänger, die noch in den späten Rachtstunden die Friedrichstraße herunterschlenderten, in eine solche Razzia hineingerielen. Meistens machten sie dann aber gute Miene zum böfen Spiel und freuten sich, mal solch eine gefürchtete Razzia mitmachen zu können. Beschwerden über solche Zufälligkeiten ober Mißgriffe liefen jedenfalls nur äußerst selten ein. Die Ausbeute, welche die Lastkraftwagen zum Polizeipräsidium oder zur nächsten Polizeiwache brachten, war aber meistens derart ergiebig, daß di« weitere Durchführung der Razzien begründet erschien.
Bei den großen Razzien wurde immer die Hilfe mehrerer Polizeioffiziere und höherer Kriminalbeamten in Anspruch genommen. Meistens lag deshalb die Entscheidung über Entlassung oder Festnahme der einzelnen Personen in der Hand eines höheren Polizei beamten. Es geschah also seitens der Streifmannschaft alles, um Mißgriffe jeglicher Art zu vermeiden. Sch entsinne mich einiger Fälle, in denen französische Offiziere der Ententekommission, englische, französische und andere fremdländische Pressevertreter, hohe Regierungsbeamte und bekannte Sndustrielle mal in eine solche Razzia hineingelommen waren, welche für die Arbeit der Po.izei aber Verständnis zeigten und im übrigen die Dache mit Humor trugen. Don allen Deiten wurde mir auch immer wieder versichert, daß meine Beamten, selbst wenn sie bei solchen Gelegenheiten im Snteresse des Dienstes urerbittllch streng Vorgehen mutzten, es niemals an dem erforderlichen Takt fehlen ließen.
Das Berliner Publikum war ja selbst über die zunehmende ÄriminaCität entsetzt und sah ein, daß diese kriminalpolizeilichen Maßnahmen lediglich zu seinem Schutze erfolgtem Eine eingehende und endgültige Prüfung der AusweiS- papiere an Ort und Stelle der Razzia war nur selten möglich. Sn der damaligen Zeit blühte ja die „Flebben-Sndustrie", überall, in allen Der-
Liebe in Ketten.
Roman von Hans Mitleweider.
Copyright by Martin F uchtwanger, Halle (Saale).
26 Fortsetzung. Nachdruck verboten
Er wartete eine Weile, daß sie etwas erwidern sollte, aber da sie beharrlich schwieg, fuhr er fort: .
„Du sagtest vorhin, du hättest in der 3«hing von dem Ilnglücksfall gelesen, der mich betraf. Dann weißt du, daß man mich allgemein bedauerte, daß man schrieb: es sei schade um einen solchen Mann, der der technischen Wissenschaft noch große Dienste hätte leisten können. Oder war es nicht so? Antworte."
„Es war so," gab sie tonlos zu.
„Glaubst du, daß man das geschrieben hätte, wäre ich ein ehrloser Mensch gewesen? Du hälft mich für einen solchen, weil ich dich verlieh, aber du tust es, ohne meine Gründe zu kennen."
„11 nb sie nützen jetzt auch nichts mehr!" unterbrach sie ihn. „Dielleicht bist bu damals nicht der Schurke gewesen, für den ich dich gehalten habe: vielleicht bist du durch irgend etwas, was stärker war als du, verhindert worden, zu mir zurückzukehren. Doch wenn ich dir damals unrecht tat, heute — heute bist du in Wahrheit ein Schurke, denn du willst das Glück meiner Ehe stören, ohne daß du ein anderes Recht hast als jenen Fetzen Papier, trotzdem du heute genau weißt, daß ich dich damals nicht liebte und doch keine Sünde beging, wenn ich tat, was du von mir verlangtest.
Damals kannte ich die Liebe ja überhaupt nicht! Sch sehnte mich nur nach ihr. Du ver» hießest, sie mir zu schenken! Sch war dir von Herzen dankbar dafür, aber ich habe nie die Scheu vor dir verloren. Du bliebst mir fremd, auch, nachdem ich angeblich deine Frau geworden war. Als ich gesundete und erfuhr, daß du noch immer nicht wiedergekommen seist, da atmete ich auf, da habe ich nicht eine Minute mehr daran gedacht, mich für deine Frau zu halten, deinen Tarnen zu führen. Da wurde ich wieder die Käthe Fernau, die ich gewesen war. Daß sich mein Leben nachher so sehr wandelte, das ist nicht dein Derdienst. Sch mag jetzt nicht mehr wissen, warum bu nicht zurückgelommen bist. Sch frage dich nur das eine: Was willst bu noch von mir?"
Hatte sie im Anfang Hochmut ihm gegenüber geheuchelt, so stand sie jetzt in wahrhafter Hoheit vor ihm, und sie fühlte sich auch in Wahrheit hoch erhaben über diesen Menschen. Sie fürchtete ihn in diesem Augenblick nicht im geringsten mehr, denn unerschütterlich war in ihr die Ge- witzheit, daß sie ihn nie geliebt, daß ihr Herz
nur einem gehört hatte, seit sie die Liebe ken- nengeiemt.
Berndt Klausen wunderte sich immer von neuem über die Wandlung, die in dieser kurzen Zeit mit diesem Weibe vor sich gegangen war, und immer mehr redete er sich ein, daß er Käthe damals wahrhaft geliebt hatte, daß er sie jetzt noch liebte.
„Was ich will?" wiederholte er halblaut. „Das kannst du noch fragen? Dich will ich."
Käthe Turnau taumelte zurück.
Das hatte sie nicht erwartet.
„Elender!" stieß sie hervor.
„Du darfst mich beleidigen," erwiderte er, Ruhe heuchelnd. „Dergiß nur nie, daß ich alle Trümpfe in meiner Hand halte, daß ich sie ausspielen werde, wenn du mich dazu zwingst."
„Das könntest du tun? Und bu behauptest, mich zu lieben? Sst das nicht Hohn, purer Hohn?"
„Rirnm es, für was du willst. Sch habe dir gesagt, was ich verlange: ich werd« unter keinen Ilmständen davon abgehen. Du bist nach dem Gesetz meine Frau. Sch darf mit vollem Recht verlangen, daß du zu mir kommst, mit mit lebst! Felix Turnau ist nicht dein Gatte, kann es nicht sein. Wenn du dich weigerst, bann werd« ich dich zwingen!"
„Du wirst mich und ihn töten, weiter nichts!" schrie sie auf.
„So schnell stirbt man nicht," entgegnete er voll Hohn. „Dis jetzt glaube ich vielmehr, datz dein sogenannter (Satte allen Grund haben wird, einen Skandal zu vermeiden, der ihn gesellschaftlich unmöglich machen würde. Wenn ich ihm alles enthülle, wird er feinen Widerspruch erheben, glaube mir. Entscheide dich! Sch werde dir nie wieder Gelegenheit dazu geben.“
Totenblaß stand Käthe Turnau da. Sie horte aus seinen Worten, daß er kein Erbarmen kannte.
Was sollte sie tun?
Wenn sie ihn bat?
Aber als hätte er ihre Gedanken erraten, sagte er:
„Dersuche nicht erst, mich mit Bitten oder gar durch Tränen umzustimmen! Du würdest nichts erreichen."
„Auch dann nicht, wenn ich dir sage, datz ich mich Mutter fühle?" fragte sie erglühend.
Das hatte er nicht erwartet, obwohl er es sich hätte sagen können.
Er schaute sie betroffen an und wußte für den Augenblick nicht, was er antworten sollte.
Käthe merkte, daß sie einen Vorteil über ihn errungen hatte, und war entschlosfen, ihn auszunutzen. ,
„Berndt,“ sagte sie weich. „eS mag fern, daß ich dich zu unrecht verdächtigt hab«, daß du mich damals wirllich liebtest: aber wenn das der Fall war. dann mußt du selbst wissen, daß der Mensch nur einmal zu lieben vermag. Sch liebe
nur einen — meinen Gatten —, ich liebe ihn so sehr, daß ich sterben würde, müßte ich ihn verlieren. Wenn du mich wirllich liebst, so kann ich dir nachfühlen, was du leibest. Laß uns doch nicht mehr unnütz streilen! Meine Liebe kannst bu nie erringen, ebensowenig mich selbst! Ehe ich in Wahrheit deine Frau werden würde, wäre ich imstande, mich mit eigener Hand zu töten.
Zwecklos, daß du mich von Felix trennen willst. Sch sagte dir, daß ich Mutter werden soll. Felix ist der Vater deS Kindes, das ich erwarte. Das allein muß dich erkennen lassen, daß ich nie die Deine werden kann. Demdt, es gibt so viele Mädchen auf der Erde, die schöner sind als ich. Wähle dir eines Suche dir ein neues Glück, nachdem du das erste durch deine eigene Schuld verloren hast."
„Sch werde nie eine andere lieben.“
"Das glaubst du jetzt, Berndt! Oder willst du behaupten, du hättest dich all die Sahre über nach mir gesehnt? Wenn das der Fall gewesen wäre, dann hättest du mich suchen und mich finden müssen! Du aber hast mich nicht gesucht! Der blinde Zufall hat mich wieder in deinen Weg geführt. Als bu mich sahst, da regte sich in dir etwas, was du vielleicht Liebe nennst, was es aber nicht ist. Du begehrst mich, Berndt, aber bu liebst mich nicht.“
„Sch werde wahnsinnig, wenn ich sehen soll, tote er —“
„Warum mußt du das sehen, Berndt? Kannst du nicht fortgehen von hier?"
Er lachte auf. Es llang bitter.
„Fortgehen!" wiederholte er. „Sch soll meine Arbeit auf geben? Sch muß doch leben."
Und ehe sie etwas eintoenöen konnte, fuhr er fort:
( „Sch habe «inst geglaubt, ich hätte den Schlüssel zum Reichtum gefunden — damals, als die Erfindung mir glückte, aber ich — alles ist hin, ich habe von vom anfangen müssen — ich bin arm —“
„Und toeirn ich dir gäbe, was du ersehnst, Demdt?" fragte sie hastig. „Sch weiß nicht, ob ich reich bin. Sch rede nicht von dem Vermögen meines Gatten. Meine Tante sagt? mir, ich hätte viel Geld. Demdt, ich will es dir geben, alles, wenn du mich freigibst, wenn du fortgehst und nie wiederkommst!"
„Abkaufen willst du mir meine Siebe?“ fragte er höhnisch.
„Richt so. Demdt! Sch will dir doch nur helfen, daß du vorwärts kommen kannst, daß du nicht mehr in der Tretmühle der Alltagsarbeit verkümmern mußt, daß du wieder deinen Geist fvei arbeiten lassen und erfinden kannst, daß du berühmt wirst, tote du es schon warst. Sch will dir die Mittel geben, dich zu befreien, wenn du mich befreist —“
.Don mtr?l“
brecherkokalen und anderen Schlupfwinkeln deS Verbrechertums toateh „Flebben", d. h. falsch« Legitimationspapiere aller Art, käuflich zu haben. Militärpässe. Geburtsurkunden, Anmeldescheine, die damals erforderlichen Brotscheine, alle diese Ausweise wurden vortrefflich nachgemacht, und dem Käufer blieb dann meistens nut noch übrig, Ramen und Geburtsdaten nach seiner Wahl einzutragen. Es konnten deshalb von der Kriminalpolizei “im allgemeinen nur solche Ausweise als unbedingt zuverlässig anerkannt werden, die mit einem Lichtbild versehen waren und dadurch Gewähr boten, daß der Dorzeiger auch wirllich Snhaber des Auswei eZ war.
Um eine Razzia erfolgreich durchführen zu können, war ihre strengste Geheimhaltung vor allen De amten erforderlich. Ein einziger Beamter wurde darin eingeweiht, und diesem lag dann die mündliche Bestellung der erforderlichen Lastkraftwagen und Hundertschaften der Schutzpolizei ob. Um eine bestimmte Zeit, meistens gegen zwölf Uhr nachts, trafen dann alle Beamte auf dem Polizeipräsidium zusammen. Hier erfolgte nach einem auf das genaueste vorgearbeiteten Plare die Einteilung der Beamtenschaft, und von hier aus rückten dann die einzelnen Gruppen ihrem Auftrage gemäß ab. War eine Razzia beabsichtigt, so wurden zunächst in die In Frage kommenden Straßen nur die Kriminalpatrouillen entsandt, die dann später auf das von dem Leiter der Ra^ia gegebene Signal di« Absperrung der Straßen ooruirennen und dies« so lange zu halten hatten, bis die Derstärkung der Schutzpolizei eingetroffen war. Es waren deshalb, wenn eine Razzia begann, zunächst nirgends uniformierte Beamte zu sehen, erst einige Minuten nach Beginn der Aktion wurde dann di« Absperrungskette der Kriminalpolizei durch die Schutzpolizei verstärkt. Daß die Schutzpolizei nicht zu spät kam, war wichtigst« Aufgabe der Organisation der Razzia. Die Abmarschzeiten waren deshalb genau festgesetzt, und für ihre Snne* Haltung die Führer verantwortlich gemacht. Se nach Länge des zurückzulegenden Weges, bei dem gelegentlich große Umwege gemacht werden mußten, war die Abmarschzeit früher oder später. Die Hauptsache war, daß alle Patrouillen und Lastkraftwagen zur bestimmten Zeit, auf die Minute genau, zur Stelle waren. Derfagte irgendwo eine Kriminalpatrouille oder kam die Derstärkung der Schutzpolizei zu spät, dann war der Ring nicht geschlossen, und das Gesindel, dessen Einkesselung beabsichtigt war, hatte es mit bewundernswerter Pfiffigkeit schnell heraus, di« Achillesferse der Aktion zu erfenrfcn und zu entweichen. Ebenso pünktlich erschien ich selbst dann im Mittelpunkte der Operationsgegend und gab das Pfeifensignal zum Beginn der Aktion. Das Signal wurde von den nächstgelegenen Patrouillen ausgenommen und sofort weitergcbe- ben, so daß die Hauptstraßen, in denen die Razzia beabsichtigt war, mit ihren Parallel- und Querstraßen gleichzeitig abgeriegelt werden konnten. Erst jetzt rückten Schutzpolizei und Lastkraftwagen, die zum 2Dtransport der Sistierten erforderlich Waren, an. Zu diesem Lastkraftwagen wurden nun die Eingeschlossenen hindirigiert und nach einer kurzen Sichtung zwecks Dermeidung gröblichster Heber griffe verladen.
Sm Polizeipräsidium begann bald eine rege Tätigkeit. Eine oberflächliche Durchsicht und Ordnung wurde schon auf dem großen Lichthofe des Polizeipräsidiums Dorgenommen. Di« einzelnen Gruppen wurden in den großen Konferenzsaal oder andere Räumlichkeiten geführt, um dort bezüglich der Personalienseststellung eingehend bearbeitet zu werden. Für den weiblichen Teil der Sistierten interessierte sich dann selbstverständlich sogleich die Sittenpolizei.
Meistens hatten diese Razzien guten Erfolg,
„Sa, von dir! Don dem, was ich immer gefürchtet habe, was mein Glück nie vollkommen werden ließ!" gestand sie.
Er stand stumm. Er kämpfte mit sich.
Käthe s ah, daß sie den rechten Weg gesunden hatte, daß er sich danach sehnte, reich zu sein, und hastig fuhr sie fort:
„Du darfst dich nickt bedrückt fühlen durch mein Angebot, Demdt! Sch werd« deiner in Hochachtung und Dankbarkeit gedenken, wenn du einwilligst, wenn du von hier fortgehst!"
„Du wirst mich verachten."
„Nie! Sch habe dich verachtet, als du mich zwingen wolltest, aber ich werde anders denken, wenn du der besseren Regung in dir den Sieg gönnst! Demdt, sage ja!“
Sie faßte seine beiden Hände, die schlaff herab- hingen: dabei blitzte im Sonnenschein an ihrer linken Hand der Ring auf, den Felix ihr zur Derlobung geschenkt hatte.
Demdt Klausen sah es, er sah den kostbaren Stein. Die Habsucht überwog jede andere Regung in ihm.
Der Kampf war entschieden.
„Es sei!" stieß «r hervor. „Sch will von hier verschwinden, wenn du mir so viel gibst, daß ich frei arbeiten kann."
„Berndt!" jubelte sie auf.
„Du hast natürlich dein Geld nicht verfügbar", fuhr er geschäftsmäßig fort. „Sch werde warten, bis du es flüssig gemacht hast. Se eher du es tust, desto besser für dich. Es ist selbstverständlich. daß ich schweigen und dich nicht bloßstellen werde, solange ich noch hier bin. Damit ich aber eine Sicherheit habe, daß du auch Wort halten wirst, verlange ich den Ring hier."
Erschrocken wich Käthe abermals vor ihm zurück.
„Mein Derlobungsring!" murmelte sie.
„Gerade deshalb will ich ihn haben! Du wirst ihn sobald wie möglich wieder einlösen wollen. Gib mir den Ring! Oder unser ganzer Handel ist nichtig!"
Da streifte Käthe den Ring von ihrem Finger und reichte ihn Berndt Klausen, der ihn in eine Tasche feiner Weste schob.
„Wie lange wirst du brauchen, um deine Gelder flüssig zu machen?" fragte er dann.
„Sch weiß es nicht , erwiderte sie, leise erschauernd. „Tante ist verreist. Sch muß sie fragen —“
„Daß sie alles merkt! Weißt du denn nicht, bei welcher Bank es deponiert ist?"
Käthe nickte schweigend.
„Darrn brauchst du doch nur hin^ugehen und es zu verlangen! Man kann es dir nicht verweigern, und du hast nicht nötig, zu erklären, warum du es haben willst. Wo ist es? Sn Berlin?"
(Fortsetzung folgt)


