Einzelbild herunterladen

Kr. 204 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhejjen) Samstag, 5(. August 1929

Aufklärungsfahrt hes Oberhessischen Automobilklubs. Beobachtungen und Anregungen zur Verbesserung des Straßenverkehrs.

Wie in früheren Jahren veranstaltete der Obcrhessische Automobilklub am Donnerstagabend eine Aufklärung s fahrt in die nähere Umgebung der Stadt. Wiederum war der Zweck der Fahrt, den Behörden, welche sich mit Lerkehrsfragen zu beschäftigen haben, insbesondere den auf diesem Gebiete amtlich täti­gen Herren erneut Gelegenheit zu geben, sich aus eigener Anschauung über den Stand des Verkehrs aus den Straßen, über seine Mängel und Der- besserungsbedürftigkeit ein Urteil zu bilden. Die Fahrt erfolgte in sechzehn Kraftwagen, die von Mitgliedern des Oberhessischen Automobilklubs zur Verfügung gestellt waren. Jeder Wagen hatte eine genau ausgearbeitete Strecke von etwa 60 bis 80 Kilometer zurückzulegen, wobei möglichst gleichmäßig sämtliche in der näheren Umgebung Gießens in Frage kommenden Haupt- landstraßen berücksichtigt wurden. Der Fahrt­beginn war so gelegt, daß der eine Teil der Strecke bis zum Ziel- oder Wendepunkt bei Tageslicht, die Rückkehr jedoch erst nach Einbruch der Dunkelheit erfolgte. Die Veteiligung an der Fahrt war außerordentlich stark; vertreten waren die staatlichen und städtischen Behörden, die Reichsbahnverwaltung. die Justizverwaltung, die Polizei und die Gendarmerie, Offiziere unserer Garnison, Leiter der hiesigen Schulen, Abgeord­nete des Fuhrunternehmergewerbrs und der Presse.

Um 18 Uhr versammelte man sich im Klubheim in der Sonnenstraße, wo der erste Vorsitzende des Automobilklubs, Dr. Gail, die Teilnehmer an der Fahrt herzlich willkommen hieß. Regierungs- baurat Steinbach, Vorsitzender der Der- kchrswachk Gießen, als technischer Leiter der Auf- klärungssahrt. wies in einer kurzen Ansprache auf den Zweck des Unternehmens hin. Die Ab­sicht war, den Angehörigen der verschiedensten Berufe und Behörden zu zeigen, was auf der Straße vor sich geht.

Aach der Fahrt war eine Zusammenkunft im Klubheim vorgesehen, wo man gemeinsam die Beobachtungen auf der Fahrt austauschen und Wünsche, Anregungen und Anträge zur Ver­besserung des Verkehrs vorbringen wollte. In jedem Wagen fuhr ein Beobachter mit. welcher mit einer Tabelle versehen war, um -unterwegs Aufzeichnungen zu machen. Aach der Vorbe­sprechung erfolgte sogleich die Abfahrt der sechzehn Wagen nach den verschiedensten Rich­tungen. Die Beobachtungen während der Tages- und Abendsahrt betrafen in erster Linie die Teschasfenheck der Landstraßen und Ortsstraßen, die Häufigkeit und Zweckmäßigkeit der an Wegen und Fahrzeugen aller Art angebrachten inter­nationalen und örtlichen Kennzeichen, die all- gemeine Verkehrsdisziplin, die Beleuchtungsver­hüllnisse und namentlich auch den Zustand der zahlreichen gesicherten und unbewachten Bahn­übergänge. Gegen 21 Uhr trafen dann die ersten Wagen wieder vor dem Klubheim ein, wo sich bald sämtliche Teilnehmer zur Besprechung der Fahrtergebnisse zusammensanden.

Aachdem Dr. Gail über die bereits früher angeregte kraftfahrtechnische Ausbildung der rich­terlichen Beamten lurz referiert hatte, trat man in die Besprechung über die

Beobachtungen während der Fahrt ein. Die nach der Ablieferung sämtlicher von den Beobachtern" mitgeführten Tabellen einsehende

Diskussion, die von Regierungsbaurat Steinbach geleitet wurde, gestaltete sich außer­ordentlich lebhaft und anregend. Es konnte zu­nächst darauf hingewiesen werden, daß der all­gemeine Eindruck während der Fahrt erfreu­licherweise eine wesentliche Verbesse­rung gegenüber den Beobachtungen der letzten Ausklärungssahrt sei. namentlich was die Kraft­fahrer selbst betrifft.

Eine eingehende Auswertung des zusamrncnge- brachten Materials muß natürlich einem späteren Zeitpunkt Vorbehalten bleiben. Die Beobachtungen während der Fahrt im einzelnen waren recht unterschiedlich, die Wünsche und Anregungen von feiten der Verwaltungs- und Justizbehörden, der Polizeilcitung und der Reichsbahn, sowie namentlich auch aus den Kreisen der Auto­mobilisten selbst waren sehr mannigfach und an­regend.

Als Hauptmißstand wurde gerügt die mangelhafte Beleuchtung der Fahr­zeuge bei einbrechender Dunkelheit, insbeson­dere der Radfahrer und der gerade jetzt be­sonders häufig unzutreffenden landwirtschaft­lichen Fahrzeuge und Erntemaschinen. Bei den Radfahrern hoben sich die sog. Katzenaugen als Schlußlichter ausgezeichnet bewährt; ein Vor­schlag, sie auch bei den landwirtschaftlichen Fahr­zeugen anzubcingen, wurde lebhaft diskutiert. Eine ausführliche Debatte entspann sich über das Problem der Sicherung von unbewach­ten Bahnübergängen, die infolge ihrer Unübersichtlichkeit und mangelhaften Beleuchtung eine große Gefahr für den Verkehr auf der Land­straße darstellen. Besonders hingewiesen wurde in diesem Zusammenhang auf die Ucbergänge der Frankfurter Straße in Gießen, sowie in Mainzlar, hinter Pohlgöns und in Wittelsberg. Verschie­dene Anregungen beschäftigten sich ferner mit einer Verbesserung der Verhältnisse an der als gefährlich bekannten Ecke in Klein-Linden, wo ja gerade in letzter Zeit wieder Unfälle zu ver­zeichnen waren. Bemängelt wurden ferner die Straßeneingänge nach Gießen von Klein-Linden und Heuchelheim aus. Ein besonders heikles Problem ist die Aufstellung von Warn­kreuzen unb Sicherungstafeln an den Bahnübergängen. Was den Zustand der Landstraßen im allgemeinen betrifft, so konnte Dr. Gail darauf Hinweisen, daß die Ver­hältnisse hier in Oberhessen sich in den letzten Jahren nicht nur gebessert haben, sondern ge­radezu als vorbildlich zu bezeichnen seien, was allerdings aus der Versamnzlung heraus nicht unwidersprochen blieb. Gefordert wurde ferner ein einheitlicher Beleuchtungs­zwang für die Fahrzeuge des öffentlichen Ver­kehrs durch Landesbestimmungen; überdies ein Aummernzwang oder ein absolut sicheres Er­kennungszeichen für Radfahrer. Beanstandet wurde weiterhin das Radfahren in Rudeln, statt im vorschriftsmäßigen Gänsemarsch, sowie das vicl- sach beobachtete Stehenlassen unbeleuchteter Fahr­zeuge auf den Straßen innerhalb der Ortschaften.

Der Leiter der hiesigen Polizei, Regierungs­rat Wolf, forderte ii. a. auch eine deutlich erkennbare Rümmer auf der Rückseite der Motor­räder. Wiederholte Warnungen sind an die El­tern und Erzieher, insbesondere auch an die Schulbehörden zu richten; Eltern und Schule soll­ten sich in gemeinsamer Aufklärungsarbeit ver­

Dämonen der Ieii.

D^omnn von Arthur Drausewetter.

18 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Totenstille war zwischen uns. -Und hinein in diese Totenstille klang wie ein Hohn das selbst in dieser Abendstunde noch nicht zum Schweigen gekoniinene Poltern und Klopfen und Kreischen und Feilen um uns her. ...

Aber war es nicht letzten Endes nur natürlich, daß es so gekommen? Konnte es anders sein?

Das alles habe ich erst jetzt empfunden, als ich diese Zeilen niederschreibe. In jener Stunde suhlte, dachte ich nichts anderes als das emc: Sie ist frei.. . frei für dich!

Sie stand mir gegenüber... regungslos, wie eine Statue. Aber schon das Bewußtsein ihrer Gegenwart, das Gefühl, sie heute noch zu sehen, noch zu haben, erfüllte mich mit einem unbegreif­lichen Glücksgefühl, und immer fang und brauste das eine durch mein Blut: Frei. .. frei für dich! Hinter den Dächern und Giebeln drüben sank die Sonne. Der brokatene Schimmer, der sich über die geschnörlelten Möbel legte, erblaßte, graue Schatten irochen durch die Stube, hingen sich m die flcingittcrigcn Fenster, lagerten sich über den Fußboden.

Eine unbeschreibliche Traurigkeit kam über mich in dem Gedanken, daß dies nun das letzte sei, daß ich diese Frau, die ich nicht lieben wollte und zu der ich mich jetzt gezogen fühlte, mit jeder Faser meines Seins -

In unwillkürlicher Bewegung streckte ich ihr die Hände entgegen. Sie verharrte in ihrer Un­beweglichkeit, kein Zug in ihrem verschlossenen Antlitz löste sich. Da schloß ich den Arm fest um sie. zog sie an mich, küßte zuerst ihre Stirn, dann ihren Mund.

Sie wehrte sich mit keinem Worte, mit keiner Miene, ließ alles über sich ergehen wie ein un­entrinnbares Verhängnis. Dann aber war es. als wenn sie erwachte. Ihr Körper wurde weich und schmiegsam und nachgiebig, ihr Antlitz be­gann aufzuleben, Zug für Zug, ihre Lippen öff­neten sich, tranken meine Küsse, erwiderten sie. Bleich und mit geschlossenen Augen lag sie an meiner Brust, ein hingehendes und zugleich schmerzlich entsagendes Lächeln lag um den zuckenden Mund.

Aber das alles, so unaussprechlich schon es war. ich wußte, daß es nichts anderes war als ein von Leid und Seligkeit durchtränktes Abschied- nehmen für immer.

Einmal noch zog ich sie an meine Brust und küßte sie, daß ihr Herz gegen das meine Pochte, so laut und hämmernd, wie ich noch niemals em Herz schlagen gehört. Einmal noch senkte ich mein

Auge in das ihre, dann löste sie mit sanftem und doch unwiderstehlichem Druck ihre Arme aus den meinen. Ein unnennbarer Ausdruck lag auf ihrem Antlitz, dessen fast fahle Blässe mir nie so aus­gefallen war wie in dieser Stunde. Die fest auf» cinandergeprcßten Lippen erschienen durchsichtig, und ihre Augen, unter denen sich dunkle Ringe zogen, sahen durch mich hindurch in die zuneh­mende Dunkelheit des Zimmers.

Lebewohl!"

Das Lächeln war auf ihren Lippen erstorben. Alics an ihr war wesenlos geworden, als wäre sie nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Den halben Tag bin ich durch Straßen ge­streift. .. zwecklos, ziellos.

In dem alten Hause in der Brotbankengasse ist alles tot und ausgestorben. Leer und öde starrt das hochgiebelige, schmalfronkige Gebäude in den tiefblauen Sonnenhimmel.

Sie sind heute in der Frühe abgereist, sie und ihre Mutter. Auch die alte Marieke haben sie mitgenommen, damit der letzte Rest des Lebens aus ihm getilgt werde. Von einem Wiederkommen verlautet nichts. Es scheint nach allem, was sich in diesen letzten Tagen ereignet, ausge­schlossen. Also nie mehr werde ich sie Wiedersehen.

Eine spätsommerliche Glut liegt auf den Stra­ßen. brütet in den alten Torbögen, flimmert in langsam und schwer sich hebenden und fenfenben Strahlungen über Giebel und Türme. Vom Scheine der frühen Abendsonne wie von tausend roten Rosen umgossen, reckt sich St. Marien. Einige Straßenlaternen brennen schon, blinzeln mit müden Augen auf das Pflaster, zucken einige Male hin und her. Die Hitze legt sich Nicht. Der Abend bringt keine Abkühlung, auch am Wasser nicht. Schläfrig und menschenleer reckt sich die Lange Drücke, wie ein dunkles Gespenst ragt das vornübergebeugte Krantor aus der Dämmerung, die einen seltsam fehlen Anstrich hat. Vom Rathausturm singt dos Glockenspiel, als trüge es den einzigen Ton des Lebens in die von schwülen Schwingungen durchstromte Luft.

Ich fühle den eigenen Schritt nicht mehr, lasse mich planlos weitertreiben. Meine Gedanken, so gewaltsam ich sie auch von ihm fortzuzwingen suche, kreisen immer um das eine. Die Seele dieser seltsamen Frau hat sich der meinigen be­mächtigt und quält mit allen Rätseln, die sie aufgibt. Was war es? Ein Spiel, das sie mit mir trieb? Rein, nach einem Spiel, sieht ein Mädchen wie Edith nicht aus. In ihr ist alles wunderbar gefestigt und geklärt. Undin mir .... Vielleicht hatte sie so unrecht nicht: Wir konnten uns finden in Quak und in Glück... aber für bas Leben haben unb halten konnten wir uns m®ic Straßen finb schon ganz leer. Rur ab und zu saust ein Auto an mir vorüber, ober eine

einigen, um die Kinder dem heute stetig an- wachsenden Verkehr nach Möglichkeit fernzuhalten oder jedenfalls auf eine größtmögliche Vorsicht und Verkehrsdisziplin hinzuwirken.

In einem Schlußwort dankte Dr. Gail allen Teilnehmern für die vorgebrachten Anregungen unb die gemeinsame Unterstützung, die sie den Bestrebungen des Automobilklubs entgegen- gebracht hätten. Den Dank der Teilnehmer an den Automobilklub brachte Oberregierungsrat Heß zum Ausdruck

Oas Schulgeld an den hessischen Schulen.

Mit Wirkung ab 1. Oktober wird das monat­liche Schulgeld an den höheren Schu­len wie folgt festgesetzt: Für die unteren und mittleren Klassen (VI bis Hb): für Schüler, deren Ettern in Hessen wohnen, a) voller Sah 21 Ml., b) bei gleichzeitiger Schulausbildung von zwei Geschwistern nur 17 Mk.. bei drei Geschwistern 13,

bei vier Geschwistern 10, bei fünf Geschwistern 7, bei sechs unb mehr Geschwistern 4 Mk. Für Schüler, deren Eltern nicht in Hessen wohnen, betragen die Sähe a) voll 23 Mk.. b) 19. 14, 11. 8 unb 5 Mk. Für die oberen Klassen (Ha la) betragen die Sähe für Schäler, deren Eltern in Hessen wohnen, a) voll 24 Mk.. b) 20. 16. 12. 8 und 5 Mk.. und für Schäler, deren Ettern nickt in Hessen wohnen, a) voll 26 Mk., b) 22. 17, 13, 9 unb 6 Mk. Die Zahl der F r c i ft c 11 c n an den einzelnen Schulen wird auf 20 v. H. der Schülerzahl erhöht. Rur bei den Aufbauschulen ist die Zahl der Freistellen wie seither nicht be­grenzt. Die bisherigen Bedingungen über die Vergebung der Freistellen bleiben unverändert.

Brieskasten der Redaktion.

(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)

J. ITC. in L. Wenden Sie sich an das Reichs- Patentamt in Berlin SW 61, Gitschiner Straße 97.

Z« drejhnsdnWrmu jamlaim des Lndwtz-GeoW-GWnasmms zu SarmflaM.

f Von Professor Or. jur. et Phil. Karl Esselborn.

Der 12. April 1629 war der Tag, da das fürstliche Pädagogium in Darmstadt in Gegenwart des Landgrafen Georg II. feierlich eröffnet wurde. Da man damals in der lutherischen Landgrasschaft Hessen-Darmstadt nach dem julianischen und nicht nach dem von dem Papst Gregor XIII. verbesserten Kalender rechnete, entspricht der 23. April dieses Ka­lenders diesem Tage. Wenn die Dreijahrhun­dertfeier nicht im Frühjahr stattfand, jo geschah das deshalb, weil man die Wende der Monate Au­gust und September für die von außerhalb kom­menden Besucher des Festes für passender hielt.

Daß das Darmstädter Gymnasium nicht mit der Gießener Schwesteranstall und mit der zwei Fahre nach dieser ins Leden getretenen alma mater Ludo- viciana den Gründer in der Person des Land­grafen Ludwig V., des Enkels Philipps des Großmütigen, gemeinsam hat, daran ist der in dem besten Mannesalter irü Jahre 1626 erfolgte Tod die­ses tatkräftigen Fürsten schuld. Denn Ludwig V. trug sich so ernst mit der Gründung eines Gym­nasiums oder, wie man damals sagte, eines Päda­gogiums in seiner Landeshauptstadt, daß er seinem Nachfolger in seinem letzten Willen zur Pflicht machte, diesen Plan zu verwirklichen. Im Jahre 1627 wurde mit dem Gebäude für die zu gründende Schule begonnen. Zwei Jahre danach war es fer­tig, und der Unterricht konnte darin beginnen. Ein Werk des Friedens mitten im Kriege. Zu dem Kriege gefeilte sich die Pest, in den Jahren 1632 und "1635 fielen alle Lehrer bis auf eine* der Seuche zum Opfer. Doch das Pädagogium überdauerte alle Fährnisse und konnte am 25. April 1729 seine erste Jahrhundertfeier begehen.

Die zweite Jahrhundertfeier fällt in die Bieder­meierzeit. Ihr Kennzeichen ist gediegene Einfachheit. Zu dem Festakt, der am 11. April 1829 stattfand, konnten nur verhältnismäßig wenige kommen, weil das Gymnasium über keinen Festsaal verfügte. Zu dem Fest hatte der damalige Direktor, Professor Dr. Karl D i l t h e y die erste ausführliche Geschichte der Schule verfaßt. Er hatte die Anstalt zu einer Zeit des Niedergangs übernommen. Es, gelang ihm aber bald, sie wieder zu heben. Die Höchst­zahl der Schüler von 380 im Jahre 1819 wurde sechzig Jahre später im Schuljahr 1869 70 mit 375 wieder annähernd erreicht, und dann flieg die Zahl stetig und stark. ________________________

Im Dezember 1831 siedelte das Gymnasium in das sreigewordene ehemalige Waisenhaus proviso­risch über, doch wurde die Stätte eine dauernde. Im Herbst 1871 wurde ein Anbau im Norden, vier Jahre später einer im Süden bezogen und ent­hielt einen großen Festsaal.Dort fand am 24. April 1879 der Festakt zur Feier des z w e i hundert- fünfzigjährigen Be st e h e n s in Anwesen­heit des Großherzogs Ludwig IV. statt.

Zu dem Feste erhielt das Gymnasium zum An­denken an seine Gründer die Bezeid)nung Lud­wig-Georgs-Gymnasium. Den Mittel­punkt des Festaktes bildete die Rede des Direktors Dr. Andreas Weidner, die eine Uebersicht über die Schule während ihres vierteljahrtausendjährigen Bestehens gab. Die Geschichte des Gymnasiums war von neuem in einer tüchtigen Arbeit des Prof. Dr. Wilhelm U h r i g dargestellt worden. Sein drittes Ju­biläum begeht das Gymnasium mit einer Zahl von 350 Schülern. Der eigentliche Festtag des drei- hundertjährigen Jubiläums ist der erste September, wo zuerst ein Gottesdienst der verschie­denen Bekenntnisse, bann ein Festakt im Landes­theater, um sechs Uhr daselbst eine Ausführung dett Vögel" bes Aristophanes durch die Schüler und am Abend ein geselliges Beisammensein in der Vereinigten Gesellschaft ftattfinbet. Am Samstag geht eine Generalversammlung des Vereins Ludwig- Georgs-Gymnasium voraus, die über die Verwen­dung der zum Besten der Schule gesammelten Geb')-, mittel beschließt und am Abend ein Kommers im. Saalbau. Daselbst findet auch am Sonntag ein ge­meinsames Mittagsmahl statt. Am Montagvornnt- tag folgen Turnspiele, bann Besichtigungen der Sammlungen und Sehenswürdigkeiten der Stadt, unb am Nachmittag ein zwangloser Aufenthalt auf. dem Oberwaldhaus. Auch die Vergangenheit der Schule kommt zu ihrem Recht: nicht nur in einer Ausstellung von Werken der bildenden Kunst ehe­maliger und auch jetziger Schüler und Lehrer des Gymnasiums, sowie in einer zweiten von Schul - erinncrungcn als Bilder von Lehrern, Schulklassen usw., sondern es erzählen auch in einem 595 Seiten starken BucheUnter der DUtheykustanie" mehr als 55 ehemalige Schüler von ihrer -Schulzeit; außer­dem gewährt eine Festschrift einen Ueberblick über die Vergangenheit des Gymnasiums.

Droschke trottelt mit einem müden Gaul dahin, der wie im Schlafe die steifen Veine hin und her bewegt.

Ich sehe das alles wie im Dämmerzustände, und nur das eine steht mit unwiderstehlicher Klarheit vor meiner Seele: Daß ich sie vergessen muß, vergessen werde.

Cs geht mir schlecht. Kein Wunder. Arbeit habe ich nicht, und Ersparnisse hat mir meine kurze und bescheidene Stellung im Hause Reichen­bach & Co. nicht gestattet.

Mit meinen Bewerbungen habe ich kein Glück gehabt. Hebern II sieht man in mir den einstigen Inhaber einer bekannten Firma, hält mich wohl für zu anspruchsvoll und verwöhnt und dankt höflich, aber bestimmt.

Die kleine Fink nimmt sich rührend meiner an. Es gibt unter den Mädchen mit der heißen Lebenslust und dem unbekümmerten Wcttsinn prachtvolle Exemplare. Sie hat cs mich gelehrt. Mein veränderter Zustand und der ihrer An­sicht nach sehr überflüssige Ernst, den abzu- schüttcln ich mir vergeblich Mühe gebe, hat ihre Zuneigung zu mir nicht erschüttert.

Wenn sie eine Qfijnung hätte, daß die Tasse Tee, die ich des Abends auf ihrem Zimmer trinke, oft die erste warme Rahrung gewesen ist, die ich den ganzen Tag zu mir genommen. Ich er­zählte ihr, daß ich noch genug von meinem ein­stigen Vermögen hinübergerettet habe, daß es mir sehr gut gut und ich mir eine Beschäftigung nur suche, da ich das tatenlose Leben nicht zu ertragen vermag.

Sie glaubt es . .. oder ist taktvoll genug zu tun, als ob sie cs glaube. Rur als ich ihr zum kleinen Entgelt für alles, was sie an mir getan, einen Strauß Blumen brachte, für den ich mein letztes Geld geopfert, weinte sie, daß es mir ins Herz schnitt.

Von der Stunde an bin ich nie wieder zu ihr gegangen. *

Endlich! Gerade, als ich nicht mehr ein noch aus wußtet kam die Rettung, ilnö zwar, wie es Rettungen wohl meist an sich haben, auf ganz wunderliche Weise.

Weniger aus innerem Bedürfnis, als aus dem Wunsche heraus, die öde schleichenden Stunden meiner auferzwungcnen Muße zu kürzen, hatte ich nach längerer Zeit einmal wieder meine Geige aus ihrem Kasten hervorgeholt.

Draußen brütete die dumpfe Schwüle eines Septembernachmittags und steigerte die seit Wochen eingenistete Hitze in meinem unter dem Dach gelegenen Zimmer bis zur Tlnerträglichkeit, so daß ich wider meine Gewohnheit bei offenem Fenster spielte.

Mit cincmmal bemerkte ich, daß eine junge, gewählt gekleidete Dame auf dem gegenüber­

liegenden Bürgersteig stehen blieb und mir zu­hörte. Tlnbcwcglich stand sic eine lange Zeit, nur ihr Kops mit dem ein wenig auffallenden, von zwei Straußenfedern gezierten Hute neigte sich langsam zu den Klängen meiner Geige, und die kleinen Füße in den zierlichen Lackschuhen klopften leise den Takt auf die Steinplatte des Bürgersteigs.

Die eigenartige Zuhörerin und ihre andächtige Aufmerkiamkeit feuerten mich an; schließlich ver­gaß ich sic. die erschlaffende Hitze, mich selber und spielte mit einem Vergnügen und mit einer Lust, wie ich cs lange nicht getan.

Da riß mich ein schrilles Läuten der Flur- flingcl aus meiner Selbstversunkenhech. Die Fremde von draußen und mit ihr eine Welle duftenden Wohlgcruchs trat in mein Zimmer.

Lassen Sie sich nicht stören, mein Herr," sagte sie mit einer Stimme, in der leise sinkende Musik war.Ich bin Dera Tartini und möchte ein wenig hören."

Ohne eine Antwort zu erwarten, ließ sie sich aus einen der roten Plüschsessel meiner Studercken- bude nieder, breitete ein seidenes Spihentaschen-- tuch über das fettglänzcnde Polster, lehnte ihr Köpfchen daran und hörte mir eine Weile zu.

Dars ich Ihre Geige einmal nehmen?" fragte sie, als ich einen Sah beendet hatte.

Run begann sie zu spielen ... ohne jede Rote^ jene QJrt von innerer Vorbereitung, und zwar mit solcher Sicherheit und Vollkommenheit, bafr ich sofort bemerkte, daß ich eine Meisterin vor mir hatte und mich fast schämte, ihr meine arm­selige Kunst solange geboten zu haben.

Aber schon nach wenigen Strichen ließ sie den Dogen sinken.

Haben Sic ein Klavier im Hause?" fragte sie.

ilnö als ich verneinte:Das ist schade. Wir hätten etwas zusammen spielen können. Auf der Geige ist es nicht weit her mit mir. Aber auf das Klavier verstehe ich mich. Sie werden mich kennen, nicht wahr?"

lind nun mit dem Ausdruck eines entzückend kindlichen Erstaunens:Sie kennen nicht die Tartini? Haben nie von ihr gehört? Oh, ist das wunderlich! 3a, gehen Sie denn nie aus? Bei Ihrer schönen musikalischen Begabung nie in ein Konzert?.. . Wie gut, daß es heute so heiß war und Sie das Fenster öffneten und ich Ihnen zuhören konnte!"

Weshalb gut? konnte ich mich nicht enthalten zu fragen.Für Sie ober für mich?"

Dielleicht für uns beide ..

Die mandelförmigen, unruhig schillernden Augen blinzelten mich an, eine fast kokette Schel­merei lag in ihrem Blick.

Und nun erzählen Sie mir von sich und Ihrem Leben."

(Fortsetzung folgt.)