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Nr. 125 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, 51. Mai (929

Sawesptan, Kapitatbitdung und Arbeitsmarkt.

Von Dr. Paul Ruprecht, Syndikus der Dresdner Kaufmannschaft.

Während der Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten auch von den 'Arbeitern immer mehr als ein innerlich unwahres Schlagwort des Sozia­lismus erkannt wird, wird dem deutschen Volke immer deutlicher, daß er leider in unseren Beziehun­gen zum Auslonde, insbesondere zu unseren Fein­den durch den Da wes plan bittere Wahrheit geworden ist, und zwar nicht etwa nur für den deutschen Kapitalisten, sondern auch für den deut­schen Arbeiter. Wenn jenen auch die durch die uns auferlegten Kriegstribute verursachte Kapitalenl- ziehung in erster Reihe durch eine Schmälerung sei­ner Einkünfte trifft, so leidet doch insofern auch der Arbeiter drunter, als diese Einkommens­verringerung ungenügende Kapitalbildung zur Folge hat, die aber wieder nicht nur zur Schaffung neuer Arbeitsgelegenheiten, sondern auch zur Er­haltung der bestehenden erforderlich ist.

Rach zuverlässigen Berechnungen macht nämlich jeder beschäftigte Arbeitnehmer einen Kapitalauf­wand von 5000 bis 8000 Mark nötig. Da sich nun mit dem Inkrafttreten des Friedensvertrages die Zahl der in Deutschland Beschäftigung suchenden Menschen besonders durch Rückwanderung aus den abgetretenen Gebieten um etwa 1,4 Millionen Köpfe vermehrt hat, so war schon damals ein Betrag von vielen Milliarden für diesen Zweck aufzubrin­gen. Außerdem ober ist noch in jedem Jahre für die deutsche Bevölkerungszunahme von 400 000 Men­schen Arbeitsgelegenheit zu schaffen und das dazu gehörige Kapital bereitzustellen. Die Hauptschuld daran, daß dies nur in unzureichendem Umfange hat geschehen können, ist in dem dauernden Kapital­entzug zu suchen, den die uns auferlegten Kriegs- tribitte verursachen.

Dadurch nämlich, daß sie unserer Bolkswirtschaft regelmäßig große Beträge wegnehmen, wird das ihr zur Verfügung stehende Kapital selten und ist nur gegen einen Zinsfuß zu erhalten, der durch- schnitilich fast doppelt so hoch ist wie derjenige an­derer großer Industrieländer. Die Errichtung von Reuanlagen und die Finanzierung des Absatzes mit Hilf« von Leihgeld wird daher für deutsche Betriebe immer weniger möglich. Auch der Vertrieb der Waren im Handel wird dadurch immer unlohnen­der, weil hohe Zinsen die Lagerhaltung übermäßig verteuern. Sie schränken also nicht nur in der In­dustrie, sondern auch im Handel die Möglichkeiten zur Eingehung neuer Geschäfte und damit zur Schaf­fung neuer Arbeitsgelegenheiten nicht nur ein, son­dern zwingen vielmehr vielfach sogar zu Arbeiter­entlassungen und Lohndruck.

Das ist bei der Verschuldung unserer Wirt­schaft, über deren verheerende Auswirkungen eine in Westdeutschland in den verschiedensten Gewerben imb in Betrieben aller Größen angestellte Rund­frage Auskunft gibt, ohne weiteres verständlich. Da­nach ist, um wenigstens ein nicht etwa vereinzelt dastehendes Zahlenbeispiel zu neben, bei einem gro­ßen Textilunternehmen von 1927 auf 1928 der Be­trag, der als Leihkapital in Anspruch ge­nommen werden mußte, um rund 90 v. H. beb Leih­kapitals von 1927 gestiegen; das Leihkapital beträgt nunmehr 85 v. H. des Eigenkaoitals. Die Zinsauf­wendungen übertrafen im Jayre 1927 den Rein­gewinn schon um rund 50 o. H.; im Jahr 1928 war war ein Verlust von 6 bis 10 o. H. des Eigenkapi­tals zu verzeichnen. Eine Dividende ist seit 1922 nicht mehr verteilt worden; sämtliche offene und stille Reserven, die ursprünglich mehr als die Hälfte des Rominalkapitals betrugen, find verloren gegangen; trotzdem mußten im Jahre 1927 an Steuern 250 o. H. des Gewinns und an fozia - len Leistungen 180 v.H. gezahlt werden; im Jahre 1928 waren diese Zahlungen trotz des Ver­lustabschlusses nur unerheblich geringer.

Wenn aber in einer Wirtschaft den Betrieben in diesem Umfange Kapital und Reserven entzogen werden, dann fehlen ihnen selbstverständlich auch die Mittel, um Konjunkturrückgänge und -schwan- kungen, z. B. durch Arbeiten auf Lager, allmählich auszugleichen; deshalb find diese Uebergänge bei uns auch so plötzlich und mit stärkeren Erschütterungen für den Arbeitsmarkt verbunden als in anderen Ländern.

Verschärft wird diese Lage noch dadurch, daß hohe Zins en auch die Vornahme ausreichen-

der Abschreibungen erschweren, an der aber die Arbeitnehmer insofern ein starkes In­teresse haben, als 'Abschreibungen nichts anderes sind als Rück st eil ungen für die zukünf­tige Sicherung der Arbeitsstätte. Wie berechtigt diese Behauptung ist, ersieht man aus bet Tatsache, daß es nut mit Hilf: früher gemachter Abschreibungen und stiller Reserven bzw. daraufhin erlangter Kredite möglich ge­wesen ist, die der Wirtschaft auferlegten Mehr­belastungen durch Rationalisierung der Vetriebe auszugleichen. Hätte sie der Ruhrbergbau z. V. aus Mangel an Mitteln nicht vornehmen können, aber die Löhne trotzdem erhöhen müssen, bann hätte dies bedeutet, daß er heute nicht 365 QOO. sondern nur 200 000 Bergleute beschäftigen könn.c. Wie unzureichend für eine ordnungsgemäße Wei­terführung der Betriebe und Aufrechterhaltung bzw. Erweiterung der in ihnen enthaltenen Ar­beitsstätten aber die Abschreibungen heute sind, zeigt die Tatsache, baß ein großes Unternehmen bes Ruhrbergbaus, dessen Anlagen mit 65 Mil­lionen Mk. zu Buche stehen aber bei Reuher- stellung 165 Millionen Mk. erfordern wurden, nur von dem ersteren Betrage den auch für diesen noch viel zu geringen Sah von 67 Prozent ab- fd)reiben kann. Man schätzt nach ziemlich zuver­lässigen Berechnungen, daß der Betrag, den die Ruhrzechen feit der Markstabilisierung haben abschreiben können, um 300 Millionen Mk. hinter dem zurückbleibt, was an sich notwendig gewesen wäre. Ebenso ungünstig sind diese Verhältnisse in der Eisen- und Stahlindustrie, deren Werke im Durchschnitt nach Pressemeldungen nur 5 Mark auf die Tonne ihrer Erzeugung haben abschreiben können, während sie tatsächlich etwa 15 Mk. hät­ten abschreiben müssen.

Was hier für die industrielle Urproduktion ge­sagt worden ist, gilt mehr ober minder auch für die verarbeitende und. weiterverarbeitende 3u- dustrie, die Landwirtschaft und den Handel, wie sich aus folgender Betrachtung ergibt: Don 1907 bis 1925 hat sich die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland um mehr als ein Viertel erhöht, ohne baß bamit eine entsprechend Steigerung der gesamten Crzeugungssähigkeit des deutschen Volkes eingetreten wäre, wie sich darauf ergibt, daß von 1913 bis 1927 im heutigen Reichsgebiet der Jnlandsabsah an Kohle auf den Kopf der Bevölkerung berechnet von 205,4 kg auf 202,4 kg zurückgegangen ist. Daraus geht aber klar her­vor, bah die Zunahme der Erwerbstätigen nicht zu einer Steigerung der Gütererzeugung, sondern nur zu Arbeitsstreckung und Arbeits­verschiebung geführt hat.

Einen besonders deutlichen Beweis dafür hat der letzte Bericht des Vereins deutscher Maschi­nenbauanstalten geliefert. Rach seinen Angaben hatte die Maschinenerzeugung im Jahre 1913 einen Wert von 3,85 Milliarden Mark, und sie ist im Jahre 1928 xum erstenmal mit 4 Mil­liarden Mark über den Wert der Dorkriegser­zeugung hinausgegangen die Zahlen sind durch Umrechnung vergleichbar gemacht. In den Jahren vorher hat sie immer darunter gelegen. Wir haben also 1928 erst den Stand der Vor­kriegszeit wieder erreicht. Es ist keine Zunahme, keine Ausdehnung und keine Entwicklung ein­getreten. In diesen Zahlen liegt, da die Be­schäftigung und Erzeugung des Maschinenbaus unmittelbar von der Kapitalbildung abhängt, ein Schlüssel zum Verständnis der Entwicklung des Arbeitsmarktes. Die angeführten Zahlen zeigen nämlich, daß die für die Verbesserung, Er­neuerung und Vermehrung unserer Maschinen­anlagen angewandte Kapitalbildung hinzu kommen noch die Auslandanleihen im Jahre 1928 nach fünfzehn Jahren erst wieder den Vor­kriegsstand erreicht hat. Obwohl sich wie gesagt der Arbeitsmarkt in der Zeit von 19x3 bis 1928 um rund 20 Prozent ausgedehnt hat, haben wir danach für die Vermehrung, Erneuerung und Verbesserung des Maschinenparks der Wirtschaft in den Jahren feit dem Krieg weniger ausge­geben, als in den Jahren vor dem Krieg und haben erst im vorigen Jahr den Stand der Vor­

kriegszeit wieder erreicht, weil die Kapitalbil­dung versagte.

Wenn nun auch nicht geleugnet werden soll, daß daran unsere Wirtschaftspolitik insofern nicht unbeteiligt ist, als sie die Belange des Produk­tionsfaktors Kapital nicht genügend berücksichtigt hat, so trägt daran doch, wie wir hier gesehen Haden, die Hauptschuld die übermäßige Höhe der uns auferlegten Kriegstribute. Sie haben, wie das Landesarbeitsamt der Rheinprovinz aus der angegebenen ohne Vermehrung des Ma­schinenparks vor sich gegangenen Zunahme der Erwerbstätigen mit Recht folgert, bewirkt, daß die Entwicklung der letzten Jahre in Deutschland nicht zu einer Kapital- sondern zu einer Ar­beitsintensivierung geführt hat. Volks­wirtschaftlich insgesamt betrachtet nicht für einzelne Betriebe und Industrien -- kommen aus die gleiche Erzeugung heute mehr Erwerbs­tätige als früher, der deutsche Arbeitsmarkt ist also arbeitsintensiver statt kapital­intensiver geworden. Darin liegt ein gro­ßer Rachteil gegenüber den Industrieländern, die eine Kapitalintensivierung haben durchfüh­ren können, der nicht nur die Besitzenden, sondern auch die Arbeiter, und zwar letztere durch un­günstige Beeinflussung des Arbeitsmarktes trifft.

Die deutsche Schule im Auslande.

Im Zusammenhang mit der Kieler Tagung des Vereins für das Deutschtum im Auslande ist eine Statistik, die jetzt veröffentlicht wird, recht inter­essant, in der in einer ileberfidjt die Entwicklung des deutschen Auslandschulwesens dargestellt wird. Dabei muß man sich vor Augen halten, daß die deutsche Auslandschule die wesentlichste Stühe des Deutschtums im Auslande in seinem schweren Kamps als nationale Minder­heit ist. Hub obwohl der Weltkrieg die Entwick­lung des deutschen Auslandschulwesens völlig ver­nichtete, kann man doch jetzt ein recht erfreu­liches Anwachsen der Rachkriegsentwicklung feststellen. Selbstverständlich ist das deutsche Schul­wesen am stärksten vertreten auf dem europäischen Kontinent, wo das Auslanddeutschtum nach dem Kriege an sich schon außerordentlich gewachsen ist. In erster Linie ist hier Spanien zu nennen,

wo eS eine ganze Reihe höherer Schulen gibt, dann Italien, Bulgarien und die R i c - verlande. Geringer ist der Stand des deut­schen Auslandschuldienstes in Litauen, wo sich in Kowno eine deutsche Oberrealschule befindet, in Finnland, in Dänemark und in Eng­land, wo in London eine Volksschule und eine private Mädchenschule «sistieren, ferner in Por­tugal, in Griechenland, in Ungarn und in der Türkei. In Davos in der Schweiz existiert schließlich noch ein deutsches humanisti­sches Gymnasium.

Aber auch auf den anderen Erdteilen hat sich der Stand des deutschen Auslandschulwesens in erfreulicher Weise fortentwickelt. In Asien exi­stieren in China eine ganze Reihe deutscher Schulen, in Japan haben wir deutsche Schulen in Tokio und Kobe, in Persien ist eine Han­delsschule in Teheran, in P a l ä st i n a existieren auch heute noch eine ganze Reihe deutscher Schu­len, wenn auch infolge des Krieges die größte Zahl davon eingegangen ist. In Qlfrifa ist das deutsche Schulwesen in den ehemaligen deut­schen Kolonien bis auf Südwestafrika völlig ver­schwunden. In der Südafrikanischen Union ist in letzter Zeit eine steigende Entwick­lung des deutschen Auslandschulwesens zu ver­zeichnen. Dagegen finden wir nun in QI u ft r a - (ic n kaum noch eine rein deutsche Schule, weil sich dort die Deutschen der Landessprache und dem Landesschulwesen angeschlossen haben. In Amerika ist der Stand wiederum besser, doch kann man auch hier nicht direkt von deutschen Auslandschulen iyi engeren Sinne sprechen. Auch in Kanada sind keine deutschen Schulen, wäh­rend Mexiko nach dem Kriege wieder eine Reihe von guten deutschen Schulen aufweist. In M i 11 e l a m e r i f a existieren deutsche Schulen in Guatemala, in San Jose und in Havanna aus Kuba. Am stärksten verbreitet ist das deutsche Schulwesen in Südamerika, vor allem in Argentinien, Brasilien und in C h i ( e. Ebenso existieren deutsche Schulen, in D o l i v i e n. Peru, Ecuador, Kolumbien und Vene­zuela. Reun all dieser Schulen besitzen das Recht, Reifezeugnisse zum Besuche deutscher Hoch­schulen auszustellen und neun weitere sind zur Ausstellung von Zeugnissen für die Obersekunda deutscher höherer Schulen berechtigt.

tzaiipwersammlung des Me-Frasenverems.

(Eigenbericht desGießener Anzeigers".)

z< Bad-Rauhei m, 30. Mai.

Der 1867 gegründete Alice-Frauenver- cin (Hessischer Landesfrauenverein vorn Roten Kreuz), der in 105 Zweig­vereinen des Landes insgesamt 21 651 Mitglieder zählt, und seither immer in der Landeshauptstadt tagte, hat mit seiner 2 8. ordentlichen Mit­gliederversammlung in Bad-Rau- h e i m erstmalig in Oberhessen Einkehr ge­halten. Die Versammlung, die gestern im kleinen Bühnensaal des Kurhauses stattfand und sehr stark besucht war, wurde von der Vorsitzenden des Landesvereins, der ehemaligen Großherzogin Eleonore, mit herzlichen Begrüßungsworten eröffnet, die die besondere Freude darüber zum Ausdruck brachten, daß sich durch die Tagung im schönen Bad-Rauheim die willkommene Ge­legenheit geboten habe, auch mit den oberhessi­schen Zweigvereinen einmal in engere Fühlung zu kommen.

Der Hauptgeschäftsführer des Alice-Frauen- vereins. Ministerialdirektor Dr. Kratz, Darm­stadt, übernahm dann die Leitung der Tagung und hieß im Auftrage des Hauptvorstandes die Mitglieder, Schwestern und Ehrengäste will­kommen. Unter anderen waren zahlreiche Ver­treter der Behörden und Organisationen anwe­send. Auch Reichstagsabgeordneter Reichsmini­ster a. D. Dr. Becker und Gemahlin und Wil­liam Strauß und Gemahlin aus Reuhork (zur Zeit zur Kur in Bad-Rauheim), die zu den hochherzigen Förderern des Vereins zählen, wa­ren zugegen. Von den Gästen entboten herz­lichen Gegengruh: Regierungsrat Grein vom Kreisamt Friedberg, Bürgermeister Dr. A h l im Auftrage der Stadt und des Zweigvereins

Bad-Rauheim voin Roten Kreuz, Geheimrat v. H a h n vom hessischen Landesverein des Roten Kreuzes, Dr. O e l c m a n n für die hessische Aerztekammer und gleichzeitig für die hiesige Aerztevereinigung, Oberrechnungsrat Roth im Auftrage des hejsischen Kultusministeriums.

Ehrend wurde der in den beiden letzten Jahren Verstorbenen gedacht. Der Versammlungsleiter widmete allen, die für den Qkrein in hervor­ragender Weise tätig gewesen, unter eingehender Würdigung der besonderen Verdienste, warme Rachrufe, und zwar: Qlnna Freifrau Ried- esel zu Cisenbach, Obermedizinalrat Dr. R e b e n t i s ch, Offenbach a. M.; Aliceschwester Hüpaden (von 1908 bis 1925 Leiterin des Krankenpflegedienstes im Kreiskrankenhaus zu Alsfeld), Staatsrat i.R. Dr. Ernst Weber, Geh. Sanitätsrat Dr. Habicht, Darmstadt: Obr- konsistorialpräsident Geh. Rat Ludwig Rebel, Darmstadt; Frau Ministerialrat i. R Qlnna Klingellhoffer, Darmstadt, Frau Marie Rothe, Darmstadt.

Der Geschäftsbericht, den Ministerialdirektor Dr. Kratz erstattete, um­faßte zwei Jahre Lereinstätigkeit. In allgemeinen Ausführungen wurden zunächst Zweck uni) Aus­gabe des Alice-Frauenoereins klar umschrieben und dabei betont, daß der Grundsatz der poli­tischen und konfessionellen Neutrali- t ö t das Fundament sei, auf dem sich die Wohl' fahrtsarbeit des Vereins aufbaue. Ausführlich ver­breitete sich der Berichterstatter über die einzelnen Arbeitsgebiete des Vereins, insbesondere über den Krankenpflegedienst und die Wohl­fahrtspflege. Das Schwergewicht der Tätig­keit richtet sich auf die Ausbildung von Berufs­

Dom leeren Raum.

Von Professor Or. Küstermann.

Eine der einfachsten und zugleich e ndruckvollsten Tatsachen, die unsere jüngste Raturforschung er­geben hat, ist das ungeheure Mebcrtoiegen des leeren Raumes in der Welt, und zwar im kleinen wie im großen. Beginnen wir mit der Welt des Kleinen: Erst die neuere Forschung hat aufgedeckt, wie winzig innerhalb des ganzen Atomes die eigentlich von Stoff, oder was wir so nennen wollen, ausgefüllten Teile sind. Ein Atom hat ungefähr einen Durchmesser von einem zehn- millionstel Millimeter: der Durchmesser der Teil­chen, die außer dem leeren Raum noch da sind, und die das Wesen des Atoms ausmachen, ist schwerlich großer als der hunderttausendste Teil davon. Eines von ihnen verhält sich zum ganzen Atom wie ein etwas stattliches Gebäude, sagen wir etwa der Kölner Dom, zur Erdkugel. Mehr als einige 90 dieser Teilchen können im Atom nicht Vorkommen, in den allermeisten Fällen sind es sehr viel weniger. Allerdings ändert sich das Bild neuerdings insofern etwas, als man sich den größten Teil dieser Urbeftanbteile des Atoms als Wellenzüge vorstellt, die zwar mehr Raum einnehmen, dafür aber auch keine eigentlichen Körper, sondern vielmehr Vorgänge, Geschehnisse im leeren Raume sind, der nach wie vor im Atom überwiegt. Rur der ilmftanb, daß die winzigen Inselchen im leeren Raum des Atoms, so klein sie sind, doch ausreichen, dem Eindringen fremder Körper und meist auch dem des Lichtes zu wehren, läßt uns die Stoffe als ausgefüllt er­scheinen.

Wie im kleinen, so im großen! Stellen wir uns die Erde als einen Ball von 10 Zentimeter Durchmesser vor, so haben wir uns die Sonne über 1 Kilometer, genauer 1,2 Kilometer, das heißt eine Wegstrecke von einer Viertelstunde, entfernt zu denken. Zwischen Erde und Sonne können wir den recht bescheidenen Erdmond, oder auch die Venus oder den Merkur antreffen. Sonst ist zwischen Erde und Sonne nur leerer Raum! Die Sonne selbst hat die Größe eines kleinen Häuschens von etwa 11 Meter Durchmesser und ihr ganzer Machtbereich erstreckt sich diesseits und

ich zweifelte nicht im mindesten, daß es ge­schehen werde, als hätte die Ranke Augen und fähe die lebendige, freundliche Hand. Adrian stand dort so lange, aber nun ruhigen Angesich­tes, daß ich müde wurde, zuzusehen.

Bist du ein Gärtner?" fragte ich ihn später, leidlich vertraut mit ihm.Warum ein Gärt­ner?" antwortete er, und als ich fortfuhr:Ich sah dich in den Bohnen", eröttete er. Er habe fie selbst gezogen, die prallen, glänzenden Sa­men in die Löcher gesteckt, die er mit dem Finger in das Beet gemacht hatte. Gar bald hätten sie die Erde aufgehoben, so sehr, daß manche von ihnen freilagen mit gespanntem Keim.Wahr­haftig," fürgte er hinzu,Sie haben eine le­bendige Seele, sehen und lieben vielleicht." Ich wußte damals schon, daß Michaela ihn liebte, aber er tat, als gehe ihn das nichts an. Eines Tages nun, da sie in der Schaukel saß, ganz still, als schliefe sie, hörte ich Adrian mich ru­fen und kletterte über den Zaun zu ihm.Sieh doch, sieh!' sagte er erregt. Es war gegen Abend, und die Bohnen blühten damals eben. Adrian saß bei ihnen aus einem Schemel (er hatte wohl den ganzen Tag so gesessen), und um seine Finger ringelte sich fest eine Bohnenranke wie eine Schlange. Dies schien mir wunderbar genug, um es Michaela zu zeigen, als ich ihr Gesicht schon am Zaune sah. Sobald ich sie anredete, wandte sie sich zornig ab und verließ den Garten, wäh­rend Adrian lächelnd und behutsam die Ranke von seinem Finger löste. Rachts stieg Michaela über den Zaun und schnitt die Bohnen alle kurz über dem Boden ab, zerriß die Blätter und streute die lachsfarbenen Blüten weit umher, daß alles verdorre.

Rachher sah ich Adrian lange nicht, hörte nur, daß aus ihm nichts werde, und entsann mich des Wortes: Sie haben wahrhaftig eine lebendige Seele, und eines späteren: es wäre schöner, ein­mal im Tode ganz spurlos hinüberzugehen, Land­schaft zu werden, Wolke, Daum, was sich auch bald im Kriege erfüllte, dem er furchtsam ent­gegenging. Ich sah ihn zuletzt, aufschreiend bei jebem Schlag, der die Erde ringsum traf, an einem Baum sich halten.

Adrian in -en Bohnen.

Von Ernst penzoldt.

Seit ich die griechische Sage kenne von dem in einen jungen Dichter verliebten Baum, der, sonst nur im Winde bewegt, an einem stillen Tage aus eigener Kraft sich neigte, und des Vor­übergehenden Haar berührte, ja, da er unweit von dessen Hause stand, als jener krank war, zu seinem Fenster wuchs, langsam, fast schreitend, obwohl die Wurzeln rissen, bis er ihn sah. seit­dem bin ich sicher, daß Adrians Seele nut sei­nem Tode in einen Baum fuhr oder m eine Bohnenranke. t, .. . , ,,

Fast am Rande der Stadt, wo sie in kahlen grauen Wänden gleichsam abbrach und iah zu den Wiesen der ungebauten Häuser abflel wo Kon­servenbüchsen und Spiralen von Drahtmatratzen zwischen zerbrochenen Backsteinen rosteten, o<egen, von Kindern geführt, weideten, lagen tm Rucken noch junger Häuser drei Gärten. In dem einen stand ich, zwölfjährig, und schaute durch den Lattenzaun zu Michaela hinüber. Dazwischen lag der fremde Garten. Es war früh un Sommer, und ich sah Michaela auf ihrer Schaukel Nh en und in einem roten Buche lesen. Sie beruorte mit einem Fuße den Boden, sich damit abzustoßen und ein wenig zu schaukeln. Dann knarrten trage die Ringe in den Haken. Da gewahrte ich einen Knaben, den ich vorher nie gesehen, in den Gar­ten kommen. Er ging, zuweilen ein neues Blatt berührend, und blieb auf einmal stehen, als er die Stelle traf, da Michaelas und meine Blicke sich begegneten. Er war größer als ich und trug fchon lange Hosen. Seine Hände ragten weit aus den Aermeln feiner zu kurz gewordenen Jacke. Er bemerkte aber weder mich noch Michaela, die über ihr Buch hin ihn ansah, sondern ging un­lustig zu dem Beet mit Feuerbohnen, die mit ihren gegeneinandergestellten Stangen eine Art Zelt bildeten. Dort trat er ein. Da Michaela ins Haus zurückkehrte, schlich ich mich den Zaun entlang mehr in des fremden Knaben Rähe, zu sehen, was er dort tue. Er stand zwischen den Bohnen und hielt den erhobenen Zeigefinger einer Ranke entgegen, daß sie daran sich Häm­mere und ihn umschlänge, so schien es mir. Ja,

jenseits auf etwa je das Dreißigfache der Ent­fernung Erde Sonne. Dieses immerhin recht stattliche Gebiet, zu dessen Durchquerung wir zwei gute Tagemärsche brauchen würden, ist fast völlig leer. Außer unserem kleinen Sonnenhäuslein fin­den wir nur ein paar größere oder kleinere Kugeln, von denen zwei, nämlich der Jupiter und der Saturn, etwa die Größe von aufgespann­ten Regenschirmen erreichen, und zwei weitere, nämlich der Aranus und der Reptun, ganz statt­liche Fuhbälle sind; die Venus ist fast genau so groß wie die Erde und der Mars halb so groß wie sie. Alle diese Körper füllen nur einen sehr kleinen Teil unseres Sonnenhäuschens aus, das eine Kugel beherrscht, deren Schnittfläche irt Deutschland durchschnittlich von einer halben Mil­lion Menschen bewohnt würde.

Für besonders groß können wir also die 'Be­völkerungsdichte innerhalb des von der Sonne beherrschten Gebietes nicht gerade ansehen. Aber die Einöde wird noch größer, wenn wir es ver­lassen. Da lernen wir nämlich erst, wasleerer Raum" heißt. Der nächste Fixstern ist von unserem Sonnenhäuschen bis zum Rande seines Gebietes Halbmessers des Sonnenreichs entfernt. Brauchten wir also einen Tagemarsch, um von unserem Sonnenreiches bis zum Rande seines Gebietes vorzudringen, so können wir 9000 Tage oder 25 Jahre wandern, um zu einem andern Stern zu gelangen. Vielleicht ist er etwas größer als unsere Sonne, also, um im Vergleich zu bleiben, ein wirkliches Haus, kein Häuschen, aber ob er auch, wie sie, von Wandelsternen umgeben ist, können wir nicht sagen; denn auf eine Entfernung, zu deren Bewältigung ein rüstiger Wanderer 25 Jahre braucht, einen aufgespannten Regenfchirm oder gar einen Fußball zu entdecken, das wird selbst unseren Riesenfernrohren niemand zumuten. Hebrigenß ist die Entfernung der Sonne von ihren nächsten Rachbarsternen verhältnismäßig klein, im allgemeinen sind die Zwischenräume zwischen den Sternen noch viel größer, obwohl wir uns ja in einer Anhäufung von Sternen der Milchstraße befinden. Zwischen ihr und anderen folchen Welten ist die Leere noch viel größer, denn sie sind nur Pünktlein im ungeheu­ren, sich unendlich nach allen Seiten dehnenden 1 Weltenraum.