Nr. 304 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 30. Dezember (929
11 ■III» 11
LntzauberteLlmeli-AuchAbessinienwjrdmodrrn
Von Ernst Heinrich Schrenzel.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Die Dampfwalze der europäisch-amerikanischen Zivilisation rollt unerbittlich über die Länder, glättet gewaltsam deren eigenwillige Züge und vereinheitlicht ihr charakteristisches Antlitz zu dem „normalisierten Einheitsgesicht". Eine Ncise durch dreißig amerikanische Städte bietet nichts Neues mehr: überall die gleichen Turnchäuser, die gleichen Autos, die gleichen zweckmäßig-nüchternen Strahenzüge. und in ihnen gleichgekleidete Männer, gleichgeschminkte Girls. 'Rio de Janeiro war vor drei Jahrzehnten eine kaum bewohnte, kaum bewohnbare Brutstätte des Gelben Fiebers, aus der jeder Bemittelte in die Dergstadt Petropolis floh, Tokio war vor zwanzig Jahren noch echtes Märchen — Japan mit Papierampeln, Geishas und Kirschblütenfesten, Mexiko lag wie außerhalb der Welt, Australien gehörte gleichsam zu einem anderen Planeten — heute sind Rio, Tokio, Buenos-Aires, Mexiko, Melbourne amerikanisierte Großstädte mit Luxuszügen, Wolkenkratzern, Berkehrspoli- ;isten im Strome der Autos. Das Reisen wird von Jahr zu Jahr leichter — es wird auch von Jahr zu Jahr weniger interessant.
A f r i k a, der Schwarze Erdteil, bot noch Inseln jungfräulich gebliebenen Landes, ursprünglich erhaltener Welt. Freilich: Aegypten ist bei all seinem orientalischen Reiz ein mächtiger Borposten Europas, K a p st a d t ist eine Großstadt von internationalem Gepräge, die französischen Kolonien, die italienischen, die englischen, die belgischen haben alle das afrikanische Land seines ursprünglichen Charakters entkleidet, bieten Mischkulturen, aber nicht mehr den Zauber eingeborener Ursprünglichkeit. Eine Insel aber kannte Afrika bis jetzt: einen Natur- und Kultur- 'chuhpark von einzigartigem Reiz und Reichtum: das alte Bergland Abessinien, das sich wie eine natürliche Festung bis jetzt gegen den Ansturm fremden Wesens bewahrte — politisch, geistig und kulturell.
Menelikll.» der berühmteste unter den modernen Herrschern Abessiniens, der das Reich in seiner heutigen Form aufbaute und organisierte, erweiterte die traditionelle Gastfreundschaft der Abessinier allen Fremden gegenüber bei der Aufnahme der ins Land kommenden europäischen Reisenden geflissentlich so sehr, daß man eigentlich unter seiner Regierung zum ersten Male von einer richtigen Ansiedlung einiger weniger Europäer in Abessinien sprechen konnte. Er nahm begierig Nachrichten von fremden Ländern, fremdem Schaffen, fremder Kultur auf und es ist typisch für ihn, daß er (zum ersten Male in der Jahrtausende alten Geschichte des abessinischen Reiches) einen Abendländer, den Schweizer 2lg, zu seinem vertrautesten Berater machte und ihm durch lange Jähre eine mächtige Stellung an feinem Hofe bot. Gegen den Willen eines großen Teiles seiner Ratgeber und seines Volkes, gegen den Willen seiner Gattin Taitu auch führte er in der Verwaltung des Landes, in den außenpolitischen Beziehungen, im Post- und Münz- ivesen, im Heere eine Reihe europäischer Reformen ein, die zwar im Lande seltsam genug umgeformt wurden, aber dem Staat und dem Leben doch irgendwie ein neues Belicht gaben. Gegen den Willen der meisten abessinischen Fürsten auch gab er die Bewilligung dazu, auf der achthundert Kilometer langen Strecke von der Somaliküste bis zur Hauptstadt Addis Ababa eine Bahn zu bauen, den ersten gangbaren Weg für das spätere Eindringen europäischen Wesens. Denn wenn die Bewältigung des Weges mit der Karawane ein Diel- wöchiges Wandern durch glühendheiße Wüste, trostlose Steppe und unwegsames Bergland, durch wasserlose Gegenden, Raubtiergefahr und Heuschreckenschwärme erforderte, so schrumpfte der Weg nach der Fertigstellung der Bahn auf drei Tagereisen im sicheren Zuge zusammen. Wie groß aber der Widerstand gegen den Dau war und tote sehr aus diesem Anlässe die alte und die neue Zeit in Abessinien aneinanderprallten,
ergibt sich aus der Tatsache, daß der Ban der Bahn auch nach der Bewilligung durch Kaiser Menelik durch die ganzen an der Strecke wohnenden Stämme unausgesetzt in schwerster Weise gestört wurde: Eisenbahn- und Telegraphenmaterial wurden verwüstet und geraubt. Und der eiserne Wille Meneliks, das Werk doch durchzusühren, dokumentierte sich eines Tages darin, daß er um die gleiche Stunde an der neuerbauten Strecke achtzig der Räuber an die Telegraphenmaste hängen lieh.
Die beiden letzten Jahrzehnte brachten Abessinien eine schwache Einwanderung aus aller Herren Länder die unterschiedlichsten europäischen Institutionen wurden gegründet, Verträge mit einer großen Reihe europäischer Staaten geschlossen und um das Jahr 1913 war Abessinien für die großen europäischen Kolonialstaaten schon so interessant, daß sie es auf teilen wollten. Der Ausbruch des Weltkrieges verhinderte das, brachte das Land in mancherlei Wirren, seinen Herrscher Lidj Jassu um den Thron, einen neuen Regenten, Ras Safari, zur Herrschaft und eine Fülle geschäftlicher und diplomatischer Beziehungen zum Reifen. 1922 tritt Abessinien dem Völkerbund bei und sichert sich so vertraglich seine weitere Unabhängigkeit. Trotz alledem: das Land war uralt und ureinfach geblieben. Cs hatte mit der europäischen Zivilisation nur gespielt. Wenn Menelik II. in der Hauptstadt ein Münzamt hatte errichten lassen, so war das nur einen einzigen Tag lang in Betrieb; dann bezog man wie seit altersher die Maria Theresientaler wieder aus der staatlichen Münze in Wien und lieh das eigene Münzamt verfallen. Wenn noch vor wenigen Jahren eine französische Firma nach jahrelangen Verhandlungen ein paar Aeroplane nach Abessinien bringen wollte, so wurden diese auf Befehl des abessinischen Kriegsministers vor der Grenze zurückgehalten und blieben so lange liegen, bis man sie als Altmaterial verschleuderte. Alle europäisch aufgebauten Geschäfte, jeder Versuch, Straßen, Drücken, europäische Gebäude zu bauen, blieb eine Jmprovis ation und Abessinien war trotz der zwei vielbestaunten Autos, die die Hauptstadt kannte, trotz der Radiobastelei eines italienischen Diplomaten, trotz eines gelegenllichen Spazierfluges Ras Safaris über Aden ein weltabgeschiedenes Eiland, ursprünglicher selbst als heutzutage die Südseeinseln sind, zwischen deren Riffen auch schon die Touristen mit Motorbooten vergnüglich hindurchfahren.
Die große Europareise des abessinischen Regenten vor vier Jahren, die vielfachen, De- mühungen der expansionssüchtigen europäischen Großmächte und das Tempo des »Fliehenden Dandes", das alle mechanisch-maschinelle Zivilisation in den letzten Jahren gewonnen hat, bewirken nun, daß auch Abessinien — ähnlich wie vor einigen Jahren Japan — mit rasender Schnelligkeit sein Antlitz verändert. Gerade der Sommer dieses Jahres scheint wieder wie die Zeit des EisenbahnbaueS das alte und das neue Abessinien hart aneinanderstohen zu lassen. Die abessinische Natur zeigte typischer als in anderen Jahren ihren eigensten Charakter: tropische Regen, die weite Ufergebiete des Dlauen Nils überschwemmten, rasende Hitze und zwischen der Grenzstadt Dire-Daua und dem Fluh Modjo Heuschreckenschwärme, die nicht nur innerhalb weniger Stunden die gan^e Vegetation verheerten, sondern selbst die Eisenbahnzüge zum Stehen brachten. Und gerade um diese Zeit gab es in Abessinien eine 'Sauarbeit in einem Stile, wie noch nie seit den Sagen der Mauren, und eine Hochflut von Reformen einerseits, von Widerständen gegen diese anderseits. Eine „Jungabessinische Partei" propagiert eine nationale Bewegung und wollte sogar an ein geheiligtes Gesetz der alten abessinischen Kirche greifen: den obersten Kirch enfür st en, den „Abuna", der seit dem vierten Jahrzehnt stets von Kairo aus eingesetzt wird, in Abessinien selbst erwählen und weihen. Rach langem und hartem Kampfe
siegte die alte Kirchenpartei und es kam wieder ein neuer Abuna aus Kairo.
Die traditionelle Unzusriedeicheit gegen das Eindringen europäischen Geistes machte sich in einer Reihe von Sabotageakten und in mancherlei Unruhe in der Bevölkerung bemerkbar,- Karawanen wurden Überfällen, blutige Verbrechen häuften sich. So griff die abessinische Justiz nach einer Pause von mehreren Jahren, während der man zum Tode verurteilte Verbrecher in aller Stille erschossen hat, wieder zu dem Mittel der weithin sichtbaren Abschreckung. Und wie vor Jahren der Dau der neuen Eisenbahnlinie angesichts einer langen Reihe von Galgen geschah, so baute sich auch in diesem Sommer 1929 eine völlig neue We l t in der abessinischen Hauptstadt auf angesichts öffentlich Hingerichteter Menschen. Innerhalb weniger Wochen wurden in Addis Ababa auf den öffentlichen Straßen fünfunddreißig Räuber und Mörder gehängt. Aber gegenüber dem berühmten uralten »Hängebaum" vor der Gcorgskirche wird ein Menelik- Denkmal erbaut, in Ada, unfern der Hauptstadt, besteht eine landwirtschaftliche Versuchsstation, die von Europäern geleitet ist, das Bahnhofsgebäude, das seit Jahren nicht über das Projekt gedieh, ist fertiggestellt, eine elektrische Zentrale für Kraft und Licht und eine Großradiostation erbaut. Und dem Zuge der Zeit, sich in den Kolonialländern vom Import möglichst unabhängig zu machen, wurde auch in Abessinien Rechnung getragen: der Haupteinfuhrartikel, das
weihe Daumwollzeug für die Kleider der^ Eingeborenen, wird nun in einer richtigen Fabrik hergestellt werden, die aus Eisen und Glas erbaut wurde und in der die Maschinen schon montiert sind. Im Schlosse des Regenten, der an allen Reformen regsten Anteil nimmt, wurde eine Mädchenschule errichtet, eine Holzbearbeitungsfabrik erbaut. Und da Addis Ababa das erste Tausend Automobile längst überschritten hat, darf es nicht Wundernehmen, daß auf Strecken, die noch vor wenigen Jahren Nacht für Nacht von Hyänen besucht waren, eine Straßen-Asphaltier-Gefellschaft tätig ist, und daß vom neuen Bahnhof die Wagen einer Autobusgesellschaft nach der Stadt fahren.
So vollzieht sich die Entzauberung eines bis jetzt ursprünglich gebliebenen Landes mit Windeseile. Sie kennzeichnet sich auch darin, daß die Freizügigkeit in Abessinien an genaue Pahvorschristen gebunden wurde, daß die Groß Wildjagd im ganzen Reiche, jegliche Jagd auf beiden Seiten der Bahnlinie verboten wurde. Der erhöhte Betrieb erhöht auch wieder die Einwanderung und den Verkehr von und zur Küste, dem die eine Bahnlinie schon nicht mehr gut genügen kann. Aber auf dem Hochplateau von Addis Ababa ist schon ein großer Flughafen vermessen, die Flieger studieren die Wetterverhältnisse und in Djibouti liegen schon die Flugzeuge bereit, die in kurzem regelmäßig von der Küste des Roten Meeres hinauffliegen werden in die abessinischen Berge.
Aus aller Wett.
Die Bevölkerung der Erde.
Nach den Berechnungen des „Internationalen Statistischen Instituts" in Rom beträgt die G e - famtbeoöltcrung der Erde 1 936576000 Seelen, davon entfallen 1070 483 000 auf Asien, 478576000 auf Europa, 238332000 auf Amerika, 140 269 000 auf Afrika und 9 369 000 auf Australien und Ozeanien. Die größte Bevölkerungsdichte zeigt Europa mit 48,6 Einwohnern pro Quadratkilometer; es folgen Asien mit 24,5 Amerika mit 5,5, Afrika mit 5 und an letzter Stelle Australien mit 1,1 Einwohnern. Die Durchschnittsdichte der Weltbeoölkerung beträgt 13,3 Einwohner auf den Quadratkilometer. Vom Jahre 1920 an hat die Bevölkerungsziffer eine Steigerung von insgesamt über 125 Millionen Einwohner erfahren. An diesem Zuwachs ist Asien mit 58 Millionen, Amerika mit fast 30 Millionen, Europa mit über 28 Millionen, Afrika mit rund 8 Millionen und Australien mit 1,75 Millionen Einwohnern beteiligt. Das bevölkert st e Land der Erde ist China, das nach den chinesischen Statistiken eine Einwohnerzahl von 433 439 800 Einwohnern aufweist. Der Reihe nach folgen B r i t i s ch - I n - dien mit 318 942 480 Einwohnern und Sowjet ru ß la n d mit 147 013 600 Einwohnern. Den vierten Platz halten die Vereinigten Staaten, deren Bevölkerung im Jahre 1928 auf 120177 645 Einwohner berechnet wurde. An fünfter Stelle steht Deutschland mit 64 223 276 Einwohnern. Japan einschließlich Korea zählt mit den anderen neu erworbenen Territorien 83 456 929 Einwohner, Großbritannien mit Irland 47 085 936, Italien 41 153 000 (dazu l m Ausland lebende Italiener 9 300 000), Frankreich 42 Millionen, Polen 30312973 und Spanien 22444156 Einwohner.
Zehn Jahre Reichsbund der kinderreichen.
Der Bund der Kinderreichen beging in Berlin die Feier seines zehnjährigen Bestehens. Zahlreiche Vertreter von Behörden und Verbänden waren erschienen. Dr. Heinsius sprach über das Thema: »Die Bedeutung der Familie für Volk und Staat". Er wies darauf hin, dach die körperliche, geistige und sittliche Beschaffenheit der Familie seinen Niederschlag in der Gesamtheit des Volkes finde. Dem Staat dürfe es nicht gleichgültig fein, wie viele Menschen in seinem Gebiete wohnten, ob in seinem Gebiet viele Fremde und Eingewanderte lebten, ob sein Volk wachse oder abnehme, ob der jugendliche Nachwuchs im richtigen Zahlenverhältnis zu den Alten stehe und körperlich, geistig und sittlich so
tüchtig sei, wie die Vorfahren. Die Familie könne den Volksbau nur stützen, wenn sie kinderreich sei. Der Bund der Kinderreichen wolle mithelfen den in der Reichsverfassung Artikel 119 gewährleisteten Schutz des Samilien- lebens und der kinderreichen Familien durch Schaffung eines besonderen Famllienschuhgesetzes zu vervollkommnen.
„heim des neuen Europa."
In Paris wurde das »Heim des neuen Europa" gegründet, eine Organisation, deren Vorsitz Professor Henri Lichtenberger innehat und deren Aufgabe darin besteht, den in Paris studierenden ausländischen Studenten oder den Gelehrten, Industriellen und Kaufleuten, die sich zu Studienzwecken in Paris aufhalten, den Verkehr mit der französischen Gesellschaft zu vermitteln. Das »Heim des neuen Europa" will den europäischen -Gedanken der Aussöhnung dadurch fördern, daß es durch regelmäßige Veranstaltungen e i n besseres Sichkennenlernen der Völker, namentlich aber der Deutschen und der Franzosen, ermöglicht. Die Eröffnungsfeier, die im Völkerbundsinstitut für geistige Zusammenarbeit stattfand, war sehr stark besucht.
Preissenkung des Radiums.
Während ihres Besuches in Amerika hat be- kanntlich der amerikanische Staat der französischen Gelehrten, Frau Curie, die Mittel zum Ankauf von 1 Gramm Radium zur Verfügung gestellt. Radium, die teuerste Substanz der Welt, kostet heute immer noch 250 000 Mark j e Gramm. Die Radiumerzeugung in den letzten Jahren hat erhebliche Fortschritte gemocht. Roch im Jahre 1921 wurde das Gramm Radium mit 500 000 Mk. bezahlt. Dieser Rückgang ist vor allem auf die seit 1921 getriebene Ausbeute der Kupferminen in B e 1 g i s ch - K o n g o zurückzuführen. Ursprünglich war Frankreich das einzige radiumgewinnende Land. Später traten ihm die Vereinigten Staaten an die Seite, die bis zum Jahre 1921 9o/1Oo des gesamten Radiums der Erde in dem mineralreichen Colorado erzeugten. Dann übernahm B e 1 gi c n die Führung in der Radiumerzeugung durch die Entdeckung der Kupferminen von Oberkatanga in Belgisch-Kongo. Die Ausbeute der dort gefundenen Mineralien erfolgt in der Stadt Oolen. Das erste Radium, das durch die belgische Radiumgesellschaft gewonnen wurde, erhielt übrigens auch die französische Gelehrte als Geschenk.
Das Erbe des Herrn von Anstetten.
Vornan von 3- Schneider-Foerstl.
Arheber-Rechtsschutz durch
Verlag Oskar Meister, Werdau t. Sa.
37. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Anstelten drückte die Fäuste gegen die Augen. ,Würz, ich werde alles wieder verlieren, was ich mir zu Anrecht angeeignet habe."
„War nct üb'l, Herr Baron! — Zu llnrecht? Daß ich nct teuftt! Das is wirklich ehrlich verdient g wes'n; die Witwe vom Herrn Peter und das Kinder! und die Liab vom Herrn Bernd. — Wann einer fein Leben einseht für ein Weib, nachher g'hörl's ihm auch. — ilnb der Herr Peter hat's ja selber so woll'n! Sie hab'n ihm's dterb'n damit leichter g'macht."
„Von dem war keine Rede, daft ich seine Frau 118 die meine betrachten soll.
„Von was nachher sonst, Herr Baron?--
Later- und Gattenrechte hat er Ihnen zugestand'n. Das hab ich in meine eignen Ohren nei g'hörl. - — Wann er heut red'n könnt, müßt er's ,'eftätig’n.“
Anstetten war nach seinem Schreibtisch gegangen und zog die Lade heraus, die seinen Revolver enthielt. „Wenn es nicht glückt, Würz, ileibt immer noch dieses eine.“
Stefans Gesicht verlor die gesunde Farbe. Damit warten's bis zu allerletzt, Herr Baron! - — Eine Frag', wanns erlaub’n möcht'n: Slaub'ns, daft die Frau Baron einen Skandal ) machen tät, wanns Ihr alles eing'stehn?"
„Das ist ganz unmöglich, Würz! Das hieße oDiel, wie schon verloren haben. Denke dir 'och — ich brauche dir ja gar nichts vorzu- lachen, du weißt ja alles. Wir sind nicht ein- nal verheiratet. Das Kind ist — — illegitim, ft--"
„Mich tät das nix genier'n, Herr Baron! Mich nct,“ unterbrach ihn Stefan mit lleberzeu- jung. „Aber ich begreif's schon, bet Ihnen is !as was anderes. — — Zweihundert Festmeter
wär'n noch zum Schlag'n am Hundsruck ob'n! Der Herr Forstmeister läftt frag’n, ob mir gleich damit anfangen bürf'n.“
Anstetten wandte sich rasch herum und sah Bernd im Rahmen der Türe stehen.
„Cs ist gut, Stefan." Er nickte ihm lässig zu. „Ich komme morgen früh selber noch hinauf."
Dann klappte die Türe hinter Stefan zu.
„Ich bitte dich, Brunhilde, mir Verständnis entgegenzubringen." Anstetten sah nach seiner Frau hin, die in dem gemütlichen Teezimmer an dem ovalen Tische stand und Backwerk in eine Silber- schale schichtete. Der kleine Hans Peter hielt die Händchen empor und bekam ab und zu ein Stück hineingelegt, das rasch in seinem Mäulchen verschwand.
Die Baronin wandte das Gesicht nach dem Gatten, ohne ihn eigentlich anzufehen: „Der braune Hindu steht dir demnach näher als Frau und Kind?"
„Hilde, ich bitte dich!"
„Mach nicht viele Worte! Dein Verhalten beweist, daß es so ist. Wenn du dir irgendwelchen Erfolg versprichst, dann reise."
Er war mit ein paar Schritten bei ihr, umfaßte sie von rückwärts und drückte ihr Gesicht an seine Brust. „Ich danke dir! — ilnö meine andere Bitte, daß du über das Ziel meiner Fahrt Stillschweigen bewahrst? — Darf ich auch diese als erfüllt ansehen?"
„Ja!"
Er gab sie hastig frei, so hart und knapp hatte dieses „Ja" geklungen.
Arn anderen Sage stand er reisefertig. Der Wagen sollte ihn nach Wien bringen und von dort wollte er mit dem Flugzeug das Schiff erreichen, das nach Bombay ging. Die Reise nach Benares hoffte er wieder im Flugzeug zurücklegen zu können.
Brunhilde schlug die Klappen ihrer Lederhaube herab und knöpfte den Pelzmantel übereinander. Sie wollte den Gatten bis Wien begleiten. Aus dem Kinderzimmer kam Klein-Hans Peters Lachen herüber und eine Minute darauf ein so kläglich hilfloses Weinen, daß sie durch die beiden Zimmer lief, welche sie von der Kinderstube trennten.
Sie mußte sich an der Portiere halten, um nicht schwach zu werden. Auf dem Boden kniete ihr Mann und hielt den Knaben mit beiden Armen an sich gedrückt, das schmale Kindergesicht immer und immer wieder mit Küssen bedeckend: „Wenn ich dich nicht mehr sehen sollte, mein Junge — vergiß deinen Vater nicht! — Vergiß mich nicht!"
„Valerie!" schluchzte der Kleine.
„Werde ein guter Mensch, mein Bub und mach deiner Mutter Freude! — Klein-Peter, solch einen unglücklichen Vater hast du. Solch einen unglücklichen Vater!"
Brunhilde hörte ein Aufschluchzen und lieh die schweren Samtvorhänge zusammenfallen. Lautlos drückte sie das Gesicht hinein.
Fünf Minuten, später gingen sie nach der Halle, vor deren Eingang der Kraftwagen stand. Man wollte in Wien Bernd noch besuchen, der schon seit einer Woche wieder an der Hochschule war. Brunhilde unterrichtete Friedrich, daft sie morgen abend wieder zurück sein werde. Der Herr Baron wolle nach Krösolyi zur Jagd und gedenke einige Wochen zu bleiben.
„Ohne alles Gepäck," wunderte sich der Alte. Aber seine Miene zeigte keinerlei Erstaunen, als er jetzt den kleinen Handkoffer des Gebieters neben dem Chauffeur verstaute und den Schlag in die Riegel springen ließ.
Von einem der Fenster im ersten Stock kam Klein-Peters helles Stimmchen: „Aus Wiedersehen, Papa!"
„Auf Wiedersehen, mein Bub!"
„Komm bald wieder, Valerie!"
Anstetten wandte sich im Sitze um und winkte dem Knaben zu. Eine dunkle Rose flog ihm auf die Schuller. Sie war voll erblüht und lieft einen Regen von brennendem Blattwerk über seine Brust ergehen.
Mein Herzblut, dachte der Baron und wandte das Gesicht nicht von dem Fenster, bis das mächtige Astwerk der Alleebäume ihm den Blick versperrte.
Bernd stellte seine ganze Studentenbude aus den Kopf, als die Eltern so unerwartet bei ihm eintraten. Brunhilde strich ihrem Aeltesten daS
—*r v -sarr ssr.--
dunkle Haar auS den Schläfen und forschte in seinem Gesicht, seufzte und hielt für einen Augenblick seine Hand gegen ihre Wange: '„Komm, sobald du irgendwie kannst, Bernd. Allenfalls kann ich dir auch jeden Samstag den Wagen schicken, daft du den Sonntag über bei mir bist."
„lind Papa?"
„Er verreist für einige Wochen."
Bernd sah nach dem Vater und verbarg sein Erschrecken. Es war ihm in der ersten De- grüftungsfreude gar nicht aufgefallen, wie abgemagert und verhärmt dieser aussah. Als er vor Wochen nach Wien gegangen war, hatte dessen Scheitel noch ganz dunkel geglänzt und nun zogen sich Silberfäden dazwischen hin und an den Schläfen begann es sich zu lichten.
„Bist du krank, Vater?" fragte er besorgt.
„Ein bißchen, mein Junge! — Ein kleiner Fieberanfall. Aber das gehl vorüber. Ich hoffe, daft ich mich in Ungarn rasch erhole."
Bernd wollte Wein entkorken, aber Brunhilde stellte die Flasche zur Seite und schlug vor, man wolle zusammen eine Wagentour unternehmen — vielleicht nach dem Kobenzl. Er und der Vater sollten vorausfahren. Sie würde noch rasch einiges besorgen und dann mit einem Mietauto nachkommen.
Die beiden Herren waren einverstanden. Als man zusammen die Sreppe herabstieg, hielt der junge Mann die Mutter am Arm zurück und sah mit einem verzweifelten Blick auf die voraus- gehende Gestalt des Vaters: „Er ist todkrank. Mama."
Sie legte rasch den Finger auf die Lippen, denn der Baron hatte sich eben zurückgewandl, um zu sehen, ob ihm die beiden folgten. Brunhilde blieb noch eine ganze Weile stehen, obwohl der Wagen, der Gatten und Sohn davontrug, bereits außer Sicht war. Dann wandte sie sich nach dem Stadtbezirk, in welchen die Mariahilferstraße einmündete.
Bernd hatte dem Vater die Decke auf die Knie gebreitet und sorgte sich nun, ob ihm auch die Zugluft, welche das rasche Tempo des Magens verursachte, nicht schädlich sei.
(Fortsetzung folgt)


