Nr. 504 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 50. Dezember 1929
Grenz- und auslandsdeutsche Zahresschau.
Von Or. Karl G. von Laesch, Vorsitzendem des Deutschen Schutzbundes.
Las vergangene Jahr hat das erste Jahrzehnt der Nachkriegszeit abgeschlossen. 21m 10. Januar des neuen jährt sich zum zehnten Male der Tag, an dem das Versailler Diktat in Kraft trat. Not und Unheil brachte es. brachten die Schwestcrdiktatc über das gesamtdeutsche Volk. Noch immer harren brennende Fragen ihrer Lösung, die eine verfehlte politische Neuordnung Europas aufwarf.
Was hat das letzte Jahr dem kämpfenden deutschen Volke jenseits der deutschen Staatsgrenzen gebracht? In vielfacher Beziehung war es bedeutsam für das Ringen um Volkstumsgeltung gegenüber staatlicher Willkür. Man hat es schon vor seinem Beginn das „Jahr der Minderheiten" genannt. Diese Prophezeihung war richtig. Denn wenn wir die Tagungen und Kongresse betrachten, welche es mit sich brachte, aber auch das neuerschienene fremde französische und englische Schrifttum über Volkstumssragen und Not. so zeigt sich, daß der Gesamtkomplex der Minder- heitensragen in ungleich umfassenderer Weise vor der internationalen Oeffentlichkeit ausgerollt wurde, als das in früheren Jahren möglich war. Die Entscheidungen des Dölkerbundsrates in Genf und Madrid waren freilich nicht immer befriedigend. Manche Notwendigkeiten des Minderheitenschutzes blieben unerfüllt, die Pflichten des Völkerbundes ungeklärt. Das ist um so schlimmer, als das bisherige Verfahren völlig unzulänglich war. Daß von 208 Beschwerdefällen seit dem Bestehen dieser Einrichtung nur ganze zwei Fälle überhaupt erledigt worden sind (und auch das nicht einmal durch Entscheidung des Dölkerbundsrates, sondern auf dem Wege direkter Liebereinkunft zwischen den Parteien), wies eine ausgezeichnete Schrift Herbert von Truharts nach, die bis heute unwidersprochen geblieben ist.
Wird das in Zukunft besser werden? Die Frage ist schwer zu beantworten. Die in Madrid durchgesehten Verbesserungen des Klageversah- rcns beschränken sich nämlich (so wichtig sie an und für sich sind) auf das Formale. Dennoch hatte die Tagung in Madrid wesentliche Ergeb- irisse: die These, die seinerzeit der Brasilianer Mello Franco ziemlich unangefochten aufgestellt hatte, das Genfer Minderheitenrecht stelle ein Liebergangsverfahren dar, um die Minderheiten ohne Härte und „auf friedlichem Wege" dem Staatsvolk zu assimilieren, wurde endgültig beseitigt. Das Minderheitenproblem kann — das ist nicht zuletzt der Initiative des verstorbenen deutschen Außenministers Strcsemann zu verdanken — von den mindcrhei tenfeindlichen Staaten nicht mehr aus der grundsätzlichen Debatte verdrängt werden. (Hier sei an die letzte Rede Stresemanns in Genf erinnert, welche die unlösbare Verknüpfung der Minderheitenfrage mit den Versuchen, Europa durch einen engeren Zusammenschluß der Völker und Staaten zu befrieden, erinnert: ferner an die Ausführungen des englischen Ministerpräsidenten Macdonald, der ertlärte, daß das Minderheitenproblem „ein Problem des geistigen Wohlbefindens der Völker sei, die in zusammengesetzten Staaten lebten".) Das ist immerhin ein Fortschritt. Es wird jedoch der Zusammenfassung aller im Sinne der europäischen Befriedung ehrlich arbeitenden Kräfte bedürfen, um das Erreichte weiterzutreiben und die heute von der Praxis zu unrecht eingeengte Garantiepflicht des Völkerbundes auszubauen. Der Tod Stresemanns reiht freilich eine schmerzliche Lücke in die treibenden Kräfte.
Der zweifellos wachsenden Teilnahme der internationalen Oeffentlichkeit an den Minderheiten und den Bemühungen, die Gesamtfragen des europäischen Ausgleichs zu klären und für die fragwürdigen Bestimmungen des geltenden Minderheitenrechts praktische Reformvorschläge aufzustellen und durchzusehen (um beides bemühten sich die Minderheitenorganisationen, der euro
päische Rationalitätenkongreß und der Verband der deutschen Volksgruppen, mit erfreulicher Energie) steht die tatsächliche Lage der Minderheiten noch immer lrah genug gegenüber. Cs ist hier nicht möglich, ein umfassendes Bild jeder einzelnen deutschen Volksgruppe zu geben. In Nord- s ch l e s w i g werden die Deutschen bei der Land- zutcilung ausgeschlossen. Man kauft und zerschlägt dort größere Bauernhöfe von staatswegen. Die Einbringung des sog. Landeswehrgeseyes in Lettland, das trotz aller Beschönigungsversuche ein Ausnahmeverfahren gegen Angehörige der deutschen Minderheit darstellt, zeigt, wie schnell sich in diesem Staate, trotz loyaler Mitarbeit der Deutschen, trotz (oder wegen?) ihrer Beteiligung an der Regierung, der Rückfall zu Willkür und rechtswidriger Ausnutzung der zahlenmäßigen Llcbcrlegenhciten des Mehrheitsvolkes vollziehen kann. Was Litauen anbelangt, so hat zwar der inzwischen zurückgetretene Diktator Woldemaras auf der Herbsttagung des Völkerbundes hervorgehoben, daß Paneuropapläne ohne vorherige Lösung der Minderheitenfrage keine Aussicht auf Verwirklichung hätten, aber diese Einsicht hat den litauischen Staat selbst nicht daran gehindert, das Deutschtum auf dem Gebiet der Kirche und Schule weiter zu entrechten, insbesondere aber auch im Menlelgebiet das Autonomiestatut immer wieder beiseite zu schieben.
Lind in Polen? Die Klagen der deutschen Minderheit vor dem Forum des Völkerbundes rissen nicht ab. Sie gehören (ebenso wie der rumänisch-ungarische Optantenstreit) zu den regelmäßigen Erscheinungen auf der Tagesordnung in Genf, sei es, daß es sich um Verletzungen minderheitenrechtlicher Bestimmungen überhaupt oder um Bruch der Vertragsbestimmungen der oberschlesischen Sonderregelung handelt. Rach wie vor seht sich Polen über das Elternrecht hinweg — und auch das war für das vergangene Jahr charakteristisch, daß. neben den Verhaftungen führender Persönlichkeiten auf Grund unbewiesener Beschuldigungen, die Enteignungen und Liquidationen deutschen Eigentums erneut ausgenommen wurden. Wird das deutschpolnische Abkommen die Lage der deutschen Minderheit in Polen tatsächlich verbessern können? Wenn es von Polen loyal erfüllt wird, gewiß! Mit Sicherheit darf man damit nicht rechnen, angesichts der Erfahrungen, die die Deutschen immer wieder machen mußten. Dazu kommt, daß Polen sich nicht entschließen konnte, auf das Wiederkaufsrecht vollständig zu verzichten und daß auch noch andere Bestimmungen des Vertrages viel bedauerliche Lücken oder Unklarheiten aufweisen. In diesem Zusammenhang kommt es nicht darauf an, ob die Abmachungen für Polen oder für das Deutsche Reich günstiger sind. Wichtig ist vielmehr, festzustellen, daß man deutscherseits ein ganz außerordentliches Entgegenkommen gezeigt hat, einen Verständigungswillen, der Polen vor sehr unangenehmen Prozessen vor dem Haager Schiedsgerichtshof befreit. Die moralische Last der Liquidationen, der Enteignungen, der Vertreibungen und vor allem der sog. Diebstahlsgesehe ist damit von Polen aber nicht abgebürdet: es sei daran erinnert, daß hier noch ein gewaltiges Unrecht wiedergutzumachen bleibt.
Am Ende des alten Jahres läuteten die Glocken der zweiten Zone des Rheinlandes die Freiheit vom Besatzungsdruck ein. Die Glocken von Aachen wurden auch in Eupen-Malmedy gehört und verstärkten dort den Willen, die Rückkehr zum Reiche durch^usetzen. Klar und eindeutig beharrt die Bevölkerung dieses deutschen Grenzlandes im Westen auf ihrem Standpunkt, daß die Annektion durch Belgien keine Rechtsgültigkeit habe, solange die Bestimmungen des Versailler Diktats nicht erfüllt, das heißt eine freie Volksabstimmung nicht verwirklicht sei. Auch die Enttäuschung über die deutsch-belgischen Derhand-
Der kostspielige Aphorismus.
Von Max Hayek.
Wenn man ein Bücherschreiber ist, kann es geschehen, daß man den würdigen Augenblick erlebt, wo es eine mehr oder weniger angenehme Pflicht ist, ein selbstgeschriebenes Buch zu verschenken. Denn es gibt etliche Leute, die, wenn sie ein Buch kaufen und auch bezahlen sollen, in einige Verlegenheit geraten. Cs geht ihnen dann meist wie dem Wanne bei Dusch, der kein reines Glück erfährt, wenn er zahlen soll. Für solche Leute ist nun die billigste Bezugsquelle von Büchern der Autor selbst. Diese Autoren oder Bücherschreiber sind ja gelegentlich gutartige und manchmal sogar gutherzige Leute und nicht selten sind sie auch splendid. Man besucht also einen solchen Autor, spricht erst davon, wie sehr man ihn verehre und schätze und wie gerne man insbesondere sein letztes Werk lesen möchte — und läßt zwischendurch erkennen, daß man kein reines Glück erfahren könne, wenn man Bücher bezahlen soll. Der Autor ist dann meist zu Tränen gerührt, er kann dieses Elend nicht länger ansehen, er erhebt sich vom Schreibtisch, geht raschen Schrittes zu seinem Dücherspind, nimmt ein sauber gebundenes Exenrplar seines letzten Werkes aus der Reihe, geht dann raschen Schrittes wieder zum Schreibtisch zurück, ergreift die Feder, tunkt sie ins Tintenfaß, schreibt eine menschenfreundliche Widmung auf das erste leere Blatt des Buches und überreicht es der in Dankbarkeit zerfließenden Besucherin. Gelegentlich kann es auch ein Besucher sein.
Wieder allein, freut sich der Autor, zur Erhöhung des irdischen Glückes ein Quentchen beigetragen, die Sehnsucht einer lechzenden Seele gestillt zu haben. — Lind arbeitet weiter.
So etwa ging es auch mir, der ich von Zeit zu Zeit Bücher schreibe.
Es handelte sich um eine Dame, die sich, wie sie mir nachher sagte, mit Stundengeben fortbringt. Sie erschien eines Tages in meinem Hause und gestand mir treuherzig, daß sie sehr wenig Geld, aber sehr viel Interesse für mein letztes Buch hätte, worauf ich, der ich offenbar zu den gutartigen, gutherzigen und manchmal sogar splendiden Autoren zähle, sie nicht erst weiterrcdeu lieh, fondern, ganz wie oben be
schrieben, vom Schreibtisch ausstand, ein sauberes Exemplar meines letzten Buches hervorholte, eine menschenfreundliche Widmung hineinschrieb und es der Besucherin als Geschenk überreichte.
Die Same war entzückt — und ganz besonders entzückt von der Widmung, die ich in das Buch eingetragen hatte. Es war nämlich dieser Aphorismus:
„Jeder Mensch macht sein Leben um so viel Freude ärmer,
als er anderen Menschen Freude zu machen unterläßt."
Meine Besucherin war von diesem eminent menschenfreundlichen Aphorismus, wie gesagt, entzückt. Sie sprach ihn einige Male laut vor sich hin. als ob sie ihn auswendig lernen wollte, dankte mir nochmals und nochmals in überströmenden Worten und verlieh mich dann, indem sie mir versicherte, daß sie meine Güte niemals vergessen werde.
Lind ich arbeitete weiter.
Der Besuch der Dame mochte an einem Sommernachmittag stattgesunden haben. Monate vergingen. ohne daß ich das mindeste von ihr sah oder hörte. Da, im Dezember des gleichen Jahres, es mochte einige Tage vor dem Weihnachtsfest gewesen fein, erreichte mich ein Brief, worin mir die Besucherin vom Sommer wieder treuherzig gestand, daß sie sehr wenig Geld, aber sehr viel Interesse für drei Exemplare des Buches hätte, von dem ich ihr eines in großer Freundlichkeit bereits schenkte, und daß sie schon wisse, daß ihre Bitte kühn sei, daß sie aber andererseits der Aphorismus, den ich in das Buch geschrieben, zu dieser Kühnheit ermutigt hatte: „Jeder Mensch macht sein Leben um so viel Freude ärmer, als er anderen Menschen Freude zu machen unterläßt." Ja, dieser Aphorismus ermutige sie gewissermaßen dazu, mein Leben freudevoller zu machen, indem sie mir eben die Gelegenheit gebe, ihr drei Exemplare meines Buches zu schenken. Lind sie glaube nicht, daß ich es unterlassen würde, ihr diese Freude zu bereiten, weil ich ja dann mein eigenes Leben um diese Freude verkürzen müßte.
Ich fühlte mich von der Kraft dieser Logik besiegt und übermittelte der Dame weitere drei Exemplare meines letzten Buches.
Ich sah und hörte dann wieder monatelang nichts von meiner dankbaren Besucherin, aber zum Osterfest verlangte sie abermals dreiExem-
lungcn, welche diesmal, im Gegensatz zu früheren Aussprachen, die Grenzrevision nicht berührten, konnten das Selbstgefühl Eupen-Rialmedys nicht schwächen. In zahlreichen Kundgebungen, vor allem aber in den Wahlen zur belgischen Kammer tarn es zu klarem Ausdruck. 90 v. H. der bodenständigen Bevölkerung bekannten sich zu der heimatrechtlichen Grundforderung: Abstimmung und Rückkehr zum Reich. Daß das annektierte Gebiet, ob seiner Klarheit, seiner Einschachtelung in eine große altbelgische Provinz und wegen der Zersplitterung in Heimattreue katholische und Heimattreue sozialdemokratische Stimmen, den Wahlquotienten nicht erreichte, der zur Durchdringung eines eigenen Heimattreuen Abgeordneten notwendig gewesen wäre, kamt die Bedeutsamkeit dieses Wahlergebnisses nicht beeinträchtigen.
Kämpft Eupen-Malrnedy um Rückkehr zum Reich, so das andere Volksdeutsche Grenzland im Westen, Elsah-Lothringen, um Autonomie. Auch hier hat das vergangene Jahr die natürlichen Gegensätze zwischen Staat und Minderheit nur verschärft. Zwar brach die Anklage gegen den Autonomistenführer Roos in Desan^on zusammen: aber Frankreich zog keine Folgerungen aus dem Scheitern der Autonomistenverfolgung. Die Amnestie für die gerichtlich oder disziplinarisch bestraften elsässischen Heimatrechtler blieb aus. Lind auch andere Zeichen besagen, daß Frankreich der Erkenntnis noch nicht nähergekommen ist, daß es an feiner Ostgrenze eine nationale Minderheit annektiert hat, welche allein durch unbedingte Anerkennung ihres Rechtes auf kulturelle Selbstbehauptung befriedigt werden farm. Erbittert kämpft die französische Nation auch weiter mit allen Mitteln gegen diesen Willen der „befreiten Brüder".
Sie Wahlen in der Tschechoslowakei änderten die Zahl der deutschen Mandate nicht. Sie brachten aber insofern Verschiebungen, als die beiden alten deutschen Regierungsparteien, der Bund der Landwirte und die Christlich- Sozialen, Einbußen erlitten. Ebenso verlor die Nationalpartei und überdies die Kommunisten, welche mit den tschechischen Kommunisten ja in einer Partei verbunden sind. Aehnliche Vorgänge sind innerhalb der tschechischen Parteien zu verzeichnen gewesen. Daher brach die bisherige Regierungskoalition zusammen. An der neuen sind fast alle tschechischen Parteien beteiligt, nicht aber die Slowaken; von sudetendeutscher Seite wurde der diesmal mit der neuen Deutschen Ar- beits- und Wirtschaftsgemeinschaft verbündete Bund der Landwirte wieder hereingenommen und neu die deutschen Sozialdemokraten, welche je einen Ministersih erhielten, während man die deutschen Christlich-Sozialen nicht mehr zuließ, obwohl die tschechischen Christlich-Sozialen wieder in der Regierung sind. Dieser Vorgang beleuchtet die überaus schwierige Lage der deutschen Parteien in ganz eigenartiger Weise. Tatsache ist, daß die größere Hälfte der Sudetendeutschen an der derzeitigen Regierung beteiligt ist. daß noch ein nicht unbeträchtlicher Teil bereit gewesen wäre, nn ihr teilzunehmen. Das ist eine große Stühe für die Außenpolitik des tschechoslowakischen Staates. Wir dürfen die Erwartung aussprechen. daß sie nicht ohne Gegenleistung bleiben wird und für eine solche ist reichlich Raum. Sind doch die gewiß nicht überspannten deutschen Forderungen nach Selbstverwaltung bisher in keiner Weise erfüllt worden.
In Rumänien wurden die Hoffnungen, die sich an die Regierung Wanin knüpften, enttäuscht. Die Wahlen wurden wohl ohne den üblichen Degierungsterror durchgeführt, das Gesetz aber, das die Verwaltungsbezirke neu abgrenzte, war den Minderheiten schädlich, und die in Aussicht gestellte grundsätzliche Neuordnung durch ein Minderheitengesetz fehlt noch. Immerhin sind Vorbereitungen der rumänischen Regierung, welche eine Studienreise anordnete, zu verzeichnen.
In Südflawien sind seit der Errichtung der Diktator des Generals Schifkowic die Verhältnisse der Deutschen ins Llnerträgliche verwandelt. Lieber die für alle Bevölkerungskreise geltenden Diktaturbestimmungen hinaus (Auflösung der politischen Parteien, Pressezensur usw.)
plare meines letzten Buches, von dem sie erklärte. daß er sich ganz vorzüglich zu Geschenkzwecken eigne. Sie berief sich wieder auf meinen menschenfreundlichen Aphorismus (der für mich allmählich von artiger Kostspieligkeit zu werden begann!) und ich sandte ihr abermals drei Exemplare des Buches, um ihre Freude zu erhöhen und meiner Weisheit die Treue zu halten. Die Same meldete sich dann wieder zu Pfingsten. Diesmal kam sie bescheiden. Sie forderte nur ein Exemplar und ich sandte es gerne. Aber sei es, daß meine Freude am Schenken etwas nachgelassen hatte, sei es. daß das Teufelchen, das jedem von uns in der Seele sitzt, ein wenig obenauf kam: — genug, ich schrieb in dieses letzte Buch, das ich der Dame schenkte, einen neuen Aphorismus, und dieser Aphorismus lautete:
„Die Güte eines Menschen wird um so größer, je weniger man sie in Anspruch nimmt." Seither sah und hörte ich nichts mehr von meiner bedürftigen Besucherin. Sie scheint meine neue Weisheit ebenso allerwirllichst und buchstäblich zu interpretieren wie meinen alten Aphorismus, in dessen Zeichen sie mir immerhin sieben Bücher abgenommen hatte.
Illusion.
In einem Aufsatz des Januarheftes von Vel- Hagen & Klas ings Monatsheften erörtert der bekannte Graf Karl von Klinckow- st r o e m die Beziehungen von Taschenspielkunst und Psychologie und schreibt u. a.: „Der Taschenspieler führt eine gewisse Handlung aus, die den Zuschauer ein bestimmtes Resultat logisch erwarten läßt, indem er erst wirklich das ausführt, was zu erwarten steht. Der Zuschauer wird dadurch angeleitet, aus zwei oder drei Prämissen einen logisch regelrechten Schluß zu ziehen auch für den Fall der Wiederholung, wo die Voraussetzungen nicht mehr zutreffen. Ein Beispiel dafür ist der Trick mit den emporgewor- fenen Apfelsinen, die erst von dem hinter einem Tisch sitzenden Künstler ein paarmal in die Höhe geworfen und wieder aufgefangen werden. Jedes- mai wird die Apfelsine mit steigender Intensität der Mimik etwas höher geworfen, und die auffangende Hand sinkt jedesmal bis unter die deckende Ttschkante. 'Beim viertenmal wird nun die Apfelsine nicht wirklich geworfen, und doch
wurden die deutschen Kulturvereine aufgelöst oder durch unannehmbare Forderungen, wie den Gebrauch des Serbischen als Gelchäftssprache. bedroht. Das neue Schulgesetz kennt keinerlei Minderheitsrechte, der bestehende Zustand ist damit auch gesetzlich festgelegt. 600 000 Deutsche sind ohne eine einzige wirtlich deutsche Volksschule, die den internationalen Schutzbestimmungen entspricht, ohne jede Lehrerbildungsanstalt, ohne jede Mittel- und Fachschule. Zehntausende deutscher Kinder lernen weder deutsch lesen noch schreiben.
Nur im italienischen Staate wird diese Not des Deutschtums noch übertroffen. In Südtirol wird die Ausmerzung der Sprache, die gewaltsame Assimilation noch brutaler betrieben. Für die grausame Prüfung des Volksdeutschen Landes zwischen Brenner und Salumer Klause war der 1. Oktober des vergangenen Jahres ein entscheidender Stichtag. Denn mit diesem Tage verschwand in ganz Deutsch-Südtirol jede deutsche Beschriftung, in jeder südtiroler Schule das letzte deutsche Wort. Von diesem Tage ab darf nicht einmal mehr der Taufname des Verstorbenen in seiner Muttersprache auf Grabdenkmälern nieder- geschrieben werden. Die Verfügungen über den Gebrauch der italienischen Staatssprache, die mit den zwei Erlassen des Präfekten von Trient aus den: Jahre 1922 und 1923 begonnen hatten, sind damit restlos durchgeführt. Auch der Märtyrertod Dr. N o l d i n s . der sich in der Verbannung auf einer öden Mittelmeerinsel die tödliche liparische Krankheit holte, war ein sichtbares Zeichen für die grenzenlose Entrechtung Südtirols.
Schon dieser zusammengedrängte Lieberblick kennzeichnet die weitgreifende Spannung zwischen der Wirklichkeit und dem Ziel gesamtdeutscher Arbeit, die den gerechteren Ausgleich zwischen Volkstum und Staat will und so nicht nur dem eigenen Volke, sondern ganz Europa im Sinne einer höheren Rechtsordnung zu dienen 6eftrebt ist. So weit wir noch von diefem Ziel entfernt sein mögen — es steht unverrückbar fest wie der unverzichtbare Anspruch, den das deutsche Volk auf das Lebensrecht aller seiner Volksgruppen hat.
Hessischer Landes-Lehrerverein.
WSN. Darmstadt, 29. Dez. Der Hauptvorstand des Hessischen Landes-Lehrer- Vereins und der geschäftsführende Ausschuß haben sich dieser Tage mit der s ch u l p o l i t i- schen Lage in Hessen beschäftigt, so vor allem mit dem angekündigten Schulabbau, der Anftellungs-undBeförderungs- sperre und andern Sparmaßnahmen. Das Sparprogramm der Regierung ist noch nicht fertiggestellt: Sparmaßnahmen sind auch auf kulturellem Gebiet zu erwarten. Man hort vom Aufheben zahlreicher Schulstellen, vom Abbau der jüngeren Schulanwärter, von einer Aendcrung der Altersgrenze, von Erhöhung der Klassenstärken. Genaue Vorschläge der Regierung liegen noch nicht vor. Gegen die Deförderungssperre ist bereits der Katholische Lehrerverein vorstellig geworden: der Landes-Lehrerverein dürfte folgen. Die Vergütung für den nebenamtlichen Unterricht in den Fortbildungsschulen wurde int neuen Etat von 320 000 auf 200 000 Mk. herabgesetzt. Der Vorstand befaßte sich mit der Frage der Einstufung der akademisch gebildeten Junglehrer, er verlangt für sie Gleichstellung mit den akademisch gebildeten Beamten.
Ausscheiden Kaffe!« aus dem Luftverkehr?
Kassel, 29. Dez. (WSN.) Im Rahmen der von ihm vorgesehenen Sparmaßnahmen beabsichtigt der 'M a g i ft r a t, bei den nächstjährigen Etatsberatungen der Stadtverordnetenversammlung vor- zuschlagen, im Rechnungsjahr 1930 sürdenLuft- verkehr keinerlei Mittel mehr in den Etat einzusetzen, so daß mit dem 31. März 1930 Kassel aus dem deutschen Luftverkehr aus- scheiden wird. Alle den Flugplatz betreffcndeit Verträge, wie der Pachtvertrag mit dem Militärfis- fus und dem Niederhessischen Verein für Luftfahrt,
sieht neun Zehntel des Publikums die Frucht ut der Luft .verschwinden'. Wir haben es hier milder Suggestion der Wiederholung zu tun. Der amerikanische Psychologe Peashore hat dahingehende Versuche mit Studenten und mit Kindern angestellt, bei letzteren mit einem emporgeworfenen Ball. Das Ergebnis war, daß 40 Prozent der Knaben und 60 Prozent der Mädchen der Illusion zum Opfer fielen. Viele Antworten ließen nicht eindeutig erkennen, ob die Betreffenden das .Ballphantom' wirllich gesehen hatten oder nicht. Peashore ließ ferner seine Studenten mehrmals die Wärme empfinden, die in einem in den Händen der Versuchspersonen gehaltenen Silberdraht sich entwickelte, wenn er einen elektrischen Strom durchgehen ließ. Beim vierten oder fünften Male aber schaltete er in Wirklichkeit den Strom nicht ein, und von 420 geprüften Personen merkten nur fünf die .Wärme' nicht. Nicht viel mehr als ein Prozent war also der Illusion nicht erlegen."
Einstein — Silvester - Amerika.
Professor Albert Einstein hatte zu Silvester Gäste geladen.
Als es auf zwölf zuqing. wurde Frau Klimm- Schneider plötzlich tiefsinnig.
„Zu denken", sagte sie. „daß zur selben Sekunde, in der wir hier unsere Gläser auf das neue Jahr anstoßen werden, in der ganzen Welt Menschen das gleiche tun. In Amerika, in Japan, überall."
„Verzeihung", meinte da Einstein, „da befinden Sie sich in einem Irrtum, gnädige Frau. Wenn es bei uns zwölf Llhr nachts ist. dann ist es in Amerika erst sechs Llhr abends.' Sie Amerikaner feiern also Neujahr sechs Stunden später als wir."
„Ist das wirllich wahr?" fragte Frau Klimm- Schneider.
„Ganz bestimmt", versicherte Einstein.
„Sas finde ich aber empörend!"
„Wieso empörend?"
„Senken Sie mal, die Amerikaner hinken sechs Stunden hinter uns her! Und da behaupten diese Leute immer, sie wären uns in allem voraus. Ja, schämen die sich berat gar nicht?"
Einstein verbiß sich das Lachen und ließ der Same einen heißen Mokka servieren.
K.M,


