Karsamstagsgeschwätz.
Von Franz Hessel.
Karsamstag. Ein Garten in der Ile-de-France. Arn grünen Holztisch in der Mittagssonne bemalen die Frauen Ostereier für unsere Kinder. Tatjana, die Moskowiterin, pinselt auf alle, die durch ihre Hände gehen, das fromme russische X P und erzählt von jungen Buben und alten Herren, Schustern und Großfürsten, die einen auf der Straße küssen durften, wenn die Glocken läuteten. Genauer noch berichtet sie von einem wunderbaren pyramidenförmigen Kuchen aus Quark, Rosinen und kandierten Süchten, der Pasha heißt oder so ähnlich. Lore, die Schwabingerin, malt auf roten Grund artige gotische Zuckerlämmer, wie sie mit Fahnen in der Weiche zu München in Bäckerauslagen hocken. 3n ihrer Heimat glauben die Kinder, daß die Ostereier am Karsamstag mit den geweihten Glocken aus Rom gereist kommen Mährend sie dann von der Osterkerze spricht und den fünf Weihrauchskörnern, Sinnbildern der heiligen Wundmale, die in Kreuzform der Kerze eingefügt werden, zeige ich unserm Pariser Freunde Elaude das reizende Osterhasenbuch mit den Bildern von Frcyhold und den Bersen von Morgenstern, das morgen die Kinder ansehen sollen. Cr findet es charmant, wundert sich aber ein wenig über die zoologische Merkwürdigkeit des Tierchens und glaubt, französischen Kindern würde schwer beizubringen sein, daß der Hase die bunten selbst lege. So hat hierzulande ja auch der Klapperstorch sozusagen nie festen Fuß fassen können und die kleinen Kinder werden weiter wie bisher hinterm Kohl gefunden. „Wo kommt er nur her, euer Osterhase?"
Unser Philologe Gerhart weiß einen mittelalterlichen Vers, in dem es bereits heißt:
„O Osterhaas o Osterhaas, leg dyne eier in das gras-" woraus zu schließen, daß man schon in alter Zeit im Namen dieses Wunderwesens den Kindern Eier versteckte. Aber er meint skeptisch, der Hase sei nur eine Sprachentaleisung aus dem Osterhahn, den in Tirol die Kinder in Brezelgestalt vom Paten bekämen und der wiederum seine eierlegende Funktion von einer Osterhenne übernommen habe. Schüchtern wage ich mich mit der Meinung vor. der Hase sei ein Mhsterientier und komme als Sinnbild der Fruchtbarkeit unter heidnischen Gräbersymbolen vor. Als Claude lächelt, wird Hannah, die mit ihm in beständigem Liebesstreit lebt, ausfallend: „Die Griechen und wir sind eben nicht so raisonnable wie ihr neuen - Lateiner."
Worauf er erwidert, als simple Huhnprodukte geben sich auch den frairzösischen Kindern gegen
über die Ostereier nicht aus. Geheimnisvoll lan- ?;en, wenn man am Festmorgen an ihr Bett ommt, Eltern und Großeltern unter deni „tra- versin“, der großen Rolle am Kopfende des wohnlichen französischen Bettes, rote und goldene und vielfarbige Eier hervor. 3m „ancicn re- gime“ wurden mächtige Körbe voll bemalter und vergoldeter Eier in des Königs Schlafgemach gebracht und beim Lever am Ostermorgen verteilte daraus die Majestät an große und kleine Höflinge. Und es waren richtige Kunstwerke unter den bunten Eiern. Maler wie Watteau und Lan- cret haben sie für ihren Fürsten bepinselt. Diel? Künstlerseite sollte man wieder einführen. Welch neue Möglichkeiten: kubistische, expressionistische, surrealistische Ostereier! Claude greift noch weiter in die Geschichte zurück: im Mittelalter zogen Kleriker, Studenten der Sorbonne und allerhand junges Volk, nachdem sie vor der Kathedrale von Rotre Dame ihre hudes abgesungen, i.i langem Zug mit Fahnen und Trompeten über Plätze und Carrcfours, drangen in die Gassen und ließen sich Eier schenken. Ob sie dabei auch Küsse erbeuteten, ist nicht überliefert, UnD in jenen Zeiten waren die Eier besonders österlich und festlich, weil in der Fastenzeit Gieressen ebensr- verboten war wie Fleischessen. Man behaupte:.-, dieser Genuß nach der Enthaltsamkeit sei der eigentliche Sinn des Ostereis.
Es ist viel Geheimnis in den kleinen bunten Dingern, die unsere Kinder in Ziinmerwinkeln und Gartenhecken suchen und finden, und in ihrem Jubel ist noch das Ostergelächter, risus paschalis, das einst auf den Kanzeln sinnenfrom- merer Zeiten angestimmt und von der ganzen Gemeinde gelacht wurde. Das möchte Lore wieder eingeführt haben und bekommt weltgeschichtliche Melancholie, als unser Philologe ihr berichtet, es sei schon im 17. Jahrhundert nebst den hübschen Ostermärlein und närrischen Gedichten, mit denen man das Volk, das durch Fasten und Buße betrübt, einst erfreut und getröstet habe, verboten worden, weil es zu Mißbräuchen führte. Wir müssen ihr versprechen, das heilige Öfter- lachen wieder einzuführen, wenn uns endlich die Welt gehören wird. Bis dahin wollen wir uns begnügen zuzusehen, wie unsere Kinder in holdem Diminutiv die großen Sagen und Offenbarungen bewahren. Te'rciung aus Aegypten- land und Heilandsopfer feiern, wenn sie die weißen Zuckerlämmer aus Bäckers Laden erst streicheln und dann Perspeisen und bunte Eier in Händchen halten, die Sinnbilder der ältesten Götter sind. Aber was es mit dem Osterhasen für eine Bewandtnis hat. haben wir noch nicht genau heraus Wir sind hier aus dem Lande fern allen. Bibliotheken, wir bitten Gelehrtere um Aufklärung.
Xfer... ade,,, ordfre
Ein Produkt ,ol8hn Erfahrung Übeste Rinne Hehslälle
Garantie für sichte Reinigung u, an9® Lebensdauer ilheim-SieBen brlk
för Kanalisationen, egeinfassungenu.a.
311.1.1.08
kN in. P-
len tdj. II. ng. )cn nb.
Leichtathl.-Abt IMnin vormittags 11 Uh, Training für fäinb lich.Waldläutertault Äugend u. Schüler', loiviettehnunft bei fielamten Sbteilvno AnchmmagsAuSsl^ und) dem Gleiberg trenn!!. S'illbrain £vttmlb?gnrieii.$e' leihgung inmtlidiei P.i.Ä.er crm. Mi!
Meriasel
i®
ta
Qn. i', Wn- Me Mb enb l totftt.-SiftrbuvMt jus jttafce. Um Mir
1L
Ibr:
Ihr:
tbc.
B
litil
Am I.Diteileiering, ab 10 llbr. itriib'
IW
[nril Ubr. lal:
itboDVtii 'M stiaiik- funer Hol «m - ijelertng, Ausflug ttenn^nlt nadimm
•Beieiligunn bittet »"9 bet Lorimu»!
!ovi r".
x nm
ajtit' "flut'
llvg fi
st
ing$’
ge-
.find 192»
gb. intti- iän,b: n«fl: otbek
Stadttheater
Die norgcicbcnt Operetten-Borfleiiunü am jlodiminn? ;we!tcu Clttnntt' tag^«"niinÄ halber nicht aufgcfilbrt werden.
Tie geleiten Sarien
SmwüSL
ai'ÄpJllfiv: uon I^^Mie-
-SS?
fliii»W ftmiiw°®J>.im
SuUivlcL;jben’!,'lf
von b»- yyriL
•arte
Stadttheater
£°'StfeierMH1
"liS* ML W ''"SS««®”11
SWS'
■
Ä-5
Hr.75 Zweiter Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, 30. März 1929
DeuischeZukunstilnSüdosten
Von Dr. Paul Rohrbach.
Der frühere Reichskanzler Dr. Cuno hat einmal den Ausdruck gebraucht, Wien werde zukünftig für Deutschland das Hamburg des Südostens [ein. Ein hiermit verwandtes Thema hat der erste Geschäftsführer des sog. Langnamenvereins („Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen im Rheinland und Westfalen"), Dr. Schlenker, in München vor kurzem behandelt. Seine Thesen waren: Deutschland hat keine wirtschaftlichen Möglichkeiten mehr nach dem Westen, wohl aber innerhalb deS südosteuropäischen Raums: die Zukunft der deutschen Wirtschaft weist unter allen Mmftänbcn nach Osten und Südosten. Obwohl für Eisen und Stahl eine Weltkonjunktur besteht, nimmt die deutsche Industrie an ihr nicht teil, sondern wird zurückgedrängt. Ihr gegenüber hat die französische Eisenindustrie allein an Arbeitslöhnen, ganz abgesehen von den viel höheren sozialen Lasten und Steuern, einen Vorteil von etwa zweihundert Millionen Mark jährlich. In der Richtung nach Südosten besteht die einzige Möglichkeit für Deutschland, diesen Rachteil auszugleichen. Dies ist ein Gesichtspunkt, unter dem auch der Zusammenschluß von Deutschland und Oesterreich betrachtet werden muß — zunächst der wirtschaftliche. Für Deutschland bildet das österreichische Wirtschaftsgebiet die natürliche Brücke und den gegebenen Mittler zu den östlichen und südöstlichen Ländern.
Diese Gedanken, an sich eben so naheliegend, wie vom großdeutschen Standpunkt aus zu begrüßen, kommen jetzt beachtenswerterweife aus dem Kreise der deutschen Schwerindustrie, die bisher nicht in dem Rufe stand, die Anschlutzidee zu fördern. Auch von österreichischer Seite ist das betont worden. 'Die Oesterreicher haben recht von ihrem Standpunkt aus, wenn sie darauf Hinweisen, daß Oesterreich wirtschaftlich auch von anderen Seiten umworben wird. So sind z. B. die österreichischen Wasserkräfte ein Objekt starken „internationalen" Interesses. Der Präsident des Verbandes der Industriellen in Tirol, Reitlinger, hat dafür das Bild gebraucht, Oesterreich betrachte sich zwar aus Herzensneigung als die Braut des Reichs, wenn aber der Bräutigam in einer endlosen Brautzeit sich dauernd spröde zeige, so sei es der Braut nicht zu verargen, wenn sie auch einmal einem anderen Bewerber schöne Augen mache. Die schönen Augen sind in diesem Vergleich allerdings auch nur wirtschaftlich gemeint, denn in nationaler Beziehung muh das Verlöbnis als endgültig gelten. Auch bei der Münchener Veranstaltung hat die Entschließung dahin gelautet, daß die Vertreter der deutschen und der österreichischen Wirtschaft die baldige Regelung der handelspolitischen Beziehungen zwischen dem Reich und Oesterreich nicht nur als eine wirtschaftliche, sondern auch als eine nationalpolitischc Rotwendigkeit ansähen!
Die Entschließung als solche bedeutet nicht die Forderung des politischen Anschlusses. Sie wurde auch ausdrücklich in dem Sinne gefaßt, daß ein Handelsvertrag zwischen dem Reiche und Oesterreick) nur eine Vorstufe für die künftige engere handelspolitische Verbindung sei. Von Oesterreich aus sind solche Aeußerungen schon oft gefallen. Das Bedeutsame ist, daß sie diesmal von maßgeblichen Der- tretern der deutschen und der österreichischen Wirtschaft gemeinsam gefaßt wurden, und daß die wirtschaftliche Annäherung ausdrücklich im Namen des nationalen Gedankens, der für das Reich und Oester- reich derselbe ist, verlangt wurde. Bei dieser Gelegenheit sei ein Wort über die heutigen Verhältnisse in Oesterreich gestattet. Das Reich ist für Oestreich handelspolitisch das wichtigste Absatz- und Bezugsgebiet. Jede gute Konjunktur und jede Krise der
deutschen Wirtschaft kommt auch in Oesterreich zur Wirkung. Oesterreich durchlebt gegenwärtig eine gewisse Unruhe. Die Position der Sozialdemokratie ist durch die Mißwirtschaft, die in verschiedenen, sozialdemokratisch regierten Gemeinden eingerissen ist und die sich jetzt eben wieder durch einen großen Finanzskandal in Wiener-Neustadt geoffen- bart hat, moralisch erschüttert Das große Spar- kasseninstitut der Stadt Wien, das wie die gesamte Wiener Stadtverwaltung in den Händen der Sozialdemokratie ist, befolgt die Methode, die Wünsche anderer sozialistisch verwalteter Kommunen ausgiebig zu finanzieren, damit durch die kommunalen Einrichtungen ein möglichst hervorragender Eindruck zum Nutzen der Partei gemacht werde. Das kann zu bedenklichen Folgen führen, wenn einmal das Mißtrauen der Einleger gegen die Solidität der Wiener Sparkasse wachgerufen wird. Eine Krise dieses In- stituts, wirtschaftlich eine Gefahr fast für ganz Oesterreich, würde aber politisch einen sehr schweren Schlag gegen die Sozialdemokratie bedeuten.
Der Sozialdemokratie gegenüber steht die Hel - matwchrbewegung. Diese macht nach außen einen starken Eindruck, ist aber abhängig von ihren Geldgebern, die hauptsächlich auf dem Gebiet der österreichischen Großwirtschaft zu suchen sind. Auch Mussolini hat seinerzeit in Italien so angefangen, daß die Organisation seiner Schwarzhemden von den Großindustriellen bezahlt wurde, deren Betriebe er im entscheidenden Augenblick vor der wilden „Sozialisierung", d. h. vor der Vernichtung durch die kommunistisch beeinflußten Arbeitermassen, rettete. Auf diesem Umweg ist Mussolini dahin gelangt, daß er schließlich die Staatsmaschine und die
I.
Oer Westen.
Von Dr. jur. Paul Moldenhauer, o. ö. Professor an der Universität Köln, M. d. 3t
Wir stehen vor dem Osterfest. Wir schicken uns an, die Wiederauferstehung des Herrn zu feiern, wir feiern zugleich den Sieg des Frühlings über den Winter, der in diesem Jahre uns so besonders hart und lang bedrängt hat. Aber im politischen Leben will der Winter noch nicht dem Frühling weichen. Elf Jahre sind verflossen seit dem Kriege, noch immer ist der deutsche Boden nicht frei, stehen die Truppen der Besatzung am Rhein, ist die Saar nach wie vor unter der Flagge des Völkerbundes, von französischer Willkür abhängig. Es wäre falsch, zu behaupten, daß die Locarno-Politik, d. h. der Versuch, sich ehrlich mit Frankreich zu verständigen, keine Früchte getragen hat. Der Angriff Frankreichs auf das Ruhrgebiet, die industrielle Herzkammer Deutschlands, ist abgewehrt, die nördliche Zone ist, wenn auch später als feierlich vereinbart, geräumt worden, gewisse bescheidene Erleichterungen sind in dem besetzt gebliebenen Gebiet gewährt worden. Aber von der A n s i ch tb a r m a ch u n g der Besatzung spüren die Landesteile noch nichts. Roch sind die alten Garnisonstädte übermäßig stark belegt, wird in ihnen die Wohnungsnot weiter gesteigert. Manöver unter Zusammenwirkung mit englischen Truppen finden im besetzten Gebiet im größten Ausmaß statt, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse ‘ber schwer darniederliegenden Landwirtschaft. Zusammenstöße mit der Besatzung sind und bleiben an der Tagesordnung, Zusammenstöße, bei denen der Deutsche immer den kürzeren ziehen muß, weil über ihn — 11 Jahre nach Friedensschluß! — Kriegsgerichte urteilen, die sich nicht vom Recht, sondern lediglich vom Machtstandpunkt leiten
Staatsmittel in die Hand bekam. Von einer solchen Entwicklung kann aber in Oesterreich nicht die Rede sein, weil die gegenseitigen Kräfteverhältnisse hier nicht mit denen in Italien vor s oder 9 Jahren vergleichbar sind. Stabile Verhältnisse können in Oesterreich für die Politik wie für die Wirtschaft nur durch ein engeres Verhältnis zum Deutschen Reich geschaffen werden, und der Gedanke, daß die Wirtschaft hier der Politik vorangeben muß und vorangehen kann, ist absolut richtig.
Man wird die Frage aufwerfen, wie die Persönlichkeit an der Spitze des heutigen Oesterreich hier- über denkt. Dr. Seipel ist ein Mann non hoher persönlicher Kultur, der von der römisch-katholischen Weltanschauung bcherrfd)t wird. Für ihn ist der primäre Gesichtspunkt weder der grundsaytim-natio- nale, noch auch der geschichtlich habsburgische, son- dem der katholisch-weltanschauliche. In dem Augenblick, wo dieser mit dem Anschlußgedanken zusam- menfallen sollte, wird der österreichische Bundeskanzler auch den Anschluß zu seiner Sache machen. Solange und soweit es nicht der Fall ist, wird er ihn aufschiebend behandeln. Das aber gilt nur auf dem politischen Gebiet, und auf diesem sind ja bis auf weiteres auch die Ententemächte hinderlich. Wirt- s ch a f t l i ch , das muß immer betont werden, würde Die Herstellung eines engeren Verhältnisses zwischen dem Reich und Oesterreich viel dazu beitragen, den Markt von Südosteuropa gemeinsam für die reichsdeutsche und die österreichische Industrie zu öffnen und Deutschland einen Ausgleich dafür zu bieten, daß ihm, um mit Dr. Schlenker zu sprechen, nach Westen keine neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten mehr offen stehen.
lassen. Trotz aller Zusicherungen sind heute noch farbige Truppen am Rhein.
Bei ber letzten Sitzung des Völkerbundsrates in Genf, als Stresemann jenen mutigen Kampf für die deutschen Minderheiten führte, und sich die ganze Hohlheit der Phrasen derjenigen zeigte, die angeblich für die Befreiung der unterdrückten Völker ins Feld gezogen waren, ist von der Räumung überhaupt nicht gesprochen worden. Seit Poincarü am Ruder ist und Frankreich unter seiner Diktatur steht, weht ein eisiger Wind von dort her, der jede wirkliche Verständigung unmöglich macht. Darüber kann auch der gelegentlicye Phrasenschwall Driands nicht Hinwegtäuschen, der um so unangenehmer wirkt, als bei der nächsten Gelegenheit derselbe Driand in gehässigster Weise Deutschland in den Rücken fällt. Der ehrliche Verständigungswille Deutschlands findet drüben kein Echo mehr. Frankreich hatte seine Rheinlandpläne, die Jahrhunderte alten, ein paar Jahre zurückgestellt, nicht auf gegeben; nun schimmern sie wieder durch alle Maßnahmen der fran
zösischen Politik hindurch. Wenn man bedenkt, daß seit den Zeiten Heinrichs IV,, seit dem 16. Jahrhundert. daS Streben Frankreichs nach dem Rhein geht, daß alle seine großen Staatsmänner von Richelieu bis zur Gegenwart immer wieder dem französischen Volk gegenüber die Rotwendig- keit betont haben, daß Frankreich die Wacht am Rhein halten müsse und der Rhein Frankreichs natürliche Grenze sei — entgegen allen tatsächlichen Verhältnissen, so darf man sich nicht wundern. daß auch die Mehrheit im heutigen Frankreich sehr schwer von diesen Ideen abkommen kann. Daher der Kampf um die Räumung. Frankreich hätte es so leicht, durch eine große Geste der Welt seinen wirklichen Friedenswillen zu zeigen. Daß das entwaffnete Deutschland irgendwelche Gefahr gegenüber seinen in Waffen starrenden Rachbarn bedeutet, kann ernstlich niemand behaupten. Daß Deutschland gewillt ist, im Rahmen des Möglichen seinen Zahlungsverpflich
tungen nachzukommen, weiß Frankreich wie die Welt. So sind alle Voraussetzungen für die Räumung gegeben: wer sie trotzdem verweigert. der zeigt nur. daß ihm die Friedensbeteuerungen lediglich eine Phrase sind, daß tut Ernst andere politische Ziele verfolgt werden.
Sie werden deutlich erkennbar bei dem Kampfe um den sogenannten S icher he its aus schuß. Erst sprach man von den „el^ments Stahles , die in der entmilitarisierten Zone auch in Zukunft sein sollten, dann sprach man von Kontrollausschüssen, nun findet der schlaue Briand den wunderbaren Ausdruck „Sicherheitsausschutz" und versucht Deutschland einzureden, daß eine derartige Einrichtung durchaus im Interesse auch des deutschen Volles sei. Man will ja auch großmütig einen deutschen Vertreter in diesen Ausschuß, in dem die Entente die überwiegende Mehrheit haben wird, zulassen. Man will mit anderen Worten über bie Zeit hinaus, tn der nach dem Vertrag von Versailles Frankreich räumen muß, eine feste Position im Rheinland haben, zugleich eine offizielle und unangreifbare Spionageeinrichtung, die. wie der Ludwigshafener Fall zeigt, der Industriespionage jederzeit dienstbar gemacht werden kann. Man will die Stellung am Rhein nicht aufgeben und. wenn die Zeit einmal günstiger ist. ö i c a 11 c n Pläne wieder aufnehmen, die nicht, wie einst die Männer der französischen Revolution glaubten, den Frieden Europas sichern, sondern ihn auf das schärfste bedrohen würden.
Wir sehen gleichzeitig, wie man im Saarge b i e t unter dem Deckmantel des Völkerbundes arbeitet, immer wieder Versuche macht, die französische Schule einzuführen und das Ab- stimmungsergebnis, das so unzweifelhaft für Deutschland lauten wird, zu beeinflussen. Daß das Ansehen des Völkerbundes bei dieser Handlungsweise stark herabgesetzt wird, kümmert die Herren natürlich nicht, die im Völkerbund lediglich die Organisation zur Verteidigung der Beute, nicht zu einem wirklich gerechten Ausgleich der Interessen der Völker erblicken.
Am Eupen-Malmedy ist es still geworden. Die Deutschen führen dort einen verzweifelten Kampf gegen die französischen Bestrebungen der belgischen Regierung. Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben, daß eine neue Abstimmung zugelassen wird, diesmal eine geheime und unbeeinflußte, an Stelle jener Farce des Jahres 1919; das Ergebnis wird für Deutschland sprechen.
Es ist nicht zuviel gesagt, daß der Winter noch auf dem deutschen Westen liegt. Sollen wir deshalb die Hoffnung auf den Frühling auf geben, auch wenn er so lange auf sich warten läßt, wie es dies Jahr geschah? Gewiß sind wir ein machtloses Volk, aber stärker als alle Waffen und Machtmittel ist der Wille eines Volkes, seine nationale Einheit zu behaupten, seine Kultur, feine Sprache sich zu erhalten. In den trüben Tagen im Jahre 1919, in der Zeit des Ruhrkampfes und der Separatistenwirren, als das Schicksal des Rheinlandes auf des Messers Schneide stand, hat dieser Wille sich gegen alle Bedrängnisse und Gefahren durchgesetzt. Anauflöslich ist der Westen mit dem ganzen deutschen Volt verbunden, fühlt sich in Schicksäls- gemeinschaft mit jenem bedrängten Gebiete des Ostens, dessen Gefahren sie, die in ähnlicher | Lage sich befinden, durchaus begreifen. Dieses I ftarfe Gefühl der inneren Verbundenheit, eines unerschütterlichen Willens zur nationalen Selbstbehauptung wird den Frühling der Freiheit heraufbeschwören, den wir nicht durch Zugeständnisse erkaufen wollen, die wir finanziell oder politisch nicht tragen können. Die Freiheit wird uns werden, wenn wir an sie glauben, und wenn wir unser ganzes politisches Handeln auf die einstellen.
politische Ostern in Ost und West.
Gießener Stadttheater.
Fragmente aus „Parsifal".
Die Anregung zur Komposition des „Parsifal" fällt bereits in die früheste Zeit Wagnerschen Schaffens. Schon in Paris 1841 machte Wagner Bekanntschaft mit einer Fülle dramatisch Der- wertbarer Stoffe, vornehmlich aus dem Gebiet der deutschen Volkssage. Dann, während seiner Dresdner Hofkapellmeistertätigkeit, 1845, reiften in ihm die Ideen zu den .Meistersingern", „Ribe- lungen" und „Parsifal". Der Entwurf zu einem Drama „Jesus von Razareth", das aber aus mancherlei Gründen nicht ausgefuhrt wurde, stammt aus dem Jahre 1848. Aber der Gedanke, der diesem Entwurf innewohnte, sand schließlich, wenn auch in veränderter Gestalt, in dem Duh- nenweihefestspiel doch feinen Riederschlag. 1865 batte Wagner den Plan zu „Parsifal" entworfen, aber die Ruhelosigkeit seines Wesens und der daraus folgende häufige Wechsel seines Tätigkeitsfeldes unterbrachen die Arbeit immer wieder. Dann schuf der finanzielle Mißerfolg der Festspiele des Jahres 1876 neue Hindernisse, deren Beseitigung die ganze Energie des Meisters in Anspruch nahm. Ein aufreibendes Leben als Konzertdirigent, um alte Bayreuther Schulden zu decken, und Mittel für neue Festspiele zu erwerben, folgte und dennoch lag 1877 das -Textbuch der Oper fertig vor, und die nun sofort in An- griff genommene Komposition war 1882 becnöet. Im August 1882 erfolgte die erste Aufführung, denen sofort weitere folgten. Der Eindruck war außerordentlich, wenn auch nach wie vor Die erbitterte Gegnerschaft nicht verstummte. Es ist genug bekannt, wie stark umstritten, durch Jahrzehnte hindurch, Wagners , V^rke waren; aber nach und nach kühlten sich die Gemüter ab Wagners Musikdramen eroberten sich eine führende Stellung. Nachdem nun der Sturm sich gelegt hat, ist heute wieder ein lebhafter Meinungs- kampf, einmal um Wagners Bedeutung für die Entwicklung der Oper und des Musildrcmias, andermal um die Lebensfähigkeit seiner Werke entbrannt. Vielleicht liegt es an der ilc&erfuttc- rung der Spielpläne vieler Theater mit Wagner- Opern, vielleicht an der gewaltigen Menge von „Arrangements" jeder Art, besonders aber der
Großen Fantasien", die heute noch von Militärkapellen besonders bevorzugt sind. Aber mehr noch scheint dieser Streit eine Folge der bis zum äußersten (Ding) getriebenen Leitmotivtechnik zu sein, Die vor allem Dem Ring seine Lebensfäyig- Ht ’ zu nehmen droht. Dies Geschehnis in vier 'eilen ist mehr Epos als Drama und das Spiel mit Leitmotiven oft bis zur Ermüdung getrieben. Der Gedanke, dieses Werk auf einen Abend zu-
sammenzuziehen, entspringt gewiß Dem ehrlichen Wunsch, es lebensfähig zu erhalten. Aehnliches gilt von den „Meistersingern". Zwei Werke aber sind es, in denen der Bayreuther Meister seine echteste, edelste und tiefste Sprache spricht: „Tristan" und „Parsifal". Hier findet das Problem der Erlösung durch die Liebe, das Wagner stets am stärksten anzog (Tannhäuser, Holländer) seinen tiefsten und reinsten Ausdruck. And gerade hier ist von der Leitmotivik der spärlichste Gebrauch gemacht, und dort wo sie vorhanden ist, ist sie mit maßvollem Bedacht verwendet. Hier spricht jener andere, richtige Wagner, wie ihn von Der großen Menge feiner Hörer die wenigsten kennen, zu uns. Aber vielleicht ist das gerade der Grund, daß diese beiden Schöpfungen zuerst vor allen anderen von den Spielplänen verschwinden.
Die gestrige Veranstaltung des Stadttheaters stand unter keinem günstigen Stern. Das schone Wetter trägt wohl Die Hauptschuld, daß sich nur ein kleiner Zuhörerkreis eingefunden hatte. Wenn auch Die Absicht für Die nicht zu ermöglichende Aufführung Der ganzen Oper, wenigstens Ausschnitte davon zu bieten, anerkannt werden muh, so bleibt doch Die Form einer solchen Wiedergabe eine mehr als heikle Angelegenheit. Das bezieht sich in Der Hauptsache auf den orchestralen Teil, zunächst also das Vorspiel. Es ist eben undenkbar, Dem Hörer von Der Mystik unD Tiefe geraDc der Musik des Vorspiels nur mit Hilfe eines Flügels auch nur ungefähr einen Klangbegriff zu vermitteln. Die packende Wirkung des thematisch einfachen Vorspiels ist von Dem Orchesterklang mehr als anderes abhängig. Die vollendete Wiedergabe durch Kapellmeister Krauß ändert Daran nichts. Cs liegt nicht am Spiel. sonDern am Instrument. Bet Den Gesangspartien liegt Die Sache besser. Man vermißte hier Das Orchester weniger, ja Die Wirkung Dieser Teile war unmittelbarer. Die Vor- tragsfolge zeigte deutlich Die Absicht der Aus- führenden. nur dem Kunstwerk zu dienen, was ihnen auch erfolgreich gelang. Drei durchgebildete Stimmen vereinten sich zu ausgeglichenem Ensemble. Ehr. St reib (Tenor. Parsival), R. Geiße-Winkel (Bariton, Amfortas) und F. Melcher (Baß. Gurnemanz und Titurel). Alle gleich gut in Stimmbildung und vorbildlichem, von allen Dühnenvofen freien, tiefempfundenen Vortrag. Kapellmeister Willi Krauß, Der am Flügel mit feiner Anpassung begleitete, verhalf nicht zuletzt durch fein nuanciertes und musikalisches Spiel zu der ausgezeichneten Gesamtwirkung.
Das Bühnenbild gab Dem Ganzen einen wür> Digen Rahmen. B.


