Ausgabe 
30.3.1929
 
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Karsamstagsgeschwätz.

Von Franz Hessel.

Karsamstag. Ein Garten in der Ile-de-France. Arn grünen Holztisch in der Mittagssonne be­malen die Frauen Ostereier für unsere Kinder. Tatjana, die Moskowiterin, pinselt auf alle, die durch ihre Hände gehen, das fromme russische X P und erzählt von jungen Buben und alten Herren, Schustern und Großfürsten, die einen auf der Straße küssen durften, wenn die Glocken läu­teten. Genauer noch berichtet sie von einem wun­derbaren pyramidenförmigen Kuchen aus Quark, Rosinen und kandierten Süchten, der Pasha heißt oder so ähnlich. Lore, die Schwabingerin, malt auf roten Grund artige gotische Zuckerlämmer, wie sie mit Fahnen in der Weiche zu München in Bäckerauslagen hocken. 3n ihrer Heimat glau­ben die Kinder, daß die Ostereier am Karsamstag mit den geweihten Glocken aus Rom gereist kom­men Mährend sie dann von der Osterkerze spricht und den fünf Weihrauchskörnern, Sinnbildern der heiligen Wundmale, die in Kreuzform der Kerze eingefügt werden, zeige ich unserm Pa­riser Freunde Elaude das reizende Osterhasen­buch mit den Bildern von Frcyhold und den Bersen von Morgenstern, das morgen die Kinder ansehen sollen. Cr findet es charmant, wundert sich aber ein wenig über die zoologische Merk­würdigkeit des Tierchens und glaubt, französischen Kindern würde schwer beizubringen sein, daß der Hase die bunten selbst lege. So hat hierzulande ja auch der Klapperstorch sozusagen nie festen Fuß fassen können und die kleinen Kinder werden weiter wie bisher hinterm Kohl gefunden.Wo kommt er nur her, euer Osterhase?"

Unser Philologe Gerhart weiß einen mittel­alterlichen Vers, in dem es bereits heißt:

O Osterhaas o Osterhaas, leg dyne eier in das gras-" woraus zu schließen, daß man schon in alter Zeit im Namen dieses Wunderwesens den Kin­dern Eier versteckte. Aber er meint skeptisch, der Hase sei nur eine Sprachentaleisung aus dem Osterhahn, den in Tirol die Kinder in Brezel­gestalt vom Paten bekämen und der wiederum seine eierlegende Funktion von einer Osterhenne übernommen habe. Schüchtern wage ich mich mit der Meinung vor. der Hase sei ein Mhsterientier und komme als Sinnbild der Fruchtbarkeit unter heidnischen Gräbersymbolen vor. Als Claude lächelt, wird Hannah, die mit ihm in beständigem Liebesstreit lebt, ausfallend:Die Griechen und wir sind eben nicht so raisonnable wie ihr neuen - Lateiner."

Worauf er erwidert, als simple Huhnprodukte geben sich auch den frairzösischen Kindern gegen­

über die Ostereier nicht aus. Geheimnisvoll lan- ?;en, wenn man am Festmorgen an ihr Bett ommt, Eltern und Großeltern unter denitra- versin, der großen Rolle am Kopfende des wohnlichen französischen Bettes, rote und goldene und vielfarbige Eier hervor. 3mancicn re- gime wurden mächtige Körbe voll bemalter und vergoldeter Eier in des Königs Schlafgemach ge­bracht und beim Lever am Ostermorgen verteilte daraus die Majestät an große und kleine Höf­linge. Und es waren richtige Kunstwerke unter den bunten Eiern. Maler wie Watteau und Lan- cret haben sie für ihren Fürsten bepinselt. Diel? Künstlerseite sollte man wieder einführen. Welch neue Möglichkeiten: kubistische, expressionistische, surrealistische Ostereier! Claude greift noch wei­ter in die Geschichte zurück: im Mittelalter zogen Kleriker, Studenten der Sorbonne und allerhand junges Volk, nachdem sie vor der Kathedrale von Rotre Dame ihre hudes abgesungen, i.i langem Zug mit Fahnen und Trompeten über Plätze und Carrcfours, drangen in die Gassen und ließen sich Eier schenken. Ob sie dabei auch Küsse erbeuteten, ist nicht überliefert, UnD in jenen Zeiten waren die Eier besonders österlich und festlich, weil in der Fastenzeit Gieressen ebensr- verboten war wie Fleischessen. Man behaupte:.-, dieser Genuß nach der Enthaltsamkeit sei der eigentliche Sinn des Ostereis.

Es ist viel Geheimnis in den kleinen bunten Dingern, die unsere Kinder in Ziinmerwinkeln und Gartenhecken suchen und finden, und in ihrem Jubel ist noch das Ostergelächter, risus paschalis, das einst auf den Kanzeln sinnenfrom- merer Zeiten angestimmt und von der ganzen Ge­meinde gelacht wurde. Das möchte Lore wieder eingeführt haben und bekommt weltgeschichtliche Melancholie, als unser Philologe ihr berichtet, es sei schon im 17. Jahrhundert nebst den hüb­schen Ostermärlein und närrischen Gedichten, mit denen man das Volk, das durch Fasten und Buße betrübt, einst erfreut und getröstet habe, verboten worden, weil es zu Mißbräuchen führte. Wir müssen ihr versprechen, das heilige Öfter- lachen wieder einzuführen, wenn uns endlich die Welt gehören wird. Bis dahin wollen wir uns begnügen zuzusehen, wie unsere Kinder in hol­dem Diminutiv die großen Sagen und Offen­barungen bewahren. Te'rciung aus Aegypten- land und Heilandsopfer feiern, wenn sie die wei­ßen Zuckerlämmer aus Bäckers Laden erst strei­cheln und dann Perspeisen und bunte Eier in Händchen halten, die Sinnbilder der ältesten Göt­ter sind. Aber was es mit dem Osterhasen für eine Bewandtnis hat. haben wir noch nicht ge­nau heraus Wir sind hier aus dem Lande fern allen. Bibliotheken, wir bitten Gelehrtere um Aufklärung.

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Hr.75 Zweiter Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, 30. März 1929

DeuischeZukunstilnSüdosten

Von Dr. Paul Rohrbach.

Der frühere Reichskanzler Dr. Cuno hat ein­mal den Ausdruck gebraucht, Wien werde zu­künftig für Deutschland das Hamburg des Südostens [ein. Ein hiermit verwandtes Thema hat der erste Geschäftsführer des sog. Langnamenvereins (Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen im Rhein­land und Westfalen"), Dr. Schlenker, in München vor kurzem behandelt. Seine Thesen waren: Deutschland hat keine wirtschaftlichen Möglichkeiten mehr nach dem Westen, wohl aber innerhalb deS südosteuropäischen Raums: die Zu­kunft der deutschen Wirtschaft weist unter allen Mmftänbcn nach Osten und Südosten. Ob­wohl für Eisen und Stahl eine Weltkonjunktur besteht, nimmt die deutsche Industrie an ihr nicht teil, sondern wird zurückgedrängt. Ihr gegen­über hat die französische Eisenindustrie allein an Arbeitslöhnen, ganz abgesehen von den viel höheren sozialen Lasten und Steuern, einen Vor­teil von etwa zweihundert Millionen Mark jähr­lich. In der Richtung nach Südosten besteht die einzige Möglichkeit für Deutschland, diesen Rachteil auszugleichen. Dies ist ein Gesichtspunkt, unter dem auch der Zusammenschluß von Deutschland und Oesterreich betrachtet werden muß zunächst der wirtschaftliche. Für Deutschland bildet das österreichische Wirtschafts­gebiet die natürliche Brücke und den gegebenen Mittler zu den östlichen und südöstlichen Ländern.

Diese Gedanken, an sich eben so naheliegend, wie vom großdeutschen Standpunkt aus zu be­grüßen, kommen jetzt beachtenswerterweife aus dem Kreise der deutschen Schwerindustrie, die bis­her nicht in dem Rufe stand, die Anschlutzidee zu fördern. Auch von österreichischer Seite ist das betont worden. 'Die Oesterreicher haben recht von ihrem Standpunkt aus, wenn sie darauf Hinweisen, daß Oesterreich wirtschaftlich auch von anderen Seiten umworben wird. So sind z. B. die österreichischen Wasserkräfte ein Objekt starken internationalen" Interesses. Der Präsident des Verbandes der Industriellen in Tirol, Reitlinger, hat dafür das Bild gebraucht, Oesterreich be­trachte sich zwar aus Herzensneigung als die Braut des Reichs, wenn aber der Bräutigam in einer endlosen Brautzeit sich dauernd spröde zeige, so sei es der Braut nicht zu verargen, wenn sie auch einmal einem anderen Bewerber schöne Augen mache. Die schönen Augen sind in diesem Vergleich allerdings auch nur wirtschaft­lich gemeint, denn in nationaler Beziehung muh das Verlöbnis als endgültig gelten. Auch bei der Münchener Veranstaltung hat die Entschlie­ßung dahin gelautet, daß die Vertreter der deutschen und der österreichischen Wirtschaft die baldige Regelung der handelspolitischen Be­ziehungen zwischen dem Reich und Oesterreich nicht nur als eine wirtschaftliche, sondern auch als eine nationalpolitischc Rotwen­digkeit ansähen!

Die Entschließung als solche bedeutet nicht die Forderung des politischen Anschlusses. Sie wurde auch ausdrücklich in dem Sinne gefaßt, daß ein Handelsvertrag zwischen dem Reiche und Oesterreick) nur eine Vorstufe für die künftige engere handels­politische Verbindung sei. Von Oesterreich aus sind solche Aeußerungen schon oft gefallen. Das Bedeut­same ist, daß sie diesmal von maßgeblichen Der- tretern der deutschen und der österreichischen Wirt­schaft gemeinsam gefaßt wurden, und daß die wirt­schaftliche Annäherung ausdrücklich im Namen des nationalen Gedankens, der für das Reich und Oester- reich derselbe ist, verlangt wurde. Bei dieser Ge­legenheit sei ein Wort über die heutigen Verhält­nisse in Oesterreich gestattet. Das Reich ist für Oest­reich handelspolitisch das wichtigste Absatz- und Be­zugsgebiet. Jede gute Konjunktur und jede Krise der

deutschen Wirtschaft kommt auch in Oesterreich zur Wirkung. Oesterreich durchlebt gegenwärtig eine ge­wisse Unruhe. Die Position der Sozialdemo­kratie ist durch die Mißwirtschaft, die in verschie­denen, sozialdemokratisch regierten Gemeinden ein­gerissen ist und die sich jetzt eben wieder durch einen großen Finanzskandal in Wiener-Neustadt geoffen- bart hat, moralisch erschüttert Das große Spar- kasseninstitut der Stadt Wien, das wie die gesamte Wiener Stadtverwaltung in den Händen der Sozial­demokratie ist, befolgt die Methode, die Wünsche an­derer sozialistisch verwalteter Kommunen ausgiebig zu finanzieren, damit durch die kommunalen Einrich­tungen ein möglichst hervorragender Eindruck zum Nutzen der Partei gemacht werde. Das kann zu be­denklichen Folgen führen, wenn einmal das Miß­trauen der Einleger gegen die Solidität der Wiener Sparkasse wachgerufen wird. Eine Krise dieses In- stituts, wirtschaftlich eine Gefahr fast für ganz Oesterreich, würde aber politisch einen sehr schweren Schlag gegen die Sozialdemokratie bedeuten.

Der Sozialdemokratie gegenüber steht die Hel - matwchrbewegung. Diese macht nach außen einen starken Eindruck, ist aber abhängig von ihren Geldgebern, die hauptsächlich auf dem Gebiet der österreichischen Großwirtschaft zu suchen sind. Auch Mussolini hat seinerzeit in Italien so angefangen, daß die Organisation seiner Schwarzhemden von den Großindustriellen bezahlt wurde, deren Betriebe er im entscheidenden Augenblick vor der wilden Sozialisierung", d. h. vor der Vernichtung durch die kommunistisch beeinflußten Arbeitermassen, ret­tete. Auf diesem Umweg ist Mussolini dahin ge­langt, daß er schließlich die Staatsmaschine und die

I.

Oer Westen.

Von Dr. jur. Paul Moldenhauer, o. ö. Professor an der Universität Köln, M. d. 3t

Wir stehen vor dem Osterfest. Wir schicken uns an, die Wiederauferstehung des Herrn zu feiern, wir feiern zugleich den Sieg des Frühlings über den Winter, der in diesem Jahre uns so beson­ders hart und lang bedrängt hat. Aber im poli­tischen Leben will der Winter noch nicht dem Frühling weichen. Elf Jahre sind verflossen seit dem Kriege, noch immer ist der deutsche Boden nicht frei, stehen die Truppen der Besatzung am Rhein, ist die Saar nach wie vor unter der Flagge des Völkerbundes, von französischer Will­kür abhängig. Es wäre falsch, zu behaupten, daß die Locarno-Politik, d. h. der Versuch, sich ehrlich mit Frankreich zu verständigen, keine Früchte ge­tragen hat. Der Angriff Frankreichs auf das Ruhrgebiet, die industrielle Herzkammer Deutsch­lands, ist abgewehrt, die nördliche Zone ist, wenn auch später als feierlich vereinbart, geräumt worden, gewisse bescheidene Erleichterungen sind in dem besetzt gebliebenen Gebiet gewährt wor­den. Aber von der A n s i ch tb a r m a ch u n g der Besatzung spüren die Landesteile noch nichts. Roch sind die alten Garnisonstädte über­mäßig stark belegt, wird in ihnen die Woh­nungsnot weiter gesteigert. Manöver unter Zu­sammenwirkung mit englischen Truppen finden im besetzten Gebiet im größten Ausmaß statt, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisseber schwer darniederliegenden Landwirtschaft. Zusammen­stöße mit der Besatzung sind und bleiben an der Tagesordnung, Zusammenstöße, bei denen der Deutsche immer den kürzeren ziehen muß, weil über ihn 11 Jahre nach Friedensschluß! Kriegsgerichte urteilen, die sich nicht vom Recht, sondern lediglich vom Machtstandpunkt leiten

Staatsmittel in die Hand bekam. Von einer solchen Entwicklung kann aber in Oesterreich nicht die Rede sein, weil die gegenseitigen Kräfteverhältnisse hier nicht mit denen in Italien vor s oder 9 Jahren vergleichbar sind. Stabile Verhältnisse können in Oesterreich für die Politik wie für die Wirtschaft nur durch ein engeres Verhältnis zum Deutschen Reich geschaffen werden, und der Gedanke, daß die Wirtschaft hier der Politik voran­geben muß und vorangehen kann, ist absolut richtig.

Man wird die Frage aufwerfen, wie die Persön­lichkeit an der Spitze des heutigen Oesterreich hier- über denkt. Dr. Seipel ist ein Mann non hoher persönlicher Kultur, der von der römisch-katholischen Weltanschauung bcherrfd)t wird. Für ihn ist der pri­märe Gesichtspunkt weder der grundsaytim-natio- nale, noch auch der geschichtlich habsburgische, son- dem der katholisch-weltanschauliche. In dem Augen­blick, wo dieser mit dem Anschlußgedanken zusam- menfallen sollte, wird der österreichische Bundeskanz­ler auch den Anschluß zu seiner Sache machen. So­lange und soweit es nicht der Fall ist, wird er ihn aufschiebend behandeln. Das aber gilt nur auf dem politischen Gebiet, und auf diesem sind ja bis auf weiteres auch die Ententemächte hinderlich. Wirt- s ch a f t l i ch , das muß immer betont werden, würde Die Herstellung eines engeren Verhältnisses zwischen dem Reich und Oesterreich viel dazu beitragen, den Markt von Südosteuropa gemeinsam für die reichs­deutsche und die österreichische Industrie zu öffnen und Deutschland einen Ausgleich dafür zu bieten, daß ihm, um mit Dr. Schlenker zu sprechen, nach Westen keine neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten mehr offen stehen.

lassen. Trotz aller Zusicherungen sind heute noch farbige Truppen am Rhein.

Bei ber letzten Sitzung des Völkerbundsrates in Genf, als Stresemann jenen mutigen Kampf für die deutschen Minderheiten führte, und sich die ganze Hohlheit der Phrasen derjenigen zeigte, die angeblich für die Befreiung der unterdrück­ten Völker ins Feld gezogen waren, ist von der Räumung überhaupt nicht gesprochen worden. Seit Poincarü am Ruder ist und Frankreich unter seiner Diktatur steht, weht ein eisiger Wind von dort her, der jede wirkliche Verständigung unmög­lich macht. Darüber kann auch der gelegentlicye Phrasenschwall Driands nicht Hinwegtäuschen, der um so unangenehmer wirkt, als bei der nächsten Gelegenheit derselbe Driand in gehässigster Weise Deutschland in den Rücken fällt. Der ehrliche Verständigungswille Deutschlands findet drüben kein Echo mehr. Frankreich hatte seine Rhein­landpläne, die Jahrhunderte alten, ein paar Jahre zurückgestellt, nicht auf gegeben; nun schim­mern sie wieder durch alle Maßnahmen der fran­

zösischen Politik hindurch. Wenn man bedenkt, daß seit den Zeiten Heinrichs IV,, seit dem 16. Jahrhundert. daS Streben Frankreichs nach dem Rhein geht, daß alle seine großen Staatsmänner von Richelieu bis zur Gegenwart immer wieder dem französischen Volk gegenüber die Rotwendig- keit betont haben, daß Frankreich die Wacht am Rhein halten müsse und der Rhein Frankreichs natürliche Grenze sei entgegen allen tatsäch­lichen Verhältnissen, so darf man sich nicht wun­dern. daß auch die Mehrheit im heutigen Frank­reich sehr schwer von diesen Ideen abkommen kann. Daher der Kampf um die Räumung. Frank­reich hätte es so leicht, durch eine große Geste der Welt seinen wirklichen Friedenswillen zu zeigen. Daß das entwaffnete Deutschland irgend­welche Gefahr gegenüber seinen in Waffen star­renden Rachbarn bedeutet, kann ernstlich nie­mand behaupten. Daß Deutschland gewillt ist, im Rahmen des Möglichen seinen Zahlungsverpflich­

tungen nachzukommen, weiß Frankreich wie die Welt. So sind alle Voraussetzungen für die Räumung gegeben: wer sie trotzdem ver­weigert. der zeigt nur. daß ihm die Friedens­beteuerungen lediglich eine Phrase sind, daß tut Ernst andere politische Ziele verfolgt werden.

Sie werden deutlich erkennbar bei dem Kampfe um den sogenannten S icher he its aus schuß. Erst sprach man von denel^ments Stahles , die in der entmilitarisierten Zone auch in Zu­kunft sein sollten, dann sprach man von Kontroll­ausschüssen, nun findet der schlaue Briand den wunderbaren AusdruckSicherheitsausschutz" und versucht Deutschland einzureden, daß eine der­artige Einrichtung durchaus im Interesse auch des deutschen Volles sei. Man will ja auch großmütig einen deutschen Vertreter in diesen Ausschuß, in dem die Entente die überwiegende Mehrheit haben wird, zulassen. Man will mit anderen Worten über bie Zeit hinaus, tn der nach dem Vertrag von Versailles Frankreich räumen muß, eine feste Position im Rheinland haben, zugleich eine offizielle und unangreif­bare Spionageeinrichtung, die. wie der Ludwigs­hafener Fall zeigt, der Industriespionage jeder­zeit dienstbar gemacht werden kann. Man will die Stellung am Rhein nicht aufgeben und. wenn die Zeit einmal günstiger ist. ö i c a 11 c n Pläne wieder aufnehmen, die nicht, wie einst die Männer der französischen Revolution glaubten, den Frieden Europas sichern, sondern ihn auf das schärfste bedrohen würden.

Wir sehen gleichzeitig, wie man im Saar­ge b i e t unter dem Deckmantel des Völkerbun­des arbeitet, immer wieder Versuche macht, die französische Schule einzuführen und das Ab- stimmungsergebnis, das so unzweifelhaft für Deutschland lauten wird, zu beeinflussen. Daß das Ansehen des Völkerbundes bei dieser Hand­lungsweise stark herabgesetzt wird, kümmert die Herren natürlich nicht, die im Völkerbund ledig­lich die Organisation zur Verteidigung der Beute, nicht zu einem wirklich gerechten Ausgleich der Interessen der Völker erblicken.

Am Eupen-Malmedy ist es still ge­worden. Die Deutschen führen dort einen verzwei­felten Kampf gegen die französischen Bestrebun­gen der belgischen Regierung. Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben, daß eine neue Ab­stimmung zugelassen wird, diesmal eine geheime und unbeeinflußte, an Stelle jener Farce des Jahres 1919; das Ergebnis wird für Deutsch­land sprechen.

Es ist nicht zuviel gesagt, daß der Winter noch auf dem deutschen Westen liegt. Sollen wir des­halb die Hoffnung auf den Frühling auf geben, auch wenn er so lange auf sich warten läßt, wie es dies Jahr geschah? Gewiß sind wir ein machtloses Volk, aber stärker als alle Waffen und Machtmittel ist der Wille eines Volkes, seine nationale Einheit zu behaupten, seine Kultur, feine Sprache sich zu erhalten. In den trüben Tagen im Jahre 1919, in der Zeit des Ruhrkampfes und der Separatistenwirren, als das Schicksal des Rheinlandes auf des Messers Schneide stand, hat dieser Wille sich gegen alle Bedrängnisse und Gefahren durchgesetzt. An­auflöslich ist der Westen mit dem ganzen deut­schen Volt verbunden, fühlt sich in Schicksäls- gemeinschaft mit jenem bedrängten Gebiete des Ostens, dessen Gefahren sie, die in ähnlicher | Lage sich befinden, durchaus begreifen. Dieses I ftarfe Gefühl der inneren Verbundenheit, eines unerschütterlichen Willens zur nationalen Selbst­behauptung wird den Frühling der Freiheit heraufbeschwören, den wir nicht durch Zu­geständnisse erkaufen wollen, die wir finanziell oder politisch nicht tragen kön­nen. Die Freiheit wird uns werden, wenn wir an sie glauben, und wenn wir unser ganzes politisches Handeln auf die einstellen.

politische Ostern in Ost und West.

Gießener Stadttheater.

Fragmente ausParsifal".

Die Anregung zur Komposition desParsifal" fällt bereits in die früheste Zeit Wagnerschen Schaffens. Schon in Paris 1841 machte Wagner Bekanntschaft mit einer Fülle dramatisch Der- wertbarer Stoffe, vornehmlich aus dem Gebiet der deutschen Volkssage. Dann, während seiner Dresdner Hofkapellmeistertätigkeit, 1845, reiften in ihm die Ideen zu den .Meistersingern",Ribe- lungen" undParsifal". Der Entwurf zu einem DramaJesus von Razareth", das aber aus mancherlei Gründen nicht ausgefuhrt wurde, stammt aus dem Jahre 1848. Aber der Gedanke, der diesem Entwurf innewohnte, sand schließlich, wenn auch in veränderter Gestalt, in dem Duh- nenweihefestspiel doch feinen Riederschlag. 1865 batte Wagner den Plan zuParsifal" entworfen, aber die Ruhelosigkeit seines Wesens und der daraus folgende häufige Wechsel seines Tätig­keitsfeldes unterbrachen die Arbeit immer wieder. Dann schuf der finanzielle Mißerfolg der Fest­spiele des Jahres 1876 neue Hindernisse, deren Beseitigung die ganze Energie des Meisters in Anspruch nahm. Ein aufreibendes Leben als Konzertdirigent, um alte Bayreuther Schulden zu decken, und Mittel für neue Festspiele zu er­werben, folgte und dennoch lag 1877 das -Textbuch der Oper fertig vor, und die nun sofort in An- griff genommene Komposition war 1882 becnöet. Im August 1882 erfolgte die erste Aufführung, denen sofort weitere folgten. Der Eindruck war außerordentlich, wenn auch nach wie vor Die er­bitterte Gegnerschaft nicht verstummte. Es ist genug bekannt, wie stark umstritten, durch Jahr­zehnte hindurch, Wagners , V^rke waren; aber nach und nach kühlten sich die Gemüter ab Wag­ners Musikdramen eroberten sich eine führende Stellung. Nachdem nun der Sturm sich gelegt hat, ist heute wieder ein lebhafter Meinungs- kampf, einmal um Wagners Bedeutung für die Entwicklung der Oper und des Musildrcmias, andermal um die Lebensfähigkeit seiner Werke entbrannt. Vielleicht liegt es an der ilc&erfuttc- rung der Spielpläne vieler Theater mit Wagner- Opern, vielleicht an der gewaltigen Menge von Arrangements" jeder Art, besonders aber der

Großen Fantasien", die heute noch von Militär­kapellen besonders bevorzugt sind. Aber mehr noch scheint dieser Streit eine Folge der bis zum äußersten (Ding) getriebenen Leitmotivtechnik zu sein, Die vor allem Dem Ring seine Lebensfäyig- Ht zu nehmen droht. Dies Geschehnis in vier 'eilen ist mehr Epos als Drama und das Spiel mit Leitmotiven oft bis zur Ermüdung getrieben. Der Gedanke, dieses Werk auf einen Abend zu-

sammenzuziehen, entspringt gewiß Dem ehrlichen Wunsch, es lebensfähig zu erhalten. Aehnliches gilt von denMeistersingern". Zwei Werke aber sind es, in denen der Bayreuther Meister seine echteste, edelste und tiefste Sprache spricht:Tri­stan" undParsifal". Hier findet das Problem der Erlösung durch die Liebe, das Wagner stets am stärksten anzog (Tannhäuser, Holländer) sei­nen tiefsten und reinsten Ausdruck. And gerade hier ist von der Leitmotivik der spärlichste Ge­brauch gemacht, und dort wo sie vorhanden ist, ist sie mit maßvollem Bedacht verwendet. Hier spricht jener andere, richtige Wagner, wie ihn von Der großen Menge feiner Hörer die wenigsten kennen, zu uns. Aber vielleicht ist das gerade der Grund, daß diese beiden Schöpfungen zuerst vor allen anderen von den Spielplänen verschwinden.

Die gestrige Veranstaltung des Stadttheaters stand unter keinem günstigen Stern. Das schone Wetter trägt wohl Die Hauptschuld, daß sich nur ein kleiner Zuhörerkreis eingefunden hatte. Wenn auch Die Absicht für Die nicht zu ermöglichende Aufführung Der ganzen Oper, wenigstens Aus­schnitte davon zu bieten, anerkannt werden muh, so bleibt doch Die Form einer solchen Wieder­gabe eine mehr als heikle Angelegenheit. Das bezieht sich in Der Hauptsache auf den orchestralen Teil, zunächst also das Vorspiel. Es ist eben un­denkbar, Dem Hörer von Der Mystik unD Tiefe geraDc der Musik des Vorspiels nur mit Hilfe eines Flügels auch nur ungefähr einen Klang­begriff zu vermitteln. Die packende Wirkung des thematisch einfachen Vorspiels ist von Dem Orchesterklang mehr als anderes abhängig. Die vollendete Wiedergabe durch Kapellmeister Krauß ändert Daran nichts. Cs liegt nicht am Spiel. sonDern am Instrument. Bet Den Ge­sangspartien liegt Die Sache besser. Man ver­mißte hier Das Orchester weniger, ja Die Wir­kung Dieser Teile war unmittelbarer. Die Vor- tragsfolge zeigte deutlich Die Absicht der Aus- führenden. nur dem Kunstwerk zu dienen, was ihnen auch erfolgreich gelang. Drei durchgebil­dete Stimmen vereinten sich zu ausgeglichenem Ensemble. Ehr. St reib (Tenor. Parsival), R. Geiße-Winkel (Bariton, Amfortas) und F. Melcher (Baß. Gurnemanz und Titurel). Alle gleich gut in Stimmbildung und vorbild­lichem, von allen Dühnenvofen freien, tief­empfundenen Vortrag. Kapellmeister Willi Krauß, Der am Flügel mit feiner Anpassung begleitete, verhalf nicht zuletzt durch fein nuanciertes und musikalisches Spiel zu der ausgezeichneten Ge­samtwirkung.

Das Bühnenbild gab Dem Ganzen einen wür> Digen Rahmen. B.