Ausgabe 
29.11.1929
 
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Nr. 280 Zweites Blatt Gießener Anzeiger tGenerai-Anzeiger für Gberheffen)§reitag, 20. November 1929

politische Llmsiellung in Oesterreich.

Don Or. Otto Siegel.

Die noch vor wenigen Wochen auherordent- lich gespannte innenpolitische Lage Oesterreichs hat heule einer wesentlich beruhigteren unk) ge­mäßigteren Entwicklung Raum gege en, obwohl Pessimisten bereits oos Ende des Reiches vor- ousgesagt hatten. Cs hieße dem heutigen Oester­reich völlig die Berechtigung der eigenen Fah­rung seiner Innenpolitik absprcchen, würde man jede Zuspigung dec innenpolick'chen Atm.sphäre dieses Staa.es rundweg mit der Selbstverständ­lichkeit des Einmarsches fremder Mächte, mit der Hebertragung der Außenpolitik ultimae ra- tionis auf die Innenpolitik, beantworten. Don der dringenden Rotwendig eit, durch engste Ge­meinschaftsarbeit mit dem Deutschen Reich die Gegenwartsnot unseres Bruderstaates nach besten Kräften zu lindern, ist an dieser Stelle oft genug gesprochen worden. Gs hieße aber, die Lösung der F.iedensverrüge sowie die durch die Völkerbundsarbeit erstrebte verständnisvolle Zusammenarbeit der Böller für völlig illusorisch erklären, würde man die bisher auch in Deutsch­land häufig gebräuchliche Argumentation aus­greifen, nach der die innenpolitischen Kämpfe Oesterreichs die sonst jedem Staat zugebilligte Grenze überschreiten.

Die Formen des innenpolitischen Kampfes äußern sich naturgemäß in jedem Staate ver­schieden, je nachdem die Träger des politischen Willens sie sich schaffen. Der Anstoß zu einer energischen Offensive des bürgerlichen Elements in der österreichischen Bevölke­rung ging in diesem Fall von außerparla­mentarischen Kräften aus, die in der Heim­wehrbewegung ihren Ursprung hotten. Dieser Anstoß kann aber nur als der äußere Anlaß aufgesaht werden. Die Krise des öster­reichischen Parlamentarismus war nicht von heute auf morgen entstanden. Gegensätzlichkeiten der parlamentarischen Parteien hatten häufig zu einer Unüberbrückbarkeit der Grundanschauungen ge­führt, die auf verschiedenen Gerieten die par­lamentarischen Arbeitsmögsichketten lahinlegen mußte. Es fei in diesem Zusammenhang nur an die Obstruktionspolitik der Sozialdemo.ra- tischen Opposition in der Frage d:r Mieten- gesehgebung erinnert, eine Frage, die auch heule iroch trotz geringer Teilvecsuche ungelöst ist. Die schwierigen wirtschaftlichen Derhältnisse Oesterreichs mußten außerdem die außerparla­mentarische Gruppenbildung wesentlich bcichlcu- lügen und verstärken. Es darf dabei nicht aus dem Auge verloren werden, daß die Friedens­verträge das neue Oesterreich vor völlig 'unlösbare Ausgaben gestellt hatten. Zu der Konstruktion eines wirtschaftlichen Torso ohne geräumiges Absatzgebiet gesellte sich die -unmögliche geopolitische Gestalt des neuen Staa­tes, die räumliche Isolierung Wiens von den Bundesländern, die im Westen heute tatsäch­lich wirtschaftlich viel stärker nach den südlichen Gebieten des Deutschen Reiches als nach der weit im Rordvsten vorgeschobenen Bundeshaupt­stadt Wien gravitieren. Daraus entstand das schwierige Dersasfungsproblem: Wien und Die Bundesländer. Die Iulitage des Jahres 1927 hatten zwar eine gewaltsame Ex­plosion der Leidenschaften im Volk gebracht, ober keineswegs eine endgültige Klärung der wichtigsten staatspolitischen Fragen eingeleitet. Die Gegenwartsprobleme beherrsch en ständig die Führung der inneren Politik, die Gegensätze »lieben, verstärkten sich von Tag zu Tag. Kabi­nette kamen und gingen; selbst die für die Zu­sammenarbeit im Parlament scheinbar geeig­netsten Persönlichkeiten vermochten nicht, end­gültig die Stabilität in der Entwicklung der Österreichischen Innenpolitik zu garantieren. Die «uherparlamentarischen Kräfte wuch­sen mehr und mehr an. Es schien eine zeitlang,

Berlin als Wille und Vorstellung.

Don Sigismund von Radecki.

Wenn's kühl wird, stehen die Arbeitsbienen Lichtgedrängt im Bienenstock und schlagen unaus- Sesetzt mit den Flügeln. Alle machen mit, feine arf sich ausschließen denn die Larven müssen «s warm haben. In Berlin regt man nicht die Flügel, in Berlin regt man die Ellbogen, aber sonst ist es das gleiche: besitze eine Million, ver- litte deine Fenster, lebe als Eremit du mußt Dennoch arbeiten, schaffen, tätig sein, denn du List in Berlin, und das Energie-Zluidium dieser Stadt bringt durch alle Wänve! Du spürst die Cllbogentätigfcit der Million (die auf der Straße nur stillhalten, wenn Asphalt gekocht wird) und Lu kannst dich der Arbeit nicht entziehen, Leren schwerste darum Müßiggang heißt. Das Summen des Bienenstockes schwillt an und erhebt s'ch zum Gebrause des deutschen Werktags.

Zweifelnd vernahm ich, daß es in Berlin Häu­ser. ja, sogar Architekten geben soll. Aber Häuser Sibt's nur dort, wo man sie betrachtet. An einer okornolive mit 90-Kilometer-Stundengeschwindig- leit fällt mir nicht die Radspeiche, sondern das Tempo auf und also gibt's in Berlin alles, Schaufenster, Lichtreklamen, Asphaltsp'.egel, Men­schen, Autos, aber nur keine Häuser (die übrigens, wie ich hörte, ziemlich häßlich sein sollen). Hier ift das Ziel der Arbeit nicht die Rente, nicht der Lordtitel, sondern eben die Arbeit; hier ist die Vision der Stadt nicht ein Rom, ein Paris, ein Babylon, sondern d i e Vision überhaupt, die Möglichkeit zu allen Visionen! Unb darum ist Liese nüchternste aller Städte zugleich die phan- ßastischste, die es gibt, Berlin hat die Phantastik in der Literatur geboren: E. Th. A. Hoffmann.

In Berlin gab man den Straßen gute Rainen: Lhland, Schiller, Goethe. Kant wurden herbei­bemüht, damit man nämlich bei der Straße an &zn Geist denken soll. Das Resultat: man denkt bei dem Geist mit Rotwendigkeit an die Straße. Lhland? Kant? das ist irgendwo in der Rahe roni Kurfürstendamm. Bismarck? das ist ein Telephonamt, dieses Wort kommt täglich hundert- tausendmal über Berliner Lippen. Barbarossa? nun, das Amt ist noch neu, noch spürt man den heroischen Hauch, aber bei der millionsten Verbindung ist Barbarossa kaputt, dafür garan­tiere ich. Doch die Bildung schreitet unaufhalt­sam fort, unb ich warte mit Zähneklappern auf

10 Jahre Kriegsgräberfürsorge.

Als nach Beendigung des Krieges die Tätig­keit der deutschen Kriegsgräber - Kommandos zwangsläufig aussetzte und die im fremden Land entstandenen deutschen Kriegsgräberstätten ihrem Schicksal überlassen waren, wurde der Volks- b u n b Deutsche Kriegsgräberfür­sorge, e. V. ins Leben gerufen.

Zehn Jahre sinb nun vergangen. In dieser Zeit entwickelte sich der Volksbund zu einer großen Organisation, die heute gairz Deutsch­land und die Schweiz umfaßt und neben 44 Ver­bänden über 1300 Ortsgruppen zählt. Wer kennt heute nicht das markante Zeichen des Volks- Hundes die fünf weißen Kreuze auf schwarzem Grunde, das immer wieder und an jedem Ort mahnt:Gebt euren Toten Heim- rech tl", aber nicht nur in der Heimat, im Herzen des deutschen Volkes, sondern auch drau­ßen in fremder Erde.

Stille, aber zähe Arbeit und glaubensfrohe Zuversicht haben den Volksbund aus dem Sturm und der Rot der verflossenen zehn Jahre empor- gehoben, haben ihn zu seinem Teil Mitwirken lassen an der Wiedergesundung und Wieder­erstarkung der deutschen Seele. Weder die Mut­losigkeit einzelner, noch die Verzweiflung vieler sind imstande gewesen, seinen Aufstieg anzu­halten. Die gewaltigen Erschütterungen und Um­wälzungen der Inflation: jähre haben zwar seine Entwicklung vorübergehend unterbrochen. Aber tote schon immer Zeiten wirtschaftlicher und po­litischer Rot zur inneren Sammlung geführt ha­ben, so sind auch die Rachkriegsstürme dem Volksbund Spender neuer Kräfte geworden. Seine Entwicklung ist durchaus gesund; nicht tote ein Strohfeuer, das lärmend in die Luft prasselt und bann in Rauch unb Asche verfällt, sondern stetig und ruhig. Die Berichte und Bil­der, die der Volksbund laufend in der Zeitschrift Kriegsgräberfürsorge" veröffentlicht, zeigen dies

deutlich. Die enge Zusammenarbeit mit den staatlichen und kirchlichen Behörden im Reich und in den Ländern, in Städten und Gemeinden, hat die Entwicklung der Bundesarbeit wesentlich gefördert.

Das Ziel ist klar vorgezeichnet: Der Dolks­bund will unseren Gefallenen, deren Gräber die deutsche Heimat wie ein gewaltiger 27 ingumschließen. Weihe­stätten von bleibendem Werte schaf- f e n. Dazu sind andere Maßstäbe nötig, als die für heimatliche Grab- unb Friedhofspftege ge­wohnten unb liebgetoorbenen. Er kann nicht bem Einzelnen bienen, wenn es um das Ganze geht. Diele haben vergessen, baß unsere Drüber für einen gemeinsamen Gedanken in den Tod gegangen sind. Die Ausgabe des Dolksbundes ist cs daher, diesem großen Gedanken Ausdruck zu verleihen, ihn der Rachwelt in einer äußeren würdigen Form zu überliefern. Wenn auch unser Schassen keinen Dergleich verträgt mit der Leistung unserer im Kriege gebliebenen Brüder, so soll es doch wenigstens unauslöschlich sein, wie das Opfer, das die zwei Millionen unserer Besten für uns brachten, in aller Ewigkeit unauslöschlich sein wird.

Das deutscheDolk ohne jedencklnter- schied zur Mitarbeit an diesem gro­ßen Werke zu sammeln, ist das Ziel, das sich der Dolksbund in seinem inneren Ausbau ge­stellt hat. Jeder einzelne kann und sollte dabei mithelfen und seine ganze Kraft daran sehen, daß dieses Ziel erreicht werde. Die vorwurfs­volle Frage, die vielerorts noch über den end­losen Gräberreihen schwebt:Das taten wir für euch, was tut ihr für uns?" muß verstummen. Das sind wir unseren Toten unb ber Rachwelt schuldig.

als ob eine vermittelnde Idee zwischen Rechts unb Links überhaupt nicht mehr gegeben sei, bis die neue Regierungsbildung unter Bundeskanzler Schober erfolgte.

Dieser Tag liegt nun schon Wochen zurück. Sie haben aber genügt, eine wesentliche Entgif­tung der Atmosphäre zu schaffen. Die Aufgabe der neuen Regierung mußte sich nach zwei Seiten richten. Sie mußte einmal mit dem Drängen der außerparlamentarischen Rechten, und zweitens mit der Rotwendigkeit einer ver­ständnisdollen Zusammenarbeit mit der Sozial­demokratie im Parlament rechnen. Die hinter uns liegenden Wochen berechtigen zu der Hoff­nung, daß der neuen Bundesregierung diese Synthese der politisch auseinanderstrebenden Kräfte gelingen wird. Sie haben darüber hinaus bereits den Beweis erbracht, daß das Werk besonders auf verfassungsrechtlichem Gebiet in befriedigendem Sinne gelöst wer­den konnte. Der vom Bundeskanzler Schober eingeschlagene Weg war der einzig gangbare. Er war völlig im Sinn aufbauender, staatspoli­tischer Arbeit; ein anderer hätte zu schweren innerpolitischen Auseinandersetzungen führen müssen, die nur durch Einsatz stärkster Macht­mittel hätten geschlichtet werden können.

Wenn aud) mit dem SchlagwortRuck nach rechts in Oesterreich" die ganze Entwicklung nicht abgetan werden kann, so ist doch der erhebliche Wandel der innenpolitischen Derhältnisse für jeden deutlich erkennbar, der nach längerer Ab­wesenheit wieder in Wien und Oesterreich weilt. Hatte bis dahin in Wien d i e Sozialdemo­kratie mehr oder weniger allein das Feld durch Massendemonstrationen beherrscht, so hat sich von den Bundesländern aus die Welle ber volksbewußten Massenbewegung in Richtung Wien ausgebreitet. Dies ist für Oesterreich um so bedeutsamer, als feit bem Zusammenbruch zum

das Amt Rilke. ... Was ist der Ruhm? das kann ich Ihnen sagen: ein Straßenname.

Vermöchte ich es, so würde ich eine Elegie auf die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche schreiben. Diese Kirche ist wirtlich zu beklagen: gebaut auf eine Asphalt-Tafel, untertunnelt von ilntergrunö- bahnen, umsponnen von Straßenbahndrähten, be­sucht von Leuten, die nicht glauben, sondern bloß das Brautpaar sehen wollen, so steht diese Kirche da, und spiegelt düster die Lichtreklamen der Filmpaläste. Arme Kirche. Man kommt in Ber­liner Verkehrskreisen immer mehr zu der Heber» zeugung, daß sie ein Hindernis bildet in jener Gegend, wo die elegantesten Eßlokale Humbser, Schweimler und Drechler heißen.

Das erste, was dem einfahrenden Fremden auf­fällt, ist daß der O-Zug mitten durch Häuser und Hinterhöfe, kurz, mitten durchs Familien­leben hindurchbraust: dort sitzt man bei der Lampe, und Papa lieft die Zeitung vor, hier wird in der Küche gearbeitet, dort steht eine Frau vor dem Spiegel ufto. Geht man aber vom Zentrum aus, so lassen sich die Jahresringe der deutschen Geistesgeschichte bequem durch eine Llutofahrt feststellen: hintcrm Schloß die winklige alte Zeit, in der Friedrichstadt der Rationalismus mit feinen perpendikulären Vernunftstrahen, um den Tiergarten herum allerhand zackige Durg- zinnen der Romantik und der professorale Klassi­zismus, weiter gen Westen das Vorkriegs-Barock mit Karyatiden und Darmverschlingungen, noch weiter die Balkonarchitektur der herausgezogenen Kommodcn-Schubläden, und endlich, ganz weit draußen, die neue Sachlichkeit mit plattem Dach, die Wohnmaschine. Dann nimmt man eine Karte vor unb überzeugt sich, bah Berlin an ber Spree liegt. Davon ist aber in Wirklichkeit nichts zu merken. Denn was dieser Stadt in Wahrheit das Gesicht gibt, ist jene breite Schienenwüstenei, jener blinkende Geleisestrom, der von Lichterfelde her bis an den Potsdamer Platz brandet, dann für eine Weile untertaucht, um vorn Lehrter Bahnhof aus wieder weiter durch die Stadt zu strömen.

Ein verwegener Menschenschlag, hat Goethe von den Berlinern gesagt. Schaut man sich aber diesen Menschenschlag und diese Straßen, durch die er rennt, genauer an, so kommt ein Moment, ein unheimlicher, wo einem klar wird, daß es nur eine Berliner Straße unb nur einen ein­zigen Berliner gibt. Seht hin, bort geht er

ersten Male ein so entschiedener Ruck nach rechts verzeichnet werden konnte, wie es jetzt der Fall war. Diese Entwicklung hat sich bereits bei den letzten niederösterreichischen Ge­meindewahlen ausgedrückt. Es ist besonders dar­auf hinzuweisen, daß gerade in den Jndu - ftriegemeinöcn Riederösterreichs die So­zialdemokratische Partei Verluste erlitten hat. Das ift nur eines der wenigen Anzeichen dafür, daß sich die sozialdemokratischen Verluste heute auch wesentlich auf die Arbeitnehmerschaft aus­gedehnt haben, eine Tatsache, die schon an dem Rückgang ber freien Gewerkschaften Oesterreichs, auf früheren Wahlergebnissen gelegentlich der Wahlen in die Kammern für Arbeiter unb An­gestellte unb neuerdings an dem Hebergreifen der Heimwehrbewegung auf die steirische Industrie- arbeiterschaft festgestellt werden konnte. Die freien Gewerkschaften Oesterreichs verfügten im Jahre 1928 über 15 v. H. weniger an Mitglie­dern als noch fünf Jahre vorher. Cs ist damit zu rechnen, bah dieser Abbröcklungsprozeß ge­rade im Jahre 1929 wesentliche Fortschritte ge­macht hat. Gerade dieser Entwicklung wird in Oesterreich künftig größte Bedeutung beigelegt werben müssen, ba im Kampf um bie Arbeiter­schaft unb bie Fornrung ihres politischen Willens bie stärkste Dresche in bie sozialdemokratische Partei gelegt werden kann.

Die politisch-parlamentarische Arbeit war in Oesterreich starken Hemmungen unterworfen. 2m Parlament waren neben den beiden großen Par­teirichtungen der Christlichsozialcn Partei und der Sozialdemokratischen Partei, bie Grohdeut- sche Partei unb ber Landbund vertreten. Die Ehristlichsoziale Partei, die den eigentlichen Kem der Regierungsparteien bildete, wurde durch den Landbund unb bie Großdeutsche Vollspartei in der Ausübung ber Regierung unterstützt. Die starke sozialdemokratische Opposition verfügte nur

dort kommt er zur Drehtür herein, dort bittet er um Feuer, dort wartet er, schon zehn Jahre älter, vor der Telephonzelle, dort schläft er noch im Kinderwagen, und dort gibt er sich selber eine Auskunft, die so kurz, falsch unb präzis ist wie alle ^Berliner Auskünfte.

Dann aber nimmt man eine summarische Zwei­teilung vor. Es gibt Helle und dunkle Berliner. Die dunklen arbeiten, wenn es hell ist, sofern man die grauen City-Tage, wo die durchklapper­ten Bureaus schon um zwölf Licht brennen und bläuliche Autoschalten durch die Straßen spritzen, als hell bezeichnen will. Diese Vormittage sind der eine Höhepunkt von Berlin, unb alle, bie ba arbeiten, haben das Gefühl, daß sie, und nur sie, die Karre schieben". Rach der Arbeit sind sie müde,

Das ist nun der Moment, wo die Gewerkschaft der Hellen Berliner ausrückt. Diese arbeiten nur, wenn es dunkel ist, sofern man die elektrische Berliner Rächt als dunkel bezeichnen will. Ihre Aufgabe ist es, bie bunflen Berliner, welche als schwarze Masse auf bezahlten Parkettplätzen dämmern, durch geeignete Scherze und Gefühls­ausbrüche zu der dringenden Arbeit von morgen wieder aufzupulvern und anzukurbeln. Denn bie- Karre muß geschoben werden. Diese Zeit des Ankurbelns ist ber zweite Höhepunkt des Tages. Uni) beide sind das gewaltige Aus- und Ein­atmen eines kraftvollen, schwer arbeitenden Kör­pers: Berlin.

Justiz im Polarkreis.

Es war im höchsten Rorden Kanadas, tief im Polarkreis, als Sergeant Douglas seine Hand auf die Schulter eines kupferfarbigen Esckmo legte und ihm bedeutete, daß er mit ihm kommen müsse, weil dergroße weihe Häuptling" mit ihm zu sprechen wünsche. Einen Weg von fast 2300 Kilometer hatte er zurückgelegt, bis er 11-Aug-Wak erreichte, den Es.imo, der des Mor­des zweier Männer angeklagt war. Bei dem Padlemuit-Stamm hatte sich die Tragödie abge­spielt, die nun gesühnt werden sollte. Die drei Männer waren, wie in derRew Vork-Herald Tribüne" berich'et wird, Rebenbuhler in dem Kamps um die Liebe einer Frau. U-Aug-Wak verbündete sich mit dem einen Rivalen und über­zeugte ihn davon, dah der dritte aus dem Wege geschafft werden mühte. Rach einem furchtbaren Kampf gelang dies auch, aber nun griff H-Aug- Wak den anderen Heberlebenben mit einer Axt 1 an, und nach einem weiteren Kampfe war nur

über eine geringe Anzahl parlamentarischer Mandate to;.g r als die in dec Ehristlichsozia- len Partei befindliche Regierungspar.ei. Es ergab sich aus dieser Parteikonstellation, bah das durch die Großdeutsche Volls?ar!ei repräsentierte na­tionale Element verdäitnismäßig schwach ver­treten war' während der Landbund, ber hier in Oesterreich eine politisch-parlamentarische Par­tei barftellt, im innersten Kern als wirtschafts­politische Interessenvertretung zu gelten hacke. Zu einer Kandidatur ber beiden in Oesterreich vertretenen nationalsozialistischen Gruv en. d e teilweise sogar einen den Parlamentär s nus ab­lehnenden Standpunkt eingenommen hat en, ift eS bisher nicht gekommen. Eine kommunistische Par­tei im Sinne ber deutschen Reichstagsparlei gibt es in Oesterreich nicht, wenn auch bie freien Gewerkschaften über kommunistische Zellen ver­fügen. Die im Vergleich zu Deutschland wesent­lich radikalere Einst rllung der österreichischen Sozialdemokratischen Partei hat die Ausrichtung einer Kommunistischen Partei in Oesterreich ver­hindert. Daß eine Parteienkonstellation wie die geschilderte bie parlamentarische Arbeit außer­ordentlich erschweren muhte, ist klar.

Die Hauptaufgabe der neuen öst 'rreichischen Bundesregierung hat in der Durch, ü;rung ber Vorberatungen über bie Verfassungs­reform bestanden. Diese sind soweit gediehen, baß bie Verhandlungen bereits am 8. Rovernber im Unterausschuß de Ver-asfungsausschuckes ab­geschlossen wurden. Irn Augenblick finden noch Parteibesprechungen statt, deren endgültige Klärung zu erwarten steht. Rach den jüngsten Erklärungen des Bundeskanzlers Dr. Schober ist damit zu rechnen, dah schon h'ute das Werk der Derfassungsreform in feinen Grundzügen als gesichert betrachtet werben könnte.

Der noch nicht in der endgültigen Form vor­liegende Entwurf des neuen Wahlgesetzes geht von dem Grundash des Abbaus ber parlamenta­rischen Abgeordneten aus. Statt der heute im Rationalrat befindlichen 165 Abgwrdnct n wer­den demnach in Zukunft nur noch 135 erscheinen. Weiter wird der Entwurf Bestimmungen nach der Richtung erhalten, dah eine Lockerung des starren Listensystems vorgenommen und eine engere Ver­bindung zwischen Wählern und Gewählten, sowie eine gerechte gleichwertige Verteilung der Man­date hergestellt wird. Im Zuge ber Verfassung > reform sind noch eine Reihe weiterer bui'.e?* gesetzlicher Vorlagen zur Diskus,ion geft?lr e gleichfalls dringenden Mängeln abhelfen s i. Es handelt sich hier um bie Schaffung t presfegesetzlicher B:stimmungen, um Ma. .ah­men, durch die das Koalitionsrecht der Arbeit­nehmer stärker betont werden soll, als es bis heute der Fall ist, unb andere Probleme. Mitten in bie Beratungen um die Verfassungsreform find bereits seit längerer Zeit von verschiedenen Seiten vorliegende Reformvorschläge über die Ersetzung des Bundeirates durch einen dem Muster des Reichswirtschaftsrates entsprechenden Bundeswirtschaftsrat eingebracht und zur Er­örterung gestellt worden. Alle diese Dinge sind noch mitten im Fluß. Es ist zu hoffen, daß ihre Behandlung und ihre praktische Verwirklichung dazu beitragen werden, die politischen Meinun­gen nicht auseinander-, sondern zusammenzu- führen.

Daten für Samstag 30. November.

Sonnenaufgang 7.40 Uhr, Sonnenuntergang 15.56 Uhr. Mondaufgang 6.55 Uhr, Mondunter- gang 15.17 Uhr.

1667: ber englische Satiriker Jonathan Swift in Dublin geboren; 1796: ber Balkabenkomponist Karl Löwe in Löbejün geboren; 1817: ber Ge­schichtsschreiber Theobor Mommsen zu Garbing in Schleswig geboren; 1835: ber amerikanische Hu­morist Mark Twain in Florida geboren; 1846: ber Nationalökonom List in Kufstein gestorben; 1909: der englische Dichter Oskar Wilde in Paris gestorben.

noch ein Mann in der Cskimohütte bei der be­gehrten Frau. Andere Mitglieder des Stammes vernahmen von dem Verschwinden der beiden Männer, und schließlich gelangten die Rach­richten auch zu der Station dec Kanadischen be­rittenen Polizei. Douglas wurde beauftragt, den Fall zu untersuchen, und nach langer Wanderung durch die eisigen Wüsten stieß er auf feinen, Mann. Der Esümo wurde zunächst zur 2kmeb* mung nach Ottawa gebracht, aber nachher be­schloß man, ihn zur Aburteilung nach dem hohen Rorden zurückzuschicken, um die anderen Männer des Stammes zu verhören und zugleich den Eiskimos ein warnendes Beispiel vorzu- fühcen. U-Aug-Wak muhte also noch eine Reise von mehr als 12 000 Kilometer zurücklegen, be­vor er im Beisein seiner Stammesbrüder zum Tode verurteilt und im Herzen des Eskimolandes gehängt wurde. Ein derartiges Verfahren ist be­zeichnend für die Schwierigkeiten, mit denen der Arm der Gerechtigkeit" in den Rordgebieten Kanadas arbeitet. Ein anderes Beispiel dieser Art wurde kürzlich in einer Depesche aus Ed­monton berichtet. Zwei Eskimos waren wegen eines Mordes angeklagt, der zu Klavik im Po­larkreis am äußersten Ende des Deltas des Mackenzie-Flusfes verübt worden war. Um diese Eingeborenen inmitten ihres Stammes zu ver­hören, mußte der kanadische Richter 3000 Kilo­meter nordwärts reifen bis zu dem äußersten nördlichen Punkt, an dem jemals ein britisches Gericht abgehalten worden ist. Die berittene Polizei hat in dem Vierteljahrhundert seit ihrer Begründung in den weiten von Eskimos be­wohnten Gebieten des kanadischen Roroens schon viel erreicht und den Eskimos eine wenigstens ungefähre Vorstellung von dem beigebracht, was das Gesetz des weißen Mannes fordert. Die erste Pollzeistation wurde im Jahre 1933 im Cskimo- land errichtet, und zwar an der Hudson-Bai; bald danach wurde eine zveite in dem Delta- gebiet des Mackerz'e-Flußes geschaffen. S>eute gibt es im Polarkreis mehr als 20 solcher Stationen, von denen aus die Polizisten ihre Patrouillenfahrten durch die ungeheure Einöde unternehmen. Eine dieser Stationen liegt in einer Vreite von 76 Grad 10 Sekunden, und sie hat wieder einen Posten vorgeschoben, der noch kaum 1CO0 Kilometer vom Rordpol entfernt ist. Es ist nichts Ungewöhnliches, dah diese Vertreter des Rechts im hohen Rorden 45.00 Kilometer im Jahre zurücklegen; eine einzige Patrouille erstreckt sich gewöhnlich auf 300 bis 500 Kilo­meter.