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Rr. 254 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)Dienstag, 29. Gttober 1929

60000 verlassen das Land!

Träume unserer Auswanderer. Wanderungsberatungsstelle.

Die Reichs st ellefürAuswande- rungswe s e n unterhalt in Berlin eine öffentliche A u s w a n d e r u n g s b e - ratungsstelle. Hier ist der Treffpunkt aller Auswanderungslustigen und Heimat­müden, hier kommt das wertvolle Material, gewonnen aus oft recht schmerzlichen Er­fahrungen der Auswanderer, zusammen. Linser H. W.-Korrespondent hatte Gelegen­heit, einen Bormittag lang im Sprech­zimmer des Beraters Zuhörer zu sein, und schildert im nachfolgenden seine Beobachtungen.

Die alte Sehnsucht nach Reuland, nach Arbeit und Boden und Zukunft jenseits des Meeres, lebt heute in uns allen stärker als je. Wo der Kontinent aufhört, wo der neue Kontinent be­ginnt, sind weite Strecken einsamen Landes, das fruchtbar ist und wartet: auf Aekte und Pflüge und Hämmer. Ist es da ein Wunder, daß in unserem arbeitsamen, mit Sorgen und Menschen überlasteten Deutschland die Phantasie der Werk- menschen hinausgcht über die engen Grenzen des Landes, nach dem Boden, der brach liegt, nach Lcbensquellen, die bisher ungenutzt, in der Ferne fliehen? Brasilien hat 16mal so viel Raum wie Deutschland und kaum die Hälfte der Einwohner. Ist es ein Wunder, dah 60 000 Europamüde im Jahr Europa verlassen??

Die Phantasie verlockt nach draußen. Wie ist es aber mit der Wirklichkeit? Bon den 60 000, die auswandern, sind ein Drittel Hand­werker und Industrie-Arbeitnehmer. Ein Fünftel landwirtschaftliche Arbei­ter und Angestellte. Ihr Geld reicht oft nur für die Ueberfahrt, selten weiter als ein paar Monate zum Durchhalten. Eine kleine An­zahl der Hoffnungsvollsten bringt ein paar tausend Mark nach drüben mit und will Land kaufen. Wie ergeht es ihnen? Welche ihrer Hoff­nungen gehen in Erfüllung? Die Antwort gibt die Auswanderungsstelle in Berlin.

Um eines zunächst vorwegzunehmen: die alte Anschauung, dah der Auswanderer ein Aben­teurer, ein Ba-banque-Spieler, der ewige Gold­sucher sei, ist heute nicht mehr gültig. Der Typ des Auswanderers von heute, den man in der Beratungsstelle in groher Zahl treffen kann, ist in seiner überwältigenden Mehrheit kein Aben­teurer und kein Goldsucher. Cs sind Menschen, oft vielleicht mit einer stark romantischen Ader, die aber mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehen, für die das Land beson­ders eng und der Beruf besonders aussichtslos ist und deren einfaches Streben dahin geht, sich drüben ein Leben in ihrem Rahmen aufzubauen, wie sie es lieber hier getan hätten.

Ihr Glaube andraußen" rechnet indes so oft nicht mit den Tatsachen: Da kommt ein jüngerer Mann, sehr sauber angezogen, energisches Gesicht. Er ist Junglehrer, hat sich von seinem Gehalt 1500 Mark gespart und will mit seiner Familie, Frau und zwei Kindern, nach Bra­silien gehen, Dauer werden. Er hat ge­hört, dah die Regierung dort Llrwaldland zu geringem Preise abgäbe. Seine Eltern waren westfälische Dauern und er selbst, obwohl er Studierter" ist, hat noch die alte Liebe zum Doden, will, daß, er und seine Kinder wieder Dauern werden. In Deutschland ist das nicht möglich. Da hat er die romantische Vorstellung von dem Lande am Amazonas, wo man Llrwald- bäume fällen und Ackerland gewinnen kann.

Ein Vormittag in der Berliner AuS-

Der Berater bestätigt: In Brasilien leben etwa 650 000 Deutsche. Es sind fast ausschließlich Dauern, Llrwaldbauern und sind dort gute Deut­sche geblieben. Aber wie leben sie? Die ersten zehn Jahre der Ansiedlung sind die schwersten. Da leben sie in provisorischen Hütten, fällen mit ungeheurer Anstrengung die Daumriesen und müssen jahrelang warten, bis die Wurzeln im Doden verfaulen. Sie arbeiten 14 Stun­de n am Tage, und es ist schwerste Arbeitl Rach zehn Jahren erst können sie in den aller­meisten Fällen das Land mit dem Pflug be­arbeiten und sich ein richtiges Holzhaus bauen. 30 bis 40 Jahre dauert es, bis eine solche An­siedlung in die Höhe kommt. Bezahlte Arbeiter find die Kinder. Die deutschen Dauernsamilien in Drasilien haben durchschnittlich acht Kinder, die von frühester Jugend an Mitarbeiten müssen. Schulen gibt es für die Kinder so gut wie gar nicht, da die Ansiedler und namentlich die neuen Ansiedler in weitem Llmkreis verstreut wohnen. Hilfsarbeitskräfte können sich die Ansiedler nicht leisten.

Der erst so sichere Drasilienfahrer verlieh die Beratungsstelle mit wesentlich geänderten Ansichten. Die sachliche Schilderung des Beamten hatte ihn davor gewarnt, seine bescheiden-sichere Stellung für eine vage herzugeben.

Ein Landarbeiter, der dann kam, wollte nach Argentinien, dort auf einer Farm arbeiten Ihm wurde gesagt, dah in den Ernte­monaten eine große Zahl italienischer Ar­beiter mit Schiffen der italienischen Regierung herüberbefördert werden, die drüben bei der Ernte aushelfen, dort wie die Hunde leben, sich von ein paar Früchten am Tage nähren, in den alten Scheunen schlafen und nach Schluß der Erntezeit wieder auf den Dampfern nach Italien zurück­befördert werden. Ein deutscher Landarbeiter kann mit ihnen nicht konkurrieren.

Sehr interessant ist ein anderer Typ, der diesen Enttäuschten in der Sprechstunde des Beraters folgte: Ein Auslanddeutscher, den das Heimweh immer wieder nach Hause treibt, der hier dann von neuem enttäuscht wird und wieder nach draußen geht, lustiger, patenter Kerl mit hellem Kopf, hochqualifizierter Handwerker. Gerade war er drei Jahre bei Ama - n u l l a h und hat dessen neuen Palast mitgebaut. Ja," erzählt er,der Amanullah war schon wie so'n europäischer Fürst. Das ganze Kabul war ein Dorfnest, aber er mußte auch noch sein Pots­dam haben. Palast und Regierungsgebäude. Etwa 100 Deutsche haben dort mitgebaut. Jetzt ist alles im Rohbau fertig und verfault, weil derRäu­berkönig" nichts machen läßt. Rach dem Llmsturz haben wir kein Geholt mehr bekommen und mit dem letzten englischen Flugzeug sind wir geflohen. Verkaufen konnten wir nichts, unsere Möbel war­fen wir in den Ofen, Geld hatten wir auch nicht, die Rückreise hat die deutsche Regierung durch das Konsulat in Bombay bezahlt." Jetzt findet er die Aussichten in Deutschland noch schlechter als vor drei Jahren und will als M a u r e r n a ch LI. S. A. Er erfährt, dah die Aussichten für ihn ganz günstig sind. Einer von wenigen.

Auf dem Korridor sitzen die Besucher und vergleichen das, was man ihnen hier sagt, mit dem, was sie gehört haben. Da erzählt einer von einem Verwandten, einem 19jährigen Jungen, der vor einem Jahr alsblinder Passa­gier" nach Kanada gegangen ist und in Quebek sein Brot verdient. Ein anderer, Step-

Mozart und Beethoven als Symphoniker.

Zum bevorstehenden Orchester-Konzert des Konzcrtvereins

Mozarts V-Dur-Symphonie (Köchel Rr. 504) ist das Eingangstor für seine großen symphonischen Meisterwerke. Sie fällt ö^H'ich zwischen die Komposition vonFigaros Hoch­zeit" und demDon Juan". Stilistisch bedeutet sie den Höhepunkt in der Beherrschung der symphonischen Arbeit.

Dem ersten Satze geht eine Adagio»®inkitung voraus, die nach wuchtigen Akzenten eine Konti- lene sich entfalten läßt, sich zu thematischer Steigerung erhebt, dann aber absinkt. Das durch Synkopen eingeleitete Hauptthema des Allegro kehrt nach dem Auftreten eines Zwischenthemas im Lichte alterierter Harmonie wieder und wächst sich zum Höhepunkt aus, der nun das Seiten­thema mit seiner weicheren Stimmung um so gegensätzlicher hervortreten läßt. Die Durchfüh­rung wird zunächst bestritten von dem letzten Teil des Hauptthemas uni) erhält durch die kon- trapunktische Verarbeitung innere gespannte Kraft. Dem gebietet das nach Moll sich wen­dende Hauptthema Einhalt, und eine thema­tische Orgelpunktentwicklung führt zur Reprise. Das Andante ist mit seinem Stimmungsgehalt dem ersten Satze innerlich verwandt und stellt zwischen den beiden Sähen nicht den scharfen Gegensatz heraus, dem wir sonst oft m Sym­phonien begegnen. Ihm prägt eine gewisse Herbheit des Hauptthemas den Charakter auf. Dieser Grundgedanke leitet auch die Durchlührung und läßt das mehr heitere zweite Thema nicht zur vollen Auswirkung kommen. Rur zum Schluß lichtet sich das Bild auf. Das in der sym­phonischen Form übliche Menuett findet in die­ser Gedankenwelt Mozarts keinen Platz zur Aus­wirkung: es würde die einheitliche Grund­stimmung des Werkes beeinträchtigen. Einem gewissen Maß von Heiterkeit gibt das finale (Presto) Raum. Das Kopfthema muß sich erst nach Moll wenden, um dem zweiten Thema Eingang zu gewähren. Die Durchführung zeigt einen ähnlichen Charakter wie die des ersten Satzes. Rach einer starken Steigerung finkt auch hier die Stimmung ab, um dann zur Wie­derkehr hinzuleiten. ,

In eine heroische Welt führt Beethovens Es-Dur-Klavierkonzert ein. Die un­ruhigen Zeiten mit ihren kriegerischen Ereig­nissen um 1809 finden hier einen geistigen Aie- verschlag. Energische Rhythmik prägt diefem

Werk ein besonderes Wesen auf. Für Beet­hovens Konzerttechnik stellt es den Höhepunkt dar mit seiner symphonischen Verwebung von Solopart und Orchester. In der Zwiesprache zwischen beiden Klangkörpern gewinnen wir tiefe Einblicke in des Meisters musikalisch - geistige Welt. Spielerischer Virtuosität wird kein Raum gewährt, streng muß sich der Solist dem geisti­gen Geschehen des Werkes unterordnen. Die Ka­denzen, die sonst dem Solisten Gelegenheit geben, in das feste Gefüge des Werkes einzugreifen und nach eigenem Geschmack und Können hinzu- zusügen, hat Beethoven in diesem Falle vollstän­dig ausgeführt vorgeschrieben, um damit jeden eigenmächtigen Eingriff in das Werk abzuwehren. Andererseits führt'aber der erste Sah mit rau­schenden Akkorden Spieler und Orchester quasi improvisierend im Wechselspiel ein; dann erst beginnt das eigentliche Tutti-Vorspiel des Or­chesters. Dem martialischen Hauptthema ent­wächst ein Seitenthema, das sich nicht in schroffen Gegensatz zu ihm stellt, sondern dem Charakter des Hauptthemas eine Wendung ins Gesang­liche verleiht. Mit einer Abwandlung nach lls-Moll führt es der Meister ein, um es dann im Verlauf des Satzes in vollem Dur-Glanze erstehen za lassen. 2m zweiten Satz (Adagio un poco mosso, tt-Dur) sollen nach e.ner Aeutze» rung Czernys Beethoven religiöse Gesänge from­mer Wallfahrer vorgeschwebt haben. In das leise, ersterbende Verhallen dieses Satzes klingt mit kühner, harmonischer Rückung (bl-Dur lls-Dur) das Hauptthema des letzten Satzes pianissimo hinein, zunächst träumend, um dann aber mit voller Gewalt und Energie das Rondo des Schlußsatzes voll überschäumender Kraft zu eröffnen.

Beethovens C-Moll-Symphonie kann als der Gipfelpunkt seiner reinen Instrumen­talwerke gelten. Durch die Gröhe der ihr inne­wohnenden Tendenz und durch die überraschende Klarheit ihres Aufbaues. Von Anfang an hat das Werk stets den Hörer widerspruchslos voll in seinen Bann geschlagen und seine Wert­geltung bis im unsere Zeit bewiesen. Lind so ost man ihm auf dem Programme begegnet, so wird man niemals eine Ermüdung der Hörer fest­stellen können, sondern stets wird es mit un­veränderter Frische und Kraft immer wieder etwas ungeahnt Reues zu geben vermögen.

Lagen für die Eroica noch gewisse program­matische Bindungen vor, so wendet sich diese Sympho. ie dem Allgrmein-Menschiichen zu. Ob man in ihr nun das Schicksalserleben als solches erkennen will, (Schindler berichtet, dah Beetho­ven die Eingangstakte der Symphonie mit den Worten gedeutet habe:So pocht das Schick­sal an die Pforte!") oder das Ringen um die

Hier, berichtet dagegen von einem jungen Ratio» nalökonorn, der in Reuyork hintereinander Teller- abwäfcher, Tollettenreiniger, Krankenhauswärter gewesen und jetzt Fahrstuhlboy mit geringem Ge­halt geworden ist. Roch nie war drüben die Lage des Arbeitsmarltes so schlecht wie im vergange­nen und diesem Jahr.

Das ist es, was die Auswanderer, die hinaus­wollen, nicht begreifen: Deutschland ist übervöikert und arm. Lind draußen leben weniger Menschen auf weiterem und reicherem Boden, liegt soviel ungenutzter Reichtum. Lind trotzdem gibt es für sie auch dort keine Arbeit! Aber die Statistiken und Tabellen der Reichsstelle für das Auswanderungswesen sind unerbittlich und wahr, ihnen müssen sie es schon glauben. Richt umsonst unterhält die Reichsstelle enge Beziehun­gen zu allen europäischen und außereuropäischen Ländern; so ist sie insbesondere über die Lage des Arbeitsmarktes und die Bodenpreise, über die Lebensbedingungen und Fortkommensmög­lichkeiten sehr genau und aktuell informiert. Es liegt in dieser Reichsstelle ein Berg von Ma­terial auf gestapelt. Lind in all diesen Schriften steht eigentlich nichts, als dah dieAussichten für Auswanderer irn allgemeinen schlecht sind, so schlecht, dah sich ein Aus­wandern in der Mehrzahl aller Fälle nicht ver­lohnt. Diese Tatsache ist bezeichnend für das Schicksal vieler Hoffnungsvollen: die deutsche Rückwanderung aus Argentinien ist größer als die Einwanderung. In Rordamerika, in Kanada und in den Vereinigten Staaten, herrscht die Arbeitslosigkeit ebenso stark wie bei uns, nicht gemildert durch irgendwelche Ar­beitslosenunterstützung. Aussichten, in Li. S. A. gut fortzukommen, haben in der Hauptsache nur einige Kategorien qualifizierter Handwerker, Flei­

scher, Backer, Maurer, manchmal auch Schuh­macher usw. und weibliche Hausangestellte.

Lieber die Verhältnisse in Kanada liegen in diesen Archiven Berichte von Auswanderern, die ihre eigene Sprache sprechen. In Kanada, dem englischen Dominon, bestehen im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten keine EinwanderungS- schwierigkeiten. Es ziehen dorthin in der Haupt­sache Landarbeiter und landwirtschaflliche Be­amte, die hier keine Beschäftigung finden. Da schreibt einer dieser Ausgewanderten:Wir lau­fen herum von Farm zu Farm und betteln unS durch. Dann finden wir irgendwo Arbeit. Lieber- all das gleiche auf der Farm: Knochenmühle 12, 14 Stunden Arbeit am Tage. Das Geld ist auf- ?egessen, wenn man an die nächste Arbeitsstelle omnit Im Sommer geht es ja noch, aber der Winter! Sieben Monate dauert der Winter in Kanada, sieben Monate keine Arbeit. (Manche arbeiten als Holzfäller, aber bei der Kälte und der Schwere der Arbeit krepieren sie gewöhnlich.) Dann laufen in Vancouver die Arbeitslosen her­um. Die Stadt ist belagert von Hungrigen. Jeder muh hartherzig fein, wenn er selbst etwas be­halten will."

In Süd-Amerika haben qualifizierte, all­gemein begabte Handwerker, wie Eisen- oder Holzarbeiter, gute Aussichten. In Afrika, in der Südafrikanischen Union und in den ehemali­gen deutschen Kolonien, (wo Deutsche jetzt un­gehindert einwandern dürfen), bestehen gute Fort­kommensmöglichkeiten nur für Ansiedler, die sich mit 20 000 bis 40 000 Mark dort eine Wirtschaft kaufen können.

So bleibt wenig Erfreuliches, was die Be­ratungsstelle zu berichten weih, und viele, die kommen, gehen ernüchtert wieder nach Haus, und bleiben zu Haus. Wahrscheinlich zu ihrem Glück.

OerakademischeTeil derpapstseier.

Die in vornehmem Rahmen gehaltene Pap st feier für die Gießener Ka­tholiken fand gestern abend im Kath. Vereins- Hause statt. Schon geraume Zeit vor Beginn hatte sich der Festsaal rasch gefüllt, so daß Späterkommende keinen Platz mehr fanden und wieder umkehren muhten. (Für sie soll am nächsten Sonntag die Feier wiederholt werden.) Um der Veranstaltung einen würdigen Verlauf zu sichern, hatte man ein gediegenes Programm aufgestellt, bestehend aus Instrumental- und Vokalmusik, Festrede und Ausführung eines Cal- deronschen Dramas. Die Durchführung des mu­sikalischen Teiles hatten der Giehener Orchester­verein unter Geltung seines Dirigenten, Kapell­meister H. Weller, und der katholische Kir­chenchor übernommen. Als Festredner war der Päpstliche Hausprälat, Geistl. Rat E i ch von Dingen gewonnen worden. Die Aufführung des ergreifenden Weihespiels lag in den Händen der katholischen Spielgemeinschast.

Mit dem Krönungsmarsch ausDie Folkunger" von F. Kretschmer, gespielt vom Orchesterver­ein Gießen, wurde der Festabend eröffnet Unter den herrlichen Klängen dieses vortrefflich zu Gehör gebrachten Marsches hielten die Fah- nenaborLnungen der studentischen Korporationen Hasso-Rhenania, Rasiovia und Unitas-Cheriskia, sowie des kath. Gefellenvereins, des kath. kauf­männischen Vereins und des Iünglingsvereins ihren Einzug in den schon geschmückten Saal und nahmen in den Seitengängen vor der Bühne Aufstellung. Rachdem der Marsch verllungen war, entbot Amtsgerichtsdireltor Ke Iler allen Erschienenen herzlichsten Willkomm. Insbeson­dere begrüßte er den Hochwürdigen Herrn Fest­redner, die Hochwürdige Geistlichkeit, die Ver­treter der Studentenschaft und der Vereine und

alle Mitwirkenden und ging dann kurz auf den Zweck der Feier ein, wobei er zur Treue und Anhänglichkeit an den Hl. Vater und die Kirche aufforderte. Im Anschluß hieran sang der Kir­chenchor recht eindrucksvoll die schöne Glucksche Hymne:Lech' aus deines Himmels Höhen". Mit Zartheit und Innigkeit vorgetragen, folgte dann das wundervolle Larghetto aus Beet­hovens 2. Sinfonie. Es leitete zu der folgenden Fc st rede des H 0 ch w. Herrn Prälaten E i ch über. Er, der erst vor kurzem von einer Rom- reise zurückgekehrt war, konnte in zündenden Wor­ten von Papst und Papsttum sprechen. Jeder Gläu­bige, der nach Rom kommt, so führte der Festredner etwa aus, wird von ganz eigenartigen Gefühlen be- herrscht, fei es, daß er in der Krypta des ersten Papstes weilt, sei es, daß er hinabsteigt in die blut­gedrängten Märtyrergrabstätten der Katakomben, oder sei es, daß er hinwandert zum Riesenbau des Amphitheaters, in dessen weiter Arena die ersten Christen chre Glaubenstreue mit dem Tode besiegel­ten: immer und immer wieder wird innigste Liebe und mächtige Begeisterung in seinem Herzen zu sei­ner heiligen Kirche und ihrem Oberhaupt entfacht werden. Ganz besonders ist dies im gegenwärtigen Iubiläumsjahre der Fall, das wegen der Aussöh­nung von Vatikan und Quirinal auch ein Triumph­jahr geworden ist. Welche Bedeutung das Papsttum insbesondere in feinen drei letzten Vertretern hat, schilderte hieraus der Redner recht wirkungsvoll und anschaulich unter Hinweis auf die Tiara, die drei- fache Papstkrone, in der er versinnbildet sieht Christi !Keid), Christi Liebe und Christi Frieden, und führte dies unter Zugrundelegung der Wahlsprüche der drei letzten Päpste Pius X., Benedikt XV. und Pius XI. näher aus. Mit der Aufforderung, stets fest und treu zur Kirche und Papst zu stehen, schloß der Hochw. Prälat seine eindrucksvollen Aussührun-

Freiheit des Willens, um das Erschließen des letzten Grundes menschlicher, geistiger Kräfte; stets wird uns das Werk etwas von der Kraft des Prometheus künden, etwa das FausHsche im Geiste der Musik erschließen.

Wenn Beethoven die Tonart C-Moll wählt, so liegt darin stets ein persönliches Moment, denn dann hat er immer aus seinem ureigensten Innern heraus an die letzten Gründe mensch­lichen Seins gerührt. Sie ist das Medium für das Bekennen seines persönlichen Welter-- lebens.

Daß es für den Meister ein Ringen war, um das, was er sich als Problem gesetzt hatte, in klarster Eindeutigkeit und hehrster Größe auszu­sprechen, das beweist die lange Zeit der Jahre, die er an seiner Aufgabe geschafft hat. Die ersten Anfänge des Werkes mögen bis zum Jahre 1800 zurückreichen, aber erst in den Jahren 1807/08 sand er die Form, um dem Triumphgesang des menschlichen Willens in monumentalen Ausmaßen und organischer Durchdringung Kündung zu ver­leihen.

Lapidar, im klopfenden Rhythmus gibt das Einaangsmotiv das Motto für das weitere Ge­schehen und zugleich das Material für das Er­wachsen des Eingangssahes. Die dröhnenden Schläge des Grundmotives finden ein nachzittern- des Echo bei den Streichern, das immer mehr an» schwillt. Ein abermaliger Schicksalsruf läßt einen klanglichen Gipfelpunkt erwachsen, der Kampfruf des Schicksals findet nun den Helden bereit: das zweite Thema gibt feine persönliche Bestätigung dazu. Man könnte es fast als die leibliche Schwester des Hauptmotives ansehen, so gleich erscheint es ihm; in seiner Dur-Formung kündet es Tatkraft und Wärme des Seelischen; das Schicksalsmotiv grollt hinein. Heldischer Sieger- Willen strahll sich in rauschenden Diolinpassaaen aus. Die Durchführung wird zur Abbildung des Kampfes, angetrieben durch das Grundmotiv. Als Kampfgruppen stehen Bläser und Streicher sich in einander beantwortenden Akkordgruppen gegenüber. Die Kämpfer scheinen zu ermatten, ihre Antworten versinken klanglich; ein aber­maliges Aufraffen und ein kurzes Erschlaffen. Dann aber türmt sich um so mehr der Kampfes­wille auf, die Wiederkehr beginnt. Doch diesmal rah der erste 1 Einhalt ge/ietrnden Fermate ein Ausdruck menschlicher Wehmut des kraftgestählten Helden in der Kadenz der Oboe. Wieder erhebt sich der Impuls äu höchsten Steigerungen, ein Klagen in den Holzbläsern und mit hämmernden Akkorden behält das Schicksal mit seinem Mott die Oberhand.

Wie in der Kompfespause die Hoffnung sich friedlichen, freundlichen Gefllden zuwendet, so

kündet das Andante con moto das Hoffen des Helden und das visionsartige Erleben künftigen Sieges. Aber immer wieder grollt das klopfende Schicksal hinein; dreimal in neuer klanglicher Variation und Figuration zieht die Themen­gruppe an uns vorüber. Da, ein Stocken, wie eine Frage klingt das Pochen des Dominant­akkordes der Streicher. Allmählich finden sich die Holzbläser dazu, und in triumphaler Größe er­klingt der Siegesgesang. Roch ist es aber kein Sieg, sondern nur die Hoffnung auf ihn, und ihr Absinken und Steigen führt diesen Sah zu Ende.

Der Blick wendet sich wieder realer Wirklich­keit zu, schaudernde Zweifel zeigen sich in den aufsteigenden Gängen der Celli und Bässe. Zwar scheint die melodische Fortsetzung des Gedankens schon Trost zu spenden, da gibt sich der Gegner zu erkennen, das Schicksalsmotiv mit seinem un­erbittlichen Klopfen wird durch die Hörner wieder wach und beherrscht den weiteren Verlauf des Satzes. Ein trioartiger Mittelsatz wird durch groteske Figuren der Celli und Bässe, die ein umschleiertes Bild des Eingangsthemas in Dur abbilden, eingeführt. Ein Fuaato wird zum Aus­druck des Ringens, Holzbläserfigaren zerflattern; das Cingangsthema geistert ün Pizzikato einher, von den Holzbläsern klingt das Schicksalsmotiv hinein. Da ertönt plötzlich im dreifachen Pia­nissimo der gehaltene As-Dur-Akkord der Strei­cher, die Pauke hämmert in dumpfem, klopfendem Rhythmus, ein Ausdruck unheimlicher Stille, ein Ahnen des Kommenden; die Violinen erwachen; ein mächttges Kreszendo erhebt sich und mit voller Gewalt bricht der Siegesjubelgesang herein. Ihm gibt das Hinzutreten von drei Posaunen, der Piccolo,löle und des Kontrafagotts leuchten­des gesättigtes klangliches Gepräge. Die vier Themen dieses Satzes sind von lapidarer Ein­fachheit und gerade dadurch der bestimmteste, eindeutigste Ausdruck für die Große des Trium­phes. Roch einmal, gcra'je als der Siegeshymnus seinen Höhepunkt erreichen will, wachen die Zwei­fel mit einer Reminiszenz des dritten Satzes auf, doch sie sind bald überwunden; der Kämpfer kann nun nach völliger Riederringung der gegnerischen Kräfte seinen Sieg feiern. Lind diese Begeisterung wächst zu einem klanglichen Rausch, zu einem dithyrambischen Siegesjubel in der Stretta aus.

Die L-Moll-Symphonie, so oft gehört im öffentlichen Saal, wie im Innern, übt unver­ändert ihre Macht auf alle Lebensalter aus, gleich wie manche große Erscheinungen in der Ratur, die, so oft sie auch Wiederkehr en, uns mit Furcht und Bewunderung erfüllen. Auch diese Symphonie wird nach Jahrhunderten noch wiederklingen, ja gewiß, so lange es eine Welt und Musik gibt." (Robert Schumann.) Dr. H.