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55, Pflaumen 10 bis 15, Zwetschen 15 bis 25, Mirabellen 20 bis 25, Reineclauden 20 bis 25 Pfennig das Pfund; Käse (10 Stück) 60 bis 140 Pfennig; junge Hahne 120 bis 130, Suppen­hühner 100 bis 120 Pf. das Pfund; Tauben 70 bis 90, Eier 14 bis 15, Blumenkohl 30 bis 80, Salat 15 bis 20, Salatgurken 10 bis 25, Gin- mächgurken 2 bis 4, Endivien 10 bis 20, Ober- Kohlrabi 10 bis 15, Lauch 10 bis 15, Rettich 10 bis 20, Selleire 10 bis 15 Pfennig das Stück; Radieschen 10 bis 15 Pfennig das Bund; Kar­toffeln 4,50 bis 5 Mark der Zentner.

Bornotizen.

Tageskalender für Donnerstag. Lichtspielhaus Bahnhofstraße:Don Jüan". Astoria-Lichtfpielc: ..Der fliegende Cowboy".

Stadttheater Gießen. Man schreibt uns: Infolge Erkrankung von Frl. Lieselotte Fuhr­mann findet die Premiere vonD a s g r o ß e A b c" nicht am 3., sondern am 10. September als letzte Vorstellung im diesjährigen Sommerabonnement statt.

Bunter Abend. Die Firm Hausrat, Gießen, lädt im heutigen Anzeigenteil zu einem Bunten Abend erstklassiger Frankfutter Künstler, verbunden mit einem Vortrag von Professor S ch u st e r (Frankfurt a. M.) ein.

Die Dekanatskonferenz des Evangelischen Dekanats Gießen fand am Dienstag ausnahmsweise im neuen Gemeinde­haus zu Lang-Göns statt, wo die Teilnehmer, von Pfarrer Wahl herzlich begrüßt, am blumen­geschmückten Kasfeetisch Gäste der Evangelischen Kirchcngemeinde waren. Eine eingehende Besich­tigung, die einmütige Freude über das hier Er­reichte bei allen auslöste, bei vielen auch den Wunsch, gleiches in ihrer Gemeinde zu erreichen, eröffnete Pfarrer Becker (Gießen) die Konfe­renz mit Schriftlesung und Gebet und begrüßte Dekan Guß mann (Kirchberg) mit Dank für die Gastfreundschaft; sein Willkomm galt seinem früheren Assistenten, dem neuen Pfarrer Schmidt von Beuern, sein Abschiedsgruh dem Neuen Pfarrer von Ober-Ofleiden, Geiß. Dem am 8. September in Treis a. d. Lda. statt­findenden Dekanatsfest des Evangelischen Bundes soll auf Beschluß der Konferenz das für Innere Mission in Allendvrf a. d. Lda. folgen. Im Herbst soll das Dekanatsfest für Aeußere Mission in Beuern gehalten werden. Rach der Bespre­chung verschiedener dienstlicher Angelegenheiten sprach Pfarrer Becker (Gießen) über die ge­plante Iubiläumssammlung des Gustav-Adolf- Dereins; nach reger Aussprache wurde u. a. beschlossen, daß die Pfarrer Becker und Wahl mit eigenen Lichtbildern im Laufe des Winters helfen, alle Gemeinden des Dekanats mit dem Gustav-Adolf-Gedanken noch vertrauter zu machen. Beschlossen wurde außerdem, an den Sonntagen der Dekanatsfeste in allen Kirchen des Dekanats für die Zwecke der betr. Feste eine örtliche Kirchensammlung zu erheben.

** Herbstregatta. Dom Verein Ruder­sport wird uns folgendes mitgeteilt. Die Preise für die am Sonntag, 1. September, auf der Lahn stattfindenden Herbstregatta werden ab heute im Schaufenster der Firma C. O. Reuter, Gießen, Seltersweg 73. ausgestellt. Die Ren­nen, welche nicht nur von den Lahnvereinen be­legt sind, sondern auch von ersten deutschen Mannschaften, werden ohne Frage sehr inter­essant werden. Der Festplah ist in der alt­gewohnten Weise hergerichtet.

** Herbstgüterverkehr der Reichs­bahn. Der Herbstoerkehr auf der Reichsbahn wird voraussichtlich auch in diesem Jahre wieder hohe Anforderungen an den Güterwagenpark stellen. Die Reichsbahn wird bestrebt sein, ohne Rücksicht auf be­sondere Aufwendungen für schnellste Bereitstellung der angeforderten Wagen zu sorgen. Sie kyäre in­dessen dankbar, wenn ihr Bemühen bei den Verkehr­treibenden entsprechende Unterstützung fände. Die

Industtte- und Handelskammer Gießen empfiehlt den beteiligten Kreisen, ihre Massengüter (Kohlen, Dünge­mittel usw.) möglichst bald zu beziehen, jedenfalls aber vor Beginn des eigentlichen Herbstverkehrs. Es liegt im beiderseitigen dringenden Interesse, daß die Wagen beschleunigt beladen und entladen werden, und daß das Ladegewicht voll ausgenutzt wird.

* Reichswehrkapelle und Gottes- d i e n ft. Man schreibt uns: Wer erfahren will, wie christliche Erbauung und Andacht sich mit unver­fälschtem Kunstgenuß paaren kann, der besuche die Gottesdienste in der Johanneskirche an den Tagen, an denen Militärgottesdienst stattfindet, wobei. unsere Reichswehrkapelle in der Regel tätigen An­teil nimmt. Die prachtvoll eingeübten Tonstücke be­reiten vortrefflich den Boden vor für die Worte des Geistlichen. Wer einmal eine solche Weihestunde er­lebt hat, der vergißt sie nicht wieder und freut sich ungeduldig auf den Tag, an dem er wiederum an einer solchen teilnehmen darf. Es kann unserer Reichswehrkapelle nicht genugsam gedankt werden, daß sie ihr reiches Können auch in den Dienst des Religiösen und Kirchlichen gestellt hat.

*» Drachensteigen. Wenn der Wind über die Stoppeln geht, ist es Zeit, die Drachen steigen zu lassen. Riemand wird unseren Kindern das Vergnügen mißgönnen, das es ihnen bereitet, wenn sie ihre kleinen und a'-oßen, möglichst selbst­gebauten Drachen in die Luft schicken. Aber bei dem unschuldigen Spiel ist zu beachten, daß man die Rühr von Leitungsdrähten der Telegraphen- und Telephonanlagen meiden muß, um sich Ver­druß und den Eltern Schaden zu ersparen. § 310 des Reichsstrafgesetzbuches lautet:Wer gegen eine öffentlichen Zwecken dienende Tele­graphenanstalt fahrlässigerweise Handlungen be­geht, welche die Benutzung dieser Anstalt verhin­dern ' oder stören, wird mit Gefängnis bis zu einem Iahr oder mit Geldstrafe bis zu 9000 Mark besttaft." Das Hängenbleiben von Dra­chen an den Leitungsdrähten kann bekanntlich große Verkehrsstörungen nach sich ziehen. Also Vorsicht! Es ist Platz genug außerhalb der Drähte vorhanden.

** Denkt auch im Sommer an eure Heizung! Aus dem Preußischen Wohlfahtts- min,isterium wird geschtteben: Die Heizperiode ist vorüber, Heizung und Oefen sind außer Be­trieb. Da ist es notwendig, sobald als möglich an die Abstellung der kleinen Schäden zu gehen, die sich an Herden, Kesseln, Heizkörpern und -Leitungen herausgestellt haben. Solange wir täglich heizen muhten, war Abhilfe nicht möglich. Schaffen wir diese aber nicht jetzt, so werden wir im kommenden Herbst unsere schad­haften Heizanlagen in Dettteb nehmen müssen und ihre Mängel dadurch noch mehr vergrö­ßern. Im Sommer sind alle Fabttken und Hand­werker des Heizungsgewerbes viel weniger be­lastet als unmittelbar vor Beginn und während der Heizperiode. Ziehen wir sie jetzt zu Rate, so werden wir alle Arbeiten rascher und billiger ausgefühtt erhalten:

* Ehrung kinderreicher Familien. Rach den neuen Bestimmungen des preußischen Wohlfahrtsministers kann eine besondere Ehrung kinderreicher Familien von Staats wegen auf Antrag in allen- Fällen stattfinden, in denen bei der Geburt des jüngsten Kindes nicht weniger als 12 Kinder am Leben sind. Der Anttag ist an keine Frist gebunden, doch soll auf möglichst frühzeitige Einreichung hingewirkt werden. Rück­wirkend können Anttäge für alle seit dem 1. Ok­tober 1927 geborenen Kinder berücksichtigt wer­den. Voraussetzung ist in jedem Falle Wohn­sitz in Preußen, guter Leumund der Eltern und gute Erziehung der Kinder. Müttern, die 12 Kinder geboren haben und groß ziehen, wird ein Ehrengeschenk verliehen. Daneben wird im Falle der Bedürftigkeit eine Erziehungsbeihilfe von 200 Mk. gewährt, wobei die Bedürftigkeit weit auszulegen ist. Die Beihilfe wird auch dann gewährt, wenn die 12 Kinder aus mehre­ren Ehen stammen, und kann auch für weitere

Kinder verliehen werden. Bei der Derwendung der Beihllfe hat das zuständige Wohlfahrts» oder Iugendamt in geeigneter Weise mitzuwirken. Die Erziehungsbeihilfe ist in erster Linie zur Erleichterung des jüngsten Kindes bestimmt. Gänzlich unzulässig ist es, daß die Crziehungsbei- hilfe zu einer Entlastung des Bezirksfürsorgever­bandes hinsichtlich seiner pflichtmähigen Leistung, insbesondere der Wvchenhilfe, verwandt oder für die Rückerstattung von früher vom Bezirks­fürsorgeverband gemachten Aufwendungen in An­spruch genommen wird. Aebcr die Einhaltung dieser Bestimmung soll besonders gewacht werden.

Oberheffen.

Landkreis Gießen.

Q] Lollar, 28. Aug. Bei dem am 18. August vom Deutschen Schwimmverband in Koblenz ver­anstalteten Schwimmen konnte unser Mitbürger Konrad Heinze in Schwimmklasse A unter 17 Mitbewerbern den er ft en Sieg erringen und wurde damitStrommeister von Rhein und Main". Ein großer silberner Pokal und eine Plakette mit dem Schloß Ehrenfels wurden dem Sieger als Ehrengabe überreicht. Nachdem der Schwimmer Konrad Heinze schon Kreis-, Gau-, Bezirks- und Hessenmeister ist, bedeutet der jetzige Sieg die fünfte Meisterschaft.

[Q Ruttershausen, 28. Aug. Nachdem die im Vorjahre nahe bei dem Dorfe vorgenommenen Bohrungen nach Wasser zur Anlegung einer Was­serleitung trotz genügender Ergiebigkeit wegen ungünstiger chemischer Beschaffenheit eingestellt wer­den mußten, werden zur Zeit in dem Wiesengelande zwischen Wehrholz und Hornschied (in der Nahe der preußischen Landesgrenze) durct^ die Firma Hch. Deibel (Lollar) erneut Bohrungen aus­geführt, die erfolgversprechend sind.

= Aus der Rabenau, 28. Aug. Anschlie- ßend an die Fruchternte wurde sofort mit dem Grummetmachen begonnen. Die tief gele­genen feuchten Wieseagründe bringen in diesem an sich ttockenen Sommer immer noch eine recht annehmbare Grummeternte, während bei Wiesen- anlagen, durch mangelnde Feuchtigkeit und dau­ernde Trockenheit verursacht, ein kaum nennens- werter Ernteerttag zu verzeichnen ist. Aller­dings ist bei den Talwiesen die Qualität nrcht die beste, da sie meist mit sauren Grasarten bewachsen sind. Die Trockenheit macht sich sehr auf den Kleeäckern bemerkbar, die einen dritten Kleeschnitt nicht mehr bringen werden. Auch die Kartoffel- und Dickwurzfelder brau­chen unbedingt einen baldigen und durchweichen­den Regen, um die anfangs gehegten vielver­sprechenden Aussichten zu erfüllen. Der Feld­drusch ist durchweg beendet. Das Ergebnis war im allgemeinen gut. Die Qualität der Körner läßt nichts zu wünschen übrig, während das Stroh im Wachstum ziemlich zurückgeblieben ift. Ein kräftiger Regen hat allen Fruchtarten ge­rade in der Zeit ihres Schossens gefehlt. Das gesamte Obst' hat trotz fehlender Riederschläge in den letzten beiden Wochen ein annehmbares Dickewachstum zu verzeichnen und verspricht vor­zügliche Qualitätsware zu werden. Der Behang ist verschieden. Das Fallobst wird von Händ­lern bereits aufgekauft, die für den Zentner durchschnittlich 1,50 bis 1,80 Mk. bezahlen. In den Gärten macht sich die Trockenheit ebenfalls sehr bemerkbar. Die Bohnen und Gurken begin­nen gelb zu werden. Die Raupen treten jetzt stärker an den Kohlgewächsen auf und setzen das Demichtungswerk der Erdflöhe fort. In dem gleichen Maße wie die Wespen treten auch in ungeheuren Massen die Schnaken auf, die zu einer großen Plage geworden sind. Das lau­fende Iahr ist ein Haselnußjahr; die Büsche sind übervoll behängen.

: Aus dem Busecker Tal, 28. Aug. Die Getreideernte ist in unserem Tal beendet, die Felder sind geräumt. Zum größten Teil ist

die Frucht schon gedroschen. Die Landwirte sind mit der Ernte zufrieden. Der Körnerettrag ist gut. dagegen ist das Stroh in der Länge etwas zurückgeblieben, was auf den Mangel am not­wendigen Regen zurückzuführen ist. In dieser Woche hat die Grummeternte begonnen. Da der Sommer im allgemeinen trocken war, ist hier nur mit einer Mittelernte zu rechnen. Auf feuchten Wiesen ist der Erttag entsprechend, dagegen ist auf trocken gelegenen Wiesen wenig gewachsen. In dieser Zeit macht sich ein gro­ßer Mangel an Grünsutter bemerkbar. Der dritte Kleeschnitt bleibt ganz aus, und so sind die Landwirte genötigt, die Dickwurzeln zu entblättern und zur Fütterung zu verwenden.

LJ Hungen, 28. Aug. Die räumlichen Ver­hältnisse wie' überhaupt die unzweckmäßige Lage und Umgebung unseres Krankenhauses entspre­chen schon seit langem nicht mehr den Anfor- berungen der Reuzeit. Der Stadtvorstand be schloß deshalb vor kurzem den Bau eine neuen Krankenhauses. Der Bauplatz i t bereits cmgekauft worden, und die ersten vor - bereitenden Arbeiten sind im Gange. Das all.' Haus hat der benachbarte Landwirt Moll käuflich erworben.

s. Atphe, 28. Aug. Rachdem nun einen Monat lang auch unser Ort dem neugeschaffe- nen großen Po st bezirkFriedberg- Land" angehört, kann man feststellen, daß diese Reuerung sich sehr zum Vortell der Ein­wohnerschaft bewährt. Da der Postkraftwagen zweimal täglich kommt, erhält man zweimal am Tage Post. Wichtige Schreiben können am glei­chen Tage beantwortet werden. Besonders zu begrüßen ist, daß auch Sonntags Post hierher- gelangt. Da gleichzeitig die hiesige Posthilfö- stelle in eine Poststelle umgewandelt wurde, können nun auch Geldzahlungen und Pakete hier aufgegeben werden. Der Dienst der Poststelle wird von dem seitherigen Inhaber, dem Land­wirt Friedrich Filsinger, weiter versehen. Die Zustellung besorgt an Stelle des Landbrief - trägers Hofmann, der nach Friedberg ver­setzt wurde, Wilhelm Sack von hier.

s. Trais-Horloff, 28. August. Das Storchnest auf dem Wohnhause des Land­wirts Hermann B e 1 tz e r, das lange Iahre hin­durch leer stand, wird nun seit mehreren Iahren wieder regelmäßig bezogen. Das Storchenpaar, das in diesem Iahre Drei Imrge ausgebrütet hat, hat nun auch die Reise nach dein Süden angetreten.

# Aus dem oberen Horlofftal, 28. Aug. Die Grummeternte hat begonnen. Die gerin­gen Niederschläge der letzten Zeit haben den Grac- wuchs nicht gefördert. In dürren und trockenen Lagen ist der Grasstand sehr gering. Ausgesprochen feuchte Wiesengründe haben prächtiges Futter. Während sonst der dritte Kleeschnitt Futter genug brachte, ist er Heuer ganz ausgefallen und der zweite Schnitt mar kurz. Man ist deshalb in diesem Jahre wieder dazu übergegangen, die Dick- wurz zu blättern und sie mit Futtermais zusam­men geschnitten zu verfüttern. Schnell sind die Stoppelerbsen aufgelaufen. Doch macht sich auch bei ihnen die große Dürre bemerkbar. Hier könnte ein durchweichender Regen Wunder wirken. Als Folgen der großen F u 11 e r m i 11 c l n o t ist die Nachfrage nach Dörrfutter noch weiter gestiegen. Der Preis für gutes Bergheu hat sich seit der Ernte gerade verdoppelt. Gegenwärtig wird für süßes Heufutter 7 bis 7,50 Mark bezahlt. Am besten ha­ben Kartoffeln, Dickwurz und Zucker­rüben die lange Trockenheit überstanden. Nach­dem die Erdfloh- und Raupenplage an den Kohl­pflanzen vorbei ist, macht sich in einzelnen Gemar­kungen die Kohlhernie unangenehm bemerkbar. Die Ob st bäume zeigen ganz verschiedenen Be­hang. Von Obstbaumschadlingen hat in diesem Jahr nur der 21 pje 1 ro i cf l e r einigen Schaben ange­richtet. Die Walnußbäume hängen in zugiger Höhenlage voller Nüsse, während Bäume in ge­schützten Niederungen fast gar keinen Ertrag brin-

Dämonen der Zeil.

ZRoman von Arthur Brausewetter.

16 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Frau Reichenbach trat in das Zimmer und brach bei der ersten vorsichtigen Andeutung halt­los zusammen. Sie hatte ihren Mann mit rühren­der, kritilloser Liebe geliebt. Keiner seiner Schwä­chen und Verirrungen, auch die der letzten Iahre nicht, unter denen sie so namenlos litt, hatte diese Liebe zu erschüttern vermocht. Mit seinem Hinscheiden war die Aufgabe und das Ziel ihres Lebens vernichtet. Edith war zu selbständig, als daß sie ihr hätte etwas sein können. Die beiden Frauen standen sich fern, jede ging ihren eigenen Weg. Was sie band und einte, war der Vater und die Sorge um ihn gewesen.

Run war alles vorbei. Der Mann, dem seines Vaterlandes Leid das Herz gebrochen, ihn ab­wärts geführt in die Tiefen einer unverständlichen Lebensweise, war an einem stillen Sommersonn­lag in die alte Familiengruft der Reichenbachs ge­bettet, um auszuruhen von allem, was ihn unstet und heimatlos auf der entarteten Erde gemacht.

Das Leben ging seinen gewohnten Weg. In dein Handelshause Reichenbach & Co. raschelten die Federn, klapperten die Maschinen, läuteten die Fernsprecher, fertigte man Konnossemente aus, stellte Tabellen und Versicherungen auf. llnb nur wenige vermißten den alten Mann, der des Abends um fünf Ahr durch die Kontorräume schtttt, seinen Angestellten sein tttterlichesGuten Abend, meine Damen, guten Abend, meine Herren!" bot und sich dann still und unmerkbar in sein Privatkonten: zurückzog, mit doppeltem Fleiß und rastlos schneller Arbeit versäumte und vergeudete Stunden cinzuholen.

Herr Faßbender aber sah dem vereinsamten Sessel an den gegeneinander gestellten Schreib­tischen von morgens bis abends gegenüber, fer­tigte Herrn Pintscher und die übrigen Angestellten in seiner kühlen Art ab, setzte feinen Ramen unter die eingegangenen oder ausgehenden Briefe, die man ihm vorlegte, und merkte gar nicht, daß der Stuhl da drüben leer war. weil er es für ihn schon feit langer Zeit gewesen war.

Klaus Körbers Auszeichnungen.

Faßbender entbot mich heute zu sich. Ich habe es längst gewußt, daß mir die Sonne seiner Gunst nicht leuchtet. Aber so geschäftlich zuge- knöpft, so von oben herab hatte er sich doch noch nie gezeigt. Der Pascha muß mich verpetzt haben. Gewiß aus Eifersucht. Die kleine Fink weiß, daß sie mir schadet. Aber sie weiß auch, daß ich für eine ungestörte Stunde oben auf ihrem ver­schwiegenen Zimmer, für einen heimlichen Druck

ihrer kleinen Hand unter der Pultkante alle Mißgunst des Paschas, wenn es sein muß, auch die des hohen Chefs mit Freuden hinnehme.

Oder war es vielleicht ein anderer Grund, der mir Faßbenders letzten Rest von Zuneigung geraubt hat?... Edith?...

Ich habe sie alle diese Tage hindurch kaum gesehen und nie gesprochen. Ist es Absicht, daß ich sie meide?... Ansinn, ich liebe sie nicht. Es wäre Rarrheit. Sie selber hat die Kluft auf- gedeckt, die zwischen uns gähnt.Welten trennen uns." Genau so hat sie gesagt. Sie mag recht haben. Um eine Edith zu lieben, müßte man ein in sich geschlossener Mann sein. In mir aber ist vieles noch in der Gärung... Ich fühle das jetzt noch öfter als je.

Aber ich gönne sie diesem Federfuchser nicht. Ich kann es nicht begreifen, daß sich das freie, stolze Weib dem Unfreien verschandeln foll: Keine Sünde habe ich mein Leben lang so gehaßt wie die wider die Ratur. Ist es die Stimme des Alten, die aus mir spricht? Fort mit diesem Gedanken!

Gestern sind die Handwerker in das alte Patrizierhaus in der Drotbänkengasse eingezogen. Im Kontor erzählte man, daß sie es für das junge Paar neu einrichten. Die Wohnungsfrage, die der Heirat so lange entgegenstand, ist nun gelöst. Der Alte stört den Schwiegersohn und seine Flitterwochen nicht mehr. Frau Reichenbach wird bei ihrer Tochter wohnen bleiben. Das oberste Stockwerk ist ihr Vorbehalten; auch das macht bauliche Veränderungen notwendig. Deshalb hämmern und feilen sie auch den ganzen Tag, poltern die Treppen auf und ab, schaffen allerlei Gegenstände hinauf, hinunter, daß es oft ist, als wäre die Hölle über einem losgelassen. Die anderen scheint es wenig zu stören. Sie schwatzen, als wäre es ihnen gerade recht, daß ein so lustiger, alles verschlingender Lärm um sie her ist. Rur mich macht er toll, läßt mich mitten im Satze stocken, wenn ich die wichtigsten Frachtverträge auszuarbeiten habe, oder mitten im Worte, wenn ich mit den Schiffsmaklern über die Konnossemente verhandele. Dabei flammert sich jeder Gedanke immer an dasselbe, und eines wird mir zur unumstößlichen Gewißheit, daß ich fort von hier will... fort muß ... sobald als möglich.

*

Ich habe meine Kündigung eingereicht. Viel­leicht war es nur ein Zuvorkommen; denn der Pascha machte mir mit widerwärtigem Blinzeln seiner Luchsaugen eine nicht mißzuverstehende Andeutung von einergewissen Rervosität", und daß Herr Faßbender an meinen letzten Korre­spondenzen mehreres auszusehen gehabt hätte, für das ihm dann immer die Verantwortung auf- gebürdet würde. Run, seine Schultern find wulstig I genug, sie zu tragen. Aber gleichviel... Ich zog

die Konsequenz. Ich bin bereit, auch noch andere 1 zu ziehen, soweit es fein foll. ----

Es ist schneller gekommen, als ich gedacht. Herr Faßbender entbot mich wiederum. Kälter und kürzer noch als damals eröffnete er mir, daß er mein Gesuch erhalten und bewilligt hätte. Ich könnte, wenn es mir lieber wäre, auch bereits vor dem vereinbarten Termine gehen. Kein per­sönliches Wort. Eine merkbare Absichtlichkeit, alles auszuschalten, was an vergangene Zeiten erinnern konnte. And dabei weih er, wie nahe ich dem einstigen Herrn dieses Hauses gestanden, und ist nicht einmal Inhaber. Edith ist zur Erbin des Geschäftes ernannt... heute morgen hat es mir die kleine Fink erzählt.

And mit einemmal, gerade als er sich erhob und mir zum Zeichen, daß unsere Anterredung beendet wäre, mit einer Lässigkeit, die an Ver­ächtlichkeit grenzte, die schmale Hand reichte, schoß es mir durch den Kopf, brauste es mir durch das Blut mit einer Gewalt, die mich nun beherrscht, fast wie eine Zwangsvorstellung, und deren unheimliche Bestimmtheit mit jeder Stunde wächst: Dieser Mensch soll Edith Reichen­bach nicht besitzen! And wenn... Ich liebe sie nicht. Sie wird nie mein eiaen sein. Ich weih es. Aber er soll sie auch nicht haben. Soll nie­mals seine gierigen Arme um diesen stolzen Leib Hammern, niemals diese herbe Schönheit, an der alles unberührt ist und rein, durch feine Um­armung schänden!

Warum es mit einemmal so unumstößlich fest bei mir steht, ich verstehe es selber nicht. Es ist, als ob es der Geist ihres Vaters in mir wach­gerufen hätte. Als ob es das heilige Vermächtnis feiner letzten Stunde an mich wäre.

*

Ich glaubte, Edith wer weiß wie lange nicht mehr gesehen zu haben. Gestern rechnete ich nach, da ergab sich, daß es erst drei Tage her waren, dah ich sie sprach. Anglaublich, daß einen eine so kurze Frist eine Ewigkeit dünken kann, wäh­rend sonst die Stunden jetzt oft so qualvoll lang­sam schleichen.

Zwar war unsere Begegnung nur flüchtig... auf der Treppe, als sie in das Auto steigen wollte, das vor der Tür ihrer wartete... ver­mutlich um Besorgungen für ihre Aussteuer zu machen. Gar schon für die Hochzeit. Aber nein ... die foll ja noch hinausgefchoben werden... einmal wegen des Trauerfalles, dann auch, weil ja oben alles noch nicht fertig ist. Erst im Ro- vember foll sie fein... Im allerengsten Kreise ... Dann will das junge Paar eine weite Reise machen. Die lustige Fink zwitscherte es mir in die Ohren, als ich gestern nach Geschäftsschluß mit ihr zur Rächt ah.

Sie hatte alles wieder so hübsch und fein her- gerichtet. Blumen auf dem Tische und an den

Fenstern, ein ganz einfaches Mahl, aber mit so viel Liebe bereitet und mit so viel Anmut gereicht.

Etwas Anerwartetes geschah. Die alte Marieke erschien in meiner Wohnung, als ich eben vom Mittagessen in derConcordia" zurückkehrte, und überbrachte mir einen Brief. Don Edith... Ich habe bisher nie etwas Schriftliches von ihr empfangen, kannte ihre Züge nicht einmal... diese steilen, stolzen Züge, denen man die Damen» Hand nicht anmerkt, in denen etwas so Verschlosse­nes liegt, dah ich sie immer wieder ansehen, sie immer wieder lesen muhte, obwohl sie nur die wenigen Worte enthielten:Ich bitte Sie, mich heute abend gleich nach Geschäftsschluh zu einer wichtigen Anterredung besuchen zu wollen." Zu einer wichtigen Anterredung! Was kann es sein? Was kann sie von mir wollen?

Edith trug ein schlichtes Trauerkleid, dessen düstere <$arbe sie blühender und größer machte, als sie es an sich schon ist. In ihren Blicken, in jeder ihrer Bewegungen ist immer etwas Gemessenes. Aber vielleicht liegt gerade Darin das Anziehende ihrer Erscheinung... Für mich wenigstens.

Sie bot mir keinen Platz und setzte sich selber ni J5ie wollen von uns gehen?" fragte sie ohne jede Einleitung. And ich merkte sofort, dah sie mein Entschluh überrascht hatte. Dis dahin hatte ich geglaubt, daß sie ihn als etwas Selbstver­ständliches, etwas aus Der Lage der Dinge mit Rotwendigkeit Hervorgehendes betrachtet hätte.

Es war mir, nachdem Der Platz Ihres Herrn Vaters leer geworden, nicht mehr möglich... erwiderte ich.

Jetzt gerade hätten Sie bleiben müssen."

Etwas Bestimmtes, fast Befehlendes war in ihren Worten.

Ich hatte das Gefühl, dah man meine Kün­digung gern sah, sie mir nahelegen wollte."

Wer wollte das?"

Der Leiter unserer Abteilung, Herr Rimmer- satt."

Er ist ein Angestellter," sagte sie.

Aber auch der Chef."

Die Erbin des Geschäftes bin ich.'

Mit einer vielleicht unwillkürlichen, aber doch leicht auf trotzenden Bewegung warf sie den Kopf in Den Racken.

Ich wußte es. Aber baß Sie Wert auf mein Bleiben legen könnten"

Das haben Sie nicht gewußt? Rach allem, was wir miteinander durchgemacht haben nach­dem ich Ihnen mein ganzes Vertrauen geschenkt und Sic in mein Schicksal habe blicken lassen, was ich nie einem anderen gegenüber getan habe? Ich hätte erwarten können, dah Sie mit mir sprachen, bevor Sie Ihren Entschluß faßten." (Fortsetzung folgt.)