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Donnerstag, 29. August 1929

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Nr. 202 Zweites Blatt

Ser Kampf um das Moffulpetroleum

Gesettschastsspiel mit Alkohol.

Ein glänzendes Gesellschaftsspiel mit Alkohol nennt Kasimir Edschmid den Cocktail und in einer reizend geschriebenen Plauderei des Sep­temberheftes von Velhagen & Klassings Monatsheften leitet er als ein kultivierter Genießer zum Mischen, zum Erfinden an. Der bekannteste Cocktail ist derMartini". Er wird gemischt aus halb Gin und halb französischem Wermut. Vielleicht ein wenig Zitrone dazu, aber nur eine Idee. Der französische Wermut ist ein herbes, feuriges Getränk, während der italie­nische viel süßer und öliger ist. Dieser Cocktail ist rechtsec. Ein anderes Martini-Rezept mischt ihn aus halb Gin und aus einem Viertel französischem und einem Viertel italienischem Wermut. Sofort dringt der eigentümliche Ge­schmack des italienischen Getränks durch und dominiert. Es gibt Leute, die den einen Cocktail ausgezeichnet und den anderen abscheulich finden. Man kann die beiden Cocktails noch einmal da­durch nüancieren, indem man ihnen zwei Tropfen Angvstura-Ditter hinzufügt. Sofort sind sie wie­der andere Getränke, allerdings im Rahmen jenes Eeschmvcksradius, der für zusammengesetzte Getränke durch den Ramen Martini umschlossen wird. Sehr bekannt ist auch der Manhattan- Cocktail. Man nimmt dazu statt Gin einfach Whisky, und zwar mehr Whisky als italienischen Wermut und fügt noch etwas Angostura hinzu. Wenn man statt Wermut 1 Löffel Sirup nimmt und etwas mehr Angostura ansetzt, so ist es ein Whisky-Cocktail. Wer Einbildungskraft hat, sieht schon von selbst, welches Feld der Möglichkeiten offen steht. Ie nachdem man Maraschino oder Absinth, Kognak oder Ginger Ale, Kirschwasser oder Sekt, Llprikosen-Vrandy oder Sherry, Vier, Zitronensaft, Eier, Whisky, Cura<;ao, Gin, Bene­diktiner, Soda, Grenadine, Rum. Kandiszucker, Derbhsauce, Austern, Pfeffer, Allasch, Milch, Bordeauxwein, Pfefferminz, Anis, Portwein, Kakao mischt und eine Kirsche, eine Olive oder ein Stück Ananas hineintut... je nachdem man diese Batterie von Flüssigkeiten teilt, zusammen- seht, aufeinander abstimmt, um so größer werden die Unterschiede, um so enormer die Effekte. Ein Erfindertraum, an dem selbst die Frauen teilnehmen. Und schließlich der Ausdruck einer Zeit, die keine langen Gelage mehr liebt, keine großen Mengen von Getränken, sondern kleine, heftige und scharfe Portionen, konzentrierte Sa­chen, die man nach Laune, Gelegenheit und Stim­mung unzählig variieren kann.

SpielBeowulf" von Otto Bruder darstellen wollen. In der Stadtkirche ist Sonntag,ruh Festgottesdienst, in dem Pfarrer Troch (Well- bürg) predigen wird. Vertreterversammlung und Sitzung des Arbeitsausschusses werden die inne­ren Angelegenheiten des Bundes zu regeln haben. Auf dem Trieb ist am Sonntagnachmittag Festwiese", nach 18 Uhr Ausklang auf dem Brand. Eine schöne Iugendfeier soll das Ganze sein, getragen von dem Geist dienender Opfer- liebe.

Richtfest des Studentenhaus-Reubaues.

Am Dienstag fand in'einfachem Rahmen das Richtfest des Studentenhaus-Rcu- baues statt. Auster den am Bau beschäftigten Handwerkern und anderen Arbeitsleuten hatten sich die bis jetzt beteiligten Unternehmer, der bauausführende Architekt. Vertreter des Bciu- ausschchses. der Studentenschaft sowie weitere geladene Gäste eingefunden.

Einschließlich der 40 Werkstudenten, die seit dem 2 August d. I. in anerkennenswerter Weise ihre Kraft in den Dienst des Studentenhaus­gedankens gestellt haben, faßte die im Reubau geschaffene große Halle ungefähr 230 Personen. Für die musikalische Unterhaltung hatte m selbst­loser Weise das akademische Orchester der Stu­dentenhilfe Sorge getragen.

Rach dem Richtspruch des Zimmermanns, der vom Dache des Hauses aus gesprochen wurde, dankte Professor Eger im Ramen der Ban- Herrin allen denen, die durch ihre geistige Arbeit und durch das Werk ihrer Hände den Bau ge­fördert und dabei mitgewirkt haben, daß die Arbeiten in so vollkommener, reibungsloser und schneller Weise fortgeschritten sind. Auch wurde das harmonische Verhältnis innerhalb aller an der Ausführung des Werkes beteiligten Arbeits­gruppen hervorgehoben. ,

Der Ferienvertreter des allgemeinen Stu­dentenausschusses der Universität Gießen, stuck, theoi. Scheuer, betonte die Anteilnahme, welche die Gesamtstudentenschaft von jeher an der Errich­tung eines akademischen Gemeinschaftshauses ge­nommen habe und überbrachte deren Wunsche für das Gelingen der restlichen Bauabschnitte.

Herr Schelm vom Dampfsägewerk Ruhn G. m. b. H. in Lollar kennzeichnete in treffender Weise, wie ein derartiges Bauwerk segensreich auf die wirtschaftliche Lage eines allerdings nur beschränkten Dolkskreises einzuwirken vermag, tote es einerseits dem lange gefühlten Bedürfnis nach einer Zusammenfassung der Wirkungsgebiete der Gießener Studentenhilfe abgeholfen, anderseits einer nicht unerheblichen Anzahl von Erwerbs­tätigen Arbeit und Verdienst gegeben habe.

Der Eindruck und die Wirkung des Festes ent­sprachen den Erwartungen. Es war getragen von dem Bestreben, den Tag nicht klanglos vor­übergehen zu lassen, an welchem ein neuer Bau­stein in die fortschreitende Entwicklung und tn den notwendigen Ausbau der studentischen Selbst­hilfe gefügt wurde.

Daten für Freitag, 30. August.

Sonnenaufgang 5.08 Uhr, Sonnenuntergang 18.52 Uhr. Mondaufgang 0 Uhr, Monduntergang 17.09 Uhr. _ . n v

1856: der Nordpolfahrer John Roß m London gestorben (geboren 1777); 1924: Londoner Ab­kommen über den Dawesplan.

Gießener Wochenmarktpreife.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 200 bis 210. Matte 30 bis 35. Wirsing 20 bis 25. Weißkraut 15 bis 20, Rotkraut 20 bis 25, Gelbe Rüben 10 bis 15, Rote Rübe 10 bitz 15. Spinat 20 bis 30, Römischkohl lu bis 15. Bohnen, grüne und gelbe. 25 bis 35. Erbsen 25 bis 30. Tomaten 20 bis 25. Zwiebeln 10 bis 20, Kürbis 8 bis 10. Pilze 40 bis 45, Kartoffeln 5V> bis 6, Frühäpfel 15 bis 25, Fall- äpsel 4 bis 5, Birnen 10 bis 30. Himbeeren 50 bis 55. Preiselbeeren 45 bis 55, Pfirsiche 45 bis

'Nur nicht so bitter, Herr! Das Frauenherz braucht noch ganz andere Dinge, um glücklich zu sein!"

Nun, wenn etwa der Herr Bankdirektor in Privat langweilig sein sollte, so wird es doch in seinen Salons nicht an eleganten jungen Herren mangeln. Ist unsere schöne Manon denn schon Frau Direktor?"

Fragen Sie sie selbst. Da kommt sie."

Er fragte nicht, war vielmehr erfreut, als sie mit ihm an den Regalen entlangspazierte, sich alte und neue Mappen zeigen ließ und Zeitungsausschnitte, Inserate und Zahlenreihen betrachtete, als guckte sie in Märchenbücher. Dann setzte sie sich an Herrn Kuhnvlts Platz und ließ sich seine Entwürfe für Buchumschläge zeigen.Eigentlich smd Sie doch ein Künstler, Herr Kuhnolt, sagte sie, wahrend er hinter ihr stand und den Duft ihres Haares ein­atmen muhte oder durfte.

Sie legte sich im Stuhl zurück und seufzte:Ach, Kinder, schön ist es bei euch in der Schule. Ihr sagt doch hoffentlich nochSchule" wie zu meiner

An der Schaltertür erschien der Briefträger mit dem dicken Lederkasten vor dem Bauch.

Morgen, Herr Lechner," rief Manon.Bringen Sie uns Geld oder wollen Sie was haben?' .Schönes Fräulein wieder im Haus? Das ist recht, Also von Ihnen will ich was haben, aber feen Schier am Schalter, Herr Lechner, vor allen Leuten?"

Mir genieren die Zuschauer nich." Er strich sich den Feldwebelbart und machte Plinkeraugen. Dann lieferte er seine Packen ab und grüßte militärisch.

Aus dem Hof scholl Leierkastenmusik herauf. Hannah und Manon gingen ans Fenster und lehn­ten, Arm an Arm.

,Du hast nasse Augen, Manon. Kummer? Äch wohl eher Heimweh nach dem allen da.

Das ist so so musikalisch. Nachher, um 3, kommt der Ches und dann gibt es das Diktat und seine Witze. Und um 5 ist Schluß. Und am Samstag schon um zwei. Und der lange Sonntagmorgen. Und ein Zimmer wie dein kleines draußen in ^1*1^ "

Sie sah nach der Armbanduhr.

, Ich muh jetzt fort. Aber wenn du erlaubst, Hannah, hol ich dich bald einmal nach Geschästs- schluh ab, wir kaufen uns was Gutes zum Fut­tern und fahren zu dir, packen aus, rucken den Tisch an dein Schlafjofa und essen halb vom Teller und halb aus der Tüte. Ist dirs recht? ..

Zuviel Oel!

Don unserem p-Berichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Konstantinopel, Ende August 1929.

Die Geschichte des Kampfes um das Mvssul- petroleum, die man nach der Zuteilung des Mvssul- gebietes an den Irak für abgeschlossen halten konnte, ist noch keineswegs zu Ende. Nachdem die Auseinandersetzung zwischen der Türkei und den Engländern mit einer Niederlage der Türken ge­endigt hat, kommt jetzt die Auseinander­setzung zwischen den Engländern und den Franzosen an die Reihe, während im Hintergründe der Angelegenheit ein englisch- amerikanischer Konflikt zu drohen scheint, der allerdings noch nicht so weit gediehen ist, dah die streitenden Parteien klare Fronten eingenom­men haben.

Im Januar des Jahres 1928 find bekanntlich zwischen den Franzosen und den Engländern, so­wie Vertretern der Standard Oil Co. Verhand­lungen gepflogen worden, die dazu geführt haben, daß die Anteile der verschiedenen Länder an der Turkijh Petroleum Co. (seit kurzem Irak Petro­leum Co. benannt) neu auf geteilt wurden und zwar so, daß nach Abzug von 5 Prozent der Aktien für einen Armenier, Gulbenkian, die An­teile gleichmäßig unter vier Gesell­schaften und zwar zwei englischen, einer amerikanischen und einer französischen aufgeteilt wurden. Obwohl die Turkish Petroleum Co. bereits im Jahre 1926 von der Jrakregierung unter gewissen Bedingungen das Recht auf Aus­beutung bestimmter Teile der nordmesopotamischen Petroleumfelder auf die Dauer von sechzig Jah­ren erhalten hatte, war nämlich die Tätigkeit der Gesellschaft auf das stärkste dadurch gehemmt wor­den, daß unklar war, wem eigentlich die Gesell­schaft gehörte. Die Franzosen, die 1926 der Zutei­lung des Mossulgebietes an den Irak im Völker­bunde nur deshalb gugeftimmt hatten, weil sie hoff­ten, auf Grund des Abkommens von San Remo hier in Nordmesopotamien billig Petroleum erhal­ten zu können, waren also in dieser Erwartung getäuscht worden.

Die Unklarheiten, die bereits zu einer lebhaften Verstimmung zwischen Frankreich und England führten, sollten die Verhandlungen von 1927/28 be­seitigen, um nun endlich den Franzosen ihren An­teil an demflüssigen Gold" zu geben, das im Norden Mesopotamiens schlummert. Aber -auch m dieser Hoffnung sehen sich die Franzosen heute ge­täuscht. Die Irak Petroleum Co. hat zwar in Me­sopotamien eine Reihe wertvollster Petroleumvor­kommen gefunden, aber anstatt daß die Gesellschaft nun energisch an die Ausbeutung der Felder ge­gangen ist, hat sie zunächst einmal weitere Bohr versuche in Angriff genommen, um, wie es in dem amtlichen Bericht heißt,weitere Ver­suche über die Leistungsfähigkeit der nordmesopo­tamischen Petroleumgebiete anzustellen . Sie hat es also vermieden, die Oelproduktion ernst­haft in Angriff zu nehmen und statt dessen einige leere Ausflüchte gebraucht, die sichtlich dazu bestimmt sind, die Erschließung der nordmesopotamischen Fel­der'zu verzögern.

Das hat in französischen Kreisen besonders im französischen Admiralstab, beträchtlichen Unwillen erregt, weil man der Ansicht ist, daß hier von eng­lischer Seite mit französischen Interessen Schind- luder getrieben wird. Diese Gefühle der Franzosen sind durchaus verständlich. Petroleum ist nun ein­mal heutzutage der wichtigste Betriebs­stoff für die Kriegsmarine u n d die Luftschiffahrt, so daß es sich wirtschaftlich außerordentlich lohnt, das Petroleum nicht von den Amerikanern, sondern von eigenen Gesellschaften zu beziehen. _____________ ___

wenn du magst und wir sausen die Avus hinunter oder nach Schildhorn immer durch den Wind, daß du rote Backen bekommst, mein Liebling!

Das wäre reizend von dir." .

Noch lieber möcht ich mal wieder einen Abend mit dir allein in die Zelten in eins der Lokale, wo im Saal getanzt wird, und mir lassen uns an­sprechen, wie damals von dem Kommis im Stey- fra£irbe dir so was heute noch Spaß machen?" '.Vielleicht noch mehr als früher. Oder du, wir lassen uns mal wieder einladen von eurem kleinen Lektor in sein Möbliertes zu Tee und Studenten­futter, Mandeln mit Rosinen in Kmsterpapier dann lieft er uns aus den Gedichten vor an die S<^u- spielerin, an der er so wacker gelitten hat. Wen liebt er denn jetzt außer dir"

Mich hat er nie geliebt. Du warst seine letzte Schwärmerei. Er war ganz verstört, als dem Ge­waltiger dich so plötzlich entführte.

Was Schwärmerei betrifft, so hab ich mich eigentlich mehr für den Lehrling Eduard inter­essiert, der immer rote Ohren bekam, wenn man ihm nah ins Gesicht redete."

.Das kannst du gleich geliefert bekommen.

Der junge Lehrling trat gerade ein, machte eine erschrockene steife Verbeugung und setzte sich an je - nen Platz. Da lag Manons goldne Puderdose mit bem Kettchen, an dem der Lippenstift hing. Damit L er verstohlen an zu spielen Als Manon her- übersah ließ er die Finger davon. Aber dann Surf e er den kleinen Bleistift, den sie ihrem Tasch­en entnahm. mit der Anspitzmaschme behandeln. Das war gar nicht leicht. Die Maschine-mar rndjr für große Bunt- und Schrnarzstifte bestimmtz mie sie im Bureau gebraucht werden. Eduard machte es sehr geschickt und mürbe gelobt.

9tun muß ich noch schnell einen Augenblick zu d-n P-ck«n >hn. Ist da noch der freche Sark der sc, reines Neuköllnisch rebet?' Ja, ber

Sie blieb eine ganze Weile fort, und ^"un horte man sie nebenan mit bem Kassierer reden, der ihr von Frau und Kind berichtete und ihr'fern be­rühmtes Jogurth anbot. Wenn man täglich davon nahm tonnte man hundert Jahre alt werden. 6tn» » Kuhno,. der getreten und erfuhr von Hannah, mer nebenan fei.

Die besucht uns? Ist sie nicht froh, unsere Atmosphäre los zu sein? Sie hat doch ig j, was das bewußte Frauenherz ^träumt Badez^m mer mit Kristallflaschen, Zofe, Schrankkoffer Golf ü!id mas meist ich. Sie will sich mohl em bißchen weiden an unserem Elend?"

Besuch im Bureau.

Äon Franz Hessel.

Manoni Du? Darf man denn noch du zu ^',Aber Hannah, ich bitte dich!" Sie schloß die Kollegin von ehedem in die Arme, und Hannahs Wange streichelte ein kostbarer Blaufuchs.

Gut, daß du um diese Zeitz kommst. Da ist der Chef zum Frühstück fort und die andern sind an ihrem Mittagstisch." h

und du langst deine Thermosflasche und die Eierbrötchen unterm Pult vor. Das wußtich doch noch. Deshalb komme ich jetzt. Zigarette? Jetzt darf man doch hier eine rauchen? .

0 danke. Die ist besser als dem Kassierer seine mit dem Pappmundstück und als die zuruckgesetzten Türken, dib einem unser Hersteller anbietet menn er sicher ist, daß der Chef nicht reinkommt.

Ich meiß: die, bei denen immer erst eine Re- kla'merasierklinge rausfällt."

Sie lachten. Hannah bewunderte die Silberdvse, auf der Manons Namenszug emgyamert mar. -Der Gast fetzte sich an Hannahs Platz und legte die Hände auf die Tasten der Schreibmaschine. Statt­lich unb starr saß bas schöne Geschöpf da, d°2 blasse Gesicht mit bem in ber Mitte gescheitelten Haar geneigt. Etmäs Feierliches ging von dieser unbestreitbaren Schönheit aus. Am Rande einer Unendlichkeit schien sie zu verweilen mie eine Feuerbach-Gestalt, mährend sie sich nur sanft an der Maschine aufhielt, deren neues System sie interessierte. Hannah mar einen Augenblick in das Nebenzimmer an das Fenster nach der Straße ge­gangen, um das Auto anzusehen, das den über­raschenden Besuch gebracht hatte.

Das großmächtige Cabriolet da unten, das kenn ich" noch. In dem hat dich Deiner damals abgeholt, aeraubt O ich grolle dir noch. Früher hattest du kein Geheimnis vor mir gehabt. Und von dieser Affäre habe ich erst erfahren, als alles schon ab» 8* ,Du mußt verstehn, Hannah. Ich mar aber­gläubisch. Ich getraute mich nicht, davon zu spre­chen, eh ich meiner Sache sicher war Und dann kam cs doch schneller, als ich oermutet hatte. 3a, das ist sein großer Wagen, in dem ich ihn nachher aus (einem Bureau holen soll- Er hat Amenkane. zum Frühstück im Bristol, und da muß ich mit.

Natürlich, menn man so herrlich Englisch kann wie du. Du bist so lebensklug.

Ach Hannah. - Ich habe übrigens einen eigc= nen Wagen, einen süßen kleinen Zweisitzer, den ich selbst fahre. In dem hol ich dich bald einmal ab,

Die Engländer führen jedoch für ihre Politik einen sehr triftigen Grund an, menn sie die Aus­beutung der Petroleumfelder von Mossul immer roeiter hinausschieben. Sie sind verpflichtet, das etwaige in Nordmesopotamien gewonnene Oel in einer Petroleumleitung nach dem Mittelmeer au führen, und zwar nach französischer Ansicht in französisches Mandatsgebiet. Wird keine Oelleitung gebaut, so sollen die Engländer eine Eisen­bahn bauen, bzw. die Möglichkeit gewähren, be­stehende Eisenbahnlinien zu diesem Zweck auszu­bauen, d. h. also, daß die Engländer unter Um­ständen d i e Vollendung der Bagdad- Bahn gestatten müßten. Beides widerspricht aber den Wünschen der britischen Admiralität. Denn die Engländer denken natürlich nicht daran, eine Oel­leitung nach dem französischen Beirut zu bauen und haben weiter kein Bedürfnis, den Ausbau einer Eisenbahnlinie zu gestatten, die das französische Syrien zum Transitland für den Handel mit Me­sopotamien machen würde.

Deshalb werden gegen den Bau der Oelleitung immer neue Scheingründe ins Feld geführt. Man behauptet, daß der Bau der Oelleitung nur mög­lich wäre, menn die nordmesopotamifchen Oelfelder mindestens fünf Millionen Tonnen Oel produzie­ren, daß der Bau der Oelleitung nach Syrien das Doppelte einer Oelleitung nach Palästina kosten mürde. daMder Bau durch die nordsyrische Wüste unsicher sei, daß die Kostenfrage ungeklärt mare und anderes mehr, sichtlich in dem Wunsch, die Franzosen müde zu machen und ihnen die Zu­stimmung für den Bau der Oelleitung nach Pa­lästina zu erpressen. In Wirklichkeit dürfte na­türlich in England die Entscheidung längst gefallen sein, da man die Oelleitung nach Haifa legen mill, menn erst die Dinge in Nordarabien genügend geklärt sind, um sicherzustellen, daß Einfälle der Wahabiten nicht mehr befürchtet zu merden brauch­ten.

Andererseits spielt aber zweifellos auch die all­gemeine Petroleumpolitik der Engländer bei der Angelegenheit neuerdings eine große Rolle. Eng­land nimmt in feiner Petroleumproduktion neuer­dings rneitgehendfte Rücksicht auf die Pe­troleumpolitik der Vereinigten Staaten Diese sind, mohl nicht zu Unrecht, der Ansicht, daß in der Welt zuviel Petroleum produziert mird. Da diese Ueberproduktion zu einem Sinken der Preise ür das Petroleum führen wurde und in­folgedessen die ungeheuren, in Petroleum angeleg­ten Kapitalien unrentabel zu werden droben, Haden die U.S.A. naturgemäß alles Interesse daran, Maßnahmen zu bekämpfen, die zu einer weiteren Steigerung der Petroleumproduktion in der Weit führen könnten. Die Erschließung- der reichen me­sopotamischen Oelfelder, die wahrscheinlich die Pe­troleumproduktion in der Welt in wenigen Jah­ren um zwanzig Prozent ft e i g r n wurde, wäre infolgedessen eine Maßnahme, die ihre deut­liche Spitze gegen die Amerikaner Haven würde.

Die Engländer würden somit mit einer Entwick­lung der nordmesopotamischen Oelfelder von neuem einen Petroleumkrieg mit den Amerikanern her­aufbeschwören, der die größten Folgen haben könnte. Bekanntlich sind die großen Konflikte zwi­schen England und Amerika, die heute Macdonald beizulegen versucht, nicht zuletzt dadurch ms Rol­len gekommen, daß seinerzeit im Jahre 1920 der sogenannte englisch-amerikanische Petroleumkrieg entbrannte. Eine Politik der Entwicklung der nord- mefopotamischen Oelfelder, die den französischen Wünschen entsprechen würde, wurde also weltpoli­tische Bedeutung gewinnen, und zwar weit uver den Bereich des Mossulpetroleums hinaus. -Die Engländer befinden sich also in der Tat m einer sehr heiklen Klemme, die es verständlich erscheinen läßt daß sie sich sowohl bei der Entwicklung der nordmesopotamischen Oelfelder, wie bei der Frage

des Baues der Petroleumleitungim Interesse des Weltfriedens" weitgehend zurückhalten.

Es scheint eben das Schicksal der nordmesopota- mijchen Oelfelder zu fein, daß sie zwar umstritten werden, aber doch ihrem Besitzer nichts einbringen.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 29. August 1929.

Zum Landesverbandsfest desBundes Deutscher Zugendvereine" in Gießen.

Man schreibt uns: D. D.I. ist die Abkürzung fürBund Deutscher Jugendver- eine". Er ist in Gießen nicht mc^r unbekannt, bestehen doch schon feit 1924 hier Gruppen dieses Iugendbundes, der sich über ganz Deutsch­land verbreitet. Es ist nicht einfach, die Ziele eines solchen Bundes zu umreißen. weil ein lebendiger Iugendbund, so er wirklich lebendig ist. stets in Bewegung, ständig im Fluß ist. So hat auch der BDI. seine Geschichte; der BDI. der Rachkriegszeit ist ein anderer als der der Vorkriegszeit, und die allerletzte Zeit hat wieder­um neue Entwicklungsstufen gesehen. Entscheidend war das Iahr 1919: hatte bis dahrn die alte Ge­neration allein die Führung, so trat jetzt die Iugend selber mit in die Reihen an verantwort­licher Stelle. Das ist auch bis heute so geblieben, und in dem Arbeitsausschuß, der gewissermaßen dasParlament" des Bundes darstellt, sitzen neben den Alten die Jungen, um auch ihre Stimme mit ins Gewicht werfen zu können.' lind doch ist heute eine Vereinigung der beiden Ex­treme, die man ja unter den SchlagwortenIu- gendpflege" undJugendbewegung" zusammen- zufassen gewohnt ist. zu verzeichnen. Iugend selbst verlangt nach Führung, nicht in dem alten Sinne unbedingter Abhängigkeit von den Alten, wohl aber will sie aufschauen zu Führern, die mit ihr gehen, sie ganz verstehen, rmt ihr kamp,en können und um all ihre Röte wissen, die sich aber auch mit ihr freuen können in ungetrübter, uber- schäumender Iugendfreude. Das ist das Zeichen des BDI.: er ist ein Bund von Jugendlichen, die ihre Jugend leben, nicht der Abklatsch ir­gendeiner alten Generation sind. Aber weiter: er ist ein Bund von Jugendlichen, die sich ver­antwortlich fühlen für ihr Bolk, für ihre Mit­menschen, für ihre evangelische Kirche, für ihre Gemeinde. Deshalb steht an oberster Stelle das WortDiienst"; und gerade in evangelischen Ge­meinden findet die Jugend reichlich Gelegenheit sich zu betätigen. Gerade um deswillen verdient der Bund Beachtung. Die vorjährige Bundes­tagung fügte dem negativen Satz der Satzung ..Der Bund dient keiner kirchlichen und politischen Partei", den positiven und aktiven noch hinzu: 'aber er kämpft für die Durchdringung und Er­neuerung aller Lebensgebiete aus dem Geist des Evangeliums..." Damit mag kurz angedeutet sein, was der Bund will. Wer sich aber em Bild davon machen will, wie ein solcher Jugendbund ausschaut, der muß selber hingehen und sehey. nicht allein zu den großen Festen, sondern zu den Restabenden, den Fahrten, den Feierstunden, zu fröhlicher und zu ernster Arbeit.

Der Landesverband Hessen und Ras sau hält am 31. August und 1. September in Gießen eine Tagung ab.Der Kampf um das CDdIF* ist diesmal die Losung der Landes­tagung, und das Thema allein erlaubt schon Rück­schlüsse auf die Haltung des Bundes; er fühlt sich verantwortlich für unser Volk und ringt zielbewußt um die Zukunft des deutschen Volkes. Zwei Vorträge stehen im Mittelpunkt der Tagung: vor den Aelteren spricht Pfarrer Fricke (Frankfurt a. M.) überDeutschland im Kampf zwischen östlicher und westlicher Orientie­rung" ; vor den Jüngeren Pfarrer Hertel (Bad Kreuznach), überDom Dienst im Bund zum Dienst am Volk'. Am Samstagabend findet in der Turnhalle an Oswaldsgarten der Begrü- ßungsabend statt, bei dem die Jungenschaften das