Nr. 150 Sechstes Blatt
Die Belastung der Mrtfchast mit Verwaltungsausgaben.
Don Or. Paul Ruprecht, Syndikus der Dresdner Kaufmannschaft.
Neben dem Druck hoher Steuern und sozialer Abgaben lastet auf der deutschen Wirtschaft eine starke Inanspruchnahme durch öffentliche Verwaltungsaufgaben, die dringend dec Ein- scyränkung bedarf, weil dadurch unverhältnismäßig viel Arbeitskräfte der Wirtschaft produktiver Tätigkeit entzogen werden, und zwar oft zur Erledigung von Ausgaben, die von Rechts wegen der öffentlichen Verwaltung zufallen.
In erster Reihe gilt dies von der ©teuer» ve rwaltung, insbesondere derjenigen der Lohnsteuer. Während in der Vorkriegszeit die Einkommensteuer der Gehalts- und Lohnempfänger von den Finanzbehörden selbst eingezogen worden ist, haben dies heute für sie die Unternehmer zu tun. Welche Mühe und Kosten damit für sie verbunden sind, geht daraus hervor, daß die Summe des Lohnsteueraufkommens in Deutschland mit etwa 1,3 Milliarden Mark im Iahre anzunehmen ist und daß dieser große Betrag in lauter kleinen Einzelzählungen vereinnahmt wird. Mittlere Betriebe haben für diesen Zweck besondere Beamte einstellen müssen, während sich bei großen Werken mit vielen Arbeitern und Angestellten dazu d i e Einrichtung ganzer Bureaus nötig gemocht hat. ohne das) «dafür irgendwelche Entschädigunggewährtwürde. Wenn die Behörde der Wirtschaft deren tatsächliche Aufwendungen für diesen Zweck vergüten müßte, dann würde sich vermutlich zeigen, daß die prozentualen Steuererhebungskosten, die das Reichsfinanzministerium in jedem Iahre bekanntgibt, zu Lasten der Wirtschaft ein viel zu günstiges Bild von den hierfür gemachten Aufwendungen geben.
Eine nicht minder unbequeme Belästigung stellt für die Wirtschaft die Tätigkeit des Duchprü- fungsdienstes der Reichsfinanzverwaltung dar. Wenn er auch den Betrieben kaum bare Ausgaben verursacht, so nimmt er doch dem Unternehmer oder einem seiner leitenden Angestellten viel kostbare Zeit weg, denn nicht selten dauern solche Betriebsprüfungen mehrere Wochen, in denen dem Steuerbeamten stets eine Auskunftsperson zur Verfügung stehen muh. Wenn dies auch zu vielen Klagen Anlaß gegeben hat, so haben die Interessenvertretungen der Wirtschaft sich doch damit abgefunden, weil diese Einrichtung im Interesse des Wettbewerbs eine gewisse Gleichmäßigkeit der Besteuerung gewährleistet. Dieser Vorteil geht jedoch immer mehr verloren, je mehr Fortschritte die Äeber- f rem düng der deutschen Wirtschaft macht, da die Gewinnberechnung der Betriebe, deren Verwaltung im Auslands sitzt, durch Verrechnung mit dieser der Nachprüfung entzogen werden kann.
Besonders schlimm ist aber für die Wirtschaft die Vielseitigkeit der Steuergesetzgebung, die es dem einzelnen Unternehmer trotz zeitraubenden Studiums unmöglich macht, sie ohne den Beistand eines Steuerfachmannes, der ihm auch wieder Ausgaben auferlegt, zu überblicken. Diese Kosten kann er sich nicht ersparen, weil ihm bei der Behörde für jede Frage ein Spezialist gegenübertritt, dem er beim besten Willen nicht die gleiche Sachkenntnis gegenüberstellen kann, da er schließlich noch „nebenbei" ein Geschäft zu versehen hat. Welche Arbeit die Steuerpflicht dem gewerblichen Unternehmer auferregt, geht daraus hervor, daß z. B. in Deutschland nicht weniger als etwa 3 5 0 verschiedene Steuergesehe bestehen, von denen rund 30 auf das Reich, 150 auf die Länder und 170 auf die Gemeinden entfallen, die alle dafür natürlich Steuererklärungen verlangen und mit deren Nachprüfung dem Unternehmer vielfach kostbare Zeit rauben.
Dafür, in welchem Umfange dies auch von anderen Verwaltungen geschieht, hat jüngst Nr. 19
Geschichten aus aller Welt.
Hier werden Spielzeuge verliehen.
(a) Neuhork.
Spielzeug-Verleihgeschäste ist die neueste Errungenschaft unseres Zeitalters der neuen Sachlichkeit. Die an sich nicht von der Hand zu weisende Idee stammt von einem Iugendrichter in Neuyork, der die Erfahrung gemacht haben will, daß die jugendlichen Verbrecher der ärmeren Schichten lediglich infolge ihrer Langeweile auf die schiefe Ebene geraten sind. Es ist psychologisch verständlich, so meint der menschenfreundliche Richter, daß die ohne Aufsicht in der Wohnung oder gar auf der Straße umherlungernden, gänzlich unbeschäftigten Kinder in Ermangelung von Spielzeugen sich selbst eine Betätigung suchen, auf daß sich ihre Phantasie austobe. Nun wurde in Neuyork probeweise das erste Spielzeug-Ver- leihgeschäst eröffnet, das gegen geringes Entgelt moderne und täglich desinfizierte, folglich hygienisch einwandfreie Spielzeuge den armen Kindern zur Verfügung stellt. Man erhofft von dieser Einrichtung einen nicht zu unterschätzenden Rückgang der Verbrechen von Iugendlichen.
Ein königliches Almosen.
(r) Amsterdam.
Ein betrübliches Erlebnis hat nach dem „Soe- rabaja-Handelsblad" die Frau eines höheren niederländischen Kolonialbeamten gehabt. Sie gab der europäischen Kolonie eine solenne Soiree und war gerade mitten in dem aufregenden Geschäft, ihre in den schönsten Toiletten heranstro- menden Gäste zu empfangen, als sich ihr ihr fünfjähriges Söhnchen näherte, sie am Rock zupfte und ihr flüsternd mitteilte, auf der Hintertreppe hocke ein armseliger, mitleiderregender Bettler, der um einen Eent bitte. Die Dame, die sich von ihren Pflichten im Augenblick nicht losmachen konnte, raunte dem Knaben zu: „In meinem Schlafzimmer auf dem Toilettentisch liegt mein Portemonnaie; gib dem Bettler das Geld!
Man soll sich immer klar und bestimmt ausdrücken, sonst wird man falsch verstanden. Das sollte diese Dame erfahren. Denn sie mußte wenig später, als sie in einer Tanzpause lhr Boudoir aufsuchte, um Atem zu holen, die schreckliche Entdeckung machen, daß ihr fünfjähriger Bub dem natürlich schon längst über alle Berge
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen) Samstag, 29. Juni 1929
der .Bauwelt" ein besonders anschauliches Beispiel geliefert. Dort wird der Weg geschildert, den in Berlin ein Antrag auf Baugenehmigung im behördlichen Instanzenzug durchlaufen muh; obwohl es sich bei dem Beispiel um ein ganz normales Projekt handelte, hat die Genehmigung des Bauplanes nicht weniger als 7 Monate (von Mitte Mai 1928 bis Mitte Dezember 1928) gedauert, so daß die Absicht, mit der Bauausführung im Hochsommer 1928 zu beginnen, auf das Frühjahr 1929 verschoben werden mußte. Die Hauptakten zu dem Antrag muhten 6 Instanzen ungefähr 30 Wochen lang durchlaufen; die Nebenakten hatten 10 weitere Behörden zu passieren. Zur Beschleunigung der Genehmigung hat der Architekt insgesamt 110 persönliche Besuche und Verhandlungen auf sich nehmen müssen. Leider ist es nicht möglich, die beim Antragsteller und bei den Behörden entstehenden direkten und indirekten Geldaufwendungen feftAuftellen.
In diesem Zusammenhangs muh auch Oie Sozialversicherung erwähnt werden, die insgesamt 83,4 Millionen beitragspflichtige Personen mit einer jährlichen Deitragssumme von rund 5 Milliarden Mark umfaht. Auch diese ungeheuere Summe wird in zahllosen kleinen Einzelbeträgen aufgebracht, die auch wieder wie bei der Lohnsteuer von der Wirtschaft ohne Entschädigung für die ihr dadurch ent-
verschwundenen eingeborenen Bettler den gesamten Inhalt der Börse, 18 Hundertgulden- scheine, als „Almosen" verabreicht hatte...
Wenn ein Ei auf Reisen geht.
(a) Neuyork.
Der Farmer Fairbank in Monticelli (Iowa) hatte eine vierzehnjährige Tochter Miriam. Eines Tages, als das kleine Fräulein die für den Neu« yorker Wintermarkt bestimmten Eier verpackte, zerbrach es sein Köpfchen über volkswirtschaftliche Probleme und kam auf den eigenartigen Gedanken, auf ein Ei die Bitte zu schreiben, der Käufer in Neuyork möge ihr mitteilen, was er für das Dutzend bezahlen mußte. Bald darauf erhielt Miriam, die Wißbegierige, ein Telegramm aus Brooklyn: Frau Beatrice Ganis brachte ihr wunschgemäß zur Kenntnis, daß sie bei ihrem Stammhändler 60 Cents für zwölf Stück frische Hühnereier zahlte. Miriams Baker nahm aber nur 18 Cents dafür; folglich wurden an einem Dutzend über zweihundert Prozent verdient. Der Columbus, der diese Eierstage losen konnte, wurde noch nicht geboren.
Das Huhu — die Hühner.
(g) Rom.
Die Ehegattin eines der höchsten Turiner faszistischen Würdenträger, die neben ihren gesellschaftlichen Talenten auch das einer Geflügelzüchterin betätigt, entdeckte eines Morgens bei einer Inspektion ihrer kleinen Hühnerfarm, daß ihre Lieblingshenne, ein prachtvolles, schwarz- weiß gefedertes Huhn, spurlos verschwunden war. Damen find nun einmal immer für sensationelle Erklärungen, und so konnte das schwarz-weiße Huhn nur gestohlen sein. Also galt es, die Polizei auf die Fährte des gewissenlosen Diebes zu hetzen, der es gewagt hatte, ihr, der Frau des gefürchteten faszistischen Chefs, das Lieblingstier zu rauben. Die Dame telephonierte nicht nur den Vorsteher des zuständigen Reviers an — mit gemeinen Polizisten brauchte sie sich- doch nicht abzugeben! —, sondern auch einige Ressortleiter des Turiner Polizeipräsidiums und den Herrn Polizeipräsidenten selbst. Alle angerufenen Beamten äußerten am Fernsprecher ihr Entsetzen über die unerhörte Missetat und verschworen sich hoch und heilig, alles in ihren Kräften Stehende zu versuchen, um des Täters und feiner Deute habhaft zu werden.
stehende Arbeit und Kosten vereinnahmt werden. Daß diese nicht unerheblich sind, kann man daraus schließen, daß die Verteilung und Verwaltung dieser Beträge ein Personal von rund 7(1000 Köpfen erfordert, das bei einem Durchschnittsgehalt von 200 Mark im Monat fast 175 Millionen Mark im Iahre erfordert.
Wenn man nun noch daran denkt, wie stark d.ie ganze behördliche Regelung des A r b e i t s - Verhältnisses den Unternehmer durchTarif» und Schlichtungsverhandlungen und Termine vor Arbeitsgerichten in Anspruch nimmt, dann wird klar, wieviel unproduktive Arbeit er zugunsten unserer öffentlichen Verwaltung leisten muh. Man versteht bann aber auch, daß er sich gegen deren weitere Aufblähung wehrt und auf Vereinfachung drängt.
llnfallversicherungöverbant) der Gemeinden.
Der Minister für Arbeit und Wirtschaft K o » rell hat die Städte Alzey, Bad-Nauheim, Butzbach, Bensheim, Bingen, Darmstadt, Friedberg, Gießen, Heppenheim, Mainz, Offenbach, Oppenheim und Worms zur gemeinsamen Durchführung der Unfallversicherung zu einem Versicherungsverband
Am Mittag begannen sich die Wirkungen dieses polizeilichen Feuereifers in geradezu überraschender Weise zu zeigen. Dis drei Uhr nachmittags hatten der Polizeipräsident, seine Ressortchefs, verschiedene Reviervorsteher und andere Leute, die von der Missetat gehört hatten, der bestohlenen Dame — visrzehnmal je ein gestohlenes schwarz-weißes Prachthuhn überbracht. Der „Täter" allerdings war nicht gefaßt worden, dafür aber hatten die Geflügelhändler in diesem Tage, mitten in der toten Saison, ein verblüffend gutes Geschäft gemacht.
Und, was das Allerschönste an der ganzen Geschichte ist, das eigentliche, wirklich verschwunden gewesene Huhn stellte sich noch am -selben Nachmittag aus einem Nachbarsgarten wieder ein, wohin es einem majestätischen, bunten Hahn zuliebe einen kleinen Ausflug unternommen hatte.
Herr Eisenbahner.
(p) Konstantinopel.
Hafian, Achmed, Mehmed, Mustapha, Nuri usw., das sind die türkischen Rufnamen, die unter zehnen alle mindestens einmal vorkommen. So heißt der Vater, und so heißt der Sohn. Spaßig ist es, wenn man einmal einer türkischen Gerichtsverhandlung beiwohnt und dann hört, wie sich die Personalienaufnahme so eines armen türkischen Delinquenten abspielt. „Wie heißt du," so fragt der strenge Gerichtsherr den Gesetzesübertreter, und „Hassan" lautet die Antwort. „Welches ist dein Datername?", und „Achmed" Hingt es herüber. Der Mann kennt also von sich und seinem Vater nur den Rufnamen. So ist es nicht etwa nur im niederen Volke, sondern überall, und es hat sich deshalb in den türkischen Schulen auch der Brauch eingebürgert, die Schüler einfach nach Nummern zu führen. Es gab eben bisher im Türkischen mit wenig Ausnahmen überhaupt keine Familiennamen. Wo sie ausnahmsweise bestehen, da sind sie entweder von dem Vornamen oder von der Tätigkeit irgendeines Vorfahren der Familie gebildet worden. Agaoglu, der Sohn des Olga, Saradschoglu, der Sohn des Sattlers, das sind so einige der bekanntesten türkischen Familiennamen, wozu dann noch mehrfach solche kommen wie Hassanoglu Achmed, Hassans Sohn Achmed, wobei aber schon jede Differenzierung aufhört, da ein derart gebildeter Name in jeder Schulklasse, in jeder
zusammengeschlossen als einer Körperschaft deS öffentlichen Rechts. Der Verband ist Träger der reichsgesetzlichen Unfallversicherung für die nachstehenden Betriebe und Tätigkeiten seiner Mitglieder: a) Krankenhäuser, Heil- und Pflegeanstalten, Entbindungsheime und sonstige Anstalten und Einrichtungen der Wohlfahrtspslege und im Gesundheitsdienst; b) Laboratorien für naturwissenschaftliche, medizinische oder technische Untersuchungen; c) für Schauspiel-Unternehmungen, Schaustellungen, Musik- und gesangdeklamatorische Vorführungen. Lichtspielbetriebe und Rundfunksendebetriebe; d) für Bauarbeiten und Tätigkeiten bei nicht gewerbsmäßigem Halten von Reittieren oder Fahrzeugen in anderen als Eisenbahnbetrieben und c) für Röntgeneinrichtungen.
Ein koloniales Ehrenmal in Oberheffen?
= Bad-Nauheim. 27. Iurn. Kurz nach dem Weltkriege ging von Kolonialdeutschen, die hier Zuflucht gefunden, der Gedanke aus. zur Erinnerung an die koloniale Betätigung Deutschlands hier ein Kolonialdenkmal zu errichten. Gedacht war ein Ehrenmal in Gestalt der ostafrikanischen Veste Mpapua, das gleichzeitig als Kolonialmuseum Verwendung finden sollte. Der ehemalige Ostafrikaner Oberstleutnant Fonck hatte dafür bereits seine umfangreichen ostafrikanischen Sammlungen zur Verfügung gestellt. Pläne für das zu errichtende Reichs-Kolonialehrenmal lagen bereits vor und waren auch zu einem Modell gestaltet, das mit den Fonckschen Sammlungen längere Zeit ausgestellt war und den Beifall aller Kolonial- freunde fand.
Dis Stadt war von der verkehrswerbenden Kraft der geplanten kolonialen „Saalburg" überzeugt und erklärte sich daher nach Beschluß der Stadtverordnetenversammlung bereit, das Gelände für das Ehrenmal, das auf dem nahen Lichtenberg, unweit des Johannisbergs, einen würdigen Platz finden sollte, kostenlos zur Verfügung zu stellen. Die Stadt trat mit der Bad» und Kurverwaltung auch dem eingetragenen Verein „Kolonial-Ehrenburg" als Stifter bet, der im ganzen Reiche schon zahlreiche Stifter, Mitglieder und Freunde zählte und bereits über ansehnliche Mittel verfügte, die zunächst dazu verwandt werden sollten, den Gedanken des Kolonialdenkmals im ganzen Reiche zu propagieren. Die Presse der verschiedensten Richtungen erwärmte sich auch schon für den Plan. Da kam die Inflation, verschlang die für Werbezwecke bestimmten Geldbeträge in Höhe von 16 000 Mark und zwang damit den Verein, seine Tätigkeit nach vielversprechendem Anlauf wieder einzustellen.
Eine Mitgliederversammlung des Vereins Kolonial-Ehrenburg, die jetzt unter dem Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Dr. Fuhr stattsand, hatte nun über Auslösung oder Fortbestand des Vereins zu beschließen. Man entschied sich dahin, die Vereinstätigkeit wieder neu -u beleben, den Plan der Errichtung eines Ehrenmals weiter im Auge zu behalten und von neuem für den Gedanken zu werben, damit er in wirtschaftlich besseren Zeiten zur Ausführung kommen könne. Der Aufsichtsrat wird in nächster Zeit zusammentreten, um die Finanzierung der Propagandatätigkeit zu beraten. Man ist sich bewußt, daß städtische Mittel für den ideellen Plan, dessen Ausführung allerdings einen in wirtschaftlicher Hinsicht nicht zu unterschätzenden Anziehungspunkt für den Fremdenstrom schaffen würde, kaum in Anspruch genommen werden können, solange lebenswichtigere kommunale Aufgaben zu lösen sind. Rur interessierte Verbände und auch Einzelpersonen im ganzen Reich können das Werk schaffen. Es sollen daher die Fäden wieder geknüpft werden, die durch die Inflation zerrissen tooröen sind; vor allem will man die großen kolonialen Körperschaften, wie die Deutsche Kolonialgesell- schaft, den Bund für koloniale Erneuerung, den Kolonialkriegerdank usw. zunächst wieder für den Plan gewinnen und zur Mitarbeit heranziehen.
Kompagnie ein paarmal vorkommt. Eine Statistik, eine einwandfreie Volkszählung ist mit so mangelnder Unterscheidung der Personen und Familien natürlich nicht durchzuführen. So beschloß nun die türkische Regierung, auch hier zu modernisieren. Im zuständigen Ausschuß der Nationalversammlung liegt jetzt ein Gesehesantrag zur Beratung vor, nach welchem jeder erwachsene türkische Staatsbürger jetzt einen Familiennamen zu wählen hat, der obligatorisch auf seine Nachkommen übergeht. Schon jetzt beginnt also das Suchen nach dem neuen Familiennamen, der nicht immer leicht au finden ist. Ganz schlau aber war eine Türkin, die kurz nach dem Tode ihres Mannes einen Knaben auf der Reise in der Eisenbahn gebar. Sie legte dem Iungen einfach den Namen Demirjoldschu — Eisenbahner bei.
Goldene Zähne.
(s) P ra g.
Rund um die Liebe gibt es auch noch heut, in unserem ach so realistischen Zeitalter, noch gar viel Absunderliches. ... Wenn auf ländlichen Festlichkeiten, oder auch anderswo, heißblütige Liebhaber Tische, Stühle, Gläser kurz und klein und sich selber die Schädel blutig schlagen, um der Angebeteten die Stärke des Gefühles zu zeigen, so ist das durchaus nichts besonderes.
Die karpathorussischen Bäuerinnen aber verlangen andere und eigenartigere Liebesbeweise von ihren Verehrern. Richt dem Nebenbuhler, der Liebsten selbst muß der karpathorussische Bursch ein paar Zähne ausschlagen, wenn er wahre Zuneigung für sie empfindet.
Bei den Karpathorussinnen gilt es nämlich seit einigen Iahren als besonders schön und als Zeichen von Wohlhabenheit, wenigstens zwei Goldzähne zu besitzen. Schöne, sichtbare goldene Schneidezähne. Da die Mädchen sich nun aber fast alle durchweg prachtvoller, bewundernswert gesunder Gebisse erfreuen, lehnen natürlich die meisten Zahnärzte ihren Klientinnen zu deren großer Betrübnis die verlangte Schönheitsoperation, vollständig fehlerlose Vorderzähne zu ziehen und durch goldene zu ersehen, ab. Worauf allmählich der schöne Brauch entstanden ist, vom Anbeter als Pfand der Liebe ein paar ausgeschlagene Vorderzähne — je mehr, je besser — zu verlangen, damit der gute Ruf von Schönheit und Reichtum gewahrt bleibe.
Der Goeche-Almd im Mre 1928/29.
Man schreibt uns: Mit dem abgelaufenen Vortragsprogramm 1928 29 beschließt der Goethe- Bund zugleich eine fünfzehnjährige Betätigung. Das Vortragsprogramm brachte reiche Abwechslung. Vier Dichterabende vermittelten wiederum die persönliche Bekanntschaft mit Persönlichkeiten unserer zeitgenössischen Dichtkunst. Am ersten Dichterabend hatte der flämische Dichter Felix Timmermans schnell die Herzen seiner zahlreichen Zuhörerschaft gewonnen. Am nächsten Dichterabend sprach Frank Thieß über das aktuelle Thema „Krisis und Neuordnung der Ehe". Seine tiefschürfenden, feinsinnigen, in formvollendeter Rede wiedergegebenen Ausführungen sanden starken Beifall. Zum dritten Dichterabend konnte der Bund Carl Zuckmaher als Gast in seiner Mitte beqtühen. Das starke Interesse, das den Bühnenwerken des Dichters allseits entgegengebracht wird, bekundete sich auch bei der persönlichen Vorlesung des Dichters aus seinen weniger bekannten Prosa- und lyrischen Werken. Den Abschluß bildete die Vorlesung des Dichters Anton Wildgans aus seinen Werken. Ein Abend, eigen in seiner Art, mit einem sehr beschaulichen und feinabgestimmten Inhalt. Das Zustandekommen einer engen Arbeitsgemeinschaft zwischen dem Stadttheater und dem Goethebund verlieh der Dundesarbeit im vergangenen Vortragsjahr eine besondere Bedeutung.
Im Rahmen dieser Arbeitsgemeinschaft wurde zunächst ein Kammerzyklus mit vier literarisch und dramaturgisch interessanten Darbietungen, wie sie der allgemeine Spielplan des Theaters nur selten bringen kann, veranstaltet. Als erste Morgenfeier ging Goethes Lustspiel „Die Mitschuldigen" und als zweite Morgenveranstaltung „Der Ackermann aus Böhmen" von Iohann von Saaz unter der persönlichen Spielleitung des Intendanten in Szene. Die erste Morgenfeier wurde in stimmungsvoller Weise durch Mozarts Serenade in O»Dur eingeleitet, gespielt vom Collegium muficum unserer Universität unter Leitung seines Dirigenten Dr. Temesvarh. Für die dritte Veranstaltung war die bekannte Spielschar des Theaters der Musikalischen Komödien Erich Fischers gewonnen worden. Den Abschluß des Kammerspielzhklus bildete das Gastspiel der Kammersängerin Anna Bahr-Mildenburg. Unter dem Titel „Schauspiel in der Oper" zeigte die Meisterin in Szenen von Gluck bis Richard Strauß in einzigartiger Weise das Problem des Zusammenhangs von Wort, Ton und Geste.
Des weiteren erbrachte die Zusammenarbeit mit dem Stadttheater ein Gastspiel der Haas-Derkow- Festspiele mit dem „Paradeisspiel" und dem „Totentanz". Unvergeßlich für jeden, der Zeuge dieser eigenartigen und ergreifenden Kunstdarbie» tung fein konnte.
Schließlich war im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft mit dem Stadttheater noch vorgesehen die gemeinsame Veranstaltung von dramaturgischen Einführungsvorträgen zu besonders interessanten Aufführungen des Stadttheaters. Der Dramaturg des Stadttheaters Dr. Ritter hielt einen Vortrag über „Das moderne Theater" unter besonderer Berücksichtigung des Spielplanes des hiesigen Stadttheaters.
Auch die Vortrags - Vereinigung brachte im vergangenen Winter ein wertvolles Vortragsprvgramm. Der Goethe-Bund nahm zusammen mit dem Kaufmännischen Verein und dem Ortsgewerbeverein regen Anteil an der Ausgestaltung dieses volksbildnerischen Vortragswesens. Es war gelungen, den bekannten Asiensorscher Dr. Wilhelm F i l ch n e r zu einem Lichtbildervortrag über die Erlebnisse seiner letzten Indienexpedition nach Gießen gewinnen zu können. Dr. Filchner gab an Hand guter Lichtbilder einen spannenden Ueberblid über seine Forschungsreise, ihre kostbaren Ergebnisse und ihre unzähligen Gefahren. Die folgenden Vorträge brachten den Physiker Wilhelm Pauck, der über das aktuelle Thema der Aetherwellenmusik sprach und an Hand einer wertvollen und umfangreichen Apparatur die Probleme des musikalischen Klanges zeigte. Auf ein feinabgestimmtes Weihnachtskonzert der Darmstädter Madrigal- Vereinigung unter Leitung ihres Dirigenten Professor Dr. Noack folgte ein Lichtbildervortrag von Emma Kott mann über den Bodensee. Mit einem heiteren Abend des Vortragsmeisters Emil Kühne schloß das Programm der Vortrags-Vereinigung. — Zum Schluß bedarf noch eine Veranstaltung des Bundes wegen ihrer originellen Ausgestaltung der besonderen Erwähnung: der literarische Gesellschaftsabend in den Räumen des Gefellschaftsvereins, zu dem die bekannte Sprechkünstlerin Resi Langer mit einer Chansonrevue „Geist-Wih-Humor" als Gast eingeladen worden war. So hat der Goethe- Bund eine reiche Fülle künstlerischer Gaben und kostbare Stunden geistiger Erbauung feinen Freunden und Mitgliedern geschenkt.


