Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Donnerstag, 28 November (929
Bei den deutschen Auswanderern in Moskau
ncm deutscher
M dem Thespiskarren nach Amerika
lies Beiprogramm!
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Ifte.
neue Vc-
ugeheizte Schulzimmer, selbst wenn das Thermo- icter unter Null sinkt. Immerhin haben bei der
it)ien Bärenkälte im Januar, als sämtliche Oran-
Licht ge- von acht
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weihen Pferden gezogenen Märchenkutschen. So fährt der König vor beim Papste, so holt man den Kronprinzen ab und seine Prinzessin. Hundert Jahre alt ist diese „berlina“ namens Maria Theresia", der Hochzeitswagen Karl Alberts, der Hochzeitsnagen Viktor Emanuels des Zweiten und König Humberts, überladen mit Putten und Schwänen, Girlanden und schnäbelnden Tauben und Amors Liebespfeilen, von einer mächtigen Krone überragt und so schwer, dah die Nosse, die sie ziehn zu dürfen die Ehre haben werden, schon jetzt trainiert werden müssen...
die Hochzeit des Kronprinzen und im Anschluß daran tagelange Volksfeste. Wo hört der Prunk auf und beginnt der Pomp, wo enden
die alten Historien und fängt die schichte an?
Verpönt sind die Automobile, ans zogen werden die Glaskarossen, die
leibliche Vernichtung drohte diese i wackeren R'än- Kultur und deutscher Arbeit in
nicht, gleichviel, ob man sie kauft oder mietet. Durchschnittlich lostet der Raum 12 000 Lire, eine Dierzimmerwohnung mit Nedengelassen also etwa 120 000 Lire. Man braucht aber nur ein Viertel anzuzahlen, der Rest verteilt sich «auf die 25 steuerfreien Jahre. Mietet man dieselbe Wohnung, so kommt man unter 12 000 Lire im Jahre nicht weg. Auch für ältere Sechszimmerwohnungen werden 1500 bis 2000 Lire monatlich gefordert.
fernsten und abgelegensten Wildnissen. Als deshalb günstige Nachrichten von Glaubensgenossen aus Kanada eintrasen, die schon früher die Geduld verloren hatten und ausgewandert waren, da hielt sie nichts mehr in dieser Hölle. Teils vorteilhaft, d. h. zu einem wenigstens einigermaßen angemessenen Pre.s, teils aber auch Hals über Kopf verkauflen sie ihre Besitztümer, die jetzt schon seit Gererationen bewirtschaftet werden, und ergriffen die Flucht. Denn es i st eine Flucht, eine Massenslucht deul'cher Qualitätsmenschen aus der kommunistischen Hölle. Erst langsam, tropfenweise, in Trupps von fünf oder sechs Familien, dann in größeren Abteilungen und schließlich kolonien- und stadtweise verließen sie ihre Heimstätten, mit einem einzigen Ziel vor Augen: Nach Moskau, um „das Papiei?', den Pah für die Ausreise zu erlangen.
Walroß-Jagden m Bildern von der hPack-u-Treibeisl Geheimnisse und tgenden, die auch d Amundsen
In diesen Tagen begibt sich ein deutsches Opernensemble mit eigenen Dekorationen in die Vereinigten Staaten. Der Impresario des Unternehmens, Kammersänger Dr. Bolz, weihte unseren Mitarbeiter in die Schwierigkeiten und die sonst vertraulich gehaltenen Kontrakte der deutschen Operntournee ein.
Das Interesse an der deutschen Oper ist in den Vereinigten Staaten stets sehr groß gewesen. Vor dem Kriege veranstaltete gewöhnlich das Ensemble der Neuyorker Metropolitan-Oper Gastspiele in der amerikanischen Provinz und machte die größeren Städte mit deutschen Opern bekannt. Nach dem Kriege, besonders wahrend der Inflation, schossen Schwindelkonzerne wie Pilze aus der Erde, die deutsche Künstler unter Vorspiegelung großer Valutagewinne nach Amerika herüberlockten. Diese unsoliden Unterneh- munaen, denen es aber mehrfach gelang, auch namhafte Opernsänger und Dirigenten zu täuschen, brachen oft noch vor der Einreise ins gelobte Land des Dollars, sozusagen auf hoher See, zusammen. Der Impresario erklärte dann meist, er habe erst später erfahren, daß die notwendigen Mittel nicht hätten zusammengebracht werden können. Das engagierte Ensemble geriet meist in eine geradezu verzweifelte Lage, und Mitglieder des Chors und Orchesters, denen das notwendige Minimum an Dollars, das zum Dekreten des amerikanischen Bodens erforderlich ist, nicht ausbezahlt werden konnte, muhten in den Emigrantenbaracken auf Long-Jsland warten, bis sich eine Gelegenheit zur Rückkehr in die Heimat bot. Ein ähnliches Schicksal war auch den Mitgliedern einer deutschen Operettentournee durch Südamerika, der sog. Leo-Fall-
Kaiserlich, fürstlich oder päpstlich? Die Römer sind im Zweifel, wie sie die außergewöhnliche Saison dieses Winters bezeichnen sollen. Denn auf die saszistische, die alljährlich mit den Er innerungsfeiern cm den Marsch aus Rom und den „größten Sieg der Weltgeschichte" beginnt, folgt diesmal eine königliche: am 5. Dezember der Desuch der Souveräne im Vatikan. am 8. Januar
fanden. Dieses königliche Opernhaus hat jetzt fraiscfarbene Samtfauteuils im Parkett und der billigste Platz kostet dort 150 Lire. Aber die Saison beginnt erst um Weihnachten herum und dauert bis in die Maihitze hinein.
Auch das Fest des Lichts wird allerdings in der großen Masse erst spät gefeiert, an der „Besann", und dieser Epiphaniastag zieht sich den ganzen Januar hindurch. Entsprechend langsam erwacht die Gesellschaft. Man tanzt am liebsten aus dem lästigen Winter, den man gerne verschlafen würde, in den Frühling hinein.
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Ein Opernensemble reist ins gelobte Dollarland
Von Fred E. Dillinger.
geleistet und sich stets als treue Diener und Untertanen des Staates erw.esen. Erst der bolschewistischen Regierung, die die nationale und geistige Duldsam.eit gepachtet haben will, blieb es Vorbehalten, diese treuen Staatsbürger m i t Gewalt zum Militärdienst zu pressen. Der Eeduldsbecher war damit übervoll. Wer den unbarmherzigen bolschewistischen Ge- treideeintreibern nicht mehr geben konnte als er besah, dem wurde die letzte Kuh. das letzte Pferd aus dem Stall geholt: wer die Strafsteuern nicht bezahlen konnte, der wurde von Haus und Hof verjagt: wer in die Kirche ging und die Dibel las, dec muhte gewärtig sein, wegen „rlliglls.n Unfugs" ang'.klagt zu werden: wer sich schließlich iem von der Religion verbotenen Heeresdienst entzog, wurde w:gen Desertion vor Gericht gestellt und verurteilt.
Das Maß war voll. Geistige, seelische und
ffnbäume erfroren und der Schnee wochenlang ügenblieb, manche Eltern schon dagegen pro- Irriert und in den Neubauten fängt man jetzt an, ventralfjerrungen einzurichten, ja sogar die ge- iMtcrten Zimmerböden mit Holz oder, der wussten Errungenschaft, Linoleum zu belegen. <wtzdem weih die Gesundheitsstatistik nichts von tuet Zunahme der Krankheiten zu berichten.
Nicht überall macht der Fortschritt so reihende lxrtschritte. Wir haben zum Beispiel ein bei- Ijc neues, schönes Opernhaus bekommen, durch bau des altehrwürdigen Costanzi, in dem man i Cisenstühlchen sah, die lange vor dem Auf chen des Dorhangs wie Schachfiguren durch- anderrutschten, so dah die Masse der Zu
Kommenden nur mit Aufgebot eines anderen, t südlichen Theaters ihre Reihen oder Plätze
Tournee, beschiedcn. Die Rot des betrogenen Chorpersonals war so groß, dah seine Mitglieder buchstäblich auf der Straße betteln muhten, um nicht zu verhungern.
Wenn kein beabsichtigter Betrug vorlag, mangelte es an Organisation. So wurde im Jahre 1923 eine gut gemeinte deutsche Operntournee unternommen, die aber daran scheiterte, dah der Manager mit amerikanischen Verhältnissen gar nicht vertraut war. Nach dem Zusammenbruch des Unternehmens entschlossen sich die Künstler, auf Teilung zu spielen, und konnten nach erfolgreichem Auftreten in Boston und Chikago auf eigenes Risiko wenigstens so viel verdienen, daß die Reisekosten gedeckt waren. Dem künstlerischen Niveau dieser Operndarbietungen wurde in den meisten Fällen nicht die genügende Beachtung geschenkt. Man bediente sich z. B. der in den amerikanischen Theatern vorhandenen Dekorationen, und so konnte eS manchmal geschehen, daß Wagners „Siegfried" mit Dekorationen gespielt wurde, die einen tropischen Palmenhain darstellten, während man int „Tannhäuser" statt des berühmten Sängersaales in der Wartburg sich mit einem orientalischen Palast begnügen muhte. Als einmal einer der Hauptdarsteller des „Siegfried" erkrankte, ent- schloß sich ein Manager, um die Einnahmen nicht zu verlieren, die Oper ohne die wichtige Partie des „Mime" zu spielen, die von einer Trompete im Orchester geblasen wurde.
Kammersänger Dr. Bolz, der die künstlerische Leitung der diesjährigen Tournee übernommen hat, erzählte darüber folgendes: „Ich bin schon im vorigen Jahre mit einer deutschen Operngesellschaft in den Vereinigten Staaten gewesen und habe dabei allerlei erlebt. Es ist gewiß
Jetzt lagern die Unglücklichen vor den Toren Moskaus und warten auf ihre Verladung. Ausgepowert sind sie unterwegs, teils von Gewissenlosen, die sich ihre Unkenntnis der Moskauer Verhältnisse zunutze gemacht haben, teils aber auch von den Behörden, die ihnen ohne Unterschied den üblichen Satz von 220 Rubel für den Auslandspaß abnehmen: arm sind sie geworden, auch die Wohlhabenderen, die mit glatter Selbstverständlichkeit ihre weniger begüterten Genossen unterstützten. — Und was soll werden? Mit Grauen denken die Unglücklichen an die von den Bolschewisten angedrohte Möglichkeit eines Rücktransportes nach Sibirien, wenn die kanadische Einreiseerlaubnis nicht rechtzeitig eintrifft. Ist diese Grausamkeit überhaupt auszudenken? Diese Unglücklichen, aller Mittel bar, ohne Haus und Heim, in den sibirischen Winter dem sicheren Tod zurüctzuschicken?! Der deutsche Konsul hat sich ihrer in anerkennenswerter Weise angenommen. Manche härteste Not konnte gelindert werden. Aber noch droht das Verhängnis. Es ist nicht auszudenken, was geschieht, wenn bic Drohung des Rücktransportes Wahrheit werden sollte. Denn wie die Deutschen, die dem Deutschtum nur Ehre machen, den Versuchungen der reichsdeutschen kommunistischen Agitatoren widerstanden haben, die sie mit vielerlei Versprechungen wieder aur Rückkehr bewegen wollten, so werden sie sich auch gegen jeden Versuch wehren, der sie von ihrem Vorhaben abbringen könnte. Sie wollen hinaus aus der kommunistischen Hölle, diese Sechstausend, die doch nur ein kleiner Trupp bleiben in der großen, unübersehbaren Menge jener, die die neue Völkerwanderung aus dem Elend angetreten haben und ähnlich ihren, schon feit 1925 jenseits des großen Wassers befindlichen Glaubensbrüdern sich in der neuen Welt eine neue Heimat gründen wollen.
Bisher bildeten die ciclisti eine privilegierte Klasse, die weder mit Laterne noch Bremse und Glocke, dafür mit dem Vorrecht ausgestattet war, jedermann anzurempeln und auch Automobile zu überfahren. Die Jagd galt nur den letzteren. Die find „immer in contravenzione“, sie zahlen ohne Mucksen, sie lassen sich ohne einen Hup ton abweisen unb wegweisen, sie sind immer im Unrecht. Täglich kommt es vor, daß ein aus der Seitenstraße hervorvreschender Radfahrer plötzlich auf dem Kühler sitzt, statt auf seinem Sattel, und jedesmal kriegt der Automobllist ba^ür f.i e multa, seine Buße, während sich die Leute um den poveretto, den armen Teufel von einem Ciclisten scharen.
Dieser Sport soll nun aufhören. Der Herr Gouverneur hat die Agenten angewi.sen, gegebenenfalls auch die Herren Radfahrer unter die Verkehrsstörungen einzureih?n und ihnen eine Bremse vorzuschrciben. Vermutlich hat sich ihm gestern einer auf den Kühler gesetzt.
Wer nur die statistischen Zahlen vor die Augen bekommt, muß übrigens glauben, mit dem Verkehrsgewühl könne es so arg nicht fein. Hat doch Mailand nur 18800 Automobile, Rom 12 000 und Neapel gar nur 6000, bei je einer Million Einwohner. (Die Lagunenstadt Venedig zählt merkwürdigerweise ebenso viele wie ganz Sardinien.) Aber diese 12 000 römischen Automobile drängen sich tagsüber fast alle auf den winzigen Raum zu beiden Seiten des Corso zusammen. Man könnte auf ihren Dächern laufen.
Maschinenfabrik Fulda GA 501 "KÄ* crzieleESlektro' ’Ssä U Mascb'D611
WieAldegardvonMgenZahnweh heilte.
Die Heilige Hildegard von Dingen, deren Gedenkfeier in diesem Jahr mit erheben- Den Festlichkeiten begangen worden ist, und deren ehrwürdiges und rätselvolles Bild Kurt Ar am im Dezemberheft von Velhagen & Klafings Monatsheften unter dem Beistand neuzeitlicher Seelenkunde beschwört, bat in ihren Schriften ein Rezept gegen Zahnweh hinterlassen. Es lautet: „Wer gesunde und kräftige Zähne haben will, nehme morgens, wenn er sich von seinem Bett erhebt, reines und kaltes Wasser in seinen Mund und lasse es während einer mäßigen Stunde darin, so daß es faulige Stoffe, die um die Zähne sind, auslöse... Benagen Würmer die Zähne eines Menschen, so nehme er zu gleichen Tellen Aloe und Myrrhe, tue sie in ein irdenes Gefäß mit einem enger. Schnabel, in dem glühende Duchenkohlen sind, und lasse den Rauch durch den engen Schnabel an den leidenden Zahn hinziehen. Dabei habe man die Lippen offen, die Zähne jedoch fest zu sammengepreßt, damit nicht zu viel Rauch in die Kehle komme. Das mache er zwei- bis drei mal am Tage, und hat er es fünf Tage lang getan, wird er geheilt werden. Da nämlich die Wärme der Aloe und der Myrrhe zugleich mit der Wärme und Kühle der glühenden Kohleir erweckt wird, vernichten deren Rauch die Zahn- Würmer.
irführung lordpol itragz. Geschichte
sind die Frauen. Still, ergeben in ihr Schicksal, nehmen diese Prüfung als gottgewollt hin, wie es ihre treue Bibel lehrt. Halten die fremde Behausung, die sie alle hoffentlich bald verlassen werden, peinlich sauber, sorgen für Ordnung, wie es einer deutschen Frau geziemt, ohne viel Aufhebens davon ^u machen, ilnb betreuen die Kinderschar, die in jeder Familie die Durchschnittszahl von 6 bis Z erreichen dürfte.
Was ist der Sinn und die Ursache dieser Massenflucht aus der Sowjetunion? Der russische Bauer, der stumm den Gesprächen der Deutschen lauscht, kratzt sich hinter dem Ohr und nickt zustimmend. Rur, daß er es den Deutschen nicht nachmachen kann. Weil es ihm an Initiative mangelt, weil er den Schlendrian gewöhnt ist. Der Deutsche fühlt aber, daß eine historische Epoche abgeschlossen ist. ileber zweihundert Jahre, seit der großen Katharina Zeiten, sahen diese Niederdeutschen und Schwaben auf ihrer Scholle. Blühende Oasen unter den unordentlichen und verkommenen Dörfern der russischen Muschiks haben sie geschaffen und eine Landkultur herangezüchtet, deren Wert von der russischen Voikriegsrcgierung trotz gelegentlicher Schikanen richtig eingeschäht wurde. Sie sind echte Pioniere des Deuts chtums, diese Kolonisten, das größte und stärkste Bindeglied zwischen dem Reich und Rußland. In ihren Siedlungen erhielten sie sich inmitten des russischen Vclkergemisch ihre Sprache, Religion und Kultur in seltener Reinheit. Ihre deutschen Schulen, Kirchen und gemeinnützigen Anstalten erhielten sie sich aus eigenen Mitteln. Die russische Regierung wußte den Einfluß ihrer Musterwirtschaften auf die umliegenden Bauerndörfer zu schätzen und ließ ihnen alle mögliche Förderung angedeihen. Wuchs eine Siedlung über ihre Grenzen hinaus, vermehrte sich ihre Bevölkerung zu sehr — unb das geschah in fast jeder Generation um das Doppelte — dann wurde aus der Umgegend Land hinzugekauft aus gemeinsam aufgebrachten Mitteln. — Ueberclll in Rußland sitzen diese deutschen Kolonisten, an der Wolga, im Ural, im Nordkaukasus, in Wolhynien, in Sibirien in einer Anzahl von weit über einer Million Seelen. In der Hauptsache sind es Evangelische, geringer ist die Zahl der Katholiken, während in Sibirien und im Kaukasus, sowie teilweise an der Wolga Mennoniten, Baptisten und andere Sektierer sich angesiedelt haben.
Die bolschewistische Landreform hat die Grundlage ihrer Wirtschaften zerstört, mehr noch: sie hat ihre Auffassung von der Heiligleit des Eigentums ange lastet. Aber auch damit versuchten sich die Deutschen, die stets „dem Kaiser gaben, was des Kaisers war," auszusöhnen. Auch sie errichteten Kommunalwirtschaften, wie es die neuen Machthaber forderten, schlossen sich zusammen, bewirtschafteten gemeinsam ihr Land und — ihre Felder trugen trotzdem, sie zahlten trotzdem ihre Steuern. Aber auch das war den Moskauer Seligmachern nicht recht. Denn nach chrem System muhte kommunalisiert und soziaiisiert werden. Und mit der Kommunalisierung des Landes sollte eine Kommunalisierung der Geister und der Einrichtungen des Lebens Hand in Hand gehen. Vergleicht man die ein'c.nen Etappen der brutalen Stalinschen Bauernpolitik mit den Angaben dieser Wänndr, so geht unzweideutig daraus hervor, daß das Leben in dem bolschewistischen Paradies erst zu einer Hölle wurde, als man in Moskau mit „der schwächlichen Friedenspolitik" gebrochen und zu einem rücksichtslosen Durchgreifen übergegangen war.
Hinzu kam, daß man jetzt die glaubens treu en Mennoniten dazu zwingen wollte, ihrem Glauben zu entsagen und in den Dienst der Roten Armee einzutreten. In der Zarenzeit waren sie vom Heeresdienst befreit. Gutwillig haben sie dafür Polizei- und Sicherheitsdienst
Römischer Kalender.
iofi unserem römischen Dr. ^.»Korrespondenten.
R o m, Ende November.
Der Tiber steigt, der Duce zieht um, die Eng- linier kommen — es wird Winter. Und damll K’ginnt, wie die Fremden meinen, die römische 6<ii f o n: also 6er ewigblaue Himmel, der Blu» re nm ar ft an der sonnigen Spanischen Treppe, ßall und Oper. Mit einem Wort das, was man unter Süden versteht und Rom für gute Dollars mb schwere Pfund herzugeben hat. (Die Mark Itllt sich erst um Ostern herum ein, in der Meinung, dann sei Frühling in Rom.)
Leider steigt der Tiber nicht aus Freude über i: Engländer, sondern weil es regnet Tag für las, und der Duce bezieht sein Stadtquartier, ceil er sich auch daheim warm arbeiten möchte. San friert nämlich in Rom, man friert hunde- i innerlich, und die guten Sarden standen mit l'enem Munde da, als die Nobelpreisträgerin 'regia D e l e d d a aus dem eisigen Norden lrückkehrte und versicherte, dort oben friere an viel weniger, weil die Häuser alle geheizt den. Geheizt? biackonna mia — und der Schnup- m, den man dann beim Herausgehen kriegt? lib die doppelseitige Lungenentzündung, eh? :o stellte man sich das nämlich vor, und nicht M in Sardinien.
Auch in Rom gibt es noch Aerzte der alten chale, die im Ofen den Herd alles Uebels er» licken. Auch in Rom schickt man die Kinder in
Oie Flucht aus dem Elend.
Von unserem dl.-Berichterstatter. ß| Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) I Moskau, 12. November 1929.
Wer in diesen Tagen durch die Straßen Mos- nus schlenderte, nicht im Zentrum, sondern dort, sich die werktätige Bevölkerung in den großen Nietskasernen zusammenballt, konnte eine seltene Feststellung machen. Die Reihen vor den örot-und Dutterläden standen wie sonst: ndlose Schlangen hungriger, ausgemer- idter, in ihr Schicksal ergebener Menschen, die arauf warten, daß sie ihre „Ration" bekommen. Aber sie alle waren von einer Unruhe befallen, «b und zu hörte man geheimnisvolle Worte, ragende Blicke. Und horchte man näher hin, o konnte man immer wieder das Wörtchen ,D i e Deutschen" heraushören. — Seit dem Kriege sind in Moskau die Deutschen nicht ähn- ich in aller Munde gewesen, wie in diesen Tagen beginnenden russischen Winters. Denn es gt bereits Schnee in Moskau, seit etwa zwei ochen schon. In diesem Teil Rußlands be- mt der Winter eben früh, schon manchmal im tobet, und dauert bis März/April an.
„Die Deutschen", das sind etwa 6000 bis 7000 utsche Kolonisten aus Sibirien, die t Wochen vor den Toren Moskaus liegen d auf ihre „Verladung" nach Kanada toarlen. krtaöung"? — Jawohl! Wie Frachtgut wer- n die Familien, bestehend durchweg aus 8 bis Köpfen — denn sie sind von einer nahezu biblischen Fruchtbarkeit, diese Mennoniien —, verladen. Und wie zufrieden sind diejenigen, die M Glück haben, auf diese Weise verladen und eblransportiert zu werden! Sie alle warten ja eil Wochen (und manche schon feit Monaten) mir auf dieses Glück der Verladung und des Abtransportes.
Am ehemaligen Alexanderbahnhof löst man sich eine Fahrkarte nach Puschkino, dem Datschen- lorort vyn Moskau. Kaum sind die letzten Häuser den Blicken entschwunden, da beginnen die .Datschen", lcichtgcbaute Sommerhäuser, in deren die ehemaligen oberen Zehntausend ihren ci>mmerur[au6 verbrachten. Heute stehen die <■ Häuser leer da, viele sind verfallen, baufällig. Aber seit einigen Wochen bekamen sie gehcimnis- falle Einquartierung. Lange Reihe blonder Ge» .. ftoltcn rückten an, energische Männergesichter, blonde Frauen, blauäugige Kinder. Und man lieht es ihren entschlossenen, zerfurchten, ja, ver- tpflenen Gesichtem an, daß es Schilscll ist, das jFid)- hier vollzieht, deutsches Schicksal. Denn sie sprechen ein merkwürdig reines Deutsch, diese ^Mennoniten aus Westsibirien, die die Flucht aus .lern Elend ergriffen haben. Ihrer Ausdmcks» Zd.ise hört man die Dibelfestigkeit an. Und unter- MMt man sich mit einem von ihnen, spricht man ||ic der/csch an, dann leuchtet die Freude darüber ihren Augen. Die Männer sind schweigsam, .ljirtnäckig, Dickschädel, von niederdeutschem Schlag. .fCii-t Generationen, sagen sie, sitzen wir auf un- —lerer Scholle. Wir haben das Land urbar gerecht, geschuftet haben wir. Schonl927 ging ■tt kaum noch. Die Steuerlast drohte, uns zu tr) rüden, das Land wurde enteignet, wir mußten , vnS immer mehr zusammendrängen. 3m vergangenen Jahr wurde es uns noch schwerer ge- .^r.nd)t. Wir gingen dem Ruin entgegen. 'Ci blieb noch die Hoffnung auf Einsicht in Mos- ^lax, die Hoffnung, daß man dort endlich die Sprache der Tatsachen und der Zahlen ver- ; leben werde. Ader — auch diese Hoffnung hat ytiogcn. Denn in diesem Jahr wurde es un» kläglich. Und *) a beschlossen wir, un» |e»er Heimat den Rücken zu kehren, r Ohne Bitternis wird das gesprochen, rein sachlich. Und damit die stärkste Kritik an rem System geübt, das den Keim der 3er- öeung in sich trägt. — Wie die Männer, so
BS! -kaniilie"' ÄtisD,., . . ubr,D Jic^fe -4^15
Wenn die Kündigungsschreiben öffentlich fliegen würden, dann sähe es jetzt geradezu hochsommerlich schwalbenhaft über den Häusern aus. Am 30. Juni 1930 fällt endgültig, nach wieder- hollen Verlängerungen, das Mieterschutz- g e s e tz und praktisch bestimmt daher schon jetzt das Urgesetz von Nachfrage und Angebot den Wohnungsmarkt. Fenster auf!
Rom dehnt die Arme. Die letzte stickige Luft muh heraus aus den Lungen. Man schätzt freilich die Zahl der Familien, die nun obdachlos werden, auf 25 000, und Gerüchte von zehnfachen Friedensmieten schwirren herum. Aber der Uedergang zum normalen Zustand wird nicht so schlimm werden, wie es aussehen mag. Denn Italien, und die Großstadt voran, hat in den letzten Jahren nicht geschlafen. Es wurde gebaut gebaut, nichts als gebaut. Und damit der Anstoß zu einem neuen Wohlstand aller Schichten gegeben, der in ter fast beängstigenden Zunahme der Automobile zum Ausdruck kommt. Romfahrer der guten alten Zeit werden die Stadt am Tiber kaum mehr ernennen, beim sie hat nun schon den Aniene einbezogen, sie hat alle Dillen und Pinienhaine des Weichbildes gefressen und die fernen Hügel überwuchert. Mustergültige Quartiere sind entstanden, mit breiten Doppelstraßen, mit Häusern, bei denen Bad, Parkett und Garage selbstverständlich sind, ohne daß man dem verfehlten Zug in die Höhe gefolgt wäre. Lieber Heine Dillini als Wolkenkratzer, lieber schnelle Verkehrsmittel, um draußen in der Campagna wohnen zu können.
Noch immer werden freilich die Wohnungen lieber verkauft, so daß ein Haus so viel Haus besiher hat, als es Wohnungen aufweist, aber es wimmelt doch auch wieder von den Schildern
Zu vermieten". Don einer Wohnungsnot kann man jedenfalls nicht mehr sprechen. Und die
Preise? Ja. billig ist so eine moderne casa
S718A
Nr. 279 Zweites Blatt


