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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

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Allerhand Geschäfte.

Von Sigismund von ^adecki.

Einem englischen Gericht ist neulich ein kleines Malheur passiert.

Ein Kaufmann war zu einer Strafe von 10 Schilling verurteilt worden wegen Verletzung der Sonntagsruhe, da er seinen Laden an diesem Tage nicht geschlossen hatte. Als guter Staats­bürger beeilte sich der Mann, seine Strafe so­gleich zu bezahlen und begann mit toternster Miene die Summe von 10 Schilling in einzelnen Farthings (also etwa in Kupferpfennigen) auf den Tisch zu zählen. Das war den Richtern doch zu viel: sie erklärten, dieses Zahlungsmittel nicht

Gegenteil erwarten lassen könnte: Judas. Der volkstümliche Sprachgebrauch bezeichnet noch heute einen Verräter gern mit seinem Vamen, die Literatur redet in diesem übertragenen wie auch im direkten Sinne häufig von ihm. aber die bildenden Künste lassen eine gewisse Zurückhal­tung erkennen. Das ist um so verwunderlicher, als man meinen sollte, das; schon allein die dhysiognomischen Probleme den Künstlern hätten Ansporn sein müssen.

Attribut des Beutels mit demJudaslohn" ver­zichtet, kann diese Auslegung nur stützen (inso­fern, als danach der Hang zum Materiellen schon immer ein Wesenszug des Judas gewesen sein und seit langem den Keim zu dem schmählichen Verrat gebildet haben kann). Roch Künstler, die wir denJüngsten" zuzurechnen gewohnt sind, haben hier und da einenJudas" oderJudas­kuß" geschaffen, der so oder ähnlich dazu bei­tragen will, das Rätsel eines zunächst unfaßlich scheinenden Seelenabgrundes zu lösen. Bei Pechstein kann man überdies in dem Verräter einen Fanatiker sehen, der Wohl sogar von dem Irrwahn besessen ist, mit seinem Verrat eine Misiion zu erfüllen.

Jeder mag diesen Künstlern folgen, wie weit er will. Aber auch wenn er ihre Auffassung ganz ablchnt. wird er eines doch nicht bestrei­ten können: daß sie damit erfreulich weit von den sonst vorherrschenden Darstellungsartcn ent­fernt sind. Da sind einmal dieTatsachen­berichte" der Bibel-Illustratoren (zu denen Wohl auch die Razarener zu rechnen sind), und da ist zum andern die üble Gewohnheit, den Judas als därnen schcn" Theater-Intriganten au'zumachen. Das eine wie das andere muß als eine billige Verflachung des gewaltigen Stoffes bezeichnet werden. Während eine solche nicht wenigstens nicht von vornherein vorzuliegen braucht, wenn versucht wird, den Verrat des Judas nicht als planvoll und zielstrebig gesponnene Schurkerei hinzustellen, sondern als Folge einer in ihren tragischen Auswirkungen zum Verbrechen werdenden und als Verbrechen von Judas selbst erkannten Widerstandsschwäche gegen niedrige Verlockungen oder wahnwitziges Irren.

Viorica U r s u l e a e, Emma Holl und Jean

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Der Schauspieler G. gastiert in Lyon.

Schauspieler G. benötigt dringend ein Paar Schuhe. Zugleich aber hat der Schauspieler G.

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Frcitaa, 5. Avril, abends 8'.. Hör, bei -ovstld MlorWUe fiouDtwnww iC.: (iifliiusw wDbl. -W

Maschinenmenschen, Manenmenschen mit unenf wickeltem, ungepflegtem Geist lassen sich leicht bis zur Tollheit anstacheln. Ihre 'Ausseher, durch jahre lange Unterwürfigkeit verwöhnt, sind zu schwach, um der Auflehnung der Masse wirksam entgegen zutreten. Der Wunsch nach Abwechslung, nach dem Aufhören der ewigen Gleichmäßigkeit wird die Auto- matcnmenschen antrciben, Kultur, Zivilisation, Sitte so gründlich zu vernichten, wie wir es erst kürzlich im Osten erlebt haben.

II.

Wissenschaft und menschliches Gewissen. Verlassen wir jetzt die Zukunft und wenden wir uns Tatsachen zu. Wie westlich von Europa ein junges Volk, ohne die natürliche Entwicklung obwarten zu wollen, die Technik ausbeutet und alles Heil vom Realismus erwartet, so ist i m O st e n eine Handvoll Männer hartnäckig be­strebt, ihre Buchweisheit in die Praxis umzu­sehen und mit Gewalt die Utopie Wirtlich­keit werden zu lassen. Man soll nicht jede Atopie von Grund auf verdammen: aber ich behaupte nach wie vor, daß die utopistischen Ansichten nur in vollständiger Reife, nach Vollendung ihrer Gärungsperiode angewandt werden sollen. Sie müssen abgezogen und dann Jahre hindurch still zum Ausreisen in die Ecke gelegt werden wie junger Most, den man gleich nach der Gärung nur mit großer Vorsicht und glasweise trinken darf.

Ich weiß, daß wir eigentlich von dem. was in Rußland jetzt vorgeht, nichts, jedenfalls sehr wenig wissen. Mir scheint aber dieses große Land dem Abgrund nahe zu sein. Es ist nur deshalb nicht in sich zerfallen, weil es v o m eigenen Fett zehrt: dabei wird es aber schwächer und schwächer, es steht am Rande der Anarchie, die sich von dort nach China aus­zubreiten droht. In diesem Augenblicke, wo ich über die Möglichkeit des Zerfalls menschlicher Kultur und Zivilisation schreibe, ist ein riesiges Reich, ein Rachbar unserer westlichen Kultur, von einer aussahähnlichen Krankheit zerfressen, einer Krankheit, wie die, die ehemals, lange vor dem Fall der Cäsaren, die Grenzstaaten des römischen Weltreiches zersetzte.

Erfüllt sich also die Prophezeiung Oswald Spenglers vomUntergang des Abend­landes" und Rena ns Vorhersage derRück­kehr zur Barbarei"? Hirngespinste, denkt man aber ich bin anderer Meinung, ich glaube, daß die feinen Köpfe zweier Länder uns keineswegs mir phantastische Gefahren vorausgesagt haben. Untere Kultur steht auf schwachen Füßen. Die Bestrebungen der Realisten und Utopisten nach materieller Wohlfahrt und nach Weiterentwick­lung der Zivilisation unter Vernachlässigung der Kultur rücken die Gefahr in drohende Rühe.

Aber wie kann man nur auf solche Gedanken kommen?, wird man sich erstaunt fragen. Un­sere Kultur steht doch sicherer als die früher untergegangenen: sie ist in der Wissenschaft fest und unlöslich verankert. In der Wissenschaft? Gerade das ist die Ursache meiner Unruhe. Wer Ohren hat zu hören, der höre! Es ist eine Binsenwahrheit, daß die Wissenschaft in weniger als einem Jahrhundert sehr vieles umgewälzt hat. Immer, auch in frühester Vorzeit, war die Wissenschaft die Hauptstütze menschlicher Sitte, und sie soll es auch in Zukunft immer sein. Utopisten und Realisten vertrauen ihr und mit Recht. Sind sie sich aber auch über die Ge­fahren klar, die im Gefolge der Wissenschaft über uns hereinbrechen können? Die Wissenschaft kann ebensogut zerstören wie aufbauen. Schon

Zudas-Bilder.

Don Walther Appelt-Plauen.

Die Geschichte der Kunst läßt uns erkennen, daß und warum dos Kunstschaffen bis zum Be­ginn der Reuzeit fast ausschließlich, und auch dann noch in e rheblichem Maße, kirchlich orien­tiert ist. Immer wieder haben die Künstler die Gestalten des Alten und noch mehr die des Reuen Testaments in ihren Werken aufleben lassen. Einen besonders breiten Raum nimmt darin von allem Anfang an die Darstellung der an bildhaften Einzelzügen so reichen Ostergeschichte . ein. Aber eine Gestalt aus den Tagen zwischen Palmsonntag und Ostern wurde bei weitem weniger off als andere zum künstlerischen Vor­wurf gewählt, obwohl die Rolle, die sie nach dem Bericht der Evangelien spielte, eher das

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merkwürdigerweise kein Geld. Infolgedessen be­gibt er sich zum ersten Schuhmacher der Stadt.

Ich möchte," sagt er,ein schönes Paar Schuhe haben... elcgsnt unb solide, etwas wirklich G.tcs, wissen Sie! Ich zahle bei Annahme: der Preis spielt keine Rolle. Schicken Sie das Paar an diese Adresse hier, deshalb, weil ich Sonntag bereits abreise."

Sie können bestimmt darauf rechnen, mein Herr," sagte der Besitzer mit einer Verbeugung.

Rach Verlassen des Ladens begibt sich G. eilenden Fußes zum zweiten ersten Schuhmacher der Stadt, und bestellt dort genau das gleiche Paar Schuhe: ...elegant und solide... etwas wirklich Gutes, wissen Sie... ich bezahle bei Annahme.

Am Donnerstag begibt sich G. (der zwei pracht­volle Paar Schuhe erhalten hat) in den Laden Rr 1. Er bringt einen linken Schuh zurück und sagt:

Dieser hier muß noch umgearbeitet werden... er drückt entsetzlich... Schicken Sie ihn bestimmt morgen abend und vergessen Sie die Rechnung nicht!"

Zehn Minuten später erklärt er im Schuh­laden Rr. 2:

..Hier ist der rechte Schuh... er drückt ent- schlich. Dringen Sie das in Ordnung und schicken Sie ihn mir morgen abend vergessen Sie die Rechnung nicht!"

Am Dvnnerstagnachmiffag reifte ein elegant gestiefelter Mann von Lyon ab. Seine Seele war ruhig und seine Füße befanden sich wohl.

Land W?

,b "lcr dec nnduerill^leAUDfr Mifn ober zu Drt, jMnbotftn M. 50W) aut 1. Hypothek b. flacher Sicherheit VM pünktl. Zinsz. Regen 10°', Zinsen Off. an Post- schließt. 66 Gießen erbeten. &iin

Frankfurter Theater.

Nach dem heiteren .Intermezzo" am Sonntag dirigierte Richard Strauß bei seinem zweiten Gast­spiel in der Frankfurter Oper die düstere E l e k t r a, und wieder zog er das Publikum un­widerstehlich in seinen Bann, so daß es am Schluß zu begeisterten Ovationen für den Meister kam. Mit sparsamster und knappster Geste, ganz ohne Pathos und genialische Bewegungen, dirigiert Richard Strauß, und doch holt er ein Maximum von Klang­reichtum aus dem Orchester, das wieder in bester Verfassung mar, und die Musik derElektra" er­strahlte in all ihrem dunklen Glanz. Die Darsteller trugen ihr wesentliches Teil zu dem großen Erfolg des Abends bei. Die Elektra des Düsseldorfer Gastes Hanna Gorina war eine dramatische und gesang­liche Leistung von Format. Neben ihr traten noch

Kullmsorischriü oder eillenoerfall? - Zwischen Anßland und Amerika

Don Joseph Caillaux, ehem. Ministerpräsidenten und Finanzminisier der französischen Republik.

verfallen in denselben Fehler: was sic auch sagen mögen, ihr Hauptziel ist materielle Wohlfahrt. Der Fortschritt der Menschheit ist für die eine Magenfrage.

Ein großes Land, Amerika, huldigt ausschließ­lich dem Prinzip des Realismus. UcbcraU wollen sic ernten, wo sic eben erst gesät haben: überall suchen sie den langsamen Fortschritt der Wissenschaft durch Organisation aufzubauschen. Organisation der In­dustrie! Organisation der Arbeitsausnutzung! Und wozu? Ohne allen Zweifel stehen die Amerikaner auf einem höheren Niveau materieller Zivilisation als wir und das ist gewiß nicht unbedeutend und unwichtig. Ich Unterschüße die drüben erzielten Fortschritte so wenig, daß ich schon oft darauf hin­gewiesen habe, welche der jenseits des Atlantik ent­standenen Methoden unser altes Europa anwenden könnte.

Aber Anwendcn heißt nicht Nach­ahmen. Ich würde starke Befürchtungen hegen, wenn mein großes Vaterland Europa Grund­sätze und Methoden unverändert übernähme, die in neuen und ziemlich neuen Ländern vielleicht (viel leicht!) ihr Gutes haben mögen, die aber Zivilisa­tion und Sulfur älterer Nationen schwer vcr- letzetz können.

Man denke nur an das Taylorsystem! Eine vernünftige Anwendung handwerklicher Grundsätze regt den Arbeiter zu selbständiger geistiger Tätigkeit an: die beständige Wiederholung desselben Hand­griffs in so knapp wie möglich berechneten Zeitab­ständen erniedrigt ihn und macht ihn zum Auto­maten. zu seinem Nachteil und zum Nachteil der Allgemeinheit. Zum Nachteil der Allgemeinheit? Im Hirn eines Webers entwickelt sich der erste Ge­danke an automatische Webemaschinen. Und so sind unzählige neue Ideen besonders in der Technik aus der Geschicklichkeit von Arbeitern, die sich auch geistig mit ihrer Arbeit beschäftigen konnten, ent­standen. Die Lohnarbeiter könnten diesen wertvollen Beitrag zum Wohle der Allgemeinheit von dem Tag an nicht länger leisten, an dem sie zu stump­fen, gedankenlosen Tieren gemacht werden. Jedoch ihre Arbeitszeit wäre kürzer, ihr Lohn unendlich viel hoher! Jeder tonnte ein Auto haben, könnte in voller Muße ins Kino gehen ... Zugegeben! Aber was nützt diese primitive um nicht zu sagen, niedrige Art von Vergnügungen dem Geist? Wenn der Arbeiter die Fabrik nach sechs, sieben, acht Stunden stumpfsinniger Bedienung eines He­bels, eines Maschinenteilchens verläßt, ist er nach kurzer Zeit zwangsläufig zum Maschinen- Menschen geworden.

Sicher werden die Arbeiter eine bestimmte, viel leicht lange Zeit hindurch damit zufrieden sein, aus goldener Krippe essen zu dürfen. Langsam geht es mit ihnen auf schlüpfriger Straße bergab dem Stumpfsinn, der Schläfrigkeit zu. Ihre Aufseher werden mitgerissen; da sie nur eine unterwürfige, charakterlose > Herde zu beaufsichtigen haben, geben sie sich der allgemeinen Trägheit und Unwissenheit hin. Es entwickelt sich eineS u 11 u r" der E i n- tönigteit unb der Gleichheit ... eine Kul­tur, die man wie eine Marionette am Schnürchen zieht. Bildlich gesprochen: statt blühender Landschaf­ten entsteht ein einziger großer Gemüsegarten. Ich jedenfalls liebe es nicht, in einer Umgebung von Kohlköpfen und Rüben zu leben. Dann schon lieber mit blutenden Händen durchs Dickicht, hinter dem unbekannten Land mit unbekannten Wundern und selbst unbekannten Feinden lockt!

Und es liegt nicht in der menschlichen Natur, sich lange mit einem einförmigen Leben zufrieden zu geben. Alle Menschen, die zu solchem Dasein ver­dammt sind, werden sich eines Tages dagegen auf= lehnen und gerade auf diesen Tag konzentrieren sich meine Befürchtungen.

Afeinsloial -G- T.C.

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I.

Utopisten und Realisten.

Sitte welch' wirkliche Bedeutung hat dieses Wort, das wir so häufig gebrauchen, ohne uns je­mals über feinen Sinn klar zu werden? WieSully- P r u d h o m m c , der elegante Dichter und scharfsin­nige Philosoph, mir einmal sagte, rührt ein großer Teil der Meinungsverschiedenheiten selbst unter den­kenden Menschen daher, daß sie ihre Begriffe nicht klar genug definieren.

Wie läßt sich aberSitte" definieren? Genügt cs. zu sagen, wie man es vielfach getan hat. daß damit die Gesamtheit der HebereinFommcn bezeich­net wird, die der Mensch sorgfältig ausgearbeitet bat, um die Beziehungen zu seinen Mitmenschen angenehm zu gestalten und um die Triebe des Miß­trauens, des Neids und der Furcht im gegenseitigen Verkehr auszuschließen? Ich muß gestehen, daß diese Definition meinem Verstand nicht zusagt. Sie scheint mir nur die Umrisse hervorzuheben, nur die Ober­fläche zu betrachten, anstatt tiefer zu schürfen. Ich mochte eine einfachere und meines Erachtens tiefer- gehende Definition vorschlagen: Sitte ist die Or­gan i f a t i o n des geistigen und körper­lich e n W o h l e s der Menschheit. Dieser Definition läßt sich, denke ich, nicht widersprechen-, sie sucht einen veränderlichen, den Zeiteinflüssen unter­worfenen Begriff soweit als möglich einzufangen und umfaßt in ihrer weitesten Bedeutung auch un­sere BegriffeKultur" undZivilisation".

Nicht ganz so leicht ist eine Definition der Schlag­wörterKulturfortschri11" ober Entwick lung der Zivilisatio n", wie sie täglich von Politikern aller Richtungen, in Tausenden von Leit­artikeln, gebraucht werden unter denen sich aber jeder etwas anderes vorstellt.

Bei den Trägern der verschiedenen Ansichten, wie sich eine Fortentwicklung menschlicher Kultur und Zivilisation vollziehen müßte, lassen sich vor allem zwei Gruppen unterscheiden: Realisten unb Uto Pisten. Das sind die Bezeichnungen, die ich wählen mochte. Ich bitte jedoch meine Leser, die Ausdrücke nicht allzu buchstäblich zu nehmen, sie scheinen mir jedenfalls die besten oder die am wenigsten schlech­ten, um das, was ich sagen will, auszudrücken.

Realisten nenne ich alle Leute sie sind heute in großer Ueberzahl, die jeden Fortschritt nur im Lichte bet Zivilisation, nämlich in der Entwickln n g d er Technik sehen. Sie be­haupten, baß der Mensch sich in bem Maße ent­wickelt habe, wie er sich die Kräfte der Natur un­tertan machen konnte; daß die Entdeckung, Befrei­ung, Nutzbarmachung neuer Kräfte, die Regulierung der Wärme, der Wasserströmungen, der Flut und der Ebbe dem Menschen unzählbare unbeseelte Skla­ven gibt, unb baß infolgedessen Maschinensklaven .'inst den heutigen menschlichen Arbeitssklaven gänz­lich ersetzen werden. In hundert, zweihundert Jah­ren eine Minute im Leben der Welt werde uns die Natur unterworfen fein.

Weniger geneigt als die Realisten, alles dem na- llirlichen Lauf der Dinge zu überlassen, glauben die Utopisten wenigstens geben sie vor, es zu glauben, daß menschlicher Wille allein die Lage der Menschheit sofort bessern könne. Sie mißbilligen die Anhäufung von Reichtümern in den Händen einzelner, sic stellen den ausschweifenden 13urus gegen den Hunger der Armen, und sie er­hoffen einen gerechten Ausgleich der Lebensverhält­nisse vom Gesetz. Die Ausschaltung ober zum we­nigsten die Milderung der Ungleichheit und Ungerechtigkeit ist für sie der einzige zu erstrebende Fortschritt menschlicher Gesittung.

Ich habe die Gedankengänge bis zum Aeußersten vereinfacht, um sie klarmachen zu können, und möchte nun auf den schwachen Punkt bei beiden Anschauungen Hinweisen. Realisten wie Utopisten

Ratürlich soll nicht gesagt sein, daß die Kunst i der Figur des Judas direkt aus 6cm Wege ge­gangen ist. Aber es muh doch festgestellt wer­den, dah der Riederschlag, den seine Person in der Kunst gefunden hat. nicht der Bedeutung feines Tuns entspricht, lind noch mancher spätere ..Judaskuß" bleibt, wie der des Fra Gio­vanni Angelico, im trocken Episodenhaften decken. Oder die angestrebte Vertiefung und Ver­innerlichung kommt überwiegend der schmerzlichen Wehmut im Antlitz des Verratenen zugute als d<n Zügen des Verräters (wie in einem Fresko, wohl aus dem 13. Jahrhundert, in Assisi). Aus : den Bildern des Abendmahls ist selbstverständ- lich immer auch Judas zu sehen. Doch ist es eigentlich nur Lionardo ba Vinci auf seinem Mailänder Monumentalbild gelungen, ; den Verräter wirklich treffend zu charakterisieren.

Lilhouettenscharf ist das Profil, dunkel lals ein­ziges von den zwölf- vor Hellen Hintergrund gesetzt. Bei aller heuchlerischen Verbissenheit aber ' Iaht das Gesicht doch den Willen des Malers erkennen, den Verrat als ein Schicksalhaftes. Auferlegtes, nicht ganz in freier Willensentschei- dung Begangenes zu deuten. Daß Liov.ardo, wie auch Dürer und andere, nicht auf das äußere

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Donnerstag, 28. März (929

morgen wird der Mensch im Besitz neuer, furcht­barer Geheimnisse fein, tausendmal furchtbarer als die. die er gestern schon kannte und die er vor kurzem erst so entsetzlich zur Anwendung brachte. Wenn wir nicht alle sehr auf der Hut sind, wird die Kultur im Handumdrehen vernichtet und mit ihr die ganze Menschheit. Die alte Sage wird Wirklichkeit - der Gott verschlingt seine eigenen Kinder!

Wir wollen uns nicht selbst weißmachen, daß diese Gefahr immer da war. Zweifellos haben sich alle Zerstörungsmittcl im Laufe der Jahr­hunderte zu unerhörter Vollkommenheit entwickelt. Kein Vergleich ist heute zu ziehen zwischen dem Katapult, der Büchse, der Mu feie und den grauenvollen Cutbcckuugen der letzten fünfzig Jahren. Der Mensch versucht - und er hat bis­her nur angefangen, es zu versuchen den Göttern den Blitz zu entwinden. Ein einziger Weg zeigt sich: die Wissenschaft soll und darf nur dem friedlichen Fortschritt der Menschheit dienen. Wie ist das zu erreichen? Wissen ohne Gewissen ist der Tod der Seele" sagt Rabelais. Die Wahrheit des Ausspruchs muß ergänzt werden: Das Gewissen muß sich ständig in gleichem Maße wie das Wissen ent­wickeln. Unter Gewissen ist dabei menschlich: Moral in ihrem vollen Umfange zu verstehen.

Ich glaube, daß al!? ernsthaft Rachdenlenden sich sagen müssen, daß sich Wii enschast und Ge­wissen nicht mit derselben Geschwindigkeit fort- getilbct haben. Die Wissenschaft machte in den letzten hundert, besonders in den letzten fünfzig Jahren gewaltige Sprünge vorwärts: das Ge­wissen blieb stehen, wenn es nicht sogar einen Schritt rückwärts machte. Unb ist das überraschend? Ratürlich mußten die außeror­dentlichen modernen Erfindungen die Reugier unserer Zeitgenossen wecken, ihr Geist mußte sich mit der Anwendung der neuen Mittel beschäfti­gen, und mehr und mehr wurde der gesunde Menschenverstand durch phantastische Spekulatio­nen verdrängt. Gerade an dem Punkt, wo ein schleuniges Äbbremsen not täte, arbeiten nun Utopisten unb Realisten Hand in Hand. Die ebnen preisen die Entwicklung der Technik, die anderen den gerechten Ausgleich des Reichtums in höchsten Tönen, sie erhoffen den Himmel auf Erden von einer äußeren Verbesserung der Le­benshaltung und damit heften sie die Menschheit an die Erde, statt ihren Vlick aufwärts zu rich­ten. Seit der Zeit der ersten geschichtlichen äleber- licfcrungen hat der Mensch seinen Tugenden keine einzige neue zugesügt, so daß der französische Philosoph Remv de Gourmont ein Gesetz der geistigen Trägheit aufstellen konnte. Aber hier auf Erden nutzt sich alles Bestehende ab. Auch der Glauben kann bestochen und korrumpiert wer­den, denn noch entweihen Wechsler die Tempel und sie werden nicht freiwillig herausgehen.

Von Zeit zu Zeit wird eine große Erneuerung notwendig. Von Zeit zu Zeit muß der Mensch wieder ein allgemeingültiges Gesetz im Geistes­leben entdecken, das heißt, alte Tugenden müssen durch neue Ideen gerechtfertigt werden. Wir wol­len der Menschheit den drohenden Untergang leb­haft, ja grell schildern, wir wollen unsere Trü­ber aufforbern, sich zu retten - gerade dadurch können wir, ohne kirchliche Dogmen zu über­nehmen, der Menschheit den Geist der Berg­predigt, das Evangelium der Milde und Räch- stenliebc, die Lehren Epiktets wieder nahe brin­gen - - alle diese Lehren sind ja im Wesen gleich.

Wenn man sich nur einmal des tiefen Sinns der Schlagworte von Kulturfortschritt und Sitten- zerfall bewußt wird, und sie nicht mehr ge­dankenlos gebraucht, wenn man Realismus, llto- Pie, körperliches Wohlbehagen zurückzustellen lernt gegenüber den erhabenen Friedenslehren, so sehe ich schöne Erfolge für die Menschheit. Richts befriedigt den Menschen mehr als die Ent­deckung neuer Möglichkeiten, zu alten Tugenden zurückzukehren oder ihnen treu bleiben zu können.

annehmen zu wollen. Ohne Widerrede setzte der Kaufmann seinen Hut auf und entfernte sich.

Am nächsten Tage kam er wieder, Unb zwar mit bem Gesetzbuch in der Hand, aus welchem er­ben Richtern Wort füv Wort die Bestimmung nachwies, daß eine Strafe bis zu zwei Pfund Sterling sehr wohl in Farthings bezahlt werden dürfe: die Zurückweisung sei also völlig zu Un­recht erfolgt! Ein wenig verdutzt und verlegen, erklärten die Richter sich nun bereit, die Kupfer- Überschwemmung in Empfang zu nehmen.

Aber damit war das Malheur noch nicht zu Ende. Denn unser Kaufmann begann jetzt mit einem unerträglichen Phlegma feine Farthings wieder einzustreichen! Wobei er den Richtern aus einem wei cren Geschesparagraphen unwiderleg­lich nachwies, baß jede Person, ber man bic An­nahme und Quittierung einer Geldstrafe ver­weigert hat, damit das volle Recht erwirkt, diese Strafe überhaupt nicht zu bezahlen.

Zwei Dinge wünscht sich der kleine Willi: ein Brüderchen unb ein Paar schneeweiße Kaninchen einen Papa unb eine Mama", wie er in seinem Abendgebet sachlich präzisiert. Wir wollen nicht untersuchen, was von beiden er sich brennender wünscht.

Eines Morgens ist sein Wunsch zum Teil erfüllt. Willis Mama hat zwei entzückende Babys bekommen. Hm Willi ein wenig abzu­lenken in diesen ersten Tagen nach einer Ge­burt, die den Mamas immer so schrecklich viel zu tun geben hat man ihm wirklich ein Kanin­chen geschenkt, ein schneeweißes mit einer rofa Rase... Jeder andere wäre restlos befriedigt gewesen. Richt so Willi.

Er wandte leise ein, daß dies nicht ganz das sei um was er gebeten habe. Was fängt man mit zwei Brüderchen auf einmal an? Erstens können sie sich gar nicht bewegen und zweitens schreien sie ein bißchen zuviel! Anderseits: wie soll man denn junge Kaninchen kriegen, mit einem Papa allein?

Zum Glück versteht Willi zu schreiben. Auch besitzt er eine Sparbüchse. Er entnimmt ihr ein ganz neues Geldstück, stibitzt aus dem Schreibtisch ein Kuvert und ein Blatt Papier, und adressiert an den Herrn Chefredakteur" folgende Annonce:

Zu verkaufen: guterhaltenes kleines Baby: wird eventuell auch umgetauscht gegen ein weißes Kaninchen mit rosa Rase. Angebote an die Ex­pedition des Blattes."

Es ist anzunehmen, daß diese Annonce Erfolg hatte, denn schon am nächsten Tage empfing der mutige Inserent cm wunderbares weißes Kanin­chen, und tatsächlich mit einer rosa Rase.