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Nr. 50 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 28 Zebruar 1920

Lohn Max Wülfing f.

Von Prof. Dr. Hepding, Gießen.

Am 28. Januar ist in St. Louis einer der onge- fehensten Deulfchen gestorben, Helfen Dünnen unsere UuiDeifilät Danioar in oer Liste ihrer Ehensenatoren geführt hat. Jo h n Max Wülfing war 1869 in tz5t. Louis als Sohn deutscher Eltern geboren. Er be|ud).e die uffenll.chen Schulen seiner Vaterstadt und Die bmith Academy, von der er m.t einem Studienstipendium für die Washington-Universität in Sl.Louis abging. Statt ihn-dies ausnutzen zu lassen, sandte ihn sein Vater für zwei Jahre in die deutsche He.mat, wo er in Hannover und dann in Wiesbaden das Gymnasium besuchte. Besonders dankbar gedachte er stets seiner Wiesbadener Schulzeit, denn dort wurde in ihm das Interesse für das klassische Alter­tum und d.e antike Kunst geweckt: feittem waren die klassischen Studien feine Lieblingsbeschäftigung, der er den größten Teil der Muße w.dmete, die ihm fein Beruf ließ. 1877 trat er nach feiner Rückkehr na. St. Louis in das väterliche Geschäft ein, aber fchon im folgenden Jahr wagte er es, sich mit einem Verwandten, Charles Gildehaus, selbständig zu machen und das Kolonialwaren.Großhandelshaus Gildehaus-Wulfing Co. zu begründen, das sich rasch zu einer der angesehensten amerikanischen Firmen entwickelte. Später kamen noch andere Un­ternehmungen hinzu, die Wülfing Realty Co. und die Central Investment Co^bie beide ebenfalls unter feiner Leitung standen. Gewiß stellte sein Beruf große Anforderungen an seine Arbeitskraft, aber er bei).eit doch immer noch Zeit genug für feine klassi­schen Liebhabereien, für den Verkehr m.t Vertretern der Alterturnsw ssenschaft, für das Studium archäo­logischer Veröffentlichungen, die er für seine stattliche Bibliothek erwarb, für den Ausbau feiner Münz- fammlung, die eine der größten Privatsammlungen griech schor und römischer Münzen in den Vereinigten Staaten wurde. Er überwies sie schließlich der Washington-Universität ferner Vater­stadt, zugleich mit einem Kapital für Verwaltung und Weiterergänzung. Die aufblühenden archäolo­gischen Studien in Amerika hatten in ihm einen frei­geb gen Mäzen und verständnisvollen Förderer, und auf seinen Reisen besuchte er mit Vorliebe die klas­sischen Stätten in Aegypten, Griechenland und Ita­lien. Wilhelm Dörpfeld, F. von Luschan und der Aegyptologe B r e a st e d waren eng m't ihm befreundet. Er begründete die St Louis Society des Archäologischen 3rjt tuts von Amerika und die St. Louis Numismatic Society und bekleidete in bei­den Vereinen das Amt des Vorsitzenden.

In Deutschlands schwerster Zeit nach dem Kriege stellte er große Geldmittel und seine Arbeitskraft für die Linderung der Rot in dem Land feiner Väter zur Verfügung. Als Sekretär des St. Louis Emer- gency Relief Committee arbeitete er mit dem Roten Kreuz zusammen und sandte große Mengen von Lebensmitteln nach Deutschland. Auch unsere Uni» versität erhielt damals durch feine Vermittlung viele Ä ffen und Fässer m't Mehl. Reis, Kakao, Apfel- flocken usw., auch Kleidungsstücke konnten an be­dürftige Studenten verteilt werden. Manchmal fügte er privat m noch eine K ste hinzufür die Dozenten ur.b Studenten her Alterturnsw ssenschaft". Als unter Professor Dr. Boa s Leitung die Germanistic So- cietv es sich zur Aufgabe machte, die deutschen Uni- Derfitäten m:t der neueren amerikanischen Literatur, besonders mit Zeitschriften, zu versorgen, stellte sich Wülfing auch in den D'enst dieser Snche und über­nahm den Vorsitz der Germanistic Society of St Louis. Der Hessischen Vereinigung für Volkskunde, deren Mitglied Wülfing wurde, gewährte diese Or­ganisation wiederholt Unterstützungen, die den Druck ihrer Zeitschrift in der Inflationszeit ermöglichen halfen.

M't Sorie erkannte Wülfing die Gefahr, die der deutschen Wissenschaft dadurch drohte, daß vielfach

besonders begabte Studenten durch die Derhästnisie der Nachkriegszeit allzusehr von ihren eigenen Stu­dienaufgaben abgezogen wurden; so interessierte er amerikanische Gelehrte und deutschamerikanische Ge- fdjäftsleute für die Gründung eines Relief Fund for advanced German students, die 120 Studierende an 10 deutschen Universitäten mit monatlichen Studien- beihilfen unterstützten. Er nahm sich dabei wieder be» sonders der Archäologen an und legte Wert darauf, mit seinen Schützlingen durch regen Briefwechsel auch in persönliche Verbindung zu kommen; auch Gießener Studenten waren darunter, einem von ihnen hat er sogar eine Studienreise nach Italien ermöglicht.

Als die Fortarbeit an dem großen Unternehmen des 1 hesaurus linguae La'inae gefährdet war, fehlte Wülfing nicht in dem Kreis der amerikanischen Freunde, die Mittel für feine Fortführung durch ünf jüngere Gelehrte bereitfteUten. Seiner Freund» chaft mit W. Dörpfeld wird es wohl zu bau en ein, daß er sich in jenen Tagen der Not tatkräftig unsres Deutschen Archäologischen Insti­tuts annahm, manche seiner Veröffentlichungen und Unternehmungen finanzieren half und ein Reisestipendium stiftete. Er und fein Freundeskreis bemühten sich auch Wege zu finden, um die archäo­logische Forschung und den Unterricht an den Uni­versitäten zu fördern. So sandte er auch unsrer Bibliothek zahlreiche wertvolle amerikanische Per- öffentüdjungen aus dem Gebiete der Altertums­wissenschaft, vermittelte die Abgabe von Dubletten der Kriegs- und Nachkriegsjahrgänge des American lournal of Archaeoogy im Austausch gegen deutsche Bücher und stiftete eine Geldsumme, die es ge­stattete, wichtige ausländische archäologische Werke unb Zeitschriften, deren Preis für uns damals un- erschwinglich war, anzuschaffen. Und auch noch nach der Inflationszeit bewies Wülfing unserer Lud­wigs-Universität sein freundliches Interesse. Man­ches schöne Werk unserer Bibliothek bewahrt durch das Exlibris mit dem Namen John Max Wülfing das Gedächtnis an diesen Freund der deutschen ar­chäologischen Wisienschast für künftige Geschlechter. Als der Bau des Studentenheims beschlosien wurde, sandte er der Studentenhilfe dafür einen Beitrag. Dozenten unserer Universität, die inzwischen die Ge­legenheit hatten, ihn in St. Louis aufzusuchen, fan­den bei ihm die herzlichste Aufnahme. Wir hatten gehofft, diesen Freund unserer Universität, die, eben­so wie Heidelberg, Bonn und Breslau, ihn zu ihrem Ehrensenator ernannt hat, bei seiner für 1929 geplanten Deutschlandreise auch in unserer Mitte begrüßen zu dürfen. Diese Hoffnung ist nun durch die Nachricht von seinem allzufrühen Tode zunichte geworden.

Wir werden dem edlen Mann, der der Heimat seiner Väter die Treue gehalten hat, dem tatkräf­tigen Förderer der deutschen Universitäten in harter Zeit, dem begeisterten Mäzen der klassischen Archäo­logie e n treues Gedächtnis bewahren. Auch in den Annalen der Ludoviciana behält fein Name einen Ehrenplatz.

Oie Einheitskurzschrift in Hessen.

Die hessische Regierung ist bestrebt, die Er­lernung und Anwendung der Einheits - k n r z s ch r i f t mit allen Mitteln zu fördern. Man beabsichtigt, sie im Dienstbetrieb nach Mög­lichkeit p'attisch anzuwcn'ei und macht dem­gemäß allen Staatsdienst anwär fern ihre Erlernung zur Pflicht. Rach e'ngehrn- den Verhandlungen zwischen den Ministerien hat das Gesamtministerium an .6. . September 1928 in einem Ausschreiben an dir unterstellten Te- hörden Richtlinien auf. e'tellt. die vom 1. Oktober 1928 an für die gesamte Staatsverwaltung maß­gebend sind. Danach ist von den in den hessischen Staatsdienst eintretenden Personen mit Aus­nahme solcher, für die die Verwendung und Lesung der Kurzschrift keine praktische Bedeu­

tung hat, die Kenntnis der EinheitSkurzschrift zu fordern. Der Rachwe.S einer solchen Kennt­nis und einer gewissen Fertigkeit im Lesen und Schreiben der Kurzschrift ist Bedingung für die in den Kanzleidienst eintretenden sowie für alle zum Verwaltungs- oder Probedienst zuzulassen­den Staatsdienstanwarler. Der Rachweis kann durch das Zeugnis eines staatlich geprüften Leh­rers der Stenographie erbracht werden. Die Be­strebungen oer Beamten zur Erlernung der Ein­heitsturzschrift sind vo nden Behörden zu fördern.

Zur Ausführung dieser Richtlinien hat das Ministerium für Kultus und Dildungswesen jetzt bestimmt, daß bis zum 1. April 1930 die Staatsdienstanwärier den Rachweis der

Beherrschung der Einheitskurz- schrtst, bei der Meldung zur Staatsprüfung vom 1. April 1930 ab schon bei der Einreichung deS Gesuches um Zulassung zum Vorbereitungs­dienst vorzuleLen haben. Schließlich wird von demselben Ministerium den Direktionen der höheren Schulen empfohlen, die Schüler auf die Wichtigkeit der Teilnahme am Kürz­lich r i f t u n t e r r i ch t hinzuweifen. Auch sollen die Schülervereine für Kurzschrift, die sich die Fortbildung der Stenographielundigen angelegen sein lassen, gefördert und die Schüler auf die außerhalb der Schule bestehenden Ver­eine zur Pflege der Einheitskurzschrift verwiesen werden.

Wirtschaft

Vereinigte Stahlwerke A.-G.

Direktor Ernst Poensgen machte in der ge­strigen Generalversammlung u. a. der Ver­einigten Stahlwerke folgende Aussü.)- rungen:

Der ausführlichen Darstellung im Geschäfts­bericht über die wirtschaftliche, finanzielle und technische Entwicklung 6er Gesellschaft im ver­gangenen Jahre sei im allgemeinen nichts hinzu- zusügen. Kurz sei nur noch einmal hervorzu­heben, daß der Menge nach im Geschäftsjahr 1927/28 in den Haupterzeugnissen die größten Produktionsleistungen erreicht wurden, die die Gesellschaft bisher aufzuweisen hatte. An Kos le wurden rund 26,5 Mill Tonnen gefördert, an Koks wurden 9,3 Mill. Tonnen erzeugt, an Roh­eisen etwas über 6,5 Mill. Tonnen und an Roh­stahl fast 7 Mill. Tonnen. DaS seien an sich erfreuliche Produktionszahlen. 3m Vergleich zu den guten Produktionen sei das Gewinnergebnis nicht gerade befriedigend zu nennen. Man fei nur in der Lage, die Ausschüttung einer Dividende von 6 Prczent in Vorschlag zu bringen, d. h. also einen Satz von nur rund 2 Prozent der Dealver­zinsung, die heute auf mündelsichere Goldpsand- briese entfällt Tie Gründe dafür seien zum Teil in dem starken Rückgang der gesamten Konjunktur zu sehen, zum Teil darin, daß die Belastungen aller Art, denen die deutsche Industrie und ins­besondere gerade die Schwerindustrie unterworfen sei, in diesem 3ahre noch weiter gesteigert wurden.

Heber die Aussichten im neuen 3ahre führte Direktor Poensgen sodann auS: Was zu­nächst die Deleil.gungen betreffe, so erhoffe man von ihnen auch in diesem Jahre eine angemessene Verzinsung der in'ihnen angelegten Kapitalien. Die Gewinnaussichten der Produktionsunterneh- munaen seien zur Zeit schwer zu übersehen, da die bisher verflossenen Monate einen zum Teil recht anormalen Verlauf gehabt hätten. 3m Ja­nuar konnte man gute Erzeugungsziffern er­reichen und in Rohstahl sogar die bisherige Höchstprodultion der Gesellschaft von 630 00) Tonnen noch um 3003 Tonnen über­treffen. Auch die Steinkohlenförderung der Zechen erreichte mit arbeitstäglich etwas mehr als 91 000 Tonnen ihre bisherige Höchstziffcr. Rach diesem verhältnismäßig günstigen Monat hätten sich dann die Verhältnisse im laufenden Monat Februar wieder wefentlich ungünstiger gestaltet. Die Einstellung der Schiffahrt infolge der Kälte auf dem Rhein und den Kanälen machte den Wafserverfand der Kohlen und der E'.sen- und Stahlerzeugnisse nach den süddeutschen Rheinhäsen, wie nach den Rordseehäfen unmög­lich. Rur zum Teil konnte der Versand auf die Reichsbahn übergelci et werden. Ebenso wurde die Rohstoffversorgung wefen'lich erschwert. Im

übrigen sei es sehr schwer, die weitere Entwicke­lung der Marktverhältnisse abzusehen, da ja die S Wirtschaftslage Deutschlands im toefent- davon abhänge, wie die zur Zeit geführten Reparations.erhandlungen ausg h:n.Man gl ube für die Eisenindustrie auf ein valdiyes Einsetzen eines etwas stärkeren Frühsahrsgeschuf.es rechnen zu können. 3m übrigen werde für die Entwicke­lung auf dem Eisenmarkt entscheidend sein, ob es dazu komme, daß die Deutsche und die 3nter- nationale Rohstahlgemeinschaft und die verschie­denen im Laufe dieses und 6eS nächsten 3ahreS ablaufenden Verkaufsverbände wieder erneuert werden. Das lasse sich im Augenblick noch nicht übersehen. Auch über die weitere Entwickelung der Verhältnisse im Kohlenbergbau lasse sich zur Zeit noch wenig sagen; sie hänge auf der einen Seite sehr stark von der noch unübersichllichen Gestaltung des Eifenmarktes ab. Man könne nur hoffen, daß auch die Gewerkschaften aus den Rück­wirkungen des Schiedsspruches vom vergangenen Mai gelernt hätten, da die Bergarbeiter des Re­viers davon keinerlei Ruhen, die gesamte deutsche Wirtschaft, und vor allem die Bergindustrie einen erheblichen, nie wieder gutzumachenden Schaden gehabt hätten.

Die vorg.s'lagene Gewinnverteilung (6 Prozent Dividende) wurde widerspruchslos genehmigt. Die Entlastung wurde erteilt

preußische Landespfandbriefanstatt.

Die Preußische Landespfandbrief­anstalt, Berlin, konnte im Jahre 1928 den Umlauf an Pfandbriefen und Kommunalobli­gationen um 76 Mill. Mk. auf 132,5 Mill. Mk. erhöhen, denen an Deckungshypotheken nach Ab­zug der Tilgungsbeträge 143,1 Mill. Mk. (64,1) gegenüberftanben. 3n ihrem Jahresbericht wird u. a. ausgeführt: Die Wohnungsneubautätigkeit hat im 3ahre 1928 erst mit erheblicher Ver­spätung eingesetzt. Das neue Baujahr war mit Restaroeiten aus 1927 stark vorbelastet; das galt insbesondere auch für die Beschaffung eines er­heblichen Teiles der endgültigen Finanzierung. Trotz dieser zunächst nicht günstigen Aussichten ist es im Berichtsjahre möglich gewesen, etwa in gleichem Umfange wie 1927 neuen Wohnraum zu schaffen. Der Reinzugang an Wohnungen be­trug 1926 rund 206 000 Wohnungen, 1927 rund 289 000 Wohnungen. Für 1928 dürste mit dem gleichen Zuwachs zu rechnen sein. Don den neu abgeschlossenen Beleihungen entfallen 58,9 Mil­lionen Mk. mit 13 235 Wohnungen auf die kom­munale und gemeinnützige und 16,3 Millionen Mark mit 5080 Wohnungen auf die private Bautätigkeit.

Die Bereitstellung öffentlicher Wittel In Form nachstelliger, niedrig verzinslicher Hypotheken hat auch im Berichtsjahre den Umfang der Bau­tätigkeit ausschlaggebend beeinflußt. 3m Reich

Nachdruck verboten

17 Fortsetzung.

Hm

Mit meinen

d' Mitternacht?!"

zanken! Gelt?" 3hre Arm' fühl' i um Racken, ihre Lippen auf mein in Münd.

(Fortsetzung folgt.)

Schön guten Morgen, gnädige Frau!

3ch trat in das Speisezimmer und bot tfrau Sophy die Hand. E.n wenig bleich und über­nächtig sah sie aus.

Wo steckt tenn der Vinzenz?"

Er schsast noch. ..."

So! Das ist gut und nun möchte ich Sie ma. Verschiedenes fragen, wir sind doch hier un* gestört?"

Ja ... glvlß. .. .**

Ich zog die Tür- zu und vergewisserte mich, daß niemand von den Dienstboten auf dem Flur war:

Haben Sie eigentlich mal einen Arzt zu- gezogen, gnädige Frau?"

schwer nahm, mit seiner Sopherl in diesem ver­maledeiten Raubritterschloh, hatte keine geregelte Tätigkeit, keine Terufspflichten. die sein Leben ausfüllten und wußte nichts Besseres anzufangen, als Grillen zu fangen . . . Aber fo ist es oft; wer fe: e Sorge hat, schafft sich künstlich welche, fühlt sich unglücklicher als mancher andere, der nur von heute auf morgen lebt . . -

Eine Tür fiel ins Schloß, Schritte kamen den Flur entlang, gleich darauf trat mein Freund ein:

..Ah, da schau! And i hab' g'meint, du schläfst noch!"

Morjen, Vinzenz! Ra? 3(1 die grantige Stim­mung vorüber?"

Bin gar net granti g'wesin, Alterle, nur a bisserl übermüdet, und du ... i freu mi ja so, daß d' da bist!"

Wirklich?"

Geh', frag' net so dumm!" Er gab Frau So­pherl einen Kuß, hob ihr Kinn in die Höhe: Schlecht g'schlaf'n, Schätzer!?"

Rur ein bisserl Kopfweh . . ."

.,*210, da legst di nacha noch amal hin, und wir mach'n an kloan Bummel, is freilich nix los im Revier, hast denn bei Dix mit?"

Rein, ich wollte ja eigentlich nur nach Mün­chen."

Ah, ja," mein Freund schmunzelte,macht nix, da geb i dir an Stutz'n von mir, lunnt leicht sein, daß d' an Anlauf hast auf an Dauern­schreck" . . ."

3ch atmete auf Gott sei Dank, heute würde man doch mit dem Vinzenz von Andrian wieder ein vernünftiges Wort reden können!

Die Zigarren brannten und wir gingen in das Arbeitszimmer hinüber.

Hast d' Lust zu an kloan' Spaziergänger!?" 3ch sah an meinem Anzug hinunter:

Wenn du mich nicht gerade auf dieRheider- spitze" oder denHochkogel" führst?"

Es war ein schöner, stiller Oktobertag; kein Wölkchen stand am Firmament, unb draußen, im Park, schien die Sonne fast sommerlich warm, ©eue an Seite schritten wir den einsamen Weg hinab, traten durch die kleine, grüngestrichenc Lattenpforte. die nach demLangen Grund" führte. Wein Freund lächelte:

. Weißt b' noch?"

. Freilich! Aber mein lieber, alter Kerl, nun mal heraus mit der Sprache: was hast bu eigentlich?"

Rix."

Ach was,nix", bas ist gar keine Antwort! Vinzenz stimmt etwas in deiner Ehe nicht?!"

Er blieb mitten auf dem schmalen, vom Regen feuchten Dirschpfad stehen:

Mensch, wie kommst b" darauf?!"

Weil ich es gut mit dir meine, weil ich ein

paar Augen im Kopf habe unb Frau Sopherl ist auch anders als sonst . .

So .... so," mit einer müden Handbewegung fuhr er übet feine Stirn, als wolle er etwas wegwifchen:Das hast b also g merkt, Alterle?"

So etwas sieht ein Blinder!"

Schweigen. Ein tiefer, gepreßter Atemzug, unb nun die Frage:

Red st in ihrem Auftrag?"

Rein."

G'wiß net!

Mein Wort darauf! Aber ich habe Sorge Sorge um euch beide!"

3m Taumelflug fielen lautlos vom Frost ge­knickte Blätter, deckten als rostrote Schicht den Boden, und von den Dirken, deren helle Stämme im Sonnenlicht aus leuchteten, riefelte ein gol­dener Regen herab. Ganz leise legte ich den Arm um die Schulter meines Freundes:

Vinzenz! Willst du nicht zu mir wenigstens Vertrauen haben!?"

3n feinen Zügen zuckte unb arbeitete es, nach Sekunden, dann begann er zu sprechen, ohne mich anzusehen, so als rede er mit sich selbst:

Drei Wochen is her, da bin i mitten in der Rächt aufg'wacht von an G'räusch, g'rab so, wie wenn a Fenster scheppern tät. Hoi! Denk' i, hat's Stubenmadel den Wirbel net fest genug eint dreht? Aber in mei'm Schlafzimmer war's net. Wirds also wohl bei der Sopherl g'wefen sein. 3 geh' rüber, d' Tür war nur ang'lehnt, schau' nach und da steht des oane Fenster sperr­angelweit offen, . . . 's Bett is teer . . . Erst hab' i mir nix dabei denkt, aber bann fällt mir'8 auf, ba fehlt ja auchs G'wand, b' Stieseln. Stichdunkle Rächt iss g'wesen, net d' Hand hat ma vor den Augen seh'n könn'n. Und i wart', oa Stund', zwoa Stund, bis 's eins schlagt droben aufm Turm."

Mein Freund warf den Rest seiner erst halb aufgeräumten Zigarette weg unb lehnte sich mit seinem Rücken gegen den Stamm einer Schwarz­erle:

Dann hör i Schritt' draußen auf'm Kies, seh' wie sich an Schallen loslöst vom G'büsch, unb an Atemzug drauf schwingt sich an Mensch aufs Fenstersims, lautlos wie an Raubtier. Sopherl!" schrei i, und s e...3efus Maria!"

Ganz dumm unb wirr bin i bag'ftanben:

Sopherl, ja sag' nur g'rab, wo kommst d' denn 5 er. jejt in nachtschlafender Zeit?" Aber ba lacht s auch schon:

»Vinzenz, unb hab' i mi erschrocken! Rit schlafen könnt' L bin a bisserl spazieren ge­gangen ..."

Das große Grauen.

Vornan von H. A. von Byern. Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister. Werdau.

Unb bie Stunden schlichen. ... Anfangs trug ich allein die Kosten der Untergattung, aber bann, als ich merkte, daß mein Freund kaum hin- hörte, schlug ich eine andere Taktik ein. Der Vin­zenz von Andrian war aber krank, körperlich herunter und seelisch übermüdet, verärgert. Da hieß cs vorsichtig fein, die Worte wägen. Gleich nach dem Rachtmahl ging ich auf mein Zimmer, schützte Müdigkeit vor und klingelte dem Ander!, er sollte mich wecken, sobald mein Freund am anderen Morgen aufstand.

Herr Daron befehlen?

Einen Augenblick lang schwankte ich.

Sagen Sie mal, ist der gnädige Herr schon lange so ... verstimmt?"

Mei, wie ma's nehmen will. Hat halt fet ©jrett mit Wildbretschütz'n und gönnt sich koa Ruh net, bleibt halbete Rächt lang un 'Kemer is früh auf, rennt allweil hinterm Dauernschreck" her, so a Leben reißt den Stärksten umi. ,.,*« ..

Der Dauernschreck, richt.g," tch drehte bie Zigarette zwischen den Fingern hin und her;hat denn jemand die Bestie schon mal gesehen?

Ret daß i wüstf, d' einen sagen, es fet an Wolf, b* anbem meinen, 's funnt a großer Hund fein, no ja, toern schon oamal verwischen. ...

Da war also auch nichts zu erfahren, ich gab bie Fragerei auf unb legte mich hin. 2Iber der Schlaf wollte nicht kommen. Draußen raufdjte der Rachtwind, irgendwo zirp.e ein Ärmchen, und ans der Dachtraufe rann es in ermüdendem Tonfall klick klick klack; klick ksick Lad.

An Arzt? Rein. ..."

Hm. ... Und wann hat bie Geschichte an­gefangen? 3ch meine, hier liegt noch mehr vor als nur eine seelische Verstimmung .... hatte brr Vin-enz schon früher ähnliche ... Zustände?"

Sie sah an mir vorbei, schüttelte langsam das Köpfchen und halte die Hände gefaltet:

Allweil is er lieb und gut gewesen, auch jetzt noch, nur.

Run?"

Schaug'ns, Terosal is nichts für ihn, ba spinnt er sich «in in seine Träumereien, sieht Gespenster am hellichten Tag. ..."

Den Hubertus <5ilt>efter?"

Ein Achselzucken,

Er glaubt holt an bie alten G'fchichten, redet sich den Unsinn ein, das Bild hab' ich weg- g'nommen damals, aber es nutzt nix unb ... unb ..ihre Stimme sank zu einem Flüstern herab,ich kann's ja verstehen. ... Oft. wann ich allein bin unb b'r Vinzenz ist brausten, bann hab' ich bas G'sühl, als sei ba ein Schatten neben mir, was es is, i weist es nit, aber schreien möchf i vor lauter Bangigkeit, mich weh­ren. ..." Sie schwieg, unb nun war nichts zu hören als das Summen eines Brummers, der an der Fensterscheibe auf unb ab summte.

Gnädige Frau, das sind Einbildungen! Da gibt es nur ein Radikalmittel, Sie müssen ver­reisen, je weiter weg, desto besser, wenn möglich heule noch!"

Heute?!"

3a! Mit dem Vinzenz red' ich bann schon, ber hält es keine zwei Tage ohne Sie aus. fährr 3hnen auf bem kürzesten Wege nach. ... Wol­len Sie?!"

3 kann nit!

Warum?!"

Well . . . well ... Eie meinen s gewiß herzensgut, aber ba ist so vieles . .

Was benn?!

Ach nix." Unb dann sprach sie hastig, ab­gerissen:3 laß mein Mann nit allein . . . Er würd' das auch gar nit begreifen . . . es sah' aus wie eine Flucht . . . und die Leut'."

Um das Getratsch der Leute brauchen Sie sich nicht zu kümmern, unb der Vinzenz wirb vielleicht ein bissel brummen, aber dafür bin ich ja jetzt ba, das lassen Sie also nur meine Sorge sein!"

Es geht nit . .

Am liebsten hätte ich mit der Faust auf den Tisch gehauen unb Frau Sophy unter Hintan­setzung aller einer Same schuldigen Höflichkeit Vernunft gepredigt. Doch bann sah ich .das blasse, tobtraurige Gesichte!, die von Tränen halb verschleierten Augen- unb schwieg. Ge­fühlsduselei unb Phantastereien gingen mir gegen den Strich, waren Dinge, für die ich beim besten Willen kein Verständnis aufbringen konnte. Ra» türlich, ba hockte ber Vinzenz, der ohnehin alles